Indiana Tribüne, Volume 22, Number 158, Indianapolis, Marion County, 26 February 1899 — Page 7
Suade oder Tod? Von Albert Roderich.
Wii waren bei Professor Link zum Mittagessen. Acht .Damen und neun , Herren. Es ist eine Ehre und ein Ver1 Tnügen. bei Professor Link zu speisen; das (Zffen ist immer gut, und mt Unterhaltung riech besser. Diesmal war es besonders interessant, denn nach langer Zeit war Dr. Günther wieder Unter den Gästen. D geistreiche GeTchrte war vor einigen Tagen von einer größerenForschungsreise zurückgekehrt. Dr. Günther war ein Junggeselle in 'der Mitte der Vierziger. Auf die Frage, warum er nicht Heirathe, hatte er einmal einem Freunde geantwortet: Ich Heirathe nicht, weil ich zu viel von den Frauen Halle und zu wenig." Bei dem Mittagessen.. von dem 'hier die Rede ist, war die Unterhaltung eigentlich noch wenig allgemein gewesen. Neder hatte sich vorwiegend mit seinem nächsten Nachbarn unterhalten. Jetzt waren wir beim Nachtisch angelangt, und die Dame des Hauses, Frau Pro- . fessor Lint. rief dem ihr gegenüber sitzenden 2fr. Günther zu: Lieber Doctor, haben Sie uns denn diesmal zar keine interessanten Geschichten mitgebracht?" Der Gelehrte sann einen Augenblick nach und sagte dann: Ja, gnädige Frau, eine interessante Geschichte habe ich mitgebracht, rmd ich will sie Ihnen erzählen. Vielleicht tragt sie auch dazu bei, meine verehrte Tischnachbarin zu überzeugeu, daß in dem Streite, den wir soeben auszufechim Versucht haben, das Unrecht nicht so ganz allein auf meiner Seite gewesen ist.4" .Ach, bitte Herr Doctor, erzählen 'Sie.?Jede Unterhaltung verstummte, und Zvir blickten Alle gespannt aus den Gelehrten. Er begann: Im Interesse einer größeren geschichtlichen Arbeit habe ich Dor einem Monat die alten Archive der berühmten Bibliothek einer süddeutschen Stadt durchstöbert. Es ist mir da ein altes, vergilbtes Chrvnikenblatt in die Hände gefallen, dessen Inhalt ich Ihnen in Folgendem möglichst wortgetreu wiedergebe: ! .Es herrschte hier bis -noch vor wemgen Jahren eine schöne und stolze Königin. Ein kriegerischer, wilder rmd grausamer Nachbarstamm aber war in ihr Land gefallen, brandschatzte und mordete, und war ffast schon bis ' zum Sitze der Königin vorgedrungen. Die Noth war groß, und das ganze Land schien dem Verderben pxeisgegeben. Da erstand plötzlich ein Held uud Netter. Ein junger Feldherr aus .edelstem Geschlechte sammelte die Reste des Heeres um sich, begeisterte seine Krieger durch den eigenen Heldenmuth -und schlug die Feinde aus dem Lande An einer letzten blutigen Schlacht derrichtete er die Macht der Barbaren in ihren eigenen Gauen. Dann kehrte oer Held zurück zu seinem Volke, das seinen Netter mit lautem Jubel empfing. Heute sollte ec mit seinen Heerführern in die Königsburg einziehen: Da saß köstlich geschmückt die Königin, umgeben von ihren Frauen und ihren Räthen, und das Volk füllte die weite Halle. Und als er -jetzt .eintrat, der jugendlich schöne Held in goldener Rüstung, gefolgt von seinen Kriegern, da brauste ihm wieder gewaltiger Jubel entgegen. Die Königin über erhob sich und gebot Ruhe. Und dunkle Röthe überzog ihr schönes Antlitz, als sie begann: Mein Held.. Du bist klug, muthig und stark: Du hast mich errettet und rnein Land, einen Lohn nur weiß ich für Dich: Du sollst mein Gemahl sein und König rneines Landes!" Da ging es wie ein einziger Freudenruf durch die Menge. Der junge Sieger aber entLegnete: Habe Dank, o Königin, und sei mir gnädig! Ich kann nicht thun, wasDu gebietest, denn mein Herz und mein Treuschwur gehört einem anderen Weibe ! Dc rief in das starre Staunen der Hörer einer der Räthe: .Er hat die Königin verschmäht, er muß sterben!und mit gezückten Schwertern drangen die Höflinge auf den FeldHerrn ein. Aber seine Krieger umringten ihn und einer rief: .Er hat das Land errettet, und zum Lohn soll er sterben? Nimmermehr! Und das Volk rief: Er soll nicht sterben! Da wandte sich der Hofmann zum Volke: .Ein Narr, der diese Königin verschmäht und eine Krone um eines geringen Weibes willen. Wer so klein denkt, ist der Großes werth? Er hat unsere Königin tödtlich beleidigt, der Narr muß sterben!Der Narr muß sterben!- rief das Volk. .Für seine Treue? Dann sterben wir mit ihm!