Indiana Tribüne, Volume 22, Number 144, Indianapolis, Marion County, 12 February 1899 — Page 2
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c. Skizze von Eliza IchenlzSuse?. ' Das Haus wild festlich geschmückt. D7studenmädchen hatte ihre schönste Schürze und Häubchen auf. In der Küche brodelte eine köstliche Hühnersuppe, strömten die Braten einen einladenden Duft aus, buk die eisccte" ihre besten Torten, während die Haus frau geschäftig hin- und hereilte und mit ihren Anordnungen durchaus nicht fertig werden konnte. Der HausHerr rieb sich vergnügt die Hände, ging irisrtcircnd durch's ganze Haus und beschränkte sich im übrigen darauf, feint allzu echaussirte Gattin von Zeit l'ji Zeit zu ermähnen, ihr wenig kleidsames, die allzu fett gewordenen Körp?rformen gar zu sehr markirendes Hausgewand mit einem schöneren zu vertauschen. Mit verwunderten Augen sah das Töchterchen all' dies geschäftige Leben und Treiben um sich. Auch sie hatte cus höheren Befehl" ihr Festtagsgewand angelegt, ein weißes Tuchkleid, dessen weicher Ton zu ihren dunkelblonden Haareu und rosig angehauchteil Gesichtchen vortrefflich paßte und das ihre jungfräulichen Formen fest umschloß. Mit großen, verwunderten Augen blickte sie um sich und suchte nach dem Grunde all' des ungewohnten Lärms. Aber die Magde hatten nur ein licherndes Lachen zurAntwort auf ihre Frage, der Mutter in dem aufgeregten Zustande aber sich zu nähern war gefährlich, und dem Vater gegenüber war sie zu scheu. Wenige Stunden später wußte sie den Grund. ic war verlobt worden. Wie es kam. davon konnte sie sich selber nicht mehr Rechenschaft ablegen. Ein ih: gänzlich fremder Herr traf ein und wurde von den Eltern äußerst Ziebenswürdig aufgenommen. Er wurde ihr als Bankier X. aus Z. vorgestellt und befaßte sich viel mit ihr, fragte sie aber ihre Neigungen aus und ehe sie sich dessen versehen hatte, war sie verlobt worden, ja, worden, denn sie wußte nicht einmal mehr, ob sie überhaupt um ihre Zustimmung befragt worden sei. Wie im Traume hatte sie dann neben ihm gesessen, er hatte ihre Hand in die seine genommen, und flüsterte ihr Zärtlichkeiten in's Ohr, bei Tisch wurde auf das Wohl des Brautpaares angestoßen und alle Welt gratulirte ihr. Dann als der Abend kam, war er gegangen, nachdem er sich die Erlaubniß erbeten hatte, am nächsten Tage rechtzeitig wiederkommen zu dürfen. All' das versuchte sie zu recapituliren, als sie sich Abends in ihr Mädchenstübchen zurückzog. Also das hieß Verlobisein, das war eine Verlobung! Sie hatte sich's eigentlich viel Poetischer vorgestellt. Nur das eine kam ihr doch märchenhaft vor, sein plötzliches Hereinschneien, das Unerklärliche, woher er sie kannte, wo er sie lieben gelernt hatte, das war doch wenigstens etwas Wunderbares! Und im Nachdenken über dieses Wunderbare schlief sie ein und im Traume spann es sich weiter zu dem Roman, den sie früher im wachen Zustand von ihrer dereinstigen Verlobung geträumt hatte und als sie am nächsten Morgen erwachte und vor ihrem Mädchenbette über Nacht ein Rosenbeet erblüht war, das ihr in den herrlichstenFarben und süßesten Wohlgerüchen entgegenströmte, als brillaniene Schmetterlinge unter den Rosen hervorguckten und sie zärtliche Liebesrzedichte zwischen ihnen entdeckte, da konnte sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr von einander unterscheiden ; Zehn Jahre sind vergangen. In dem einstigen Mädchenstübchm ist noch alles unverändert, steht noch alles am alten Platze. Nur die Bewohnerin desselben hat sich verändert. Aus dem einst frischen rosigen Gesichtchen ist alle Farbe gewichen, es ist ein blasses Antlitz, aus dem große traurige Augen entgegensehen. Das lächelnd Träumerische, das einst in ihnen lag, hat sich in düstere Melancholie verwandelt, der Körper ist mädchenhaft zart geblieben und macht in seiner tief schwarzen Umhüllung einen imgefirtib ätherischen Eiirdruck. Schwer stützt sie ihr blasses Köpfchen auf die schmächtige kleine Hand und blickt sinnend aus das Straßengetriebe hinunter. Viel hatte sie inzwischen erlebt. Ihr Gatte hatte kurz nach der Hochzeit geschäftliches Malheur, das Bankhaus machte Bankerott und da nicht allein sem Vermögen, sondern auch seine geschäftliche Ehre dadurch ruinirt waren, mußte er in die neue Welt hinüber, eine neue Existenz beginnen. Getreulich hatte sie ihn überall hin begleitet und hatte d?n Kampf um's Dasein redlich mit ihm gkämpft. Ein lange in ihm schon ruhendes Lungenleiden brach bei diesem aufreibenden Ringen bei ihm aus und zu den traurigenVerhältnissen gesellte sich ein jährelanges Siechthum, das nach achtjähnger Ehe mit seinem Tode endete. An all die traurigen Ereigniss: dieser Ehe dachte sie, wenn sie so sinnend dasaß und trotzdem sie nunmehc wußte, daß jenes Wunderbare", auf dem das Glück jeder Ehe basirt, die alles verklärende, alles verschönend: Liebe, ihrem Bunde fehlte, trotz allen Trübsals, das die Ehe ihr gebracht hatte, fand sie jene Zeit der Kämpfe und Stürme dem jetzigen Zustandein dem sie sich befand, vorziehbar. Wenn sie das irgend jemand aus ihrer Umgegend verrathen hätte, man hätte sie des schnödesten Undanks für schuldig befunden. Hatte sie doch jetzt leine Sorgen mehr, für ihre leiblichen Jöebürfmlse ward bestens gesorgt.
