Indiana Tribüne, Volume 21, Number 347, Indianapolis, Marion County, 4 September 1898 — Page 7
Weine ßnessenz. Skizze von G. v. Beaulien. Auf dem Kostümfest der Künstlerin tun, einem Ball, dessen Besuch der &u renwelt streng untersagt ist, sah ich meine Excellenz wieder. Eine heilig entrüstete, erregte Mädchenschaar jagte grade einen Mann hinaus, der sich, verwegen cjernig, unter die tausendfache Weiblichkeit gewagt hatte. Meine Excellenz gefiel mir heute mehr als je; bei dem vorgeblichen Aorn zwinkerte es so verschmitzt um ihre braunen Augen, und ihre Nasenflügel blähten sich vor übermüthiger Lust. Gusta von Seydewit; trug das 5fo stüm eines Fauns eine große Zahl der Damen erscheint in Männertracht bei diesen Festen, so daß sie anscheinend den gewohitten Ballanblick bieten; nur fallen die Herren auf durch ihre Zierlichkeit, die Niedlichkeit ihrer Schnurrbärte, ihr meist pujipenmäßig hübsches Gesicht, dieWinzigkeit ihrer Hände und Füße und endlich auch nicht selten durch die Fülle ihrer Formen. Meine Excellenz gehört nicht zu diesen Vollkommenen", ihre schlanke Gestall hat etwas Jünglingsmäßiges. Und dennoch mußte es ihr peinlich sein, in dieser Verkleidung von einem Mann gesehen zu werden. Der Oberkörper war nur durch braunes, sonnengebräunte Haut nachahmendes Tricot bedeckt, das eine Weinlaubguirlande überspannte, aber nicht verbarg; von den Hüsten ab steckte sie in enganschließenden Beinkleidern aus zottigem, schwarzem Ziegenfell. Dem unglücklichen Eindringling er befand sich in Clowntracht wurde nicht einmal vergönnt, sich in der Garderobe seinen Mantel geben zu lassen; in dem weißen Harlekinkostüm mußte er, von den außenstehenden Schaulustigen verspottet, in das Schneegestöber der Straße hinaus. Als der Racheakt von den gekrankten Frauen genugsam genossen war, wandte mir der Faun sein lachendes Gesicht voll entgegen. Guten Abend, Excellenz!" rief ich ihr zu. St! In der Rolle bleiben!" ermahnte sie mich. Nun wohl, alter Faun, hast du Lust mit mir zu tanzen?" Gut, komm, Sterbliche!" Gusta von Seydewitz ist eine Dame der tonangebenden Gesellschaft, ich treffe sie oft bei Festen und Bazaren und auch im Familienkreise. Keine Wohlthätigkeitsveranstaltung wird ohne ihre Hilfe eingerichtet, ihr Name steht Quf allen Listen für gemeinnützige Zwecke, sogar auf denen der Vorkämpferinnen für die Erweiterung des Frauenerwerbs. Meine Excellenz unrerstützt auch diese Bestrebungen, wie sie allen hilft, die um ihre Existenz kämpfen.
Sie selbst aber hat Noth und Kampf jixt kennen gelernt. Der Familie eines reichen Großindustriellen entstammend. hat sie mit achtzehn Jahren einen bedeutend älteren hohen Officier eheirathet. Die Stellung, der Titel, tizx altadlige Name ihres Gemahls vernlaßten sie wohl zu diesem Schritt, und der General von Seydewitz starb zu schnell, als daß sie Gelegenheit gehabt hätte, ihren Entschluß zu bereuen. Während der kurzen Zeit ihrer Ehe hatte Gusta so viel mit Gesellschaften und Toiletten zu thun, daß ihr Herz nicht erwachte. Bei den Festen gefielen ihr alle gleich gut und gleich schlecht, und so distinguirt wie ihren Alten fand sie keinen. Auch nicht so ritterlich. Als er starb, betrauerte sie ihn aufrichtig. Jedermann dachte nun, daß sie bald eine zweite Heirath schließen werde jung, lebenslustig, reich, wie sie war. Allein sie blieb unvermählt. Sie trat in die Dreißig, ja sie trat aus den Dreißigen hinaus unvermählt. Jetzt endlich glaubten ihre Verwand--ten und Freunde, daß es ihr Ernst damit sei, frei zu bleiben. Selbst ihre eifrigsten Bewerber fügten sich und fanden es angenehmer, bei ihr freundschaftlich zu verkehren, als nach höheren Ehren zu streben Gustas Köchin war ja ein Ideal und Excellenz felbst der entzückendste, lustigste, unterhaltendste Kamerad, den man sich denken konnte. Vielleicht wäre sie als Gattin garnicht so vollendet gewesen so legten die Abgeblitzten sich die Sache zurecht und blieben nach wie vor in der Nähe ihres Abgottes, den sie nicht zu erringen vermochten. Gusta von Seydewitz ist nicht nur eine Beschützerin der Armen, eine Freundin der Hilfsbedürftigen, sondern auch eine flotte Sportsfrau. Sie reitet ebenso elegant wie kühn, und neuerdings ist sie auch eine unternehmende Radlerin geworden. Reizend . sieht sie in den vandykfarbenen Pluderhöschen, der Sammetbluse und dem kleinen, graugelben Sammetbarett aus. Was stellt diese Frau nur an so denken ihre Neiderinnen um nicht corpulent zu werden? Wenn eine von ihnen sie fragte, so würde Excellenz in der ihr eigenen, frischcn. burschikosen Weise antworten : Sport, mein Kind, Sport! Nicht bloß b:rn Spazierengehen sich b:w:gen. sondern alle Muskeln anspannen! Man schnappt viel zu viel Gutestubenluft und hat viel zu wenig blauen Himmel über sich. Wenn ihr den ganzen Tag ohne Bewegung feid, fetzt ihr Fett an; darin beruht das ganz: Geheimniß. Kinder." Das Sportleben giebt ihr ach die Elastizität, bis in die Nacht hinein bei Wohlthätigkeitsbazaren zu verkaufen ; es giebt ihr die Munterkeit, selbst die zugeknöpftesten Börsen für den guten Zweck zu öffnen. Kehrt sie um Mitternacht vom anstrengenden Tagewerk heim, dann nimmt sie ein Bad, schläft gesund und tief wie ein Ackerknecht und
