Indiana Tribüne, Volume 22, Number 69, Indianapolis, Marion County, 27 November 1898 — Page 2
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t5SwcnM in Wadcira. Xlaä) dem Französischen, von G. V'lmar. Gag mal," fragte ich meinen alten Freund, CapitänTvrelli, dessen Turko uniform auf der Terasse des Cafe de la Paix Aufsehen erregte, sag' mal, hast 2)u eigentlich noch nie an's Heirathen gedacht?' ToreM verdünnte seinen Absynth mit etwas Wasser, das er langsam hineinträufelte, dann erwiderte er: Daran gedacht habe ich wohl, doch stets einmal ja und zweimal nein gesagt. Aber ich will nicht leugnen, daß ich die Sache einmal ernstlich in Auge gefaßt hatte. Es war im vrigen Jahr, just um diese Zeit." Wirklich Ja, gewiß. Ich lag damals inAathna. an der Grenze der Wüste, in Garnisoiu" Stell' Dir solch armen Turkocapi tan vor, der seil Jahr und Tag keinen anderen Ruhepunkt für seine Augen ge funden, als die schwarzbraunenFrauenzimmer, die meist nur mit einem Stück Linnen bekleidet sind und sich an Festtagen zu einem kattunenen Burnus versteigen, und deren Frisur mit Kaineelhaaren aufgeputzt ist stell' Dir so'n unseligen Ckpitän vor, vor dessen ausgehungerten Augen plötzlich ein berückendes Frauenbild auftaucht, ein Weib mit einer Gesichtsfarbe wie von Lilien und Rosen, mit venetianisch rothem Haar, einem entzückenden Näschm und kleinen, weißen Zähnchen, und überdies ii hochfeiner Reisetoilette Eine russische Wittwe, die vollkommen unabhängig, von sehr phantastischerArt ist und die daraus ausgeht, sich zu vergnügen! , Es versteht sich von selbst, daß as ganze Bataillon im siebenten Himmel war, und daß Dein alter Freund Alles ausbot, die schöne Reisende zu unterhalten. Die Fürstin war denn auch entzückt und fast täglich spielte ich bei ihr den Cicerone. Unsere langen, gemeinsamen Ausflüge veranlaßten Amor, sich als blinder Passagier einzuschmuggeln. Ich begann mich ernstlich mit Ehestandsgedanken zu tragen. Als guter Patriot mußte man doch auch seinTheil zur B:fcstigung des Bündnisses mit Rußland
beitragen. Zu den Vergnügungen, die ich der schönen Olga zu bereiten gedachte, zählte natürlich auch eine Löwenjagd. Ich ließ daher Sidi Ibrahim kommen, den einzigen Menschen in der Gegend, der es wagte, sich mit dem König der Wüste zu messen. Nach manchen Enttäuschungen 'kam endlich der Tag,' an welchem die Jagd stattfinden sollte. Ein Löwe war eines Morgens in einer Vorstadt von Bathna eingebrochen und hatte eine alte Ka-bylen-Großmutter gestohlen und in die Wüste geschleppt. Sidi verfolgte die Spuren des Thieres und der Großmutter im Sand, machte eine tiefe. Grube im Boden und bedeckte dieselbe mit Aesten. die ein undurchdringliches Hinderniß bildeten. Danach spürte er den Löwen auf, ließ sich von ihm verfolgen, sprang in die Grube, fchlo.ß die Oeffnung mit den Zweigen und als derFeind gleich darauf nahte und brüklend am Rande der Grube' stehen blieb, schoß er ihm aus unmittelbarer Nähe eine Kugel durch den Kopf, die das Thier sofort tödtete. Mit seiner Beute beladen, kehrte er im Triumph nacBathna zurück. Und cm selben Abend nahm ich Gelegenheit, der Speisekarte, welche der Fürstin beim Diner an der Ofsizierstafel geboten würd?, als Glanzpunkt ö wenfilet mit Madeiratunke" aufzusetzen. Meine Braut wir hatten uns inzwischen verlobt war entzückt, fand den Löwen herrlich, das Fleisch fein, zart und fchmackhast und that dem Gericht, welchem sie wiederholt zusprach, alle Ehre an. Während sie noch beim Speisen war, fiel es ihr plötzlich ein, aus Sidis eigenem Munde die Geschichte seines Jagdabenteuers zu hören. Ich ließ den Triumphator holen. Hör', Kamerad," sagte ich zu ihm. erzähle der Frau Fürstin einmal Deine Heldenthaten; sie kommt aus einem Lande, wo mxa Tapferkeit zu schätzen weiß." Sidi ließ sich auf einer Matte, dicht neben unserer Tafel, nieder und begann eine lange Geschichte, die damit schloß, daß er sagte: Ich sprang, wie ich schon erzählt habe, in die Grube und tödtete meinen Feind burch eine Kugel, die ich ihm zwischen die Avgen jagte." ' Und die alte Frau?" fragte Vit Fürstin. Was ist nun aus der Kaby-len-Großmutter geworden?" Beim Propheten, ich war etwas zu spät gekommen. Der Löwe hatte sie zum Frühstück verzehrt." Die Züge der Fürstin hatten sich plötzlich mit fahler Blässe bedeckt in zeigten einen Ausdruck tödtlicheu Abscheus. Aber ." stammelte sie, aber dann habe ich heut Abend a die Kabylen-Großmutter aufgegessen! Hu, hu!" Und noch am selben Abend verließ die Fürstin Vathna. ohne mir ein Wort des Lebewohls zu sagen. Und nun," schloß der Capitän, seinen Absynth leerend, nun weißt Du, warum ich meinerseits nichts. zur Befestiguna des franzosisch -, russischen Bündnisses beitragen konnte. Ich bin Junggeselle geblieben und suche dies traurige Loos jetzt mit Würde zu tragen." Mildernd er Umstand. Qater (überraschend auf Besuch gekommen): Aber Eduard, so viele Bierslaschen auf Deiner Stube?" Studiosus: Aber Papachen, sie sind ia alle Ittll" : .
