Indiana Tribüne, Volume 22, Number 21, Indianapolis, Marion County, 9 October 1898 — Page 7
Zur rechten Zeit. Skizze von NemirorovicöTancsenko. Es war die höchste Zeit, dem beiderseitigen Martyrium ein Ende zu,mache. Wohl hatten sie einander gegenseitig nichts vorzuwerfen; aber sie fühlten es jeden Augenblick, daß sie nicht für einander geschaffen waren. Nie waren zwei verschiedenere Charactere in's gemeinsame Ehejoch geschmiedet worden. Vom Kleinsten bis zum Größten war ein ewiger, ungleichlicher Widerspruch zwischen ihnen Beiden. Er liebte den Luzus, die laute Fröhlichkeit und die weltlichen Freuden; sie rührte sich, gleich einer Schnecke, nicht aus dem Hause. Sie standen einander im Wege und verbitterten einander das Leben. Ewige Vorwürfe, Eifersuchtsscenen und Verdächtigungen andererseits. Kam der Mann am Abend spät nach Hause, so wußte er mit Bestimmtheit, seine Frau nicht schlafend, sondern mit verweinten Augen todtmüde und abgespannt zu finden. Wenn sie an der Thür seines Arbeitszimmers vorbeiging, regte ihn schon ihr lautloses Aorbeihuschen derart auf, daß er verzweifelt aufseufzte: Keinen Augenblick hab' ich vor der Frau Ruhe" Und wuthentbrannt, verbitterten Herzens warf er die begonnene Arbeit bei Seite und verließ das Haus Gott sei Dank, das hat nun alles ein Ende! Es mußte sein, sie mußten sich trennen, denn sie konnten dies Lcben nicht langer ertragen. Sie begriffen kaum, wie das alles so schnell gekommen war. Jahrelang hatten sie die Sclavenkette geschleppt, ohne daran zu denken, daß sie sie abschütteln könnten, und siehe da, plötzlich war ihnen der rettende Gedanke gekommen. Ja, ja," wiederholte er mit mühsam unterdrückter Aufregung, wir müssen uns trennen. Wozu sollen wir einander noch länger das -Leben verbittern. Haben wir etwa noch nicht genug gelitten?" Sie erwiderte kein Wort, sondern weinte nur still vor sich hin. Nur schwer rcrmochte sie sich zu fassen, und als er sich endlich zum Gehen wandte, flüsterte sie: Thue in Gottes Namen, was Du für gut hältst. Sei glücklich, wenn Du kannst." Auf dem Korridor kam ihm ein blonder, dreijähriger Junge entgegengesprungen: Papa, Papa!" Bei dem Anblicke des sonnigen Kindergesichtchens verflog das köstliche Gefühl der Erleichterung, das ihn im Augenblick des Bruches mit so köstlichem Wohlgefühl erfüllt hatte. Der Kleine hatte keine Ahnung von dem großen Unglück, das feinem Lockenköpfchen drohte und schaute mit den klugen Blauaugen so schelmisch und erwartungsvoll zum Papa auf. Sie wird ihm eine gute Mutter sein" tröstete er sich. Ich werde ihr die Hälfte meines Einkommens geben; davon können sie Beide leben. Und ich werde frei sein, frei", jauchzte tx erleichtert auf und schickte den Kleinen hwein zur Mama. Ich , werde zwei möblirte Zimmer miethen und mir eine Aufräumerin dingen. Speisen werde ich im GastHaus, wo mir nicht immer der vorwurfsvvlle Blick verweinter Augen die Mahlzeit vergällt. Und Abends habe ich Keinem Rechenschaft über mein Ausbleiben abzulegen." Unwillkürlich drehte er sich um und warf einen Blick auf die Fenster seiner Wohnung. Seine Frau nein, seine gewesene Frau stand hinter den Doppelscheiben und blickte ihm kummervoll nach. Jetzt kannst Du mir lange nachschauen, meine Liebe," brummte er. Morgen werde ich schon in einem anderen Stadtviertel wohnen. Und wenn wir einander je im Leben wieder begegnen, sind wir Fremde. . . .Ich weiß, sie leidet jetzt. Sie bedauert, daß es so gekommen. Ach Gott, wie hab ich sie einst celiebt! Wie flammend lohte mein Herz empor, wenn ich sie erblickte, wie versank ich in seliges Schauen, wenn ihr Auge auf mir ruhte. Wie unendlich glücklich war ich, wenn ich ihre Stimme horte. Und wie sehr habe ich mich getäuscht! Ah bah, vergessen wie die Vergangenheit. Das alles war nur ein Phantom, es ist verschwunden begraben." Im Laufschritt bog er nun um die Ecke. Auf dem großen Marktplatz staute sich in diesem Augenblick eine g:oße Menschenmenge. Verworrener Lärm, einzelne Stimmen, Kindergeschrei bitterliches Kinderweinen schlägt an sein Ohr. " Ein Sicherheitswachmann drängt sich durch, die Menge; Stephan Stephangorits solgt ihm neugierig. Was ist geschehen?" fragt er die Umstehenden. Nein, so eine Niedertracht! Unerhört! Kaum aus dem Polster heraus und geht schon stehlen!" Wer? Wo?" Ein kleines Mädchen. Kaum drei Käse hoch. Und wie geschickt der kleine Balg dem Herrn in die Tasche gefahren ist?" Ach lieber Herr, lieber Herr", schluchzt die 'kleine Diebin, ich will's nimmermehr thun, gewiß nicht!" Wie heißt Du?" fragt Stephangorits beklommen. Eugenia", erwidert die Kleine zitternd. Auch mein Junge heißt Eugen, denkt, der Vater und das Herz wird ihm so schwer. Bitte, bitte, lassen Sie mich los, Ziebe Herren". I freilich", meint ein elegant gekleidete? Herr, wenn man Euch jetzt Eure bösen Streiche nachsieht, was wird dann aus Euch? Fort mit ihr ins Seängniß, Konstabler". - v'