Kycnlotiv
wahrend sie früher nicht selten darben mußte. Daß sie aber jetzt nach etwas Höherem darbte, nach dem Selbstbestim mungsrecht, daß es der dreißigjährig gen Frau, die dem Eiternhause ganz entfremdet war, nicht zusagte, jedes Dispositionsrecht genommen zu bekommen, wie einst als unwissendes, thörichtes Kind, daß sie sich nach Bethätigung ihrer Kräfte sehne, das käm ihnen durchaus nicht in den Sinn. Sie waren daher nicht wenig erstaunt, als die junge Wittwe ihnen eines Tages ankündigte, sie habe sich verlobt, verlobt mit einem Unbekannten. Mit einem Unbekannten?" Man glaubte fast, sie sei irre geworden. Jawohl, mit einem Unbekannten und zwar durch eine Zeitungsannonce." Und als ihr Vater wüthend aufspringen wollte, setzte sie ganz ruhig seit, ihm unerschrocken in's Auge sehend: Ich weiß nicht, weshalb ihr so erstaunt seid. Habt ihr mich das erste Mal nicht auch einemUnbekannten verlobt? Wußte ich damals mehr von ihm, als heute von meinem jetzigen Verlobten? Fürwahr weniger, denn über diesen habe ich mich erkundigt, und über jenen nicht. Damals war es eine Sünde, die ihr an mir begangen habt, über mich zu verfügen? ohne daß mein'erz gesprochen hatte, heute bin ich irgend eines Liebesgedankens durch ein zehnjähriges liebeleeres, vor der Zeit alterndes Leben nicht mehr fähig. Warum ich doch heirathe? Sicherlich nicht aus Liebe, nicht weil ich mich nach der Ehe sehne, sondern weil ich einen Lebensgefährten brauche, mit dem ich gemeinsam arbeiten, gemeinsam streben kann. Um mir selbstständig eine Existenz zu gründen, dazu bin ich durch meine Erziehung nicht vorbereitet, also muß ich jemand dazu haben. Da der erste Griff, den ihr ohne mich zu fragen für mich in die Schicksalsurne gethan habt,' ein unglücklicher war, habe ich beschlossen, ihn diesmal selbst zu thun, und ich habe es gethan. Vielleicht wird er besser sein als der eurige, viel schlimmer kann er keinesfalls werden, da ich jedenfalls keinem Mitgiftjäger mehr zum Opfer fallen werde. Mein Bräutigam weiß, daß ich nichts besitze, ec sucht eine Frau, die tüchtig wirthschaften und mit ihm arbeiten kann, ich einen Mann, der mir einen neuen Wirkungskreis sichert, wir geben uns beide keinen Illusionen hin, dazu haben wir zu viel und zu traurige Erfahrungen hinter uns." Als sie geendet hatte, entstand eine allgemeine Stille. Die Energie, mit der sie sprach, diz Logik ihrer Argumentation hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Zum ersten Male fühlten die Eltern so etwas wie Schuldbewußtsein über ihre eigenmächtige Handlung ihrer Tochter gegenüber, bisher hatten sie alle Schuld auf den Schwiegersohn gewälzt; nunmehr kam ihnen zum ersten Male der Gedanke, daß auch sie mit an der Verantwortung für das Geschehene trügen. Und als der Bräutigam ankam, da wurde er zwar nicht mit so festlichen Vorbereitungen wie sein Vorgänger, aber doch immerhin freundlich empfangen. War auch das Haus nicht festlich geschmückt und die Braut nicht im jugendlich weißen Kleide wie damals, flogen ihr auch keine brillantenen Schmetterlinge in ihr Stübchen und erstand vor ihrem Bette auch kein berauschendes Rosenparterre mehr, so spendete doch das bescheidene Blümlein Verständniß, das an Stelle der anspruchsvollen Herrlichkeiten von damals, Reichthum und gesellschaftlicher Stellung, sproßte, einen süßen Duft und wob zwischen hüben und drüben zarte Fäden, die sich zu einem dauerhaften Bande vereinigten. Der zweite blinde Griff in die Urne sollte diesesMal besser, glücklicher ausfallen. Sonderbares Werben.
