Indiana Tribüne, Volume 22, Number 151, Indianapolis, Marion County, 19 February 1899 — Page 7

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Uary. - Von Käthe Schirmacher. Familienpension der Madame ÄäUon im Studentenviertel von Paris war sozusagen ein Allerweltskasten ES gab wenige cilisrrte Völker und Sprachen, die dort nicht ihre Vertreter hatten. In dem bunten Gemisch herrschten die Engländerinnen vor. Von Reiselust getrieben, langten sie bei Madame Vallon an. Sie brachten Köfferchen und Regenmäntel, britische Unverfrorenheit ladylike" Zurückhaltung mit. Die meisten grasten die Pariser Sehenswürdigkeiten methodisch nach dem Bädeker ab und reisten dann fahrplanmäßig, wie sie sichs vorgenommen, weiter. Andere begannen, oft erst mit 45 Jahren, Kunst zu studiren, verbrachten tagaus tagein die strafwür digsten Vergehen an der menschlichen Anatomie, nahmen es aber mit ihrer Beschäftigung so rührend ernst, daß man ihnen nicht gram sein konnte. Noch andere fesselte Eros, der allsiegende, an Paris. Dieses sollte das Schicksal der kleinen Mary Crawford sein. Sie war ein gar nicht unebenes Frauenzimmerchen. Obschon sie nicht mehr ganz jung war, sah sie in ihrem Kleide aus weichem grünen Wollenstoff, mit der leichten Krause von Musselin um ihren hübschen weißen Hals doch allerliebst aus. Sie war keine Malbeflissene, sondern hatte es auf das Erlernen der französischen Sprache abgesehen. Doch war sie auch nicht Lehrerin, sondern schien wohlhabend genug, um ganz tyiem Vergnügen leben zu können. Mit ihrer Tischnachbarin, einer russischen Medicinerin, hatte Mary sich langsam, ohne Ueberstürzung, auf freundschaftlichen Fuß gestellt. Die Russin war die verkörperte Herzensgüte. Sehr reich, pflegte sie die Vorsehung all ihrer minder bemittelten Landsleute zu spielen. Sehr klug, rech" riete sie mit den Schwächen der Menschen und hatte sich, da sie auf Dank von vornherein verzichtete, nie über Undank zu beklagen. Sehr freimüthig und originell, hatte sie die Gewohnheit, ihre Meinung rückhaltlos und drastisch zu äußern; sie war deshalb in der Pension ebenso geliebt wie gefürchtet. Man saß zu Tisch. Die Gesichter unter den großen Hängelampen waren verstimmt, die Messer arbeiteten muhfaxn an dem zähen Veefsteakfleisch. Ei luge der Pensionäre streckten bereits xt signirt die Waffen, andere machten halblaut ärgerliche Bemerkungen: die Hausfrau that, als merke sie nichts. )och die rebellische Stimmung ihrer Gäste wich plötzlich: die Thür öffnete sich und eine blonde, geputzte, bildhübsche Amerikanerin trat ein. Allgemeine Freudenrufe begrüßten sie, Harrt wurden ihr entgegengestreckt, Stühle ge ?uckt und über ihrer Ankunft der kleine Verdruß vergessen. Sämmtliche Her?en suchten sich mit verbindlichem Lächeln ihr zu nähern, ein Theil der Damen grüßte sie etwas sauersüß, Sonja Orlow schüttelte ihr freimüthig die Hand, Mary Crawford staunte sie an: sie war so wunderhübsch. Als Sonja und Mary nach dem Mendessen in dem freundlichen Zimnur der jungen Engländerin saßen, wo das Kaminfeuer brannte und dn Kessel summte, sagte die Medicinerin: Sie sollen sehen, morgen komm'n alle unsere Herren mit neue Grab. m und unsere Damen mit frischgeorannte Haccre zu das Dejeuner. Die Ethel Äodd macht alle eifersüchtig und nach ihn Pfeife tanzen. Sie ist eine sehr feine Creatur, sie lebt von menschliche Herzen. Mary blickte während dieser Worte krampfhaft ins Feuer: Sonja sollte nicht sehen, daß ihr die heißen Thrä nen rn die Augen stiegen. Doch Sonja sah. Sie kleine Rarre. sagte s:e.Mary unter daö Kinn fassend, was haben Sie, thut es da weh? Sie tippte cmf Marys Herz. Haben ?ie auch rn die Liebeslotterie gespielt und eine Riete gezogen? Als Mary nicht antwortete, fuhr Sonja fort: ES gibt gar keine Liebe, Physiologie gibt es soll ich Sie meine medicinische Bücher geben? Mary kehrte mit einem Schauder ab, dann sagte sie, ihre Thränen trock nend: Geben Sie mir nichtJhreBücher, sondern Jh? blaues Hauskleid, es war am Aermel ganz zerrissen, ich will 5 Ihnen flicken. Sie gute Seele.sagte Sonja gerührt, Sie kleine Hausmütterchen, Sie soll--ten wirklich etwas zu pflegen haben ; "da denkt Sie an mein zerrissenes Rock. Dieses Rock ist sehr krank, unheilbar Hlaub ich, vielleicht werden Sie ihm ine große Amputation müssen machen. 'Fürchtet das Sie nicht? So scherzte sie Mary über den letzten Rest ihrer Rüh?ung fort und händigte ihr dann das allerdings recht kranke blaue Hauskleid aus. Tage, Wochen und Monate vergingen: Mary besuchte pünktlich ihre Vorlesungen auf der Sorbonne und schrieb mit Buchstaben Vocabeln in ihr Büchlein; Sonja arbeitete an ihrer DoctorDissertation, Ethel Rodd studirte und flirtete zu gleicher Zeit. Seit es Frühjähr geworden, pflegte sie mit Nameraten von der Sorbonne im Garten der Pension zu arbeiten. Diese, nach französischen Begriffen ganz unziem- . liche Freiheit bewog einige alte Rentnerinnen, die Ehrenwächterinnen des Hauses, öfters zwischen den Fliederbüschen .und Jasminhecken zu wandeln, um zu erlauschen, ob in dem gemischten Nreise nichts Ungebührliches geschehe. Sie horten eifrige Unterhaltung, helles Lachen, sahen Bücher auf dem Tisch und drei, vier junge Männer um das schone Mädchen versammelt. Im ubrigen mußtw sie unterrichteter Sach: ab zirhen: eö wurde englisch gesprochen. Das fanden sie natürlich am allerai ftffciafon.

