Indiana Tribüne, Volume 21, Number 319, Indianapolis, Marion County, 7 August 1898 — Page 2
Wllitcr und Araut. Con Arnold Maltenskv. Ich gebrauchte die ganze Muskel kraft meiner Hände, um den Kahn zu lenken, doch nur langsam bewegte er sich vorwärts. Wir befanden uns noch in dem am Bodensee liegenden Hafen Lindau's, wo es von Schiffen, welche die verschiedensten Richtung verfolgten und in mannigfachster Weise sich kreuzten, wimmelte. Mein Kahn war unter diese gerathen und ich hatte alle Mühe, ihn in Entfernung von ihnen zu halten. Es war eine unheimliche Situation. Im Kahne saßen, links meine Mutter, ernst und nachdenklich, rechts diejenige, die mein Herz auserkoren, mein Dasein zu theilen. Zum ersten Male in meinem Leben fühlte ich in ähnlicher Lage Angst, nicht etwa um mich o, ich war an derartigen Kahnpartiecn, die durch Schifssgewimmel und Wellenschlag einen besonderen Reiz für mich hatten, gewöhnt sondern um diese zwei Wesen, die mein ganzes Dasein, meine ganze Liebe, meine ganze Hoffnung, mein Alles in sich verkörperten. Eben dieses bange Gefühl stählte meine Arme; immer schneller ging der Kahn auf sein Ziel los. Endlich waren wir an der engen Ausfahrt des Hafens angelangt. Die Thurmuhr schlug halb acht. Still lag der See. in dem sich die vorabendliche tiefe Äläue des Himmels wiederspicgelte. Allmählig ging der blaue Wiederschein des Sees in Rosa über. Sonne und Wolken verschwanden in einem herrlickm Bilde. Ich überließ den Kah:? sich selber. Eine Gluth, ähnlich der des Bildes, das uns umgab, durch strömte mein ganzes Wesen: ich sah vor mir zwei von Liebe und Entzücken verklärte Wesen, deren beseeligende Blicke sich über 'mich ergossm. der Blick einer Mutter, die dem Glück ihres Kindes alleEitelkeiten des Lebens geopfert, und der Blick einer Geliebten, die zu ihrem Herzensgegenstande wie zu einem übermenschlichen Wesen aufschaut, dem sie ihr Glück, ihr Dasein für immer schenkt. Die Sonne tauchte langsam vollends unter, die feurige Gluth erlosch langsam; ich erwachte wie aus einem Traume und griff wieder zu den Rudern. Wir kehrten schweigsam in's Hotel Helvetia zurück. Die Treppe führte bis auf die Mitte des Corridors, während dieser sich nach links und rechts tief ausdehnte und als Zutritt zu den vielen Zimmern diente. Meine Mutter hatte ein Zimmer inne am äußersten Ende des Corridors, der sich nach rechts ausdehnte, während meineBraut eines im linken äußersten Theile mit ihrer kränklichen Mutter bezog. Wir begleiteten meine Mutter zuerst auf ihr Zimmer und gleich darauf führte ich mein Mädchen zu ihrer Mutter, wo ich noch einige Zeit mit Schmieden von
Zukunftsplänen verbrachte. Ich ging in's Kaffee hinunter, um Tagesneuigleiten zu lesen; doch dies wurde mir durch das ausnahmsweise ununterbrochene Schwanken der elektrischen Glühlichter unmöglich gemacht. Plötzlich drang ein Lärm von oben her. Feuer! Feuer! tönte es im ganzen Hause. Ich lief rasch die Treppe hinan. Bereits füllte der Rauch den Corridor und Hilferufe von allen Seiten drangen zu mir, unter denen ich die meiner Mutter und meines geliebten Mädchens zu vernehmen glaubte. Ich stand da wie gelähmt, meine Füße schienen mir starr geworden zu sein und wie von übernatürlichen Kräften fühlte ich mich nach links und rechts hingezogen. Kreischender wurden die Hilferufe, im ter die sich das Krachen von Balken und geschleuderten Möbelstücken mischten. Noch immer stand ich da, im unschlüssig, ein Opfer eines der grau samsten Dilemna, eines der härtesten Herzenskämpfe. Von rechts drang zu mir diesmal deutlich mein Name gen fen; von links her vernahm ich daö verzweifelte Schreien meiner Braut. Mir schwand allmählig der Begriff der Lage; schwarze Schatten umgauselten meine Gedanken, ich sah alles verworren, ein Chaos von Nebeln und Trümmern durchwühlt von flammenden Zungen, welches noch fürchterlicher durch einen undefinirbaren Wirrwarr von Poltern, Lärmen, Kreischen und Donnern erschien; ein wahres jüngstes Gericht. Aus diesem Chaos von schwarzen, grauen und flammendurchzuckten Nebeln löste sich ein Bild, zuerst verschwommen, undeutlich, dann kam es allmählig näher, die Umrisse wurden deutlicher und aus ihm lösten sich zwei verklärte weibliche Wesen, deren liebevolle Blicke sich auf mich hefteien; ihre Hände falteten sich flehend zu mir empor, ein Bild der Liebe und der Verzweiflung. Ich breitete meine Hände aus, um das Bild zu erfassen, doch es verschwamm wieder in dem Chaos. Eine schwarze Wolke zog vor meinen Augen, meine bedrängte Brust stieß einen übermenschlichen Schrei aus und ich erwachte. Also ein Traum nur! Ich fühlte mich fo glücklich. Noch jetzt drängt mir mein Gewissen . die Frage auf. welche von beiden Richtungen des Corridors ich wohl hätte einschlagen dürfen. Stoßseufzer. Tante: ftritzchen, Fritzchen, Euer Rohrstock siebt aber stark gebraucht aus." Fritzchen (kläglich): Ach. Tante, ich werdc eben sehr heftig erzogen!" Schlaftrunken. Fremder (der bei einer nächtlichen Feuersbrunst im Hotel plötzlich durch einen Strahl aus der Feuerspritze geweckt wird): Ja, ja. ich stehe gleich auf, liebes Weibchen!" I n der Kaserne, linierofsicier: Meter, was thun Sie, wenn Sie Abends aus Versehen einen Officier anstoßen?" Rekrut: Da thue ich eine Ohrfeige kriegen."
