Indiana Tribüne, Volume 21, Number 312, Indianapolis, Marion County, 31 July 1898 — Page 2

Aas, letzte Witter. Von Adolf Kobut. ' Der Herr Theaterdirector sitzt in seinem Lehnstuhl behaglich hingegossen, ldenRauch der feinen Havanna-C:g2rre vor sich hinblasend. Er denkt an nichts was bei Theaterdirectoren zuweilen vorkommen soll. Man klopst an die Thür. Herein!" ruft der Bühnenpascha, und er zwingt die rechte Seite seines Antlitzes zu einem Lächeln für -den Fall, daß die Primadonna eintreten sollte, während die linke ernst bleibt, denn es ist immerhin möglich, daß es ier Komiker ist, der stets Vorschuß haben will. In solchen Fällen bedeutet die strengeMiene eine halbe Ablehnung. Es war aber Keiner von Beiden, vielmehr trat ein unbekannter junger Mann herein. 22omit kann ich dienen?" fragte der Theaterdirector, in aller Schnelligkeit den letzten Gesichtsausdruck, den amtlichen, annehmend. Ich bin Karl Dengö. Lustspieldichter," sagte der Fremdling, ich bringe Ihnen ein Lustspiel." . Geben Sie's her," sagte der Direclox unwillig, und indem er die Hand nach dem Marniscrivt ausstreckte, öfsriete er mit der anderen eine Schublade seines Secretärs, woraus in großes Packet von Manuskripten hervorlugte. Diese Schublade hatte in Theaterkreisen die Bezeichnung Communaler Friedhof". Verzeihen Sie, Herr Director," meinte Dengö mit höflichem Lächeln, ich möchte diese Angelegenheit auf eine andere Weise regeln." Auf welche Weise?" fragte der Bühnenchef erstaunt. Ich will mich kurz fassen. Ich weiß wohl, daß all' das, was in jene Schublade geräth, nicht mehr in Betracht Zommt. Es ist todt, bevor es noch geboren wurde!" , Aber, mein Herr ..." Verzeihung, doch ich spreche aus Erfahrung: Bereits drei meiner Lustspiele sind in jenes Verließ hineinspaziert, und ich könnte schwören, daß Sie sie nicht gelesen haben. Bei dem vierten Manuscript habe ich Sie auf die Probi gestellt, indem ich cm Rande die ersten vier Seiten des Lustspiels zusammenklebte. Zu meinem Leidwesen ist die Probe gelungen." Ich mache Sie, mein Herr, darauf ufmerksam, daß Ihre Bemerkungen für mich absolut kein Interesse haben." Sehr wahrscheinlich, doch lassen Sie mich aussprechen. Beim fünften Lustspiel sagte ich mir: Was soll ein Theaterdirector, der die ihm eingereichten Stücke nicht liest? Ich muß. ihn zwingen, daß er sie sich ansieht." Zwingen?!" Jawohl!" .. Der Director langte, ohne ein Wort zu sprechen, nach der Klingel, aber Dengö trat ihm entgegen: Daraus rvird nichts, mein Herr! Entweder Sie lesen mein Lustspiel, oder aber . ." Oder aber . . . ?" Oder aber Sie sollen das kennen lernen!" Er griff in seine Tasche, zog daraus einenRevolver hervor und legte ihn vor sich auf den Tisch. Dem Director trat der Angstschweiß aus die Stirn. Er hatte es äugen scheinlich mit einem Wahnsinnigen zu thun. Legen Sie den Revolver weg," sagte er mit bebender Stimme, ich will Ihr Stück lesen." Ich will es selbst vorlesen und bitte nur, mir aufmerksam zuzuhören. Nach der ersten Scene wird es mir zur Freude gereichen. Sie zu examiniren. oö Sie meine Ideen, ganz begriffen haben!" Er begann zu lesen. Der Director schüttelte sich wie im Fieberfrost, aber nahm sich doch zusammen und hörte gespannt zu. Nach und nach würd: tz wärmer. Beim Himmel, der junge Mann hatte Talent! Es wäre doch schade gewesen, ihn im Communalen Friedhofe" bei den Uebrigen zu begraben! Im zweiten Act gab es eine idyllische Scene, worin sich die erste jugendUche Liebhaberin trefflich hervorthun konnte. Der Director überlegte schon, welche Toilette er für sie anfertigen lassen sollte. Die Rosenfarbe kleidet die junge Dame mit dem lieblichen Antlitz am Vortheilhastesten," murmelte tz vor sich hin. Die erste Scene des dritten Actes war etwas langathmig. Der Director konnte nicht umhin, die Vorlesung mit den Worten zu unterbrechen: Dieser Aufzug muß gekürzt werden! Geben Sie her, ich will der Sache gleich abhelfen!" Wie, Herr Director, dasStllck iniercssirt Sie?" Ob es mich' interessirt! Ich glaub's! Das Stück wird ja gewiß ein glänzendes Kassenstück!" Werden Sie mir nicht grollen, daß ich Ihnen gegenüber so gewaltsam aufgetreten bin?" Bah, reden wir nicht mehr davon ! Ich nehme Ihr Lustspiel an und werde es nächstens aufführen lassen. Ja, wie heißt's denn?" Das letzte Mittel!". Die Macht der Gewohnheit. Richter: Sie, sind angeklagt, ein Zehnmarkstück, das Sie auf der Straße fanden, für sich behalten zu haben." Angeklagter: Ach, Herr Jerichtshof, ick war einige Zeit in Alaska, da habe ick mir daran fewöhnt, det Jols. wat ick finde, for mich zu U .halten Dann freilich. 5'läuberhauptmann: .Warum wollt Ihr den Jörg nicht mehr in Eurer Mitte haben?" Räuber: Weil er nichts von nserem Geschäfte versteht." Wieso?" -Gestern hat tz Studenten angehalten

