Indiana Tribüne, Volume 22, Number 28, Indianapolis, Marion County, 16 October 1898 — Page 7
Des Wittwers Trauer. Won Lars Tilling. Nur ein halbes Jahr waren sie derheirathet gewesen. Sie bewohnten eine kleine Wohnung, in der Alles neu, hübsch und zierlich war, wie bei allen Neuvermählten. Er war Musiker, sie ein 'Singvögel'chen, das mit einer Stickerei am Fensier saß und nach dem Männchen ausguckte, wenn er von seinen Musikstunden nach Hause kam. Abe? dann fing das Vogelchen an, den Kopf hängen zu lassen, es zwitscherte nicht mehr, und eines Tages war es todt. Der junge Musiker war am Morgen fortgegangen und kam erst spät am Nachmittag nach Hause. Er hatte seinen Entreeschlüssel mit und öffnete selbst die Thür. Es war so seltsam still in der Wohnung und unordentlich. Ihre Stickerei lag am Boden, der Nähtisch war umgestürzt und die Wohnstube duftete nach Naphtha. Er ging durch das Eßzimmer. Der Tisch stand noch mit den Resten vom Frühstück; aber das Mädchen war nirgends zu sehen. Seltsam bedrückten Herzens öffnete er die Thür zum Schlafzimmer und blieb entsetzt auf der Schwelle stehen. Unter den hellen Creton - Vorhängen auf dem Bette lag seine Frau. Das blonde Köpfchen ruhte matt auf den Kissen mit den gestickten Einsätzen, ihre Augen waren geschlossen und das Gesicht merkwürdig bleich. Er ergriff ihre Hand, die vom Bett herabhinz. Sie tuet eiskalt. Alma, Alma!" Keine Antwort. Von furchtbarem Schrecken ergriffen, eilte er die Treppen hinab und zu seinen Schwiegereltern am anderen Ende der Stadt. Dort traf er das Dienstmädcn, das ihm weinend etwas erzählte, was er nicht hörte und nicht verstand. , Wie in einem Traum ging er umher, und der Traum dauerte mehrere Tage. Seine Wohnung suchte er nicht wieder auf, sondern blieb bei den Schwiegereltern Er wußte kaum, was vorging. Er hatte nur eine dunkle Ahnung, daß er eines Tages in der Kirche war, die mit florverhängten Kandelabern geschmückt war, und mitten im Raume stand ein schwarzer Kasten mit einer Menge Kränze und Blumen, und dann wurde eine Rede gehalten und ein paar geistliche Lieder gesungen, und dann stand er an der Kirchenthüre und eine Reihe schwarzgekleideter Herren drückte ihm die Hand, Gott mochte wissen, warum. Zuletzt fuhr er in einem geschlossenen Landauer zusammen mit dem Pfarrer hinter dem Leichenwagen hinaus zum Kirchhof und aß darauf mit ihrer Faznilie zu Mittag und weinte viel. Allmälig war es jedoch, als erwachte er aus dem Traume. Er begann wie-
der ferne Stunden zu geben, kehrte aber noch immer nicht zu seiner Wohnung zurück. Eines Tages traf er auf der Straße einen seiner besten Freunde, einen jungen Lieutenant. Sie gingen ein Stück zusammen. 3ch begleite Dich ein wenig sagte der Lieutenant. Du willst wohl nach Hause?21 Wittwer stutzte. .Nach Hause? Ich ich habe ja kein zu Hause mehr." Na, und Deine Wohnung?" Sie steht verlassen. Das DienstMädchen ist davon gerannt, und ich bin nicht dort gewesen, seit na, Du weißt ja!" Komm, gehen wir hinauf und sehen wir einmal, wie es da aussieht. Ich werde Dich begleiten Ich ich kann nicht!" Ach, man muß sich dem Schmerz nicht so hingeben. Zeige Dich als Mann. Komm' nur!" Er faßte ihn unter und führte ihn. Der Wittwer folgte willenlos. Oben auf der Treppe blieb er stehen und holte zitternd den Entreeschlüssel aus der Tasche hervor. Sie gingen hinein. Es war drinnen ein wenig aufgeräumt, aber die Luft war drückend und beklommen, die Blumen standen welk und ließen die Blätter hängen, und der Kanarienvogel flatterte wild in feinem Bauer umher. Er hatte all' sein Futter aufgefressen, und auf dem Boden des Glases war nur ein wenig faulendes Wasser, das er nicht erreichen konnte. Der Wittwer war auf einen Fauieuil niedergesunken und schluchzte. Der Lieutenant holte Wasser für den Vogel und die Blumen und riß ein paar Fenster auf. Dann schlug er dem Freunde leicht auf die Schulter. Siehst Du, nun hast Du lange genug geweint! Machen wir eine kleine Runde durch die Zimmer!" Sie gingen durch's Eßzimmer in's Schlafgemach, in dem zwei Betten ueben einander standen unter den hellen Creton - Vorhängen. Hier lag sie. Du, als ich sie das letzte Mal sah. Dort auf dem Nachttisch steht noch die letzte Medizin, die sie bekam. Ich hatte nicht einmal die Freude, sie ihr zu geben. Da siehst Du ihren Toilettentisch. Ist er nicht medlich mit seinen weißen Gardinen und all' den kleinen Nippsachen?" Und diese Masse Fla5vns," sagte der Lieutenant. Ja, sie liebte sehr Parfüms. Das hier war ihr Lieblingsodeur. Er ist fein, er kostet 4 Mark die Flasche. Sie verbrauchte jede Woche eine." Was ist das Weiße da, was über dem Stuhl hängt?" Ihr Frisirmantel. .. Sie hatte sechs solche, alle mit echten Spitzen besetzt." Sie war keine billige Frau." Nein.aber sie war ja auch ein wohl9 habendes Mädchen." .Ist ein Testament aufgesetzt?"
