Indiana Tribüne, Volume 22, Number 103, Indianapolis, Marion County, 1 January 1899 — Page 2
Prosit Neujahr.
Eutschwundkn ein altes verblichenes Jahr Dahin in die ewige Weite, Ein lachender Knabe, mit sonnigem Haar Das Neujahr- gibt ihm das Geleite! Bring Glück uns und Segen, du liebliches Kind, Das alte seh gerne ich scheiden; - Und dcch war es einst wie du mild gesinnt. Und bracht' uns so viele der Leiden. Aus Freude, daß endlich vorüber die Noth, Zum Abschied trank leer ich den Becher, Ich hebe ihn heute, mit dampfendem Roth, Als alter, begeisterter Zecher. Und ist mir der Schädel auch brummig fürwahr Vom Abschied, und dampfenderBowle, Es lebe das neue, verheißende Jahr, Das alte, der Teufel es hole!" Aic Sysvestcr-'Roronaise. Von Arno Schnütgen. Im Geschwindschritt machte sich das alte Jahr auf die Strümpfe, nachdem es dem Erdenvolke noch einmal, zum letzten Male, die Lichter angezündet und zur Zubereitung des Abschiedstrunkes ihm die Herdfeuer geschürt hatte. Es hatte damit seine Schuldigkeit gethan und konnte gehen. Und die wackeren Söhne und Töchter der Mutter Erde thäte? ihm Bescheid. Lachend und scherzend gru'pirten sie sich um die dampfenden Punschbowlen, ließen ihre Gläser erklingen und sangen dem Scheidenden frohe Lieder nach. Aber sie hatten die lachenden und leuchtenden Blicke mit weit größerem Interesse dem herantänzelnden neuen Jahr zugewandt als dem davoneilenden, und ihr Singen und Klingen war mehr ein hoffnungsfrohes Willkommen" an dieses als ein dankenssreudiges Lebewohl an jenes. Einer jedoch nahm nicht Theil an diesem Sylvester - Sang und -Klang, Herr Johann Jacob Pistel nämlich, der Inhaber der Firma Gebrüder Pistel, Großhandlung in Bodenerzeugnissen und Düngesalzen. Mutterseelenallein und in sich versunken stampfte er auf dem weichen Smyrnateppich seines dunklen Wohnzimmers hin und her. Ihm hatte das scheidende Jahr keine Lampe mehr angezündet, selbst das Feuer auf seinem Herde hatte es zu schüren vergessen; und doch galt sein Denken nicht dem neuen Jahr, sondern ihm, dem alten, und den 38 Vorgängern, welche es während seiner Ledenszeit gehabt. Mit dem Kalenderjahre zugleich schloß nämlich Johann Jacobs Lebensjähr. Für andere Menschenkinder würde solches Zusammentreffen des Geburtstages mit dem Neujahrstage ein Anlaß zu doppelter Ausgelassenheit gewesen sein. Aber Johann Jacob war eben kein anderer Mensch. Schon die Thatsache seiner Ankunft hatte etwas Sonderliches im Gefolge gehabt. Durch die Geburt eines kräftigen Jungen wurden hocherfreut Gebrüder Pistel." so wörtlich hatte sie Oheim Jacob, der Bruder und Geschäftstheilhaber seines Vaters, in Vertretung des Letzteren der staunenden Welt mitgetheilt, zum Gaudium der halben Stadt, welche diese Art der Anzeige natürlich mehr dem Sylvesterpunsch als der Freude über seine glückliche Ankunft auf's Conto geschrieben hatte. Das Zeitungsblatt mit dieser Ankündigung lag noch in Johann Jacobs Schreibtischschublade wohlverwahrt, und der junge Großhändler in Vodenerzeugnissen und Düngesalzen fühlte sich versucht, dies kostbare Andenken an den ersten Sylvester seines Erdendaseins einmal wieder aus seinem Versteck hervorzuholen. Aber er hatte ja kein Licht, und seinen Dienstboten hatte er erlaubt, ihren Sylvestervergnügungen nachzugehen, da mußte es unterbleiben. Hahahaha. Du lieber, guter, alter Ohm!" Herr Johann Jacob nahm seine Teppichstampfere! wieder auf. Bei Commercienraths über ihm wurde es laut. Tische und Stühle wurden gerückt, Füße trappelten, Gläser klangen, Lachen, Lieder, Hochrufe drangen in seine Einsamkeit. Es war eine zahlreiche Familie da oben, Kaufleute, Gelehrte. Militairs, Söhne und Töchter, Schwiegersöhne und Schwiegertöchter und Kindeskinder. Aber sie störten den Einsamen nicht. Er schaute dem Flackerscheine zu, den die Straßenlaternen auf seine reichbemalte Zimmerdecke Hinspielen ließen, und obwohl er wußte, daß über ihm Maienschöne und Lenzesfrische in herrlichster weiblicher Verkörperung lachten und scherzten, sandte er seine Gedanken in die 29 Jahre seines Lebens spazieren, einsam, traumverloren. Wie seine Geburt der Welt einst durch die Firma angezeigt worden war, so war er auch später als Sohn der Firma" vom Onkel Jacob erzogen worden, und zwar als einziger Sohn, denn feine Eltern waren bald nach seiner Geburt gestorben und der Ohn: unvermählt geblieben. Herr Johann Jacob weinte den Entschlafenen eine Wehmuthsthr'äne nach; auch dem alten Ohm widmete er eine solche, denn dieser hatte gleichfalls bereits seit einigen Jahren die dunkle Pforte in's Jenseits überschritten. Hoch! Hoch!! Hoch!!!" jubelte eS wieder von oben her in des Großh'ändlers einsam ernste Todtenfeier hinein. Helles Silberlachen mischte sich darein, und Stühlerücken nebst F?lßgetrappel gab den Baß dazu. Sylvesterpunsch!" Auf Jcchann Jarobs Stirn erschienen ein paasRunzeln Ui Verdrossenheit. Er kannte die meisten der Herrschaften, welche über ihm beisamm.en waren; . mit . einigen