Wer ist Dein Vater?" fragt ein Anderer. Ich habe keinen Vater?" Ist er gestorben?" Ich weiß nicht. Vater hat uns, Mutter und mich, schon vor ein paar Jahren in Noth gelassen. Im Anfang hat er der Mutter Geld geschickt; dann hat er uns vergessen Mutter ist schon seit zwei Wochen krank und kann nicht arbeiten wir haben nichts zu essen". Schon gut, gut, das kennen wir", herrscht sie der Konstabler an. Komm!" Ach lieber Herr, verzeihen Sie mir", schluchzt die Kleine und blickt flehend im Kreise herum. Der Richter wird Dir schon sagen, ob er Dir verzeiht, was Du gethan hast", sagt der elegante Herr, das Opfer des Taschendiebstahls, und übergiebt dem Polizisten seine Visitenkarte. Die Menge zerstreut sich, der Polizeimann führt das weinende Kind fort. Stephangorits aber bleibt wie versteinert stehen. Noch klingen ihm die Worte der Kleinen ins Ohr: ... Er hat Mutter und mich schon vor Jahren verlassen. Anfangs hat er Geld geschickt, und dann hat er uns vergessen . . ." Und dieKleine hießEugenia, wie sein Kind . . . Ich Elender!" schrie es in ihm auf. Athemlos wandte er sich um und stürmte nach Hause. Da, da, das ist mein Haus, das ist weine Wohnung, dort leidet und trauert eine Frau und ein blondes Kind. Meine Frau, mein Kind!" In wahnsinniger Hast zog er die Klingelschnur, daß sie fast abriß, rannte fast das Stubenmädchen über den Haufen, das ihm die Thür öffnete und stürzte in den Salon, wo feine Frau im Lehnstuhl saß und weinte. Reuevoll kniete er an ihr nieder und flüsterte mit bebender Stimme: Sascha, mein süßes Weib, vergib mir!"
Zchmicrcn und Wandertruppen. Wer kennt nicht Goethe's klassische Schilderung einer wandernden" Vühne im Wilhelm Meister? Man kann diese Bühne wohl kaum mit dem Beinamen Schmiere" belegen. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts gab es eben mit Ausnahme sehr weniger Hof- und Stadtbühnen in Wien.Hambürg, Weimar. Mannheim, Berlin nur reisende Gesellschaften, 4ie von einer großen Stadt zur andern 'zogen und oft die bedeutendsten Talente und eine für ihre Zeit kostbare Ausstattung besaßen. Aus der Literaturgeschichte ist die Truppe der Neuberin allgemein bekannt, die in Leipzig und Dresden spielte und auf Gottsched's Veranlassung den Hanswurst auf offenerScene verbrannte. Auch von der Kochschen, der Ackermann - Schröderschen und der Döbbelinschen Truppe werden viele Leser schon gehört haben. Alle diese, in jener eisenbahnlosen Zeit mit Pferd und Wagen von Ort zu Ort ziehenden Gesellschaften waren keine Schmieren, wie denn das eigentliche Schmierenwesen erst mit der Überhand nehmenden , Theaterlust und Komödienspielerei aufkam. Je mehr Truppen sich bildeten, in je kleinere Städte, mit je kleineren Mitteln sie zogen, umsomehr verschlechterte sich eben ihre Qualität. Und diese Qualität der künstlerischen Leistungen bildet das einzige Kennzeichen einer unverfälschten und echten Schmiere". Denn auch heutzutage, wo in Deutschland jede Mittelstadt ihre f e st e Bühne, ihr Stadtund Saisontheater besitzt, braucht eine reisende" Gesellschaft durchaus nicht immer zugleich eine Schmiere zu sein. Es gab und gibt unter den Gesellschaften. die in regelmäßigem Jahresturnus zwei bis drei, zuweilen noch mehr kleinere Städte bereisen, Mustertruppen, die ihres guten Ensembles und ihrer exakten, gut ausgestatteten Vorstellungen wegen in ihrer Heimathprovinz und in der Theaterwelt weit berühmt sind, wie die Bredesche Gesellschaft, die Mecklenburg und Pommern, die Schiemangsche, die Sachsen, und die Georgische, die Schlesien bereiste. Eigenes Pferd und Wohnwagen gehören freilich in unserer Zeit der Se-cundär-und Kleinbahnen auch für die wzschechte, unverfälschte Schmiere bere.ts der Vergangenheit an. Höchstens, daß der Frachtfuhrmann für die Beförderung des Gepäcks und der Requisiten in einer ganz schienenlosen Gegend eintritt. Im Uebrigen besteht die Schmiere aber noch wirklich mit all ihrer Komik und all ihrem Elend. In Sachsen, Schlesien-und Böhmen ist sie besonders zu Hause. Betrachten wir' uns einmal das Treiben einer unverfäschten Dorfschmiere. Soeben hält sie ihren EinZug. Mit hüh und hott treibt der Fuhrmann