- riefen die Kriegsgenossen des Siegers und zogen die Schwerier. Der Kampf schien unvermeidlich. Da schrie ein grauhaariger Mann der neben dem Throne stand, ein donnerndes Halt in den Tumult: Haltet ein. Ihr Unseligen, und hört mÄ'an! Vohl hat der Mann, der die Kosigin verschmäht, den Tod verdient. Aber die Königin kann ihn begnadigen, wenn sie will!Da senkten fich die Schwerter und Alles blickte auf die Königin. Die war, als sie die Absage des Helden vernommen wie tödtlich erschrocken zurückgzsunken. Jetzt aber richtete sie sich hoch empor. Das schöne, stolze Angesicht war todtenbleich und kalt und starr wie aus Stein gehauen, als sie zu reden begann: 2ch will nicht Richter sein in meinem eigenen Streit. Meine Frauen sollen entscheiden. Sie können wohl ermessen, was ich denke und fühle in diesem Augenblicke, und sie sollen sagen 'pai thaten an meiner Stelle. Jede
Einzelne soll entscheiden, im geheimen und frei: Gnade oder Tod. Und wie die Mehrzahl der Frauen richtet, so soll es geschehen!Und die Königin zog sich mit ihren Frauen und Räthen in das Innere des Palastes zurück, und jede der Frauen erhielt eine schwarze und eine weiße Kugel für ihren Richterspruch. Die schwarze Kugel sollte Tod bedeuten, und die weiße Kugel Gnade, und jede der Frauen warf geheim und ungesehen eine ihrer beiden Kugeln in eine goldene Urne. Und damit schritt die Königin wieder in die Halle, um das Urtheil zu verkünden. In athemloser Spannung lauschte das Volk, und die Königin begann mit stolzer Würde: Das Urtheil ist gesprochen. Es lautet . . . .- Hier hielt Dr. Günther' plötzlich inne. f .Nun, wie lautet das Urtheil?- rief eine Dame begierig. Dr. Günther lächelte. .Verzeihen Sie, wenn ich Sie darüber noch einen Augenblick im Unklaren lasse. Man könnte jetzt ein sehr interessantes psychologisches Experiment machen. Man könnte vielleicht ein ganz klein wenig beitragen zur Lösung der alten Frage: sind die Menschen zu allen Zeiten einander gleich gewesen? Ich bitte Sie, meine Damen, stimmen Sie auch einmal ab, geheim natürlich und ungesehen, wie hätten Sie geurtheilt an Stelle der Königin über den rettenden Helden, der, seiner Liebe und seinem Worte getreu, die Königin verschmäht? Was hat er verdient? Gnade oder Tod? Ich möchte doch gar zu gern wissen, ob Sie ebenso urtheilen wie die Frauen Qus jener längst vergangenen Zeit." Nach dieser Rede des Philosophen machte sich eine gewisse Verlegenheit unter den Damen unserer Gesellschaft bemerkbar. .Aber wie denken Sie sich diese diese Abstimmung?" fragte endlich etwas zögernd Frau Professor Link. .Genau wie die Abstimmung bei den Damen meiner alten Chronik. Das ist sehr einfach. Auf dem Teller dort liegen Semmelschnitten und Pumpernickel. Nun, meine Damen, rollen sie mit Ihren hochverehrten zarten Fingern aus den Semmelschnitten weiße Kugeln und aus dem Pumpernickel schwarze Kugeln. Da auf dein Schranke sehe ich eine kleine Vase. Sie werfen.' den Rücken uns zugekehrt, eine.Kugel binein und verspeisen die andere. Richten Sie frei und ohne Zagen und Rückhalt; es wird ja nie ein sterblicher Mensch wissen können, wer von Ihnen, meine Damen, die weißen, und wer die schwarzen Kugeln gewählt hat. Ich bitte Sie, rollen Sie die Kugeln! Und nach einigen Einwendungen der Damen, die wir Herren aber schnell niederschlugen, geschah es genau nach den Angaben des Dr. Günther. Nachdem jede der Damen eine Kugel in die 'Vase gelegt hatte, nahm der Philosoph sie mit sich in's Nebenzimmer. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück. Er lächelte triumphirend. .Es ist, wie ich mir gedacht habe,sagte er. .Absolut ganz genau derselbe Urtheilsspruch wie in meiner Chronik. Lauter gleiche Kugeln. Das Urtheil lautet einstimmig " .Halt!" rief jetzt hastig Frau Proseor Link dazwischen. .Wenn die Kugeln gleich sind, so würde ja Jeder wissen, wie wir alle gestimmt haben. Dagegen Protestire ich. Haben wir alle den Verschmäher der Königin benadigt, so wird man sagen, wir hielten nicht auf unsere Frauenwürde, und haben wir den Helden zum Tode verurtheilt, so wird man uns grausam nennen. Geben Sie mir die Vase mit den Kugeln, bitte Herr Doctor!Lächelnd übergab Dr. Günther die Vase der Dame des Hauses, und sie schüttete den Inhalt in den Kamin. .Und nun, Herr Doctor, bitte ich um Ihr Ehrenwort, daß Sie unsern Urtheilsspruch nicht verrathen.Jch gebe mein Ehrenwort, gnädige Frau." Auf dem Wege nach Hause sagte ich zu Dr. Günther. .Schade, daß Sie Ihr Ehrenwort gegeben haben. ich hätte zu gern gewußt, wie das Urtheil gelautet hat." .Das können Sie ja doch erfahren." .Wie denn?" .Veranstalten Sie doch auch eine Abstimmung !-