Ja, wenn die Eltern sterben, li komme ich eine nette Summe." Das ist ja immer ein Trost." Ach ja." Höre, sage mir, bist Du nicht hungrig?" fragte der Lieutenant plötzlich. Hungrig? Ach ja. eigentlich. Eine Kleinigkeit zum Frühstück würde nicht übel schmecken. Komm, gehen wir hinaus und sehen wir, ob nichts in der Speisekammer vorhanden ist." Da stand eine KisteSardinen, etwas Räucherlachs und Schinken und ein Stück Käse, das nur an den Rändern ein wenig müffig war. Das ist ja ein lukullisches Mahl. Man sieht, Du hast eine wirthschaftliche Frau gehabt, die dafür sorgte.daß die Speisekammer gefüllt war." Wirthschaftlich! Rein, das kann man an ihr nicht rühmen. Von der Wirthschaft verstand sie nicht mehr, als Du von Musik. Das Mädchen besorgteAlles und sie betrog uns in greulicher Weise. Gott sei Lob, daß ich sie los bin! Ja, Du verstehst ich meine das Mädchen!Natürlich! Aber nun lauf' ich zum Bäcker hinunter und hole etwas Brod, dann deckst Du indessen den Tisch, wie wir es in Deinen Junggesellentagen machten." Hier stehen zwei kleine Flaschen Bier," sagte der Wittwer melancholisch. Wenn sie nur nicht sauer sind." Dann haben wir noch eine Karaffe Sherry auf dem Büffet. Das wird schon reichen." Bald saßen beide Freunde an einem wohlgedeckten Frühstückstisch. Das Vier war noch sehr gut und der Wein vortrefflich. Ihre Unterhaltung wurde lebhafter, und es kamen längere und längere Pausen zwischen jedem Seufzer des Wittwers. Sie zündeten sich ihre Cigarren an und nahmen die Sherryflasche mit in die Wohnstube hinein. Die Sonne schien freundlich hinein, der Kanarienvogel, der neues Futter bekommen hatte, schlug lustige Triller, und die Blumen standen frisch und duftend und hoben wieder ihre Blätter empor. Wir setzen uns hier cm's Fenster." Ach Gott, da liegt ihre Stickerei noch auf dem Nähtisch. Es waren ein Paar Pantoffeln für mich. Sie stickte
daran schon zwei Monate. Sieh', sind sie nicht hübsch? Vergißmeinnicht aus blauer Seide mit Goldperlblättern. Dort auf dem Fauteuil faß sie immer." Und dann saßest Du ihr hier gerade gegenüber?" Nein, sie mochte nicht, daß ich am Fenster saß!" Warum denn nicht?" Ja, siehst Du, da gerade gegenüber wohnt eine junge Wittwe, die auch immer am Fenster sitzt und stickt." Vielleicht Pantoffeln für ihren zweiten Mann?" ,Das ist wohl möglich." Der Lieutenant sah hinaus. Ist sie das, die da sitzt?" . Der Wittwer rückt einen Blumentopf zur Seite. Ja gewiß. Ach steh', sie hat die Trauer abgelegt. Wie ausgezeichnet das hellgraue Kleid ihr steht, und dann hat sie ein Stiefmütterchensträußchen an der Brust." Nun steht sie vor dem Fenster, um dem Vogel ein grünes Blatt zu geben," sagte der Lieutenant. Sieh', wie graziös sie die Arme in die Höhe streckt," rief der Wittwer. Sie hat eine brillante Figur." Und ein hübsches Profil." Ja, und solch schönes Haar, so reich und rabenschwarz. Mein armes Aennchen, sie war blond; aber ich habe eigentlich die Brünetten immer schöner gefunden." Sie sieht herüber," sagte derLieutenant. Du solltest sie grüßen." Der Wittwer hätte beinahe einen Blumentopf bei seinem Compliment umgeworfen. Sahst Du, wie hübsch sie grüßte?" rief er begeistert. Mit solch' einem freundlichen, melancholischen Lächeln, als wollte sie sagen: Wir Beide stehen verlassen da, wir sind Beide unglücklich." Wir Beide sollten uns gegenseitig trösten," ergänzte der Lieutenant. Ach. sei nicht so abscheulich! Du weißt seh? gut. daß mich nichts in meinem großen Schmerze trösten kann," sagte er und trank mit traurigerMiene ein Glas Sherry aus. Der Lieutenant brachte dasGespräch wieder auf die Wittwe. Sage mir, wohnt sie allein dort drüben?" Nein, sie hat eine alte Tante im Hause, eine nette Dame." Du solltest bei ihr Visite machen. Sie sieht so theilnehmend aus. Das will ich und ihr für den hübschen Kranz danken, den sie schickte. Aber ich will warten, bis der erste, bittere Schmerz sich ein wenig gelegt hat." So in vierzehn Tagen vielleicht?" O nein, da vergeht mindestens ein Monat." Der Lieutenant stand auf. Nun muß ich mich verabschieden. Ich habe Dienst." Willst Du mich schon verlassen, lieber Freund? Du ermunterst mich ein wenig. Wenn Du gehst, bleibe ich wieder allein mit meinen düsteren Gedanken." . Die muht Du zu vertreiben suchen. Du kannst ja ein bischen spielen und dann ein wenig zum Fenster hinaussehen. Es ist ja ganz amüsant, auf die Straße hinunterzusehen und nach den Nachbarn. Adieu, Liebster!" Adieu, lieber Freund, vielen Dank für Deinen Besuch." Er schloß hinter dem Lieutenant die Thür, lehnte sich behaglich in den Fauteuil, zündete eine frische Cigarre an und blickte über die Straße zur Wittwe hinüber, die noch immer hinter ihren Scheiben saß und fleißig an den Pantoffeln für ihren zweiten Mann stickte.
