Indiana Tribüne, Volume 21, Number 312, Indianapolis, Marion County, 31 July 1898 — Page 7

Aie Wrautsayrt. Humoreske von Margarete v. Ortzene. Ein Hotelzimmer. S3i tulpenförmige Lamven. die in, grellesLicht ausströmen. Es surrt in den Röhren der Dampfheizung. Olivengrüne Sammetportieren mit altrosa Plüsch derbrämt. Teppich mit Rosenmuster. Ein Dutzend steifer, glänzender Handtücher und eine Menge überflüssiger Wassergläser. Aus dem Rebenzimjxki, dessen Thür nur angelehnt ist, dringt ein sonderbarer Ton, wie wenn Jemand leise pfeist, dann lacht, dann wieder pfeift. .Hör mal sagte Herr von Loß zu seiner Frau, .was hältst Du davon?" .Schändlich theuer ist es ja, aber wir mußten dem Jungen doch den Gefallen thun. Zur Belohnung." .Daß er mit achtundzwanzig Iah?en Assessor geworden ist!- lachte Herr von Loß grimmig. Um ihn dazu zu beglückwünschen, müssen wir selbviert in die Residenz, der Bengel führt uns in's theuerste Hotel und Marie da haben wir was Schönes.angerichtet! Merkst Du nichts?Frau von Loß, sehr roth, sank in einen Sessel. O nein!" log sie. Was foll ich merken?" Herr von Loß schritt der Thür zu, e zum Nebenzimmer führte, und zog sie in's Söloß. Kur! ist ein auter Junge. Aber Marie kriegt er nicht. Die nicht." Aber, lieber Loß!" ' Und das sage ich Dir: wenn hier etwas passiren soll, reise ich heute Lkend noch ab. Daß etwas passirt, muß also verhindert werden. Wenn Kurt uns besucht, ftd stets Einer von uns zugegen sein! Hörst Du ihn hierher kommen, so hast Du zu erscheinen, und wenn Du Dich im tiefsten Negligee befindest. Hast. Du mich nun verstanden, Mutter, wie?" ' .O ja," sprach Frau von Loß betrübt. Du willst einen dressirten Drachen aus mir machen!" Nein, nur eine Löwin, die ihr Junges behütet." Was soll denn aus Hans werden, tat ich auch behüten muß?" Weine nur nicht, mein liebes Thierchen!" tröstete Herr von Loß. Hans ist im besten Jungensalter der wird sich schon amüsiren. Befchäftigen muß man ihn. Das ist die Hauptsache bei der Erziehung. Und iran, weißt Du was? Nun lassen wir uns was Ordentliches zum Essen holen.' Da unten, m dem riesigen Saal mit der Maikafersammlung vvn Kell wrn fnftrl hrtä snnmannte CoUveit

V-frp ' jj"""""" drei Mark. So dumm sind wir nicht. Ne? Wir kaufen uns heimlich eine Mnge guter Sachen, verschließen die Thüren und trinken den Wein dazu, der von der Reise übrig ist. 'Hans!" Die Thür öffnete sich, rmd der Sohn des Paares eilte diensteifrig herein. Hans." sprach Herr von? Loß, Du hast junge Beine, und außerdem scha det es Dir gar nichts, wenn Du leicht beschäftiat . wirst. Springe mal auf lt Straße, in irgend einen Laden, hier hast Du Geld und bringe uns etwas zu essen! Aber so, daß man's im Hotel nicht merkt!" Was denn. Papa?" fragte Hans vergnügt. Na Du wirft ja sehen, was es Gibt. Brina. was Du willst! Und schick' uns Deine Schwester! ' Was acht sie?" , Sie weint." ' : ' ! Was thut sie?" Sie heult, darum, daß sie ein ar?nes. verlassenes Geschöpf ist, und die Welt Trat eine Wüste sein thäte und" Donnerwetter!" entfuhr s Herrn -von Loß. ' Und daß Kurt sich gar nicht um ffc bekümmert hätte!" Ach so o!" sprach Herr von Loß gedehnt. Es ist gut. Ich ahne jetzt, uer das Kameel in dieser Wüste ist da kommt sie ja." Hans schoß mit viel Lärm aus dem Zimmer, während ' Marie dasselbe durch die andere Thür betrat fast gleichzeitig mit Vetter Kurt, dem neugebackenen Assessor. Was machst Du für ein Gesicht. Kurt?" fragte Herr von Loß. Ich habe mir das Mißfallen , meiuer Cousine zugezogen." erklärte Kurt schneidend. Sie weigert sich, mir die .i&and vx atUn." Kratzbürste!' brummte Herr von Loß. Marie kämpfte offenbar mlt den Thränen. Kurt setzte sich in eine Ecke des Zimmers, sie in die andere. Du hast kein Recht, so zu sprechen," sagte sie dann. Herr von Loß. die Hände in den Taschen, pfiff leise, und suchte Mama's Blick. Dann sagte er: Ich kann Dich heute leider nicht zu einem Sektsouper einladen, mein lieber Kurt unsere Mahlzeit wird sehr einfach aus kaltem Aufschnitt mitPortwein bestehen. Marie, hole den Portwein! Und da ist ja auch Hans."' Dieser holte ein Dutzend kleiner Packete aus seinen Taschen, in froher Ahnungslosigkeit. Den Päckchen entfielen: zwei saftige Salzgurken, ein saurer Hering mit Zwiebeln, eine geräucherte Flunder, ein Dutzend Kieler Sprotten, ein Stück Holländer Käse. Was hast Du da?" stotterte der Vater erschrocken, wo ist das Fleisch?" Lauter gute Sachen. Papa! Du sagtest doch, ich solle nehmen, was gut ist!" Und das Brod?" Brod? Ne Vrod hab' ich nicht!"' qestand derJünge achselzuckend. .Ick ess' das alles ohne Brod!" Infamer. Bengel!" brummte der Vater. Indessen doch, denn helpt dat nich. sagt unserLandsmann Fritz Reu. ter. Langt zu, Kinder na, eßt und seid lustiq!" , So rückten denn Alle ihre Stühle .cn und begannen, aus den Papieiu:

zu schmausen. Als sie fertig waren, seufzte Herr von Loß. Eigentlich hab' ich jetzt erst Hunger gekriegt und Durst schändlichen Durst. Ich geh' noch aus und esse irgendwo Beefsteak mit Bratkartoffeln." Ja, Papa, das solltest Du thun!" rief Marie eifrig. Ja, Onkel, das thu' nur " Ja. und Kurt, mein Jüngling, Du kommst mit mir. Was? Wie?" Selbstverständlich, lieber SnUW stammelte Kurt verstört. .Selbstver . . . Ständlich!" schloß Herr von Loß. Denn man to! Meine Damen wollen ausruhen. Hans, Du infamer Bengel, was ist das wieder?" Eine völlige Dunkelheit war eingetreten Hans hatte sich an dem Hebel des elektrischen Lichtes zu schassen gemacht. Willst Du gleich aufdrehen. Du Ich kann das Ding nicht finden, Papa!" Nach einigen Minuten fand er es dennoch, und wieder bestrahlte ein greller Schein aus den vier Tulpen die Plüschmöbel. Kurt, sehr blaß, stand neben Marie, deren Haar auf einer Seite etwas zerzaust war. Gute Nacht!" sagte Kurt mit einer seltsamen Stimme. Gute Nacht schlaft wohl!" Ja, schlaft wohl!" rief Herr von Loß durch die Thür. Und wartet nicht auf mich " Weißt Du, Marie," klagte Frau von Loß, mir ist so merkwürdig zu Muth da sind Hansens Packete schuld daran. Ich will sofort in's Bett!" ' Seit dem frühen Morgen saß Marie in dem kleinen Hotelsalon, und träumte. Ein bischen süßes Heimweh drängte sich in ihr Herz. Marie, da ist Kurt!" brüllte Hans und riß die Thür auf. Es zuckte wie in Freudenschreck durch die beiden jungen Menschen. Allein! Sie waren allein! Guten Morgen, lieber Kurt!" sagte die Stimme seiner Tante aus der Schlafzimmerthür. Die Stimme klang elend, wie gebrochen und der ganze Auszug der guten Tante war mindestens sonderbar als wäre sie eben dem Lager entstiegen und hätte nur schnell das Nothdürftigste umgenommen. Mama!" sagte Marie mit unverhohlenem Schrecken. Bist Du aufgestanden? Es ist nur Kurt " Ein schwaches Lächeln huschte über Frau von Loß' Züge. Mir ist ganz wohl mir ist viel besser unterhaltet Euch nur. Kinder ich hör' Euch zu!" Und sie ließ sich in einen Sessel sinken mit ihrem schwarzen Rock, der einem Unterrock täuschend glich, mit einem türkischen' Shawl, der alles darunter Befindliche diskret verhüllte. , , Entmal muß sie doch fortgehen." dachte Kurt. Sie kann doch nicht ewig im Unterrock hier sitzen." Hoffentlich geht er bald," dachte Frau von Loß und sagte laut: Onkel kommt vor Mittag nicht heim. Wenn Du zu thun haft " O, ich habe nichts, gar nichts zu thun, liebe Tante!" versicherte Kurt höflich und verbissen. Und er blieb. Um ein Uhr erschien Herr von Loß. Ein Blick auf das fahle, abgespannte Gesicht und die merkwürdige Kleidung seiner Frau und er ahnte alles. Na, guten Tag!" sagte er zärtlich. Hat etwas lange gedauert wie? Hab' alt Freunde getroffen. So, mein liebes Thierchen, nu geh' Du man, Dich anzuziehen, ich lose Dich ab!" Kurt meinte, vor Zorn ersticken zu müssen. Gemüthlichen Vormittag gehabt, wie?" fragte Herr vonLoß, seinen Neffen anblickend. Heut' Abend sehen wir uns wohl im Theater?" Ich bedauere," kam es über Kurts Lippen, indem er seinen Hut nahm und. kreidebleich, sich verbeugte. - Dieser Tropfen hatte den Krug überlaufen lassen. Ich bedauere ich bin verhindert." Noch eine Verbeugung draußen war er. Marie schluchzte still in sich hinein. I, hol' mich Dieser und Jener!" stotterte Herr von Loß. Das sieht ja wie Ernst aus! Hans Hans wo steckt der infame Bengel wieder?" Er fand ihn nicht. Hans war hinter seinem zornigen Freunde hermarschirt. An der Treppe holte er ihn ein. 5durt!" schrie Hans ihm in die Ohren, Kurt, was rennst Du so. was läufst Du so weg? Kurt, ich weiß was. hör' mal. ich hab' 'ne Jdee!" So sag' sie!". Nach zehn Minuten war alles erledigt, und Hans schienderte gemächlich in den Salon zurück. Mariechen," sprach er beiläufig, hast Du 'ne Ahnung von den langen Corridors hier? Nicht? Dann komm' blos 'ne Sekunde heraus! So etwas hast Du noch nie gesehen." Die Schwester erhob sich gelangweilt und folgte Hans, als wandle sie den Weg zum Schaffst. Vor einer kleinen Thür, ier der in Goldbuchstaben das Wort Lift" zu lesen war. machte er Halt. Das Thürchen sprang auf: Ein winziger, mit blauem Sammet ausgeschlagener Raum. Marie schrie auf. Im nächsten Augenblick sprang das Thürlein wieder zu. und Hans stand allein im Flur. Das war wie ein Märchen. In der That märchenhaft und unerklärlich. Und doch lachte der Junge, als er sich mit einem laniligen Buch an's Fenster setzte. Wo ist Marie?" f:fc!e rjach Verlauf einer guten halben Stunde Herr von Loß. Herrje, das Mädel! Sie war doch mit Dir !m Forridor, was?" Jawohl. Papa " , . Frau von Loß ging, Marie in ihrem Zimmer zu suchen, und kam mit iem-