Die Brautwerber des Landvolkes in Masuren, die namentlich im Herbst nach der Ernte mitAufträgen oft überhäuft sind, erfreuen sich größter Volksthümlichkeit. Ihre Geschäfte Pflegen sie an den Sonntagen zu erledigen. Sie erscheinen im höchsten Staat, suchen sich im Garten einen Kohlkopf und stcigen zu Pferde, um das Haus aufzusuchen, in welchem ihr ' Werbetalent entfaltet werden foll. Unterwegs läßt der Freiwerber den Kohlkopf von seinem Pferde auffressen und betritt nun erst das Haus der ihm von 'dem Liebhaber bezeichneten Schönen, wo sein Erscheinen meist freudiges Erstaunen hervorruft. Bald nach der Begrüßung knüpft er ein Gespräch an, um in dessen Verlaufe auf den angefressenen Kohlkopf mit den Worten hinzuweisen: Es ist eine Ziege in unseren: Garten gewesen und hat diesen Kohlköpf angefressen, nun habe ich sie gespürt bis hierher und will sie jetzt sehen." Sobald diese Worte gesprochen sind, lächeln Alle: wissen sie doch, um was es sich handelt. Die bewußte Dorfschöne verschwindet plötzlich, wirst sich in Gala und wird dann wieder herbeigeholt. Die Scherze über den beschädigten Kohlkopf werden jetzt wieder aufgewärmt. Nimmt sie dann den ihr überreichten Kohlkopf entgegen, so ist die Werbung als angenommen zu betrachten und die Hochzeit wird alsbald bestimmt. Während des ActeS der Trauung muß dann die Braut ihrem Eheliebsten auf den Fuß treten und beim Knieen auf seinen Rock sich, niederlassen, auch wohl beim Zusammenlegen der Hände ihre Hände nach oben bringen, dann hat sie während der Ehe daS Regiment, welches sonst dem Bräutigam, wenn er ihren Versuchen vorzukommen weiß, unfehlbar anheim yllt. :. .. -
Nraymanen-Weisycit. Von X Schilling. In den Salons des GeneralconsulS war Jour fixe". Draußen blies der naßkalte Decemberwind, drinnen, in den Räumen der Hausherrin herrschte ein wohliges Behagen. Die schöne, junge Frau saß an der rechten Seite des schmalen Marmorkamins, in dem eine kleine, lebhafte Gluth prickelnd knisterte. Die Unterhaltung stockte einen Augenblick. Sie hatte sich um die Tragödie gedreht, die sich im letzten Sommer in Genf abgespielt hatte. Ein junger Hauptmann vom Generalstabe war in Genf Augenzeuge der Aufregung über die verruchte That gewesen und schilderte sie mit dem wollüstigen Behagen eines Klinikers, der vor seinen Schülern die Einzelheiten eines int:ressanten Falles entwickelt. Er erzielte eine durchschlagende Wirkung. Alles schwieg vor Entsetzen oder Rührung. Durch die Glieder der schönen Frau flog etwas wie ein frostiger Schauer. Ihr tiefes, dunkles Auge starrte einen Augenblick in die dunkelrothe Gluth, wie durch eine Vision gebannt. Sah es dort die dreikantige, nadelspitze Feile an dem ungefügen, groben Holzgriff, die der Bube Lucchcni in das Herz der edeln Kaiserin gejagt hatte? Nach einer Weile duckte sie sich, schmiegsam wie ein junges Kätzchen, in die weichen Schwellungen des Fauteuils. Sie liebte die gruseligen Geschichten am Kamin. Das Gespräch setzte wieder ein. Der Herr Generalconsul, ein apoplektischer Fünfziger mit fleischrothen Fettpolstern unter den Augen, im Nacken und auf den schwerberingten Fingern, war der Meinung, die Regierungen müßten alle diese Tiger in Menschengestalt kurzer Hand niederknallen. Ein Commerzienrath stimmte für Deportation nach Neu-Guinea, ein junger Lieutenant war für Aufhängen oder Vergiften. ein Corvettencapitän wollte die ganze Anarchistenbande auf ein ausrangirtes Schiff packen und auf hoher See wie junge Katzen ersäufen. Und Sie, Herr Professor?" sagte die Hausfrau, indem sie sich an den Herrn wandte, der still, in sich gekehrt an der anderen Seite des Kamins saß und anscheinend theilnahmlos in die Gluth schaute. Es war- eine lange, schmale und doch sehnige Gestalt, mit einem bleigrauen, etwas müden Gesicht, über dem sich ein mächtiges, kahles Schädeldach wölbte. Er war erst vor kurzem von einer langjährigen Studienreise in Vorderindien zurückgekehrt und hatte einen Lehrstuhl für Völkerkünde an der Universität eingenommen. Ich?" fragte der Professor, wie aus einer Träumerei erwachend. Ja, Sie!" erwiderte die Hausfrau. Sie sind nebenbei Socialpolitiker. Glauben Sie, daß man diese Giftpflanze ausrotten kann? Und wie?" 3ch finde," sagte er nach einer kleinen Pause, daß man viel