ßineKochzeitsreise. von Olga Wohldrück. Riekchm, da berein.' hier sind nicht so viel Leute!" Er stieg in das Coupö und nichte dann seiner Gattin die Hand, damit sie sich beim Einsteigen auf dieselbe stütze. Die Stufen waren hoch und steil; das Aussteigen wurde ihr sauer. Endlich stand sie neben ihrem Mann, hochroth im Gesicht, ein weißes mit eiuem Llbernen Band umwundenes Bouquet ängstlich an die Brust drückend. Sie mochte etwa fünfzig Jahre alt sein, ihr Haar war stark ergraut, und unzählige kleine Fältchen waren in ihr freundliches Antlitz eingedrückt. Sie war nach guter bürgerlicher Art qekleidet, einfach in Schnitt und Stoff des Kleides, dessen Farbe allem allzujugendlich gewählt schien. Der Mann machte einen fast greissenhaften Eindruck mit feinem langen, schlicht zurückgekämmten, weißenHaar, der gebeugten, hageren Gestalt und dem runzeligen Gesicht, auS dem ein paar kleine graue Augen unter buschig:tt weißen Augenbrauen freundlich hervorstachen. Setz Dich in's Eckchen. Riekchen, da siehst Du besser," wandte er sich zärtlich an seine korpulentere Gattin und räumte sorglich ein paar Schach teln fort, die er beim Einsteigen auf den Ecksitz geworfen. Ricke nahm Platz. Sie griff in ihre Tasche, holte ein säuberlich zusammengelegteS Taschentuch hervor und fuhr sich mit demselben über das Gesicht, dann zupfte sie ihren Mann beim Aermel: Setze dich nur zu mir 'ran!" Nein, Riekchen, Tis-ä-Yis so schickt es sich." Damit ließ er sich seiner Frau gegenüber in der anderen Fensterecke nieder. Eine Weile blickten die Gatten zum Fenster hinaus auf das buntbewegte Treiben des Perrons. ,,Ob wohl jeden Tag so viel Menschn reisen?" fragte Rieke. Es muß wohl fo sein, denn heute ist ja Wochentag." Warum das Reisen dann aber noch immer so theuer ist?" setzte Rieke unzufrieden fort. Nun wir können es uns ja leisten brauchen uns von der EisenbahnGesellschaft nichts schenken zu lassen," entgegnete der Mann würdevoll. - Reise seufzte befriedigt auf. .Ach ja!" Dann machte sie sich's recht bequem, lehnte den Kopf an die mit hellem Stoff ausgepolsterte Rückwand und schielte über ihr weißes Bouquet zärtlich zu ihrem Mann hinüber. Endlich wurde das Zeichen zur Ab-
sahn gegeben. Jetzt wird's Ernst!" fagte der Mann. Gieb mir die Hand!" flüsterte Frau Rieke mir wird ganz bang bei dem Gedanken, daß wir die Heimath verlassen, um in die Fremde zu ziehen Wer weiß, wie es uns dort ergehen wird!" Das dauert ja nicht fo lange. Riekchen, vierzehn? Tage höchstens. Aber diese vierzehn Tage sind wir uns schuldig. Bedenke seit wie lange wir uns diese Reise schon vorgenommen haben. Ja . . ja . . Frau Rieke lächelte leise vor sich hin, aber dennoch stiegen Thränen in ihren Augen auf, als der Zug sich in Bewegung fetzte. Es ist doch schrecklich, wenn man denkt, daß man nun ganz auf sich angewiesen ist .... was kann Einem nicht Alles unterwegs passiren- .... fcch sei nur recht gut zu mir, Fritz...." Bin ich's denn nicht immer gewesen, Riekchen?" O ja, aber jetzt mußt Du's doppelt sein, denn ich fühle mich "so verlassen .... am liebsten würde ich umkehren . . . ." Geh. Riekchen. sei kein Kind Und der Greis setzte sich hinüber an die Seite seiner Frau, nahm ihreHand in die seine und drückte sie zärtlich, indem er leise, beruhigende Worte flüsierte. Schließlich mußte er ihr wohl was Scherzhaftes gesagt haben, denn sie hörte zu weinen auf, lächelte über das ganze Gesicht und gab ihrem Mann einen Klaps auf die Hand. Du bist ungezogen!" Na. na, Riekchen, auf der Hoch zeitsreise wird man doch wohl ein bischen ungezogen sein dürfen. So viel weiß ich doch auch was Brauch ist." Frau Rieke wehrte mit der Hand. Nein, Fritz, das schickt sich nicht was soll auch der Herr dort drüben in der Ecke von uns denken?" Der Herr dort drüben schielte schon seit längerer Zeit über seine Zeitung hinweg zu dem seltsamen Pärchen; er verstand trotz des Eisenbahnlärmens die letzten Worte, ließ die Zeitung fallen und fagte mit jovialem Lächeln: Ich bitte sich meinetwegen gar nicht zu geniren, thun Sie, als ob ich gar nicht da wäre!" Siehst Du, Riekchen?" wendete sich der Alte an seine Frau, und dann zum Fremden: Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre Freundlichkeit ich wollte nämlich meiner Rieke einen Kuß geben." Damit näherte er sich der Wange seiner Frau und drückte einen leisen Kuß auf dieselbe. Frau Rieke meinte diesen Kuß dem Fremden gegenüber entschuldigen zu müssen: Zu Hause haben wir nie Zeit habt für solchen Unsinn, liebet Herr, aber jetzt da machen wir unsere Hochzelts?eise. und da glaubt mein Fritz eben, daß ihm Alles erlaubt ist." Der Fremde blickte verblüfft auf das alte Paar. Ihre Hochzeitsreise?" fragteer gedehnt. Der Alte zwinkerte seiner Frau ver-