IHuprnl Bon Madame Alphonse Daudet. In früher Kindheit horte ich gar viel von Ruhm sprechen. Es war in einem großen, warmen, sehr warmen Zimmer, einem Krankenzimmer. Hier lebte der Erzähler, ein schöner Greis von hoher Gestalt, mit schneeweißem Haar unbeweglich an seinen Lehnstuhl geses--selt, von Teppichen und Polstern umgeben und dazu verurtheilt, niemals mehr die frische, freie Luft von draußen zu athmen, niemals mehr einen Schritt ohne Stütze zu thun. Er entschädigte sich dafür durch Erzählung seiner Soldatenerlcbnisse. So klein ich war. machten die Monotonie dieser ruhigen Stimme, dieser sich immer wiederholenden Abenteuer und die Traurigkeit der Umgebung doch tiefen Eindruck auf mich. Ein balkendurchzogen Plafond denn es. war ein altes Gebäude gewölbte. Korridore, in denen der Lärm langsam, unaufhörlich die Treppen auf- und niedersteigenden Schritte dumpf wiederhallte; hinter den hohen Fenstern mit den grünen Scheiben breite, gepflasterte Höfe, auf denen überall, außer auf den von einem Thor zum anderen führenden Wegen, das Gras hervorsproßte... Während ich, die Stirn an die Scheiben gedrückt, mich damit zu unterhalb
ien suchte, einen mit Äroten und Schüsseln beladenen Alten zu beobach ten und über einem, gegen andere ebenso stille Höfe sich öffnenden Portale die Worte Cour du Nord" zu buchstabi ren, vernahm ich hinter mir im Zimmer einen langen Schlachtenbericht. Schnee, viel Schnee, erstarrte Grenadiere. todte Pferde, Schlitten. Flöbe, ein gefrorener Fluß, eine einstürzende Brücke ... Das ist alles, was mein kindliches Gedächtniß von dem Rückzug aus Rußland bewahrt hat, und dieses wenige ist mir unzertrennlich von dem Stadtthor, das so traurig und so kalt zu durchschreiten im rauhen Wind, unter dem schwarzen und tiefen Himmel der Pariser Sonntage ... Wie lange Stunden habe ich, auf meinem niedrigen Schemel kauernd, damit zugebracht, den Berichten des alten Onkels zu lauschen! Wie die Kinder in ihrem kleinen, phantastischen Gehirn sich von Allem und Jedem ein Bild zu machen pflegen, erschien mir diese ganze glorreiche Epoche zuweilen wie ein großes Schlachtfeld, auf dem alle Könige der Welt in ihren Purpurmänteln umherwandelten. Und in dem bescheidenen Rahmut dieses Krankenzimmers defilirte die ganze rühmvolle Herrlichi'.tt des ersten Kaiserreiches, von den Krönungsfeierlichkeiten mit ihren goldenen Karossen, ihren Fahnen und der Pracht der Kostüme, bis zu dem Abschied in Fontainebleau, dem Uebergang über den St. Bernhard mit den wehenden Mänteln und, den stürmenden Pferden; die Apotheose der Schlachtfelder und die todten Helden, die, brüderlich verschlungen, von ferne, in eine Wolke von Pulver und Dampf gehüllt, die Entwickelung des blutigen Durcheinander beobachteten. Natürlich fehlten auch die Marschälle nicht, alle, alle waren sie da! Welcher Reichthum an Federn, Stickereien und Titeln! Und Jeder hatte wenigstens zwei Namen: Berthier, Fürst von Wagram! Ney, Herzog von Elchingen! Das Haupt stolz erhoben, mit befehlgewohntem Munde umstanden sie den Lehnstuhl ihres alten Soldaten; und alle diese halb in Staub zerfallene Größe gedämpft durch die Atmosphäre des mit Andenken angefüllten Raumes, durch die bescheidene Behaglichkeit eines aus Ehrenkreuzen und Jahrespension gewobenen Daseins. Durch Glasstürze geschützte Vasen, schöne Trauben aus schwarzen, durchsichtigen und gebrechlichen 'Glasperlen, gemalte Blumen, verblaßte, abgenutzte Stickereien, das mühevolle Werk alter, zitternder, mit Netzhandschuhen bekleideter FrauenHände, welche ihr Leben bis in die letzten Stunde mit dem Zählen der Faden ausgefüllt hatten. Jeder kleinste Gegenstand war hier ein Andenken aus fernen Ländern, längstvergangenen Zeiten: Rosenkränze in Rom von einem besiegten Papst geweiht, aus Spa nien stammende Reliquien. Und war ich müde von all' dem Schlachtengetümmel, all' den Marschällen. dann unterhielt ich mich mit der Betrachtung eines alten, sehr großen Ofenschirms aus gemaltem PaPier, welcher die Nische einer vermauerten Thür verdeckte. Das Bild war naiv wie die Farben: an eine mit Weinlaub umsponnene, sonnenbeschienene