Wenn Iraltcn altern. Von Paul v. Schönthan. Es ist kaum ein Iah? vergangen, seit ich sie zum letzten Male gesehen habe. und da ich zögerte, sie zu grüßen, nahm sie das Wort: Sie erkenmn mich kaum ja, ich weiß . . . Kommen Sie ljer, ich will Ihnen ein Geheimniß in's Ohr sagen: Ich werde alt!" In der Schnelligkeit fand ich darauf nur die Antwort, die sich einem Ladendiener und einem Weisen auf die Zunge drängen würde, den ungeschickten Protest, der so wenig überzeugend klingt, und aus dem man die Worte heraushören könnte: Laß mal sehen!" Ja. wahrhaftig! Die äußeren Augenwinkel strahlten in allerdings erst schüchtern angedeuteten Furchen aus, Vorboten der Krähenfüße", ihr Teint hatte die zartc Glätte verloren und die gleichmäßige Färbung der frischen Blüthe, ein ernsthafter, harter Zug begann die Anmuth ihres heiteren Ausdrucks, der vordem in allen Nuancen spielte, zu verdrängen, und Donnerwetter! So stark war doch ihr Näschen früher nicht? . . . Frauen brauchen einen nur aufmerksam zu machen, und man findet sofort eine Menge von Merkmalen, die ihre melancholische Ankündigung grausam bestätigen. Sie können nichts Unvernünftigeres thun und sollten es einem lieber überlassen, selber zu der fatalen Entdeckung zu gelangen, wenn's schon sein muß. Sozusagen über Nacht überrascht der Herbst manche Frau; andere, Bevorzugtere, schmücken sich mit dem heuchlerischen Grün, das aus dem Grabe ihrer Jugend sprießt, noch als Mutter erwachsener Kinder. Ich werde alt!" Die Tragödie des Weibes in drei Worten. Die unausbleibliche Tragödie, die noch manchen Akt lang währt, nach einem kurzen, heiteren Vorspiel, das, wenn es gut geht, noch den ersten Jahren des Frauenthums seine Poesie, seine Verklärung leiht! Ich habe über das Gsständniß jener Dame lange nachgedacht, und ich bewundere sie im Stillen, daß sie es über die Lippen brachte und dabei doch lächeln konnte, mit jener fast unverwüstlichen Liebenswürdigkeit, die im We-
sen der Frau tief begründet zst. Keiner von uns würde einem mit diesem Gesichtsausdrucke bekennen: Ich bin bankerott." Und vielleicht ist es was Aehnliches! Arme Frau! Wovon wird sie leben? Sie. die sich für so reich hielt, der galante Hofmacher und geschickteSchmeichelredner in allen Stilarten die Fülle ihrer Schätze, den Reichthum ihrer Reize vorrechneten, um die sich Männer von Rang wie die Bettler drängten mit Billetdou?, Blumen und sinnigen Aufmerksamkeiten. Sie, die an eine Rente von ungezählten Süßigkeiten gewöhnt war, an die reichlichen Zinsen ihrer jugendlichen Schönheit wie wird sie weiterleben können?! 'Und zusehen müssen, 2vie das Kapital sichtbar schwindet, sich von dem Spiegel jeden Morgen die Abrechnung vorlegen lassen müssen, in' der sicheren Erwartung des Tages, an dem es heißt: Madame, wir sind am Ende! Es ist nichts mehr da, rein nichts mehr. Selbst das Gold Ihrer einstigen Lockenpracht ist zusammengeschmolzen und hat sich in graue Asche verwandelt, und die Fläschchen und Schächtelchen da unten auf Ihrer Toilette mit den Essenzen, Eztracten, Eaux und Pillen sind eitel Betrügereien, die Niemanden mehr betrügen können." Der Tag wird erscheinen. Was dann? Mem Gott, sie überleben alle den Sturz, und sie sterben nicht daran, sie ertragen es, ost sogar mit Würde, manche mit unfreiwilligem Humor, der die Andern lächeln macht; wenige mit der überlegenen Resignation .jener Frau, der ein galanter Tröster sagte: Aber, ich bitte Sie, vierzig Jahre, das ist ja gar nichts und dem sie antwortete: Nein, für eine Kathedrale gewiß nicht!" Das Vergehen hat's eilig. Man merkt es erst, wenn man ein bischen länger zusieht. Die erste Jugend zählt die Tage nicht und beklagt die verronnenen nicht; sie erwartet den nächsten Tag, der ihr wieder Freuden und Feste bringt, den Frauen Erfolge und Triumphe. in deren Darbringung sich ein ganzes Geschlecht wetteifernd erschöpft. Ihre Jugend ist siegreich, auch wenn die Grazien nicht ihr ganzes Füllhorn über ihre Wiege ergossen haben. Wenn sie caf Ä)ie Straße treten, fühlen sie in der UnVerdorbenheit ihrer Mädchenhaftigkeit den noch unverstandenenBlick der Manner auf sich haften, und sie nehmen ihn als keusche Huldigung; im Salon ziehen sie eine Heerde von Bewunderern. Anschwämmt und vielleicht sogar einen