zu viel AufHebens um diese Bagatelle macht." Bagatelle?" echote es aus allen Winkeln zugleich, spöttisch, erstaunt, entrüstet. Jawohl, Bagatelle!" wiederholte der Professor. Wieviel Opfer hat denn dieser sogenannteAnarchismus in den 25 bis 30 Jahren seines Bestehens gefordert? Sagen wir fünf bis sechs Dutzend, gut gerechnet,' also nicht so viel, wie alljährlich in jedem gesitteten Staatswesen durch Mörderhand fallen. Und was sind denn die Adepten dieser Lehre für Leute? Entweder unreife, blutstrotzende Sanguiniker, betrogen von Betrügern, oder entnervte und blutleere Jammerexistenzen, aus dem dumpfen Brodem des Elends hervorgequollen. Alle aber sind sie Stümper des Verbrechens, Abe-Schü-tzen des Mordes. Nun aber stellen Sie sich einen Meister des Anarchismus vor, den ruhigen, klaren, zielbewußten Denker, der seine Lehre wissenschaftlich durchgearbeitet hat, der sich mit der Hartnäckigkeit eines philosophischen Kopfes zu einem System durchgerungen hat, und der mit der entschlossenen Kaltblütigkeit eines Eroberers daran geht, seine Ueberzeugung in die Wirklichkeit umzusetzen." Und was dann?" fragte der Legationsrath aus dem Auswärtigen Amt mit übertriebenem Nachdrück, um anzudeuten. daß die Sache in sein Resfort gehöre. Dann," fiel der Hausherr launig ein, dann giebt es eine Cafö-Erplo-sion ü, la Ravachol oder eine Eisen-bahn-Katastrophe ä la Borki, und drei Monate später sehen wir den Herrn Philosophen baumeln." Bitte, meine Herren", entgegnete der Professor, dann werden Sie nichts mehr sehen, denn wir alle werden überhaupt aufgehört haben, zu sehen. Wer dann noch lebt, wird entvölkerte Städte, wüste Landschaften, verödete Länder sehen, weiter nichts." Donnerwetter!" sagte der Lieutenant. Brr!" macht: der Generalconsul. Alles lachte. Die junge Frau warf einen unruhigfragenden Blick aus großen, überraschten Augen auf ihr Gegenüber. Und das hat Ihr Philosoph gethan?" fragte sie zögernd. Ganz gewiß!" Allein?" Ganz allein!" Darf man auch fragen, auf welchem Wege?" Auf dem Wege der Wissenschaft!" Na." fiel der beliebte, gesättigt dreinschauende Commerzienrath ein, der Kerl untersteht sich doch nicht etwa zu eristiren?" Warum nicht?" gab der Professor zurück. Sie haben eine Geschichte in petto, Herr Professor", sagte die Hausfrau, welche soeben die sarkastischen Falten an seiner Nasenwurzel bemerkt ZU haben glaubte. Schießen Sie loZ.
ES scheint ja etwaS recht AngenehmGruseliges zu sein, wie ich es liebe." Natürlich aus Indien", fügte ein Spötter hinzu. Allerdings", sagte der Professor. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Man hatte mir von einer uralten Brahmanensccte erzählt, die im äußersten Norden der Bombay - Presidency in klösterlicher Abgeschiedenheit eine Art von anarchistisch - communistischem Dasein führen sollte. Zur Vervollständigung meiner Studien brauchte ich unbedingt nähere Angaben über das Leben und die sozialen Einrichtungen dieser wunderlichen Heul gen, die von den Hindus die Hüt;r der Weisheit" genannt wurden, und da ich Niemanden hatte, der mich mit sicheren Angaben versehen konnte, so beschloß ich, mit der Eisenbahn hinzufahren, um wo möglich mit eigenen Augen sehen und urtheilen zu können. Einige Stationen hinter M.'hsana stieg ein Herr zu mir ein, dem ich trotz seiner eleganten Kleidung sofort ansah. daß er ein Hindu war und der Kaste der Brahmanen angehörte. Er machte den Eindruck eines Vierzigers; wenn man aber die tiefeinzckerbten, parallelen Runzeln seiner tühnvrspringenden Stirn allein betrachtete, so schien er mindestens zehn Jahre älter zu sein. Jedenfalls war er einer jener tiefen Denker, wie man sie unter den Brahmanen so häufig findet. Bald hatten wir uns in eine höchst fesselnde Unterhaltung eingesponnen. Er hatte in Bombay Medicin studirt und 'war dann nach Europa gegangen, um jctne Kenntnisse zu vertiefen und zu erweitern. Besonders hatte ihn die damals im Entstehen begriffene Bakteriologie angezogen. Er hatte unter Charcot und Pasteur in Paris experimentirt und auch zu den Füßen Kochs in Berlin gesessen, von dem er mit der größten Hochachtung sprach. Er verfügte überhaupt über eine ganz umfassende Bildung und beherrschte alle lzeroorragenden Cultursprachen mit derselben souveränen Sicherheit. Wir kamen