Indiana Tribüne, Volume 22, Number 103, Indianapolis, Marion County, 1 January 1899 — Page 7

Jugend. Von Carl Bulcke. Wir lassen unsre Wünsche schweifen. Wir lassen unsern trunknen Sinn Getrost nach goldnen Sternen greifen Und lachen sorglos vor uns hin: Das Leben ist so voll er Gnade,, Und aus der Ferne lockt das Glück, Wir wandern selig unsre Pfade, Und keiner schaut den Pfad zurück. Doch wie die hellen Stunden gleiten Und stetig wächst der Wünsche Zahl, Erschrickt im schnellen Vorwärtsschreiten Die junge Seele auf eimnal: O weh, wir sind zu weit gegangen. Wir träumten, und wir wurden wach! Die Seele faßt ein tiefes Bangen, Wo winkt im dunkeln Wald ein Dach? TE3II?! PASSATI.

Von Wilma Lind he. Das Licht von der Gaslaterne v.u dem Hause fiel auf die Wände, die Decke und verschiedene Gegenstände, während andere im Dunkeln blieben. Die ganze Wohnung war noch finster auch still, wenn man den Laut leichker, trippelnder Schritte abrechnete, die über den Teppich des Salons glitten. Ratsch! Ein Streichhölzchen entzündete sich, und nicht lange, so brannten die zwölf rosa Kerzen in dem krystallenen Kronleuchter, das scharfe Profil und die hagere Gestalt Tante Loitchens" hell erleuchtend, wie sie da stand, den Wachsstock in der Hand, währcnd ihr Blick prüfend im Zimmer umherglitt. Nein, es konnte in Wahrheit nicht besser sein! So viele Blumen, so viele schöne Sachen überall, und wie neu. fast möchte man sagen: wie jung alles hier aussah! Ein unfreiwilliger Seufzer glitt über Tante Lottchens Lippen, während sie die Lampen und Kandelaber anzündete. Hell sollte es hier sein und so festlich wie möglich, das war für sie Ehrensache. So, nun war die ganze Wohnung erleuchtet. Der Salon, das Eßzimmer, die Wohnstube und die Stube dcs Hausherrn. Sogar in dem Schlafzimmer herrschte ein geheimnißvollesDämmerlicht, verbreitet durch die rosafarbcne Ampel unter der Decke. Tante Lottchen kannte jeden Winkel; jeden kleinen Gegenstand in diesem Hause, das zu ordnen und einzurichten, sie geholfen hatte, und nun hatte sie das Hochzeitshaus vor allen anderen verlassen, um hierher zu eilen, die Lichier anzuzünden und sich noch einmal zu überzeugen, daß alles zum Empfang des neuvermählten Paares bereit sei. Wie blank und schön und neu war alles, vom Silberzeug auf dem Büsfet bis zu dem Kochgeschirr in der Kii ehe. So hätte auch einmal vor langer Zeit nein, sie wollte nicht daran denken. Jetzt mochten sie kommen! Wenn sie sich hier an's Fenster setzte, konn:e sie den Wagen um die Ecke biegen schen. Wie wunderbar, daß die kleine Thyra, ihrer Schwester Tochter, die sie unzähligem! auf den Armen getragen hatte, hier als Hausfrau walten sollte! Wie wunderbar, daß dieses Kind unselbstständig, gedankenlos und ausgelassen wie sie war, das Herz eineZ Mannes so ganz in Fesseln hatte schlagen können! Und vielleicht war es doch nicht so gar wunderbar! Wie weiblich, wie gut, wie frisch war sie. der Liebling aller und was ihr noch fehlte, würde die Liebe sie lehren. War das nicht ein Wagen? Ja wohl! Doch er rollte vorüber. Tante Lottchen setzte sich wieder hin, einen besorgten Blick auf die vielen Kerzen wersend, die für sie allein brannten. Es war eine gar seltsame Zeit für Tante Lottchen gewesen, diese letzten Monate, in denen sie mit der Ausstattung der Nichte und der Einrichtung des neuen Heims beschäftigt gewesen war. Thyras Mutter war kränklich und von ihrem großen Haushalt und ihren vielen jüngeren Kindern vollstand:g in Anspruch genommen, so daß es als ganz selbstverständlich galt, saß Tante Lottchen, wie sie fast von allen genannt wurde, die mit ihr in Berührung kamen, und die in dem Ruke stand, ganz außerordentlich praktisch zu sein, behilflich war, Einkäufe zu machen, Rathschläge zu ertheilen, die Sachen anzufertigen, alles zu bestimmen und zu ordnen. Erst jetzt als alles fertig war, fühlte sie recht, wie müde und überarbeitet sie war. Aber es war ja ein Lebenszweck gewesen, etwas, das ihre Zeit und ihre Gedanken ausgefüllt hatte. Wenn es nur nicht auch die alte Wunde wieder aufgerissen hätte. Sie stand hastig auf und befand sich unversehens vor einem der großen Wandspiegel, aus dem ihr Bild v)n Kopf zu Fuß ihr entgegentrat. Ja, so sah sie jetzt aus! Das Haar ergraut, die Wangen eingefallen und farblos, die Gestalt hager und eckig. Das modernisirte graue Seidenkleid kam gar nicht zu seinem Recht bei ihrer hageren Figur, die alle Fülle und alle Elastizität eingebüßt hatte; die Blumen. die sie im Haar und vorn im Kleide trug.hoben ihr verblichenes Aussehen nur noch mehr hervor, und hier in diesem jungen Heim, von ahnungs- , vollem Glück gleichsam durchhaucht, fühlte sie sich noch älter, noch einsamer als je zuvor. So glücklich werden zu können wie Thyra! Die Schwelle des eigenen Heims an der Seite eines geliebten Mannes überschreiten zu dürfen! Wie groß! wie herrlich! Und dem Allen enlsagen zu müssen, gerade wenn man dem Glück so nahe r?ar! Konnte ein Mensch 'ein solches Leid tragen, es überleben? O ja, sie selbst hatte es ja gemußt!