den schweren Wagen mit den Kisten und Dekorationen vor die Scheune oder das Wirthshaus, in dem gemimt werden soll. Zu Fuß oder zu Wagen trotten die' Mitglieder hmterher. Die Spielers" kommen, so tönt c??11 das Dorf, und Jung und Alt sammelt sich um sie. Vorausgegangen ist natürlich die sogenannte Permissionsreise des Directors, die die Erlaubniß des Dorfgewaltigen zum Spielen eingeholt hat. Schnell wird nun und dabei legen alle Mitglieder, Weiblein und Männlein, willig Hand mit an das Gerüst aufgeschlagen. Einige Fässer mit darüber genagelten Brettern genügen in. den meisten Fällen. Freilich finden sich in kleineren Städten auch feste. Saaltheater vor, meistens im Schützenhause oder wie sonst der Vergnügungsraum heißt. Der Reichthum an Decorationen jsl nicht sehr groß, wie. man sich
denken kann. Gewöhnlich sind es vier bis fünf: ein Zimmer, ein Saal, ein Wald und eine Straße. Alles Uebrige wird aus diesen Elementen zusammengestellt. Der Wald wird durch einige Oleander und Papierrosen zum Garten. und der Saal dient allen Zeitaltern von Julius Cäsar bis auf Ludwig XIV. oder die Neuzeit. Das Ncpertoire umfaßt natürlich alles, was in der gesammten Bühnenliteratur, deutscher und fremder, an effektvollen Stücken ezistirt. Die Schmiere bebt vor nichts zurück.- Gewisse volksthümliche Schlager, die fast ganz von unfern großen modernen Bühnen verschwunden sind, wie z. B. Preciosa", Leonore" von Holtei, Lorbeerbaum und Bettelstab", ferner Schauer- und Blutstücke. wie Die Räuber von Mariakulm", sowie die besten Possen und Schwänke neben einzelnen klassischen Werken bilden die Glan;- und Stützpunkte des Repertoirs. Auch anSingspiele und kleine Opern wagt man sich, falls einClavier vorhanden ist. Manche Schmierenhäupter setzen sogar ihren Stolz in eine pompöse Ausstattung" und arbeiten besonders gern mitFeuerwerk, bengalischem Licht, mit Sonnenund Mondaufgang. So pflegte ein sächsischer Schmierenhäuptling für den Mond ein sonst nur nächtlichenZwecken dienendes rundes Porzellangefäß zu verwenden. Auf die innere Seite wurde zu diesem Zweck in ihrem eigenen erstarrten Fett eine brennende Kerze geklebt. Dann band er geöltes, durchsichtiges Papier vor die Oeffnung und streckte das so präparirte Gefäß am Henkel auf die verdunkelte Bühne hinaus, hinter deren Prospect er auf einer Leiter stand. Dabei passirte es ihm nun einmal, daß das Oelpapier Feuer fing und dadurch deutlich verrietb. welcher Art dieser Mond war. der seinen Erzeuge? schließlich zwang, ihn der Hitze wegen zu Boden fallen zu lassen. Merkwürdigerweise zerbrach er nicht, sondern stand in seiner ganzen porzellanenen Herrlichkeit unter dem Jubel des Publikums da. Ein Lieblingsstück der Schmiere sind natürlich Schiller's Räuber". Unzählige wahre Anekdoten werden darüber in der Theaterwelt berichtet. Gewöhnlich sind nicht genügend Räuber vorhanden, um eine ganze Bande vorzutäuschen, und nicht immer finden sich Leute,. die sich ohne Entgelt in die Kostüme stecken lassen, oder genug Kostüme, um die Leute damit zu bekleiden. -Wie hilft sich in diesem Fall der Schmierenkönig? Er legt einige große Stiefel, malerisch vertheilt, so an und in die Coulissen, daß sie nur mit ihrem untern Theil hervorragen. Die üppige Phantasie der Zuschauer denkt sich die Beine und Kerle dazu. Uebrigens berichtet die Chronika auch von mitspielenden Hunden, die das Lager ziemlich belebten und füllten. Warum sollen auch Räuber keine Hunde bei sich haben? In Stiefeln läßt sich überHaupt durch gelbe und schwarze Farbe oder durch Schäfte aus schwarzem und gelbem Leder eine gewisse Mannigfaltigkeit erzielen. Im Allgemeinen gilt aber der Ausspruch jenes Directors für alle Schmieren: Was vor Christi Geburt spielt, wird an meiner Bühne mit Sandalen, was nach Christus spielt, mit Reiterstiefeln dargestellt." Die Costüme, soweit sie nicht Auctionsausschuß von größeren Bühnen und Maskenleihanstalten sind, macht die Frau Directorin meist selber. Auf historische Strenge wird weniger gesehen als auf Glanz und Billigkeit. Es gibt mancherlei KunÜgrifse dabei. Rothe GlanzpapZeraufschläge'um Kraen und Aermel und mit Goldpapier umwickelte Knöpfe geben z. B. bei einiger Dunkelheit und Entfernung eine ganz leidliche Uniform ab. Das Publikum nimmt es auch nicht so genau, wenn das schwarze .spanische Mäntelchen, das soeben den Franz Moor bei seinen Schandthaten umschlossen hat, nun auch den Karl Moor in den böhmischen und fränkischen Wäldern begleitet. Tricots bilden natürlich einen Hauptbestandtheil des