Mann an, der gelobt, ihnen zeitlebens den Himmel auf Erden zu verschaffen; im Ballsaal erhebt sich ihre Macht zu der souveränen Höhe der Majestät, und wenn sie ein Buch ausschlagen, erfahren sie daraus, daß sie die Krone der Schöpfung sind, das Anbetungswürdige, Ueberirdischc, ein ewiges Räthsel. Engel und Blumen, Feen und dämonische Sphinxe, ,oder was sonst von der entzückten MannesPhantasie der Dichter in unbewußter Liebeswerbung an Ueberschwänglichkeit falschend erfunden wird. Diese Tage zählt man nicht. Zwischen ihrem Auf- und Niedergang liegt Lebensfreudigkeit, die volle Bethätlgung der jungen, begehrten, umworbenen Person. Das Machtgefühl eines Herrschers erhebt sie über die Sterblichen. Sie machen Glückliche, vertheilen Auszeichnungen und Strafen, erheben zu Günstlingen und schicken in di? Verbannung mit der immunen Launenhaftigkeit, eines : übermüthigen Despoten.
Allmälig aber erlischt daö Feuer iq dem funkelnden Gestein ihrer Krone, wird ihr Goldglanz matter, und um den Thron der WeibeS - Majestät wird es still und stiller. Da naht sich die Zeit, wo eine leise Angst in's Herz zu schleichen beginnt, zwar man ist noch halbwegs jung und noch schön, schöner als diese und jene schneller Verblühte. Eine zitternde Freude! Die Verlobungen aus dem Kreis der Freundin-
nen sind eine Mahnung, aber auch jene, denen es gelungen ijf, stehen vor ver Pforte, die zu einer reiferen Lebensepoche führt; man ist oft nur für kurze Zeit eine schöne, junge Frau, die Blüthe macht der Frucht Platz, das ist daä eherne Gesetz, nach dem wir alle unse res Daseins Kreise vollenden müssen. Aber es ist doch für jeden Einzelnen bitter, hinter die Coulissen treten . zu sollen und zusehen zu müssen, wie die Anderen, die Jungen da draußen im vollen Lampenlicht agiren, umrauscht vom Beifall, von galanten Bewunderern umgeben, wie auch sse es einst waren. Nun, auch ihr Stichwort wird fallen, und sie werden von der Bühne abtreten müssen und in das Zwielicht der Coulissen gedrängt werden, immer weiter zurück, mehr und mehr dem Ge, sichtskreis der Männer entrückt, deren zweifelhafte Frauenverehrung" sich ja nur an Jugend und Schönheit , bewährt. Die alternde Frau, das alte Fräulein! Wenn nicht die Pflichten eines Berufes, die Sorge für andere ihrem Leben Zweck und Inhalt geben, ist es am Ende nur ein Scheindasein. Siegehören zu den Ueberz'ähligen". Mit dem Eintritt des Herbstes, dem Nahen des Winters zerrinnt die holde Täuschung, in die der abendländische Frauencultus mit seinen schwärmenden Uebertreibungen jede Einzelne hineingeschmeichelt hat; es geht zuEnde mit der Herrlichkeit, oft unerwartet früh und jählings. Man kann noch eine gute Mutter, ein geliebtes Familienmitglied sein, vielleicht in einem Beruf sein Genügen finden und in harmlosen, Liebhabereien, aber die holden Lenzeslüfte sind verweht, die Pracht der Sommertage ist unwiderdringlich dahin. Wohl denen, die gelebt und geliebt haben, die den Frühling nicht vergeudeten und mit dem Sommer haushielten. Es bleibt ihnen am Ende eine Sparbüchse der Erinncrungen, ein Nothpfennig, damit sie nicht völlig darben müssen in den sonnenarmen Herbst- und Wintertagen wie jene Großmutter in Berangers schönem Chanson, die ihre einstigem Liebschaften aufzählt und mit dem Seufzer schließt: Süßschwellende Glieder Um Euch thut mir's leid! Ach hätt' ich Dich wieder . Verlorene Zeit! Verlorene Zeit! Aber wir sind ja alle miteinander leichtfertige, strafwürdige Verschwender. Nur die ganz Vorsichtigen stellen den Grundlaz auf: Zeit ist Geld als ob sie nicht mehr werth wäre! Man wird so spät sparsam, zu spät, oft erst an den langen Abenden des Lebens, in den Herbst.und Wintertagen! Da ist er eben vorübergegangen, der Herbst! Eine volle, aber unproportionirte Gestalt. Der Rock ist "orn zu kurz, ihre Gesichtsfarbe zeigt eine i'ngleichmäßige Röthung. der Teint ist rauh und rissig, der derbrunde Hals hat die Glätte eingebüßt, und die Querfalten darin haben sich wie Schnitte eingegraben. Das blonde Haar ist ungleichmäßig mit farblosen Stellen untermischt, an der Stirn und im Nacken durch die lange Behandlung mit dem h?ißen Eisen borstig und kurz geworden. Der Gang ist unschön, wie es fcei'corpalen ten Personen fast immer der Fall ist, und es