lich langem Gesicht wieder. Sie ist vielleicht ausgegangen." Unerhört!" sagte Herr von Loß. In diesem Augenblick klopfte es. Herein!" schrie Herr von Loß. Es war der Portier. Entschuld:gen Sie gütigst, Herr Baron ich wollte nur fragen, wie das mit dem Fahrstuhl ist." Was geht Ihr Lift mich an?" rief Herr von Loß ärgerlich. Ja, aber " Was, aber?" Aber der junge Herr, der Sie immer besucht, kam vor einer Stunde zu mir und bat mich, ich möchte ihn doch mal rauf- und)runterfahren und ihm zeigen, wie man das macht. Er möchte es gern lernen, weil er in seinem Hause auch solch einen bauen lassen wollt?. Also ich zeig' es ihm, und nun wollte er'ö mal allein probiren. Gut. Er gondelt los. Ich warte und warte. Er. gondelt immer auf und ab. Mach' ich unten die Thür auf, ist er oben; spring' ich in den vierten Stock, so ist er unten. Blos .einmal hab' ich ihn erwischt, im Vorbeifahren; und da war das gnädige Fräulein von Loß auch darin. Und deshalb wollte ich den Herrn Baron bitten, doch die jungen Herrschaften aufzuhalten, denn es könnte ein Unglück Passiren." Schön," sagte Herr von Loß mit einer seltsam ruhigen, heiseren Stimme. Schön! Mein Neffe hm mein Neffe. Frau, geh' Du mal mit Hans an die obere Thür ich geh' runter." Komm', Mama!" drängte Hans, vor Vergnügen feuerroth. Hörst Du den Fahrstuhl burren? So burrt er seit einer Stunde auf und ab." Herr von Loß erschien im Corridor und erklärte, sein Neffe habe von jeher eine Passion für Fahrstühle gehabt.

Aber er würde ihn schon fassen sprach's und öffnete das Thürlein. Jedoch er sah nur noch Kurts Beine und Mariens Füßchen. Oben riß Mama die Thür auf. Marie!" schluchzte sie. Vergebens. Tochter und Neffe versanken vor ihr in den düsteren Schacht der Untere Welt. Endlich hörte das Burren auf, und Marie lag am Halse ihrer Mutter, Während Kurt unten mit Siegermiene den Corridor betrat. Ich danke Jhnen, mein Lieber ich habe den Fahrstuhl nun gründlich kennen gelernt hr. für Sie!" So, mein Jüngling, nu' komm' mal mit rauf!" sagte Herr von Loß wüthend hoslich, aber laß Dich die Treppen nicht verdrießen bei dem vttlen Fahren könntest Du seekrank werden!" Na, schilt nicht, Papachen!" Was, Papachen! Der Deibel ist Dein Papachen!" Marie schluchzte an Mamas Hals. Heul' nicht. Marie!" sagte Herr von Loß. Er sagt, ich sei sein Papachen " Da jauchzte sie auf. Am Abend dieses Tages zeigte Hans seinen Eltern freudestrahlend eine Uhr, die sein zukünftiger Schwager ihm geschenkt. Herrn von Loß durchzuckte ein Blitz der Erkenntniß. Mißtrauisch sah er seinem Sohn in's Gesicht, lange, lange aber er flüsterte nur leise vor sich mn: Infamer BengettV" 7 PraktlH. Als ich eines Vormittags mit einem Vorortzug nach Bttlin zurückfuhr, stieg im letzten Moment vor der Abfahrt eine sehr erhitzte Dame in das Coup6. Nachdem sie sich etwas erholt hatte, kamen wir nrs Gespräch und sie theilte mir mit. daß sie, nur um sich zu beruhigen, nach Berlin führe und wieder zurückkehre. Sehen Sie einmal, wenn ich mit meinem Mann irgend etwas gehabt habe, oder die Kinder unartig, die Dienstboten impertinent sind, so lasse ich alles stehen und liegen und fahre nach Berlin; je nachdem auf längere oder kürzere Zeit. War's mein Mann, so bleibe ich meist den ganzen Tag fort; aber die Freude, wenn ich wiederkomme! Das Essen war nicht zur rechten Zeit auf dem Tisch gewesen, die Suppe versalzen u. f. w.. kein Wunder, denn meine Köchin ist permanent verliebt in irgend einen Elektrisch - Angestellten; nun ja und ?a sieht er dann wieder einmal recht deutlich, was er.an mir hat. Wollen die Kinder nicht gehorchen, so genügen meist einige Stunden, um sie zur Vernunft, zu bringen, denn mein Mann fährt sie gehörig an. wenn sie Lärm machen, es setzt auch mitunter eine Tracht Schlag? ab, was ich sonst vorerst verhindere; also die Kinder freuen sich, wenn ich wieder da bin. Sind's die Leute gewesen, so wie zum Beispiel heute, dann bleibe ich gleich auf dem Bahnhof und fahre mit dem nächsten Zug zurück. Natürlich nehme ich meine große Vesorgungstaschf mit, daß sie denken, ich bleibe mindestens einige Stunden fort; der Schreck aber dann denn natürlich überrasche ich sie bei irgend ' etwas . Ungehörigem; das schlechte.Gewissen macht aus ihnen dann für die ., nächste Zeit die reinen Ohrwürmchen. - Daß man unter solchen Umständen auf der Bahn abonnirt sein muß, versteht sich von selbst das Anschluß Billet an das meines ManneS ist aber ja so billig; die Hauptsache ist nur, daß man es immer bei sich hat für alle Fälle." DieguteMedizin. Doktor: Es geht Ihnen also besser heute." Patient: , Mir schon, aber unser Jüngster ist jetzt so krank, der hat mir meine ganze Medizin ausgetrunken." Tausende. Baron v. Stein hat mir eine Liebeserklärung gemacht; ich glaube, ich erhöre ihn. denn , man sagt, er soll Tausende 'haben I (ft1lThw nVi. (y-nÄA.Q y vwfHwit vvfc wfcmvu(Mi . .