verband ihn sogar geschäftliche Freund schaftund von Allen durfte er sich geehrt und geschätzt wissen. Er wußte auch, von welch' reizvollen Lippen das helle Silberlachcn kam, das zu ihm herniederdrang, sie hatten ihn schon oft bei den zufälligenBegegnungen auf der Treppe das lieblichste Lächeln sehen und einen melodischen Gruß hören lassen. Dennoch flüsterte er in sich hinein: Unsinniger Radau!-, zündete sich zugleich eine Cigarre an und trat an's Fenster. Draußen war es weiß geworden. Das scheidende Jahr streute seinem Nachfolger flimmernde Demantflocken. Fröhliche Menschen eilten nach rechts und links. Ein paar Knaben schneeballten sich untereinander, und dieVorübergehenden lachten laut auf, wenn e! ner getroffen war. Auch das verdroß den einsamen Beobachter am Fenster. Er trat wieder in's Zimmn zurück und nahm die Teppichstampferei von Neuem auf. Er war durchaus kein Philister", der Herr Johann Jacob Pistel; er konnte im Gegentheil sogar recht heiter sein. Aber er war allein, vereinsamt. Als Sohn der Firma" ohne Mutter und ohne Schwester, kurz ohne liebende weibliche Sorgsamkeit aufgewachsen, hatte er nur ihr qelebt bisher, just wie sein Oheim es auch gethan hatte. Und obwohl ihm dieser oft gerathen: Junge, laß die Gebrüder Pistel nicht aussterben!", hatte er nichts gethan, diesen Wunsch zu erfüllen. Kein liebendes Weib waltete zarten Sinnes um ihn her, keinKind schmückte sein Heim; er war vereinsamt vereinsamt, und morgen sollte er sein vierzigstes Lebensjahr beginnen! Ein leiser Zug wehmüthiger ResigNation legte sich um seine Lippen. Er war reich, sein Name hatte guten Klang, die geschäftliche Verbindung mit seiner Firma galt sogar als Vorzug und Empfehlung. Er war auch ein ganz leidlicher Mann, groß, stattlich, gesund und gebildet", bei diesem Gedanken lächelte er spöttisch man sah ihn gern in den Gesellschaften und die Damen feierten ihn geradezu. Sein Heim hatte er mit vornehmer Gediegenheit ausgestattet, er war in der Lage, eine größere Anzahl Gäste in demselben zu empfangen, als über ihm jetzt beisammen war. und doch befand er sich allein darin, allein trotz seiner vierzig Jahre. Hm !" Der Großhändler warf sich in einen Lehnstuhl am Kamin und schloß die Augen. Hm!" Bim, bim ,bim !" fing sein Regulator zu schlagen an. Nun?!" Johann Jacob wollte zählen. Da fielen die Glocken vom nahen Kirchthurm mit dröhnenden Accorden ein: Bimbam! Bimbam! Bimbam!" Und in demselbenAugenblick entwickelte sich auf der Straße ein ohrenzerreißender Lärm. ' Prosit Neujahr!" Prosit Neujahr!" heulte, kreischte, brüllte es überall. Das alte Jahr war hinüber, ein neues hatte seinen Lauf angetreten, und der Janhagel beglückwünschte sich zu diesem Ereigniß in. seiner Weise. Der Lärm beleidigte JohannJacobs empfinden. Er sprang von seinem Sessel empor, um ihm durch erneutes Teppichstampfen zu entrinnen. Da ging es über ihm los. Stühle wurden gerückt, Gläser klangen. Prosit Neujähr!" jubelte es hell und laut zu ihm hernieder. Und nun gingen gar die Thüren oben; man kam die Treppe herab, und aus voller Brust ertönte es: Wir winden Dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide!" Das war denn doch ein bischen allzu fröhliche Sylvesterfeier! Herr Johann Jacob Pistel trat hinaus, um sich den Unfug zu verbitten. Eine ganze Reihe lachender und singender Paare kam, die dampfenden Punschgläser in den Händen, Arm in Arm, die Treppen herab, Alter und Ehrbarkeit, Schönheit und Jugend, Alles von Sylvesterfreude und Sylvesterpunsch durchglüht, und er stand als Philister in seiner Thür, um zu schelten. Doch nein! In duftigem, weißem Kleide huschte es plötzlich aus der Reihe her an ihn heran, ein zarter Mädchenarm schob sich in den seinigen, und während er sich so mit unwiderstehlicher Gewalt in die Reihe derPaare hinein, die Treppe mit hmabgezogen sühlte, hörte er die übermüthigen Worte an sein Ohr klingen: Aetsch, nun habe ich doch noch einen Herrn, und einen viel feineren als Ihr Alle miteinander!" Dem Großhändler in Bodenerzeugnissen undDüngesalzen wurde es plötzlieh gar sonderbar zu Muthe und wonmg um's Herz. Dasselbe rosige' Lippenpaar, das ihm schon so manches Mal auf den Treppen zugelächelt hatte, lachte jetzt in heller Schelmenlust zu ihm empor, und zwei wunderbare Augensterne strahlten ihm so viel Lebenslust und Lebensfreude in die eigenen Augen hinein, daß aller Unmuth daraus verschwand. Und als das liebliche Wesen ihm nun gar noch ihr Punschglas kredenzte und ihm zuflüsterte: Gelt, das habe ich recht gemacht, Herr Pistel?!" da preßte er ihren Arm in heiß aufwallend?m Empfinden an seine Brust und flüsterte ihr zu: Gnädiges Fräulein sind mir als schöner Stern zum neuen Jahre aufgegangen." Singend und trinkend schritten die fröhlichen- Paare hie Treppen des Vorderhauses hinab, und Johann Jacob lachte, sang und trank am Arme seiner schönen Partnerin mit. Dann ging es über 'den Hof und die Treppen des Hinterhauses hinan, Alles unter Lachen und Scherzen, bis man endlch wieder in dem vorhin verlassenen Gesellschaftszimmer über Johann Jacobs Wohnung landete. Es war eine kleine Sylvesterpolonaise ex tempore. Der Philister Johann Jacob war plötzlich seiner Einsamkeit entrissen und in den Jubel einer zahlreichen Familie" versetzt, in der er gerade gefehlt hatte, um die Paare voll zu machen. . .