ist morgens um sieben Uhr wieder m Sattel, um im Stadtpark einen Früt galopp zu machen. Wer kann nun eigentlich glücklicher sein als meine Excellenz? Alle Welt verehrt sie, wohin sie auch kommt; überall ist sie der Mittelpunkt; sie ist eine tonangebende Dame der Gesellschaft. ihr Name steht auf allen Listen für gemeinnützige Zwecke, selbst auf denen der Frauenrechtlerinnen. Und dennoch! Dennoch? Giebt es ein Dennoch in ihrem heiteren, friedlichen Leben? Einen Schatten? Wer Excellenz sieht, lacht einfach über diese Frage. Ihr Gesicht ist sonnengebrännt und frisch, ihre schlanken Glieder sind wie von Stahl, so elastisch und fest. Und ihre klaren Augen sehen immer aus, als seien sie so recht ausgeschlafen und ausgeruht, als hätten sie nie etwas gethan, dessen sie sich zu schämen brauchten. So frisch wie ihre ganze Erscheinung, so ohne Makel ist auch ihr Herz. Und dennoch. Es giebt Augenblicke, wo das Leben Gusta nicht lebenswerth erscheint, wo alles ihr zwecklos und öde vorkommt. ' Es war in einer Dämmerstunde diesesFrühlingS l'heure bleue" nennen die Franzosen die duftige Dämmerungszeit, in der alle Umrisse verschwimmen, alles Leben geheimnißvoll über den Alltag erhoben erscheint. Auf schmeichelnden Schwingen trägt die Luft Blüthendüfte herbei, fröhliches Kinderlachen dringt zu den geöffneten Fenstern des eleganten SaIons empor. Da versinkt die immer thätige, immer lustige Excellenz in träumerisches Sinnen. Sonderbar, sie denkt an den kleinen, unverständigen Lieutenant, der sie vor Jahren geliebt. Damals lachte sie ihn aus. Helmuth von Alvensleben war ein Jahr jünger als sie. Eine Excellenz und Frau Lieutenant werden urkomische Idee! Sie dachte nur daran, welchen Eindruck andern das machen würde. Ja, lebt sie nicht überhaupt nur im Kopf der andern? In der Vorstellung, die die andern von ihr haben? Damals fürchtete sie. sich lächerlich zu machen, aber das Nein war ihr doch sehr schwer geworden. Wenn einem, so hätte sie dem jungen Helmuth gern ihre Freiheit geopfert. Warum hatte er
auch grade erst Lieutenant sein müssen! Wo er wohl jetzt steckte? Damals war er bald in die Provinz versetzt worden, dann hatte Gusta von seiner Ernennung zum Hauptmann vernommen, und endlich, erst kürzlich, war er zum Major befördert worden. Er hatte nie wieder etwas von sich hören lassen. Das Lachen der schönen Excellenz hatte er nicht verwunden, sein junger Lieutenantsstolz war dadurch tödtlich getroffen worden. Er hatte aus dem Lachen nicht das Schluchzen herausgehört, nicht gespürt, wie schwer es der lustigen Gusta geworden. Excellenz raffte sich aus ihren Traumen empor. Wie dunkel es war! Sie ergriff mit ihrer kleinen, festen Hand die silberne Klingel, die vor ihr auf dem Tisch stand. Auf den feinen, hellen Laut kam ein Diener mit Lampen herein, deren mildes Licht den behaglichen Raum erhellte. Lautlos kehrte der Mann ein zweitesmal wieder und reichte seiner Herrin auf einer japanischen Bronzeschale die Abendpost. Gusta überflog ein paar Postkarten und Briefe. ' Wohlthätiakeitssachen, nichts als Wohlthätigkeitssachen! Wie unpersönlich doch ihr Dasein war! Niemand stand ihr ganz nahe. Sie kannte Massen von Menschen und hatte doch keinen eigentlichen Freund. Freilich ihre Geschwister! Aber die waren verheirathet und hatten mit sich und den Kindern zu thun, wenn sie es auch mit ihr gut meinten und ihr sicher bei Krankheit und Unfällen beistehen würden. Aber ein Herz für sich allein hätte sie das? Eine merkwürdig weiche Stimmung überkam sie. Sie mußte das besiegen, es war sentimental. Rasch schlug sie die Abendzeitung auf. Reichstag ach das ewige Gezanke! Kiaotschau wird auch langweilig ! Dachstuhlbrand schon wieder! Bergleute vernichtet o Gott, die Armen! Familiennachrichten na endlich! Da ein Name! Alles Blut schießt ihr zum Herzen; dann scheint es, als stehe das Herz still. , Helmuth von Alvensleben, Major im 1. Badischen Leibgrenadierregi ment Nr. 109. beehrt sich, seine Verlobung mit Frieda Freiin von Wangenheim " Verlobt! Nun hatte er sich doch getröstet, nach langen Jahren. Und sie selbst die lustige Excellenz! Bah, nur nicht sentimental sein! Es gab ja auch Arbeit genug für sie. Frieda Freiin von Wangenheim ! Wie sie wohl war, wie sie wohl aussah, die Glückliche? Aus der Jnstructionsstunde. Also, Kerls, nu' paßt 'mal uf: Militärischer Jehorsam. det is: Alles, wat befohlen wird, det wird jemacht Entschuldigungen kennen wir nich'! Und wenn der Herr Hauptmann zu mir sagen dhäte: Sergeant Stubler, machen Se 'mal 'ne Uhr!" uff der Stelle mach' ick se! Ob se nachher jehen duht oder nich', det seht mir nicks an ick mache se!" Beim- Studentencommers. Musikdirigent zum Präsidium: Ach. Herr Doctor, soeben ist uns die große Trommel entzwei gegangen.". Student: Beruhigen Sie sich, lieber Mann, wir werden Ihnen unse ren Paukarzt" schicken." Gefährlich. A.: Halten Sie das Küssen wirklich für so gefähr, lich. wie die Aerzte sagen?" B.: Gewiß, aus Küssen ist schon manch mal eine Heirath geworden."