Auch sie war schön gewesen, sehr schön so sagte man und Braut. Es war jetzt so lange her, daß Niemand als sie selbst noch daran dachte. Eines Abends, als Thyra und ihr Bräutigam sich gar nicht trennen zu können meinten, hatte ein Gefühl namenloser Bitterkeit sie überkommen, das sie veranlaßte, ihnen zu sagen, auch sie sei einstmals geliebt worden, .habe so heiß und innig geliebt wie sie. ' Aber hatten sie ihr geglaubt? Nicht genug, daß sie mitleidig gelächelt hatten, sie hatten auch erklärt, niemand habe je so geliebt wie sie niemand werde je so lieben können. Tante Lottchen lächelte ihrem Spiegelbilde zu ein wehmüthiges, halb träumerisches Lächeln. Ja, so wie sie jetzt aussah, vermochte wohl niemand es zu glauben, aber auch sie hatte ihren Lenz gehabt und war selbstlos, treu und innig geliebt worden. Genügte diese Erinnerung nicht fürs Leben? Ja, so hatte sie bisher gedacht und that es wohl auch noch aber sie hätte heute Abend nicht herkommen, nicht helfen dürfen, das Heim für das junge Paar einzurichten es hatte so viele schmerzliche Erinnerungen wachgerufen. So hatte vor fünfunddreißig Iahren ein Heim bereit gestanden, sie aufzunehmen. Nicht so prachtvoll vielleicht, aber nicht weniger traut und von liebender Hand geordnet. Ein ganzes Jahr lang hatte sie an ihrer Ausstattung gearbeitet und sich gefreut ach und wie sehr! so oft ein Stück fertig geworden war. Jetzt lag das meiste davon im Wäscheschrank der jungen Frau sie selbst hatte ja keine Verwendung dafür gehabt. Eine Woche eine kurze Woche nur vor der Hochzeit hatte ihr Bräutigam, sich eine Erkältung zugezogen, und an demselben Abend, an dem sie die seiniae hätte werden sollen, saß sie an seinem Sterbebett. So nahe war sie dem Glück gewesen so nahe, als es mit einem Schlage vernichtet, alles ihr entrissen wurde! Ein eigenes Heim wurde ihr nie zutheil, nur ein Unterschlupf in demjenigen ihrer Schwester, wohin sie sich flüchten konnte, wenn die Kinder sie zu sehr ermüdeten. Eine Hilfe war sie ihrer Schwester und vielen An dern gewesen daher mochte es wohl kommen, daß man sie für so praktisch hielt und so waren die Jahre unter stiller Resignation und viel Arbeit verstrichen. Arbeit für ar.dere, niemals für sich. Es waren die Kinder anderer, die sie in ihren Armen wiegte, d'e Sorgen anderer, die sie trug, die Freuden anderer, die sie theilte. Sie selbst besaß nichts als eine Erinnerung. von der zu sprechen jetzt da sie so alt war ihr lächerlich erschien. Ohne ein eigenesHeim war sie zwischen vielen Heimathstätten hin und her gegangen, und die Arbeit, die man hier nicht selbst thun mochte, hatte sie auf sich genommen. Thyras Verlobung war eine Freude selbst für sie. Was hatte sie doch für einen prächtigen, tüchtigen und braven Mann bekommen, die wilde kleine Hummel! Einen Mann in der Vollkraft seiner Jahre, stark im Lieben und stark im Handeln keinen Liebhaber nur, dessen Liebe nach den Flitterwochen erkaltet, mit ihnen zu Ende geht. Gar Viele wunderten sich darüber, daß das junge Paar keine Hochzeitsreise machte, was die gute Sitte" ja doch heutzutage fordert; sein Dienst aber erlaubte es nicht, auch wollte er es nicht. Gerade das, sein junges W:ib direkt in das liebe, so lange ersehnt: Heim einführen zu dürfen, erschien ihm der Höhepunkt irdischen Glücks. Der Wagen! Der Wagen! Er hielt ja sckon vor, ehe Tante Lottchen es bemerkt, versunken wie sie war in Erinnerungen und Gedanken. Sie hörte das Klirren des Schleppsäbels auf den steinernen Stufen der Treppe, sah die blanken Knöpfe der Uniform blinken, dann eilte sie hinaus, die Neuvermählten in dem hell erleuchteten, mit Blattpflanzen dekorirten Vorraum zu cmpfangen; denn um alles in der Welt hätte sie der Freude nicht verlustig gehen mögen, Zeuge ihres Eintritts'in das eigene Heim zu sein, zu hören, was Thyra, was sie beide sagen würden. ihre Freude zu sehen, ihr Glück zu theilen. Ja, da kamen sie! Er, den Arm um sie geschlungen, sie stützend, fast in das Heim hineintragend, das seine Liebe ihr bereitet hatte. Eine weiße, wogende Wolke von Seide und Tüll, ein Myrthenkranz. rosige Wangen und Lippen, feuchtschimmernde, freudestrahlende