fällt einem schwer, zu glauben, daß es die Ueberreste ein: einstigen Schönheit sind, die hier mit ernsthzf:e? Miene vorüberwandeln. Ein Bekannter, der kein:swezs ein alter' Herr ist, hat mich dessen vlrsichert. Ich kenne sie seit Jahren," sagte er. Unsere Wege begegneten sich, gingen fast täglich an einander vorüber. Ich versichere Sie, sie war schön, und ich habe mich oft mit einem stillen, köpfschüttelnden Seufzer nach ihr umgedreht. Sie hat mich ignorirt, wie sie alle Männer ignorirt hat. Ich versichere Sie, sie war unnahbar. Ich begreife es nicht, daß sie nicht geheirathet wurde aber vielleicht, wahrscheinlich wollte sie nicht. Mir scheint, sie hat sich auf eigene Füße gestellt und ist einem Beruf nachgegangen. Ja, sie war wirklich unnahbar, es war durchaus nichts anzufangen. Vitfe haben es versucht, denn sie war reizend; eine wohlgebaute, kräftige Mädchengestalt, ein bischen in den Rubens-Stil hineinspielend, gesunde Farben, schön hellblond, und immer chic gekleidet. Ja, sehen Sie, ich habe ihre Schönheit lange bewundert, dann bemerkte ich eines Tages, daß sie. wie man sagt, verloren hatte; ich wurde ruhiger im Gemüth und sah mich nicht mehr um, wenn sie an mir vorüberging und nach ihrer Gewohnheit auch nicht den flüchtigsten Strahl ihres Blickes auf mich fallen ließ, auf den stillen Verehrer, der ihr täglich mindestens einmal begegnet war. Sie blieb die kalte, stolze Schöne, die sille de rnarbre. Man sah sie niemals in Begleitung eines Mannes, ihr Lebenswandel war vermuthlich der einer Nonne, die sich weltlich nach einem guten Modejournal kleidet." Ein paar Tage nach diesem Gespräch sah ich die verblühte Schöne in einem wenig besuchten, menschenleeren Restaurant in Gesellschaft eines ältcren Herrn soupiren, der eigentlich die ; Pflicht gehabt hätte, an der Seite seiner. Gattin zu wellen, und der so we trift verführerische Männlichkeit an sich
hat. daß eS begreiflich ist, wenn er darauf angewiesen ist, die verlorenen Aehren aufzulesen, nachdem die Ande ren die volle Saat heimgebracht haben. Das sind melancholische Betrachtungen, aber sie schießen einem in die Feder. wenn der Herbstwind den kalten Regen an die Fenster schlägt, und wenn einem eine allerliebste Frau tagszuvor in's Ohr gesagt hat: Ich werde alt!'' versunkene Luftschlösser.
Von Max Haushofcr. Um geborst'ne Marmorhallen Leuchtet Abendsonnenschein, Und die welken Blätter fallen In das schlummernde Gestein, Bilder schauen aus den Wänden, Von Jahrtausenden geweiht, Hünenschwerter in den Händen; Träumend schläft an allen Enden Schattenhafte Herrlichkeit. Gras und lichte Blumen stehen Träumend vor dem Steinportal, Und die Abendwinde gehen Klagend durch den Säulensaal. Draußen liegt in Glüth vergangen Grenzenlos das 'öde Land; Golddurchglühte Wolken hangen Nieder, düstere Wälder prangen Um der Berge Zackenrand. Kennst du sie. mein Herz, die Reste. Schimmernd noch in Schutt undSand, Die gesunk'nen Felspaläste Deiner todten Träume Land? Was du einst voll Hoffnung schautest, Ging dahin im Strom der Zeit; Alle's trog dich, dem du trautest, Alles stürzte, was du bautest. Donnernd in Vergessenheit ... KarlchcnS Mahnruf Von I. Bettelheim. Draußen war über die Stadt die Helle eines sonnigen He.rbstmorgens gegossen, von der man in der Dachstube. welche die Beiden bewohnten, freilich nichts merken konnte, weil die geschlossenen und festverramm'elten Fensterläden keinen Schimmer Tageslicht hereinließen. Der kleine, von übler Luft erfüllte Raum war von einer qualmenden Petroleumlampe erleuchtet. die wohl die ganze Nacht ihre Schuldigkeit gethan haben mochte und nun die letzten Neste ihrer Speisung aufzehrte. Bist Du entschlossen?" Diese Frage richtete ein ungefähr vierzigjähriger Mann cm seine Frau, die mit rothgeweinten Augen in das Licht starrte. Es wird wohl das Beste sein,' flüsterte sie und vergrub das Gesicht in den rothgestreiften Kattun des BettÜberzuges. Der Mann sprang nun aus dem Bette, holte ein Scheit Holz hinter dem eisernen Kochherde hervor, das er mit einem Messer zerkleinerte, entzündete einen langen Kienspan und legte, als die Flamme zu prasseln begann, eine Schaufel kleiner Kohlenstücke auf die Holzschicht. Dann setzte er sich auf eine Fußbank. die er vor den Hnd geschoben, stützte