riv von iknen Leid baden wollen

Etttsteyung der Akumm. Von WUHelm Horn. So oft auch in Flur und Garten die farbenprächtigen Kinder Floras erblühen, fo oft erscheinen sie immer wieder als kleine Wunderwerke der schaffenden Natur. Diese Auffassung hat auch schon in der Vorzeit den sinnenden Menschen beherrscht und die Phantasie zu Sagen und Legenden übe? die Entstehung der Blumen angeregt, die ebenso lieblich und anmuthig sind wie die zarten Vlumengebilde selbst, die zu ihrer Bildung 'der dichterischkn Gestaltungskraft der verschieVenen 5Zölker den Anstoß gaben. Eine ?on denjenigen Blumen, um die das deutsche Volksgemüth am dich testen seine Fäden spann, ist das Gänseblümchen t&tx, wie es auch genannt wird, das Maßliebchen oder Marienblümchen An diesen letzteren Namen knüpft auch die Legende über seine Entstehung an. Als das Jesuskindlein drei Jahre alt. war, . wollte ihm die Mutter Maria -einen Kranz zum Geburtstag schenken. Aber um die Winterliche Weihnachtszeit war nirgends ein Blümchen zu finden, das sich zum Kranz verwenden ließ, und künstliche Blumen gab es in dem kleinen Nazareth ebensowenig. Da entschloß sich die liebende Mutter, selbst einige anzufertigen. Mit stiller Sorgfalt saß sie über ihrer Arbeit und flickte und flocht allerlei Blümchen, groß und klein, wie es ihr in den Sinn kam. Namentlich gelang ihr eines außerordentlich schön. Die Mutter Maria hatte dazu ein Stückchen prächtiger, goldgelber Seide genommen, das noch von ihrem königlichen Stammvater David herrührte und rund um dasselbe gar zierlich dicke Fäden weißer Seide gereiht. Bei der Befestigung der einzelnen Fäden hatte sie sich ein wenig mit der Nadel verletzt, und feine Blutstrahlen waren auf die blendend weiße Seide gefallen, so daß sie an einigen Stellen "röthlich schimmerte. Als das Jesusknäblein das künstliche Blümlein sah, wurde es von hoher Freude erfaßt und erkor es sich zu seiner Lieblingsblume. So lange der Winter dauerte, bewahrte es der Knabe wie ein Hligthum auf. Als aber der Lenz in das Land einzog, nahm er das Blümchen und pflanzte es in das Thal von Nazareth. In seligem Entzücken griff er sodann zu seinem goldenen Becher, den ihm die Weisen aus demMorgenlande geschenkt hatten, lief zu einer nahen Quelle, schöpfte daraus, tränkte es mit dem frischen Wasser und hauchte es mit seinem göttlichen Munde an. Da bekam es plötzlich Leben und verwandelte sich in ein natürliches Blümchen. Aus dem Thale von Nazareth verbreitete es sich dann über alle Lander, um vom ersten Frühlingstag bis zum 6nde des Herbstes zu grünen und zu blühen. Die Menschen aber nannten es in Erinnerung daran, daß es aus einer künstlichen, von der Mutter Maria angefertigten Blume entstand, Marien-blümchen.-Dagegen war die Wegwarte ursprünglich eine Jungfrau. Einst ward einer Prinzessin ihr Geliebter untreu, da wollte sie sterben vor Leid und doch wieder fcben, damit sie den Treulosen noch einmal sehen könnte. Tagtäglich schaute sie auf allen Wegen nach ihm aus, aber er kehrte nicht zurück. Da erbarmte sich endlich Gott ihrer und verwandelte sie sammt ihrem blauen Kleide in die Wegwarte, die nun an allen Wegen, Stegen und Rainen blüht. Blau wie die Wegwarte blüht auch der Enzian. Von diesem freudigen Blau geht eine Alpensage über den Ursprung des Enzians aus. Nach einem langen Winter gingen einmal drei Kinder auf die Höhe des Gebirges, um den Blumenschmuck der Matten und die reine . Bläue des Himmels zu schauen. - Als sie auf der Höhe angelangt waren, umhüllte sie aber dichtes Gewölk und verbarg ihnen Erde und Himmel. Schnell eilten sie wieder herab und suchten unter den Bäumen Schutz, klagend, daß ihre Freude so unerwartet vereitelt wurde. Da trat plötzlich ein goldlockiger Engel zu ihnen und sprach tröstend: Ihr lieben Kindlein, kommt am Sonntag herauf und singt fromme Lieder, dann sollt