siändnißvoll zu und nickte dann U stä'tigend. Ja wohl, und heute ist unser Hochzeitstag." Frau Rieke hielt dem Fremden ihr Bouquet hin. Es kommt mir wirklich vor, als wären wir noch ganz jung, und im Beginn unserer Liebe," sagte sie gerührt. Dem Fremden wurde unheimlich zu Muth. Er dachte, er hätte es mit einer Geistesgestörten zu thun. Um sie nicht zu reizen, ging er auf ihren Ton ein. Sie haben sich wohl schon lange früher gekannt?" fragte er und wen dete sich dabei mehr an den Mann, als an die Frau. Der Alte dachte eine Weile nach. Ja, jetzt mögen es an dreißig Jahre sein, da wir uns kennen lernten, lieber Herr. Die Rieke war damals ein bildhübsches Mädel . . ." Frau Rieke seufzte. Bist jetzt auch noch eine schöne Frau, Riekchen," beruhigte der Mann. Aber damals, lieber Herr, da war sie ein feines, gebildetes Mädchen. Den ganzen Tag" las sie Romane, und am Abend spielte sie Klavier." Ach nur ganz wenig," wehrte Rieke bescheiden ab. Der Fremde lächelte. Sie haben sich wohl am Klavier kennen und lieben gelernt?" fragte er. Der Alte nickte lebhaft. Ja, lieber Herr, durch das Klavier kam das Ganze. Es war ein alter Flügel, ein baufälliger Kasten, lahm und blind. Dem sollte ich wieder auf die Beine helfen und ihn polircn . . ." Der Fremde lachte " leise: Ach so! ...." Ja .... und d? ich das Ungethllm nicht zu mir schleppn wollte, so arbeitete ich denn im Hause und da beim Tischlern und Poliren da lernte ich Rieke kennen, und als der Flügel so blank geworden, daß wir unö Beide in ihm spiegeln konnten, da schworen wir uns ewige Liebe und Treue die Rieke nämlich und ich." Und Beide haben wir den Schwur
gehalten!" bekräftigte Frau Rieke. Ja. die Treue haben wir gehalten." wiederholte der Alte, aber die Liebe, die hat uns gehalten und ist mit uns älter geworden, fester und unwandelbarer. Sie hat sich allmählich gereinigt von allen Schlacken des Argwohns, des mangelnden Vertrauens und der Eifersucht. Denn eifersüchtig war ich wie fo ein Neger, lieber Herr. Aber das war ganz natürlich, die Rieke war viel feiner und gebildeter als ich' und da mußte ich denn erst viel Romane lesen, bis ich so über Alles mit ihr sprechen konnte, wie, sie's gerne haben wollte und wie es Andere wohl auch thaten. Gelt, Rieke? Endlich kamen- wir überein uns zu verheirathen, Rieke hatte ein klein bischen Geld, und mit dem. was ich erspart, konnten wir eine Wirthschaft schon gründen. Aber Rieke hatte sich in den Kopr aesetzt, eine Hochzeitsreise zu machen. Dazu langte denn das Geld doch nicht, und wir wollten daher noch ein Jährchen warten. Doch das Jahr war schlecht, und ich mußte das Ersparte angreifen, dann kamen Krankheit. Pech, unser Geld schwand, statt zu wachsen, und wir sahen ein Jahr nach dem anderen vergehen, bevor wir heirathen konnten." Und an die Hochzeitsreise war schon gar nicht mehr zu denken," fügte Frau Rieke traurig hinzu. Die mußten wir immer wieder aufschieben, bis auf den heutigen Tag." Ja, ja, lieber Herr, heute vor fünfundzwanzig Jahren, da konnten wir's nicht fo nobel geben. Getraut wurden wir cxinz in der Stille mit fünf anderen Paaren zusammen, und als wir in unsere zwei kleinen Zimmer zogen, da nahmen wir uns vor. fleißig zu arbeiten und unsere Hochzeitsreise, die meine Frau am meisten entbehrte, im nächsten Jahr zu machen. Aber im nächsten Jahre kam unser Junge und mit dem vermehrten sich unsere Ausgaben. Der Verdienst war freilich besser, aber juro mußte auch mehr Geld in's Geschäft gesteckt werden. Die Rieke hatte schon längst alle Romane hinausgeworfen und hantirte wacker in der Küchenschürze herum, aber auf die Hochzeitsreise hatte sie darum doch nicht verzichtet. Ich muß um die Zeit schon ein recht brummiger unliebenswürdiger Ehekrüppel geworden sein. Die Arbeit nahm meine ganze Zeit in Anspruch. Eines Tages brachte ich eine hübsche Summe nach Haus: Rieke, sagte ich, hier ist