Der Anliciroarc.. Von Siegfried Nagel. Wir sahen uns wieder, Leberecht und ich; wenn sich zwei alte Freunde nach längerer Trennung sehen, dann freuen sie sich und deshalb freuten wir uns. Aber nicht blos deshalb, sondern wir hatten uns wirklich lieb und das aus dem Grunde, weil wir miteinander lange Jahre durch Dick und Dünn gegangen waren. Böse Zungen behaupteten demnach, wir seien Lumpen! Deshalb waren es ja auch böse Zungen, denn wir waren blos Studenten. Die bösen Zungen kamen auch zu seinen Eltern, dann kam ein tragisch:" Schlußeffect und dann war es aus! Leberecht war verschwunden, und mich Plagte das böse Gewissen. Ich war zuerst unruhig, dann trostlos, dann verzewifelt. So vergingen zwei gräßliche Wochen. Wir sahen uns also wieder. Er trat zu mir in's Zimmer. Bon seinen Wangen rieselten Thränen. Na," sagte ich. Er reichte mir stumm die Hand. Wo warst Du die ganze Zeit?" wagte ich schüchtern zu fragen und dachte Entsetzliches. Ich war in der Kur!" sagte er tiefernst. Kur?!" Ja, ich bin unheilbar!" Unh " Mir stockte die Stinzme. Er setzte sich auf ein ledernes Fauteuil, trocknet seine Thränen und begann: Also ich wurde verbannt. Du mußt nämlich wissen, daß meine Schwester einen Postexpcditeur inLangenweiler geheirathet hat; so wurde ich dorthin in's Exil und in die Kur geschickt, in den Ort, der seinen Namen mit Recht trägt, wo ein siebzigjähriger Pfarrer , ein dürrer Medicinmann, mein Schwager und eine Anzahl Bauern den Gemeinderath die Elite des Ortes bilden; dorthin wurde ich verbannt, wo ich verbessert werden sollte. Ich kam; gräßlich! Am ersten Tage traf ich Niemand als einen alten Herrn, der von einer Landespfründe lebt und mir erzählte, er habe seit 50 Jahren die Gicht und geh: fleißig in's
Dampfbad; dann begegnete mir ein altes Weib, das den Bewohnern Mach brachte und mir freundlich einen Guten Morgen, Herr Baron!" zurief. Abends kam der Doctor, noch jung, aber verknöchert, zog gräßlich über meine Lumperer los, trank vier Scha len Thee und spielte dann mit meinem Schwager und meiner Schwester Ma riage. Ich saß zerknirscht beim Fen ster und las das Morgenblatt von ge stern. Es war sehr amüsant. Am zweiten Tage traf ich den Pfründner nicht; er. war wahrscheinlich im Dampfbad. Die Alte begrüßte mich als Herr Dotcor, eine hübsche Abwechslung, die ich wahrscheinlich meinem Zwicker verdankte. Das war Alles an Zerstreuung. Am Abend kam der alte Pfarrer, sprach salbungsvoll von der Verderbniß der Seele und spielte dann mit meinem Schwager Schach, da meine Schwester Gänse zu füttern hatte. Ich sah mir ein; illustrirteZeitschrist vom Jahre 1876 an; das Abendblatt vom vorigen Tage war noch nicht da." Mein Freund hielt inne. Nun und weiter?" fragte ich. Weiter? Es nützt nichts! Ich bin unheilbar!" Er saß ganz vernichtet da. ' Aber !" Da lies diesen Brief," sagte Leberecht, von meinem Schwager an meine Eltern." Er reichte mir den Bogen. Ich las: Uns geht es danke gut, und wir sind zufrieden bis auf die letzte Woche. Denn unser Ort war immer so ruhig und still und da mußtet Ihr uns den Schlingel" ich sah Leberecht vorwurfsvoll an hersenden. Der Doctor sitzt nun mit Leberecht und einigen Bürgern au.s der Nachbarschaft bis in die Nacht hinein beim Wein, und mein Schachgegner, der Pfarrer, ist krank; denn er hat sich bei einem Zechgelage, zu dem ihn Leberecht verleitet hat, übernommen. - Auch meine Frau ist mir wie vertauscht; sogar ich mußte unlängst denkt Euch tanzen, weil Leberecht einen Ball arrangirt hatte. Aus der ganzen Umgebung waren Leute gekommen. Es war allerdings recht fesch, aber ich glaube, der Zweck seines Hierseins ist dock etwas verfehlt. Auch fürchte ich, die Bauernburschen werden ihn einmal verklopfen; die Bauernmädchen sind ihm gewogener. Darum glaube ich, daß er hier, in unserem sonst so friedlichen Orte, zu viel Radau macht, und würde Euch daher bitten " Ganz erschüttert hielt ich inne. Armer