ZZerlincr Leben. Jott segne de Schifffahrt", pflegen die alten Ruderknechte auf den Spreefchiffen zu sagen, wenn sie, in Balin" angelangt, sich mit einer Weißen" erlabten. Der Ausdruck ist sehr bezeichnend. denn wer das große schüsselartige Glasgefäß womöglich mit beiden Händen faßt, um das weiß schäumende, blonde Getränk seinem Innern zuzuführen, hat leicht die Empfindung, als könne auf dem breiströmendenBierfee eine gemüthvolle Kahnfahrt in seinen innern Menschen unternommen werden. Nicht jedermann mag das säuerliche Getränk, das weit eher ernüchtert, als berauscht. Dennoch ist es zumal zur wärmern Zeit ein sehr gesundes und wohlbekömmliches Naß, das wohl in Berlin und vollends in seiner ländlichen weitern Umgebung von allen Getränken am meisten genossen wird. Wer Berlin als Bierstadt" kennen und würdigen will, wird daher zunächst mit dem Studium des Weißbiers und seiner Verbreitung beginnen müssen. Fast jeder bürgerliche Hausvater hat seine Weißbierflaschen im Keller stehen, Ehampagnerweißbier und wie es sonst heißt; keine Vierstube, wo es nicht vorhanden wäre. Mit Himbeersaft, mit Citrone und Zucker genießen es auf dem Lande Männlein und Weiblein; besonders wohlschmeckend und erfrischend wirkt es zur Waldmeisterzeit, wenn man einen Schuß guten Maiwein hineingießt. In dieser und anderer Gestalt kann man es überall zur Erfrischung haben. Es besitzt vabei eine Eigenschaft, die kaum ein anderes Bier, selbst das bairische Bier in seinem Heimathlande nicht hat, nämlich. daß es immer gut ist. Eine schlecht gewordene, verdorbene Weiße kann man überhaupt nicht verschänken; man würde es ihr sofort ansehen, denn die allzu starke Bärme", der märkische Ausdruck für Hefe, würde es sofort verrathen. Man kann infolge dessen auf das einsamste Dorf in der Mark kommen, die Weiße wird immer gut sein. Und so trinkt man sie am meisten. Wer sich einigermaßen Bewegung schafft, wird auch keineswegs fett von diesem Biere, sondern magert eher ab. So ist nur der Typus des Weißbiertvirthes selbst in und bei Berlin derjenige. der durch seine Wohlbeleibtheit auffällt, die im genauen Verhältniß zur Anzahl der Weißen und der unbewegten Stunden steht, die er am Ausschank versitzt. Allenfalls kommen noch kleinere Beamte mit sitzender Lebensweise dazu, die den Typus des Weißbierphilisters" darstellen ; im Ganzen aber ist dies Typus ein solcher geworden, nicht, weil er der vorherrschende, sondern weil er d?r seltenere ist. Es gibt Typen, welche die Einbildungskraft des Volkes wie der Beobachter sich grade daraus schafft, daß sie nicht die Regel, sondern die Ausnahme sind. Die Ausnahme fällt eher auf, als die Regel; sie prägt sich dem Gedächtniß stärker ein; eine Anzahl weiterer Beispiele verstärken diesen Eindruck und so bildet sich das Bewußtsein eines Typus und seines Namens dazu, der die Einbildungskraft beherrscht, ohne doch die allgemeine Regel zu sein. Im großen Ganzen .st der Berliner und der Märker dazu ein magerer Mann. Nirgends in der Welt, außer in London, sieht man wohl so viel schlanke, hagere Mädchen und Frauen wie in Berlin. Seitdem jede dritte Berlinerin man kann es wenigstens von gewissen Ständen sagen radelt, auf eigenem oder geliehenem Rade, sieht man diese Schlankheit und Hagerkeit sogar sichtlich noch zunehmen im weiblichen Geschlecht. Der Berliner ist von Haus aus sehr mäßig im Trinken, die Berlinerin noch mehr ; die Bierstadt" Berlin ist im Verhältniß zu andern deutschen Städten eher die Stadt des Maßes statt der Maßkrüge. Und eben diese Mäßigkeit an sich befördert die Hagerkeit der äußern Erscheinung. Wohl findet man unter den Abkömmlingen der Slaven viele kleine und dann vielfach kurzhalsige, untersetzte und leicht dickere Menschen in Berlin. Man unterscheidet die reinen Germanen und Germanenfrauen überall an ihren höhern. größern Gestalten, an den großen Füßen auch der Damen, an den stärkern Handgelenken und andern Eigenschaften der alten großen Sachsenrasse. ; Besonders im Adel, in Militärfamilien, in gewissen wohlhabenden Fabrikantenkreisen findet man diese auf-