Geld, das will ich gerne entbehren, nun kön nen wir auch unsere Hochzeitsreise nachholen! Aber da fiel sie mir in die Arme und meinte, sie wollte nun gerne die Reise entbehren, wie ich das sauer verdiente Geld, und wir sollten es doch lieber anlegen und weiter sparen für unseren Jungen, der würde uuZ Dank dafür wissen. Wie ich das nun höre, rufe ich den Bengel herein, er war fchon ein strammer zwölfjähriger Burskie zeigte ihm das Geld und sage ihm, wie die Mutter zu seinen Gunsten auf dasselbe verzichtet und wie er ihr zeitlebens dafür dankbar fein müsse, daß sie sich ihm zu Liebe ihren größten Wunsch versagt. Darauf schlägt der Bengel mit der Hand auf den Tisch und ruft: so wahr ich hier stehe, ich zahle der Mutter die Reise, wenn ich erst groß bin und verdiene, und dann braucht Ihr nicht dritter Klasse zu fahren, wie Ihr es jetzt gethan hättet, fondern Ihr fahrt zweiter, wie die feinen Leute! " Frau Rieke wischte sich die Augen ab." Er war immer ein Prachtjunge." Und er hat Wort gehalten?- fragte der Fremde. Na. ja, freilich, lieber Herr!" erwiderte der Alte mit strahlendem Lacheln.. Da sitzen wir ja in der
zweiten Klasse, wie die feinen Leute, und meine Rieke hat ein veritables Brautbouquet das hatte sie nicht vor fünfundzwanzig Jahren! Und sie macht 'eine veritable Hochzeitsreise . . .. denn es ist heute unsere silberne Hochzeit! Nun. lieber Herr, wo Sie wissen, wie es steht, darf ich auch alles Uebrige nachholen, was ich versäumt, und meiner Alten hier und da einen Kuß geben, den sie sich in den fünfundzwanzig Jahren redlich verdient und nicht bekommen hat, weil uns die Zeit nicht ward zu solcher Tändelei?" Der Fremde lächelte und reichte den greisen Hochzeitsreisenden in spontaner Herzlichkeit die Hand. Dann sagte er: Möge die Begegnung mit Ihnen für mich von guter Bedeutung sein. Auch mir steht in acht Tcrn meine Hochzeitsreise bevor ich muß meiner Frau freilich alle Küsse krediiiren, die sich die Ihrige schon so wacker verdient hat." Arme gcppi!" Aus den Erinnerungen ron Anna Grobecker. Als ich im December 1883 zufällig eine Kärntner Zeitung in die Hand bekam, erfuhr ich daraus, daß Jofefine Gallmeyer am selben Tage in Klagenfurt ihr Gastspiel mit der Näherin" beschließen werde. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, daß sie dort spiele, denn sonst wäre ich sogleich zu ihr gefahren. Um vier Uhr war ich in Klagenfurt und stieg im Hotel Zum Kaiser von Oesterreich" ab, in der sicheren Vor aussicht, die Peppie Gallmeyer dort zu treffen. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß meine Vermuthung eine richtige war, ging ich sogleich zu ihr. Ihr Stubenmädchen sagte mir, daß sie noch schlafe, doch da sie die Weisung habe, sie um halb fünf zu wecken, so
solle ich nicht wieder fortgehen. Sie klopfte leise an die Thür und meldete mich bei ihrer Herrin an. Ich hörte sie gleich darauf rufen: Annecken, Du bist da? Nur herein, herein, geschwinde!" Ich trat ein und wollte sie begrüßen, doch mir blieb das Wort im Munde stecken, so überraschte mich ihr Anblick. Das war die Gallmeyer nicht mehr, das war das Gespenst der Gallmeyer! Sie lag auf dem Sopha und hatte eine rothe Perrücke auf dem Kopfe. Welche Anwandlung von Eitelkeit sie dazu veranlaßt hben mochte, weiß ich nicht. Die Perrücke hatte sich beim Schlafen verschoben, war überhaupt so zerrauft, als hätten Mäuse darin gewirthschaftet, das Gesicht war schlaff und welk, nur die siechenden Augen hatten noch den früheren Ausdruck. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. So komisch sie auch aussah, ich konnte doch nicht darüber lachen. Sie war hoch erfreut, daß ich trotz der großen Kälte die Reise nicht gescheut, um sie zu besuchen, und nahm mir das Versprechen ab, mit ihr in die Theatergarderobe zu gehen und bei ihr zu bleiben, bis die Vorstellung ihren fang nehme. Nun kam ihre Kammerjungfer mit dem Schnürmieder und wollte sie anleiden tarn Anblick dies s ncir digen Toilettengegenstandes fing Peppi furchtbar zu weinen an. AH, Du glaubst nicht, was ich darin für Schmerzen leide!" sagte sie schluchzend, und ich muß es anziehen, sonst passen mir die Kleider nicht." Die Vorstellung begann, und ich begab michauf meinen Platz in der ersten Coulisse. Wer Peppi Gallmeyer je hat Komödie spielen sehen, wird wissen. daß