Freund, unheilbar!" Uns standen die Thränen in den Augen. Da nahm er seinen Hut und ging. Bei der Thüre blieb er stehen: Hast Du bemerkt, in dem Briefe steht fesch" und verklopfen" und Radau"; das hab1 ich dort eingeführt." Dann drückte er die Thüre auf; mir krampfte sich das Herz zusammen. Da blieb er wieder stehen. Du!?" sagte er. Ich hatte schon etwas voreilig den Hut genommen, besann mich und sagte zögernd: Na ja, weil wir uns so lange nicht gesehen haben!" Arm in Arm gingen wir fort und dann ich war wirklich wieder ganz unschuldig, nur schwach. Die Hauptsache. Also Sie unterrichten die Kinder des Restaurateurs Müller gegen freies Mittagessen? Haben Sie denn schon gute Erfolge?" Elavierlehrer: O ja . . . ich habe bereits zehn Pfund zugenommen !" Beim Heirathsvermittler. Glauben Sie, daß diese Dame mir eine treue Gattin sein wird?" Selbstverständlich! Für zwei Jahre garantire ich!" Manche gelten so lange für geistreich, bis einer dahinterkommt, woher sie ihren Geist beziehen.
An den Slums. Cwe Wanderung durcb die Wildnisse Lon dons. De? Berg von Briefen, welcher jeden Morgen auf dem Tische meines Freundes, eines deutschen Arztes in London, neben seiner Frühstückstasse lag, enthielt regelmäßig die merkwürdigsten Schriftstücke, unter denen Bettelbriefe nicht die unterste Stufe einnahmen. Bon letzteren hatte mein Freund ein kleines Museum angelegt. Sehr viele verschämte und unverschämte Arme deutscher Nationalität zeigen plötzlich für St. Bonifaz ein starkes Zugehörigkeitsgefühl, sobald der Schuh anfängt, zu drücken. Wieder ein Bettelbrief, dachte ich heute, als mein Freund das V erste Schreiben zur Hand nahm. Dieses Mal jedoch hatte ich mich geirrt. Der Brief lautete vielmehr folgendermaßen: Einliegend ein Check für Lstrl. , die ich Ihnen anvertraue zur Bertheilung unter die Armen des Ostendes, ohne Unterschied der Religion und der Nationalität. Ergebenst X. Y." Die Summe war sehr bedeutend und natürlich um so willkommener. Schon seit Wochen hatten wir von der Noth, welche der lange und scharfe Winter 'über die arme Bevölkerung im Osten unserer Riesenstadt gebracht hatte, viel gesehen und viel gehört. Während wir den Brief lasen, warteten unten im Hausflur die Hilfesuchenden dichtgedrängt, während einige Dutzend draußen auf der Straße standen, bis sich auch für sie die Thür öffnen würde. Um den Wünschen des edlen Spenders gerecht zu werden, war der beste Weg dieser: eine Expedition in die Slums zu unternehmen, um dort an Ort und Stelle, nach eigener Anschauung, die Bertheilung vorzunehmen. Und was stnd die Slums? Im Wörterbuche suche ich vergebens nach einer zutreffenden Uebersctzung. Dieses Wort bezeichnet das elendeste, grauen-
vollste Gewirre von Hütten, Gassen, Höfen, m denen die Aermsten der Armen Londons ein Dasein fristen, um welches kem Hund sie beneiden konnte! Es fanden sich bald einige Freunde, welche ihre Theilnahme an unserem Gange zusagten, und früh am Nachmittage wanderten wir jenen Gegenden zu, wo nach unserer Annahme d:e Hufe am allerwillkommensten, freilich auch unsere Arbeit größer sein würde, als wir bewältigen konnten. Unsere Schritte führten uns zuerst durch Back Church Lane". Obgleich 'diese Straße mit ihren Dreckhaufen, ihren Trodelbuden, ihren Kartosfelladen, ihrem Duft von gebratenen Fischen und ihren Schaaren von ungewasche nen Kindern gerade keinen besonders günstigen Eindruck macht, so ist ste doch noch als aristokratisch anzusehen im Vergleich zu dem, was uns später vor Augen kam. Zu beiden Seiten zweigen sich Gassen ab, bei deren Anblick man meint, etwas Traurigeres lasse sich auf Gottes Erdboden nicht finden. Der berüchtigte Londoner Nebel verschwindet selten aus diesen Winkeln ganz. Wir kommen nach Cable Street, welche als Matrosenviertel unter dem Namen Ratcliff Highway eine traurige Berühmtheit erlangt hatte, und dort ist unsere Aufgabe, mit Bäckern, Metzgern und Kohlenhändlern