Augen Tante Lottchen sah nicht mehr. . . Wie tin Schatten glitt sie hinein, um die Balkonthüren zu schließen, und schlüpfte dann durchs Eßzimmer in die Küche, wo das Madchen saß, nur darauf wartend, die junge Herrin begrüßen zu dürfen. Nein, niemand sollte ihnen jetzt in den Weg treten, niemand. Allein tr.it einander sollten sie bleiben, die beiden, in diesem Augenblick, wo das Leben die reichste Fülle seiner Gaben und Verheißungen über sie ausschüttete. Wird auch liefe Stunde einst nur eine Erinnerung sein, sie wird doch einen lichten Abglänz werfen auf die dunklen Tage der Zukunft. Immer v r o 5 i g. Hausdame: Wir haben großes Unglück unser Sohn ist gemüthskrank -gewor-den." Besuch: Ach, der arme Junge!" Hausherr: Nu, nu, wir haben ihn in eine Irrenanstalt ersten Ranges gebracht." Vorsorglich. Professor: Kellner, wenn ich nachher das Local verlasse, sagen Sie zu mir: Herr Professor. Sie haben Ihren Schirm ver-cjss'.!"

Werken.

Von Hanna Brandenfett.' Ein prunkvolles Souper. Viele Gänge, viele Weinsorten, viele Toaste vieles, was glänzt und blitzt: Uniformen Brillanten schöne Frauenaugen uno mitten darunter ein strahlendes Brautpaar. Letzteres nur Aug.e und Ohr füreinander trunken vor Glück. Herr und Frau Bankier Wiedemann mit etwas süßsaurer Miene und nicht ganz unberechtigtem, heimlichem Groll gegen das Schicksal, bemühen sich redlich. eben diesen Groll ihren lieben Gästen nicht zu verrathen. Eine große Freude ist ihnen diese Verlobung nicht, denn wenn zwei Leute sehr von unten herauf in Achtung und Ehren zu hochangesehenen Millionären aufgerückt sind und nur einen einzigen goldguten Jungen besitzen, dem des Kaisers Rock prachtvoll steht, dann können sie doch wohl Ansprüche in Bezug auf eine Schwiegertochter machen und sich vom guten und schönen das Beste aussuchen wenigstens denken Bankier Wiedemanns so! Wenn die Braut nun schon nichts hat", denn soll sie doch eine Gräfin oder doch wenigstens" eine Baroneß seinl Aber nein! Eigentlich unerhört! Sie. die reichen, angesehenen Wiedemanns und eine Gerda Dreher! Eines simpeln Philologen Tochter Philologen verkehren überhaupt nicht bei Wiedemanns. Gerda Dreher! Wenn sie wenigstens von Dreher hieße, aber auch das nicht-einmal! Freilich, wenn sie ihren Einzigen nicht so lieb hätten nie und nimmer wäre aus der Sache etwas geworden, aber so? Papa Wiedemann schlürft langsam seinen Sekt und guckt über den Rand der feinen Krystallschale nachdenklich nach dem Brautpaar hin aber so? Der Junge hätte sich womöglich eine Kugel vor d,n verliebten Kopf geknallt heutzutage wo wir schon so weit sind, daß Gymnasiasten sich aus Liebesgram erschießen wie soll's da einem flotten Lieutenant auf eine Kugel ankommen freilich, da mußte man schon ein Auge zudrücken oder gleich beide Gerda Dreher! Da sitzt der kleine GlücksPilz! Mit dem Apfelblllthenteint, dem üppigen gewellten Flachshaar und den blauen Augen wie Flachsblüthen ein Auge wie die blaue Blume des Glücks", hatte Ernst gesagt. Einige Stunden später umfluthei statt der elektrischen Flammen mildes Mondlicht die junge Braut. Jfla, jetzt sei so gut und geh' schla sen," schilt gutmüthig Tante Pauline, ihr Federbett durch energisches Klopfen in die. richtige Lage bringend, du wirst mir sonst noch mondsüchtig." Tante Pauline ist zwölf Jahre älter als Gerda und ihrem Ausspruche nach Wirthin und Anstandswauwau" im Hause ihres Bruders, des Herrn Doctor Dreher. Ach Tante Paulchen! Ich bin zu zu zu glücklich." Na, das gibt sich wieder," kommt es trocken unter dem Federbett hervor, wenn er dir wenigstens nicht Perlen geschenkt hätte! Ich kann mir nicht hei fen Perlen bedeuten Thränen! Ich schwärme für Fuchsien mit Brillanten als Thautropfen wenn so einer wie dein Nabob mich um Rath fragt aber er war wie erpicht auf die Perlen, sie paßten am besten zu deinem Engelsgesucht! Verliebter Schnack! Und gute Nacht!" i Ein helles Jubellachen kommt vom Fenster her. Nein, Paulchen! Du mit deinem Aberglauben! Perlen, ach! Ich liebe Perlen so sehr und sür mich werden sie nur Freudenthränen bedeuten übrigens ist das alles Unsinn! Aberglauben!" Na, na! Wollen alles