DaS hat er denn auch gethan, und I zwar nicht blos für die Sylvesternacht, ! sondern bald darauf für's ganze Le- ; ben. Wenige Wochen später waren . Hanna Moritz und Johann Jacob Pistel. in Firma Gebrüder Pistel. ein glückliches Brautpaar. Onkel Jacobs Wunsch war erfüllt: Die Gebrüder Pistel starben nicht aus!
Neujahr in Japan. Großartig, viel großartiger als im Abendlande wird Neujahr in Japan gefeiert. Am frühen Morgen dcs 1. Januar wird die Neujahrssuppe. Soni genannt, eine Fischsuppe mit Neisilößchen, aufgetragen und dazu Sake (Reiswein) getrunten. Auch mit 'anderen Speisen und Getränken ist man an diesem Tage wie an den nächsten drei bis fünf Tagen und manchmal auch den ganzen Januar hindurch reichlich versehen, um all' die glückwünschenken Gäste möglichst gut aufzunehmen. Um seine Glückwünsche darzubringen, fährt man an den ersten drei Tagen des neuen Jahres zu allen Verwandten und Bekannten herum 'und mbtt überall bei reichbcdeckter Tafel reundliche Aufnahme. Man begrüßt Ich mit einem Schinnen Omedoto !" Profit Neujahr!) und spricht dazu : Ich danke Ihnen, daß Sie mir im letzten Jahre so viel Gutes erwiesen haben und bitte Sie, auch dieses Jahr mir ebenso Gutes zu erweisen." Am 2. Januar machen die Kaufleute wieder ihre Geschäfte auf. Die allerersten Kunden erhalten, auch wenn sie nur für wenige Sen kaufen, die großten Geschenke, die späteren nur je nach der Größe des Einkaufs. Deshalb drängen sich vor großen Geschäften dichte Menschenmassen schon in der Nacht zusammen, was nicht selten sehr schlimme Folgen hat, da wiederholt Leute zu Tode gedrückt wurden. Große Firmen lassen auch ihre Geschäftswagen mit ihren Erzeugnissen oder Waaren beladen und festlich geschmückt und sie dann mit Dienern in eigener besonderer Tracht durch die Straßen der Stadt fahren. Am 3. Januar muß man gewöhnlich die letzten Neujahrsbesuche abstatten, denn am folgenden Tage gehen nur die Priester (Vosu) zu den Leuten. Der Priesterstand ist in Japan nicht sehr angesehen, und wer mit seinem Neu--jahrsbesuche am 4. Januar erscheint, bekommt wohl selbst den Titel Bosu" zu hören. Am 4. Januar werden auch alle Regierungsgebäude und öffentlichen Aemter wieder geöffnet,- die seit dem 23. December geschlossen waren. Die Schulen und Universitäten haben vom 25. December bis 10. Januar Ferien. Der 5. Januar ist wieder ein hoher Feiertag. Da findet der große Neujahrsempfang Schinnen-Enkai", bei Hofe statt. Ursprünglich daher nur ein Hoffeiertag, ist er jetzt auch ein Nationalfeiertag geworden. Auf den 7. Januar fällt wieder der alte Feiertag Nana-Kusa", der aber jetzt mehr in den Hintergrund tritt. Er hat seinen Namen (wörtlich: Sieben Gemüse) von der Motschi-Suppe. die an diesem Tage sieben Gemüse enthält. Die Neujahrsfeier an sich erstreckt sich für gewöhnlich noch bis zum 10. Januar, die festliche Stimmung aber bleibt sogar noch den ganzen Monat hindurch bestehen. In der Gesellschaft wird in diesem Monat besonders das Kartenspiel sehr gepflegt. Herren und Damen betheiligen sich lebhaft daran, allerlei Harmlose Scherze werden dabei gemacht, so z. B. den Verlierern das Gesicht mit schwarzer Tusche bemalt, und die Spielzimmer spielen bei der Heiraths Vermittelung in Japan eine ähnliche Rolle wie bei uns die Ballsäle. Ein anderes sehr beliebtes Spiel ist das Hane-Spiel, wobei die Spieler in kleinen Abständen aufgestellt sind und sich mit kleinen Brettchen winzige, mit Federn versehene Nüsse zuschleudern, die dann aufgefangen und weitergeschleudert Tverden müssen. Nicht nur die Menschen schmücken sich zum Neujahrsfeste, auch die Häuser erhalten außen und innen ein festliches Aussehen. In Stadt und Land werden an den Eingängen zu den Häusern zwei Kadomatsu" (wörtlich: Thortiefern) aufgestellt und ein Seil dazwischen gespannt. Daran werden zwei gekreuzte Flaggen befestigt und Hummern, Citronen (Daidai), Seekohl (Kobu), Holzkohlenstückchen, Papierschnitze! u. s. w. aufgehängt. Diese Sachen haben eine symbolische Beutung; so ist die