Mauer gelehnt, sitzt bettelnd ein armer, gebrechlicher Greis. Vor ihm liegt die Landstraße, und hinter ihm unter einer großen Ulme, der die Schnittlinien des Papiers einige Zweige geraubt, erscheint ein junger Mann, der am Ende seines Stockes ein Bündel trägt. Er bleibt stehen, sucht in seinen Taschen und betrachtet erstaunt den armen Alten. Gar oft habe ich mir die Bedeutung des Bildes erklären lassen. Es stellte die Heimkehr des Soldaten dar. Nach beendeter Dienstzeit kehrt er zurück. Doch seine Hütte ist verkauft, seine Mutter todt, und in der vertrauten Sonne seiner Heimath findet er seinen altenVater hülflos, blind, auf den Straßen bettelnd. Diese einfache Geschichte hat mich stets tief gerührt, in ihr lag, wenn ich es jetzt bedenke, die ganze Moral dieser langen Berichte, die mich so oft in Halbschlaf gewiegt. Ja, das ist der Ruhm, aus der Nähe betrachtet! Wenn wir Sonntags auf dem Weg zum alten Onkel diese Prachtvollen Brücken mit den Namen der großen Siege überschritten, auf denen die aus Erz gegossenen Pferde wie in der Schlacht sich bäumen, die große, am Eingang von Kanonen bewachte Esplanade betraten, den Dom mit der goldenen Kuppel und vor dem HauptPortal das Reiterbild Ludwigs deS Großen sahen, erschien der Ruhm mir als etwas Blendendes, Herrliches, Gigantisches. In der Stille des alten Zimmers aber schmolz er zu einer Legende zusammen. wie die alten Leute sie in ihrer Erinnerung bewahren: zu einer Reihenfolge monotoner Berichte, melancholisch und traurig wie die .Heimkehr des Soldaten!-
lixofdjcnc Zarvcn. Von Max Craö. Sie hat die große Malscyürze umgebunden und pinselt n raschen, breiten Strichen eifrig darauf los. In dem etwas öden Raum riecht es betäubtNd nach Oelfarben und Terpentin; von dem beschneiten Garten fällt ein hartes, grelles Licht herein. Es läßt den duntelblondcn Müdchenkopf fast hell er scheinen und keines der feinen Fältchen um Augen und Mund des klassisch ge schnittenen zarten Gesichtes verborgen bleiben. Sie ist nicht mehr sehr jung, minbc stens Ende der Zwanzig. Ueber Mit telgröße, schlank gebaut, fast mager. Der blasse Mund mit den schmalen Lippen und die edel geformten Nasenflügel sind meist in leise zitternder Er regung und geben dem Gesicht mit den dunkel umrahmten, großen Augen etwas Leidenschaftliches. Die langen.
schmalen Hände haben rasche, nervöse Bewegungen, und die Palette schwankt zwischen den Fingern. Sie tritt em wenig von dem großen, gebeizten Schrank zurück, auf welchen sie den Riesenstrauß leuchtend rother Klatschrosen malt, dann wischt sie mit einem Lappen rasch und energisch einige überflüssige, grundirte Aehren und Gräser wieder weg. Aus dem Garten tönt von Zeit zu Zeit ein überlautes Müdchenlachen und dazwischen eine halb lustig, halb grol .lend klingende Männerstimme. Tann horcht die Malende aus, und in das blasse Gesicht steigt ein matteS Roth, das die Züge verjüngt. Die Sonne durchdringt die grauwcißen Schneewolken und den leichten Ne bel, der über dem großen Gartencomplex hängt. Einige bleiche Strahlen irren wie sehnsüchtig durch daS Zin.'mer und mischen sich mit der rothen Gluth, die vom eisernen Ofen auf den Fußboden strahlt, um dann flirrend über die großen, feuchten Mohnblumen hinzuzittern. Wieder tönt Lachen und Rufen und das Anklatschen von Schneebällen an dir Holzverschalung des Hauses von unten herauf. Wie die Blumen vor ihr ausleuchten! Einen Augenblick setzt sich das blonde Mädchen auf einen Schemel dem Schrank gegenüber und träumt abgespannt vor sich hin. Der viele rothe Mohn! Gerade wie damals Mit Kurt war sie von Tante Hann chcn zur Oberförsterin geschickt worden, und sie hatten fast drei Stunden zu dem einstündigen Weg gebraucht. Bald tollten sie quer über die Wiesen, jagten sich aus schmalen Pfaden durch das hochstehende, gelbe Korn und endlich in den wilden Acker, der weit über den Ab hang hinunter von rothem Mohn 6e wachsen war. Wie Blut floß es den Hügel hinab! Erst hatten sie zwecklos große Sträuße von den Blumen gepflückt und endlich in überschäumendem Jugendübermuth aufgerissen, was ihnen vor die Füße oder zwischen die Finger kam. Dann wurde die ganze Herr lichkeit unter die'Buchen zu den Brom bcerbüschen am Waldrand geschleppt und die Hecke mit den rothen Blumen besteckt. An einer Ecke bildete sie eine Art Laube, wie von