Gute 'hoffen," gähnt Pauline, ich habe gestern im Traume immerfort Aepfel und Birnen gesehen, das bedeutet Unglück," unkt sie schlaftrunken. Wieder ein helles Glückslachen. Tante Paulchen, schläfst du schon?" .Hm! Ja." Ernst war doch der hübscheste von allen, nicht?" Hm." Und wenn er spielt! Ach, seine Geige singt ja geradezu nicht Paulchen!" I! Was sagst du? Ei, nun laß mich schlafen! Nein, diese Schlafhaube! Gute Nacht. Paulchen!" Hm." li:-' 5 5 5 Spätsommernachmittag. Die Sonne verglüht. Still nimmt sie den schimmernden Purpurmantel von den Schultern der Heide und zieht ihn leise nach in die qlänzende Fluh. Die einsame Heide! Mit stillen großen Augen blickt sie dem verschwindenden trügerischen Purpur nach, der sie kurze Leit nur geschmückt wie eine Königsbraut, fröstelnd hüllt sie sich in weißgraue Nebelfetzen, die eben dem weiten Moor entsteigend, sachte herumschweben still und schmucklos die einsame Heide! Ab und zu taucht niederes Ginstergebüsch auf und weit unten am Horizynt stehen einzelne wenige Fichten, wie vertrrte Kinder in fremdem Land. Eine Schaar Krähen fliegt mit lautem Gekrächz vorüber sonst kein Laut stille, todtenstille Einsamkeit. Am Stamme einer Fichte, den linken Arm um die graue Rinde geschlungen, lehnt ein blasses Weib wie die verkörperte Melanchosie mit großen traurigen Augen in den Nebel starrend: Gerda Dreher. Wer tiefes Herzeleid hat, muß eö nicht in die einsame Heide tragen es wächst dort und wird riesengroß. Zehn Jahre sind vorbei, seit Gerdas kurzer Glückstraum Fäh zerstob. Tante Pauline schob daS Unglück auf die

Perlen. Die Perlen waren schuld, daßdas Haus Wiedemann über Nacht zu sammenbrach wie eine morsche Holzbude daß sich der Bankier erschoß, daß der einzige Sohn den bunten Rock ausziehen und in's Ausland wandern mußte und daß Gerda auf den Tod erkrankte und nach ihrer Genesung für nichts Sinn hatte wie für Thränen, Thränen, Thränen! Das alles hatten die Perlen verschuldet, denn Perlen bedeuten Thränen. Pauline war damals gleich und durchaus gegen die Perlen gewesen, aber der junge, zärtliche Bräutigam hatte das nicht eingesehen und Gerda Gerda sieht es heute noch nicht ein sie hat immer ein so schmerzliches, abwehrendes schein für Paulinens Perlenaberglauben ein Lächeln, das um die Lippen irrt, während die Augen weinen. DieSchatten der Heide werden dunkler und immer noch ttrharrt die fchlanke Frauengestalt an der Ficht, regungslos, nur ein Ende des weißen Tüllschleiers, den sie zum Schutze gegen den Wind um das üppige Flachshaar geschlungen, bewegt sich hin und her, und langsam, ohne daß ein Muskel in dem feinen Antlitz zuckt, rinnen große Tropfen über die blassen Wangen. Das Leben und Treiben in der Großstadt hat im Laufe der Jahre Gerdas Herzeleid in den Schlaf gewiegt. Die stille Heide hier weckt es und macht todte Zeiten lebendig die stille Heide und eine Zeitungsnotiz, die sich in die Einsamkeit verirrt: eine romantische Notiz, die von einem jungen flotten Kriegsmann erzählt, den unverschuldetes Unglück über den Ocean gejagt und der nun nach langem Verschollensein in der Heimath aufgetaucht als weithin glänzender Stern und der Glanz ginge nicht von Helm und Säbelklinge aus, sondern von einem kleinen braunen Instrument. In der Richtung auf Gerda zu kommt von weitem eine kleine kugelrunde Frau, in steifem, sehr fußfreiem, blauem Kattunrock, der die blüthenweißen Strümpfe in den niederen, derben Lederschuhen sehen läßt, und schwarzer Wollschürze in den Händen flinkes Nadelaeklapper der Beginn eines Kinderstrumpfes. Auf Rufweite herangekommen, halten die flinken Trippelschrittchen die Augenbrauen ziehen sich hoch, der Mund spitzt sich wie zum Pfeifen und die kleinen runden Aeuglein in dem vollen Gesicht blitzen vor gutmüthigem Spott das Ganze wirkt wie eine urkomische kleine Humoreske. Hm! Hmk" macht sie mit dumpfem Pathos, ungeheuer poetisch! Das weiße Kleid! Der Schleierstremel der Arm um die Fichte Nebelwolken Krähen Erika Hm! Hm! und dann flink weitertrippelnd, schalt es resoluten Tones durch die Stille: Gerda! Kind Gottes, ich habe mit dir mehr Sorgen wie mit meinen sechs Göhren! Da steht