Citrone das Zeichen des Alters und damit eines langen Lebens überhaupt. In der Wohnung läßt man vor dem Kamin- oder Hausaltar lange Weidenruthen herabhängen, an denen die Janagi-motschi (Kügclchcn von gestampftem, klebrigem Reis), Papierschnitzel, Bälle und andereSchmuckfachen angebracht sind. Benutzte Gelegenheit. Onkel (den Neffen auf seinem Zimmer besuchend): Freue mich, mein Junge. Dich so fleißig zu finden . . . was arbeitest Du denn da?" Neffe: Ehemische Experimente, lieber Onkel,. Verbindungen von Säuren mit Metallen . . . apropos, hust Du vielleicht etwas Metall bei Din'" Die Quelle des Reicht h u m s. Besucher: Acht Kinder haben Sie wird Ihnen da nicht um die Ernährung bange?" Schriftsteller: Ich liefere den Journalen soviel Scherze Aus der Kinderstube", daß die Erhaltungskosten doppelt und dreifach gedeckt werden!" Human. Warum stehen Sie seit einer Stunde schon hier erwarten Sie Jemanden?" Ach nein, ich will blos auf die andere Seite hinÜber. Da aber bei dem großen Wagenverkehr ein Kutscher mich leicht überfahren- könnte und der arme Mensch dann bestraft würde, so warte ich lieber!" - ....
Zum neuen Aahr.
Horch, jetzt hat eS zwölf geschlagen. Und das neue Jahr beginnt. Laßt uns ihm willkommen sagen. Die wir froh beisammen sind! Den gefüllten Kelch erhebe Jeder in der heitern Schaar: Alles, was wir lieben, lebe. Lieb' auch uns im neuen Jahr! per Keiratysvermittrcr. Eine 5?eujahr?geschichte vonConrad Hübner. Nun wollen wir mal zur Sache kommen. Kinder." sprach der Justizrath Mildenberg und schöpfte aus der bauchigen Terrine den dampfenden Punsch in die großen Gläser. Wie er in das letzte Glas einschänkte, begann die Uhr die zwölfte Stunde zu schlagen. Prosit Neujahr, Weib, Kinder und lieben Freunde." rief der Justizrath und stieß mit der Tafelrunde an. Die Gläser klangen aneinander. Als sich Ella Mildenberg zu ihrem Nachbar zur Linken wandte und mit ihm anstieß, lag in ihrem leisen Prosit Neujahr, Herr Doktor", ein herzlicher Ton, der den schüchternen jungen Mann erröthen ließ und dem Nachbar zur Rechten, dem jähzornigen Assessor Beseler, ein zorniges hum" entlockte. Nun ging es an das Bleigießen. Mit gespannter Miene schaute Ella zu, wie der Doktor Kärger die Schippe umstülpte und das Bleistück in das Wasser fallen ließ. , Ein Herz, ein Herz 'habn Sie, Herr Doktor," jubelte sie und zeigte auf das Bleistück, das allerdings eine Form aufwies, die bei gutem Willen für ein Herz gehalten werden konnte. Und ein Pfeil ist drin", rief die Frau Justizrath und wies auf ein spitzes Stück des Bleis, das aus der Mitte des Klumpens aufragte. Ach was," sprach Assessor Beseler eifrig, das ist doch kein Herz, das ist ein Blasebalg." Sage mir, Muse, warum wollte der Assessor Beseler das Bleistllckchen seines lieben Freundes Kärger nicht für ein Herz passiren lassen? Aber sie waren eigentlich keine guten Freunde mehr, die Beiden, seit sich der pensionirte Justizrath in Berlin niederg?lassen hatte, und seit sie bei ihm verkehrten. Welcher der Götter hetzte die Beiden zum Streite gegeneinander? fragt der alte Homer in seiner Jlias. Es war kein Gott, sondern eine Göttin. Diese germanisch: Göttin der Zwietracht zeichnete sich durch lange blonde Zöpse und ein rundes Kindergesicht aus und hieß Ella Mildenberg. Der jähzornige Assessor sah es als eine nicht geringe Unverschämtheit an, daß sein schüchterner Freund Kärger sich ebenfalls erlaubt hatte, sich in Ella zu verlieben. Er hatte Kärger gegenüber, der, trotzdem ihn die schöne Ella sichtlich begünstigte, zu. ängstlich war, um das junge Mädchen anzuhalten, leicht einen Vorsprung haben können, wenn nicht auch er sich gefürchtet hätte, sich gegenüber Ella zu erklären, weil ihn eben die Bevorzugung, die dem Freunde zuTheil wurde, stutzig machte. Aber in ihm kochte es. Wie hatte das Mädchen heute wieder diesen unscheinbaren Doktor ihm, dem eleganten Assessor gegenüber, bevorzugt! Und wie hochmüthig gnädig hatte der unverschämte Kerl alles das Hingenommen. während