ihr den blauen Himmel schön und herrlich nicht nur zu Euern Häuptern, so'ndern auch zu Euern Füßen sehen." Darauf verschwand der Engel so schnell wieder, als er gekommen war. Am nächsten Sonntag wanderten die Kinder von neuem frohen Muthes den Berg hinauf. Sie trauten aber kaum ihren Augen, als sich ihnen ein nie gesehener, wundervoller Anblick 'darbot. Rings umher auf der grünen Alp standen viele tausend und abertausend Blumen, so schön und blau, als ob sie ein Stück von dem Azurblau des Frühlingshimmels waren. Da wähnten die Kinder den Himmel -zu ihren -Füßen, wie es ihnen der Engel verheißen hatte.. Voll Dank knieten sie nieder, falteten - .die kleinen Hände und beteten inbrünstigen Herzens. Von dieser Zeik an erscheinen alljährlich auf den Matten die blauen Enziane und zaubern den Himmel auf die Erde. 'Dagegen verdanken die zierlichen Blümchen des Heidekrautes dem Blute ihre Entstehung. Einst wurde nach der niedersächsischen Sage ausser Lüneburger Heide eine große Normannenschlacht geschlagen. Das Heidekraut trank das Blut der Verwundeten und Gefallenen, das nun den erblühenden Blümchen die röthliche Farbe verlieh. Sinnig ist die Legende über den Ur'sprung des Vergißmeinnicht. Als Gott die Blumen geschaffen und jeder einen bezeichnenden Namen' gegeben hatte, war ein Blümchen am Bache vergessen worden. Es trat daher vor den Thron GotteS und sprach: Allen gabst Du, gütiger Vater, einen Namen.durch

den sie d:e Menschen ehren, nur mich

allein hast Du , ausgeschlossen. Gedenke auch meiner in Liebe!" Da erwiderte der Herr: Du sollst nicht vergessen bleiben, vergiß auch Du mein nicht! Vergißmeinnicht, das soll fortan Dein Name sein!" Einer großen Anzahl von Blumen, die aus den warmen Mittelmeerländern zu uns gekommen sind, hat das klassische Alterthum eine sagenhafte Abstammung sinnig angedichtet. Als Herkules der Unsterblichkeit theilhaftig werden sollte, ließ ihn Zeus an die Brust der- schlafenden Juno legen. Während das Kind trank, fielen inige Tropfen der Milch zur Erde, und aus ihnen entsproßten die weißen Lilien. Einem unglücklichen Zufall verdanken die Hyacinthen ihre Entstehung. Apollo liebte den schönen und tugend haften Jüngling Hyacinthus, mit dem er sich oft im Schleudern der ehernen Wurfscheiben vergnügte Eines Tages verfehlte der Gott sein Ziel, und die Scheibe flog gegen die Stirn des Jünglings. Vergebens" fuchte Apollo das Blut, das aus der, klaffenden Wunde floß, zu stillen. In seinen Armen verschied Hyacinthus. Hatte der Gott nicht das Leben erhalten kön nen, so beschloß er, wenigstens doch das Andenken an den Jüngling zu verewigen. Er ließ daher aus dem Blute deS Entschlafenen eine Blume hervorgehen, die er in wehmüthiger Erinnerung an ihn Hyacinthe nannte. Auf eine Uebereilung führt die griechische Legende die Erschaffung der Nelke zurück. Als 'die Göttin der Jagd, Artemis. ohne Beute von einer Streiferei zurückkehrte, begegnete ihr ein Schäfer, der eine Hirtenflöte trug. Bei seinem Anblicke tauchte in der Göttin der Gedanke auf, daß er durch sein Spiel das Wild verscheucht habe. Im ausbrausenden Zorn drang sie auf ihn ein und riß ihm die um Gnade flehenden Augen aus dem Kopf. Kaum aber war die That geschehen, so erariff die Göttm bittere Reue. Um ihr Unrecht zu sühnen, faßte sie den Plan, die Augen, deren erbarmenheischender Ausdruck ihr vor der Seele stand, zu verewigen. Sie legte sie daher auf den Boden und sofort wuchsen aus ihnen duftige Blumen hervor, die zum Zeichen ihres Ursprungs das Abbild des bewimperten Auges in sich trugen. So entstanden die Nelken. Verschmähte Liebe ließ die Narcisse auf Erden erscheinen. Die anmuthige Bergnymphe Echo verliebte sich in den jugendschönen Narcissus, den Sohn eines Flußgottes. Allein ihre Liebe wurde von dem Jüngling nicht erwidert. Demselben war in der Jugend verkündet worden, er werde ein hohes Alter erreichen, wenn er sich selbst nicht kennen lerne. Die beleidigte Nymphe benutzte nun diese Schicksalsbestimmung zur Bestrafung des Jünglings, indem sie die Götter bat,, ihn sich selbst erblicken zu lassen. Als er daher sich' zu einer-Quelle niederbeugte, um zu trinken, gewahrte er zum ersten Male in dem Wasser sein Spiegelbild. Da ergriff ihn eine brennende Liebe zu sich selbst. Gefoltert von der unseligen Leidenschast, siechte er