Indiana Tribüne, Volume 21, Number 333, Indianapolis, Marion County, 21 August 1898 — Page 7
Ein Kritischer Hag. Von Vincenz Cyiavocci. ' Frau Eberl zog die Stirne lrauZ, legte den Bleistift, mit welchem sie eben Ziffern aneinandergereiht, in das Wirthschaftsbuch und seufzte: .Ich kann halt machen waö ich will, es geht nicht aus. Drum sag' ich immer : Man soll dem Gulden nicht mehr Kreuzer auferlegen, als er hat Der Familienrath, bestehend aus der Großmutter, der Mutter, den beiden erwachsenen Töchtern und 'dem zwölfjährigen Karl, fchien derselben Änsicht zu sein. Sie machten sammtlich lar.ge Gesichter; denn eine oberflächliche Bilanz der Aktiven mit den Passiven hatte ergeben, daß das Heute fällige Monatsgehalt kaum für die nothwendigsten Bedürfnisse hinreichen wird, wenn ma;x ihn auch aus das .Prokustesbett der Einschränkungen und Abstriche spannt. Alsdann siebzehn Gulden fünfzig Kreuzer kriegt der Fleischhauer," las die Frau Eberl ihren Leidensgenossen vor. Sie machte eine Pause, um den Eindruck zu beobachten, den die Nennung dieser furchtbaren Zisfer auf die übrigen Familienmitglieder gemacht. Es herrschte eine schwüle Stimmung : Siebzehn Gulden fünfzig Kreuzer ; darauf war man nicht gefaßt! Die Frau Eberl gewann zuerst die Herrschaft über die Sprache wieder. 'Das geht net, das geht net," sagte sie ein um das andere Mal und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch. Sagt's. mir nur, wo haben denn wir das vieleFleisch hingegessen?" Die Töchter schlugen beschämt über ihre Genäschigkeit den Blick zu Boden; doch die Großmutter sagte: Wir haben ja nur fufzig Deka Rindfleisch, Qber das Bratl am Sonntag " Richtig, das Bratl; da war die Wunde! Sie mußte mit einem operativen Eingriff geheilt werden. Das Bratl muß künftig gestrichen werden. Der kleine Karl läßt den Kopf hängen. Er kann sich eine Sonntagsheiligung ohne Kalbsbraten nicht vorstellen. Die Mutter fuhr aber in ihrer Berechnung fort: Sieben Gulden achtundsechzlg Kreuzer beim Bäcker.- Hier traf ein vorwurfsvoller Blick den kleinen Karl. Aber die Mutter sprach den
Vorwurf nicht laut aus, denn der Junge ist im Wachsen, da hat er schon etwas mehr nöthig. Die folgenden Posten: Milch und Kaffee, wurden ohne jede Debatte zur Kenntniß geuommen. Eine hitzige Debatte knüpfte sich an den Verbrauch des Petroleums. Die Großmutter lächelte und erzählte von den Nächten, die sie als Mädchen bei der feinen Weißnäherin zugebracht: Ihr Leut' von heutigen Tag's seid's ja mit dem elektrischen Licht und dem Gas zu verwohnt, sagte sie. Ich hab' bei einer Kreuzerkerze die feinsten Arbeiten gemacht. Das war weiter keine Schererei. Ah, papperlapap," siel die Mutter ein: es handelt sich nich: um die Ar beit. Neulich bin ich um zwölfe in der Nacht aufa'standen, weil in Euerer Kammer no 's Licht brennt hat. Wie ich hineinkomm', schlaft die Lisi, das Büchl is ihr aus der Hand g'fallen und die Lampen hat brennt wie ein Flam beau. Wenn ich nicht dazu 'kommen wär', so hätt's die ganze Nacht brennt. Und wea'n was? Aus der aufg' cyla enen Seit'n iZ 'standen: Und der Ritter hob die halb ohnmächtige Jung frau zu sich auf's Roß und sprengte mit ihr in die pechschwarze Nacht hinaus." So was dumm's! Und da mußt Du ihm mit dem theuern Pe troleum leuchten dazu?" Weiter las Frau Eberl aus ihrem Erbauungsbuche vor. und je weiter sie kam, desto länger wurden die Gesichter der Auborer. - Man hörte läuten. G'schwind, Lisi, das ist der Vater. Hermine trag die Supp'n rein. Macht's freundliche G'sichter.Kinder. daß ihm wenigstens 's Essen schmeckt." Das Familicnhaupt, eine ökonomisch angelegte Gestalt, dessen Antlitz die bezeichnenden Aktenfalten' hat, mit einem würdevoll zugestutzten Schnurrund Backenbart, das spärliche Haupthaar nach vorne gekämmt, tritt nun ein und wird von den Familienmitgliedern noch herzlicher wie gewöhnlich empfangen, als ob man ihm zum Voraus versichern wollte, daß man ihn für unschuldig halte an dem, was der Tag Unangenehmes bringen wird. Während dt3 Essens ist Waffenstillstand. Man scherzt und. plaudert, entwickelt Pläne, spricht Hoffnungen aus und laßt nichts merken von den Sorgen und Kümmernissen des Tages. Es kommt sogar zur Feier des Tages für den Vater eine Eztraspeise auf den Tisch und nachdem ihm die Lisi den gestopften Tschibuk gesucht, lehnte er sich in seine Sophaecke zurück und hält ein Qiertelsiündchen Siesta. Während dieser Pause verschwindet ein Mitglied der Familie nach dem an dern, da sie die Erfahrung gelehrt hat, daß die nun folgende Budgetdebatte gewöhnlich stürmisch zu werden pflegt. Vater und Mutter sind im Zimmer allein. Ersterer pafft mächtige Rauch wollen vor sich hin; letztere geht in nervöser Unruhe, im Zimmer auf und ab. Nach einer geraumen Weile, während welcher keine Silbe gewechselt wird, greift Herr Eberl in seine Brusttasche und zählt langsam und bedächtig eine Summe vor sich hin auf den Tisch. Sie Frau schielt nach dem Tische, setzt iber noch immer ihre hastige ManVarang fort. Endlich ist der Mann ri?g und lehnt sich wieder mit einem gepreßten Seufzer in die Sophaecke zurück. Frau Qptxl nähert sich nun zögernd; dann setzt sie sich zum Tasche, nimmt die Banknoten und zählt sie nach; je mehr dieses Geschäft zu Ende geht. Ulta häufiaer schüttelt sie den Kovk.