fällig großen Frauen, die alte, eigentliche Herrenrasse des Landes, die schulterhoch über die Köpfe der andern emporragt. Jr mancherlei Abstufungen ist in überraschender Anzahl derjemae Typus da, dessen Mütter im vorigen Jahrhundert die Vorliebe der Preußenkonige für die langen Grena diere unterhalten konnten. Leute von mittlerer Größe" müssen in Berlin sehr oft den Kopf zurücklegen, wie Romeo. wenn er nach dem Balcon seiner Julie schaut, um sich mit Menschen, Herren undDamen unterhalten zu kon nen, deren Kopf sich weiter oben befindet. Wahrend m Oberbaiern und an derweit.- wo sich ähnlich große Rassen erhalten haben, fo ein Riese leicht auch sehr breit und wohlbeleibt wird, schon wen er auch wie die alten Elmbern und Teutonen den Biermeth am lieb sten aus Ochsenhörnern tränke, finden wir in Berlin diese großen Gestalten gewiß in überwiegender Mehrzahl sehr mäßig. Es kommt hinzu die zahlreiche jüdische Bevölkerung Berlins, die no torisch hier wie überall mcbt trinkt, sondern sehr mäßig im Alkoholgenuß lst. Mancher mnae Commrntone hat seinem jüdischen Studiengenossen auch schon abgesehen, daß man mlt wenig Getränk recht gut auskommen kann. Das allgemeine Radsahren der Man ner in und bei Berlin ist gleichfalls auf die Dauer ein Mittel gegen den alt germanischen Ueberdurst. Denn ein ytamtz lernn jvotjl gelegentlich inlu
stiger Gesellschaft einen tüchtige,: Schluck wie jeder andere vertragen, aber auf die Dauer wird er unWillkürlich sein tägliches Quantum vermindern. weil er erfährt, daß er viel leichter. sicherer, schneller und gefahrloser fährt, wenn er sich 'bei einem gewissen mittlernLeibesumfang erhält, der nicht durch Alkohol aufgeschwemmt ist. Im Maße aber, wie der Körper hager, musculöser und gewandter wird, schwächt sich auch, das Bedürfniß nach literweiser Vertilgung von Flüssigkeiten ab. Man wird in der ganzen Umgebung von Berlin weit öfter hören, daß einer eine kleine Weiße" als eine große Weiße" bestellt. Mit diesen Verhältnissen hängt es aber natürlich auch zusammen, daß, abgesehen von Weißbier, die sonstigen Bierverhältnisse in und um Berliv ?eineswegs glänzende sind. Man trinkt im guten Glauben und in aller Unschuld oft die unmöglichsten Gebräue zusammen. Ausnahmen bilden natürlich die große Friedrichstraße, die Leipziger Straße und all' jene reicheren Straßen des SüdwestenS und Westens mit ihren off'.ciellen Bierpalästen bairischer, böhmischer Brauereien. -Hier, wo das Faß fortwährend fließt, vorzüglich für Eis gesorgt ist. viel gegessen wird, trinkt man natürlich auch das der Millionenstadt und Reichshaupt, stadt entsprechende gute Bier. Wenn auch die Münchener und sonstigen bai rischen Biere wegen -der stärkern Ein brauung für den Transport nicht ganz das sind, was sie an der Quelle sind, so wird man in diesen Stadtgegenden doch immer auf ein solides, unge panschtes Bier rechnen können. Dagegen wird auf dem Lande wie in andern Stadtgegenden grade mit dem Namen der bairischen Biere, als da sind Spa-ten-. Löwenbräu u. a., vielfach großer Unfug getrieben. Verwässert, mlt allerhand Kellermitteln aufgefrischt, mit allerhand Zusätzen versehen, wird so ein echtes" verkauft. Das Berliner Publikum trinkt das alles ziemlich harmlos, 'denn es weiß es ja doch nicht besser. Die einheimischen Berliner Viere, vielfach helle oder dunkle, sind aber über ein gewisses Quantum nicht ohne üble Folgen genießbar. Der Berliner selbst, bei seiner Mäßigkeit, trinkt nicht leicht soviel davon, und so empfindet er den Charakter ves Vieres weniger. Wer aber einmal fröhlich zecht", wird des Unterschieds gar schmerzlich am andern Tage inne. Gliederschwere, gradezu lähmendeWirkung auf die Hirnthätigkeit üben recht viele dieser Biere aus, selbst wenn sie noch so frisch gehalten sind. Auch sind sie meist verhältnißmäßig theurer als die einheimischen Biere in andern deutschert Städten. Mag es am Wasser liegen oder an den Bestandtheilen, die man dem Hopfen und Malz zusetzt, mag es an gesetzlichen Bestimmungen liegen wir wollen das hier nicht untersuchen die Wirkung ist jedenfalls auf die Dauer keine gute und die Weiße" ist dann sicher immer noch