Unker Etkl NoddS Hofmachern war ein stiller junger Mann, dem dei Zwan, bald sein Brot zu verdienen, cincit gewaltigen Eifer für die englische Sprache und Literatur einflößte. Als mit der steigenden Hitze die andern bei den Arbeitsstunden manchmal fehl ten, blieb er pünktlich wie zuvor, und

l Ethel Rodd, die trotz ihre Koketterie auch gutherzlg war, nahm sich die Mühe, Andre Latours schlechte Ausspräche zu verbessern. Freilich sah er sie dafür au'ch mit Blicken an, wie sie der Gläubige zu einem Heiligenbild erhebt. Mary, deren Zimmer auf den Garten mündete, hatte Ethels fröhliche Gruppe mehr als einmal beobachtet. Immer wieder war ihr Blick auf Andre Latour haften geblieben, und wenn er allein neben Ethel in das Buch sah, blieb sie, ihn zu beobachten, wohl eine Stunde hinter der Gardine ihres Fensters stehen. Auch heute befand sie sich wieder auf dem Posten. Nachdem sie lange hinausgeblickt, suchte sie aus einem ver schlossenen Kästchen die Photographie eines jungen Mannes heraus, der La tour ein wenig glich. Das Bildniß ansehen, die Hände vor das Antlitz drücken und sich an ihrem Bette niederwerfen war eins. In Thränen aufgelöst, so wurde sie von Sonja Orlow ge funden, als diese sie zu Tisch abholen wollte. Sie kleine Narre, sagte die Medicinerin, wie sehe Sie aus? Mary, ganz außer sich, rief: Sonja, Sie sind meine einzige Freundin, hören Sie mich an! Und als Sonja sie in den Arm nahm und mit einem raschen Blick auf das Bild des jungen Mannes sagte: beichten Sie, kleine Hausmutterchen, Physiologie ist ja meine Handwerk, da erzählte Mary ihr den großen Schmerz ihres Lebens. Es war Seemannstragik: der junge Mann da, ihr Verlobter, war vor Ouessant mit Schiff und Mannschaft untergegangen. Seitdem war das Leben öde für Mary. Eltern, die ihrer bedurften.hatte sie nicht mehr, ihre zwei Brüder, rechtliche Kaufleute, konnten ihrem liebebedürftigen Herzen wenig sein. So verließ sie die Heimath, eine kleine englische Küstenstadt, in welcher das Meer sie stündlich an das große Unglück ihres Lebens mahnte, und kam nach Paris. Daß Andre Latour sie an ihren Ver lobten erinnerte, verschwieg sie Sonja jedoch. Als die traurige Beichte beendigt, sagte sie Russin: Wenn Sie nur möchten mehr sich um Physiologie als um Liebe gekümmert haben. Mary, sich die Haare vor dem Spiegel ordnend, antwortete leise: Ich bin doch reich, Sonja, reicher als Sie, mein Schmerz ist köstlicher als Ihre gleichgültige Ruhe. Beide Mädchen kamen zu spät zum Essen. Es ging bei Tisch sehr lebhaft zu. Die Ferien standen vor der Thür und jeder plante eine Sommerfrische. Ich gehe nach Deutschland, sagte Ethel Rodd. Was werden Ihre Herren sagen, rief Madame spitzig. Oh, die gehen gleichfalls fort, war die gelassene Antwort. Mary, die sogleich an Andre Latour dachte, fühlte, daß ihre Augen sich mit Thränen füllten: selbst die Freude ihn zu sehen, sollte ihr genommen werden? Ethel Rodd war im Abreisen begriffen. Helle Kleider. Spitzenblusen und Federhüte bedeckten Bett. Tisch. Stühle. Kaminsims, ja, die Stehuhr ihres Zimmers, und sollten in die offenen Koffer und Hutschachteln, die rings umher standen, verpackt werden. Die Besitzerin dieser Habseligkeiten nahm die Mitte des Raumes ein, dem Stubenmädchen, das als Kammerjungfer diente. Befehle ertheilend. Von Zeit zu Zeit warf Ethel einen sinnenden Blick auf ein Briefchen Latours, das sie soeben erhalten. Er jammerte darin über die Abreise der angebeteten, der gütigen, wenn auch manchmal tyrannischen Gebieterin, über die unterbrochenen Studien. Bedürfte er nicht ihrer Hilfe, wenn er sein Ezamen bestehen wollte! Verzweiflung, Abgrund. Misere ohne sie. Ethel sann, natürlich konnte sie nicht hie? bleiben, um Latour auszuschulen, ihr Bräutigam erwartete sie in