uns wegen Lieserung ihrer Waare auf unsere Gutscheine hin zu verständigen. Wohin nun zuerst? Wir standen unter einer Eisenbahnbrücke, wo aus der Tiefe eines unsäglich schmutzigen Ladens die kleinen, auf Holzstückchen gespießten Portionen gekochten Pferdefleisches, die als Katzenfutter dort ausliegen, einen abschreckenden Duft entsandten. Auch die Nachbarschaft ist nicht die schönste; denn unter dem nächsten Eisenbahubogen (den man natürlich nachher sorgfältig mit Brettern vernagelt hat) hat man die furchtbar verstum melte und schon in Verwesung Lberge gangene Leiche einer Frauensperson gefunden, deren Ermordung, aller dings mit Unrecht, dem berüchtigten Jack the Ripper", der etwa ein Jahr vor jenem Morde im Ostende sein Wesen getrieben, auf s Kerbholz geschne ben wurde. Nun, wohin zuerst? Uns nahte sich eine alte Frau: sie hat trotz ihresAlters noch eine aufrechte Haltung, und ihre schneeweißen Haare, die unter einem zerfetzten Shawl hervorquellen, geben ihr ein würdiges Aussehen. An den Füßen hat sie Dinger, die vor zehn Jahren vielleicht einmal Männerstiefel gewesen sind; die zerlumpten dünnen Kleider können ihren maaeren Leib unmöglich warm halten. Im Vorbeigehen streckt sie schüchtern die Hand aus und sagt mit leiser Stimme: Bitte, sifinffn k?t mr tirtfrt N?nnn!" vy v v v v v v y Nun, Mütterchen," sagte ich, Sie können vielleicht außer dem Penny noch mehr gebrauchen; zeigen Sie uns, wo Sie wohnen." . Nie werde ich den Ausdruck vergessen, der bei diesen Worten über ihr Gesicht glitt. Erstaunen, Freude und auch Ungläubigkeit. Kommen Sie mit," sagte sie rasch und schritt so eilig, als ihr Alter und ihre jämmerliche Fußbekleidun7 es erlaubten, vor uns her. Hier um eine Ecke, da um eine Ecke, und unsere Führerin verschwindet unter einem niedrigen Eingang, den Wir nur gebückt durchschreiten können. Wir gelangen auf einen Hof, dessen Anblick dasDante'sche Lasciate ogni speranza" sogleich in's Gedächtniß ruft. Hier wohnen Menschen? In diesen elenden Hütten, in dieser Atmosphäre, die alle Fieber heraufbeschwört? In diesen Hohlen, wo. anstatt daß Fensterscheiben das Licht einlassen, Zeitungen und Lumpen es ausschließen? Unsere greise Führerin winkt und steigt uns voran die Treppe hinauf, wenn das Ding den Namen verdient; ihre Warnung, nur ja recht Acht zu geden, ist jedenfalls angebracht. Die Tritte der Hühnerstiege. knarren, ver-
dächtig, mit jedem Schritt hinaus wird
es dunkler; endlich stehen wi? in einem jämmerlich leeren, kalten, öden Dachstubchen, dessen einziges Möbel eme elende Matratze mit Decke, eine Nmne von einem Tisch und ein alter Stuhl bilden; ein hohlwangiges Wesen, die Tochter unserer Führerin, blickt erstaunt auf den Besuch. Die Einzelheiten sind rasch erzählt. Die Mutter kann nicht mehr arbeiten; die Tochter verdient mit Sacknähen wöchentlich 4 Schilling; davon gehen 2 Schilling für die Woche als Miethe für diese Jammerbude ab, bleiben also ISchilling, wovon sich zwei erwachsene Menschen die ganze Woche hindurch ernähren müssen. Natürlich waren sie mit der Miethe zurückgeblieben, und auf dem Tische lag schon der Zettel mit der Ausweisung. Unsere Anweisungen auf Kohlen, Brot und Fleisch waren rasch v ausgefüllt, und dankbare Blicke folgten den Bewegungen der Bleistifte; als wir aber auch noch das Miethsbuch verlangten und den Rückstand zu berichtigen versprachen, da richtete sich die Alte in einer Art von Ekstase in ihrer ganzen Länge auf und fing mit zum Himmel erhobenen Händen an,' allen Segen auf uns herabzurufen; sie war eine Jrländerin, und diese Leute haben eine ganz eigenthümliche Beredtsamkeit. Wahrhaftig tragisch!" meinte mein Freund, als wir mit Lebensgefahr wieder hinuntergeklettert waren. Der Raum im unteren Stockwerk der Hütte glich mehr einem Keller. Dunkelheit und dumpfe, übelriechende Luft empfing unö daselbst. Mit Knixen begrüßte uns die Bewohnerin, die an einer Waschbütte