einem Dach über wuchert, worin kleine Vögel zirpten. Er brachte Moos herbei, und sie krochen wie Kinder hinein in den dämmrig grünen Raum, schmückten und warfen sich mit den Blüthen und duckten sich plötzlich lautlos, eng aneinanderge schmiegt, als an ihrer lauschigen Behausung eine Dürrholz sammelnde Frau achtlos vorüberging. Da hatte sie ans einmal seinen hei ßen Athem gefühlt und das wilde Schlagen seines Herzens. Ein versuchte Scherzwort erstarb ihr auf den Lippen, nur die langstieligen Mohnbüschel schlug sie ihm leicht um den braunen Lockcnkopf. Er aber nahm die Blumen und schüttelte diese über sie, daß es ihr den Athem benahm und sie sich nach rückwärts überlehnte. Viele, viele Male küßte er dann ihren in aus brechendem Weinen zuckenden Mund, nannte sie seine kleine Braut und preßte den bebenden Mädchcnlcib fest und zärtlich an sich. Sie streiften später niemals mehr so stundenlang allein herum, obwohl sie das von Kindheit an gethan hattm, aber sie war seine Braut! Seinem Onkel, der auch ein weitläu figer Berwandtcr von ihr war und sie nach ihrer doppelten Verwaisung ganz zu sich genommen hatte, war es so weit recht. .Ihr müßt eben warten!" Und so warteten sie denn! Damals war sie neunzehn und er kaum zwanzig gewesen. Und nun warten sie noch immer nach langen zehn Jahren. Erst hatte Kurt Jura studirt, später war er seiner größeren Neigung zufolge und in der Hoffnung auf früheren Er werd zur Medicin übergegangen. Aufs Land oder in ein kleines Nest will er nicht, und nun harren sie in der gro ßen Stadt der Praxis. Eher können sie nicht heirathen. Dem jeht verwittweten Onkel ist es so gerade recht; er kann sich noch immer nicht an das Stadt leben gewöhnen und fürchtet doppelt die Vereinsamung. In ihrer- freien Zeit ertheilt sie Malunterricht, und auch ihre eigenen Arbeiten finden Ver Wendung und Abnehmer. Auf der Sparkasse liegt schon ein ganz nettes Sümmchen für die Ausstattung. Und nun fängt sie an, halblaut zu rechnen und zu überlegen. Sehr gut bekommt ihr ja da? übereifrige Arbei ten gerade nicht; es erleichtert und ver kürzt aber die lange Wartezeit! In rascher Folge wechselt das feine Gesicht mit den weit offenen, träumenden Auaen den Ausdruck. .Kurt!- Sehnend leiden schaftlich w!e gehaucht kommt sein Name über ihre Lippen. Wie sie ihn liebt! Sie starrt wieder auf den rothen Mohn und die mit den leuchtenden Blumen besteckte Hecke steigt ausö neue vor ihren Augen auf.. .. Wild, ist er aber doch so gut und treu! Zuerst war er ihr etwas bedrückt er schienen über da? lange Hinwarte.l auf Patienten und er hatte so gar keine Lust, seine viele freie Zeit nützlich an zuwenden. Tann aber kam ihre Eou sine Stclla! Wie ein Wirbelwind fuhr sie durchs Haus, alles in ihrer frohen Laune mit sich reißend. Ein zu lusti ger Schalt! Sechs Wochcn ist der schwarze Brausekopf nun als Gast im Hause und bringt Leben in jede Ecke. Kurt ist wieder ganz der Alte, neineigentlich noch lebhafter unruhiger gegen früher! Wie das reizende 0k schöpf es versteht, alles Lebensfroh? aus den Menschen hervorzulocken. Da wieder das helle kecke Lachen. Schwarz huscht eS drunten durch den verschneiten Garten, in raschestem Lauf jagt Stella über die schneebedeckten Bosquets, mit kühnen Sätzen Kurt hinterher. Sie hört die Beiden di? Treppe herauf hasten und die alten, ausgetretenen Stufen ächzen und knar ren. Eine Art kindischen Uebermuths überkommt sie. Nein sie sollen sie
mcyl gleich Tiniien: img birgt ne pH hinter dem langen Vorhang, der von dem Eckbrctt herunterhängt. Nun sind sie an der Thüre. Stella kreischt auf. Gewiß hat er sie jetzt erhascht! Einen Augenblick sind beide ganz still, wie verblüfft über die Verlassenheit des Raumes. .Um Gottes willen Kurt laß mich! Bist Tu denn ganz toll?- , .Stella!- beuchend bringt er den Namen hervor. .Still doch! Man könnte uns hören, Kurt ich komme ja heute Abend! Wenn jemnw) was merkte ! Warte doch - .Immer warten, warten! Wie ich eS satt habe! Einmal müssen sie'S ja doch erfahren! O Stella!Sie ringen förmlich; hörbar geht beider Athem. Endlich ein Laut, als stieße ein Körper gegen den großen Schrank wie ein Zittern, ein schau rig süßeS Beben geht es durch den Raum, in dem tiefe Stille herrscht. Tann scheint Stella sich loszureißen, eilige Schritte die Thür fällt hart inS Schloß. TaS Feuer im eisernen Ofen ist er loschen eine dumpfige, feucht'kalte Luft kriecht in alle Winkel. Langsam theilt sich der Vorhang ein gcisterblciches Gesicht schiebt sich da rauö hervor. T:e weißen Hände strei chcn über die feuchten Schläfen, wie eine Nachtwandlerin tritt das Mädchen mechanisch vor den gemalten Schrank. Tie leuchtenden Blumen sind fort ein häßliches EhaoS ineinander gemen( ter Farben liegt breit und schmutzig auf der braunen Fläche. Ausgewischt! Schwer und mühsam, als würden sie gewaltsam und unter physischen Schmerzen von einander getrennt, theilen sich die blassen Lippen: .Ausgewischt!-