' ?as patriotische Festessen. Es war in der guten, alten Zeit. Gewisse lächerliche Geschichten konnten nämlich nur in der guten, alten Zeit geschehen, als noch nicht alle Menschen so fortgeschritten und vorurtheilsfrei waren wie heute. Genauer genommen war es im October 1863, als man überall, wo die deutsche Zunge klingt, sich zur Feier des fünfzigsten Gedenktages der Völkerschlacht von Leipzig rüstete. Der Ort der Handlung war eine Provincialstadt des deutschen Bundesgebiets. Alldort vereinigte der Club Parnaß alles, was durch amtliche Stellung und höhere Bildung zu den leitenden Klassen gehörte und was den Mangel an Stellung und Bildung wenigstens durchiöesitz ausglich, mit einem Wort: die sogenannte gute Gesellschaft. Wie ein Halbgott schwebte über dem Parnaß sein Ehrenmitglied, der Regierungspräsident, vor ihm beugte sich in Ehrfurcht alles, selbst die dunkelhaftesten Mandarinen und Bonzen. DerRegierungspräsident verdiente diese Verehrung, denn er war ein kluger und einsichtiger Mann, der vor der übrigen guten Gesellschaft viele Gehirnwindungen voraus hatte. Er hat es daher auch, als die gute, alte Zeit vorbei war, im neuen deutschen Reiche weit gebracht. Als Präsident v. Rathenow erfuhr, daß der Vorstand des. Parnaß damit umging, für den vaterlandischen Gedenktag ein opulentes Festmahl im engern Kreise dir guten Gesellschaft zu veranstalten, sagte er bei sich: Das darf nicht sein. Bei Leipzig hat nicht nur die gute Gesellschaft, fondern das ganze deutsche Volk gekämpst, darum sollen an der Erinnerungsfeier auch alle Stände, hoch und niedrig, theilnehmen können. Die Sache werde ich in die Hand nehmen." Es gab auch in der guten. al!en Zeit schon einzelne Männer mit weiterm Gesichtskreise. Und Herr v. Rathenow wählte ein Comite aus: den Vorstand des Parnaß, die Spitzen der Behörden, Lehrer, Aerzte, Kaufleute, Handwerker, kurz um Vertreter aller Stände, aller politifchen Meinungen und aller Bekenntnisse. Als dieses Mosaik von Menschen, ein getreues Abbild der damaligen deutschen Uneinigkeit, im Studirzimmer des Regierungspräsidenten versammelt war, wagte keiner den Mund aufzuthun, sondern aller Blicke hingen ehrfürchtig an den Lippen des Herrn v. Rathenow, der also sprach: Ich wünsche, daß dieser herrliche vaterländische Erinnerungstag zu einem Feste deutscherEintracht und ganz allgemein,' von patriotischenMännern allerStände, gefeiert werde. Vor dem Gedächtniß vaterländischer Großthaten muß jeder Kastengeist schwinden, wir müssen uns bewußt werden, ein einig Volk von Brüdern zu sein. (Beifälliges Kopfnicken.) Ich wünsche, daß ein festliches

Mahl stattfinde, an dem jeder Patriot 1 V t 5 , . n io.euneo.men rann, mqi vie vom beschick Begünstigten allein, sondern auch der kleine Mann. (Ehrfürchtiges Kopfnicken.) Da wir hierüber einig sind, so schlage ich die Bildung eines ausführenden Comites . von fünf Herren vor, das nach unsern gemeinsamen Intentionen alles vorbereite, und zwar auf bescheidener Grundlage, damit nicht durch hohe Kosten die Minderbe-' mittelten ausgeschlossen bleiben. (Beifälliges Kopfnicken.) , Die Rolle des Festredners werden wir Wohl am besten unserm durch seine Geschichtsstudien woblbekannten Freunde, dem Herrn Gymnasial-Oberlehrer Dr. Aktenstöberer anvertrauen." (Ehrfürchtiges Kopfnicken.) So wurde einstimmig nach den Vorschlügen des Regierungspräsidenten ein Festausschuß ernannt, dessen Leitung der Landgerichtsrath v. Leineweder führen sollte und dem verschied angesehene und praktische Herren angehörten. Auch Herr Hurtig wurde vom eoierungspräsidenten zum Comitemifc, stimmt, obwohl er nicht zu den V Äjioren zählte, denn er war nur Zungsredakteur. Aber er war ein unentbehrliches Möbel, einer von jenen ungefährlichen Strebern, die es nur in der guten alten Zeit gab, deren ganzer Ehrgeiz darin bestand, sich für öffentliche Interessen abzuarbeiten, ohne je nach Lohn und Dank zu fragen, die darum auch nie etwas anderes als Aerger und Undank ernteten und ihre einzige Befriedigung in dem Gefühl ihrer Wichtigkeit fanden. Stets dienstfertig und bereit, die Wünsche ' aller Menschen zu erfüllen, war Herr Hurtig gewohnt, daß für alles, was ihm gut gelang, andere die Anerkennung einheimsten, und für alles, was