Baden-Baden. Plötzlich kam ihr ein rettender Gedanke: falls Mary den Sommer über in Paris blieb, mußte sie mit Latour arbeiten. Was war 'für zwei Angelsächsinnen einfacher als das! Und Mary blieb. Sie hatte sich zuerst sehr erstaunt gezeigt, sich alles umstündlich erklär':, sich von der lebhaften Ethel lange bitten lassen: Ich kenne Herrn Latour nicht, was wird er von mir denken. Doch Ethel hatte Marys Bedenken siegreich niedergesprochm: Latour war ein armer Student, er mußte sein Exa men ablegen, eine Anstellung finden; seine englische Aussprache war noch schlecht, seine Kenntnisse fadenscheinig. Er würde sehr fleißig sein, er würd; Mary nicht den Hof. machen. Mary lächelte leise zu dem letzten Satz, dann ließ sie sich Latour im Salon vorstel ' len, und seit Ethels Abreise arbeiteten beide alltäglich unter dem großen i Maulbeerbaum an englischen Uebersetzungen. Es wurde heiß und immer heißer, selbst die spionirsllchtigen Ehrenwächterinnen wagten sich kaum mehr in den Garten zwischen die balbverdorrten Fliederbüchse und Jasminhecken. Die beiden eifrigen Studenten aber harrUn aus. Niemals hatte Latour solche - öortschrltte.gemacht wie jetzt, woEthelZ I prjcc-c.'i . 7 vnuycu lyn niazl meyr zernreme, und eine unendlich geduldige, liebreiche Lehrerin ihm unermüdlich alle Schwiextgkeiten erklärte, ihm die Wege des

Verständnisses ' aufopfernd ebente. KlUne Hausmutterchen, nehmen Sie sich in acht, hatte Sonja zu Mary gesagt, als sie ihrerseits in die Sommerfrische ging. Kleine Hausmutterchen konnte sich aber nicht in acht nehmen, das Glück war zu groß, jemanden zu haben, der sie brauchte! Lautour sah zuerst in Mary eine correcte, nicht ganz junge Britin, die ihm Stunden gab und der Ethels pi kanter Reiz völlig fehlte. Mit der Zeit bildete sich jedoch in ihrer sommerlichen Einsamkeit ein Band der Sympathie zwischen diesen zwei unscheinbaren, vom Glück nicht sonderlich bevorzugten Menschen. Und konnte Latour dem schmeichelnden Gefühle unzugäng lich sein, daß jetzt die Reihe, bewun dert und geliebt .zu werden, an ihm war? O, sagte er sich, aus der Noth herauskommen! Ethel war ihm doch unerreichbar. Wenn die kleine Mary Geld hatte, so war vielleicht hier das Heil und an eine Heirath zu denken. Als Sonja Orlow aus der Sommerfrische nach Paris zurückkehrte und Mary sie mit einem feierlichen Thee in ihrem gemüthlichen Zimmer, wo das Kaminfeuer brannte und der Kessel summte, empfing, sah die Russin ver wundert auf Marys ganz verjüngtes Antlitz, ihre rothen Bäckchen. ihre hellen Blicke. Mary hantirte so Hausmütterlich sicher, sprach so ruhig heiter, ging und stand so fest wie jemand, der ein großes Glück gefunden hat. Haben Sie in meine Abwesenheit einen Treffer gezogen? fragte Sonja. Die Ziehung findet erst in einigen Tagen statt, entgegnete Mary mit leisem Erröthen. Latour hatte thatsächlich bei Marys Brüdern um die Hand der Schwester angehalten, und die Antwort der ehrenwerthen Kaufherren ward mit Spannung erwartet. Vor Andre Latour lag der ersehnte Brief aus England, geöffnet und gelesen. Das war alles? Mehr besaß die Kleine nicht? Eine nachdenkliche Falte krauste des jungen Mannes Stirn; er sah in dem armseligen Stu-dentenzimm-.r umher. Weiter so leben, zu zweit, zu dritt vielleicht? Er versank in tiefes Sinnen. Während dessen ging Mary zu Sonja hinüber. Liebe Sonja, ich möcht: Sie bitten, heute Nachmittag um fünf Uhr in meinem Zimmer zu erscheinen. - Eine Ueberraschung, die ich noch nicht verrathen darf. So saßen die d:iden Mädchen denn um fünf Uhr am Kamin, Mary in feierlicher, schwarzer Seide, ein frisches, weißes Kräuschen um den Hals, allerliebst und niedlich anzuschauen. Beide warteten bis halb sechs ohne öesondere Unruhe. Dann ging Mary im Zimmer auf und ab. Um