Der älteste historische Baum. Interessante Mittheilungen über den ältesten historischen Baum der Welt fanden sich in T. W. Rbys Tavid's Wort Ter Buddhismus." Von dem heiligen VoBaume, dem Baume der Weisheit unter welchem Buddha in der Nähe von Bodh-Gaya. bei Raygir. an den Ufern des Nairanjara erleuchtet worden war, d. h. die Buddhaschaft erlangt hatte, brachte Sanghamitta die Tochter des buddhistischen Königs Asoka, einen Zweig mit nach Eeylon. Tiefer Zweig wurde zu Anuradhapura auf Eeylon im Jahre 245 vor Christi Geburt eingepflanzt und grünt daselbst noch heute fort! Sir Emerson Ten ncnt sagt von ihm: Ter Bo-Baum von Anuradhapura ist, aller Wahr scheinlichkeit nach, der ält:ste historische Baum in der Welt. Er wurde im Jahre 245 vor Ehristi Geburt gerflanzt und ist jetzt 2N3 Jahre alt. Ein Lebcnsaltcr von tausend bis viertausend Jahren ist den Assenbrotbäumcn des Senegal, den Eukaluptusbäumen von Tasinanicn. dem Trachcnblutbaume von Orotawa, dem Wellingtonia-Bau me von California und dem Kastanie.' bäume des Aetna zugeschrieben worden. Aber alle diese Schätzungen beruhen auf Muthmaßungen und derartige Bercchnungen, mögen sie auch noch so geistreich sein, müssen eben künstliche Schluolgerungcn bleiben. Hingegen ist das.' des Bo-Vaumcs ein Gegenstand geschichtlicher Aufzeichnung gewesen. Seiner Erhaltung haben eine Reihe von Tynastien. die aufeinander gefolgt sind, die höchste Sorgfalt ailgedeihen lassen, und die Geschichte der Wandlungen, die sich an ihm vollzogen haben, sind in einer Reihe zusammen hängender Chroniken aufbewahrt worden. die zu den zuverlässigsten zählen, welche von der Menschheit überliefert worden sind. Mit diesem Baume ver glichen ist die Eiche von Ellerslie nur ein Schößling und die Eroberer-Eiche im Walde von Windsor zählt kaum die Hälfte seiner Jahre. Man glaubt, daß die Taxusbäume von FountainS Abbay schon vor 1200 Jahren an diesem Orte geblüht haben, die Oelbäume im Garten von Gethsemane waren ausge wachsen, als die Sarazenen aus Jeru salem vertrieben wurden, und die Ci? presse von Sorna in der Lonrbardci soll schon zur Zeit Julius Cäsars ge standen haben. Aber der Bo-Baum ist um ein Jahrhundert älter, als der älteste dieser Bäume. Es ist. als ob er die Prophezeiung verwirklichen woll te, die ausgesprochen wurde, als man ihn pflanzte, daß er blühen und grünen möge für immerdar.- Tiefen Wor ten Sir Emerson Tennents fügt Pro fessor Rhys Davids hinzu: Ter Baum hätte kaum so lange erhalten bleiben können, wenn er nicht unter der unaus gesetzten Pflege der Mönche gewesen wäre. Als sich Anzeichen bemerkbar machten, die darauf hindeuteten, daß er absterben wolle, wurden rund um ihn her Terrassen ausgeführt, so daß er jej)t mehr als 20 Fuß höher steht, als der Boden, der ihn umgiebt. Ta der Baum zu den Feigenarten gehört (sein botanischer Name ist Ficua religiosa), konnten seine lebenden Zweige nunmehr frische Wurzeln schlagen. Wo sich seine langen Arme über die Einfriedigung hinaus ausgebreitet haben, wurden rauhe eiserne oder aufgemauttte Pfeiler benutzt, um sie zu stützen. In den trockenen Jahreszeiten wird er sorgsäl tig mit Wasser versehen. Tas ganze Aussehen des Baumes Mid seiner Ein fricdigung weist sichtlich Zeichen eines sehr hohen Alters auf. Aber dennoch könnten wir nicht über seine Identität sicher sein, wenn wir nicht die lückenlose Reihedokumentarischer Beweise besäßen, die Sir Elnerson Tennent so vortreff lich zusammengebracht bat." Reingefallen. Pelkins: W war denn der zweifelhaft ausse"hende Mensch, mit dem ich Dich gestern gehen sah?" Pilfer: Nimm Dich in Acht. Pelkins, das war mein Zwil-lingsbruder.-Pelkins: Ah! Entschuldige, alter Freund; das hätt' ich mir aber auch denken können."
Sein College.