er, Beseler, sich doch durch das kleinste Zeichen der Gunst beglückt gefühlt hätte! Darin verurteilte der Assessor seinen Freund Kärger nun freilich ganz falsch. Was er für Hochmuth hielt, war bei Kärger nichts als die holde Tumbheit", wie man im Mittelalter sagte, oder Naivetät, wie der weniger schöne moderne Ausdruck für dieselbe Sache verlautet. Kärger war viel zu bescheiden, um in Ella's Benehmen eine Ermuthigung seiner Wünsche zu sehen. Manchmal glaubte er wohl ei nen Augenblick lang aus dem oder jenem Anzeichen schließen zu dürfen, daß er ihr nicht gleichgültig sei, aber dann verwarf er sofort wieder solche Gedanken als unerhört anmaßlich. Warum sollte das vielumschwärmte, schöne und reiche junge Mädchen gerade ihn. den jungen, unbemittelten Arzt, Anderen vorziehen? Auch jetzt, wie die beiden Freunde, nachdem die große Punschterrine glücklich geleert war denn früher hätte der Justizrath seine Gäste nie fortgelassen und sie sich verabschiedet hatten, auf der Straße waren, fragte sich der ehrliche Junge immer wieder: Liebt sie mich? Liebt sie mich nicht?" Er konnte sich keinen Vers daraus machen, und er hätte alt und grau darÜber werden können, ehe er sich zu einer Erklärung entschlossen hätte, wenn ihm nicht sein Freund Beseler dazu verholfen hätte. Das aber kam so: Wie wär's, wenn wir noch in ein Caf6 gingen?" fragte Kärger, als sie eine Zeit lang schweigend nebeneinander hergegangen waren. Meinetwegen," brummte ungnädig der Assessor. Sie traten in ein Caf6 unter den Linden ein, das Dank der Sylvesternacht vollständig überfüllt war. Nur mit Mühe vermochten sie sich ein Plätzchen in einer Ecke des Caf6s zu erobern. Der Assessor bestellte sich einen extra starken Schlummerpunsch, um, wie er ingrimmig zu Kärger sagte, in der Nacht wenigstens sicher seinen Aeraer wegschlafen zu können. Aber, was hast Du denn. Beseler, daß Du heute den ganzen Abend so verbrummt bist?" fragte Kärger herzlich den Freund. Der Assessor that einen starken Zug us dem Glase, dann schrie er, durch die Wirkung des heißen, schweren Getränkes noch mehr erhitzt, wüthend: . .Stell' Dich hoch nux nicht so dumm
an. Du - Scheinheiliger. Du wfei aanz gut, was mich wüthend macht, Du weißt, daß Ella meine Pille Liebe ist." Davon merkt man nichts, wenn Du so laut brüllst," erwiderte Kärger, der durch eine scherzhafte Wendung dem peinlichen Gespräche auszuweichen hoffte. Aber Beseler ließ ihn nicht locker. Mach' nur keine Witze. Du bist mir ein schöner Freund, daß Du mir das Mädchen, das ich lieb habe, wegschnappst. Ich weiß wahrhaftig nicht, was man an Dir groß finden kann, aber die Weiber sind ja eben alle verrückt. Und das Mädel hat nur Augen für Dich!" Körger horchte auf.' Sein Gesicht erhellte sich. Ich glaube. Du irrst Dich." sagte er scheinbar harmlos. Ach was, hab' Dich nur nicht dumm." rief der Assessor, den der Zorn und die vielen geistigen Getränke des Abends unvorsichtig machten. Thu' doch bloß nicht, als wenn das Deine erste Liebe wäre, und Du nicht wüßtest, wie man Blicke und Worte eines Mädi chens aufzufassen hat. Das war doch deutlich genug heute Abend, die Art wie sie mit Dir anstieß beim Prosit Neujahr" und die Geschichte mit dem Herzen, und wie sie dann von Dir Abschied nahm. Denkst Du, ich hab's nicht gemerkt, wie sie mir blos so leicht die Hand gab, dieselbe Hand, die aus Deiner gar nicht' herauskommen zu können schien?" Je mehr sich der Assessor in seine Wuth hieinschrie, desto vergnügter wurde der Freund. Aber das ist ja ganz reizend", sagte Kärger fröhlich und rieb sich die Hände. Reizend findest Du es?" schrie Beseler dagegen, ich finde es scheußlich, gemein!" Sie da, Männeken, seien Sie man en bisken ruhiger", rief vom Nebentische her ein gutmüthig aussehender vierschrötiger Spießbürger, der mit einer Gesellschaft lustiger Kumpane zusammensaß. Ein Streit war dem Assessor in der Stimmung, in der er sich befand, gerade recht. Ich rede so laut wie ich will", rief er, klemmte sein Monokel in's Auge und sah den