sie es liebte, ihre Privatangelegenheiten auf die Bühne zu bringen. So machte sie es auch heute in Klagenfurt. Sie erzählte dem Publikum, daft Annecken Hopsasa (der Name stammt von einem Liede her, welches ich in Nur solid" von Gottsleben gesungen hatte) in der ersten Coulisse sitze und kopirte mich mit einigen Phrasen aus meinen Rollen. Sie war bei Laune wie in ihrer besten Zeit und so voll Uevermuth, daß man kaum an eine Krankheit bei ihr glauben konnte. Sie selbst ahnte gewiß nicht, daß sie an diesem Abend zum letztenmal die Bühne betrat. Als die Vorstellung zu Ende war und wir beladen mit verschiedenen Blumensträußen und Kränzen, die ihr geworfen wurden, in das Hotel zurückkehrten, war es mit ihrem Humor vorbei. Müde und abgespannt legte sie sich sogleich aufs Sopha und war nicht im Stande, die geringste Erfrischung zu sich zu nehmen. Sie rührte das für sie bereitete Souper nicht an und trank später nur ein Glas Wein. Ich mußte auf ihre Bitten noch lange bei ihr bleiben, denn es war ihr ein Bedürfniß, mir zu klagen, wie elend und krank sie sich fühle und daß sie dabei die Aussicht habe, wenn Gott sie nicht bald von ihren Leiden erlöse, einer trostlosen Zukunft entgegen zu gehen, denn von all den Summen, die sie in früheren Jahren verdiente, hatte sie nichts mehr. Ach Annecken." sagte sie, wie furchtbar ist es, so herumradeln zu müssen, um Geld zu verdienen, wah rend ich es früher mit vollen Händen hinauswarf!" Ich gab ihr den Rath, sich zu schonen und nicht mehr zu spielen, bis der Arzt es wieder erlauben werde. Du kannst doch nicht ohne Mittel sem sagte ich hast mir ja selbst einmal ersparte 120.000 Gulden zeigt!Ach. das ist ja lange her!" - Hast Du denn gar keine Papiere mehr?" 0 ja." erwiderte sie, Papiere hab i g'nug, aber das sein lauter Versatz,ettel!" Ja was hast Du denn mit all Deinem Geld gemacht? Du hast doch im mer sehr viel verdient?" . .
Mci' große Wohnung in der Jägerzcile hat mich sehr gekostet, dann die Conventionalstrafe im Theater .cm der Wien, wo ich contraktbrüchig worden bin, um wieder ins Carl-Theater zurückkehren zu können Du mußt es ja wissen, Du warst ja beim Anton Langer, wie ich in meinem großen Schmerz zu ihm kommen bin, um ihm mein Leid zu klagen!" Ich erinnerte mich allerdings daran, es war eine Herzensangelegenheit dabei im Spiele, bei welcher sie eine Enttäuschung erlitt, die für sie viel Thranen im Gefolge hatte. Seit dieser Zeit nannte sie sich auch immer Arme Peppi". Ich konnte mich des tiefsten Mitleids mit der armen Peppi" nicht erwehren, und mir fiel wieder ein, was ich schon früher wiederholt behauptet habe: an vielen Geldausgaben der Gallmeyer war nur die Sucht, Marie Geistinger in Allem nachzuahmen, schuld. Marie Geistinger kaufte sich eine Equipage, Peppi Gallmeyer mußte auch eine haben; die Geistinger hatte einen Bedienten, die Gallmeyer mußte auch einen Bedienten haben; Marie Geistinger war Direktorin, die Gallmeyer wollte es auch sein u. s. w. Von nun ab aber wollte sie sparen, damit sie sich auf dem Lande ein Häuschen kaufen könne. Wie glücklich ist doch die Geistinger, die hat ein Schloß, ich wäre mit einem Häuschen zufrieden!" Von jetzt ab wollte sie all das Geld, welches sie verdiente, mir schicken, damit ich für sie spare. Sei Du mein Schutzgeist," sagte sie, und nimm Dich meiner an!" So flößte sie mir fürwahr das größte Mitleid ein. Nach Kräften versuchte ich, ihr die Zukunft in rosigerem Lichte darzustellen, und es gelang mir zu meiner Freude, ihre aufgeregten Nerven ein wenig zu beruhigen. Im Laufe des Gespräches berührte ich auch ihre Heirath. Sie hatte mir bries-
lich so uberschwangliche Schilderungen von ihrem ehelichen Glück gegeben, daß ich fie fragte, wie es denn kommen konnte, daß diese Glückseligkeit ein Ende nahm? Ja", sagte sie in wehmüthigem Tone, das istAlles vorbei! Siehst Du. ich war einmal längere Zeit von ihm getrennt und da hab' ich mir in einer lustigen Gesellschaft etwas zu Schulden kommen lassen, betrügen wollte ich ihn nicht, dazu hatte ich ihn zu lieb gehabt, ich schrieb ihm also Alles haarklein!" Nun, und was erwiderte er darauf?" Nichts aber ich erhielt mit um gehender Post alle meine Sache von ihm zurück! Es war schon spat geworden, ich sagte der armen Peppi gute Nacht und ging auf mein Zimmer.' Am andern