stand und dort einige Fetzen wusch, auf die unterdessen die halbnackten Kinder warten mußten. Mein Mann ist schon lange Monate außer Arbeit, und wir Alle sind hungrig, wir haben nichts mehr zum Versetzen." Die Gesichter waren Beweis genug für die Aussage. Was ist denn das?" fragte ich, als aus einer dunklen Ecke ein Aechzen ertönte. O, das ist meine Großmutter!" Richtig, da liegt in einem kleinen Kinderbett, dem einzigen Möbel, das noch nicht in's Pfandhaus gewandert ist, ein uraltes Haus, die Kniee beinahe am Kinn; mit stieren Augen sieht sie uns an und murmelt einige unverständliche Worte. Wie lange mag es her sein, daß sie als Kind auf der grünen Insel umhergesprungen ist? Die ärmste Torfhütte in ihrer Heimath wäre doch noch dem Staue vorzuziehen gewesen. in dem sie jetzt dem Ende ihre? Tage entgegensieht. Wir treten in das nächste Haus: dasselbe Elend, derselbe unsägliche Schmutz. Drei alte Wittwen theilen sich in das Kellergemach. Einer unserer Begleiter erinnert an die drei Hexen in Macbeth". Wir hören sie schon unter einander über die Gutscheine streiten und keifen, während wir mit Anwendung aller Turnkünste nach oben steigen. Da ist die Thur ge schlössen; auf unser Anklopfen erfolgt nur eine Art Grunzen als Antwort. Nur frisch hinein! Dichter Rauch, der aus einer Handvoll Kohlen aufsteigt, die auf dem Herde glimmen, füllt die Dachstube. Nichts ist sichtbar, nur das Grunzen macht sich aus einer Ecke bemerkbar. Wir leuchten mit einem Schwefelholz in den Rauch hinein und sehen eine Gestalt, vor der wir unwillkürlich zurückschrecken. Eine alte Frau, mit wirrem, grauem Haar und stierem, thierischem Blick, sitzt halb nackt auf einem Haufen von alten Lumpen. Entbehrung und Krankheit stehen in ihrem Gesicht geschrieben. Der Arzt bietet alle seine Ueberredungskunst auf, um sie zu bewegen, daß sie in's Armenhaus gehe und dort sich verpflegen lasse. Es nützt nichts; ja, wenn sie aus ihrem Stumpfsinn erwacht und die zu ihr gesprochenen Worte erfaßt, wird sie ganz grimmig und erklärt, sie wolle lieber verhungern, als den Schritt thun. Von früheren Zeiten her hat sich dieser Haß gegen das Workhouse" noch in weiten Kreisen unter den Armen erhalten, wenn auch die schreienden Mißstände vergangener Jahre jetzt durchwegs abgeschafft sind. So wanderten wir in diesem Slum von Haus zu Haus und ließen kein einziges Stübchen unbesucht; aber wie soll ich all' den Jammer beschreiben, den wir da sahen? Junge und alte Männer, die in dumpfer Verzweiflung hinbrüteten, da seit Wochen oder Monaten jede Bemühung um Arbeit erfolglos gewesen war, feuerlose Herde, öde Stuben, bleiche, von Hunger redende Gesichter, zerlumpte, barfüßige Kinder, die an Stücken schimmligen alten Brotes nagten, welches sie sich irgendwo erbettelt hatten, junge Frauen mit Säuglingen, denen sie nicht mehr die natürliche Nahrung geben konnten, und dazu der scharfe, kalte Wind und der tiefe Schnee! Wir brauchten Stunden, um nur in diesem einzigen Slum alle Familien zu besuchen und um dafür zu sorgen, daß dort wenigstens an diesem Abend Niemand hungrig und kalt sich schlafen legen mußte. Es war spät geworden. Bei spärlichem Lichte, welches die wenigen Gaslaternen gaben, suchten wir noch andere Viertel auf, wo besonderS Juden zusammengepfercht leben. Die Anzahl derer, denen wir mit dem Nothwendigsten hatten helfen können, war natürlich im Verhältniß zu der Gesammtheit der Bedürftigen verschwindend klein. Glücklicher Weise blieben noch genügende Mittel übrig, um einen weiteren Gang zu machen, dessen Ziel diesmal einige Meilen wciter östlich, in der Siachbarichaft der großen Docks, lag. Schon beim Verlassen der Pferdebahn bemerkten wir Hunderte von Arbeitern, die an den Dock - Eingängen herumlungerten. Faullenzer sind sie nicht, denn Tag für Tag kommen sie dorthin, in der Hoffnung, irgend eine Arbeit zu erhalten. Aber Wenige sind j es, deren Hoffnungen erfüllt werden.