Gegner herausfordernd an. Sie haben mir gar nichts zu sagen. Sie dummer Mensch, verstehen Sie mich?" Der wackere Spießbürger und seine Freunde sprangen auf und umdrängten den Tisch, an dem Beseler und Kärger saßen. Vergebens zupfte der Arzt seinen Freund am Rock um ihn von einem Streit abzuhalten, bei dem nur Aerger und wenig Ruhm herauskommen konnte. Wenn Du Dich vor den Leuten da fürchtest, so mach' doch, daß Du fortkommst," rief Beseler dem Freunde zu. Das that nun Kärger zwar nicht, aber er mischte sich auch nicht in den Streit hinein, der schließlich damit endete, daß der Assessor und sein Gegner in einen kühnen Bogen aus dem Lokal hinausflogen. Dort nahm sie ein wohlwollender Schutzmann unter feine Fittiche und brachte sie zur Wache. Kärger ging mit, um dem Freunde wenigstens die Nacht auf der Polizeiwache zu ersparen, aber unglücklicher Weise wurden die Briefschaften, die er bei sich führte, nicht als eine genügende Legitimation angesehen, und es blieb ihm daher nichts Anderes übrig, als den nun ziemlich niedergeschlagenen Freund auf der Polizeiwache zu lassen. So leid ihm Besele auch that, konnte er doch ein glückliches Lächeln nicht unterdrücken, als er nun nach Hause ging. Sie liebt mich, sie liebt mich", flüsterte er vor sich hin. Er faßte einen kühnen Entschluß, der schon am nächsten Tage zur Ausführung gelangen sollte. Um die Mittagsstunde des Neujahrstages war Ella damit beschäftigt, in der guten Stube die Ordnung wieder herzustellen. Sie stellte die Weingläser, die gestern so fleißig benutzt worden waren, in einen kleinen Schrank. Aus welchem hatte wohl der Doktor gestern getrunken, als er ihr sein Prosit Neujahr" zurief? Der liebe Kerl! Wie herzlich das gellungen hatte! Unwillkürlich öffnete sie den Mund und sprach halblaut vor sich hin: Prosit Neujahr!" Sie schüttelte den Kopf: Nein, so klang es nicht, viel herzlicher: Prosit Neujähr!" War das ein Echo? Da klang es ja dicht hinter ihr, ebenso wie gestern: Prosit Neujahr!" Sie fuhr erschreckt herum. - Kärger stand vor ihr. Nein, wie Sie mich erschrecken. Herr Doktor!" flüsterte sie. Wie verändert der Doktor heute aussah! Sein Gesicht hatte einen unternehmenden Ausdruck, der Schnurrbart war keck 4n die Höhe gebürstet. Ich werde Sie gleich noch mehr erschrecken, Fräulein Ella," rief der verwandelte. Doktor übermüthig. Dabei sank er in die Kniee und bat sie in den zärtlichsten Ausdrücken um ihre Hand. Nach dem ersten Kuß und den ersim zärtlichen Worten sagte Ella erstaunt: Du siehst heut so ganz anders aus, ifrife. so unternehmend. Ich hätte Dir überhaupt so r.cl Courage gar nicht zugetraut, um mich anzuhalten." Oho," rief Fritz und spielte den Gekränkten. Ich habe eine mordsmäßige Courage." Und zum Beweije wollte er sie um die Taille fassen. Sie entschlüpfte ihm. er lief ihr nach. Athemlos und lachend rannten sie ein paar Mal wie die Kinder im Zimmer herum. Eben hatte sie Fritz eingeholt und wollte sie wieder umfassen, aber sie entschlüpfte ihm abermals, und er umarmte statt ihrer den eintretenden Assessor. Beseler machte sich ziemlich unsanft aus den umklammernden Armen des Freundes los. Er übersah die Situation sofort. Wenn hier Gesellschafts, spiele gespielt werden sollen", jagte er
mit ingrimmigem Humor, bitte ich, mich zu dispensiren. Ich bin justament nicht in der Stimmung dazu." Fritz zog ihn zur Seite: Mach' nicht so ein brummiges Gesicht, alter Kamerad." sprach er herzlich. Dir danke ich ja mein Glück, hättest Du mich nicht darauf aufmerksam gemacht, daß Ella mich lieb hat, ich hatte nie gewagt, um sie anzuhalten. Das war zu ?.ett von Dir!" In der That, sehr nett von mir", sagte der Assessor mit Galgenhumor. Na, und wir bleiben die alten Freunde", sprach Fritz lebhaft und streckte Beseler seine Rechte entgegen: Prost Neujahr, alter Junge!" Das Jahr fängt gut an", brummte der Assessor. Erst Polizeiwache, dann Verlobung, aber nicht meine. Wenn das so weiter gehen soll, ist's ja ein wahres Glück, daß es kein Schaltjähr ist."