fchief ging, ihm allein die Verantwortung aufgebürdet wurde. Es muß auch solche Käuze geben; die moderne Intelligenz nennt sie einfach Dummköpfe, sie werden daher auch immer seltener. Der Festausschuß begab sich eifrig an die Arbeit, am eifrigsten natürlich der Landgerichtsrath und Herr Hurtig. Da waren Lokalitäten auszuwählen. Speisefolgen mit dem Wirth zu vereinbaren, die Preis- und die Weinfrage zu regeln, ein Musik-Corps zu miethen, Fahnen- und Laubschmuck anzubringen, Einzeichnungslisten herumzusenden und noch vieles andere mehr. Herr Hurtig verdreifachte sich. Hurtig hier und Hurtig da. ohne ihn geschah überHaupt nichts. Aber Herr v. Leineweber war auch recht zufrieden mit ihm. Hurtig strahlte vor Freude, wischte sich den Schweiß von der Stirn und arbeitete hurtig weiter. - Die Thätigkeit des Comites hatte einen schonen Erfolg, mehrere hundert Patrioten schrieben ftb für das Festmahl ein. voran alle Mitglieder des Parnaß. Honoratioren, Mandarinen und Bonzen, dann auch viele schlichte Burger, Gewerbe treibende und Handwerker: , die Wün sche des Herrn Regierungspräsidenten erfüllten sich. Die schwerste Arbeit blieb noch uorg, nämlich die Hunderte von verfrf)ThtmWtfrn- s5TVmttl rirr ?nm t jjv. w.t..v. .v i Dutzend Taeln so zu vertheilen daß

eine schöne einträchtige Vermischung aller Stände im Hochgefühl vaterländischer Zusammengehörigkeit entstände, wie der Herr Regierungspräsident es anstrebte. Bezüglich dieser Tischordnung gab Herr v. Rathenow dem Vorsitzenden des Festausschusses nur einen Wink: an der Haupttafel im Centrum wolle er selbst mit dem Landgerichtsrath, dem höchsten militärischen Rang und dem Oberhaupt der Geistlichkeit sitzen, daran sollten sich je ein Erenplatz für einen Veteranen aus den Befreiungskriegen anschließen. Das kam sehr gut aus. denn es waren der weißbärtigen Veteranen grade vier, ein Medicinalrath, ein Steuerinspector.. ein Steinmetz und ein Bierbrauer. Außer dem Regierungspräsidenten hatte absr auch der Festredner feine Wünsche und ließ das Comite wissen, daß er selbstverständlich einen Platz nahe beim Präsidenten beanspruche. Demgemäß machte der Festausschuß seinen ersten Tischordnungsentwurf, 'der nach vieler Mühe endlich so gut gelang, daß Niemand neben oder gegenüber seinem schlimmsten Concurrenten oder persönlichen Feinde saß. daß jeder bescheidene Bürgersmann sich in der Nähe einiger Honoratioren sonnen konnte, und daß alle als gesprächig und unterhaltsam 'bekannten Herren weise über den ganzen Saal vertheilt Waren. Herr Hurtig hatte bei dieser mühseligen Arbeit eine Fülle von Kenntniß der Menschen und Verhältnisse entwickelt, und der Landgerichtsrath klopfte ihm zufrieden auf die Schulter mit den Worten: Sie sind ein ganzer Kerl!" Hurtig strahlte vor Freuden, wischte sich den Schweiß von der Stirn und arbeitete unverdrossen weiter. Da kam ein Brief vom Festredner, der sich inzwischen anders befonnen hatte, und nun vorzog, in einer Ecke des Saales zu sitzen, von wo er bequem mit einem Blick alles überfchauen könnte. Nun mußte von neuem umgeworfen, gestrichen, corrigirt, gerückt und geschoben werden, es war eine Heidenarbeit, aber es gelang, der Gymnasial-Oberlehrer war untergebracht. Neues Lob des Landgerichtsraths, neues strahlendes Erröthen Hurtigs, neues Schweißabwischen und em Aufathmen der Erleichterung. Der Tischordnungsentwurf sollte nun schön übersichtlich in zwei großen Plataten abgeschrieben werden, damit jeder Festesser schon vor dem Betreten des Saales seinen Platz ausfindig machen konnte. Da lief, es war am Morgen des Festtags, ein neuer Brief des dringlichen Gymnasial - Oberlehrers Dr. Aktenstöberer ein, worin er bat, doch wieder in's Centrum gefetzt zu werden, da er von der Ecke aus mit seiner Stimme den Saal nicht beherrschen könne. Herr meines Lebens!" rief der Landgerichtsrath ungeduldig aber Hurtig tröstete ihn, strich, corrigirte, rückte und - schob von Neuem, erntete neues Lob mit allem, was dazu gehört, und athmete wieder erleichter: auf. Dann saß Herr Hurtig den gqnzen Tag im Schweiß seines Angesichts und schrieb mit der sorgfältigen Calligraphie der guten alten Zeit zwei Uebersichtstafeln der Tischordnung und einige hundert Platzkarten, dann lernte er die