natürlich auch auf die Pest zu sprechen, und ich fragte ihn, ob in diesen Gegenden bereits örkrankungsfälle constatirt seien. Er antwortete kurz: Nein, aber es wird schon kommen." Ich erwähnte auch scherzend, daß mehrere europäische Regierungen die Absicht hätten, (Srbebfc tionen zur Auffindung des Pestbaclllus auszusenden, worauf er mit einem kaum merklichen spöttischen Zucken um die wohlgeformten Mundwinke: antwortete. Als er von meiner Absicht hörte, die Weisheit der Brahmanen" an Ort und Stelle zu studiren. gab er mir aus der Fülle seiner Kenntnisse heraus mit der liebenswürdigsten Bereftwilligkeit überraschenden Aufschluß. Er war mit allen Einzelheiten dieser sonderbaren Lehre vertraut und entwickelte sie vor mir mit einet Klarheit der Gedanken und einer Wärme der Sprache, daß in mir die Vermuthung rege wurde, er möchte selbst dieser Secte angehören. Er gestand, früher ihr AnHänger gewesen zu sein, sich ab:r w.'gen der Consequenz der Lehre von den Weisen getrennt zu haben. Ihre Philosophie ging von dem bekannten buddhistischen Grundsatze aus, daß die Existenz des Irdischen eine Strafe zur Abbüßung sei und daß die Veranlassung zur Existenz in den schlechten Werken der Menschen liege. Alle schlechten Werke aber, so argumentirten sie weiter, sind lediglich eine Folge des persönlichen Eigenthums. So lange es noch keinerlei Besitzthum qab, herrschte in der Welt das goldene Zeitalter. Der Mann, der das Wort Eigenthum" zuerst ausgesprochen hat, hat den Keim zu allen Sünden und Lastern in die Menschheit geworfen. Haß, Neid, Zwietracht, Geiz, Ungehorfam, Völlerei, Unzucht, Diebstahl, Mord alles wurzelt im persönlichen Besitz. Man schaffe diesen ab, und die Menschen werden, von allen Schmerzen des Daseins befreit, das Leben von seligen Geistern führen. Und haben die Hüter der Weisheit" ihre Theorie in die That umzusetzen versucht?" fragte ich. Für den beschränkten Kreis der Weisen" allerdings", antwortete der .Brahmane. Darüber hinaus aber denken sie nicht. Und darin liegt eben das Unfruchtbare, das Unzulängliche, das Halbe ihrer Lehre. Ihre Weisheit bedeutet nichts, so lange sie vor dem entscheidenden Schritte Halt macht. Was ist Meditation, ohne die Kraft und den Willen zum Handeln!" Sie selbst meinen also," warf ich ein. man müßte an die Abschaffung des Besitzes gehen?" Unbedingt! Sonst eilt die Menschheit mit Riesenschritten dem sittlichen Untergange entgegen." Dieser Schritt dürfte nicht ohne einige Schwierigkeiten sein," erwiderte ich lächelnd. Sie sind nicht unüberwindlich," fuhr er ruhig fort. Sie liegen lediglich in der Masse. So lange es fünfhundert Millionen Menschen oder mehr auf dem Erdball giebt, von denen obendrein neun Zehntel Kümmerer sind, läßt sich schwerlich etwas erreichen. Aber mit fünfzig Millionen, und zwar geistig und körperlich Auserlesenen, läßt sich unschwer eine Verständigung erzielen, meine ich." Und was soll man mit den übrigen 450 Millionen machen?" Vernichten!" sagte der Vrahmane mit unerschütterlichem Gleichmuthe. Ich sah ihn nicht ohne Betroffenheit an. War das ein Verrückter oder ein Verbrecher? Damit dürfte es noch lange Weile haben," sagte ich aufstehend. denn mir wurde unbehaglich in der Nähe dieser Weisheit. So lange," ergänzte er, bis sich der Eine findet." . .Der Eine"
Ein Weiser vermag mehr, als tau
' send Thoren," sagen die Hmdus." Die Möglichkeit zuzugeben, glau ben sie wirklich, daß sich ein Scheusal finden könnte, das ..." Scheusal?" unterbrach er mich mit einem leichten Flackern der Stimme. Der beste Wohlthäter der Menschheit ein Scheusal? Glauben Sie mir, wenn der Eine kommt, wenn er seine Mission erfüllt, so wird er mehr sein, als Buddha, als Zoroaster, als Mohamed. als Christus. Die Menschen werden ihm Tempel erbauen, ihm Statuen und Altäre errichten, er wird der Gott der Götter sein." Ich sah, wie eine große Erregung sich seiner bemächtigt hatte, und konnte nicht umhin, einen Blick der Bewunderung auf den Weisen zu werfen. Einige Augenblicke später hielt der Zug vor einem kleinen, schmucken Stationsgebäude. Wir waren am Ziel. Als ich ausgestiegen war, ließ ich mich von einem Hinduknaben in das einfache Gasthaus des Ortes führen. Der Brahmane, von dem ich mich mit innigern Danke herzlich verabschiedet hatte, schlug