Costüms, und die Frau Directorin versteht es vortrefflich, sie zu färben und zu stopfen, bis sie immer enger und kleiner zusammenschrumpfen und nur noch in Rollen getragen werden können, in denen man sich nicht zu setzen braucht. Im Eifer des Gefechts wird das wohl einmal vergessen, dann gibt es einen furchtbaren Krach der Rest ist Schweigen. Sind keine Tricots vorhanden, so trägt man Kniehosen und lange Frauenstrümpfe. Daß man aber auch ganz ohne Tricots einen Mortimer .verzapfen kann, hat jener brave Schmierenkomödiant bewiesen, der Stiefel und kurze Sammethöschen für eine genügende Bekleidung hielt und das tricotlose Bein mit Stiefelwichs schwarz färbte. Was man nicht hat, das leiht man sich: Decken, Möbel, Requisiten aller Art. Es gehört zu den Hauptobliegenheiten . des Liebhabers und der Liebhaberin natürlich betraut man die Schönsten und Stattlichsten damit , die Sachen auszupumpen und zugleich Billette abzusetzen. Von Haus zu Haus gehen sie damit hausiren, und eine lange Praxis hat sie gelehrt, wie und wo man die meisten Karten absetzt. Er" hält sich natürlich vor Allem an den weiblichen Theil der Bevölkerung, den er mit schmachtendem Blick für sich zu gewinnen weiß, was sie bei den-Männern besorgt. Alle beide schneiden sie aber ganz fürchterlich auf. Wenn man ihnen glauben darf, so sind sie sämmtlich hervorragende' Künstler, die sich bloß zeitweilig an eine kleinere Vühne zurückgezogen haben. Aehnliches theilen auch die Zettel mit, die ebenfalls in die Häuser geschickt werden. Die Direction verkündet darin einem hohen Adel und verehrungswürdigem Publikum, daß ihre Gesellschaft sich überall des denkbar größten Beifalls zu erfreuen gehabt habe und sich auch hier bemühen werde. allenAnsprüchen gerecht zu werden. Außer eminenten Kräften und
selten gutem Zusammenspiel zeichne sich die Truppe besonders durch vrillante Costüme aus; auch sei für decorative Uebenschungen in jedem Genre gesorgt. Außerdem seien mit den größten Opfern'die allerneuesten und erfolgreichsten Stücke erworben worden. Da der Herr Director aber nicht gerne Tantiemen zahlt, so genirt er sich durchaus nicht, unter dem Titel eines bekanntenStückes, dessen Ruf bereits bis nach Krähwinkel gedrungen ist, ein älteres, tantiemenfreies Werk aufzuführen. Es ist authentisch, daß man Minna von Barnhelm" als Krieg im Frieden" und Othello" unter dem Titel Die Ehre" aufgeführt hat. Sollten einige kundige Thebaner anwesend sein, so schütteln sie wohl lächelnd oder ärgerlich den Kopf; die Masse nimmt es gläubig hin und bewundert das schöne, neue Stück höchlichst. In gleicher Weise souverän geht der Schmielenhäuptling mit den Stücken selbst um. Seien sie klassisch oder modern, schlechte Possen oder tragische Meisterwerke: er streicht und ändert, was ihm nicht in den Kram paßt. Es genirt ihn durchaus nicht. Kabale und Liebe" ohne die Lady Milford und Emilia Galotti" ohne die Orsina zu geben. Denn: Was man nicht besetzen kann. Das kündiak man durch Briefe an. Ist kein Burleigh da, so theilt der Ritter Paulet im ersten Akt der schottischen Königin dessen Ansichten brieflich mit, während sich später Shrewsbury und Leicester in Burleighs Reden theilen, falls man sie nicht der Königin Elisabeth in den Mund legt oder ganz streicht. Der Hofmarschall Kalb und die Milford können ihre An- und Absichten schriftlich melden. Kommen aber zwei Personen im Laufe des Stückes überhaupt nicht zusammen, so hindert nichts, daß sie ein Darsteller alle beide nimmt. Im Nothfall werden selbst Karl und Franz Moor von demselben Mimen heruntergebrüllt. Auch lassen sich mit Leichtigkeit zwei Rollen in eine zusammenziehen, z. B. die beiden Väter der Preciosa". Woraus rekrutirt sich nun das Personal einer Schmiere"? Im Allgemeinen kann man wohl sagen, daß diese Künstler" auch in socialer Be.ziehung den untersten Ständen entstammen. Krämer und Handwerkslehrlinge, Kellner und Friseure, Gevatter Schneider und Handschuhmacher, die sich zu etwas höherem geboren fühlen, Dienst- und Fabrikmädchen, Handwerkertöchter, die vom Theaterteufel befallen werden, oder sich ein lustiges, leichtes Leben versprechen, fallen der Schmiere anheim. Natürlich sprechen sie ohne jede Schulung, so wie ihnen der Schnabel gewachsen ist: sächsisch, böhmisch, schwäbisch öder mit dem holden Tonfall des Plattdeutschen. Ich habe selbst einmal in einer kleinen sächsischen Stadt einen schwäbischen Mortimer und eine sächsische MariaStuart gehört. Ersterer versicherte, daß er in schtrengschte Pflichte aufgewachse