und wie sie jetzt fertig 'ist. dreht und wendet sie die Papiere nach allen Seiten, befeuchtet Daumen und Zeigefinger und versucht, ob nicht etwa zwei Noten aneinander kleben. Der Mann rückt unruhig auf seinem S$ hin und her. . Ich kann Dir nicht mehr geben, als ich hab', theil's Dir ein, so gut es geht." Theil's Dir ein. theil's Dir ein erwiderte die Frau gereizt. Du kannst leicht reden. Du gehst in Dein Bureau, und ich kann mich mit den Leuten ytrumschlagen. Das langt kaum auf die nothwendigsten Bedürfnisse." Mach was Du willst, ich hab' nicht mehr sagte der Mann mit erkünstelter Festigkeit, stellt seinen Tschibuk bei Seite und geht, die Hände auf dem Rücken, mit großen Schritten im Zimmer air und ab. Fünf Gulden habe ich auf die Assekuranz zurückbehalten drei Gulden auf Tabak und zwei Gulden auf lic Zeitung. Wenn Du willst, gewöhne ich mir das Rauchen nach und nach ab, und wenn der Roman aus ist, so gebe ich meinetwegen auch die Zeiiung auf." Damit wir gar nimmer wissen, was in der Welt vorgeht, wir kommen ja ohnehin das ganze Jahr unter keine Menschen." Also, dann bleibt nichts übrig, als sich noch weiter einzuschränken." Ja, ja, ich weiß schon, wo dies hinaus will," sagte die Frau mit gekränkte? Miene, meine arme Mutter ist Dir im Wege, sie spürt es so, die Aermste, daß sie in diesem Hause die Ueberflüssige ist. Du darfst ihr nur ein Wort sagen, so geht sie in die Versorgung. Gott, Gott." schluchzte die Frau auf, so weit ist's mit uns gekommen, daß ich meiner alten Mutter den Bissen Brot nicht vergönnen darf." Nur nicht so überspannt, leg' mir nicht Dinge in den Mund, an die ich nicht gedacht, quäle mich nicht noch mit Deinen Empfindeleien," Von Avancement hört man auch nichts mehr," sagte die Frau nach einer Pause. Davon kann jetzt keine Rede sein; die Zeiten sind schlecht. Man spricht von Ersparungen; was früher Zwei gemacht', das macht jetzt Einer. Ich bin erdrückt von Amtssorgen und Geschäften; mein Kopf brennt, eine riesige Verantniortung lastet auf mir; der geringste Anstand und man schickt mir den blauen Bogen, und da quälst Du mich auch noch mit Deinen häuslichen Sorgen." Er stützt den Kopf in beide Hände und brütet vor sich hin. Die Frau wuzelt wieder nervös an ihren Banknoten: Soll mir aber eins von meinen Mädeln mit einem Manne von solchem Einkommen daherkommen!" Nach diesen von Frau Eberl mit b:bender Stimme hervorgestoßenen Worten blickt der Mann auf und sagt ernst und vorwurfsvoll: Das hättest Du Dir auch seinerzeit überlegen können." Ueberlegen, überlegen." sprudelt sie argerlia) fyxiLT, überlebt hab' ich's freilich nicht, der bereu! bab' ich's l.äcn so oft, soviel 'ch Hii; nm Kopf: hab'!" Der Mann zuckte bei diesen Worten zusammen, blickte seine aufcercgtc Gattin mit Thränen in den Äugln an und sagte in wehmuthsvollem Ton: Therese!" Dann verhüllt er sein Antlitz mit beiden Händen und verharrt in tiefem Schweigen. Es entsteht eine lan bange Pause, während welcher man nichts als das Ticken der Uhr ve?nimmt. Die Frau blickt mit ängstlieher Miene nach dem gebeugten Gatten. Sie hat das rauhe Wort schon bereut, kaum daß es über die Lippen war. Was kann er auch dafür, der Arme, der redlich sein Theil an den Sorgen ihres ärmlichen Daseins trägt, sich die einfachstenFreuden des Lebens versagt, um seine Familie ehrlich und rechtschaffen durchzubringen. Sie steht auf, legt eine Hand auf die Schulter des Gatten, entfernt mit der anderen die Hände von seinem Gesichte und sagt: Franz. sei wieder gut. Es war nicht so gemeint. Du weißt ja doch, daß ich ohne Dich nicht leben konnte!" Das thut weh, liebes Kind, so harte Worte anhören zu müssen! Wenn ich noch helfen könnte! Ich hätte mich ja gern um eine Nachmittagsbeschäftigung umgethan; aber Du weißt ja, daß ich bis in die späte Nacht bei meinen Bureauarbeiten sitze, um den immer größeren Anforderungen zu genllgen." Das darfst Du auch nicht, caö will ick nicht," erwidert sie und der Ton ihrer St'mme klingt jetzt weich und tröstend, sonst wirst Du am Ende noch krank." Sie streichelt ihm die Wangen und sagt in resolutem Tone: Laß gehen, Alter, hab' nur noch eine Weile Geduld, es wird schon besser werden. Die Hermine hat jetzt wieder eine schöne (5lavie:Iectlon