Humoreske von B. Coronv. Obschon T . . . nur ein kleiner Ort war, verfügte er doch über zwei Musik.kapellen, deren Dirigenten ich, da sie noch unter den Lebenden wandeln, einsach Müller und Schulze nennen will. Müller, ein alter Herr von sehr streitsüchtigem Temperament, konnte seinen jüngeren Eollegen nicht leiden und e? läßt sich keineswegs behaupten, dah Schulze ihm gegenüber andere Gefühle gehegt hätte. Aber Müller besaß ein allerliebstes Töchterchen, und um ihre? blauen Augen willen wäre Schulze gern zu Waffenstillstand oder auch zu ewigem Friedensschluß bereit gewesen. Allein, davon wollte sein Gegner nichts wissen. Schon lange trachtete er danach, während der Anwesenheit des kunstsinnigen Fürsten, der alljährlich auf sechs Wochen in T . . . weilte, zu den kleinen musikalischen Abenden im Schlosse befohlen zu werden, doch die ser heißersehnten Auszeichnung hatte sich immer der jüngere Musiker zu erfreuen und das war gewiß Grund genug. ihn tödtlich zu hassen. . . Wieder trafen Durchlaucht auf dem bekränzten Bahnhof ein. Der Bürgermeister und die übrigen Honoratioren machten, schwarz befrackt und weiß behandschuht, den üblichen Katzenbuckel. Unter den Jungfrauen hatte das Loos zu Gunsten Mariechen Müllers entschieden, welche dem Erhabenen einen schönen Strauß überreichte und dafür durch ein huldvolles Schmunzeln des allerhöchsten Antlitzes belohnt wurde. Als die Kleine mit vor Triumph gerötheten Wangen nach Hause kam, traf sie den Papa in entsetzlichster Stim-mung.-Er raste im Zimmer auf und ab, wie ein gefangener Leu in seinem Käfig. Was ist denn geschehen?" fragte Marie ihn bebend. Was soll geschehen sein? Es ist immer die alte Geschichte! Du brauchst Dich nicht zu wundern, wenn mich nächstens vor Aerger derSchlag rührt." O Gott, o Gott!" schluchzte das Mädchen. Der Schulze bringt mich unter die Erde. Was er nur kann, thut er mir zum Possen." Das ist nicht wahr. Papa! Ganz im Gegentheil bist Du derjenige " Was. Du vertheidigst ihn? Jetzt aber still, mäuschenstill! Ja, wenn man von seinem eigenen Kind verlassen wird, da hört die Weltgeschichte auf, da möchte man doch fchon gleich alles zermalmen, was einem in den Weg kommt." Ein paar unschuldige Filzschuhe, an welche der Fuß des Erregten stieß, flogen über die weißgescheuerte Diele und blieben, wie Schutz suchend, vor Mariechen liegen. Oh oh " brach diese neuerdings in Thränen aus. Und da willst Du noch seine Partei ergreifen?" Aber ich weiß ja von nichts - Ja so! Also übermorgen findet Soir6e im Schlosse statt und natürlich ist Schulze Leiter derselben, trotzdem mir der Herr Hofmarschall schon so halb versprochen hatte, mich in Borschlag zu bringen. Das ist nun wieder an den nichtswuroigen Intriguen meines Feindes gescheitert, von dem ich erfuhr, daß er zweimal nach S . . . reiste und bei Seiner Durchlaucht Audienz nahm, selbstverständlich zu dem Zweck, um mich zu verdrängen." O nein! Solcher Hinterlist ist er gar nicht fähig.Wenn Du nichts Besseres weißt, als ihm die Stange zu halten, so ersuche ich Dich höflichst, mich in Ruhe zu lassen." Vollständig zerknirscht schlich Mariechen hinaus und besorgte einige kleine Einkäufe für das Abendbrod. Bei dieser Gelegenheit trat ihr Schulze entgegen, der wohl schon lange vor einem in nächster Nähe derMllller'schen Wohnung befindlichen Schaufenster gewartet haben mochte, und rief freudestrahlend: Gute Nachrichten! Denke nur" Ein vernichtender Blick machte ihn verstummen. Nach dem elenden Streich,, der Papa gespielt wurde, ist alles zwischen uns zu Ende." Ehe sich der Erschrockene fassen konnte, war sie verschwunden. Am Tage nach der Soiree sprach man in Musikerkreisen allgemein von der symphonischen Dichtung eines unbekannten Componisten, welche ganz besonderen Erfolg gehabt habe und wollte wissen, diese solle noch einmal, und zwar in einem Conzert zu Gunsten der Abgebrannten in B. . . ., auf das Programm gesetzt werden. Da flog ein satanisches Lächeln über Müllers Antlitz. Er begab sich zu seinem Freunde, dem GalanteriewaarenHändler und Buchdrucker Wagner, weleher zugleich Verleger des einzigen in T . . . erscheinenden Vlättchens war und ein Auge auf die hübsche und gar nicht unbemittelte Marie geworfen hatte. Als die beiden Herren nach eifriger Unterredung schieden, empfahl sich Müller mit den Worten: Für mich unterliegt es keinemZweifel. daß dieses vermuthlich ganz werthlose Machwerk von Schulze herrührt, der seinen Namen nur deshalb verschweigt, weil ihm bekannt ist. daß meine Referate zuweilen in den Spalten Ihrer geschätzten Zeitung Aufnähme finden." betrachten Sie dieselbe stets als ein Organ Ihre? unparteiischen Urtheile", erwiderte Wagner verbindlich. - Das Wohlthätigkeitsernzert fand statt. Durchlaucht und die Elite der Badegäste waren zugegen und die symphonische Dichtung wurde wieder mit lautem Applaus belohnt. Nur Müller saß bitter und - verächtlich