dahin. Damit er sich nicht ganz verzehrte, verwandelten ihn die Götter in die vielgeliebte Narcisse. Das StiefMütterchen endlich rief das Mitleid hervor. Als die jungfräuliche Priesterin Jo, die Tochter des argivischen KLnigs Jnachos, von Juno in eine Kuh verwandelt worden war und sie tiefe Trauer umsing, daß sie sich nicht ihrem Vater und ihren Schwestern erkenntlich und verständlich machen konnte, da empfand die Mutter Erde für die Verwandelte ein herzliches Mitleid. Sie schuf daher zur Nahrung für die Arme eine Blume, die ihre Verzagtheit und Schüchternheit, ihr Erröthen und Erbleichen in den Farbenabstufungen sinnbildlich darstellte, das Stiefmütterchen. Für den Ursprung der Rose hat fast jedes Volk seine besondere Legende ersonnen. Nach dem griechisehen Mythos verdanken die weißen Rosen dem Liebesgott ihre Entstehung. Bei einem GLttermahl verschüttete Cupido einige Tropfen des himmlichen Nektars, und aus ihnen sproßten die weißen Rosen auf. Aphrodite war es dann, durch die aus den weiße die rothen Rosen hervorgingen. Einst verfolgte der Liebling der Göttin, Adonis, auf der Jagd einen Eber und schleuderte den Speer nach ihm. Er verfehlte ihn aber und wurde nun von dem wüthenden Thier angefallen und verwundet. Als Aphrodite auf die Heimkehr des Jünglings lange vergeblieh gewartet hatte, wurde sie von quälender Unruhe ergriffen und eilte in den Wald, um den Vermißten zu su chen. Sie drang durch das Dickicht der wilden Hagerosen und achtete es nicht, daß die Dornen sie ritzten und ihr Blut auf die Erde tropfte. Ein Tropfen davon fiel auch auf eine weiße Rose nieder und färbte sie roth wie das Blut der.Liebesg'öttin. Seit jener Zeit erblühten dann neben den weißen auch die rothen Rosen. ' Sinniger stock) berichtet eine persische Sage über die Entstehung der rothen Rose. Anfänglich war nicht die Rose, sondern die Lotusblume die Blumenkönigin. Da sie aber ihre Herrscherpflichten nicht erfüllte, traten die Blumen vor das Angesicht des Schöpfers und baten um eint andere Königin. Der Herr willfahrte ' ihnen und gab ihnen die weiße Rose zur Herrscherin. Die Nachtigall, der Liebling der Blumen, war von der neuen Königin so entzückt, daß sie schnell hinzuflog, um sie fest an sich zu pressen. Aber die scharfen Dornen' drangen tief in ihre liederreiche Brust ein und verwundeten sie todtlich. 'Ihr Herzblut färbte die weißen Blätter: so wurde die roeiße Rose roth. Auch in der deutschen Auffassung wird die Nachtigall zur Rose in Beziehung gebracht.' Friedrich Rückert hat die Sage in einem anmuthiaen kleinen

' Gedicht verwerthet."

Man hat mit Recht gesagt, daß d!e Sagen eines Volkes einen Schluß auf sein Denken und Fühlen ziehen lassen. Auch die Legenden über die Entstebung der Blumen bestätigen die Wahrheit dieses Satzes, denn auch sie spiegeln die Empfindungsweise der Völker, die sie fchufen. anschaulich wieder. 'Flach neun Zayrm. Bon Jcan Testreme. Meine größte Freude ist es. wenn ich dem Spiele schöner, fröhlicher Kinder zusehen kann. Häufig sitze ich im Stadtpark auf einer Bank unter einem mächtigen Baum und verfolge von dort unbemerkt, wie die kleinen Menschen sich tummeln, haschen und unterhalten. Die Hauptsache ist, daß die Kinder nicht auch mich sehen, 'denn sonst lausen sie davon. Es ist mein Schicksal, daß ich den Kindern Schreck einflöße, denn ich bin furchtbar häßlich. Ein unglückliches Ereigniß. das sich vor neun Jahren zutrug, war die Ursache, daß mein Antlitz entstellt ist. Diese Geschichte will ich erzählen. Neun Jahre! Ja, neun Jahre sind es, daß ich so erschreckend aussehe. Das Weib, das ich liebte, war es, das mein Antlitz entstellte. Ich verliebte mich wahnsinnig in die schöne Frau, die ich oft sah. denn unsere Familien verkehrten freundschaftlich mit einander. Eines Tages saß ich neben ihr in ihrem Garten unter einem Fliederbäum. Ich konnte mein Herz nicht bemeistern und stammelte eine glühende Liebeserklärung. Ich erinnere mich nur an die letzten Worte: Geben Sie mir keine Antwort, abewenn Sie mir das Fliederzweiglein schenken, das Ihr Haar preist, so werde ich wissen, daß Sie mir nicht zürnen." Sie brach den Zweig ab und reichte ihn mir. Ein Königreich hätte mich nicht glücklicher machen können. Wir liebten uns unsäglich. So groß jedoch ihre Liebe war, so grenzenlos war ihre Eifersucht. Ohne