bei einem Obersten gekriegt, der sie auch wieder empfehlen wird; und wenn wir nur alle gesund bleiben, so werden wir uns schon durchschlagen. Bist gut, ja?" Sie fällt ihm UM den öals und küßt ihn herzlich ab. Wir hoben uns nie gezankt. Du bist ja so gut und die Kinder sind brav. Der Zänker und Störenfried ist einzig und allein " Das Geld, das leidige Geld; ich weiß es ja, daß Dein Herz nichts davon weiß, wenn das dumme Geld zu zanken anfängt." Nun sitzen sie wieder fröhlich zusammen und besprechen in herzlicher Weise ven Feldzugsiilan für den nächsten Monat. Jetzt kommen auch die Kinder wieder eins nach dem andern herein, und da sie aus den Mienen der Eltern 'esen, daß der Sturm schon vorüber ist, so nehmen sie auch eifrig Theil an der Berathuna.
Herr Eberl erhebt sich nach einiger Zeit; er muß wieder in's Bureau. Seine Frau ist ihm geschäftig beim Anziehen des Rockes behilflich; sie
'wickelt 'wen warmen Shawl um seinenHals und tragt ihm auf, den Mund geschlossen zu basten, damit er sich nicht bei dem rauhen Wind erklärte. Dann geleitet sie ihn bis zur Stiege und er drückt ihr zum Abschied einen Kuß auf die S'tuT.. Sie blickt ihm noch lange vom Fensier aus nach; dann sagt sie zu den Kindern gewendet, mit Thränen in den Augen: Der :ute Vater! Nichts als Sorg' und Wlüf und Plag'! Kinder denkt's nach, was wir iöm zu Weihnachten für eine Frc'ide machen können.!" Nach e'ner Weile sitzt sie wieder beim Wirthschf.stsbuche und rechnet: 17.50 Gulden für den Fleischhauer, 7.63 Gulden als Brot .... i m Erna's Tagebuch. Den 3. Mai. ... Schon bei dem Gedanken, ihn nicht mehr sprechen, seine treue, biedere Hand nicht mehr drücken u können, krampst sich mein Herz zus-.mmcn in namenlosem, schmerzlichem Bangen und ich meine, ich müsse starben. Und ich möchte doch leben, wenn aucy nur für ihn. Denn ohne ihn mag ich. kann ich mir kein Leben denken so jung ich noch bin: fünfvndzwa?lzig Jahre! Jawohl, ich bin kaum fünfundzwanzig, was Neid und Bosheit auch behaupten mögen! Vielleicht wäre das gerade das richtige Alter die Frau fünfundzwanzig der Mann dreißig aber fchwcig stille mein Herz! Bald bätte ich verraihen, was auch diese verschwiegenen Better nicht wissen dürfen! Den 4. Mal. Tagelang könnte ich hinaus starren in den blühenden, duftcodcn Mai, könnte die Hände in den Socß legen und dem Gesang der Vög:l lauschen, ganz vom Lenz berauscbt. Aöcr das echte Weib kennt seine Pfl'ten! Ob er wohl weiß, daß i es war, die ihm die beiden losehangenoen Knöpfe an seinem Ueberg'her flstnähte, während er mit Papa sp ach? Was mag er wohl mit ' Pcpa gesprochen haben? Ich bii fel!l fest überzeugt, daß er den ele::den Mammon verachtet und um maltrieC? Fragen keine Silbe verlieren würt?e Aber trotzdem freut es mich, daß 'ch Ut'&ig tausend Mark mitbekomme, kennte ich doch dieses kalte Gold mich macht es ja doch nicht glücklich in seine Hände legen! Er würde fäti den edelsten Gebrauch davon maen. 10. Mai. Er ist der beste, geistreichste, ritterlichste Mann, den ich kenne; selbst unter seinen juristischen College gibt es Niemand, der ihn erreicht. Der Mensch ist. was er i&i. Auch nach diesem Sprüchwort bewähren sich die herrlichen Eigenschaften seines Herzens. Sein Leibgericht ist der Rahmstrudel, und Mama sagt, sie finde, daß ich dies Gericht so gut zu bereiten verstände, wie Keine. Auch in Kalbsbraten. Gullasch und Hummersalat, meint Mama, wäre ich geradezu genial. Aber dieses Lob ist übertrieben, und ich lehne es ab. 15. Mai. Gewiß ist es die Aufgabe der Frau, dem Manne das Heim zu verschönern, aber es wäre geradezu eine Barbarei, ihn daran zu verhindern, wöchentlich wenigstens zwei Mal sein Stammlokal aufzusuchen. Niemals würde ich das thun, und das Wort Gardinenpredigt" hasse ich geradezu So", sagte Erna, die Feder fortschleudernd, jetzt lasse ich das Tagebuch im Vorzimmer offen liegen, bis der Müller kommt, und wenn er das liest und nicht sofort seinen Antrag macht, dann hilft gar nichts mehr." Eheleben auf Tnmatra. Ein reizendes Bild entwerfen französische Blätter von dem Eheleben auf der Insel Sumatra. Das Vermögen des Hauswesens gehört der Frau, und der Ehemann hat nur ein Ziel im Auge: die heißgeliebte Gattin auf Sumatra wird