eine Seitenstraße ein und war bald meinen Blicken entschwunden. Am nächsten Morgen trat RegenWetter ein, das mich zwang, die Reise zu den Hütten der Weisheit", die ich zu Fuß oder zu Wagen fortsetzen mußte, zu verschieben. Als ich am dritten Tage nach meiner Ankunft von einem größerem Ausflüge in die Umgegend nach Hause zurückkehrte, bemerkte ich, daß sich eine ungeheure Errcgung aller Hausgenossen bemächtigt hatte. Sie standen in Gruppen und sprachen hastig auf einander ein. Ihre Mienen und Gesten verriethen, daß sich etwas Furchtbares ereignet hatte. Auf meine Frage erfuhr ich, daß die Beulenpest in dem Dorfe ausgebrochen sei, zum ersten Male feit Menschengedenken, und daß bereits sechs Personen dem schwarzen Tode" zum Opfer gefallen seien. Gegen Abend verließ ich meine Wohnung und wanderte durch die Straßen, entschlossen, am nächsten Morgen abzureisen, da das Wetter sich gebessert hatte. Auf meinem Wege entging mir die eigenthümliche Unruhe nicht, die sich des ganzen Ortes bemächtigt hatte. Männer, Frauen und Kinder standen an den Thüren oder mitten auf den Straßen,' schrieen übermäßig laut, gesticulirten mit energischen Bewegungen, kurz, offenbarten eine Erregung, wie ich sie bei den meist apathischen Hindus noch nie gewahrt hatte. Wenn ich durch ihre Gruppen hindurchging, schwiegen sie plötzlich und traten hastig zur Seite; ich konnte nicht entscheiden, ob aus Ehrfurcht oder vor Schrecken. Als ich in eine enge Seitenstraße einbog, sah ich. wie ein mächtiger Stein dicht neben mir niederfuhr. Ein zweiter und dritter folgten, ein furchtbares Geschrei von vielen erregten Stimmen ertönte, hinter mir. Ich hörte Schritte von Verfolgenden. Es galt mir, ohne Frage. Vereinzelte Ausrufe, die ich deutlich verstand, sagten mir. daß ich für den Urheber ihres Unglückes galt. Ich war der einzige Fremde im Dorfe, ich kam aus Bombay, ich hatte die Pest mitgebracht! Das war es! Ein Blick auf meine Verfolger belehrte mich, daß jeder Widerstand vergeblich war, nur die Schnelligkeit konnte mich retten. . Die Angst beflügelte meinen Fuß, ich jagte wie der Sturmwind dahin. Da plötzlich tauchten auch vor mir wild erregte Gestalten auf, die aus einer Nebenstraße hervorstllrzten. Ich war verloren! Ich stehe vor einem kleinen, sauberen Häuschen. Die Thür ist offen ich springe hinein vor mir steht der Brahmane. Mit fliegender Brust, mit keuchendem Athem erkläre ich ihm in abgerissenen Worten meine unselige Lage, auf meine Feinde weisend, die inzwischen schreiend, kreischend, drohend vor dem Hause erschienen waren. Er lächelte mit einer unsagbaren Ruhe in Ausdruck und Haltung, legte beruhigend die Hand auf meine Schulter und trat auf die Straße hinaus. Ich hörle seine klare, laute, ruhige Stimme. Der Lärm verstummte augenblicklich. Als er zurückkehrte, sagte er zu mir: Obwohl ich Ihnen dafür bürge, daß Sie ungefährdet in das Gasthaus zurückkehren können, möchte ich Sie doch um die Ehre Ihrer Gastfreundschaft bitten." Ich nahm das Anerbieten mit Dank an und verbrachte einen Theil der Nacht in der Gesellschaft eines der scharfsinnigsten Denker und Gelehrten, die ich kennen gelernt habe. Welch eine Fülle von Empfindungen, Anregungen. Aufklärungen und Kenntnisfen verdanke ich diesem außergewöhnlichen Manne! Als ich' am nächsten Morgen zu frühester Stunde erwachte, sah ich. wie der Brahmane durch den Garten einem kleinen, abseits gelegenen Häuschen zuschritt, das er mir am Abend von weitem gezeigt und als sein Laboratorium bezeichnet hatte. Neugierig, wie ich geworden war, beschloß ich, ihn dort aufzusuchen. Als ich herangekommen war, sah ich durch das geöffnete Fenster. wie er inmitten einer Unzahl von Gläsern. Flaschen, Retorten, Mikroskopen und anderen Jnstrumerncn hantirte. Nach einer Weile wurve er meiner ansichtig und stutzte einen Augenblick, dann lud er mich ein, hereinzutreten. Sie mögen es immerhin sehen", sagte er gelassen. Aber rühren Sie, bitte, nichts an. Hier brütet der Tod. Die Räthsel, die Ihre Wissenschaft in Europa nur erst dunkel ahnt, sehen Sic hier gelöst. Dieses Fläschchen hier enthält Reinculturen von Bacillendes typlms icterodes, der das gelbe Freder hervorbringt. Von ganz bedeutender VernichtungUraft, aber nur aus der westlichen Hemisphäre wirksam.