Morgen reiste sie nach Graz, ich nachHause. Das war in Klagenfurt die letzte Rolle, welche Peppi Gallmeyer auf der Bühne spielte. Sie hat dann nur noch einmal iin Verem der Literaturfreunde" in Wien öffent lich gelesen. Bald darauf erfuhr ich aus den Zeitungen, daß sie schwer erkrankt sei. Ich fuhr nach Wien, um sie zu besuchen, konnte sie aber nicht mehr sehen, da die Aerzte jeden Besuch streng untersagt hatten. Damals lag sie schon hoffnungslos darnieder und fast immer im Delirium; halb im Traume sang sie ihre lustigsten Couplets. Am 3. Februar 1884 erlöste der Tod sie von ihren Leiden. Zahllose Kränze hingen am Tage ihres Leichenbegängnisses in ihrem Vorzimmer, doch ihr Sarg stand einsam und verschlossen wie eme Reise kollo im Salon auf einer Kiste. Treue Freunde hatten dafür gesorgt. daß ihre Wün che in Betreff ihrer Be stattung genau und wörtlich erfüllt wurden. Arme Peppi!" Vier Sprüche. Von ffrida Schanz. Der freie Flug, das starke Streben Ermüdet nicht, wie mir im Schweben Die Lerche froh verkündet hat. Nur die gefangene stößt sich matt An ihres Kerkers engen Stäben. Es gibt seelische Standesverschiedenheiten, Stärker verschieden als Weiß und Noth. Erlesene Erdenaeschöpfe schreiten Gleich stark an Jugend durch Glück und mott). Andere müssen sich durcharbeiten, Schwerer als durch Flammen und Koth. Müssen wie die Verzweifelten streiten Um ihrer Seelen tägliches Brot. Kein Ringen gibt's ohne Wunden. Kein Schaffen ist eitel Licht. Jeder Künstler hat Stunden, Von denen er lieber nicht spricht. Die Noth verdirbt mit ihren Weisen Die feinsten Instrumente all. Sie spielt mit ihrer Hand von Eisen Auf Seelensaiten von Krystall! Reden ist Silber, Schwelgen ist Gold 3Vr kleine Mar ist mit seiner Mut ter beim Zahnarzt gewesen, der ihm einen . schadhaften Zahn enisernr yai und ist bei der Operation in ein lautes Geschrei ausgebrochen, das nur durch Darreichung eines Chokoladetäfelchens beschwichtigt werden konnte. Als nach kurzer Zeit seinSchwesterchen ebenfalls diesen Leidensweg antreten soll, gibt er ihr den guten Rath, recht in f rfitt!. Bei der Rückkehr sieht er mit etwas Neid, daß die Schwester zwei Tafeln des süßen Trostes auszu DtWn bat. .Milkt Du aber aebrüll haben!- empfängt er die Glückliche. Gar nicht, lautet die prompte Yim wort, deshalb hab' ich ine Tfe mw gekriegt!" -
Der Kerr Korporak.
AuS dem Ungarischen des Karl Murra,. Meine Frau legte Messer und Gabel nieder, wischte sich den Mund und erklärte feierlich, daß man Marcsa würdigen müsse. Sie werde, abweichend von ihrer bisherigen Gewohnheit, Marcsa nicht schimpfen, und sie ersuchte auch mich, mir das Schreien, durch das das ganze Haus zusammenläuft, abzugewöhnen. Dem Kinde aber gab sie die Ordre, sich bescheiden aufzuführen und Marcsa nicht zu denunciren. Marcsa unsere neue Köchin kam aus der gesunden, heiteren Provinz herauf: gesund und heiter. Im Uebrigen war sie ein sehr schönes, großes Mädchen, aus der ein strammer Soldat geworden Ware, hatte es Gott also gewollt. Ihre Auaen waren schwarz, ihr Gesicht gesundheitstrotzend. AVer was hatte das Alles zu bedeuten lyrer Kochkunst gegenüber. Die Porkölts. die unter ihren Fingern hervorgingen, waren wahre Gedichte. Ach, pjc jcri i . (rnvtjr. iuic uuuiuju; loniuc vas lavcycii kochen. Unter solchen Umständen dranaen mir die Erklärungen meiner Frau zu Herzen und ich gab ihr in allen Dingen recht. Marcsa muß man unter allen Umständen schätzen und würdigen und man darf nichts thun, was sie zum Kündigen veranlassen könnte. Im zweiten Monate sah man uns Allen das Wohlleben an. Wir wurden augenscheinlich rundlich, und von Magenlatarrhen und ähnlichen Uebelstanden konnte nicht einmal die Rede sein. Höchstens passirte es, daß wir schlechte Traume hatt, die gewöhnlich darin bestanden, daß Marcsa uns wegen Beleidiauna gekündigt habe: bei solÄer Gelegenheit schrieen wir im Traume aus und erwachten. Eines Abends, als wir gerade darüber redeten, daß im Leben Alles vergänglich sei und das Gute durch das Böse verdrängt werde, kam unser Knabe mit sehr geheimnißvollem Gesichte aus der Küche herein und erzählte, daß ein Herr Soldat gekommen sei, der der Marcsa die Hand gereicht habe. Der Herr Soldat habe sich dann niedergesetzt und gefragt, ob nichts zum Essen da sei? Marcsa hätte ihm dann Speisen vorgesetzt