jeglichen Grund. Sie spionirte mir nach, und obgleich sie nie eine Rechtfertigung ihres Verdachtes fand, quälte sie mich doch unausgesetzt mit ihrer Eisersucht. Ein Nichts gab ihr Anlaß zum Mißtrauen, sie sah Gespenster. Als ich eines Abends nach Hause ging, wartete sie im Dunkel des Flurs auf mich und schüttete mir ein Fläschchen Vitriol in's Gesicht. Sie glaubte eben wieder inen Grund' zur Eisersucht zu haben. ' Ich lag lange krank darnieder. Sie bereute ihre That und schickte täglich zu mir, um Nachrichten über mein Befinden zu erhalten. Ich gab den strengen Befehl, ihren Boten keinen Einlaß zu gewähren. Als ich wieder so weit gekräftigt war, um aufstehen zu können, gestattete mir der Arzt, daß ich in einen Spiegel blicke. Ich war entsetzt ... Ich glich mehr einem Scheusal, als einem Men schen. Ich schwur mir. daß ich die Frau, die mich unglücklich gemacht, nicht mehr sehen wolle. Ich verließ Wien; etwa ein Jahr später ersah ich aus den Zeitungen. daß jenesWeib sich verheirathet habe. Nach zwei Jahren kehrte ich wieder heim. Ich begegnete ost alten Freunden auf der Straße, keiner erkannte mich. Ich suchte nicht die Erneuerung alter .Bekanntschaften, was ich suchte, war die Gesellschaft von Kindern. Ich will essen sprechen. Einer der kleinen Engel, welcher stets in Begleitung seiner Mutter erschien, zog mich mächtig an; seinetwegen Zomme ich immer in den Park. Aber ich war nicht zufrieden damit, das Kind blos zu sehen. Ich wollte, daß es sich an mich gewöhne, daß es Freundschaft' mit mir schließe. Gestern erreichte ich dieses Ziel. Es lief seinem Ball nach, der zusällig in meiner Nähe rollte. Auf diese Gelegenheit hatte ich schon lange gewartet. Ich fing denBall auf und setzte mich wieder ruhig nieder. Die Kleine blieb einige Schritte weit von mir stehen und schien der Dinge zu harren, die jetzt kommen würden. Mit freundlichen Mienen lud ich stt ein. zu mir zu kommen. Sie wagte es nicht; mit schmeichelnder Stimme bat ich sie, sie möge sich doch nicht vor mir fürchten. Sie nahm sich zusammen und lief rasch zu mir, um ihr Eigenthum an sich zu nehmen. Dann wollte sie sofort davon. Aber ich hatte meinen Plan. Laut sagte ich: Ich bin nicht ein so schlimmer On . kel, wie Du glaubst, und habe schöne Soldaten in der Tasche, welche die Kinder bekommen, die sich nicht vor mir fürchten." Diese Worte erregten das Interesse der Kleinen, mit leuchtenden Augen blickte sie auf mich. Um meinen Erfolg auszunützen, griff ich schnell in die Tasche meines Ueberrockes und zog einen Pack Soldaten heraus-. Es waren Dragoner, in prächtiger Ausführung. Diesem Anblick konnte das Kind nicht widerstehen. Es breitete seine Arme aus. athmete heftig, und man sah förmlich, daß die schmucken, kleinen Soldaten es geradezu in Entzücken versetzten. Die Dragoner gingen in das Eigenthum der Kleinen über, und sie erglühte vor Freude. Das war ein günstiaer Moment, um zu einem neuen Angriff überzugehen. Ich zog einen zweiten Pack Soldaten hervor. Es waren nur fünf Stück: ein Capitan. ein Doctor, der Fahnenträ ger. einGemeiner und ein Marketender. Aber wie schon, wie Prächtig waren sie! Vom Scheitel bis zur Sohle eitel Gold! Neben ihnen versanken die Dragoner in ein ärmliches Nichts. , Auch diese gehören Dir!" sagte ich. Mit stummer Ueberraschung blickte 'die Kleine auf mich.' ' Ich faßte ihre

Hand, die in der meinen zitterte wie ein Vögelchen. ' Da wir nun Freunde sind." sagte ich. so führe mich zu Deiner Mama." Die saß nicht weit von uns, und ich bemerkte, als wir ihr uns , näherten, 'daß' sich auf ihrem Antlitze große Unzufriedenleit spiegle. Sie unterdrückte jedoch ein auf ihren Lippen schwebendes unfreundliches Wort, und ich konnte ruhig beginnen: Die Wunden meines Gesichtes sind unheilbar, meine Gnädige, sind aber die Wunden, die der Fliederzweig geschlagen, schon ganz geheilt? Neun Jahre sind viel Zeit, da kann auch jenes Aestchen wieder nachgewachsen sein." Die Frau erblaßte. Sie hatte Alles begriffen und murmelte leise: Verzeihung! Verzeihung!" Aus ihrer Stimme sprach die Reue, die flehentliche Bitte um Verzeihung. Allein die todte Liebe erstand nicht aus ihrem Grabe. Ich sprach ganz gelassen: Sie haben nichts zu bitten. Ich bitte Sie, gestatten Sie mir nur, daß ich manchmal Ihr Kind aufsuche, das ich liebe." . Noah.