zum Schluß die Rettung, welche die schlimmsten Folgen verhütet. Fehlt nun diesen Bieren die nöthige Pflege durch den Wirth, so gibt es allerdings Gemische, die den gepanschten PseudoEchten nicht nachstehen. Sehr übel bestellt ist es in dieser Hinsicht in all' den zahlreichen Vororten, in den Ausflugsorten außerhalb Berlins. Da blüht die Bierpanscherei in einem Maße, daß man auf die Dauer geradezu genöthigt wird, den Biergenuß sich abzugewöhnen. Freilich sind die Bierwirthe auch schlimm daran. Jahr auf Jahr hofft man auf einen sichern, guten Sommer, aber jeder zweite Sonntag verregnet, die angeschafften Fässer verderben, da ist guter Rath theuer. Und kommen schöne Tage, so liest man nicht umsonst an einem alten Wirthsschilde -den Spruch: Der alte Brauch wird nicht gebrochen: Hier können Familien Kaffee kochen. Und das ist immer billiger und sicherer. Im bürgerlichen Leben des Berliner Haushalts spielt das Bier eine ziemlich kostspielige Rolle. In andern deutschen Gegenden war und ist es noch vielfach Sitte, daß man fogenannte einfachere Biere braut, von denen man ein Faßchen in den Keller legt und felbst abzieht. In Berlin herrscht im ausgedehntesten Maße der Brauch, daß man von Brauereien und Bierhändlern die bereits abgezogenen Lagerbiere auf Flaschen mit Patentverschluß geliefert bekommt, die dann mit dem Bierwagen wieder abgeholt und durch neue ersetzt werden. Selbst die einheimischen Biere stellen sich dabei für den Haushalt verhältnißmäßig theuer; .man hat alles Mögliche in Nachahmungen: Pilsener. balriscde uno sonstige Biere, d. h. aus sobenannte Art gebraut, aber natürlich nur dem Namen nach. Die echten, guten Biere stellen sich rn diesemFlaschen verkehr erst recht theuer und neidisch denkt man an den Münchener Haus halt, wo das Liter schönsten, nabrhaftesten Bieres sich auf 22 Pfennig stellt. Neuerdings liefert man auch in den Berliner Haushalt dieses Echte in Thonkrügen mit Patentverschluß: das Liter stellt sich dabei statt auf 22 Pfennia auf 50 Pfennig und man tarnt leicht nachrechnen, wieviel Geld in Berlin fchon in dieser Hinsicht die be scheidensie Geselligkeit kostet, bei der man gute Freunde zum' Thee oder einem Glase Bier bei sich sieht. Wer einen Tisch voll Gäste hat. die auch einmal beim Rauchen und Plaudern einen guten Zug thun wollen, mag dann schon ettvas tiefer in seine Tasche am fen, wenn er mit, Echten" aufwartet. Bleie vegnugen sich daher auch mit den einheimischen Sorten. Ist schon dieserGenuß auf die Dauer und zur regelmäßigen Nahrung ziemlich theuer, so ist der Wein noch mehr eine Seltenheit und sehr kostspielig für einen verwoynien Daumen. Wer u lerdings in das berühmte Lokal von Sempwsky tritt, mochte alauben. Ber
lin schlemme gradezu in Wein. Denn da sitzen Hunderte in den aroken Sä-
len. Von der Frühstückszeit bis in die liefe vcaqt drangt man sich um einen Platz, um zu speisen und Wein zu trinken. : Rechnete man hier nach, so müßte man glauben, der Rhein und die Donau könnten nicht so viel Wein erzeugen, um auch nur Berlin zu befriedigen. Aber das ist nur Schein. In einer Millionenstadt mit ihren Fremden können wohl zahlreiche Etablissements derart bestehen, ohne daß die Sache selbst irgend einen Hintergründ in der Bevölkerung selbst hat. Die Berliner stellen einen sehr geringen Procentsatz zu diesen Weintrinkern. Es vertheilt sich auf diejenigen, die sich innerhalb Berlins aller Jubelzeiten auch einmal das Fest machen wollen, in Fläschchen zu trinken, und auf solche, die auf Reisen sind. Berlin bietet, sowie man seinen Geldbeutel offen macht, in einer Reihe angesehener Weinstuben im Westen und Südwesten ganz vortreffliche Weine aus aller Herren Länder. Wer von 4 Mark an aufwärts für die Flasche anlegt, wird sehr köstliche, ganz reine Weine vom Rhein und von der Mosel hier wie im Weinlande selbst haben können. Da wird