Kostbare Geschenke. Fabelhafte Pracht und Verschwendung wurde bei den Neujahrsgeschenken in Frankreich unter den Königen entfaltet. Man kann als Beispiel eine unzählige Menge kleiner Meißner Statuetten anführen, die der Regent (Philipp von Orleans) seiner Tochter, der Herzogin von Berri, die für diese reizenden Kunsterzeugnisse schwärmte, am 1. Januar in ihren Palast tragen ließ. Die Gräfin de Genlis erzählt, daß der Herzog von Orleans ihr am NeuZahrstage des Jahres, da sie zum dreißigsten Male den Frühling wiederkehren sehen sollte, eine Puppe übersandte, die genau ihre Größe hatte, mit prächtigen Kleidern angethan und mit Diamanten und Kleinodien überdeckt war. Diese Puppe saß vor einem reizenden Schreibsekretär und hielt eine Feder in der Hand, während ihr Haar mit Federn übersät und zu ihren Fü ßen parfümirte Papiere mit Siegeln, die galante Devisen trugen, aufgehäuft waren. Man hat unter der Restauration häufig jenen Lord angeführt, der einer Tänzerin der Oper eine Schachtel Chokoladenpapillotten, die in Banknoten eingewickelt waren, zuschickte. Um diese Zeit machten noch die reichen Aristokraten einander sehr prächtige Geschenke. Den jungen Frauen wurden Sträuße von Edelsteinen geboten; das Modepräsent' war eine neue, mit prächtigen Pferden bespannte Equipage, die man vor seiner Thür wartend fand, wenn man herauskam, um Besuche abstatten zu gehen. Indessen war man im Allgemeinen schon viel bescheidener geworden und man spendete gewöhnlich Chokoladesachen in großen flachen Schachteln mit bemalten Kartons, wie sie in letzter Zeit wieder in Aufnahme gekommen sind. Im Jahre 1830 nach der Eroberung von Algerien nahm Alles einen arabischen Charakter an: Beduinenhäupter fand man selbst auf dem Fruchtzucker, der damals noch zu den eleganten, für Geschenke geeigneten Confiserien gehörte. Blumen aus Zucker füllten aus Blättern geflochtene Körbe. Ferner waren Handschuhschachteln. Parfümsköfferchen und auch Kunstbroncen bereits sehr beliebt. Damals waren aber auch noch Broderie- und Stickereiarbeiken aller Art, oft wahre Kunstwerke, als Neujahrsgeschenke durchaus zulässig. Blumen waren selbstverständlich bereits sehr in der Mode und Nachahmungen derselben vielleicht noch verbreitete?, als in unseren Tagen. Jeder Gegenstand wandelte sich für die Neujahrsgeschenke in Blumen um. Aus Vronzeblumen wurden Tintenfässer dargestellt, Porzellanblumen dienten zu Einfassungen von Kaminen, EbenholzZardinieren wurden mit natürlichen und künstlichen Blumen angefüllt. Ferner waren schöne Pelzwaaren als Neujahrspräsente sehr beliebt. Unter den Spielwaaren nahm den ersten Platz unbestritten die Arche Noahs ein. Sie hatte einen solchen Erfolg, daß sich die jungen Mütter selbst damit belustigten, die Arche in einem im Salon aufgestellten Schaffe herumschwimmen zu lassen. Mit den heutigen Puppen konnten die damaligen natürlich in keinen Vergleich gestellt werden: die Emailaugen, die gerade erst erfunden worden waren, erregten überall Helles Entzücken und unbe'schreibliche Bewunderung. Im Jahre 1840 bei der Rückkehr der Reste Napoleons kam eine Unmasse Nippessachen und Spielzeuge auf, die an den Welterobere? erinnerten. Aus jener Epoche stammen die kleinen Bronzen undBildfaulen Napoleons, die heute von den Sammlern so sehr begehrt werden. AusdemGerichtssaale. Richter: Wie ist JhrName?" Hausirer: Kasimir Grrrzzoppdslsky!" Richter: Oh ' was fehlt Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?" Hausirer: Mir fehlt nichts? das ist mein Name!" Ein unglücklicher Dich-. ter. Der Dichter Seufzer! . hat. trotzdem er bereits 60 Jahre alt, bis heute noch keinen Verleger gefunden! Ich glaube, der ist im Papierkorb auf die Welt gekommen!" Zu ängstlich. Wohin gehst Du denn, Amalie?" Der Letzte ist heute und da will ich die Miethe zahltn Aber was fällt Dir denn ein. Amalie?! Wenn wir so pünktlich zahlen, steigert uns sicher der HausHerr!" Odiese Kinder! Frau A. (eine Freundin besuchend): Sie wollen ausgehen, wie ich sehe. Schade, ich glaubte sicher, daß Sie bei dem schlechten Wetter heute zu Hause bleiben würden Frau 23.: Ich will nur eben zum Zähnarzt gehen, icb muß meine Zähne untersuchen lassen." Der kleine Hans (Sohn des Hauses): Aber, Mama, Du brauchst doch nicht selbst hinzugehen Du kannst doch Deine Zahne hinschicken!."
EtwaS vom Nüssen.