das in der dünnen Fahne und holt sich den schönsten Schnupfen! Leer im Magen und voll im Herzen! Dorette hat prachtvolle Apfelkuchen gebacken komm flink nach Hause! Sag', Menschenkind, hungert dich nicht fürchterlich?" Gerdas schwermüthiges Gesicht wendet sich lächelnd sie wischt schnell über die Augen und dann wandern die beiden dem Dorfe zu Poesie und Prosa. Von vierUhr an bist du fort." schilt die Dicke, na sag', dreht sich dir nicht alles um im Magen vor Hunger?" Gott. Paulchen, du denkst immer nur an den Magen und seit ich dein Gast bin" Bist du noch mehr Mondscheinprinzeß geworden." eifert Paulchen, man wird sagen, du hast hier nichts zu essen bekommen! Aber das macht nur dein dummes Alleinfein! Du hättest vernllnftig sein und heirathen sollen! Gott nein, wenn ich so an all deine Dummheiten denke, im vorigen Jahr noch der reiche Oppen Geld wie Heu!" Er war mir entsetzlich gleichgiltig. Paulchen." Ach was. gleichgiltig! Ich war auch nicht rasend verliebt in meinen Gottfried ich war einfach seelenfroh, daß er mich nahm hätte sonst einen Dienst suchen müssen, als dein Vater starb na, und bin ich etwa Unglücklich?" Gottlob, nein, Paulchen, aber du hast ein so glückliches Temperament immer froh und dabei nichts vom Leben nur Mühe und Arbeit die vielen Kinder." Kinder hin. Kinder her da hätte ich keinen Pastor heirathen müssen," kichert Paulchen schelmisch wie ein Backfisch und dann wieder ganz ernst: Was hast du denn vom Leben.Gerda? Ich plage mich mit eigenen, du mit fremden Kindern! Ich an deiner Stelle würde auch lieber heirathen als Klimperstunden geben und jünger wirst du auch nicht! Lieber Gott, wenn es früher immer in der Familie hieß: Die alte Pauline," Frau Pastor oder auch die Pastorsche klingt mir viel hübscher." Gerda antwortet nicht, aber sie lächelt wie man das lästige, zwecklose Plaudern eines Kindes belächelt. Was weiß denn die kleine, dicke, praktische Frau von einem heißen Herzen, das den Traum seiner Jugend nicht lassen kann mag nun sie später auch jetzt schon, immerhin die alte Jungfer nennen sie bleibt sich selbst getreu. Eine alte Jungfer. Das Wort hat keinen hübschen Klang und nicht selten verbirgt sich hinter ihm ein stolzesWeib, das einst heißer liebte und geliebt wurde, des sich mit seinen Erinnerungen freiwillig in die Einsamkeit flüchtete, das es verschmähte, das Schicksal jener Frauen zu theilen, die um .der Versorgung willen liebeleer und einsam durch's Leben gehen. 5 ,

-Mitternacht.... Zwei elegante Salons in einem ersten Hotel der Metropole. Lorbeerkränze und Blumenarrangements überall auf Tischen und Stühlen ein schwüles Gemisch von Treibhausluft, neuen Juchtenkoffern und türkischem Tabak. Es klopft. Ein Kellner tritt herein. Die Herrschaften unten werden ungeduldig, gnädiger Herr, es soll servirt werden!" Keine Antwort. Der Diener wiederholt bescheiden seinen Auftrag. Ein Stuhl wird gerückt und eine tiefe Stimme sagt leise wie aus einem Traume heraus: Es ist gut, ich komme!" Ein ernster zwingender Künstlerköpf. Das schwarze Haar militärisch gescheitelt ein bleiches Gesicht, in dem Freud' und Leid und Genuß mit scharfem Griffel Linien gezogen. Die schönen schlanken Männerhände halten ein kleines Sträußchen sieben, acht Alpenveilchen, die Stiele von einer Schnur echter Perlen zusammengehalten. Manch originelles Geschenk von zarter Hand ist dem Geiger zugeflogen, keines hat seine Seele gerüttelt wie dieses Perlen bedeuten Thränen, sagt der Volksmund. Der Künstler drückt den Strauß an Augen und Lippen ein glänzender Tropfen fällt auf die Perlenschnur. . . . Gerda sitzt unter den Fichten und liest von dem Feste, das man zu Ehren des Geigenvirtuosen in der Residenz, gegeben. Dann läßt sie das Zeitungsblatt sinken und starrt sinnend in's Leere herbstlich kühl weht es vom Moore herüber, sie schauert zusammen. Ein bleicher, hochgewachsener Mann kommt leise auf die Fichtengruppe zu seine Linke hält ein Sträußchen Alpenveilchen er hebt die Hand, sein