sei, im finschtere Haß des Papschtthums." Und die Königin, eine lange, dürre Latte, donnerte die etwas in Breite gerathene Elisabeth mit dem schönsten königlich sächsischen Stockschnupfen an. Auch ein plattdeutscher Narciß, eine wienerische Amalie machen sich gar nicht übel. In Oesterreich hört man übrigens selbst an besseren Bühnen stark Dialekt sprechen. Aber nicht nur Anfänger, auch Aufhöre? finden sich hier, die einst bessere Tage gesehen haben, arme, beklagenswerthe Opfer des harten Daseinskampfes. Hat sich ein Schauspieler nicht zur rechten Zeit an einer ständigen Hof- oder Stadtbühne festzuhalten verstanden.wandert er von Saison- zu Saisontheater, wird er dann alt, läßt das Gedächtniß nach, wird das Organ brüchig, so sinkt er tiefer und tiefer. Die Schmiere ist dann sein sicheres Loos. Man findet hier zuweilen Mimen, die in ihren Glanzzeiten an den größten Bühnen gefeiert wurden. Gewöhnlich hat sich aber eine Schmierendirection nicht nur ihre Decorationen, ihre Costüme und Requisiten selbst hergestellt,auch ihre Künstler" sind zum größten Theile eigenes Gewächs: Söhne, Töchter, Schwiegersöhne, Schwiegertöchter und Enkel. Das nennt man dann eine Familienschmiere. Fremde Mitglieder werden da natürlich als Eindringlinge behandelt; sie verschwägern sich entweder durch eine Heirath oder flüchten schaudernd. An solchen Bühnen wird auf strengste Sittlichkeit gesehen; das gebietet schon das Familieninteresse. Ueberhaupt ist es in diesem Punkte an den größeren Bühnen schlimmer bestellt; die Versuchung ist bei den Mandertruppen nicht so groß, die gegenseitige Beaufsichtigung strenger. .An solchen Familientheatern, wie überhaupt an den kleinsten der kleinen Bühnen wird auf Theilung gespielt. Der Herr Director nimmt für gewöhnlich vier Theile in Anspruch: einen als Bandcnchef für die Concession, einen als Regisseur, einen als Darsteller und den vierten für Garderobe, Bibliothek und Decorationen Er ist zugleich Komiker oder Väterspieler, Dekorationsmaler, Regisseur und Theatermeister; die Frau Directorin mimt komische Alte, verwaltet die Garderobe und sitzt abwechselnd mit dem Gatten an der Kasse, was man auch die Ritterstiefel anhaben" nennt. Einem Gerücht zufolge bemogelt die Direktion stets bei der Theilung sogar ihre eigenen Kinder. Da er oder sie gewöhnlich schon im Costüm an der Kasse sitzen, das durch einen Mantel schamhaft verhüllt wird, so werden die obligaten Ritterstiefel als Diebestaschen benutzt. Es soll auch zuweilen vorkommen, 'daß bei der Theilung des Raubes sich ein Wortwechsel nebst gehöriger Keilerei entwickelt. Man verträgt sich aber immer wieder, sobald es überhaupt nur twas au theilen aibt. ;
Der'älteste Söhn spielt gewöhnlich den ersten Helden, wenn er Figur und Organ dazu hat, andernfalls verlegt er sich auf die komischen und Charakterrollen, während der jüngste Sohn oder Schwiegersohn sich der jugendlichen Liebhaber annimmt. Sie theilen sich auch in die Obliegenheiten des Inspicienten, des Friseurs u. s. w. Soufflirt wird abwechselnd von jenen Mitgliedern der Bande, die wenig oder gar nichts zu thun haben, oft von der Coulisse aus. In bessern Verhältnissen ist freilich ein Souffleur oder eine Souffleuse da; und sie ist nicht das unwesentlichste Mitglied der Gesellschaft. Da meistens nur eine Probe oder zwei stattfinden, so holt man sich natürlich die Worte aus dem Kasten heraus, und auch hierüber gehen die ergötzlichsten Geschichten. Ein Tyrann hat auszurufen: .Reißt ihm die Augen aus. die beiden Augen." Er brüllt: Reißt ihm die Augen aus, die Beine auch!" Auch der folgende kleine (Scfeii aus .Vreciola". einem Lieblingsflück der Schmiere, ist nicht übel. Es heißt dort: Ja, sie ist's. Alter, Züge und die Stimme meines Herzens . . Die betreffende MUtterspielerin sagte dafür, ängstlich in den Kasien horchend: Ja, sie ist's, die alte Ziege " Was an Sicherheit fehlt. wird durch Brüllen ersetzt. Je lauter, desto besser, denken Publikum undDarsteller. Ueberdies werden auch an der Schmiere die Rollen nicht immer nach Verdienst und Können vertheilt. Auch hier gibt es Intriguen wie an den großen Bühnen; und man erzählt sich sogar von einem spekulativen Schmierenhauptling, daß er seine Rollen versteigert habe. De? Karl und der Franz Moor war natürlich am höchsten bewerthet; wer das Meiste gab, dem wurden sie zugeschlagen. Zuweilen werden die Rollen auch nach der Garderobe vertheilt. Wer einen guten neuen Frack, eine elegante SommerHose, vielleicht gar noch einen Gehrock sein eigen nennt, der