auch ihm der echte Blumenduft des Weines, wie er schon im Gescheine des blühenden Juniträubchens selbst lebte, entgegenwehen. In solchen höHern Preislagen bringt es die Natur der Dinge mit sich, daß man nach der Hauptstadt des Reiches auch vom Besten liefert. In den niedern Preislagen aber wird man nur selten etwas Zufriedenstellendes finden. Saure und gezuckerte Weine, allerhand Verschnitte, unbestimmbare Sachen,- oft unter sehr wichtigen Titeln, werden in der Weinstube und in's Haus geliefert, und der Bürger fragt sich dann auch wohl, warumWein überhaupt ein so berühmtes Getvänk sei. Denn er bekommt schlecht, schmeckt, absonderlich, entwickelt allerhand Untugenden und Nieverschlüge in der Flasche, kurz, wer nicht sehr wohlhabend ist oder seine Bezugsquellen in einem Weinlande selbst hat, kommt sehr leicht in Verlegenheit, wenn er seinen Gästen eine Flasche Wein vorsetzen will. Und so findet man denn auch in der mittlern Geselligkeit des Berliner Lebens, daß der Wein eine nur ganz geringe Rolle spielt. Denn von der Geselligkeit in den Palästen des Thiergartenvicrtels soll hier natürlich nicht geredet werken. Wer also ein trinkbarer" Mann ist, der wird zu Zeiten das Berliner Pflaster weniger rühmen, als re'chshauptstädtischer Lokalpatriotismus für gut finden möchte. Die guten Schnäpse allerdings sind hier schon zu Hause. Es gibt eine Reihe hochvornehmer Schnapslokale, wo man die ausgesuchtesten Holländer und sonstig i.;n? Alkohole aus aller Welt hinter dvntcn Butzenscheiben trinken kann. Aber im Schnaps liegt nicht die Trinkbarkeit" eines Mannes oder einer Nation. Trinken ist eine edleKunst. die auch mit Klassenbewußtsein geschehen nus., Kunstbewußtsein, wie's der Bai.': für sein Bier, der Rheinländer und Ä:n'deutsche für seinen Wein hat. Tks Kunstbewußtsein auch in Berlin inen Milden, ist noch eine Aufgabe des kommenden Jahrhunderts. 5er Teufel." Humoreske von Maximilian Schmidt, o In einem niederbayerischen Marktflecken war der Referent des SchulWesens, Regierungsrath Teufel, zur persönlichen Jnspicirung der Schulen tos Bezirks angesagt. Sämmtliche Lehrer des Bezirkes hatten sich in festtäglichem Gewände eingefunden, um den neuen Herrn Bisitator, der als sehr streng im Dienste bekannt war, nach Gebühr zu begrüßen. Sie entledigten sich ihrer Röcke und hingen sie an die Kleiderrahmen im HerrenZimmer, das sich neben der großen Gaststube befand, und begaben sich dann in Hemdärmeln zur Kegelbahn. Unter ihnen befand sich der etwas kleine und dicke Schulverweser v. N., vulgo Gitsch" genannt, ein sogenanntes urfideles Haus", der schon lange vergebens auf die Beförderung zum wirklichen Lehrer gehofft und diese auch verdient hätte. Er war deshalb oft mißmuthig, ohne jedoch darüber seinen natürlichen Humor zu verlieren. Der Wirth fand sich, während seine Frau das Zimmer für den zu erwartendm vornehmen Gast zurecht richtete. gleichfalls 'als Mitspielender bei den Keglern ein, und so war das Gastlokal selbst ganz verödet. Niemand hatte bemerkt, daß ein Tourist, lang und hager von Statur, mit bestaubten Kleidern und Stiefeln, einen braunen Ueberzieher über dem Arm, in das Haus eingetreten war. Er sah sich vergebens nach einem dienstbarenGeiste um, trat in das Herrenzimmer und hing da, überrascht, so viele dunkle Röcke vorzufinden, auch seinen Ueberzieher an einen Nagel. Dann wollte er sich vor allem einen stärkenden Trunk verschaffen und lenkte seine Schritte nach dem an die Rückseite des Hauses stoßendm Garten, wo er sich an einen? Tische zunächst der Kegelbahn niederließ. Die Lehrer nahmen nur ganz flüchtig von dem Ankommenden Notiz, dieser aber hörte oft den mit Lachen vermischten Zuruf: Du, freu' Dich auf den Teufel! Wenn's da nicht besser geht, ist der Teufel los." Der Fremde horchte eine Zeit lang diesen harmlosen Witzen und klopfte dann auf den Tisch. Wer will denn was?" fragte der Wirth. Der Teufel!- erwiderte der Fremde. Allgemeines Gelächter. Der Wirth kam hinzu, nahm die Wünsche des GasteS entgegen und bemerkte: .