sechs Uhr kam ein Telegramm: Latour war krank, ein leichtes Fieber. Natürlich that Mary die ganze Nacht kein Auge zu, Sonja pflegte sie. Die Nachrichten von Latour lauteten in den nächsten Tagen nicht besser: sein Arzt befürchtete Schwindsucht. Ich begleite ihn sofort nach dem Süden, sagte Mary energisch. Dieser großmüthige Vorschlag von Sie, kleine Narre, sagte Sonja, lassen Sie mich dem Herrn Latour machen. Ich bin ja Doctor und kann dann se hen wie die Sache steht. Und sie stieg unbekümmert, um die böse Nachrede, geradeswegs die fünf Treppen zu dem Zimmer Latours ern por. Anscheinend ganz ruhig, trat sie nach einer Stunde wieder zu Mary, die siebernd auf dem Sofa lag. Der Herr Latour ist wirklich seh? krank, sagte sie. und als Mary in Thränen ausbrach: er hat das Mitgiftfieber, meine kleine Maus, und den Eigensuchtsbacillus. Er ist unheilbar krank, kleine Hausmutterchen, den rettet kein Süden nicht und keine Mary nicht. Hier kannst du weinen, kleine Narre, sagte sie, Marys Kopf an ihre Brust ziehend. So endete Mary Crawfords zweite und letzte Liebe. Im goldenen Buch der glücklichen Ehefrauen steht ihr Name . nicht. Jedoch die Armen von Vrunswick-City. im gottverlassenen Ostend von London, kennen sie. Was einem nicht genug erschien, reicht hier für viele. Zu arm, um zu heirathen, ist sie reich genug, zu beglücken. Der M a u l w u r f. (Eine Fabel.) Ein alter biederer Maulwurf, der schon manches Jahr ehrlich seiner Nahrung im dunklen Schooß der Erde nachgegangen, bekommt plötzlich die Sehnsucht, sich einmal in Gottes freier Natur, im goldenen Sonnenlicht, zu vergnügen; er hat so oft gehört, wu herrlich es da oben sei! Frühmorgens wartet er auf die be glückende Sonne. Der erste Frühsonnenstrahl zuckt über ihn hin und trifft sein blödes Auge. Fast geblendet kehrt er sich unwillig murrend um und gräbt sich wieder ein. BegriindeteAutoritä't. Zuchthausler (zu einem jüngeren, erst kürzlich eingelieferten Zellengenossen): Du meinst, ich könnte von Dir noch was lernen? Als Dich Deine Mutter in die ersten Windeln wickelte, hatte mich der Staatsanwalt schon dreimal eingewickelt und der Advokat einmal ausgewickelt! OdieseKinder. Schriftsteller: 3a, meine Herrschaften, meine Gedanken ruhen nie, ich bin immer mit dem Kopf thätig Der kleine Hans (Sohn des Hauses): Der Papa sagt aber immer, Sie wären ein fauler Kopf." Auf dem Ball. Tänzer: Wissen Sie, gnädiges Fräulein, über die Ehe habe ich meine eigenen Gedanken. Ich glaube, ich werde nie heira-thenl-Fräulein (entrüstet): Und mit solchen Grundsätzen wagen Sie es, mich zum Tanz zu aufzufordern?"

Die Schwestern. Ei Märchen von Edith Kortv. Es war einmal ein armes Menschenherz, daß wußte nichts von Glück und Lust. Es hauste im' stillen Dunkel der Entsagung und fand kein anderes, das es verstanden hätte. Aber Keiner ahnte, wie unsäglich traurig das Herz sich fühlte; denn es war stolz und wäre lieber gebrochen, als daß es nach fremdem Mitleid begehrt hätte. Da hatte das arme Herz einmal ei nen wunderbar schönen Traum. Es schien ihm, als schwebten zwei lichte, süße Engelsgestalten zu ihm herab, und nahte ihm die Eine der Beiden, ein zartes Kind, in die Farbe der Unschuld gekleidet, einen grünen Zweig, der Blüthen trieb, in seiner Rechten. Ich bin die Sehnsucht," sprach der lichte Engel mit verklärtem Lächeln. Kennst du mich nicht? Wenn du es willst, so vermag mein Zauber dir zu nahen, und er wird all' deinen bitteren, kalten Gram in milde Wehmuth mandeln. Doch wird dir meine Nähe mehr Schmerz als Lust bereiten. Sie wird sich deiner nach und nach vollkommen bemächtigen, wird Herrschaft zu ergreifen suchen über alles Andere, das in dir gelebt. Sie wird dich sprengen wollen vor. Lust und Weh " Und werd' ich brechen müssen?"