DieS ist barillus cholerae aslaticup, ebenfalls Reincultur auf Gelatine. Gleichfalls hervorragend in Kraftentfaltung und Wirkung, aber nicht anhaltend, verliert allmählich an Energie bis zur gänzlichen Erschöpfung des Virus. Und dieses hier," fuhr er nach einerPause fort, nbem er ein kleines. schmales Gläschen in die Hnd nahm und prüfend gegen das Licht hielt, dies ist der Beulenpestbacillus, das Resultat meiner eigenen vieljährigen Forschung, also sozusagen mein eigenes Geschöpf. Man sollte es die Weisheit des Brahmanen" nennen mir zu Ehren. Es ist der bacillus bacillorurn von unverwüstlicher Energie, von unbegrenzter Vitalität, von geradezu wunderbarer Contagiosität. Nach meiner innersten, auf langen, sorgfältigsten Untersuchungen und Experimenten in corpore vili beruhenden Ueberzeugung ist er gegen jede Art von Prophylaxis und Therapie absolut gefeit, auch impfungssicher. Glauben Sie mir, daß dieses Fläschchen genügt, um in kurzer Zeit aus London eine unscheinbare Provinzialstadt zu machen? Aber beruhigen Sie sich", setzte er lächelnd hinzu, als er die ängstliche Betroffenheit auf meinem Gesichte bemerkte. Die Weisheit 'des Brahmanen ist da, aber noch fehlt der Eine", der sie auf die Gassen trägt." Einige Monate später stand ich am Quai des Hafens von Bombay. Ich hatte einen Freund dorthin begleitet, der mit der City of London" nach der Heimath fahren wollte. Plötzlich bemerkte ich in dem Strome der Passagiere, die sich nach der Landungsbrücke drängten, meinen Brahmanen. Als er meiner gewahr wurde, kam er erfreut zu mir heran und begrüßte mich mit aufrichtiger Herzlichkeit. Sie wollen verreisen?" fragte ich. Nach Europa", antwortete er. Vielleicht komme ich auch nachDeutschland." Was bringen Sie denn meinen Landsleuten Gutes?" fuhr ich heiter fort. Vielleicht die Weisheit des Vrahmanen," sagte er mit Nachdruck, schüttelte meine Hand und schritt über die Brücke auf das Verdeck des Schiffe. Ich begleitete in meinen Gedanken den Dampfer, der an den Küstenstädten Indiens, Persiens und Arabiens anlegen sollte. Heute ist er in Karachi", dachte ich eines Morgens. Genau vier Tage darauf brachten die Bombay News die telegraphische Nachricht vom Ausbruch der Beulenpest unter den Lastträgern im Hafen von Karachi. Ich faßte an meine Stirn. War ich bei Sinnen? Kurz darauf, genau drei Tage nachdem die City of London" den Hafen von Gwadar verlassen haben mußte, hieß es: Die Pest ist in Gwadar. Dieselbe Nachricht aus Maskat, endlich aus Aden. Das Blut erstarrte in meinen Adern. Ich las keine Zeitung mehr, ich fürchtete, den Verstand zu verlieren oder ihn schon verloren zu haben. Ein Bekannter traf mich auf der Straße. Haben Sie schon gehört?" sagte er hastig. Die Pest ist in's Rothe Meer eingedrungen. Die City of London" hat sie verschleppt. Uebermorgen ist sie in Suez... " Weiter, weiter!" sagte die Hausfrau, als der Erzähler plötzlich schwieg. Ihre Stimme zitterte, ihre Wangen waren tief geröthet, ein dunkelglühender, langer Blick aus weit geöffneter Pupille hatte sich in das Auge ihres Gegenübers gebohrt. Meine Geschichte ist zu Ende, gnädige Frau." Aber," versetzte sie mit einem allerliebsten Schmollen. Sie haben uns um die Pointe der Geschichte gebracht. Was ist aus der Weisheit des Brahmanen" geworden?" Na, einfach", sagte der Generalconsul. Der Brahmane hat vergessen, die Handschuh anzuziehen und hat sich selbst angesteckt." Oder die Weisheit desBrahmax.en" ist in's Rothe Meer geplumpst und elendiglich ertrunken", witzelte der Lieutenant selbsibefriedigt. Ich denke", fiel die junge Frau lächelnd ein. darüber wird uns der Herr Professor selbst am besten Aufschluß geben können. Sie sind doch unserem Brahmanen noch einmal begegnet?" Sie haben e3 errathen, gnädige Frau. Vor. vier Wochen, auf meiner Palästinafahrt, zur Einweihung der Erlöserkirche, habe ich ihn in Kairo getroffen." Wirklich? Das ist allerliebst!" Und wollen Sie wissen, wo? In einem Kaffehause auf der Esbekieh. wo er in Gesellschaft seiner kleinen Frau, einer klugen, bildschönen, reizenden Griechin, seinen Mazagran schlürfte. Er ist einer der renommirtesten Aerzte Kairos geworden." Aha!" rief alles wie auö einem Munde. Das war ja vorauszusehen", setzte der Commerzienrath verdrießlich hmzu, indtm er aufbrach. Die Geschichte dauerte ihm zu lange. Er hatte eine Verabredung, cn petit comitd. Die Anderen folgten, da es mittlerweile recht spät geworden war. AI sicy der Professor an der Thür von der jungen Frau verabschiedete, flatterte sie mit einem schelmischen Lächeln um die Mundwinkel: 9 Habe ich recht verstanden? Die letzte Weisheit des Brahmanen lst . . . die Liebe?" Sie ist der Anfang und das Ende aller Weisheit", erwiderte er, indem er seine vollen, warmen Lippen mit Inbrunst auf ihre Hand preßte. JmZweifel. Geldwechsler: Was haben Sie dem lästigen Menseln aus meiner Heimath, dem Jppeles, gesagt, als er nach mir frug?" ComnnS: Sie seien cjtrade im Bad!" Geldwechsler: .Hat 'S glaubt?-