jede Gattin heiß geliebt zu bereichern. Ehescheidungen kommen sehr selten vor, vielleicht deshalb, weil die Eheleute nicht zusammen wohnen. Der Gatte besitzt ein besonderes Haus und begiebi sich nur am Abend zu seiner Frau. Sohne läßt man bis zu ihrem vierten Lebens jähre unter der Obhut der Mutter, dann wohnen sie mit dem Vater zusammen, während die Töchter vom Tage ihrer Geburt an im väterlichen Hause wohnen. Wenn sie sich verheirathen, baut man ihnen ein Haus dicht bei dem Hause des Vaters. Wenn ein verheirateter Mann stirbt, wird vor dem Hause seiner Frau ein Mastbaum mit einer Flagge aufgestellt. Die Wittwe hat erst dann das Recht, eine neue Ehe zu schließen, wenn der Wind die Flagge zerrissen hat. Das Loos der verheiratheten Frau ist in diesem glücklichen Lande aber so beneidenswertb. daß die Wittwenschaft dort beschwerlicher ist als in anderen Ländern. Deshalb verkauft man auf Sumatra sehr leichte Stoffe, echte Müsselingewebe, die eigens für die Herstellung von Trauerflaqgen" bestimmt sind. Die sanfteste Brise, das schwächste Windeswehen reißt' die dünnen Fahnenstoffe entzwei, und kaum sind einige Wochen in's Land gegangen, so hat die junge Wittwe bereits einen Tröster gefunden. Ungerechte Klage. Verregnet's wem den Ausgang, Fängt er zu schimpfen an; -Die Erde, die soll dürsten. Damit er saufen kann.
Pas Codlenschiff.
. . Von Robert Kohlrausch. Seit ungefähr zehn Tagen erblickte man auf der Fläche des großen Sees am Fuße derAlpen in seltsames Fahrzeug. Vom frühen Morgen ms zum sinkenden Abend zog es seine Furchen m das blaugrüne Wasser, auf dem es nur ganz langsam, langsam sich fort--beweAt. Es war aus zwei Fischerbooten :ni rinem flohähnlichen Bauwerk zusammengesetzt, das seinen Hauptbestand! heil zu bilden schien; mit schars:mAuge konnte man auf ihm vom Ufer aus eine Winde mit darüber laufendem Seil erkennen, und an ihr hanlirten ein paar Männer mit ruhigem, aber niemals ermattendem Eifer. Manch einer, der das Fahrzeug erblickte, zerbrach sich den Kopf über seinen Zweck; es war ersichtlich keine Fisch:rbarke, kein Vergnügungsboot. In seinem stetigen Wiedererscheinen auf der mächtigen Wasserfläche aber und in der langsam feierlichen Art seiner Fortbewegung lag etwas Geheimnißvolles, das die Aufmerksamkeit des Schauenden gewaltsam festhielt. Wenn er dann zuletzt einen der Uferbewohner fragte, was es mit der wunderlichen Erscheinung auf sich habe, erhielt er eine Antwort, ebenso mysteriös und seltsam, wie das Fahrzeug selbst. Wir nennen's das Todtenschiff." Die nähere Erklärung blieb jedoch nicht aus. Mit dem Schiff," so fügte der Gefragte hinzu, suchen sie seit zehn Tagen nach einer Leiche. Von einem Ertrunkenen natürlich. Es sind jetzt etwa zwei Wochen,' da fand man am Ufer einen leeren, gekenterten Kahn. Am Abend vorher hatte ihn ein Herr gemiethet, ein junger Student aus Berlin, der einen Tag im Hotel da droben am Berge gewohnt hatte. Er war den Leuten wunderlich vorgekommen, auch das Fahrgeld für ein paar Stunden hatte er vorausbezahlt. Als er dann beim Dunkelwerden nicht zurllckkam, da geriethen sie in Angst und fingen an, nach ihm zu suchen. In der Nacht wurde es stürmisches Wetter, und am nächsten Morgen fand man den Kahn umgeschlagen weit droben am anderen Ende des Sees." Und ihn selbst hat man nicht gefunden?" Der liegt tief drunten! Den wird wohl Niemand finden. Er ist reicher Leute Kind gewesen und, die lassen unn suchen mit dem Todtenschiff da, langer als eine Woche schon. Aber der See gibt nur selten heraus, was er einmal hat; wenn der Ertrinkende im Sterben die Zähne zusammenbeißt, dann schon, dann kann die 'Luft im Körper nicht heraus und treibt ihn wieder nach oben. Aber wenn Einer ien Mund aufmacht und das thun die Meisten , dann bleibt er unten, und kein Mensch sieht ihn wieder." So ging das Gespräch Tag fllrTag. und unermüdlich zog das Todtenschiff seine Furchen über den See. Gar Mancher schaute mit theilnahmsvollen Blicken zu ihm hinaus: Mütter, die einen Sohn verloren hatten, Väter, denen die Hoffnung der Zukunft lebendig und kraftvoll zur Seite schritt, Bräute, die am Arme des Geliebten die stillen, grllnenWälder des Ufers durchstreiften. Niemand aber hatte noch mit so