Das irdene Pfeifchen, welches die Meisien im Munde haben, kann man ihnen schon gerne gönnen, denn was ste rauchen, sind ja doch meistens nur kleingeschnittene Cigarrenstummel, die sie aufgesammelt, und das Rauchen hat wenigstens das Gute, daß das Knurren des Magens nicht gar zu laut wird. Begleitet von einem Herrn, der die dortige Nachbarschaft und deren Bewohner gut kannte, waren wir bald wieder in den Slums, die womöglich noch grauenhafter waren, als die früher besuchten. Die Bewohner, welche wohl den Zweck unseres Besuches ahnen mochten, standen bald in Schaaren um uns herum, wurden jedoch Alle in ihre Behausungen zurückgeschickt, mit dem Versprechen, daß wir Jeden besuchen würden. Und nun begann wiederum die Wanderschaft und das halsbrecherische Auf- und Abklettern. Durchgängig fanden wir, daß, obgleich es schon Nachmittag war, die Bewohner seit dem vorhergehenden Abend noch keinen Bissen Nahrung genossen hatten, mit Ausnahme einiger Kinder, denen die Eltern ihr Stück trockenes Brot abgetreten hatten. Immer dieselbe Geschichte: der Vater seit Monaten außer Arbeit, alles Hausgeräth längst im Pfandhause. Beinahe überall versahen Reste von früheren Matratzen und Haufen von halbverfaulten alten Säcken die Stelle der Betten, wie Lumpcn und Zeitungen die Stelle der Fensterscheiben vertraten. Auffallend und doch natürlich war es, daß, wo wir auch immer fragten, was am Willkommensten .sein würde, wir stets die Antwort erhielten: Thee!" Darnach wurde noch eher gefragt, als nach Brot. Das warme Getränk ist für diese armen, frierenden Menschen eben das zunächst Wünschenswerthe. Der Raum erlaubt es nicht, auf weitere Einzelheiten einzugehen. Manches von dem, was wir gefehen, bleibt auch lieber verschwiegen. Nur dieses Eine noch: Wir begegneten auch schönen Zügen, -die dafür sprachen, daß auch unter den zerfetzten und schmutzigsten Röcken mancher Slumbewohner edle Herzen schlagen. So antwortete ein Mann, dem ich etwas anbot, indem er aus dem Kasten ein Stück Brot und eine Kruste Käse hervorholte: Hier, Sir, das habe ich noch
und das genügt mir; mein Nachbar hat diele Kinder und braucht's nöthiger geben Sie dem desto reichlicher!" Die Existenz der Slums ist eine Schmach für England, für London besonders, wo so Viele im Ueberflusse schwelgen. Man mag sagen, daß diese chrecttiche Armuth zum Theil selbst verschuldet ist, daß sie theilweise dem Trunk auf die Rechnuna geschrieben werden muß; aber daß man Menschen in solchen Höhlen in London finden kann, das ist traurig, w unverant- , wortlich in dieser Stadt des Reichthums. Glücklicher Weise hat das Londoner County Council schon seit einigen Jahren sich bestrebt, solche Schmachstatten vom Erdboden zu ver tilgen; schon sind eine Menge aeschlos sen, andere sollen ihnen bald .folgen. Aber ehe die ganze Arbeit gethan ist. ehe es keinen Slum mehr gibt, wird noch viel Wasser die Themse hinablausen. Mina's Irrthum. Humoreske von Tr. v. Radier. Herr Josef Walcher war einer der angesehensten Bürger in dem kleinen Städtchen Neuburg. Er hatte einen Ruf als der beste Uhrmacher im Umkreise von drei Meilen, und lebte mit seinem Weibchen in Ruhe und Frieden das heißt, . wenn er ruhig" war und das war der kleine, dicke Josef immer. Hin und wieder gelüstete es ihn wohl, seiner besseren Hälfte, der fanftmllthien" Mina gegenüber etwas den Herrn zeigen zu wollen allein es blieb stets bei dem schüchternen Versuche denn Mina konnte mitunter sehr eklig werden. Vor Allem forderte sie, daß ihr braver" Josef, der, wie sie ihm unaufhörlich weis zu machen suchte, zum Familienvater" geboren sei, stets vor zehn Uhr Abends, pünktlich, wie die von ihm construirten, tadellosen Zeitmesser, zu Hause sei. Walcher war auch klug genug, dieser seiner Gesundheit so zuträglichen Vorschrift" genau nachzukommen, denn die Erlaubniß seines süßen Hausengels, am Abende überhaupt wenn auch nur zwei Mal in der Woche ins Gasthaus zu gehen und sich mit seinen Stammtischgenosscn über hohe, mittlere und niedere Politik auszulassen, wollte er sich nicht verscherzen. Außerdem drängte es ihn auch selbst, um diese Zeit am häuslichen Heerde zu erscheinen, denn das gütige Geschick hatte ihn mit , einer geradezu fatalen Schlafsucht ausgestattet. Eines Abends jedoch hatte sich etwas ganz Unerwartetes ereignet. Die Stammtischgenossen faßten in einer Anwandlung von Großmannssucht den Plan einen Verein zu gründen. Erschrick nicht, lieber Leser, es war nur ein Loosverein. Sofort wurde das Gerippe der Statuten entwarfen und spontan wurden die Wahlen der hervorragendsten Funktionäre vorgenommen. Trotz allem bescheidenen Sträuben wurde Walcher zum Präsidenten gewählt. Selbstverständlich mußte diese in dem einförmigen Leben des biederen Uhrmachers epochemachende Standeserhebung auf Kosten des neuen höchsten Würdenträgers würdig" gefeiert werden, weshalb auch eine Flasche Wein nach der anderen anrückte. So wurde es unbemerkt 10, 11, 12 Uhr. Da. die Pfarrkirchthurmuhr hatte noch kaum den letzten Mitternachtsschlag vollendet, da bemächtigte sich unseres wackeren Philisterpräsidenten eine namenlose Angst, denn es war ihm plötzlich seine Mina eingefallen. Wie wird sie sich schlaflos auf 'ihrem La-