ganze Anordnung auswendig, sodaß er im Dunkeln jetai einzelnen hätte finden können. Seine brave Gattin überhörte Ihn, und es ging wie am Schnürchen. Regierungspräsident von Rathenow? Zwischen General von Schwertfeger und dem Veteranen Bierbrauer Bottich. Dr. Zange ? Zwischen Gasthofsbesitzer Wohnlich und Buchbindermeister Pappe. Oberlehrer Dr. Aktenstöberer? Zwischen Veteran Bottich und Fabrikbesitzer Müller u. s. w. in infinitnm. Der Abend kam, und Hurtig erhielt, als er sich in den Frack warf, ein Billet vom Regierungspräsidenten : Ich habe mit Freuden gehört, wie Sie sich um das Gelingen unseres Festes verdient gemacht haben, und fühle mich verpflichtet, Ihnen herzlich zu danken." Wer war glücklicher als Hurtig? Er trocknete sich die strahlende Stirn und eilte zum Festlokal. Dort stellte er in den Vorsälen seine schöngeschriebenen Tischordnungen auf, und eilte in den Speisesaal, wo Wirth und Kellner noch die letzte Hand an die Tafeln leg-, ten, um die Platzkarten zu vertheilen. Unermüdlich ging Hurtig von Tisch zu Tisch, da und dort noch Anordnungen treffend, in geschäftiger Erregung; er war so ganz In seinem Element und fühlte sich wie ein Feldherr am Schluß einer siegreichen Schlacht. Drüben versammelten sich schon die Gäste. Da stürzte außer sich der Gymnasial-Ober-lehrer Aktenstöberer in den Speisesaal, rannte beinahe einen Tisch über den Haufen und schrie den armen Hurtig an, der noch ein dickes Bündel Platzkarten in der Hand hielt: Was haben Sie mir' für einen Platz gegeben ?" Nach Ihrem Wunsch im Centrum, zweiter Platz rechts vom Präsidenten, zwischen Bierbrauer Bottich und Fabrikant Müller." Aber ich kenne die Leute ja gar nicht." Dann lernen Sie sie kennen, Herr Professor, der eine ist Veteran von 1813 ..." Es empörend, wissen Sie denn nicht, daß ich der Festredner und VorstandsMitglied deSParnaß bin?" Ei frei- : lich. aber was ist denn da?" Mich zwischen Leute zu setzen, die ich nicht kenne! Sie müssen mir einen andern Platz geben Das ist nicht mehr möglich, fragen Sie nur den Herrn Landgerichtsrath. Und lassen Sie mich

' bitte jetzt in Ruye, sehen Sie nicht, daß ich alle Hände voll zu thun habe? Murrend und knurrend schob dr ge kränkte Festredner ab. Der Landge richtsrath wird ihm schon heimleuchten, wenn er überhaupt wagt, sich an ihn zu wenden, dachte Hurtig und legte seine letzten Platzkarten. Dann rud er sich vergnügt die Hände und. ging in die Empfangssäle hinüber, wo sich meFest gäste mit ehrerbietigen Verbeugungen um die Honoratioren schaarten.. ES

fehlten wenige Minuten an dem festgesetzten Beginn. Aber kaum hatte Hurtig sich in die Persammlung gemischt, da und dort mit unermüdlichem Eifer Auskunft über die Tischordnung gebend, da fuhr ihm zischend ein zweiter Wüthender entgegen. Es war der practische Arzt Dr. Zange. Herr, das werden Sie mir büßen, Sie haben mich tödtlich beleidigt!" Ich Sie, wieso?" Mich neben einen Handwerker zu setzen, mich, einen akademisch gebilbeten Weltmann!" Grade darum, desto besser werden Sie den Herrn Buchbinder Pappe unterhalten können. Ueberdies sind Sie ja sein Hausarzt und nehmen sein Geld so gern wie das eines andern." Faule Ausreden, ich werde mich doch nicht zu Tisch mit einem Kleistertopf setzen! Sie haben mich beleidigen wollen und werden mir Rede stehen Natürlich esse ich nicht mit, aber in die Blätter werde ich Ihre Gemeinheiten bringen !" Sprach's und verschwand. Grade wollte sich Herr Hurtig hinter dem Ohr kratzen, da faßte ihn ' Baron Zwickauer am Arm. Baron Zwickauer war der Sohn eines großen jüdischen Bankiers und Stammvater einer neuen christlichen Adels familie. Nun, Sie machen mir fchöne Geschichten; glauben Sie, Sie können mir uzen?" Gott bewahre, wie käme ich dazu, Herr Baron?" Ein schönes Plätzchen haben Sie mir angewiesen, zwischen sechs Juden haben Sie mich gesetzt, ein Ghetto haben Sie geschaffen. Aber ich esse nicht mit, und, ich bring's in die Zeitungen!" Thun Sie, was Sie nicht lassen ko'nnen, Herr Baron, vereinigen Sie sich mit Herrn Dr. Zange, der will auch einen Artikel an die Presse senden," antwortete Herr Hurtig und wandte sich einem andern zu, der ihn dringlich fragte: Können Sie nicht noch einen Freund von mir unterbringen, der heute Abend