schmerzerfüllten Augen zu dem traurigen Fahrzeug hinübergeblickt, wie die drei Menschen, die jetzt beim Sinken des Tages an der Landungsbrücke des Dampfschiffes standen und, wie versteinert im Schmerz, auf die weite, vomAbendlicht überspielte. Fluth hinausschauten. Die Leute am Ufer aber stießen einander an. flüsterten, wiesen auf das Todtenschiff und sagten halblaut: Das sind die Eltern und die Braut von dem Ertrunkenen." , Die Braut und dock war seltsamerweise der Ausdruck des Schmerzes in ihren Zügen am wenigsten tief und scharf. Als sie zuletzt' den Blick von dem fernen Fahrzeug losließ, da ging sogar ein leises Lächeln über ihr Gesicht, ein Lächeln des Vertrauens und der Hoffnung. Beides sprach sich auch in dem Kopfschlltteln aus, mit dem sie schwere Gedanken von sich abzuwehren schien, während sie die zierliche Gestalt in dem schwarzen Trauerkleide ein wenig höher emporrichtete. Zugleich schaute sie umher, sah die Neugierde in den Gesichtern der Menschen am Ufer, sah die tödtliche Verzweiflung in den Zügen des grauhaarigen Elternpaares und legte mit sanfter Bestimmtheit ihre Hand aus ven Artn ver Mutter. Kommen Sie, lassen Sie uns nicht länger hier stehen. Wir bilden ein Schauspiel für die Leute dort. Und Sie felbst. Sie Beide thun sich aar zu weh durch dies Hinausschauen, auf ras lschiss va draußen. Die alte Dame wehrte sie leise ab. Was kümmern mich denn die Menschen? Ich habe nur noch einen Gedanken. an ihn, an meinen Sohn. So spät hatte der Himmel ihn uns geschenkt, nud nun sollen wir ibn nicht wiedersehen. Sie suchen veraeblick. ich fühle es. Dies grausame, grausame mrr. :ti it , . " . xuact gioi lyn niaji ivieoer yeraus; mein geliebter Sohn bleibt da drunten in der furchtbaren Tiefe!" Das junge Mädchen schüttelte von Neuem den Kopf, und das hoffnunas volle, stille Lächeln von vorhin glitt abermals über ihr Gesicht. 3ch glaub's nicht." sagte sie fest, .er liegt nicht da .drunten. Seit ich hier bin und seit ich dies Wasser sehe, da glaube ich's noch weniger als vorher. Mit diesem See da wäre er schon fertiq aeworden. er war ein Ruderer und Schwimmer, wie e5 nicht leicht einen Zweiten gibt. Wenn ihm ein Unfall zugestoßen wäre, er hatte sich schon herausgearbeitet. Und das Andere, nem, dazu war er zu gut und hatte uns zu lieb. Sie und mich auch!" Das ist em gutes Wort." aat Herr, der bisher nicht gesprochen hatte, eins von den Worten, mit deyey Sie
unser Herz gewonnen haben. Aber er war jung und heißblütig, und seine Liebe zu Ihnen war für den Augenblick größer, als die zu uns. Und weil wir zwischen Sie Beide traten, weil wir das Unrecht begingen, Sie von einander trennen zu wollen " Oh. sprechen Sie nicht mehr davon!" Doch, lassen Sie es mich sagen; es thut mir wohl, meine Schuld immer wieder einzugestehen. Sie wissen es ja auch: wenn es einen Trost für uns gibt, so ist es der, daß wir Sie kennen gelernt haben durch diese schwere Zeit. Im Glück wären wir Ihnen vielleicht immer fremd und feindlich geblieben, im Unglück haben wir eine natürliche Verbündete in Ihnen gefunden und haben Ihren Werth erkannt. Sie müssen uns nun auch ganz verzeihen " Das ist längst geschehen." Sehen Sie, wir sind in Vorurthei len aufgewachsen, wir haben nicht hinausgekonnt über die alten Ideen von Stand und Rang. Der Schmerz hat das jetzt Alles fortgeweht. Ach. eben habe ich darüber nachgedacht, während ich hier stand: es hätte wohl noch ein anderes, milderes Mittel gegeben, uns umzustimmen. Wir hatten öfter hin aus gemußt aus der Stadt, hierher in diese große Natur. Da fühlt der Mensch, wie klein er ist, und seine Vorurtheile schrumpfen zu Sandkörnern zusammen gegenüber den Bergriesen dort. In der Stadt werden die Leute eng und schlecht, sie selbst versteinern zwischen all' den steinernen Wänden." Es gibt auch dort gute Menschen genug," sagte seine Frau und drückte die Hand des jungen Mädchens. Das sehen wir an unserer Anna hier." Und an Ihnen, liebste Mutter." gab das Mädchen lebhaft zur Antwort. Sie haben es mir ja erlaubt, Sie so zu nennen." Wollte Gott. Sie hätten wirklich meine Tochter werden können!" Wir müssen auf ihn vertrauen und hoffen. Ja, wir müssen wirklich noch hoffen. Erst wenn wir morgen Abend wieder allein und