j duftender Gruß soll die Einsame trefsen, bevor sie ihn erblickt da wendet sie den Kopf er sieht das feine blasse Profil die Blüthen entfallen feiner Hand eine Perlenschnur fällt mit geisterhaft feinem Klirren zur Erde Gerda! Gerda! Gerda!" Tausend Liebesworte könnten nicht mehr sagen wie dieser Ruf. Er kniet bei ihr seine Arme umschlingen sie, seine Lippen küssen ihr Haar, ihre. Augen, ihren Mund und wiederholen fortwährend das eine: Gerda meine Gerda!" Sie ist wie betäubt und dann stammelt sie fassungslos: Lieber Geliebter wie wußtest Du? Wie wie fandest Du mich?" Deine Alpenveilchen riefen mich." Riefen Dich?" Ja, mein süßes Weib meine Gerda niemand weiß, daß es meine Lieblingsblllthe ist niemand wie Du." Und Du Du wußtest gleich ich fühlte mich so sicher hier in dem einsamen Heidedorf." Ja. das Heidedorf der Stempel auf Deiner Veilchcnschachtel ich wußte, ich fühlte Du mußtest hier sein mein Herz sagte es mir und ich kam. Ich fragte auf der Post, hier beim Pastor seiest Du, hieß es, und ach Gerda!" Und ich glaubte mich schon längst vergessen, Ernst." Er senkt das Haupt und dann reißt tz sie in seine Arme: Gerda, meine Braut mein Weib! Ja, ich hatte Dich vergessen im Taumel der Welt nachdem ich Dich unter tausend Schmerzen verloren, und dann mit einemmale kam das Heimweh ganz plötzlich, als riefe mich Jemand ich kam nach Deutschland Dich zu suchen und fand Deine Alpenveilchen Gerda! Ich hätte früher kommen können kannst Du mir verzeihen?" Sie streichelt liebkosend die blassen Künstlerhände. Hast Du mich denn noch lieb, Ernst?" Und Du fragst noch? Du fühlst es nicht? Gerda, Du weinst, jetzt, wo uns nichts mehr trennt?" Die Perlen, Ernst Deine Perlen mein Glück ist zu groß es gibt auch Thränen der Freude ich hatte doch recht Deine Perlen." Zurück! Von Gustav Falke. Fern, fern der Strand, wohin dein Schiff du lenkst. Gieb nur die Hoffnung auf, ihn zu erreichen, Am ganzen Himmel leuchtet dir kein Zeichen, Daß je du deinen Anker dort versenkst. Trugbilder tauchen lockend aus dem Meer, Und jedem schenkst du thöricht wieder Glauben, Und schickst frohlockend alle deine Tauben, Doch keim' bringt dir nur ein Zweiglein her. O kehr zum Hafen, wo ein treues Glück ' ' Die Felder hütet, die dir Früchte tragen. Weh, wenn's zu spät! Du irrst, vom Sturm verschlagen, Und findest deinen Weg nicht mehr zurück. Immer gemüthlich. Ein Berliner kehrt spät in der Nacht von einer schweren Sitzung in das eheliche Schlafgemach zurück. Jotte doch," klagt die Frau, schon zwee Uhr! Schämst Du Dir denn jar nich, daß es schon so spät is?" Awer Liese, hab' Dir doch nich so. Wäre ick zu Haus geblieben, na, denn wär' et doch jetzt akkurat so spät." Vorsicht ist die Mutter der Weisheit, aber die Weisheit ist kein Sind der Vorsicht.

: Zugend. - - Von Henrik Pontoppidan. Eines Abends saßen zwei Jünglinge in einem Keller und tranken Bier. Wenn junge Leute beim Bier sitzen, reden sie gerne beim ersten Krug von Poesie und Liebe, beim zweiten von des Lebens Schaalheit und Elend, beim dritten von Tod und Vernichtung. Die Beiden saßen schon beim dritten Krug und waren zu dem Schluß gekommen, daß das Leben nicht das Leben werth sei. Sie waren einig geworden, daß, wenn wir die Summe von Leid, Sorge und Jammer, die uns auf der Welt beschieden ist, im Voraus ahnen könnten, wir nur wünschen würden, nie geboren zu sein, und dasVernünftigste, was wir thun könnten, sei doch, sich so schnell wie möglich zu erhenken. Nach diesen Schlußfolgerungen tranken sie ihre Krüge aus und traten auf die Straße. Schweigend schritten sie durch eine Reihe dunkler, leerer Gassen, wo nur ab und zu eine einsame Gaslaterne in dem kalten, schweren Nebel, der die ganze Stadt umfing, trübe flackerte. An einer Ecke reichten sie sich die Hände und wandten sich heimwärts. Der Eine war ein hübscher, blonder Student, der nie vorher über die Daseins - Räthsel gegrübelt hatte. Noch vor wenigen Stunden lief er leicht und lebensfroh in der Stadt umher, Gesang auf den Lippen, und das junge Herz von süßer Liebeshoffnung geschwellt. Nun wanderte er heim in seineKammer, das Herz schwer von Trauer, das schmerzende Haupt voll trüber Gedanken. Er legte sich nieder, um zu schlafen, aber er konnte keine Ruhe finden vor dem Angstgefühl, das ihn überschlichen, Angst vor dem