Von allen Thieren je ein Paar Mußt' vorerst man verpflegen In einem Kasten offenbar Tier Sündfluthnöthe wegen, Das war die Arche Noah. Vorüber zog das Strafgericht. Man pflanzte froh die Reben, Und der hernach wie toll gepicht, Und selig war im Leben, Das war der arge Noah. TaS Koch'Klavier. Es liegt eigentlich nahe! Bei den ungeheuren Fortschritten der Technik konnte man sich's an den fünf Fingern abklaviren, daß wir nicht blos piano, fondern rapide einer praktischen Verwerthung der werthlosesten Künste entgegengehen. Gerade das Klavier, dieses schlimmste aller modernen Marterwerkzeuge, ist dazu ersehen, eine der nützlichsten Einrichtungen zu werden. Der erste Schritt war gethan, als man die Schreibmaschine erfand, die den Beweis lieferte, daß man durch fingerfertige Tastübungen nicht' immer"Unfug anzustiften braucht. Nun ' foll das Klavier selbst auf einem anderen, wichtigeren Gebiete zur praktischen .Verwerthung gelangen. . Es ist gelungen, mit Hilfe der. Elektricität die Schallwellen eines im Salon zum Klingen gebrachten Klaviers durch beliebig viele Räume nach der Küche zu leiten und dort in Kräfte umzuwandein, welche Töpfe fortschi'eben, Deckel heben, Gashähne drehen, ' Kochlöffel herumschwingen. kurz: den viel gefürchteten und doch so unentbehrlichen Plagegeist jedes friedlichen Hausstandes. die Köchin, überflüssig machen. Jede höhere Tochter weiß mit dem Klavier Bescheid und wird in Zukunft auch als Hausfrau im Stande sein, den Haushalt ohne zaghafte Tastversuche zu versorgen. Sie braucht keinen Fuß in die Küche zu setzen, ihr Platz ist im Salon, wo sie auf denb Instrument herumpaukt und das Pedal tritt. Während aber früher der Gatte (vor Wuth) kochte, wenn sie zu fpielen begann, kocht sie felbst jetzt spielend. Wie gerieth so manche Hausfrau in Hitze, wenn das Wasser am Herd nicht zum Sieden kam. Jetzt fingert sie auf dem Klavier so lange herum, bis das Wasser zu singen beginnt. Fehlt es dem Rohstoff an der nöthigen Ofengluth, so schlägt man Wag-' ners Walküre" auf und läßt den Feuerzauber" wirken. Wohlthuend für die Hörer wird es sein, daß die Klavierköchin ihr Spiel genau so dämpfen muß. wie das Fleisch auf dem Herde und dabei doch nur dieses, nicht aber die Hörer mürbe macht. Und nun noch einige Winke: Zumeist werden natürlich Stücke in Es-Dur bevorzugt werden. Andererseits muß min sich in acht nehmen, ODur anzuschlagen, da sich sonst auch auf das Fleisch im Kochtopf diese C-igkeit übertragen würde. Eingegangen. Der Bankier Hirsch machte in der Sommerfrische mit seiner Familie einen Morgenspaziergang. Er hatte seinen Hund bei sich, eine werthvolle dänische Dogge, die er über alles liebte. Da kam ein kleines Mädchen des Wegs, welches Essen auf das Feld trug. Kaum fah der Hund das Körbchen, in welchem sich das Essen befand, so sprang er darauf zu, beschnupperte ti und begann daraus zu fressen. Das Mädchen ' wagte nicht, den großen Hund abzuwehren und blickte, Hilfe suchend, den Bankier an. Dieser aber wollte seinem geliebten Thiere . den Spaß nicht verderben,, und that, als bemerke er es nicht. Der Hund fraß gierig weiter, wähtend das Mädchen in seiner Rathlosigkeit bitterlich zu weinen anfing. Endlich schien der Hund genug zu haben und der Bankier zog nun seine Börse, reichte dem Kinde ein Geldstück und sagte: So mein Schatz, dem Hunde hat es geschmeckt, hier hast Du fünfzig Pfennig, jetzt kaufe Deinem Vater ein anderes Essen." Es war ja kein Essen für den Vat'er." schluchzte das Kind. "Was war es denn sonst?" fragte der Bankier betroffen. Gift für, die Feldmäuse." . . ' ' , i Ein Dauerfahrer. A.: Wie geht's unserm Freund Gustav?" B.: Der ist jetzt Dauerfahrer!" A.: Ist es möglich!" B.: Ja, wer ihn fahren sieht.' den dauert er!"

. WoöttMgkeit. Modernes Märchen von L. Marco. Der Verstand und die Wohlthat führten ein gemeinsames Leben. Aber recht froh und glücklich konnte die Wohlthat sich nicht . fühlen; denn nicht nach ihrem Herzen durfte sie handeln. Der Verstand, als der Klügere von ihnen, wollte sie immer leiten, und seinem Willen sollte sie sich stets fügen. A)er Verstand achtete aber auch zu sehr auf den kleinen Pagen, der allzeit sich in ihrem Gefolge befand und den die Menschen Lohn- nannten. Für die Augen des Verstandes gab es keinen schöneren Anblick, als jenen goldlockigen Knaben, der in strahlend glitzerndem Gewände daherging, mit Orden und Flittern besät; während die Wohlthat dies Glitzern und Flimmern störte und ihren Augen wehe that. So geriethen diese beiden Lebensgefährten immer wieder in Zwist, bis die Wohlthat sich eines Tages aufraffte und fagte: Ich sehe, wir Beide können nicht beisammen bleiben, laß mich ziehen und versuchen, die Menschheit ohne Dich und Deinen Liebling zu beglücken!" Der Verstand war über diesen Entschluß ein wenig ungehalten, gab aber nach. Wie viel gab es jetzt für die Wohlthat zu thun! Ganz ermüdet kam sie schon nach einer kurzen Tagereise in einer Stadt an. Vor einem großen Hause, in welchem die ältesten und weifesten der Stadt Rath hielten über das Wohl ihrer Mitmenschen, ließ sie sich ermattet nieder. Einer der weisen Räthe sah beim Hineingehen die gebückte