das Haupt auf beide Hände und sann. Er wollte, bevor er von der Welt Abschied nahm, noch einmal ehrlich mit sich ins Gericht gehen und ließ seine Kinderzeit an sich vorbeiziehen: Mangelhafte Erziehung", murmelte er, verweichlichender Einfluß der Mutter". . . Dann gedachte er seiner Jünglingsjahre: Phantomen nachjagend, . . . tüchtiger Arbeit abhold. . . in steter Selbsttäuschung über meine Thätigkeiten. . . über ernste Lebensfragen mit Sophismen hinwegvoltigirend. . . nie sicheren Schrittes einem bestimmten Ziele zuschreitend, so habe ich die Zeit verbracht vergeudet!" Dann streifte fein Blick sein Weib, das ergebungsvoll nach der Decke aufsah. Ich hatte kein Recht, auch noch ein anderes Menschenschicksal auf mein leckes Fahrzeug zu laden, der ich mich selbst nie lenken konnte!. . . Freilich, was soll sie allein aus der Welt?" Er legte jetzt größere Kohlenstücke in die Flamme, dann riß er das eiserne Kniestück des Ofenrohrs aus der Wand. Sofort schlug ein dichter, schwarzer Qualm in die Stube. Jetzt suchte er noch etwas, um das klaffende Loch in der Wand, zu verstopfen und dem Rauch auch diesen Austritt zu verwehren. Seine Frau wies mit dem Finger nach ihrer Kommode, deren unterste Schublade er herauszog, nach den Flicken und Lappen greifend, die sich darin fanden. Da kam etwas Rothes, Zappeliges zum Vorschein, das er sofort zurückschleudern wollte. Doch da hatte es auch schon seine Frau bemerkt. Sie sprang mit einen? afcc aus dem Bette und faßte danach. Es war der Ueberrest eines Spielzeuges, ein kleiner, vielfach verstümmelter Hanswurst. An Stelle der Beine hingen ihm zwei flatternde Wergsträhne vom .Leibe herab, und auf dem verunstalteten Kopfe saß noch das rothe Mützchen mit der kleinen Schelle, die einen leise klingenden Ton von sich gab, denn die Hand, die diesen Torso eines Lustigmachers festhielt, zitterte heftig. Es war Karlchens letzte Freude!" sprach sie mit von Schluchzen erstickter Stimme. Da begann es in der Brust deöMannes zu leuchen, und er schloß die Lipn r i. . . .... pen sen uoer emanoer. Wieder ertönte das leise Klingen. Es ist seine Stimme, hörst Du ? Karlchen will nicht, daß wir sterben! Thu's nicht! O. thu's nicht!" Da stürzte der Mann mit wilder Energie an das Fenster, riß die Läden auf, daß der volle Tag blendend . ins Zimmer drang, und rief, indem er sein Weib an die Brust drückte: Sei ruhig. Karlchen, wir wollen es . noch weiter tragen!
Arauenkoos. Von Anna Latt.Felsberg. Sie waren Schwestern, aber sehr verschieden. Die Eine war altmodisch. Die heirathete aus Neigung und hatte ein Haus voll Kinder. Die Andere war ganz und gar modern. Sehr selbstänbig im Thun und Denken, hatte sie sich einen Platz in der Literatur erobert, um den mancher Mann sie beneidete. Ihre Gedichte, ihre Novellen wurden nicht nur gern gelesen, sondern auch gekauft. Es gab Frauen, die für sie schwärmten, und Männer, die ihren Namen mit gewissem respectvollen Ernst nannten. Nur selten sahen sich Beide. Heute, mitten in ihrem Kindertrubel, erhielt die Altmodische einen Brief von der Schwester.' Mach' Dich einmal auf ein paar Wochen frei und komm zu mir nach Berlin." Helle Nöthe stieg in die Wangen der Einen, als sie -den Ruf der Anderen las. Sie blickte zu ihrem Gatten hinüber, der seine Zeitung studirte und seinen Morgenkaffee darüber kalt werden ließ. Laß über der dummen Zeitung doch den Kaffee nicht verderben", mahnte sie. Dumme Zeitung", knurrte er. Natürlich, Du interessirst Dich für nichts." O doch, aber jetzt nicht. Jetzt gehöre ich den Kindern." Sie theilte das Frühstück aus, nahm den Jüngsten, Zweijährigen, auf ' den Schooß und fütterte ihn. Der Brief der Schwester lag neben ihrer Kaffeetasse. Ich möchte das Couvert haben," rief eins. Nein ich!" Ich die Marke," so schwirrte es durcheinander. Sie' waren ja bescheiden in ihren Ansprüchen, aber sie wollten alleSechse immer etwas und meist alle dasselbe. Schließlich zankten 'sie sich. Das Eine goß die Milch über die Wachstuchdecke, daß sie gemüthlich aus den Teppich floß und den Brief beinahe mit hinwegschwemmte. Allgemeines Entsetzen. Papa schimpfte, daß der neue Teppich gerade unter dem Eßtisch lag. Aber er war doch für das Eßzimmer gekauft und fo warm und behaglich." meinte sie.