fragte das Menschenherz. Die Sehnsucht schüttelte ihr Hauvt. Das nicht ich werde schwinden, und meine Schwester rufen." Die Sehnsucht trat zurück; und die andere Gestalt, gehüllt in rosenrothe Schleier, das holde Antlitz leuchtend, strahlend, trat heran. Ich bin die Liebe klang ihre glockenhelle Stimme. Ich allein kann dir den Himmel erschließen, von dem meine Schwester, die Sehnsucht, dir erzählte. Mit meinem Zauber vermag ich dir zu verkünden, ob in dem anderen Herzen, das ich dir zeigen werde, meine Freundin, die Gegenliebe, wohnt. Find' ich sie dort, so wandle ich mich um in die Seligkeit." Und wenn du sie nicht findest?" fragte zitternd das Herz. Dann werde ich zum Elend." So sprach die Liebe, und das Menschenherz erschauerte wundersüß und stammelte: Sprich was ist Elend, was ist Seligkeit?" Die Liebe aber antwortete: Das darf ich dir nicht sagen. Erst wenn du mich kennst, magst du es wissen!" So komme denn!" rief das Herz .... und da entschwand die Liebe lächelnd aber die Sehnsucht nahte ihm wieder und neigte ihren grünen Zweig darüber! ... Da ward es Nacht, dunkle Nacht. Ein wilder Sturm fuhr über das bebende Herz und sang eine wilde, unverständliche Weise. Da erzitterten die längstverklungenen Saiten des Menschenherzens; es bebte, hob und senkte sich ein wonnigsüßer, schmerzlichtrüber Mollakkord erklang die Sehnsucht hatte das Menschenh:?z erweckt. Und endlich ward es ruhiger, die Töne verklangen, der Sturm schwieg und am Himmel ging ein großer, heller, lächelnder Stern auf. Der ward allmälig zurSonne und ringsum erglühte Alles in magischem Lichte und tausend Blumen hauchten himmlische Düfte. Und Licht und Duft sprachen dem zitternden Herzen die Gewißheit zu, daß die Liebe, seine Liebe, die Freundin gefunden habe. Und als das Herz nun die Seligkeit, fühlte, da schien es ihm, als müsse der Sonne Gluth, der Blumen Duft noch stärker werden und es harrte ungeduldig! Aber' die Sonne schien nicht heißer, die Blumen dufteten nicht süßer . . . Und langsam wurden dem Herzen die Sterne und die Blumen .... zur Gewöhnheit. Und da wünscht daö Herz so heiß und innig, es möge noch einmal dunkel werden, damit das blasse Sternlicht es wieder mit dem eigenen, süßen Weh durchstrahle, damit es wieder die Sonne und die Ruhe ersehnen könnte! Aber die Nacht wollte nicht mehr kommen, es blieb der helle, ewig gleiche Tag 'und das Herz weinte und sehnte sich nach der Sehnsucht! Indessen blickte die Liebe auf das arme Herz herab und freute sich, es endlich doch beglückt zu haben, und lächelte ... Da gedachte sie der Schwester, der sie ihren Sieg verdankte, und sie wandte sich spähend um. Aber die Sehnsucht war verschwunden in weite Fernen! . der Liebe Augen konnten sie nicht u hr erblicken. Da hob die Lube weinend ihre Schwingen und schwebte fort, nach der Verlorenen zu suchen doch es war vergebens! Da kehrte auch die Liebe nicht mehr zurück. Aber als sie sich nach langer Zeit des armen Herzens erinnerte, da suchte sie Einlaß bei dem Verlassenen. Doch umsonst die Pforten des Herzens blieben fest geschlossen. Die Sehnsucht hatte es lange, lange nach Liebe dürsten lassen da war die Liebe gekommen und hatte mit der Gegenliebe Erfüllung, Seligkeit gebracht. Aber, mit der Erfüllung war die Sehnsucht, mit der Sehnsucht die Kraft zum Glück dahingegangen. Da konnte die Liebe nichts thun. Sie hüllte sich in schwarze Gewänder und kauerte trostlos nieder und ward zum Elend. E i n Gemüthsmensch. Herr Kohle (in der Leihbibliothek): Bitte, gä'm Se mir gietigst nrge von die Leiden des jungen Werther", aber nich alle uf eemal: ich bin Se nämlich sehre weechherzig!" . ' Vom Exercierplatz. Unterofficier (als ein Soldat der Länge nach hinfällt): Einjähriger, Sie sind hier doch beim stehenden und nicht beim liegenden Heer!"

Der Mdttng. Sßon L. Krau. Frau Barnard kehrte von dem Be suche, den sie einer Freundin abgestattct hatte, nach Hause zurück, als sie vlöklick) aus der anderen Seite der

Straße eine Ansammlung von Kindern ( ocmerne. Aus der Bordschwelle des Trottoirs saß ein etwa zweijähriger Knabe und weinte. Zwei kleine Mädchen und drei Buben, von denen der älteste etwa zehn Jahre zählen mocbte. umstanden das weinende Kind. Die kleineren bildeten eine stumme Gruppe während der älteste Knabe lebhast auf dasselbe einsprach. Wie heißt Du? Wo wohnst Tu? Wie heißt Dein Vater?" Vergeblich. TaS Kind schrie und weinte: , Ich will nach Haus, ich will zur Mutter!" Tann drückte das arme Würmchen die beiden Fäustchen gegen die Augen, aus denen heiße Thränen quollen. Und dann wischte es seine schmutzigen Händchen an seinem weißen Kleide ab, so daß man die Abdrücke der Fingerchen sah. Die anderen Kinder standen mit offenem Munde, in' den sie zur Abwechslung die Finger steckten, da und schauten mit großer Theilnahme den kleinen Schreihals an. Frau Bar nard ging auf die Gruppe zu und fragte, was denn los sei. Das Kind hat sich wahrscheinlich verlaufen, " sagte der zehnjährige Knabe, der als Redner zu fungiren schien. Seit einer Stunde frage ich es schon aus, es ist aber kein Wort herauszube-kommen.