angekommen ist und das Fest mitmachen möchte?" Mit Vergnügen," entgegnete Hurtig, das trifft sich ausgezeichnet, grade ist der Platz des Herrn v. Zwickauer frei geworden." Was. mein Platz, für den ich schon zwei Thaler bezahlt habe?" schrie der Baron und kehrte um, jetz eß' ich aber grad mit." Desto besser," sagte Hurtig unverdrossen, dann setzen wir 'den neuen Ankömmlings an den leeren Platz des Dr. Zange." Und schließlich setzte man sich zu Tisch. Hurtig wischte sich den Schweiß ab und wollte grade seine Serviette Vorstecken, da klopfte ihm der Landgerichtsrath v. Leineweber auf die Schulter. Hören Sie, lieber Hurtig, dem Oberlehrer Actenstöberer müssen wir helfen, der sitzt mir todtunglücklich gegenüber, würdigt feinen Nachbar, den alten Veteranen Bottich, keines Blickes und kann vor Kummer seine Suppe

nicht essen. Ich fürchte, er vergißt seine aanze Festrede. Könnten wir ihn nicht auf die andere Seite des Reaierungspräsidenten fetzen; da ist zwischen dem General v. Schwertfeger und dem Forstmeister v. Tännling ein Platz freigeblieben. weil der alte Veteran Steinmetz Meisel ausgeblieben ist." cl. aber," meinte Hurtig, soviel ich weiß, kennt er me beiden Herren auch nicht, da sind wir mit ihm soweit wie vorher. O Sie liebe Unschuld lachte del: Landgerichtsrath, bilden Sie sich denn ein, es wäre wegen des Nichtkennens gewesen? Der Bierbrauer ist's, der dem Herrn Oberlehrer den Appetit verdirbt; aber zwischen den beiden Herrn von", die so schöne Orden um den Hals tragen, wird er den Appetit und den Faden seinerRede wiederfinden, ob er sie kennt oder nicht. Also wechseln wir ihn um, einverstanden?" Der Landgerichtsrath ging, sprach ein leises Wort zu dem unglücklichen Gymnasial-Oberleh-rer, führte ihn zu dem andern Platz, der Herr Oberlehrer verbeugte sich mit verbindlichem Lächeln vor den beiden decorirten Herrn und aß fröhlich feine Suppe aus. Nach dem Braten hielt er eine ausgezeichnete Festrede - voll deutscher Einigkeit, Brudertreue und dankbarer Verehrung für die Veteranen von 1813. Stürmischer Beifall lohnte seine aus dem Herzen kommenden, biedern Worte. Auch Baron v. Zwickauer begann sich zwischen seinen sechs Juden wohl zu fühlen, als er die erste Flasche Schaumwein bestellt und sich obendrein Überzeugt hatte, daß sein einer Nachbar zwar Meyer hieß, aber ein Protestant!scher Pastor war. Und so verlief das Fest in schönster Harmonie. Nur der davongelaufeneDr Zange war betrübt, da er sein Gedeck bezahlt und doch nichts genossen hatte. Aber er rächte sich fürchterlich an dem armen Hurtig. Am . folgenden Morgen schrieb er an den Regierungspräsidenten v. Rathenow einen. Brief, worin er sein Fernbleiben von dem patriotischen Fest mit der ibm widerfabrenen schrecklichen Beleidigung entschuldigte. toerden begreifen, daß ein Mann in meiner Stellunz sich dergleichen nicht bieten lassen kann." Herr v. Rathenow war ein kluger Mann und begriff alles. Sofort nahm er einen Briefbogen mit seinem Wappen in der Ecke und schrieb folgendeAntwort an'Herrn Dr. Zange: Ich habe Ihre Abwesenheit bei dem gestrigen herrlichen Fest schmerzlich empfunden. Wollen Sie mir nicht mit' Ihrer lieben Gattin morgen Abend das Vergnügen machen, im kleinen Kreise bei mir zu essen?" Zange war kein Unmensch; er zog seinen Frack an und fuhr niit seiner Gattin am andern Abend . zum Regierungspräsidenten, nachdem er einenEntwurf eines Brandartikels gegen Herrn Hurtig zu Papier gebracht hatte. Im Salon begrüßten das Zange'sche Paar Herr und Frau v. Rathenow mit herzlichster Höslichknt. Dann wiesHerr v. Rathenow auf einen alten weißen Herrn in altfränkischem Frack, der bescheiden im Hintergrunde stand: Die Herren kennen sich vielleicht noch nicht, Herr Dr. Zange und Frau Gemahlin, Herr Buchbinder Pappe !" Dann ging man zu Tisch, und Dr. Zange unterhielt sich sehr eifrig mit sei-

nem Nachbar Pappe, denn Herr Zange l war ein Weltmann und wußte sich irr guter Gesellschaft zu bewegen. Als er , gegen Mitternacht zu Hause kam, steckte er den Entwurf seines Brandartikels in den Ofen, und Herr Hurtig wartete vonTag zu Tag vergeblich auf den ver-. heißenen Artikel sowie auf die Se cundanten des Herrn Dr. Zange. Ja, der Regierungspräsident war ein feiner Diplomat.