ohne Nachricht hier stehen " Wir werden's, wir Werden's! O, diese Nacht und dieser furchtbare Tag. den wir vor uns haben!" rief die Mutter. Ihr Gatte hatte unterdessen eine Postkarte hervorgezogen; sie war abgegriffen und mit Thränen befleckt. Hier hat er's geschrieben," sagte er leise. Dann las er die Worte, die auf der Karte standen, als könnten sie ihm noch etwas Neues sagen: Wenn Ihr nicht einwilligt, seht Ihr mich niemals wieder. Am 14. Juni komme ich hierher zurück und erwarte dann eine endgiltige Antwort von Euch!" Er wird sich die Antwort nicht holen. Sein rascher Sinn hat ihn zu einer übereilten, furchtbaren That getrieben!" Ich hoffe noch!" sagte das Mädchen .mit der ruhigen, bescheidenen Bestimmtheit, die ihr eigen war. Sie hatten sich während des Gesprächs vom Ufer abgewandt und stiegen. langsam bergauf, dem Hotel entgegen, das dort mit spitzen Thürmen keck hinausblickte auf See und Gebirge. Als sie nahe, herangekommen waren, blieb die alte Dame noch einmal stehen und sagte: Dort hat er geschlafen seine letzte Nacht. Ich will sehen, ob ich da" Zimmer bekommen kann, in dem er gewohnt hat; dort hat er doch noch einmal, wenn auch vielleicht im Zorn, an seine Mutter gedacht." Alle drei schliefen nicht in den langsam wandelnden Stunden dieser Nacht. Mit der Angst kämpfte die Hoffnung, immer wieder erliegend und doch stets von Neuem erwachend. Seltsame Geräusche tönten aus Wald und Wasser durch die Stille zu ihnen her und ließen sie horchend auffahren aus den zerwühlten Kissen. Der frühe Sommermorgen fand sie schon auf, und in den ersten Strahlen der erwachten Sonne standen die drei bereits auf der Terrasse des Hotels, um mit brennenden Augen hinauszustarren in die Ferne. Wie schön ist doch die Welt, wie wunderschön." sagte der alte Herr. Aber mir ist, als gehörte uns nichts mehr davon."
Sie standen und warteten, der Morgen ging hin. Wieder und wieder durchmusterte der Vater das Cursbuch, um zu sehen. welcherZug den vermißten, verlorenen Sohn doch vielleicht noch bringen könne; wenn er dann aber die Ankunftszeit gefunden hatte, fügte er, seine Frau beruhigend, hinzu: Mit einem so frühen Zuge würde er nicht kommen, auch wenn er , nein, dieser Zug kommt noch nicht in Betracht." ' Die unglückliche Mutter gab keine Antwort; sie schüttelte nur langsam den Kopf und blickte hinaus auf das Todtenschiff, das weit draußen im See kaum merklich sich vorwärts beweqte. Nun war der Mittag vorüber, und die Sonne , stieg wieder hinab aus ihrer Höhe. . Anna war bisher c.uch beute die rubiqste gewesen, jetzt wurde st: von einer plötzlichen Ättsttgnnc; erfaßt. Wollen wir nicht ein weniz gehen?" fragte sie. Zum Strand hinunter oder irgend wohin? Ein Zu kommt ja nicht vor Abend mehr. s ist so hart, so still bleiben zu müssen und nur zu warten, zu warten!" Der Vater warf einen Blick hinaus auf das ferne, dunkle Fahrzeug, das auf der leuchtenden Fluth über der dunklen Tiefe mit ihren Geheimnissen schwebte, und sagte: ..Ja, wir wollen zum See hinuntergehen. Vielleicht finden sie ihn heute, dann sind wir doch da, wenn er kommt." Er wird nicht kommen," entgegnete seine Frau, und all' ihre hoffnungslose
Verzweiflung war m ven wenigen Worten. - Zwischen . Bäumen, Wiesen und Blüthen dahin wandelten sie langsam bergab. Die Furcht vor irgend einer
schrecklichen Gewißheit hing sich an ihre Sohlen und hemmte ihren Schritt. Auf einer Bank. rasteten sie, ohne miteinander zu sprechen, dann ging es wieder vorwärts. Am Ufer war es um diese Zeit ganz leer, die Landungsstelle lag bereits im Schatten der Bäume. Bis zur Spitze des Dampsschisfsteges schritten die Drei hinaus; dort blieben sie stehen und suchten das Todtenschiff mit den Augen. Das ist sonderbar." sagte der alte Herr mit bebender Stimme, es ist viel näher als vorhin. Auch sährt es rascher, es hält auf das Ufer zu." Sollten sie ihn doch gefunden Der Frau versagten die Worte; sie stützte sich auf das Geländer des Landungssteges. Anna stand auf seiner äußersten Spitze, sich festhaltend, beugte sie sich so weit vor, daß sie über der Fluth zu schweben schien. Das Schiff an sich eö sieht anders aus wie sonst. Zei Boote waren es, außer dem Floß in der Mitte heute sehe ich drei. Auch