Der Herr warten vielleicht auch auf den Teufel, ich meine den Wauwau von der Regierung? Wissens was, treten's für mich beim Lavenettln (eine Art des Kegelspiels) ein, so haben Sie doch einstweilen einen Zeitvertreib. Wenn die Herren nichts dagegen haben?" Q. die Herren Lehrer sind gemüthliche Leut'; kommen Sie nur herzu." entgegnete der Wirth und zu den Lehrern gewendet, rief er: Ihr Herren, der fremde Herr hier hat die Freundlichkeit. für mich einzuspringen, wenn Sie's zufrieden sind." Acceptirt!" antworteten mehrere der Lehrer. Kommen Sie nur herzu." Der Fremde nahm die Kugel, aber sie glitt vom Brett ab und es hieß unter allgemeinem Gelächter: ..Ein Pudel!" Mit diesem edlen Einsprung verlieren wir die Partie," meinte Gitsch. Sie kommen wohl aus Pudelhausen?" Woher ich komme. werdenSie schon sehen." erwiderte etwas piquirt der Andere. Das wird uns von großem Interesse sein, Herr Pudelmaier," replicirte Gitsch. Kurz darauf verließ der Fremde mit einem Auf Wiedersehen!" den Garten. Im Hause trat ihm der Wirth entgegen, sein kleines Bübchen an der Hand führend. Nun? Ist das Spiel schon aus?" fragte dieser. Nein, jetzt geht's erst an!" entgegnete der Fremde. Wo ist das Zim mer. das ich bestellt habe?" Sie? Bitte unter welchem Namen?" Regierungsrath und Referent Teufel." , Dem Wirth gab es einen Ruck. Er zog seine Kappe und sagte: Ja, was ist das? Na, wenn das die Herren Lehrer erfahren!' Büberl' lauf zur Kegelbahn und sag's!" Während der Rath sein Zimmer betrat, lief das Büberl zur Kegelbahn und rief: Der Vater laßt sagen, der Herr Regierungsrath ist kommen; er ist auf der schönen Stuben." ' Dieses Zauberwort hatte ein allgemeines Alle Teufel!" zur Folge, und
einem Wettrennen ahnlich eilte man zum Hause zurück, um im Herrenzimmer den dort verwahrten Rock anzuziehen. Dabei ergriff der schon etwas bekneipte Schulverweser von N., vulgo Gitsch, den braunen Ueberzieher des Referenten, der ihm viel zu lang war, indem er ihm fast bis an die Knöchel reichte, als sich die Thür öffnete und der Pudelmaier" von vorhin eintrat. Herr Hauptlehrer Gerber," sagte er, hier nehmen Sie Einsicht von diesem Dekret, das mich als den Regierungsrath Teufel und den Referenten über das Schulwesen dokumentirt und nun stellen Sie mir vie zerren ! vor." ! Herr' Regierungsrath sind selbst schuld, daß wir nicht sofort unseren Respekt bezeugten, und bitten wir Sie, die Kegelbahnscene von der humoristischen Seite aufzufassen," versetzte ernst der würdige Hauptlehrer. Das thue ich auch," versprach de? Rath. Stellen Sie mir die Herren vor." Es wurde nun Cercle gehalten. Beim Lehrer Gitsch" angekommen, erkannte der Rath sofort, daß dieser einen ihm nicht gehörigen Rock trug; ein Blick nach dem Nagel belehrt-: ihn, daß es sein eigener Ueberzieher sei. Gitsch stand da, wie ein Verbrecher. Er ward aschfahl im Gesicht, als ihn der Rath mit den Worten ansprach: Sie haben den Teufel fortwährend im Munde gehabt; nun steht er vor Ihnen." Sehr wohl, Herr Regterungsrath!" Sie haben ein Gesuch eingereicht um Beförderung zum Lehrer in Z. Ich habe die Entschließung bei mir. Aber zuerst sagen Sie mir, unterrichten Sie Ihre Schüler auch über die Begriffe von Mein und Dein?" Gewiß, Herr Regierungsrath!" antwortete der Lehrer etwas verblüfft. Unter den Anwesenden, welchen die Situation klar wurde, machte sich ein zicmliL lautes Kichern hörbar. Daz gehört doch auch, daß man anderer Sute Kleidungsstücke nichö für die seinigen ausgiebt?" fuhr der Rath fort. Gewiß, Herr Regierungsrath!" preßte Gitsch heraus, der erst jetzt, als er näher zusah, bemerkte, daß er einen falschen Rock trug und dem jetzt der ihm so geläufige Ausruf entfuhr: Alle Teufel, was ist das?" Es könnte schon sein, daß der von Ihnen so gern citirte Teufel mit im Spiel ist," sagte der Rath nun lachend. Mein Ueberzieher ist es ja, den Sie tragen. Ihr Rock scheint dort am Nagel zu hängen." Als Gitsch die allgemeine Heiterkeit um sich her sah, faßte er sich wieder, zog rasch das fremde Kleidungsstück aus. seinen Rock an und überreichte dem Regierungsrath den Ueberzieher mit den Worten: Herr Regierungsrath verzeihen! Ich wünschte nur, daß Ihr Ueberzieher nicht durch einen simplen Schulverweser, sondern durch einen wirtlichen Lehrer entweiht worden wäre. ' Durch das. was mir heute passirte, ist meine Hoffnung auf Beförderung wieder zum " Er stockte. Zum Teufel, vollen Sie sagen?" ergänzte der Rath. Nun, Sie sollen sehen, daß Ihre Hoffnung hierbei in den besten Händen ist. Ich kündig: Ihnen JhreErnennung zumLehrer an, gratulire Ihnen." Glitsch ergriff die ihm dargereichte Hand mit den Worten: Gelt's Gott, Herr Regierungsrath: Unser Herrgott wird mir's verzeihen, wenn ich's von nun an auch mit dem Teufel halt'!"