-Tu siehst doch, daß es noch ganz klein ist und nicht deutlich sprechen kann. Wir wollen einen Schutzmann suchen." An der Straßenecke stand einer, starr und unbeweglich, wie eben ein englischer Policeman auf Posten steht. Das arme Kind hat sich verlaufen," sagte Mrs. Barnard zu dem Polizisten. Tiefer blieb unbeweglich, dachte eine Weile nach und sagte endlich gewichtig: Wir wollen's der Polizei übergeben." Gut, gehen wir aufs Kommis sariat!" Der Trupp setzte sich in Bewegung. Voran der Polizist in feierlichem Schutt, dahinter Frau Barnard mit dem weinenden Kind im Arm,' ihr auf der Ferse folgte der Zehnjährige, der zuerst auf den Buben aufmerksam geworden war und sich als dessen natürlicher Beschützer fühlte, den Schluß machten 'die anderen Kinder, die sich scheu zusammendrängten. Frau Barnard ließ ihr Gesolge draußen und be trat mit dem Schutzmann das Polizei bureau, wo der amtirende Kommissar saß. Dieser hörte sie aufmerksam an mit jenem Ernst, der von der Stirn eines Polizeibeamten niemals weicht, .und sagte schließlich: Also verlaufen! Wohnung unbekannt! Keine Legitima tionspapiere? Vielleicht Meldezettel oder Visitenkarte?" Aber, Herr Kommissar, ein Kind von zwei Jahren!" Schon gut. Lassen Sie es hier, wir werden eS im Fundprotokoll regi striren, mit einer Nummer versehen und dem sich als Eigenthümer rechtmäßig Legitimirenden gegen Quittung aushändigen. Sollte es binnen Jahr und Tag nicht reklamirt werden, so gehört es Ihnen.Herr Kommissar," siel Frau Barnard ein, vielleicht weichen Sie diesmal vom Reglement über Fundsachen ab und überlassen mir den Findling, bis sich die rechtmäßigen Eigenthümer" melden. Hier kann ja das Kind nicht bleiben." Meinetwegen; aber Sie haften für jeden Schaden und jede Veränderung, die an dem gefundenen Gegenstand vorgeht." Einverstanden, hier ist meine Adresse." Damit war die Sache it der PoU zei erledigt, und Frau Barnard begab sich mit ihrem Fund" nach Hause. Als Jessie die Hausthür öffnete, konnte sie sich vor Staunen nicht fassen. ' Es wuchs noch, als sie erfuhr, unter welchen Umständen ihre Herrin zu dem Kinde gekommen. Und die gnädige Frau weiß nicht, wem es gehört? So ein schönes Kind! Tann können wir eS auch behalten . . . . " Aber Jessie, das geht nicht." Warum denn nicht? Die Polizei hat es Ihnen ja geschenkt." Nein, nur in Verwahrung gegeben. Und was würde mein Mann dazu sagen! Bringen wir lieber den Kleinen in ein warmes Zimmer." Das Kind wurde inS Speisezimmer geführt, wo cö in der That behaglich warm war. Man setzte cs auf den Teppich, wo es sich bald heimisch fühlte. ES hörte auf zu schreien und betrachtete daS elegant möblirte Zimmer mit srundlickkn Auaen. Rasch waS zum Essen!" rief Frau v t c 4 . r fr? Barnaro. Aver, mie, was gieor man so einem kleinen Menschenkino?" Bei uns zu HauS auf dem Land." sagte das Mädchen. , bekommen die Kinder in diesem Alter eine kräftige Mehlsuppe. Aber ob Londoner Kinder so waS essen, weiß ich nicht." . Springen Tie rasch zur Frau Dixon hinüber, die hat zehn Kinder und wird wohl wissen, was man ihnen in diesem Alter zu essen giebt. Ich gehe inzwischen ins Kinderzimmer und hole Spielzeug." Tie gnädige Frau will den Buben allein lassen?" Nur einen Augenblick!" Wie leicht kann ihm die Katze die Augen auskratzen!" Sperren Sie das Thier inzwischen in die Küche." Oder daö Kind kann auf den Kamin füllen." Verbarrikadiren wir es." Mit Jessies Hilfe errichtete Frau Barnard eine wirkliche Barrikade. Sessel, Stühle und FauteuilS wurden rund herumgestellt und aufeinanderge thürmt, daß selbst ein größeres Kind nicht so leicht darüber hinwegsteigen

hätte können. Frau Barnard begab sich inS Kin derzimmer. Das Kinderzimmer! ES war ein großer, luftiger Salon, der einen überaus freundlichen Eindruck machte. Helle Tapeten mit großen Blumen bedeckten die Wände, in zwei großen Schränken war allerlei Spielzeug. Nichts fehlte dem Kindcrzimmer als das Kind. In einem Schrank war die KinderWäsche untergebracht. Röckchcn und Häubchen, kleine Strümpfe und Schürzchen, Hemden in allen Größen; kurz, eine komplette Ausstattung, nur daß sie nach Kampher und Naphtalin hundert Schritte weit roch. In einem anderen Kasten war Spielzeug: Puppen und Soldaten, Körbe und Peitschen, Windmühlen und Pferdchen, man hatte Vorsorge getroffen, daß für den Nachwuchs wessen Geschlechtes immer Zeitvertreib vorhanden sei. Herr Barnard hatte all diese Sachen allmählich zusammengekauft. Anfangs, in den ersten Iah. ren, trug er die Spielsachen stolz und offen nach Hause, als aber die Ehe schon mehrere Jahre dauerte und der erwar tete Stammhalter sich nicht einstellen wollte, brachte er diese Kleinigkeiten verstohlen nach Hause. Ein armer Teufel auf der Straße hat keine Ruh' gegeben," sagte er dann seiner Frau, wie um sich zu entschuldigen. Es schien ihm ja selbst so lächerlich, Kinderspiel