In Frankreich wird bei tausend Selegenheiten tapfer geküßt: Der Bruder küßt die Schwester, der Gatte die Gattin, der Freund den Freund, ja man fände es zimpferlich, wenn eine junge Frau sich weigerte, 'einen: Freunde des Hauses beim Abschied oder zur Begrüßung nach längerer Abwesenheit die Wance zum Kuß zu reichen. In England ist das Küssen unter den Gliedern einer Familie weniger gebräuchlich. Männer küssen einander nie. In Schottland ist man noch zurückhaltender, und eine Frau würde ihrer Würde etwas zu vergeben glauben, wenn sie ' ihre erwachsenen Söhne küßte, und selbst wenn diese noch im Knabenalter stehen, sind f die Mütter sparsam mit Liebkosungen. In den Ländern des Nordens ist der Kuß ausschließlich der Liebe vorbehalten, wahrscheinlich deshalb, weil man sich dort immer auf den Mund küßt, was diesem Ausdruck der Zuneigung den Character großer Intimität giebt. Es ist daher begreiflich, daß unter solchen Verhältnissen die jungen Mäd chen ihre rosigen Lippen gegen die Angriffe kühner Vettern tapfer vertheidi- -gen, und daß der Raub eines Kusses vom Gesetz als strafbare Handlung betrachtet und mit einer Geldstrafe belegt wird. Interessant ist die Des imtion des Kusses durch einen Chinesen. Ein Mandarin, der den Occident bereiste, um die europäischen Sitten kennen zu lernen, befand sich in großer Verlegenheit, wie er den Kuß definiren sollte, den man in seiner Heimath nicht kennt. Der Kuß", schreibt er, ist ein Act der Höflichkeit, der darin besteht, daß man seine Lippen mit dem Kinn des Anderen in Berührung bringt, wodurch ein Ton hervorgebracht wird." Uebrigens ist der Kuß kein Privileg der Liebe es giebt Umstände, wo ihn die Hofetikette vorschreibt: Bei der Vermählung des Kronprinzen von Griechenland mußte die Braut nicht weniger als 150 Küsse austheilen. Drei Küsse bekam der König, ebensoviele die Königin, drei die Kaiserin Friedrich, drei der König von Dänemark, drei der Kaiser Wilhelm und die Kaiserin, und je einen Kuß erhielten alle Prinzen und Prinzessinnen, die zugegen waren. Die arme Prinzessin - Braut! Als sie die Kirche verließ, mußte sie sich schon übersatt geküßt haben was blieb ihr da noch für die Hochzeitsreise übrig? Ein Herzog von Somerset, der stolz auf seinen Stammbaum und in der Etikette gar gut beschlagen war, hattein zweiter Ehe eine Dame geheirathet, die nicht von so vornehmer Herkunft wie seine erste Gattin war. Als nun eines Tages während der Flitterwochen die neugebackene Herzogin in einer Anwandlung von Zärtlichkeit ihrem Gatten um den Hals fiel und ihn herzlich küßte, sagte dieser kalt: Madame, meine erste Gemahlin war eine geborene Percy, und doch hätte sie sich . nie eine solche Freiheit mir gegenüber herausgenommen." Auch in der Politik spielte schon der Kuß eine allerdings unschuldige Rolle. Die Herzogin von Devonshire soll einmal erklärt haben, sie gebe Jedermann einen Kuß, der für den Herzog stimme. Als nun ein Wähler, Metzger seines Zeichens, ihr sagen ließ, daß er nur unter dieser Bedingung für ihren Gatten stimmen werde, war sie damit einverstanden und gab ihm einen Kuß. Der Metzger wurde dadurch in der ganzen Gegend berühmt, und der Kuh der Herzogin wurde für ihn eine einträgliche Reclame. Zu einer Zeit, als die Engländer nicht so gern in die Armee eintraten wie heutzutage, reiste die Herzogin Gordon auf den Märkten umher, um Soldaten anzuwerben und ließ den jungen Leuten die Wahl, zwischen einem Schilling und einem Kusse. Da sagte ihr ein Veteran die Schmeichelei: Ein Schilling ist ein gar vergänglich Ding, dagegen ein Kuß von den Lippen der gnädigen Frau Herzogin läßt Jahre lang balsamischen Duft auf dem. Munde des Soldaten zurück."
Die Liebeöprobe. Zwei Mädchen sind über die Ohren in einen jungen Mann verliebt. Die Eine schwört, er liebe sie mehr als ihre Rivalin. Die Andere behauptet mit gleicher Energie, das Umgekehrte sei der Fall. Sie beschließen, ihn aus die Probe zu stellen. Jede soll ihm ein Briefchen schreiben, in dem sie ihn bittet, sie zu einer bestimmten Stunde zu besuchen, und da er doch beiden Einladungen nicht gleichzeitig Folge leisten kann, so soll es als ein endgiltiger Beweis gelten, daß derjenigen sein Herz gehört, zu der er kommt. Nach diesem Entschluß fühlten sie sich beide wesentlich erleichtert. Und gerade, als sie diese Unterhaltung auf ihrem Spazier gange beendet haben, begegnet ihnen der Gegenstand ihres Zwistes und ihrer Neigung. Er hatte es sehr eilig und alles, was er ihnen in dem kurzen Augenblick zu sagen wußte, war, vaß er irgendwo seinen Regenschirm hübe siehe'n lassen. Als die Schöne No. 1 sich in ihrem Boudoir sicher geborgen fühlte, faßte sie den festen Entschluß, den Sieg davon tragen zu wollen, wenn sic zu diesem Zwecke auch der Wahrheit etwas Zwang anthun sollte. Sie schrieb: Liebster Karl! Ich bin seh? krank. Vielleicht muß ich sterben. Kommen Sie doch sicher heute Abend.Die Stunden verrannen, und so merkwürdig es angesichts solchen Briefes erscheint, Karl besuchte die Andere. Die Erklärung ist in dem Billet No. 2 enthalten, das er empfing, und das sol gendermaßen lautete: Liebster Karl. Kommen Sie doch heute Abend zu mir. Sie haben Ihren Schirm bei unl sie hen lassen :