aer walzen und' mit welcker ftülle vort
Ingrimm wird sie seiner harren! Schweißtropfen traten iym aus rne Stirne und er wechselte einige Male die GesZcktsfarbe. Die lustigen Wirthshausfreunde aber schienen die Ursache seiner eetenqualen erraten zu haben und wußten dieselben theils neckend, theils durch Aufstächelung semer Manneswuroe zu uoer. täuben. ftiinf Ubr Moraens wimmerte eS vom Thurme herab, als Walcher auS der Kneive. unterstünt von seinen 3cäV genossen, schläfrig und todesmüde nach lQaut icywanlle. Mühevoll erkletterte er leise die 5tieae. wäbrend sein aeistiaes Obr be reits die Fluth der Gardinenpredigt zu vernehmen giauvte. Im Vorzimmer streifte der fchwee athmende Ehemann still und sachte die Stiefel ab und fchlich unhörbar, wie eine Sylphe, in das Schlafgemach. Welch' eine Ueberraschung aber bot sich ihm vor dem ersehnten Ruhelager dar. Seine Mina schlief wie eine holde Fee. Nahezu geisterhaft legte er den Rock ab, dann die Weste und war eben im Begriffe, sich auch seiner Beinllelder zu entledigen, als Mina erwachte. Du siehst schon auf, lieber Jo sef?" lispelte sie es ist ja noch grauer Morgen." Ja." seufzte Walcher, dem dieser göttliche Irrthum seines süßcn Weibchens wie eine Schickung des Himmels, vorkam, ich muß heute zum Bahnhof gehen, wegen eines in Aussicht stehenden glänzenden Geschäftes, das mir ein mit dem Frühzuge durchreisender Commis-Voyaaeur proponirte." Mit welcher Wonne hätte sich der schlaftrunkene, bis zum Zusammen knicken ermüdete Nachtschwärmer" in die Arme Morpheus geworfen. allein es nützte nichts. er wählte unter zwei Uebeln das kleinere und schleppte sich von bannen. Auf der Stiege aber leistete er sich den heiligen Eid einmal gelumpt und niemals wieder!" Der Sachse auf dem Schlachtfelder Die Schlacht ist geschlagen. ES wird dunkel, die Trompeten blasen zum Sammeln, nur an einem Flügel finden noch leichte Plänkeleien statt, ab und zu läßt sich auch noch Geschützdonner vernehmen. Ein versprengter Sachse geht dem Sammelplatz seines Regimentes zu. Kamerad", stöhnt da neben ihm im Graben eine Stimme, willst du mich nicht nach dem Verbandplatz tragen T Ich habe eine Kugel im Beine." Der Sachse erkennt im letzten Lichte eine preußischeUniform, läßt sich nicht zweis mal bitten, nimmt den Verwundeten auf den Rücken und wankt mit seiner Last weiter. Plötzlich saust und zischt es, eine verspätete Kanonenkugel ist in seiner Nähe vorbeigeflogen. Hui, die hat awwer geseift," meint er, doch der Preuße kann nicht mehr antworten, denn die Kugel hat ihm den Kops weggerissen, was der Sachse nicht bemerkt hatte. So kommt er auf dem Verbandplatz an. Wen bringen Sie denn da angeschleppt," sagte ein Arzt barsch zu irni, der ist ja todt, hat ja keinen Kopf mehr." Langsam läßt der Sachse den Todten zu Boden gleiten, dreht sich um und schlägt vor Staunen die Hände zusammen. Dann bricht die Entrüstung bei ihm durch. Ne awwer so a Liegenpetcr von an Breißen! Zu mir hat 'r gesagt, er hätte nur änne Gugel im 'Beene, un daderweile ham' s'n b'n Gobb abgeschossen!" ' ."i Amors Werkstötte. V Von Tr. v. Radler. Amor, der Herzensdieb, ä' Schützer der süßen Lieb', ' , Arbeitet schwer! Richtet sein Rüstzeug sich Selber fein säuberlich Jederzeit her. Nur Amorettenvolk, Leicht wie die 5)immelswoll', . Hilft ihm dabei. Schmiedet der Pfeile Spitz'. '' ; Hämmernd mit Sang und Witz, l Lachend Juchei! Amor der Adamit, Lauft noch nach alter Sitt' Selbst ohne Hemd; Zündnadel kennt er nicht. Der kleine Bösewicht, Mod' ist ihm fremd. Spannt seinen Bogen straff, Zielt und statt piff, puff. paff. Huscht der Pfeil still, Trifft doch mit Sicherheit, Meilen und meilenweit Immer sein Ziel. Auch eine Puppe hat Amor der Ziel-Soldat" Zum Zeitvertreib, , Jupiter gab sie hin Ihm als Neujahrsgewinn, Und nannt' sie Weib". j Seither ist nur der Mann Durch den Pfeil übel dran, , Trifft er den Tropf; Sie verliert blos das Herz Er jedoch gleich, oh Schmerz! Immer den Kopf. Aus einem Ttudentenbrief. Lieber Onkel! Unser Geldbriefträger feiert Garn stag sein 50jähriges Dienstjubiläum; vielleicht schickst Du mir an diesem Tage eine Postanweisung, ich hätte dann Gelegenheit, dem alten, verdien ten Beamten eine Kleinigkeit. zuzuwen den.