ist bestimmt zum Salonliebhaber und Lebemann. Ist er gutmüthig, so verleiht er die Sachen an die lieben College. Sind die Hosen zu lang, so schlägt man sie um; sind sie zu kurz, so läßt man sie oben herunter. Ein langer Rock verbirgt alles. Eine gewisse geheimnißvolle Flüssigkeit, deren Recept die Schmieren allein besitzen, verleiht, mit der Bürste kurz vor der Vorstellung aufgetragen, den ältesten und fadenscheinigsten Röcken im Dämmerlicht der Kerzen oder Petroleumlampen den Schein der Neuheit. Hier sei auch noch verrathen, wie sich der Schmierenspieler die Waden ausstopft, falls er keine Wattons" besitzt. Er besorgt das mit nassem Sand. Nur muß man das von Zeit zu Zeit erneuern, wenigstens den Sand neu kneten, sonst wird er trocken und die Waden kommen vor den Augen des lachenden Publikums ins Rutschen. Hat nun eine Schmiere einen Ort abgegrast", so zieht sie ihre Straße weiter. Nicht immer geschieht dies im Lichte der Oeffentlichkeit. Der Ackerbürger ist oft karg gegen die Kunst, und dann verduften die Spielers" heimlich. Daher das schöne Wort: Mutter, thu die Wäsche weg. die Komödianten kommen!' Wie sollen sie zahlen, wenn sie keine Gage bekommen, wenn es kracht und die schönstePleite" da ist? Wohl den Kunstjüngern, die statt des Geldes wenigstens einenTheil ihrer Gage in Naturalien erhalten, in Form von Wurst, Schinken, Eiern, Brot! Der Landmann hat oft kein baares Geld, wohl aber Ueberfluß in der Speisekammer. Das wissen sich manche gutberathene Schmierenhäuptlinge zu Nutze zu machen und nehmen für den ersten Platz statt der Silberlinge auch Schinken und Wurst, für den zweiten Eier, Brot und Käse bis zum Hering und Rettich herunter. Geht es aber mit der Kunst Thaliens und Melpomenes überhaupt nicht mehr, so greift man zu anderen Künsten. Man fertigt Wachsblumen und Korkbilder an und geht damit hausiren. Ein anderer Director half sich und den Seinen imNothfalle als Zahn- und Thierarzt fort. Er verkaufte ein Recept gegen den Schweinerothlauf, daneben Schönheitsmittel für die Weiber und zog Zähne aus. Auch bei der Mahd und Ernte haben die Spielers schon geholfen, wenn sie und die Bauern der Hilfe bedurften. flas ZZochzeitsparchcn. j Humoreske von Max Weyrauther. Ich bin ein Junggeselle mit Leib und Seele! Das sag' ich Ihnen rund heraus, meine Damen. Meine Bekannten nennen mich einen alten" Junggesellen. Das ist eine Bosheit ! Wenn ich verheirathet wäre, hieße man mich einen Mann in den besten Iahren" oder in der Blüthe seiner Jahre" oder in der Vollkraft seines Lebens", oder wie sonst die schönen Ausdrücke alle heißen mögen. Es ist überhaupt eine Schande, was ein Junggeselle alles sich bieten lassen muß! Und was ist die Ursache? Von Seiten der Männer: daß man nicht auch hineingefallen" ist; von Seiten der Damen: Aerger, daß man sich nicht hat fangen" lassen! Freilich, um nicht ungerecht zu sein, muß ich hinzufügen, daß die Damen erst dann, anfangen, unsereins schlecht zu behandeln, wenn es'unumstößliche Gewißheit ist, daß man selbst allen ungeheizten Zimmern, schlecht geputzten Stiefeln und so weiter zum Trotz seine Freiheit nicht aufgeben will. Ja, früher ein Mal war ich auch so ein Narr ich sage das selbst aus die Gefahr hin. daß mir meine sämmtlichen Augen von weiblichen Nägeln ausgekratzt würden war ich auch so ein Narr, hinter jedem Mädchen mit einem hübschen Gesicht einen Engel zu suchen. Doch die Zeiten sind bei mir vorüber! Seit die schöne Bertha, für
die ich mindestens hundert Aouquets gekauft und für die ich mindestens zweihundert Gedichte im Schweiße meines Angesichts gefertigt hatte, worüber ich im Examen durchgefallen war, seit diese mir einen Anderen vorgezogen, seitdem sind die Zeiten vorüber! Nach meiner Ansicht ist die Liebe überhaupt eine Verrücktheit sonst würde sie gewiß nicht so viel bedichtet werden. Ist es denn nicht das Lächerlichste, was es giebt, wie zwei Liebende" sich benehmen? Ich werde jedes Mal ganz krank dabei, wenn ich so ein Pärchen" sehe. Und obwohl ich ein friedliebender Mensch bin: mitten in einer Bauernschlägerei unter schwirrenden Maßkrügen und brechenden Stuhlbeinen ist's mir wohler als in Gesellschaft eines Liebespaares. Sie können sich also meinen Schrecken vorstellen, als ich gestern früh, kein Unhe'.l ahnend, in behaglicher Gemüthsrul in den Kissen meines Abtheils saß, um meinem Somn!'rAufrnibalt zuzufahren plötzlich fliegt die Wagenthüre noch ein Mal auf. Schnell, mein Herz . . . allons ! S'oß Dich nicht . . . gi:ö Qbccht. Kind!" Und hereingehoben