und der Herr Soldat habe von diesem Augenblicke an starr vor sich gesehen. Nach der ersten Ueberraschuna sahen wir uns gegenseitig an und schwiegen weiter. Die Stille wurde von meiner Frau unterbrochen, die mich fragte, ob ich je gewagt hätte, an dergleichen zu denken? Ich fand wohl die Sache sehr natürlich und hatte nur zu sehr an diese Eventualität gedacht, getraute mich aber nicht, dies einzugestehen. Statt dessen schüttelte ich den Kopf und sagte, daß dies wirklich schrecklich sei. Der Mensch müsse heutzutage unter solchen Umständen wirklich auf das Furchtbarste gefaßt fein. Weiter konnten wir die Angelegenheit nicht verhandeln, da meine Frau sich erhob und in die Küche eilte, woher sie erst nach Verlauf einer guten Viertelstunde zurückkehrte, und zwar beruhigt. Sie erklärte, daß kein ernsterer Uebelstand obwaltete, da der Korporal ein Landsmann des Mädchens sei. Sie trafen sich zufällig, jetzt plaudern sie ein wenig, und damit ist die ganze Bekanntschaft erledigt. Das Ganze war ein unschuldiger Besuch. Und wirklich schien es, daß die befürchtete Fortsetzung nicht erfolgen werde, und zwar um so weniger, als Marcsa mit der Hausordnung in's Reine kam und erfuhr, daß sie keine Besuche empfangen dürfe. Die folgenden Abende verflossen also ungestört und unser Knabe lauerte vergeblich in der Umgebung der Küche. Der Korporal zeigte sich nicht, aber Marcsa verständigte nach zwei Wochen meine Frau, daß sie uns verlassen wolle. Es erfolgte ein strenges und eindringliches Verhör, und das Mädchen gestand unter den Kreuzfragen, daß sie uns wegen der Hausordnung verlasse, denn wenn man nach der schweren Tagesarbeit sich nicht einmal mit seinem Landsmann unterhalten dürfe, so sei es nicht weith, in der Hauptstadt zu dienen. Denn wozu solle eine arme Magd denn dann arbeiten und wozu überhaupt leben? Ich muß gestehen, daß wir nachga. ben und daß die Hausordnung eine Umänderung erfuhr. Meine Frau zürnte Wohl und war unzufrieden, aber ich freute mich, da ich ein aufrichtiger Freund der Liebenden bin. Von der Zeit an erschien Herr Korporal Szurtos jeden Abend. Marcsa aber kochte noch wunderbarer als früher. Bei der Arbeit kannte sie keine Grenzen und entwickelte einen enormen Fleiß. Der Korporal verursachte im Uebrigen keine Unannehmlichkeiten, ausgenommen, daß er den Knaben auf den Schooß nahm, ihm Soldatengeschichten erzählte und daß der Knabe mit aller Gewalt Soldat werden wollte. Leider dauerte auch dieser Zustand nicht lange. Herr Korporal Szurtos blieb nämlich eines Abends aus und zeigte sich eine ganze Woche nicht. Er war spurlos verschwunden. Es that uns zwar leid um das armejreulos verlassene Geschöpf, aber wir trösteten, ja freuten uns sogar, daß die alte Hausordnung wieder hergestellt wurde. Diese Freude aber verwandelte sich in großen Schrecken, denn der Knabe kam eines Abends mit der Frage aus der Küche (wo er den Herrn Soldat erwartete) zu uns herein, wozu Zündhölzchenköpfe in Wassergläsern nothwendig seien? Er erzählte, daß Marcsa schon von einem zweiten Packet Zündhölzchen die Köpfe abbreche und in einem Wasserglase sammle. Im nächsten Augenblicke waren wir auch schon in der Küche, wo Marcsa die Zündhölzchenköpfe geschäftig durchein-
ander schüttelte, wobei sie bitterlich weinte. Ich entriß ihr das Glas und schleuderte es zu Boden, worauf Marcsa bemerkte, daß dies nichts thue, da es ja noch genug Zündhölzchen auf der Welt gebe. Meine Frau winkte mir, daß ich mich entferne, was auch geschah. Sie aber unterzog die Verlassene einer Beichte, und Marcsa gestand offenherzig, daß sie sich wegen ihres Landsmannes umbringen wolle, da er sie wortlos im Stiche gelassen habe. Was sie nocb weiter miteinander ge redet, das weiß ich nicht, so viel ist aber o'ewiß. daß meine Frau, als sie zurückkehrte, mit dem Wunsche hervorrücktc, daß ich anderen Tages auf alle Fälle in die Kaserne gehen und mich nach dem Korporal Szurtos erkundigen möge. Es sei ja nicht unmöglich, daß es sich um ein Mißverständniß handle, das man dann auf leichte Weise lösen könnte. Dieser Wunsch überraschte mich freilich, und ich hatte nicht besondere Lust, ihn zu erfüllen, mußte aber schließlich doch einwilligen, da Marcfa's Verlust auf dem Spiele stand. . Und ihr zu entsagen, hatten wir nicht die geringste Lust. So ging ich andern Tags in die Kaserne, um mich nach