fachen einzukaufen, ohne dafür Ber Wendung zu haben. Aber die Gewöhnheit! Oft. wenn sie sich so recht einsam fühlten und eS ihnen so schwer um'S Herz wurde, dann gingen sie in ihr Kinderzimmer und ordneten die dort vorbereiteten Herrlichkeiten. Da kam Über sie eine so merkwürdige EtiM' mung, daß sie, wie in einer Kirche, auf den Fußspitzen gingen und nur flüsternd sich unterhielten. Und wenn Einem von ihnen die Thränen in die Augen traten, dann schob man die Schuld auf den Kampher und auf das Naphtalin. Aber Jedes wußte, daß diese Thränen nicht .auS den Augen, sondern aus dem Herzen kamen. In dieses Zimmer eilte nun Frau Barnard, griff in den Spielkasten uud was ' nur ihre Hände fassen konnten, trug sie hinunter in das Speisezimmer. Wen fand sie dort? Ihren Gatten! Mit verschränkten Armen und mit einem spöttischen Zuge um die Mundwinke! stand er da und betrachtete die Barrikade, die das Kind umgab. Na, was ist das?" fragte er seine Gattin, hast Du eine KlcinkinderbeWahranstalt eröffnet?" T5 nicht," erwiderte Frau Barnard fest, ahtx ich fand das Kind auf der Straße, nach seiner Mutter rufcno. Ich konnte es doch nicht gut draußen lassen, wo die Wagen fahren, und habe es mit nach Hause genommen. Das hättest Tu auch gethan." Glaubst Du?!" erwiderte spöttisch Herr Barnard. Ganz gewiß!" eiferte die Frau. Stell' Tich doch nicht so herzlos." Der Bub war inzwischen zu Herrn Barnard hingeschoben und griff nach seiner Hose, um sich aufzurichten. Wenn Ihr dem Kinde wenigstens die Hände abgcwaschcn hättet, damit es mir die Hosen nicht beschmutzt," sagte Herr Barnard, aber xm Grunde schmel chelte (s ihm, daß das Kind trotz der Lockrufe der Frau von lhm nicht wegaina und immer Papa" zu ihm sagte. Was wirst Du denn thun, wenn sich Al.'manv'zu dem ttinde meldet r Es wird sich schon Jemand melden." Und wenn nicht? Was dann?" In diesem Momente kam Jessie mit dem für das Kind zubereiteten Essen. Da Frau Barnard auf die letzte Frage keine Antwort gegeben hatte, schritt Jessie ein: ,,Wir werden doch das Kind nicht aus die Straße hinauswer fen," rief sie erregt. ,,Nein, nein!" erwiderte Herr Bar nard begütigend. ..Aber, wenn er hier bleiben soll, waschen Sie ihm wenigstens zuvor die Hände." . Jessie brachte das Waschbecken mit lauwarmem Wasser, Schwamm und Seife, und fing an, das Kind zu waschen. Herr Barnard nahm ihr die Utensilien aus der Hand und sagte: Tas verstehen Sie nicht." Dann setzte er sich auf die Erde zu dem Klei- , nen, um ihm die Händchen zu waschen. Auch Frau Barnard nahm auf dem Teppich Platz und stopfte dem Kinde die Bisjen in den Mund. Jessie ergriff eine Trompete und blies aus Leibes kräften. Der Knabe lachte aus vollem Halse, warf Herrn Barnard übermüthia den Schwamm an den Kopf, patschte mit den Händchen im Wasser oder griff nach dem Brel so viel Hei terkeit hatte in diesen Räumen noch nie geherrscht. Herr Barnard war unermüdlich; als er die Händchen des Kindes gewaschen, bestand er darauf, daß der kleine Gast, bevor man ihn ins Bettchen lege, ein warmes Bad nehmen müsse. Alle waren einverstanden. Jessie rannte in die Küche, um daö Wasser vorzubereiten, Frau Barnard holte reine Wäsche, und Herr Barnard entkleidete den Buben. Als er ihm das Hemdchen vom Leibe ziehen wollie, spürte er dahinter etwas wie Papier knistern. Und in der That! An einer feinen Seidenschnur hing UM den Hals dcs Kindes ein Brief. Hcst'g griff der Hausherr danach: vas Cchreiben trug keine Adresse. Er iib das Eouvert auf, zog das Pap'er huaus und las, was mit zitternder Hand eine Frau geschrieben hatte: ,,Wer Ihr auch immer seid, die Ihr Euch meines Tommy angenommen, G ttes Lo.hn sei mit Euch. Mein Herz blutet, da'ich mich ron dem Kinde trennen mnß, aber das Leben ist mir unerträglich. Ten Gatten habe ichbegraben, eine unheilbare Krankhei. raubt mir die Kraft und die Möglichkeit, meinen Liebling zu erhalten. So gehe ich in den Tod. Gott wird den armen Tommy brave Mensche. finden lassen! Gott 't ihm, Gott mit Euch." Unöährend er noch las, kam Frau