Unerwartete Wirrung. Der Schnellzug fuhr eben ein. Eine Unmasse von Menschen wühlte und wogte durcheinander, denn zu dem bevorstehenden Feste wollte Jeder nach der Heimath gelangen. Man ahnte schon, daß es wieder eine Uebcrfüllung geben würde, wie immer an solchen Tagen die ganze Betriebsverwaltung jagte auf dem Perron hin und her Alles commandirte und schimpfte durcheinander es. ist ein Jammer, an solchen Tagen reisen zu müssen! Nun war der Zug angekommen, und der eigentliche Schrecken begann. t 1., 2., 3., 4. Klasse," wurde durcheinander geschrieen, Coup6thüren wurden aufgerissen. Jeder wollte sich mit Gewalt einen Platz erobern. Alles überfüllt! Was, kein Platz mehr?" Schnell, schnell, wir haben schon Verspätung," schimpfte der Schaffner und war wieder verschwunden. Die beiden Reisenden konnten sich noch immer nicht beruhigen, da war der Zug schon wieder im Fahren. Man steht ja hier direct auf der Plattform," brummte der Erste, es ist ein Skandal!" Das lassen wir uns absolut nicht gefallen," bestätigte der Andere, wir beschweren uns auf der nächsten Station." Selbstverständlich, College." betheuerte der Erste wieder, es ist ja unglaublich!" Und nun machten sie ihren Herzen Luft, bis der Zug wieder auf der Station stillstand. Schaffner, das Beschwerdebuch!" Das große Ding wurde gebracht und nun schrieb der Aelteste von den beiden College ein langes Jammerlied hinein: Die Bahnverwaltung sollte doch an solchen Tagen mehr Wagen anhängen sie hätten Beide direct auf der Plattform stehen müssen das ginge doch nicht, da müßten doch Abänderungen getroffen werden, u. f. w. Der kurze Aufenthalt reichte nicht aus. um all' den Groll zu notiren. den sie in sich trugen, die Locomotive hatte schon wüthend gepfiffen, als das Buch endlich zugeklappt wurde. Acht Tage waren vergangen, und die Bahnverwaltung hatte nichts von sich hören lassen. Nach vierzehn Tagen endlich kam ein Schreiben, welches den obrigkeitlichen Stempel trug. Es wurde natürlich sofort aufgebrochen, und da stand geschrieben: Da der Aufenthalt auf der Plattform während der Fahrt verboten ist, so sieht sich die unterzeichnete Direction genöthigt, die auf beiliegendem Strafzettel angeführten beiden Herren zu je 3 Mark Geldstrafe zu verurtheilen. Die Betriebsverwaltung. X."
Blitzableiter. Eine Stammtisch - Gesellschaft alter Herren unterhält sich über das Thema Gardinenpredigt", ohne doch über den Austausch gemachter Ersahrungen hinauszukommen. Ach was Gardinenpredigt," meint plötzlich Einer. das gibt's bei mir nicht. Nach einigen Krachs" kam ich auf folgenden Einfall: ich legte mich schleunigst zu Bett und spannte über mir einen Regenschirm auf. Meine Alte, die grad anfangen wollt' zu räsonniren, stuht. Na. was soll denn das!" fragte sie. O nichts, sag' ich, aber wer weiß denn, ob nicht ein Donnerwetter kommt... Seit der Zeit sagt sie kein Wort." Das ist noch gar nichts," ruft ein an-' derer Stammtischler. Wenn ich nach Haus' komm' und meine Alte will raunzen, dann leg' ich ihr ein sauberes Blattl Papier hin und 'nen Bleistift dazu. Geh' Alte, fag' ich. heut versteh' ich doch, kein Wörtl von Deinem interessanten Vortrag. Sei so gut und schreib's mir auf, dann kann ich's doch morgen beim Frühstück mit Verständniß lesen ... . Aber was meinen Sie. daß sie thut? Nix thut sie und kein Wörtl sagt sie! Das Schreiben ist halt so 'ne Sach' und so hab' ich meine Ruh." Daö Kabinetstülk. Gerade als er am modernsten" war. starb Maler Ovenhagen. Natürlich veranstaltete ein bekannter Kunsthändler eine Auktion der nachgelassenen Werke und eine große Menge kunstsinnigen Publikums drängte sich am Auktionstage im Atelier des verewigten Meisters". Den Mittelpunkt des Interesses bildete ein ganz kleines Bildchen von j großartiger Realistik der Ausführung als auch des Stoffes; es stellte nämT?rfi mit hrtrfMiW T?nhirmslfrfeit eine todtgeklatschte Fliege dar! Baron Schnodcl ward um eine bedeutende Summe Erstehe? des Kabinetstücks und voll Stolz ließ er es in seinen Salon bringen, wo es auf einer Staffelei ins beste Licht gerückt wurde. Als Baron Schnodel am nächsten Morgen den Salon betrat, erbleiLZte er vor Schrecken: Sein Diener stand eben bei dem Bild und wollte mit einem Messer daran etwas machen. ,- Was willst Du denn da thun?" herrschte ihn der Baron an. Der Diener aber lächelte und antwortete: O nichts! Herr Baron, ich will da von der schönen Leinwand nur ein bisserl was weg kratzen; da hat ja Jemand eine Fliegedarauf zusammengctätscht!" Und so war es auch! . Merkwürdige TodesUrsache. Wie ist denn das gekom men, daß Ihre Schwiegermutter t so schnell gestorben ist?" . Das ist eine merkwürdiae Geschichte. Sie ließ sich vom Zahnarzt eine Goldplombe machen, wobei sie eine Stunde nicht reden , konnte, und da hat sie sich todt t schwiegen."