Taö Nosenfest in ttirchrode un Miöburg. Tcr im Jahre 1823 zu Misburg gcstorbene Hauptniann Joh. Gcorc Cropp machte unter dem 23. Mai 1817 eine Stiftung von 1500 Neichsthalern behufs eines Rosenfestes, wovon die Zinsen am 1. Sonntage nach dem 18. Juni, als am Tage der Feier dcS großen und glorreichen Sieges von Waterloo", zum Besten der Einwohner von Misburg und Änderten als BcwciS seiner Liebe und Anhänglichkeit au ewige Zeiten" verwandt werden sollten. Dasjenige Mädchen, welches die HauS Väter in demjenigen Dorfe, welches die Reihe trifft, für das gegen seine Eltern und Brodherrschaft gehorsamste, treue ste, bescheidenste, sittsamste und überall' tugendhafteste" erklären,' soll ..eine Prämie von 25 Reichsthalern und einen Kranz von Rosen geflochten aus den Händen des Herrn Pastors vor teilt Altar erhalten". Wählbar sind sammt liche junge Mädchen im Alter von 16 28 Jahren, sowohl die Töchter eines reichen Mannes, als die des Hirten und Tagelöhners," jedoch müssen sie in den? betreffenden Torse geboren oder seil dem 16. Jahre erzogen sein, oder, wcnir sie anderwärts geboren sind, 8 Jahre hintereinander in dem Dorfe gedient, haben. Dasjenige junge Mädchen welches die meisten Stimmen erhalten hat, ist das beste Mädchen, die beiden, die nächst dieser die meisten Stimmen erhalten, bekommen gleichfalls aus den Händen des Pastors ein Roscnbouquet. nebst $ Louisdor oder 2 Ncichsthaler 18 Mgr. Diese drei Rosenmädchcn" treten an dem Nosentage Jn weißen Kleidern mit entblößtem Haupte imfc schlichthangenden ungckrüuselten und. ungezicrten Haaren" vor den Altar nebst. 2 Knaben, .welche für die Fähigsten in5 Rechnen und Schreiben anerkannt sind" Auch diese sollen ein 'Rosenbouquet nte 4 Louisdor oder 2 Rthl- und 18Mgr erhalten, bei welcher Ucbcrreichung den Pastor eine kurze Ansprache au sie' zu' halten hat. Ohne Zweifel ist dre Stifter durch seine Kriegszüge in Franks reich, wo die Tugendpreise vielfach' ge bräuchlich sind, zu dieser Stiftung ge kommen. Sie hat aber auf deutschmr Boden nicht gedeihen wollen, und eö scheint auch, daß die Geistlichen nur: ungern sich der ihnen gewordenen Ansgäbe unterzogen haben. Nachdem Wv bürg eine selbständige Parochie grwor den ist, findet die Austbeilung der Prümie abwechselnd in Kirchrode und in Misburg statt. Das sogenannte Ro--senfest" ist wohl daS einzige in d lutherischen Landeskirche Hannovers; ein wirkliches Volksfest ist es nicht ge worden. 1 Tafelen". In einem kleinen Theile von NordVrabant wird in vereinzelten Fälle' eine Volksjustiz geübt, welche eine ganz, merkwürdige Aehnlichkeit mit dem berfeldtreiben hat ; man nennt diese. Art der Sclbsthilse Tafelen". DaT .Tafelen" wird angewendet, wenn ein junger Mensch das Mädchen, mit dem er eine Zeit lang gegangen" ist, im Stiche läßt oder auch, wenn ein Möd chen ihrem Freier ohne triftigen Grund den Laufpaß giebt. Sobald sich d Gerücht von einem solchen Treubruch in der Umgegend verbreitet bat. kommen einzelne junge Leute zusammen und be urtheilen den Fall. Ist beschlossen, zw tafelcn, so rufen auf Lampencylin dern geblasene Zeichen die Lute zusam men. Das Signal ist bekannt. Von? allen Seiten eilen die jungen. Leute herbei und ziehen an die Arbeit. Alles, was nicht niet und nagelfest ift. wird vor die Wohnung des oder der Schuldigen geschleppt und an der Außenthüre aufeinander gestapelt. Dieser kunterbunte Haufen stellt den Hochzeitstisch vor, den der Schuldige durch Wortbruch gestört hat. Unter fortwährendem Geblase und Geschrei werden Thüren und Fenster beschmugt und die Fensterscheiben eingeschlagen. Hiermit ist jedoch die Kundgebung, t'xt stets an einem Sonntagabend stattsi: det, noch nicht beendet. Am folgenden Sonnabendmorgen kann man dicht vor der Kirch ean einem Ast eine Strohpuppe baumeln sehen, die den Schuldigen vorstellt. Und, um die Persönlichkeit deutlich kcnnbar zu machen, werden unter dem Baum alle Gerätschaften niedergelegt, deren sich der Schuldige bei der täglichen Arbeit bedienen pflegt. Todtenheirathen. Bei einigen Tatarenstämmen ist die eigenartige und einigermaßen schauerlich erscheinende Sitte verbreitet. Todte mit, einander zu verheirathen. So eigenartig nun auch "diese Sitte ist, fo sehr wird an ihr festgehalten; schon Marco Polo erwähnt diese Sitte unt beschreibt die Ausübung derselben so, wie sie noch heutzutage im Wesentlichen besteht. Wenn Jemand . eine Tochter hatte, die unvermählt starb, und ein Anderer hatte einen Sohn, der eb:nfalls bor seiner Vermählung gestorben war, so richteten die Eltern der beiden. Verstorbenen eine große Hochzeit für sie aus. Ein Eheccntrakt wurde aufgeschrieben und dann verbrannt, damit die Beiden in der anderen Welt die Thatsache erfahren und sich gegenseitig als Mann und Weib betrachten könnten. Die Eltern betrachteten sich von dieser Zeit an für Verwandte, gerade, fo, wie wenn ihre Kinder sich wirklich verheirathet hätten.