Leiden, vor den Sorgen, vor dem Elend, das die Zukunft auf fein Haupt bringen würde! . Zuletzt sprang er auf. Er konnte diesen Zustand nicht länger ertragen. Er tappte zu seinem Schreibtisch, wo ein Revolver lag, den er in den Sommerferien gebraucht hatte, um auf dem Lande draußen Ratten zu schießen. Hastig lud er ihn und spannte den Hahn. Leb wohl, du unselige Welt," rief er und schob die Mündung in dasOhr. Aber im selben Augenblick durchfuhr ihn der Gedanke, daß er von einer Wahrsagerin hatte erzählen hören, die drunten am Flusse wohnte, und die für ein Goldstück Alle ihre Zukunft schauen ließ. Sollte er nicht erst einmal dorthin gehen? Es müßte doch ganz lehrreich sein, zu erfahren, was das Schicksal ihm eigentlich für Leiden zugedacht hatte! Schnell kleidete er sich an, steckte den Revolver in die Tasche, schlug sich den Rockkragen über die Ohren und schlich sich wieder durch die dunkeln, nebeligen Gassen. Bald fand er das Haus der Wahrsagerin am Flusse drunten. Ein rothes Licht leuchtete matt über der Thür und er sah einige vermummte Gestalten aus dem Hause gleiten und im Dunkel verschwinden. Am Eingang stand ein Mann; der fragte ihn, was er wolle. Und wie ihm der Student sein Goldstück in die Hand drückte, nickte er und führte ihn eine Treppe hinab durch eine Reihe finsterer Gänge bis in eine gewölbte Grotte, wo ein Feuer glühte. Dort saß die Wahrsagerin im Lehnstuhl, zu Füßen auf dem Schemel eine rothe Katze, auf der Schulter eine Eule. Wie sie ihn sah, erhob sie sich und näherte sich ihm. setzte ihm eine Brille auf, berührte ihm Stirne und Brust und begann, ihn tanzend zu umkreisen. Es war ihm als ob die Katze auf dem Schemel und die Eule auf ihrer Schulter mit menschlicher Stimme sängen. Zuletzt streute die Alte ein Pulver in den brennenden Holzstoß und rief: Akkalaba! 'Akkalaba!" Die Grotte füllte sich mit weißem Dampf. Alles verschwand vor des Studenten Augen, und er hörte ein tiefes, unterirdisches Brausen, gleich dem Meere im Sturm zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche. Was willst Du sehen?" rief die Alte. Der Student besann sich. Dann antwortete er bebend.: Mein Alter." Der weiße Nebel hob sich vor seinen Augen und er schaute in eine armselige, nackte Stube, wo auf einem Bette ein Alter ausgestreckt lag unter Lumpen und Fetzen. Sein Haupt war mit Wunden und Geschwüren bedeckt, krampfhaft wand er sich auf dem Lager und grub sich die Nägel in die Brust, stieß wilde Schmerzenslaute aus, die in der leeren Stube Widerhallten. Am Fußende des Bettes saß eine ältliche Frau mit mürrischem Antlitz .und. strickte. Na, na schrei doch nicht so," brummte sie und wechselte die Nadeln. Was kann denn das nützen, wenn Du so daliegst und heulst? Denk' doch daran, was der Doktor sagte, daß Du Dich in Geduld üben solltest; es wird doch in diesem Leben nicht mehr besser mit Dir. Man muß eben den Kampf auskämpfen dagegen ist nichts zu machen." Mehr hörte der junge Mann nicht. Wieder sammelte sich der weiße Nebel vor seinen Augen, wieder ließ sich das tiefe unterirdische Brausen hören. Was willst Du sehen?" (ragte die Wahrsagerin auf's Neue. Er sann einen Augenblick nach; dann rief er: Mein Mannesalter!" Der Nebel verschwand ud er sah ein Prachtvolles Arbeitszimmer mit Teppichen, Geldschrank und schweren Vorhängen. Ein kleiner kugelrunder Herr mit weißer Weste, goldener Kette

und grünem Sammetrock schritt auf und nieder. An der Thüre ' stand in demüthiger Haltung ein ärmlich gekleideter Marnt, in dessen magerem, vergrämten Antlitz der Student mit Entsetzen seine eigenen Züge erkannte. Meine Zeit erlaubt mir nicht, weiter mit Ihnen zu verhandeln," sagte der kleine dicke Mann mit unwilliger. Handbewegung. Wenn Sie Jhrr Miethe nicht bis heute Nachmittag 6Uhr bezahlen können, werden Sie auf die Straße gesetzt. Das steht festr Ach Herr, Herr, " bat der an der Thüre Stehende; der Winter war so schwer für mich; meine Frau ist todt, ich bin vier Monate im Krankenhaus gelegen " Ja, das habe ich zur Genüge ge hört." Seien Sie doch barmherzig, Herr! Gewäsch! Schlag Sechs ziehen Sie aus!" Aber wo soll ich hin? ' Denken Sie doch, ich habe einen Sohn und eine Tochter Daran brauchen Sie mich wirklich nicht erinnern. Ihre Tochter ist eine Dirne, .... das wissen Sie ganz gut!' Und Ihr Sohn ist ein Taugenichts der fortwährend Schwindeleien macht und im Zuchthaus enden wird, so gewiß wie ich hier stehe. Glauben Sie denn, daß ich so eine Familie im Haus, behalten will?" Der Mann an der Thür senkte be-" schämt das Haupt und schwieg. Darum nützt alles Betteln nichts," wiederholte der Wirth. Ich weiß ganz gut. daß Sie selbst ein anständiger