Endlich Ruhe. Wenn Papa zornig aufbranste, dann wurde es meist still wie in vta Kirche. Nach dem Frühstück nahm der Gestrenge den Brief der Schwägerin zur Hand und las ihn. Seine Stirn verfinsterte sich. Was meinst Du zu der Reise?" Meinetwegen reise " antwortete er gleichgiltig, und sie hob den Kopf hoch und nahm sich vor, zu reisen. Da legte das Zweijährige zärtlich die runden Aermchen um ihren Hals und schäkerte gleichzeitig mit dem Papa. Die Jüngsten waren stets seine Lieblinge, ihr galten sie alle gleich, ihr war Eins so lieb wie das Andere. Einen Augenblick noch umtobten die Kinder den Vater. Dann ging er mißgestimmt, übellaunig, schalt auf dem Corridor noch, daß an dem Kleiderriiel sich etwas Kindergarderobe verirrt hatte, und bums" fiel die Thür in'ö Schloß. Nun galt es für sie, all' den Kleinen gerecht zu werden und den Brief der Schwester sofort zustimmend zu beantworten. Ja, sie mußte einmal fort. In ihren Schläfen hämmerte das Blut.' Ihre Nerven waren bis zum Aeußersten erregt. Seit mehreren Wochen hatte sie keine ruhige, ungestörte Nachtruhe mehr gehabt. Der Kleinste bekam die Augenzähne, die Andern waren alle nach der Reihe an den Masern erkrankt. Jetzt waren sie alle wieder wohl auf, aber sie, die Mutter, fühlte sich nun sterbensmüde. Ein Ausruhen, ein Ebholen that ihr noth. Gleichzeitig mit der Antwort an ihre Schwester ging ein Brief an eine Cousine ab, die sie hier vertreten sollte. Beim Schreiben schrsirrten ihr die Buchstaben vor den Augen. Er war so hart zu ihr, so zornig, das Geringste brachte ihn in maßlose Wuth. Sie fürchtete ihn. Er demüthigte sie oft bis zur Unerträglichkeit. Ach ja, fortfort! Aber die Kinder. Das hielt sie mit tausend Banden fest. Mama, wir haben Hunger." Gleich, gleich kommt Papa." Das Essen war längst fertig, der Tisch gedeckt, man harrte nur seiner. Mama, uns hungert sehr!" So kommt zu Tisch, Papa wird wohl bald , kommen." Papa kan nicht zu Tisch. Erst am Abend, gegen acht, betrat er das Eßzimmer. Die Kinder waren zur Ruhe gegangen, sie hatten ihren Vater nicht mehr als eine halbe Stunde b'im Frühstück gesehen. So ging es oft Wochen lang. Ohne merkliche Ursache war eine Verstimmung da, und sie hielt oft längere, oft kürzere Zeit an. Bei ihr wirkte sie erkältend. bei ihm schien es nichts weiter als Laune zu sein oder Reue!" Reue!" das dachte sie. Oft genug hatte er es ihr gesagt, daß er sie nicht vermissen werde, wenn wenn sie nicht da wäre. Sie mußte es anhören und bleiben um der Kinder willen. Für die Kinder lebte sie. für sie opferte sie sich, für sie duldete sie, für sie kämpfte sie. wenn es galt, ihnen Gerechtigkeit widerfah ren zu lassen. ' . DaS war ihre Ehe! Nie ein Wort der Anerkennung von ihm, nur Tadel, Zorn, Mißachtung.
Wie beneidete sie die Schwester! Sie sehnte sich fort, zu ihr. Ihr Gatte ließ sie gern gehen, die Kinder waren unter Obhut der Cousine gut besorgt, und dann war Berlin nicht weit, sie konnte in wenigen Stunden zuHause sein, wenn etwas passirtc. Natürlich wollten alle Sechse mit Mama gehen. Nach schwerem Abschied riß sie sich los. Wer macht mit uns die Schularbeiten?" Papa." O nein, ich habe solche Angst, Papa wird gleich böse." Die Tante " ' Kommst Du bald wieder, Mama?" Ja, ja." Hierbleiben ", lallte dasJllngste, und die kleine Vierjährige mußte mit Gewalt von Mama getrennt werden. Endlich kam sie fort. Ruhe, nur Ruhe!" stöhnte sie, als sie nun im Coup6 saß. Die. Stunden der Fahrt vergingen ihr rasch. Sie freute sich, daß sie ruhig nachdenken konnte über fo viel, vor allem über die Kinder. Ob es bei allen so war wie in ihrer Ehe? Als sie die Schwester sah, kamen ihr die Thränen in die Augen. Elegant und jugendlich stand sie vor ihr und begrüßte sie in der alten Herzlichkeit. Sie