Trauerkleider in früherer Zeit. Alles ist dem Wechsel unterworfen, auch das Trauerkleid; kein Macht--fpruch vermag ihn zu verhindern. Irr Berlepsch' Deutsches - Städtewesen und Bürgertum" lesen wir Folgendes: Um den Beginn des sechzehnten Jahrhunderts kam auch in Deutsch land eine ehrbare Trauertracht auf, die in schwarzen Kleidern und bei den. Frauen in großen schwarzen Schlcierrc bestand. In den älteren Ritterzeiten war es Hofceremoniell, daß man nie schwarz als Trauer trug. Selbst der König, wenn sein Vater gestorben war, trauerte nicht schwarz, vielmehr bestand die Trauer darin, daß man. sich roth kleidete. Mantel. Rock. Mütze. Schuhe, Alles war von dieser Farbe; dagegen sollen die Frauen, selbst die Königin, schwarz getrauert haben. Bei. ti:fer Trauer, zum Beispiel für den. Gemahl oder Vater, pflegten die Frauen weder Ringe noch Handschuhe zu tragen, die Haare hingen aufgelöst herunter, das graue Pelzwerk wurde von den Kleidern genommen und an. die Stelle desselben weißes gesetzt. Wenn sie Brustkleid und Mantel trugen, so durfte daran kein Gürtel, kein, seidenes Band, noch sonst irgend wel cher Schmuck sich befinden. Minder stens fechs Wochen lang durfte nachdem Traueramt oder den Vigilien. keine Ehefrau oder Tochter ihr Zimmer, verlassen, und es war Sitte am französischen Hofe, daß die Königin in ei--nem solchen Falle während dieser Zeit. im Bette liegen mußte und so die Besuche empfing. Die Burgfrauen brauchten, in Trauer für ihr? Eltern sich nur neun Tage auf dem Vettc auf zuhalten, die übrige Zeit mußten sie vor ihrem Bette sitzen auf einem großen, schwarzen Tuch. Bei dem Amte, wek ches für verstorbene Verwandte gehalsten wurde, mutzten die Edelleute, Männer und Frauen, eine Schleppe von dreiviertel bis einer ganzen Elle tragen. Eine solche Trauerbinde hing auch vom Kopfe herab. Als Männer und Frauen anfingen Scharlachhüte bei festlichen Gelegenheit ten zu tragen, wurde schwarze und weiße Seide die Trauerlleidung in. Frankreich, welche von der Mitte biszum Ende des 16. Jahrhunderts andauerte. König Heinrick III. von-
Frankreich war der Erste, der in. schwarzer Tracht den Tod seines Bruders betrauerte. Die Damen am Schlüsse des Jahrhunderts betrauerten Männer und Liebhaber durch braune Kleider und große Schleier, durcb Todtenköpfe und Todtengebeine, welche auf,' ihren Halsbändern und Armbändern' in Gold ausgearbeitet waren, und durch silberne Thränen, welche man al?' Stickerei auf einzelnen Theilen der Kleidung anbrachte. Ließ die Trauern ein wenig nach, fo vertauschte man die.Todtengebeine gegen kleine Porträts des Verstorbenen, welche man auf her Brust trug, die aber auch mit silbernen. Thränentropfen umgeben sein mußten Anna von Oesterreich betrauerte den Tod Ludwig's XIII. dadurch, daß sie sich nicht mehr schmückte, und die Hofdamen konnten nicht umhin, ihrem Beispiele zu folgen. Die Trauerlleidung der Spanierinnen im Mittelal ter, welche zwei Jahre lang andauernd angelegt. wurde, bestand zuerst in einer Robe von schwarzer Serge, über dieein Mantel von Leinwand bis an dieKnie herabhig. Den Kopf bedeckte ein. weißer Schleier, der hinten tief hinabfiel. Ueber den Schleier zog man einen weiten Mantel von schwarzem. Taffet. der so lang war. daß er hinten die Füße verbarg, und den schwarzen. Mantel hielt ein großer Hut fest, der unter dem Kinn mit seidenen Bändern zugebunden wurde. Die Trauertrachr in Deutschland war einfach, schwarz mit vielem Flor." Aufgetakelt und abgetakelt.. Die Gewohnheit des schönen Ge--schlechts, sich in Putz und Kleidung Concurrenz zu machen, war immervorhanden, aber zu den Zeiten unsererVoreltern war diese Neigung von der Etikette beschränkt. Eine Frau bewachte die andere, daß sie die Schranken nicht übertrat. Die, welche daS Recht, sich zu putzen, für sich hatten, wurden ebenso beneidet, wie heuteJede. die das Vermögen besitzt, um es Anderen zuvorthun zu können. Früher reichte es zum Aufwande nicht aus. reich zu sein, sondern man mußte auch den höheren Ständen angehören. Dafür möge hier ein bezeichnendes Ereig niß mitgetheilt sein, welches im Jahre 1593 in Dresden vorkam. Die Tochter eines Kürschners hatte sich gleich der Tochter eines Kaufmannes gekleidet und geschmückt und war in solchen, Staate zur Kirche gegangen. Schon am Sonntag vorher hatte sie dies qt than und es Kar dem Rathe angezttgt worden, der, im Fall es wieder geschätze, sie zu bestrafen beschloß. Als nun die Jungfrau in dem unerlaubten Putze das Gotteshaus betreten hatte wurden einige Rathsknechte abgeschickt, ihrer am Ausgange zu waren. Als sie nach beendigtem Gottesdienste aus der Kirche trat, griffen zur Freude der versammelten Menge die Nathsdiener zu und begannen, ohne auf die Thränen und das Flehen der Jungfrau zu achten, sie vor Aller Augen ' ihreZ Putzes und Schmuckes zu entkleiden. Halb entblößt und fast ohnmächtig, wankte die Unglückliche beschämt und verwirrt durch die drängenden VolksHaufen nach Hause, begleitet vomSpotlc des Pöbels und dem Hohngelächter der Mädchen und Frauen, das ihr auS allen Fenstern nachschallte. Ja, ja, sie waren streng, die Sitten unserer Vorfahren, aber roh waren sie auch. Vom Kasernenhof. Unterofficier (zu einem Soldaten): Ihre Knöpfe sind wieder zum Erbarme schmutzig; nur einer glänzt durch Slix Wesenheit!"