ein Mensch mehr ist darin erkennen Sie das nicht?" Sie werden sich Hilfe geholt haben," sagte der Vater. Es wird sein, wie ich gesagt habe." Sie standen abermals und warteten, sie klammerten sich mit ihren Blicken an oas Fahrzeug, und wie das Wasser des Sees erzitterten auch ihre Herzen bei jedem Ruderschlage, der es näher zu ihnen heranbrachte. Noch war es zu weit entfernt, und doch versuchten sie schon, in den Kielraum der Boote hinunterzuschauen, einen dunklen, vom Wasser entstellten Körper zu erspähen, der dort von diesem selben Wasser zu ihnen herübergetragen wurde. Jetzt wäre es möglich gewesen, jetzt hätten sie ihn sehen müssen, aber nun was war das? Ein Ruf, ein Schrei, ein Gruß in dem dritten der Boote hatte sich eine Gestalt erhoben, winkte zu ihnen her, streckte die Arme nach ihnen aus, rief unverständliche Worte herüber. Und unter diesem Anblicke, diesem Ton erbebten die drei wartenden Gestalten, als hätte die Erde sich unter ihren Füßen bewegt. Anna eilte zu der alten Dame hin, faßte ihre Hände und rief lachend, jubelnd, indem die Thränen ihr aus den Augen stürzten: Mutter, Mutter, sie bringen ihn wirklich! Er ist's und er lebt!" Und nun war er da, bei ihnen am Ufer, athmend, lebendig, in ihren Armen! Auch er im Tiefsten erschüttert, weinend, stammelnd, von Vorwürfen gegen sich selbst überströmend. Der Vater hielt ihn und küßte ihn wieder und wieder, sah ihm in die Augen und betete leise: ' Laß es Wahrheit sein, lieber Gvtt. gib, daß es kein Traum ist!" Der Vater faßte sich zuerst, und ein strenger Ernst mischte sich in seine Freude. Nun laßt es einmal gut sein," sagte er.. Wir wollen jetzt vor allen Dingen von Arthur hören, wo er gewesen ist, und wie er jetzt auf diese Weise zu uns zurückkommt." Wie ich so hergekommen bin, Vater? Ja, seht es ist ja Alles so wunderbar ich habe ja keine Ahnung gehabt, daß Ihr hier wäret. Ich habe nur sehen wollen, ob einBrief von Euch hier lag ich hatte doch geschrieben, die Karte, Du weißt ja. Da habe ich mir drüben einen Kahn genommen und wollte herüberführen, und mitten auf dem See da treffe ich die Leute dort und frage, was das für ein Fahrzeug ist. Und da sagen Sie mir sie nen nen den Namen, meinen Namen , dah sie mich suchen da unten im Wasser. Oh, ich wäre am liebsten wirklich hineingesprungen aus Scham und Kummer, daß ich Euch das angethan habe. Aber Ihr müßt es mir glauben. das habe ich nicht gewollt, das nicht! Und was hast Du gewollt?" Was ich Euch geschrieben habe, Vater. Ich war zornig und wollte mir Anna ertrotzen, die Ihr mir nicht geben wolltet, und die ich nun hier bei Euch sehe. Hier bei Euch. es ist ja Alles wie ein Märchen! Auf vierzehn Tage wollte ich verschwinden und nichts von mir hören lassen, das ist wahr. Aber das Andere, Euch so m Angst zu setzen, nein, für so schlecht werdet Ihr mich nicht halten. Ich war damals auch im Voote fortgefahren, wollte eigentlich noch einmal in's Hotel zurück; aber die
Rechnung hatte ich schon bezahlt, und da fiel mir ein, daß es viel hübscher wäre, gleich' vom Ende des Sees .aus weiter zu wandern in's Gebirge hinein. Mit großem Gepäck hab: ich mich auk meinen ffußwanderunaen niemals geschleppt, und waö ich nothig hatte, das konnte ich mir ja kaufen. Darum schrieb ich finen Zettel an den Besitzer des Kahns, heftete das Blatt mit einer Stecknadel aus das Sitzbrett fest, stieg an's Ufer und kettete das Boot dort an. Ein Schloß hatte ich freilich nicht, und so kann sich's Wieder losgerissen haben, oder irgend ein Vorübergehender hat es los gemacht. In der Nacht muß es dann, wie die Schiffer sagen, hinausgetrieben sein in den See, und eine Welle hat es umgeworfen; mein Zettel aber ist statt meiner versunken. Das ist die Wahrheit, Vater; ich kann nichtf thun, als Euch um Verzeihung bitten." Der Vater faßte ihn bei den Schultcrn und sah ihm tief in die Augen. Du hast schweres Unrecht an uns gethan, Arthur. Aber was verzeiht man nicht einem Menschen, den man lieb hat?" Damit küßte er ihn auf die Stirn. Die Mutter wollte den Sohn jetzt wieder für sich haben; sie legte ihren Arm um ihn, als müßte sie fühlen, daß er auch wirklich lebte. Und Du hast nichts von uuZ gu
ort. hast nicht gelesen, daß Du gesucht wurdest?"