und strebsamer Mensch sind; aber von. anständigen, sirebsamenMenschen kann, man nicht leben, wenn sie keine Miethe bezahlen. Da hilft nun nichts mehr. Schlag sechs sind' Sie aus meinem Hause oder ich hole die Polizei. Ver--stehen Sie?" Der Nebel füllte wieder den Raum und das Bild verschwand. Aber der Student war so erschüttert von dem eigenen Zukunftsbild, von dem Elend, das ihm bevorstand, daß er schon den. Revolver aus der Tasche gezogen hatte. um auf der Stelle des GeschickesFäden zu zerreißen und seinen Namen, aus der Zahl der Lebenden zu löschen Da rief die Alte wieder: Was willst du sehen?" Ich habe genug," stammelte er und? spannte den Hahn. Drei Fragen sollst Du thun! Eine' ist Dir noch frei. Was willst Du, se hen?" wiederholte sie. Nun gut. Laß mich meine Jugend sehen." Aber er legte den Finger, zum. Abdrücken bereit, an den Hahn. Zum dritten Mal hob sich der Nebel', und er sah in einen entzückenden Gar---4 S.. ftS Sitfl.l P3 HU, vtt WD luut Jumni vujtvtv w war Abend. Im Gebüsch schlug die er - je. 1 - r r:.t.ar.tr:: v. w..-.. lacyiigau ucücsicyiiucyucj unv uuiuj Vn? mXU tt..t. Sr SYDnr va uiuuu isjiutut iuui vi silbernes Licht über die Wiese. Auf' einer Bank unter schattenden Buchenkrönen saß ein Liebespaar. Hand ire Hand und Wange an Wange. Da. flog ein Zittern durch den Körper dcS Studenten. Er erkannte sein eigenes blondes Haupt unter der weißenMütze. Aber wer war das junge, sanft erröthende Mädchen mit dem blauschwarzen Haar? . . . Nun hob sie das Haupt, nun bot sie ihm die blühenden Lippen. Jngeborg!" schrie er auf. warf den Revolver zur Erde und stürzte fort binaus ins Leben. Da erwachte er aus seinem 2aar Furchtbare Nache. Der Komiker Kastenzieher eine Hauptstütze der kleinen Schauspiel--truppe machte sich ein Vergnügem daraus, in seinenRollen der Reihe nachdie Väter der Stadt zu copiren. Den. Bürgermeister hatte das bisher riesig, belustigt bis Kastenzieher ihn pl'ötz--lich eines Tages selbst auf die Bühnebrachte und zwar in einer so vorzügli chen Earicatur, daß er allgemeinen Beifall erntete. Jetzt war das Stadtoberhaupt wüthend, und am Abend fand beim goldenen Krügl" im Nebenzimmer große Verschwörung aller Gekränkten statt. Pläne wurden geschmiedet und verworfen; endlich send man das Richtige. Das sollte den kecken Frevler in die Seele treffen! Am nächsten Sonntag war Kasten--ziehers Benefiz angesagt und er hoffte auf eine große Einnahme. An diesem Abend nun sollte keiner der Herrn im Theater erscheinen. Vor einem leeren Hause sollte der kecke Spötter spielen müssen. Bei allen Honoratioren wurde der Beschluß herumgesagt die Strafe mußte eine fürchterliche werden. Der Bürgermeister lachte hämisch, als er sich am Sonntagmorgen daslange Gesicht vorstellte, das Kastenzieher heute Abend machen würde. Dicse enttäuschten, gefolterten Mienen anzusehen, wäre ekgmtlich der höchste, ras finirteste Genuß, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Gesagt gethan! Heimlich lieh sich der Bürgermeister ein Billet besorgen und betrat damit Abends voll boshafter Erwartung den Tbeatersaal. Aber welch' Entsetzen! LautesStim-' mengewirr schlug an sein Okr. Kopf an Kopf war das Theater gefüllt. Alles war ausverkauft: und m den vordersten Reihen Mann für Mann mit verblüfften Gesichtern sammtliche Verschworene! Nicht Einer fehl--te! Jeder von ihnen hatte gedacht: wie der Bürgermeistcc und sich, gleich ihm, seines Triumphes freuen wollen. Kastenzieher. der von dem Plan erfahren hatte, soll nie ausgelassener gespielt haben wie an diesem Abend. Viele Freunde vc-chwei-gen uns unsere Schw'eu, um sie An deren mitzutheilen. '';; .