und geschoben wurde weder ein Herz noch ein Kind, sondern ein strammes, ;u?.geä Ding, das gerade so gut selbst hätte hereinsteigen können. Ihr nach folgten eine Menge Packetchen, Kösferchen, Kist chen, Bündelchen u. s. w Endlich kam er mit einem: Hopptah!'' nach. Es war natürlich ein junges Ehepaar, das seine Flitterwochen-Zärtlichkcit in der Welt herumfuhr. Mir sagte das fofort mein Instinkt, der in solchen Fällen so scharf ist, wie das Geruchsvermögen eines Pferdes sein soll, das in der Nähe ein Kameel wittert. Der Zug fuhr ab. A!" rief sie. Ja, was hast Du denn, lieber Schneck?" Ach, ich bin nur erschrocken von dem Stoß!" sagte der liebe Schneck". Ja, mein armes, goldiges Lieb, wer wird denn da erschrecken?" Er legte zärtlich seinen Arm um ihre Einkerbung. Pst!" sagte das arme, goldige Lieb und machte ein Zeichen nach mir hin. Er drehte sich um und sah mich, mit einem zornigen Blick an. Er hatte mich offenbar vorher nicht gesehen und war jetzt höchlichst entrüstet, daß noch ein anderes Wesen die Frechheit hatte, auf der nämlichen Welt und sogar in dem nämlichen Abtheil zu existiren wie sie. Ich lächelte voll erhabenen Mitleids. Die Beiden hatten sich jetzt an der Thüre einander gegenüber gesetzt. Eine Zeit lang schwiegen sie, wahrscheinlich aus Verstimmung über meine Anwesenheit. Sie drückten einander nur die Hände, und sie stellte ihm ihre Füße auf die seinigen. Plötzlich rief sie: Aber, Männchen. Du sitzest ja gegen die Zugsrichtung ! Das bekommt Dir gewiß nicht ! Komm, laß mich auf Deinen Platz hinsitzen!" Was denkst Du, Zuckermäulchen!" sagte das Männchen", das sechs Fuß lang und von stattlichem Umfang war. Du würdest mir ja krank werden." Lange stritten sie in diesem Tone hin und her, edeln Wettstreites voll. Endlich kamen sie auf den genialen Gedanken, daß ja das Männchen auch auf der Seite des Zuckermäulchens sitzen könne. Nachdem dies gethan war, schauten sie beide vergnügt umher. Und wo fahren Sie hin?" fragte er mich in seiner menschenfreundlicher gewordenen Stimmung. Brzekewsk skshadropolsk !" sagte ich; denn ich wollte meine Ruhe haben. Verblüfft starrte er mich an ; dann gab er seiner Frau, die bei meinen Worten einen Würganfall bekommen hatte, ein sanftes Rippenstößchen und sagte: Das ist gewiß ein Polack!" Nachdem so für sie meine Nationalität feststand und sie glücklich der Meinung waren, ich verstände nicht deutsch, hatte ich meine Ruhe. Anderseits hatte das was ich nicht vorausgesehen die unglückliche Folge, daß ich ihre Zärtlichkeits-Ausbrüche wieder mit anhören mußte, die jetzt nur um so üppiger hervorsprudelten. Meine Feder sträubt sich dagegen, diese unsinnigen Fragen, ob er sie oder sie ihn mehr liebe, diese unendlichen Betheuerungen, daß ihre Liebe nie aufhören werde, diese nach Honig und Syrup duftenden Koseworte zu berichten.. Ich will nur erzählen, inwiefern ich darunter leiden mußte, ich, der ich doch nicht das Geringfle dafür konnte, daß diese Äeiden ihren Verstand verloren hatten. Nach einer Viertelstunde des unsinnigsten Hin- und Herredcns sagte er völlig unlogisch: Du,' ich möchte Dir einen Kuß geben! Wenn nur das alte Kameel nicht da wäre!" Sie lachte; ich ballte schweigend meine Faust. Das ist gewiß so ein alter Junggeselle, so ein griesgrämiger!" sagte sie. Er lachte: ich ballte auch meine ander Faust. Nun wollte ich aber doch noch sehen, wie weit sie ihr: Injurien gegen mich treiben würden, der ich ihnen doch ganz und gar nichts zu leid gethan. Ich drückte also meine Augen fast ganz zu . und that, als ob ich schliefe. Du, das alte Kameel schläft," flüsterte sie. Was für ein dummes Geficht er macht!" . Sie lachten alle beide; ich hätte am liebsten auch meine Füße geballt! Nun nahm sie eine Bretzel aus der Tasche, biß hinein, ließ ihn beißen, biß wieder selbst, ließ ihn noch ein Mal beißen, und so ging es fort, bis sie das letzte Stück zwischen den Zähnen hatte. Dann schob sie den Bissen vorn auf die Lippen und hielt ihn ihm hin. Er schnappte nach dem Stück; sie rückte schnell weg und hielt den Mund dann wieder hin. Er schnappte wieder danach und nahm sie endlich beim Kopf und küßte sie, wenn man's so nennen