wären kaum ein Jahr auseinander. aber die Unvcrheirathete sah mindestens zehn Jahre jünger aus. Das machten die Sorgen um das Wohl der Familie, das in ihrer Hand lag. Die. Eine schämte sich ordentlich, als sie in die elegante Wohnung der Andern trat mit ihrem schäbigen Reisekleidchen. Das Dienstmädchen sah sie so sonderbar an, so von oben herab. Sie hatte sich die Schwester ihrer Herrin anders gedacht. Der kleine Reisekorb barg auch nur wenig. Dann plauderten Beide von der Kindheit und lachten ost herzlich. Auf Stunden vergaß sie ihre Kinder, erst
am Abend wurde sie wieder unruhig, als die Bettgehzeit heranrückte. Das war immer eine schwere Stunde, bis alle wohl geborgen in den Betten lagen und schliefen. Wie glücklich Du bist" sagte sie zu derSchwester, und diese lächelte und seufzte gleichzeitig. Sie lernte auch die Freunde der Dichterin kennen. Es fiel ihr auf, wie galant die Herren waren, sie hatte es ganz vergessen, daß Männer anders sein konnten, als ihr Mann war. Sie kam nur selten mit Menschen zusammen, ihre Welt war ihr Haus, ihre Kinder. Sie interessirte sich sehr für Menschen, für alles, aber sie fcheute sich, auszusprechen, was sie dachte, sie fühlte sich unsicher in Gegenwart Fremder. Wie anders die Schwester. Sie sprach lebhaft über alles, und man hörte ihr gern zu, aufdringlich klug war sie nicht, sie hatte eine kindliche Heiterkeit sich bewahrt. O Gott, ihr hat noch niemand weh gethan," dächte die Eine über die Andere. Einzelne harte, lieblose Worte ihres Mannes tauchten in ihrer Erinnerung auf, und sie biß sich aus die Lippen, bis sie schmerzten. Du, Liebe, heute laß ich Dich allein, ich radle mit einigen Bekannten jeden Donnerstag über Land, eine weite Tour. Schade, daß Du nicht radelst, möchtest Du? Ich schenke Dir ein Rad." Ach nein, danke, wie könnte ich ! Mein Mann, die Kinder!" O, hier radeln viele Frauen, die Mann und Kinder haben. Sie erholen sich und frischen sich auf und kehren .froh nach Hause zurück." Nein, bei uns geht das nicht, ich habe keine Stunde frei für m4ch." Du Arme, Kinderreiche, gieb mir zwei ab von Deinen Sechs, meine beiden Lieblinge." Unmöglich, o nein!" . Nun war sie allein in der behaglichen Wohnung. Die Ruhe bedrückte sie. Sie sehnte sich nach ihren Kindern. Mama, kommst Du noch nicht wieder? Wir beten jeden Abend: Lieber Gott, schick' die Mama zurück!" So -lautete der Brief ihres Aeltesten. Auch ihr Mann hatte heute geschrieben. Wenn Du magst, kannst Du ja vier Wochen, wie Du wolltest, bleiben, aber mit Deiner Cousine ist schlecht wirthschaften. Du fehlst doch allen!" Ach ja, sie wußte es. , Sie fehlten ihr auch, all' die lieben Kinderaugen, die Plappermäulchen, die immer Wünsche aussprachen, die sie meist erfüllen konnte und so gern, so freudig erfüllte. Der Ruf ihres Aeltesten, seine Bitte zu Gott sollte erHort werden. Eine einzige Woche hatte sie es ausgehalten. Die Erholung hatte sie gestärkt, aber 'sie gehörte nicht hierher in die Welt, ihr gehörte ihr Haus, ihre Kinder und vielleicht hatte auch er sie vermißt. Reisefertig trat sie der Schwester entgegen. .-O, Du willst mich schmählich verlassen." ..Ich muß! Ich fehle den Meinen." Ich verstehe Dich, Du bist doch beneidenswerth! Ich fehle niemandem!" Sie küßten sich, und die, die sonst immer fröhlich war, weinte leise. Die Andere flüsterte, als sie wieder im Eoup6 saß: Gottlob, bald bin ich wieder zu
Hause! Backfisch-Bemerkung. Lieschen: Nicht wahr, Mama, die Gegensätze berühren sich, das kann man zum Beispiel sagen, wenn ein ordentlieher Professor eilten zerrissenen Strumpf an hat?" V a 1 1 x st 0 1 3. : Herr: Dein Sohn spielt ja auch Klavier, spielt er schon gut?" Protz: Das meine ich. Dei spielt Dir Stücke, wo eines fünf Dollars kostet!"