Frauenaestalt an der Thüre kauern. Das milde Leuchten, das aus ihren schönen Augen strahlte, fesselte sofort seine Aufmerksamkeit, so daß er sich zu ihr hinabbeugte und fragte, wer sie sei, von wannen sie käme und was ihr Begehr. In ihrer schlichten Art erzählte nun die Wohlthat, was der Brave wissen wollte, und frohen Herzens nahm er sie darauf mit sich in den Sitzungssaal. Hier angelangt, sprach er zu seinen Genossen: Seht, wen ich Euch hier bringe! Wir müssen sehen, diesem Weib hier eine heimathliche Stätte bei uns zu schaffen, dann wird es uns an Lohn nicht fehlen.Schon wieder der Lohn", dachte verächtlich die Wohlfahrt und ärgerte sich! Und sie ärgerte sich noch, als man schon lange im Saale sich über sie herumstritt und nicht wußte, welchen Platz man ihr am besten anweisen sollte. Endlich einigte man sich und schickte sie dorthin, wo die Menschen am längsten und lautesten um Hilfe gebeten. Aber wie erstaunte die Wohlfahrt, als sie am Ort angekommen, nach kurzem Umschauen bemerken mußte, daß sie hier garnicht an dem richtig gewählten Platze sei und daß man ihrer viel mehr in jenem Dachstübchen bedürfe, wo die wahre Noth hauste und die Menschen nicht so laut zu bitten- verstanden. Dorthin ging sie nun und brachte Seligkeit mit, wenn auch nur auf wenige Stunden. Ein schluchzendes Dankgebet drang noch zu ihren Ohren, als sie von bannen schreiten wollte; und aus den Dankeslauten klang ganz deutlich ein ihr wohlbekanntes feines Stimmchen hervor, so daß sie betroffen sich umblickte. Also Du bist es,- sagte die Wohlthat, indem sie den goldlockigen Knaben freundlich anblickte; beinahe hätte ich Dich gar nicht erkannt, weil Du heute solch grauen unscheinbaren Kittel angelegt hast. So gefällst Du mir aber und so darfst Du mir auch immer 'folgen!Das kann ich nicht," sagte, der Lohn; wenn ich Dir nicht meist im Goldgewande folgte, glaube mir. liebe Wohlthat, Du würdest nur zu oft vergeblich angerufen werden." Da lachte ihn die Wohlthat aus. Aber sie hatte gar nicht Grund zum Lachen. Der kleine Schelm sollte gar bald zu seinem Rechte kommen. Denn kaum waren seine Worte verhallt, als ihnen ein großer, starker Mann, mit Ketten und Ringen geschmückt, in den Weg kam. sich quer vor sie hinstellte und sagte: Halloh, ich bin der Reichthum". Kennt Ihr mich und meinen Werth nicht? Ich kann haben, wonach mein Herz begehrt, und nach Dir trägt's jetzt Verlangen, Du kleiner, goldgelockter Knabe; also folge mir." Allein kann ich nicht mir Dir gehen," fagte der Lohn, ich bin ja nur der Schatten dieser Frau, und die ist die Wohlthat. Nur bei ihr mag ich sein, mit ihr kann ich wandern.- - Da machte der Reichthum eine süßsaure Miene, bat die Wohlthat, ihm auch 2 folgen und nahm sie beide mit. Im Hause des Reichthums nun hatte die Wohlthat viel mehr Zeit als früher; manchmal allerdings hatte sie angestrengt zu thun.dafür durfte sie ihrer Neigung folgend, im Stillen wirken, nur vor versammeltem Volk durfte sie sich zeigen, und dann schritt der Reichthum vor ihr her, eine große Glocke schwingend, die so laut tönte, daß die ganze Welt es hören, mußte und her beikam. um dem Reichthum zu huldigen. Nie hatte sie sich so unglücklich gefühlt, nie hatte, das glitzernde Gewand ihres ordengeschmückten Schattens ihrem Auge und Herzen so weh gethan wie hier, und sie wünschte sich fort, nur fort! Als sie vor lauter Sehnen sich die Auen schon ganz roth geweint hatte, nahm sie sich endlich vor, zu fliehen. Und so ging sie wieder auf die Wanderschaft. - . Auf ihrem Wege kam sie jetzt an ein großes, stilles Haus. Das lag ss friedlich da und forderte dadurch zur Einkehr auf, daß die Wohlthat gar nicht erst lange überlegte und bei Nacht und Nebel wie eiiv Dieb durch's Thor hineinschlüpfte. ;: - u - Barmherzig Ozrn walteten bier in Mild: und Cüie ihres Amtes ld'tik C:;lt;:i IriCyt' ll

liebe, vertraute Bekannte. Sie nahm sich vor, vereint mit ihnen Schmerzen zu lindern, Wunden zu heilen und dem Tode seine' Beute zu entreißen. So führte die Wohlthat eines Tages eine Pflegerin an das Schmerzenslager eines einsamen Mannes, d:r, siech anSeele und Leib, die Menschen verachten gelernt hatte. Sie hatten ihn sehenden Auges verschmachten lassen und seinen Hunger nach Arbeit und Durst nach Liebe nicht zu stillen verstanden. So lag er stöhnend in seinen Kissen, als die Wohlthat, die gütige Hand der Pflegerin kühlend auf sein heißes Haupt legte und ihn lehrte: Es gibt noch Liebe." Als er nun voll Erkenntniß dieses beglückenden Gefühls die treue Hand der Pflegerin küssen wollte, da entlockte die Wohlthat dem Auge des einsamen Mannes eine Dankesthräne und diese floß voll Zärtlichkeit auf die Hände, die ihm seine Kissen liebevoll glätteten. Mit diesem, der Seele entquillenden Tropfen, empfing der Gerettete die heilige Weihe, die ihn dem Leben und der Liebe wieder zuwandten. )a freute sich die Wohlthat, und ihre sonst so ernsten Züge belebte ein sanftes Lächeln; und sie lächelte noch, als ihr kleiner Schatten, der Lohn, schelmisch mit dem Finger drohend und mit den Augen zwinkernd auf sie zutrat und fragte: Jetzt sage mir aber störe ich Dich denn wirklich?Tcr Frauenstaat.