Barnard mit der Wüsche. Er gab das Schreiben. Sie durchflog es rasche blickte ihren Mann an. und als sie ht seinen Augen das Einverständniß mit dem sah. was ihr Herz beweqte, riß siedie Thür, die zu der Küche sührte. auf und rief freudig: Jefsie. bringen Sie das Kinderzimmer in Ordnung, u n s e r Kind wird dort schlafen." Die Stele des Mädchens. Es war einmal einMann, der wacker gekämpft hatte. Er hatte viel Elend gesehen und vieles selbst durchlebt. Aber nun war er in eine stille deutsche Stadt gekommen und hatte sich in ern schönes Mädchen verliebt. Und er war trunken vor Glück, und alles schien ihnr. blühend und schön. Denn er sah alleS' in dem rosigen Schimmer, der von dcnr Antlitz seiner Braut erstrahlte. Ihm. dem des Lebens Streiten harte Furchen, und Runzeln in's Gesicht gegraben, hatte, erschien ihre reine Stirn als das Herrlichste, was er je gesehen. Er wußte nichts, womit er sie vergleichen, könnte. Einmal standen die beiden vor der Madonna von Raffael. Und er sagten Dein Scheitel gleicht dem der Him melskönigin. der Mutter Gottes.Aber das Mädchen lachte und antwartete: Ach. sieh doch zu! Sie hat ja ein paar Fältchen auf der Haut, da, über: den Augen. Aber ich, ich habe keinem Und wenn ich's auch versuchte, rneiner Stirn in Falten zu legen, so konnt ich'ö' doch nicht." Und staunend sah er, wie sie die Brauen auf und nieder zog. Aber enu Fältchen wollte sich nicht auf der Stirnzeigen. Da war er noch mehr entzückt.' von ihrer Schönheit und ihrer Rein heit. Und er wußte nichts, womit tt diese Stirn vergleichen könnte. Eines Abends aber saßen sie anr. Meeresstrand. Und er sand eine sel tene Muschel, die noch vom Kuß der feuchten blauen Sonnenstrahlen schim merte. da sie eben erst aus der Tiefeaufgeschwemmt war. Und der Mann zeigte sie seiner (3t liebten. Und er sagte: Dieser Muschelschale gleicht Deine. Stirn." Und dann öffnete er sie und siehe: da! drinnen lag eine Perle. Thränen seligster Freude stürzten-, ihm aus den Augen. Und er küßte: seine Braut und dachte bei sich: Ja,, ihre Stirn gleicht der Muschel und ihre: Seele der Perle. Und ihr Glück wurde immer sonni ger. Sie lebten dahin wie Kindern. Die Tage waren ihnen lang und Vit Wochen flogen hin gleich Minuten. Es war an einem thaufrischen Mot--gen, da lustwandelten die beiden im. Garten. Und alle Blumen an den. Stengeln streckten sich aus, als wollten, sie von dem Mädchen gepflückt sein. Aber sie ging an allen vorbei. Nur als sie an die Lilien kam, brach sie eine ab, eine kaum erblühte Knospe. Und sie zeigte sie ihrem Geliebten, indem sie sagte: Siehst Du. die gleicht meinerStirrr ich habe eine Lilienstirn." Und sie steckte ihm die Blume in's Knopfloch und ließ sich von ihm einen. Kuß geben. Aber nach einer Weile, als er alleirr war, kitzelte den Mann ein seltsamem Drang. Er bog die weißen Blätter auseinander, und wehe! drinnen fand er einen häßlichen Wurm, der lauernd seinen ekligen Kops hervorstreckte. Bon nun an wurde er nachdenkliche Zweifel regten sich. Was ruhte unter der weißen Stirne seiner Braut? War es eine Perle? ein Wurm? Oft saß er stumm und lauschte ihren Reden, die munter wie ein Bächle!rr hinrieselten. Aber aus ihren Worten: konnte er nichts entnehmen. Dann wie--der starrte er sie an, um in ihren Zugen zu lesen. Aber vergebens Und wilde Gluth kochte plötzlich in ihm crn por. In seiner Tasche ballte sich die: Hand um den Dolch, den er trug. Er mußte wissen, was in. ihr:m Innern: ruhte, und wenn er ihr die Haut zerfleischte. Schließlich ging er in seiner Trostlosigkeit zu einem alten Einsiedler, von dem man glaubte, daß er ein großer: Weiser sei in der Erkenntniß der Men schen. Man sagte, er habe alle Herzen, studirt, Männerherzen, Weiberherzen, alte und junge Herzen, vornehmlich, aber die Herzen junger Weiber. Die sem erzählte er seine Geschichte. Der Alte nickte. Dann fragte err Ist sie aus guter Familie, die junge Dame, von der Du sprichst?" Aus der besten." Und hat sie auch eine gute Erzle hung genossen?" O, sie hat drei Gouvernanten ge--habt. Und die mußten immer um sie sein. Nie hat sie ein zweifelerregendes. Buchen die Hand bekommen. Sie isd gehütet und bewahrt ihr Leben lang. Hnr," sagte der Weise, Du kannst: Dich beruhigen und sie heirathen wenn Du magst," fügte er leise hinzu.

..Aber sag ems. was verrnrgl iutc reine faltenlose Stirn? .Wie sind ihre. Gedanken? Sind es Perlen? Würmer? Sag mir, sag mir! Was ruht unter dieser' weißschimmernden Haut? Was ist dahinter?' Und der Weise schlug fein Auge auf, ein seltsam funkelndes Auge. So mochte wohl des Diogenes Laterne aeleuchtet haben, mii der er Menschn suchen ging. Was ist dahinter?" schrie der Mann noch einmal in höchster Be? zweislung. Da lachte der Weise bitter. Das ist dahinter!" antwortete tt und schlug mit der Hand in die leere Lust, in das Nichts. WareJedemdas Glück beschieden, das er sich wünscht, so würd?. eS noch weit mehr Unglückliche gbu

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