Cch kann nit helpe. Vor einigen Jahren starb in Ledenbrook ein Schiffer, den ein Traum in ein furchtbares Schicksal gebracht hatte: er sah in einer Aprilnacht im Schlaf seinen einzigen Jungen ertrinken, am Hafensand, wo die Knaben spielten, und wußte am Morgen nur noch, wie er selber unaufhörlich geschrieen hatte: Ech kann nit helpe! Alles war so schrecklich gewesen, daß er auch im Wachen sein Entsetzen nicht los wurde und an dem Tage den 5-jährigen Klaas zum ersten Mal mit in's Boot nahm. Während der ganzen Fahrt hing die Angst wie mit tausend Gewichten an seinen Gedanken. Bei jedem Knattern der Segel oder beim Knarren des Steuers glaubte er wieder in dem furchtbaren Traum zu fein und selbst aus dem eintönigen Rauschen am Bug hörte er nichts als den schrecklichen Ruf: Ech kann nit helpe. Sie kamen glücklich an ihren Ort. Er lud mit dem Knecht die Waaren aus und andere dafür ein und fuhr zurück. Schon konnte er den alten Steinhund auf der Hafenmauer erkennen, als ein Kräuseln in die glatte Fläche lief und gleich darauf ein schwacher Blitz zuckte. Das nahm ihm alle Ruhe. Er schrie den Knecht an. die Segel einzuziehen, und riß den Jungen von der Bank. Der hatte still mit großen Augen in die schwarzen Wolken gesehen und wußte Mt. warum er jetzt hinunter sollte; bettelte, er wolle mit anfassen, und schrie, als der Vater. den seine Angst hart machte, ihn mit Gewalt in die Cajüte sperrte. Der Wind wurde noch heftiger. Sie rafften das letzte Stückchen Leinwand ein, da rollte fernher der erste Donner. Zugleich schrie der Junge von unten, er wolle helpen". Das Geklapper im Stangenwerk und der Donner verwischten sein Geschrei. So hörte der ängstigte Mann nichts anderes als
den Ruf aus dem Traum: Ech kann nit helpe! Er schrie dem Knecht Worte zu, die der nicht verstand, riß wie toll alle Segel wieder straff und wollte vor dem Sturm zum Hafen. So steil schoß das Boot vor der ersten Bö, daß der Schaum hoch über den Bug auf die Waaren spritzte, und das ganze Fahrzeug in kurzen Stoßen schaukelte, wte wenn es ein Kinderspielzeuz wäre und an einer Schnur durch die Wellen gezerrt würde. In fünf Minuten waren sie am Hafen. Grade neben demSteinHund flaute die Luft ab, sprang aber gleich um mit neuer Gewalt. Sie liefen und wollten drehen; da traf ein Wind stoß die Tucher von der Seite. Das Boot kippte. Sie wurden weit ins Wasser abgeschleudert. Kamen beide noch in den Schleppkahn. Aber wie sie am Boot waren, lag die Eajütenthür schon tief im Wasser. Sie hörten schreien. Sie griffen sich mit den Fäusten an dem Kiel herum und zogen den Kahn mit den Füßen nach. In der Luke hing der Junge, streckte beide Händchen flehend aus und fchrie: Help mi, Vatter! Sie brachen das Gitter aus dem Rahmen. Der war von Eisen und war zu eng. Sie rissen und schlugen und sahen die Luke unter ihren Händen sinken. Help mi, Vatter! schrie derJunge in einem fort. Und der große starke Mann hielt die Händchen fest und den Kopf, und brüllte wie ein Thier: Ech kann nit helpe! Er hämmerte seine Fäuste blutig an dem Holz. Er kletterte auf den hochgeworfenen Rand des Bootes und wollte über das steilabhängende Verdeck doch zu der Thür. Wie er zurückkam, schlugen die Wellen schon in die Luke und in das blasse Gesicht. Help mi. Vatter! schrie der Junge noch einmal. Ech kann jo nit helpe! Er hielt die Händchen noch gefaßt, als die Wasser schon darüber waren. Dann riß ein Windstoß den Kahn unter seinen Füßen weg. Er schlug langhin. mit dem Kopf hart auf das Brett und blieb liegen. In dem Augenblick war das Boot ganz gefüllt und sank, bis auf die schiefaufasetzten Segelspitzen. Und jetzt erst sah der Knecht, wie der Wind längst von neuem umgesprungen war und Boot und Kahn dicht den Hafensand getrieben hatte, wo sonst die Knaben spielten. Er wußte nicht, was er that, warf die Ruder ins Wasser, hockte nieder zu dem Schiffer und jammerte wie ein Kind: Ech kann nit helpe .... ' - Den Knecht brachten sie wieder zu sich; den Schiffer nicht. Als sie ihn fanden, hockte er im Sand am Hafen, die Haare weiß und das Gesicht verblödet. Sie führten ihn nach Haufe wie ein Kind. Sie pflegten ihn noch zwanzig Jahre. So lang sie ihn ließen, saß er auf der Bank vor seinem Hause, starrte auf das Wasser hinaus. Und wie seine Lippen sich bewegten, war es immer nur dasselbe Wort; er sagte es sinnlos, plappernd, ohne daß ein Gefühl davon und ein Schmerz in ihm war: Ech kann nit helpe! D u r ch d i e V l u m e. .Der geizige Rentner Huber sitzt gewöhnlich stundenlang bei einem einzigen Glase Bier. Das ärgert die fesche Kellnerin und sie bringt ihm eines Abends zugleich mit dem bestellten Schoppen einen Eßlöffel. Ja," fragt Huber erstaunt, zu was brauch' ich denn einen Löffel, Rest?" Ich hab' halt glaubt," versetzt diese, der- Doctor hätt' dem Herrn einen Eßlöffel Bier alle Stund verschrieben, weil er schon die ganze Woche jeden Abend bei nur einem Krügel Bier dasitzt." - Eine gute Seele. Rentier: Ich sag' Ihnen, es war furchtbar zu sehen, wie die armen Leute in der grimmen Kälte arbeiteten! Ich hatte die Ueberzeugung, hier muß etwas geschehen!" Und was thaten Sie?" Rentier: Ich trank . einen Schnaps!"
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