lächelnd ?a' und sah sich, als die'Be . fallssalven ertönten, kopfschüttelnd um, als wolle er sagen: WaZ seid ihr doch, alle für Einfaltspinsel!" Tags darauf erschien eine Kritik die kein gutes Haar an dem Werke ließ. Der Verfasser dieser fulminanten Besprechung genoß eben der ganzen Wonne befriedigten Rachedurstes, als Wagner außer sich zu ihm in's Zimmer stürzte und athemlos rief: Um Gottes Willen, da haben wir eine schöne Dummheit begangen! DaS verwünschte Referat!" ..Wieso denn?" fragte Müller bestürzt. Vom Hofmarschallamt wurde eben, zu mir gesendet; Durchlaucht sind ent rüstet empört. Ich fürchte wir ha ben einen entsetzlichen faux pas gemacht, der Fürst componirt ja selbst und vermuthlich - Sie glauben doch nicht etwa ?" Daß Hochderselbe der Componist des geschmähten Musikstückes ist! Ja ja, ja. ich glaube eö!" Allmächtiger!" Wagner stürzte fort, das hübscheMariechen gar nicht beachtend, welches jetzt an ihm vorbei in's Zimmer flog, und rief: Papa, Du bist heuteNachmittag um. fünf Uhr in's Schloß befohlen." Dieser so lang und heiß ersehnteVefehl trieb Müller jetzt den Angstschweiß aus allen Poren. Das Phantom einer Nase von grauenhaften Dimensionen, tauchte vor ihm auf. Welche Lage. Was thun, was sagen wie sich entschuldigen? Plötzlich ein verzweifelter Entschluß, an welchen sich der unglückliche Musiker wie der Ertrinkende an einen schwimmenden Bal--ken klammerte. Er eilte an dert Schreibtisch und bedeckte Zwei Quartbogen mit engen Schriftzügen. DaS kostete Mühe und Nachdenken! Um fünf Uhr stand Müller dem ho hen Herrn gegenüber, der höchst ungnädig anhub: Habe da Dinge erfahren, die mir gar nicht gefallen. Im Landboten- ist. ein mit Bosheit und Unverstand förmlich gespicktes Referat erschienen; bedauere, Sie als den Verfasser desselbenkennen zu lernen." Geruhen Durchlaucht zu glauben daß ich zu diesem elenden Pamphlet, nicht in entferntester Beziehung stehe!" beeilte sich Müller mit tiefer Verbeu--gung zu versichern. Das Manuscript war ja mit Jh--rem Namen unterzeichnet." Man hat ihn auf die schnödesteArt mißbraucht, gnädigster Herr. Ver--muthlich erlaubte sich ein Badegast, ein Ignorant und Dummkopf, der keine: Spur von musikalischem Verständniß. besitzt und zufällig wissen mag, daß. meine Artikel Eingang im Landboten" finden, eine ebenso stupide als em-' pörende Besprechung auf diese Weiseunterzuschieben. Was mich anbelangt,, so schrieb ich allerdings auch ein Referat, konnte es aber seines großen llrnfangs wegen nicht rechtzeitig fertig, stellen. Wenn Durchlaucht mir gestatten würden, dasselbe allerunthänigst zu überreichen?" Mit herablassender Geberde nahm der Fürst das Schriftstück in Empfang und überflog den Inhalt. So? So? Eine der werthvollsten Bereicherungen unserer'Musikliteratur ein Werk, welches dieAufmerksamkeit aller Kunstkenner auf sich ziehen dürfte eine Composition, die es verdient, zwischen den schönstenGaben Beethoven's und Mozart's auf demConzertprogramm zu prangen, hm., hm! lieber Müller, ist das nicht zu, viel gesagt?Halten zu Gnaden, Durchlaucht nein! Ein gottbegnadetes Talent spricht aus dieser herrlichen Schöpfung, das ist durchaus nicht zu verkennen!"' Sie sind ja ganz in Ekstasc!Jch bin geradezu begeistert, gnadi ger Herr! Genehmigen Ew. Durch--laucht, daß dieses Referat mit meiner vollen Unterschrift erscheint?" Gewiß. Solche neidlose Anerkennung von Seiten eines älteren Collegen ist die beste Satisfaktion, welche dem unverdient gekränkten Schulze zu Theil werden kann, der in übertriebener Bescheidenheit der Oeffentlichkeit. seinen Namen verschwieg. Ich wünsche, daß Sie diesen Ihrer Besprechung noch einfügen.Wie zur Salzsäule erstarrt stand Müller da. E? rauschte ihm in den. Ohren und er war nahe . daran, irr Ohnmacht zu fallen, als der Fürst fortfuhr: Es freut mich, zu hören, daß Sie dem Mann eine große Zukunft in. Aussicht stellen." Durchlauchtigster Herr, man kanrr sich täuschen.Wollen hoffen, daß es diesmal nicht der Fall ist.Sehr huldvoll entlassen, aber dennoch bis in's Innerste geknickt, schwankte der Musiker nach Hause. Er fühlte sich krank und glaubte von einem Gallenfieber bedroht zu fein. Im Laufe der nächsten Wöche stürz--ten die Bewohner T. . .'s staunend an. die Fenster. Zeichen und Wunder geschaben. Erst das glänzende Referat und fttzt gar nein, es war kaum zu glauben! da gingen die beiden. Feinde Arm in Arm durch die Gassen des Stadtchens! Wie das kam? Schulze war als Conzertlneister an das fürstliche Hoftheater in S . . . berufen worden und Müller trat an seine Stelle als Leiter, der kleinen musikalischen Abende. Mariechen aber dachte eifrig daru--ber nach, wer demnächst zur Verlobung einzuladen sei. .
' SicheresZeichen. Freund: Warum bist Du denn so muthlos nachdem der reiche Mäcen Dein Bild so begeistert gelobt hat?- Maler: Eben darum! Das ist ein sicheres Zeichen, daß er es nicht kaufen wird."