In der russischenProvinz Smolensk't, existirt ein Verwaltungsbezirk, dessen politische und sociale Verhältnisse wahrhaft herzerfreuend für alleFrauenrechtlerinnen sind, denn er wird fast ausschließlich von Frauen bewohnt und geleitet. Das Königreich der Frauen" wie dieser zahlreiche Dörfer umfassende Distrikt mit einem Flächeninhalt von fünfzehn Quadratwersten allgemein genannt wird, ist allerdings kein Paradies für Frauen, und die feministischen Verhältnisse sind auch keine Errungenschaft modernerEmanipationsbestrebungen, sondern lediglich ein Produkt der socialen Lage, welche die Männer zwingt, alljährlich mit Beginn des Frühjahrs den Distrikt zu verlassen, um in Smolensli oder in einer anderen Stadt des Gouvernement Arbeit zu suchen. Acht bis neun Monate im Jahre bleiben die Frauen sich selbst überlassen, und sie müssen allein den männermordenden" Kampf um's Dasein führen, der in ihnen wahrlich kein schwaches Geschlecht findet. Sie führen die Wirthschaft und besorgen die Feldarbeiten, sie erziehen die Kinder und verwalten die' öffentlichen Angelegenheiten. Selbst die radikalsten Frauenrechtlerinnen denken nur an eine Theilung der Erde mit den Männern, und hier, wo man nicht einmal das Wort Emancipation kennt, besteht ein feministischer Jdealstaat, dessen politische und finanzielle Lage übrigens eine sehr günstige sein soll. Trotz dieser vielseitige? Thätigkeit bleibt den russischen Amazonen noch genug Zeit für das Amüsement. Und darin sind sie ganz modern. Allabendlich versammein sie sich in einem öffentlichen Gebäude, wo sie von 5 Uhr Nachmittags bis 1 oder 2 Uhr Morgens dem Kartenspiele fröhnen; das am meisten gepflegte Spiel der Strohwittwen soll angeblich Strohweiberl" sein. Die alleinstehenden Frauen vergessen aber durchaus nicht ihre abwesenden Männer, und wenn ihnen auch ihre Treue Mangels jeder männlichen Gelegenheit nicht sehr hoch anzurechnen ist, so ist es doch zu loben daß sie für den Winter, der Jahreszeit der Männer, große Mengen von Braga". einer Art Bier, von Kornbranntwein und von pirogi", eines in Westrußland beliebten Gebäckes, herstellen.. Auch bereiten sie ihren heimkehrenden Männern alljährlich einen festlichen Empfang. was darauf schließen läßt, daß sie in ihren Gefühlen bedeutend weniger emancipirt sind,als in ihren Handlungen. Es ist -eben ?ein Frauen-, sondern 'ein Weiberstaat. Das Königreich der Frauen" erfreut sich der besonderen Fürsorge der Zarin Feodorowna, die sich jährlich einen detaillirten Bericht über diesen Musterstaat erstatten läßt. Die Frau Strafmittel. Jede junge Dame in Viam, die ein bestimmtes Alter erreicht hat, ohne einen Mann gefunden zu haben, wird auf Wunsch amtlich registrirt" und gehört von Stund an zu der ehrenwerthen Genossenschaft der Staatsjungfrauen". d. h. sie sieht zur Verfügung, des Herrschers, der nun selbst, daran denkt. Jeder einen Gatten zu verschassen. Für den armen Gatten ist diese Mußheirath eine gerichtlich festgesetzte Strafe. Die Untertanen Chulalongkorns. die das Pech haben, sich gegen die Gesetze des Landes zu versündigen werden nicht wie in Europa zu einer Geldstrafe verurtheilt, sondern ge--zwungen. ine oder mehrere von jenen offiziellen Frauen- zu heirathen. Handelt es sich um leichte Vergehen fo hat der Verurtheilte das Recht der Wahl, in ernsteren Fällen dagegen wird er gezwungen, die Frau zu nehmen. die ihm amtlich- zugeführt wird. Infolge dieses herzerfrischenden Systems giebt es im Lande Chula--longkorns kein junges Mädchen, maa; es nun schön oder häßlich sein, dasnicht hoffen dürfte, früher oder später bei der Ehelese auch eine reife Frucht einzuheimsen! Boshaft. Herr: Sie könnten Ihren Bräutigam für alle Zeiten glücklich machen." Braut: .Wieso denn?" Herr: Wenn Sie ihn nicht heirathen!" ; Nur, was für die Mitwelt. zu gut ist, nird unsterblich.. .