konnte.' Dann starrten sie sich verzückt oder verrückt an. Schließlich sagte er: Das alte Ka meel wird doch nichts gemerkt haben? Es wäre mir nur um Dich!" Da war aber meine Geduld zerrissen. Schon wieder das alte Kameel! Ich beschloß, das Abtheil aus der nach sten Station zu verlassen. . Mein Herr," sagte ich, indem ich aufstand, gewiß hat das alte Kameel etwas gemerkt. Jetzt ist es mir endlich zu viel! Sagen Sie mir, mit welcher göttlichen oder menschlichen Berechti gung beanspruchen Sie. so gering über mich denken zu dürfen? Etwa, weil Sie annehmen, daß ich ein Junggeselle bin, ein alter Junggeselle, wie Sie zu sagen belieben? Ja, ich bin ein Jung geselle... mit Freuden bin ich einer! Glauben Sie aber, ich sei deswege vogelfrei? Habe ich mich etwa unan ständiger benommen, wie Sie? Sie nennen einen ehrenwerthen Mann ein altes Kameel. Sie treiben Allotria vor einem Fremden, Sie küssen sich Lffent lich. Sie . . ." Er hat's gesehen!" winselte sie. Und er knurrte: Der kann ja deutsch!" Ich wollte mit meiner vernichtenden Rede fortfahren; da hielt der Zug. Ich riß die Thüre auf und spranz hinaus. Schaffner," rief ich, bitte ein anderes Coup6!" Alles besetzt! Steigen Sie rasch ein! Vorwärts!" Nein, um keinen Preis!" rief ich. Dann bleiben S' da! Fertig!" Der Zug setzte sich schon langsam in Bewegung. Da steckte er seinen Kopf zum Abtheilfenster heraus. Er hatte sich offenbar erst jetzt von der Verblüffung über meine Zurechtweisung er holt. Wissen Sie, was Sie sind?" schrie er zornig. Ein alter Schwindler sind, Sie! Einen so anzuführen, Sie, Sie alter Griesgram!" Was bin ich?" rief ich wüthend, indem ich neben dem Zuge herlief. Was bin ich?" Da flog über meines Gegners Züge ein unverschämtes Lachen. Ein dummer Sepp sind Sie! Hahaha! DaS haben Sie jetzt gut gemacht! Jetzt sind, wir ja allein!" Halt!" rief ich. Halt! Zugführer Halt!" Auf der nächsten Station!" brüllte ein halbes Dutzend Stimmen. Ich blieb athemlos stehen. ' Undsollte man's glauben? Da schwenkten sie und er die Taschentücher aus dein Fenster gegen mich her und winkten, solange sie mich sahen . . . Wann fährt denn der nächsteZug.Tfragte ich den Stations-Vorstand. Morgen früh!" Da hatte ich's! Soll ich noch weiter erzählen, was mir noch zustieß? NichtsAngenehmes, selbstverständlich. Ich mußte noch durch drei Kilometergrundlose Wege waten, bekam ehr schlechtes Vier, ein ordinäres Essen, ein hartes Bett, Grobheiten und eine colof sale Rechnung obendrein. Und wer anders war d'ran schuld als das Hochzeitspärchen?
Eine indiöcrcte Frage. Schlimm ging es einem jungen Deutschen, der etwas schwedisch gelernt, in einer großen schwedischen Gesellschaft. Der junge Mann fragte eines der vielen Fräulein: I Frikka all in Tujska west?" (Sind Sie. mein Fräulein, schon in Deutschland gewesen?) Die ganze Gesellschaft, besonders die jungen Damen, sahen sehr verlegen zu Boden. Der junge Mann konnte sich gar nicht erklären, welche Ungeschicklichkeit er begangen hatte. Erst später empfing er in Herrenkreisen Aufklärung. Ein wirklicher alter Schwede, Vater von zwei reizenden jungen Schwedinnen, sagte: Vester Herr, Sie haben uns da eine böse Geschichte angerichtet: Während des dreißigjährigen Krieges waren ja fast alle schwedischen Männer in Deutschland. Wenn nun nicht hin und wieder die, schwedischen Frauen ihren Männern' nachgereist wären, so wären die schwedischen Familien ausgestorben. Wenn heute ein kleiner Schwede geboren wird, so sagen die Schweden von der Mutter, sie ist in Deutschland gewesen." So hätten Sie also das Fräulein nicht fragen sollen." Künstliche Grübchen. Man müßte die vielsagende Schreibfertigkeit eines Galant aus dem 18. Jahrhundert besitzen, um die neue Erfindung, die jüngst ein polnischer Arzt gemacht hat, würdig schildern zu können. Dieser ingeniöse Specialist will nämlich ein Mittel zur Hervorbringung künstlicher Grübchen auf FrauenWangen entdeckt haben. Der Apparat, der zu diesem Zwecke zur Anwendung gelangt, ist von höchster Einfachheit. Er besteht in einer Holzmaske, die ini Innern mit kleineren Erhöhungen versehen ist. Wenn eine schöne oder minder schöne Frau sich vor dem Schlafengehen diese Maske auf's Gesicht legt, wacht sie, wie der Erfinder sagt, mit den reizendsten Liebesnestern" auf. die man sich denken kann Natürlich sind die Grübchenerzeuger in der Maske verstellbar. Man kann sich also das Gesicht mit einem, mit zwei, mit drei Liebesnestern" schmücken, man kann sie rechts oder links vom Munde oder auch an beiden Seiten zugleich hervorzaubern, je nach dem Geschmacke deS Jünglings, dem man gefallen will. Schmeichelhaft. Dame: Warum verheirathen Sie sich eigcnt lich nicht; sind Sie nicht alt genug?" Herr: Ö ja!" Dame: Oder nicht reich genug?" Herr: v.Auch das'. Dame: Nun. warum denn nicht?" He: Ich bin dazu richt dumm genug." Dcr.e: $a, wie dumm wo len Sie denn eigentlich sein?"