Ich habe keine Zeüuna in die Hans genommen die ganze Zeit. Im einsamsten Gebirge bin ich umhergestreift und habe der Natur in's Herz geschaut. Sie hat mit auch gesagt, daß Alles mit mir gut werden würde. Hat sie Recht gehabt, Mutter?" Ja. sie hat's. Wir haben Dir d Anna ja schon mitgebracht." Das Alter hatte sein Recht gehabt, nun bekam auch die Jugend das ihre. Ein Kuß. ein geflüstertes Wort, und das Leuchten höchsten Glücks erstrahlte: auf zwei lächelnden Gesichtern. Aber daß die Tage des Wehs zwischen Alt und Jung in Wahrheit eine Brücke geschlagen hatten, das zeigte sich darin, wie gleich darauf Arthur von der Geliebten sich wieder zur Mutter wandte und ihren Arm in den seinen legte, während Anna sich mit glücklich - demüthiger Geberde vor dem Vater niederbeugte, seine Hand ergriff und sie küßte. Dicht nebeneinander gingen alle vier zum Ufer zurück und setzten sich auf eine der einfachen Bänke an der Landungsstelle; sie konnten sich noch nicht trennen von dem Orte, wo ihnen solche Freude zu Theil geworden war. Um sie her war der Glanz des sterbenden Tages, das Farbenspiel des Himmels wiederholte sich im See und Silberlicht schimmerte von den Schneeflächen der fernsten Berge zu ihnen herüber. Die beiden alten Leute hatten sich nebeneinander gesetzt und hielten siH bei den Händen. )h, sieh doch, sieh doch, wie herrlich das ist," sagte der Mann. , Jetzt gehört auch uns wieder die schöne Welt, und vielleicht mehr noch als sonst; denn unsere Seelen sind freier geworden und rein von allerlei Schlacken." Anna und Arthur sprachen nicht mehr; sie schauten hinaus auf daS Fahrzeug, das seinen Heimweg angetreten hatte. Ueber die klare, ruhigeFluth. die wie vielfarbiges Glas im Lichte des Abends erglänzte, zog es dahin, rascher, kraftvoller als ehemals, von röthlichem Lichte festlich umstrahlt. Stolz und freudig durfte das Todtenschiff heimwärts fahren, es hatte gute Arbeit gethan es hatte das Glück an. das Ufer getragen. Der wct,c tiaitcr. Es gingen einst zwei Männer iin? frühen Morgen aus ihrem Dörslein zur Arbeit in die nahe Stadt. Siekannten sich schon lange Zeit, da. sie im. gleichen Orte wohnten und täglich den--selben Weg zur Arbeitsstätte zu gehcrr hatten. So wanderten sie meist zusammen im vergnüglichen Gespräche auch den Heimweg trat selten einer voli beiden allein an; sie hatten sich ganzaneinander gewöhnt. So gingen sie auch eines schöne::' Morgens unter, fröhlichem Geplaudert dahin. Ein gutes Stück des Wegeshatten die zwei fchon zurückgelegt, als sie plötzlich einen Korb, gefüllt mit derr. herrlichsten Pfirsichen, mitten auf dem Wege stehend, fanden. Es mochte ein Landmann den Fruchtkorb wohl aus Versehen stehen gelassen haben; nichts deutete auf den Eiqenthümer hin und die glücklichen Finder nahmen den schweren Korb undtrugen ihn zusammen bis in dicStadt. Es war ein beschwerlicher Weg, aber die Aussicht auf den kommenden Genuß machte die Last ibnen leicht. In einer stillen Ecke der Straßesollte die Theilung der Früchte in ganz, gleiche Hälften stattfinden. Das war indeß schwer; man konnte sich nicht einigen, da keine Wage zur Hand war, um die zwei Theile genau zu bemessen. Beide Männer behaupteten, die kleinere Hälft zu besitzen und vom andern über--vortheilt zu sein; endlich geriethen siein Streit und beschlossen, da sie allein nicht einig werden konnten, zum Rich--ter zu gehen, um von ihm an der Lffentlichen Waage die Theilung de Fundes vollziehen zu lassen. Ganz genau möge er entscheidere. durch das Zünglein der Waage, daß. keiner von uns auch nur eine halbe. Frucht zu viel bekomme." Der Richter, ein kluaer und weiser Mann, hörte die Streitenden an. dann mahnte er nochmals zur Einigkeit. Doch alle seine Vermittelungs-Ver-suche blieben erfolglos. Nun befahl er die Waage herbeizuschaffen und den Inhalt des Korbes in dio beidenWaagschalen auszusHütten. Die eine Schale senkte sich; der Richter entnahm derselben einige Pfirsiche und steckte sie in seine Tasche. Hierauf senkte sich die andere Seite der Waage und wieder nahm der erfahrene Nichter einige Früchte, um das Gleichgewicht herzustellen. So ging es abwechselnd, eine Weile. Umsonst! Die Hälften wurden zwar immer kleiner, aber ' nie genau. Die beiden Kläger sahen einander betroffen an und dann ebenso den schmunzelnden Richter. Dessen weite, tiefe Taschen waren gefüllt, ebenso einige Schalen an seiner Seite, als endlich die Hälften gleich ?u sein schienen. Schon wollten die zwei St-eiter nach den wenigen Früchten greifen, dawehrte der Richter und spi: Halt. Leute, beim Barte des Propheten! Meint ihr denn, mein Rath sei so wohlfeil! Dies bleibt für meine Mühe!" Die Beiden mußten gehen, aber sie konnten gerade noch bemerken, wie der Richter und seine Beamten lachend die herrlichen Pfirsiche verzehrten. Betrübt zogen sie von bannen. Der weise und gerechte Richter aber rieb sich schmunzelnd die Hände und sprach: .Möge uns Allah gnädig stm!- , Umschrieben. Dragoner A.Du, was wollte denn vorhin der Wachtmeister von Dir?" Dragoner B.: Er hat mir vierundzwanzic Stunden zum Nachdenken gectai,"