dem Korporal Szurtos zu erkundigen. Es scheint, daß ich mich am rechten Orte erkundigte, denn ich stand bald vor dem Herrn Korporal, der mich wohl überrascht anblickte, aber mit herablassender Freundlichkeit empfing. Als ich mich auf seinem Bette niederließ, begann ich unser Gespräch mit Vorwürfen, indem ich ihm erzählte, welch' großes Leid er Marcsa verursachte, und daß sein unverhofftes und unmotivirtes Ausbleiben auch uns schmerzhaft berühre. Sodann unterzog ich ihn einem Verhör, was zwischen ihnen vorgefallen und ob sich die Sache nicht zu beiderseitiger Zufriedenheit beilegen ließe. Der Korporal befrachtete mich überaus erstaunt und sagte, daß er die Sache nicht verstehe, da er ja das Mädchen mittels einer Postkarte verständigt habe, daß er zu einem dreißigtägigen Kasernenarrest verurtheilt wurde und sie so dreißig Tage lang nicht besuchen könne. Nach dieser Erklärung fiel mir ein große: Stein vom Herzen, und ich eilte nach Hause, wo die Freude auch fcfort einzog. Marcsa kam binnen einer Minute zu sich und kochte ein Abendessen- wie nie zuvor. Der Knabe begann zu springen und Gott zu danken, daß der Herr Soldat sich wieder zeigen werde. Meine Frau aber klopfte mir auf die Schulter und sagte, daß ich ein braver Mensch sei. Zugleich warf sie aber auch die Frage auf, ob ich nicht zum Oberst gehen und ihn bitten könnte, daß er dem Korporal die Strafe schenke? Doch Letzteres konnte ich wnklich nicht thun. Nach Ablauf der dreißig Tage stellte sich der Herr Korporal Szurtos pünktlich ein. Der Knabe erwartete ihn bereits auf der Treppe und begleitete ihn jubelnd herauf. Ich empfing ihn in der Küchenthür und begrüßte ihn mit einer kurzen Rede. Meine Frau überreichte ihm einige Eigarren, Marcsa aber vergoß die reinsten Freudenthränen. Der Korporal war natürlich sehr gerührt und dankte mit ungesuchten Worten, um dann an dem gedeckten Küchentische Platz zu nehmen. Im Uebrigen war er stark abgemagert und der Hunger leuchtete offenkundig von seinem Antlitz. Einige Monate hindurch ereignete sich sodann nichts Besonderes. In unser Haus war wieder das Glück zurückgekehrt und Marcsa brillirte in jeder Beziehung. Singend verrichtete sie ihre Arbeit, und es war eine Freude, das Resultat ihrer Arbeit anzusehen. Dem Knaben mußte ich freilich eine Soldatenmontur und einBajonett kaufen, und er ging beständig in Uniform umher, indem er betonte, daß auch er die Soldatenlaufbahn ergreifen und zu der in der Nachbarschaft wohnenden Erzsi zum Abendessen gehen werde, die für ihn gleichfalls die Leber bei Seite legen werde, um dann zu sagen, daß sie die Katze des Hausmeisters gestohlen habe. Inmitten dieser großen Glückseligkeit kündigte Marcsa plötzlich. Sie erklärte, daß sie fortgehe und unter keinen Umständen bleibe. Weshalb sie fortgehe, das hätte sie nicht um die Welt gesagt, sowie sie auch unsere Bitten, daß sie nicht fortgehe, rundweg abschlug. Und als dann die Kündigungsfrist abgelaufen war und wir ihr das Dienstbotenbuch, in welches wir ihr das beste Zeugniß eintrugen, ausfolgten, packte sie ihre Sachen zusammen und ging in Sie Nachbarschaft zu den KLrösztös. mit denen wir in Feindschaft lebten und von denen wir wußten, daß sie gut zu leben gewohnt feien. Als wir erfuhren, daß sie sich in die Nachbarschaft verdingte, waren wir außer uns. Ich wüthete, meine Frau wüthete noch mehr, unser Junge aber brüllte, als wenn man ihn gespießt hätte. Und diese Wuth verminderte sich durchaus nicht, denn nach Marcsa kamen schlechte Köchinnen, die nur zu bald wieder geben mußten. Weshalb sie uns aber verließ, erfuhren wir erst später. In der Thoreinfahrt begegnete ich dem Korporal, den ich ausforschte und der nach einigem verlegenen Zögern gestand, daß ihm der gnädige Herr Körösztös allabendlich eine .Virginia - Cigarre und drei Decilite'r Wein versprochen habe, wenn er Marcsa dazu bewege, daß sie zu ihnen in Dienst trete. Und als er dies aufrichtige Geständniß ablegte, bemerkte er zugleich, daß sie auch an diesem Platze nicht lange zu verweilen gedenke, da der Doctor des ersten Stockwerkes bereits zwei Virginia - Cigarren und ein halbes Liter Wein in Aussicht stellte, wenn sie sich dorthin verdinge. Aber die Sache sei noch nicht ganz perfect, da er auch noch eine Extraunisorm haben möchte.
