Indiana Tribüne, Volume 21, Number 305, Indianapolis, Marion County, 24 July 1898 — Page 7

Jas Kind.

Von ctlfe Frapaa. 'Hundiughütte hatte man das kleine Blockhaus imGarten genannt, und das mußte doch eingeweiht werden! Wou hat man eine HundZnghütte, wenn man sie nicht lieben neidischen Gästen zeigen kann? Der Hausherr hatte sich zuj einem Herren-Bierabend entschlossen, es sollte nur noch Vollmond abgewartet werden; die Haussrau gab einen reizenden Kaffee, nur für Damen zwar, aber einer hohen Persönlichkeit zu Ehren Frau Professorin Reipler hatte ja soeben eine halbe Million v rbt. Zu allem übrigen! Und lroßdem erschien sie von allen Geladenem zuerst! Frau Jagow fühlte ihr Hausfraucnherz in Dankbarkeit erzittern, als sie dtt hellseidene Blumenschleppe über die Freitreppe heraufziehen sah. In mädchenhafter Hast eilte sie ihr entgegen, bis in die kühle, luftige Vorhalle, über der in verschnörkeltem Gothisch der Spruch prangte: Komm, Gast, tritt ein! Bring' Glück herein!Frau Jagow liebte diese Sprüche sehr und hatte ihr ganzes Haus mit dieser kurzfaßlichen Poesie decorirt. In der Hundinghütte waren die Sprüche natürlich alldeutsch. Und gewiß, die Professorin Reipler brachte Glück herein! Frau Jagow betheuerte immer von Neuem ihr Entzücken, solch' einen Gast bei sich zu empfangen, und als das hübsche, spitze Naschen der Vesucherin sich erst auf ihre linke und dann auf ,hre rechte Wange drückte, fodaß beide Frauen deutlich das Puderparfürn der andern erkennen konnten, da war sie geradezu hin ! Durch das Rosenthor, aus dem es weiß und duftend herabstäubte, ging es in ixn schattigen Theil des Gartens, wo zwischen zwei großen Fichten der dämmerige Eingang der Hundinghütte lauschig und urgermanisch einfältig winkte. Noch ein paar Schritte, und der bekränzte, weiße Kaffeetisch, die vier großen, thönernen Blumenkügc mit den Riesensträußen aus rothem Mohn und feurigen Gladiolen darauf, ward erkennbar. Wo aber war der blumenstreuende, weiße Elf, der so ganz zufällig aus dem Block- und Rindenhause hervorgaukeln und wie ein lichter Sonnenstrahl auf den Ehrengast zuflattern sollte? Wo war Linita? Frau Jagows Stirn trübte sich, und einenAugenblick überhörte sie die Frage der Besucherin. Dann faßte sie sich, wiewohl ein leichter Aerger blieb. Die Bonne hat natürlich wieder alles mißverstanden! Sie wird das KnO schicken, sodaß alles absichtlich und gemacht aussieht, wohl gar, wenn man schon beim Thee sitzt! Die Person hat kein ästhetisches Feingefühl, das kann man natürlich nicht erwarten. Auf die Dauer ist das doch nichts für Linita; diese Person, denkt Frau Jagow, und schon wieder ist ihr halb entgangen, was die Professorin eben gesagt hat. Wie peinlich! Und überhaupt, wenn jetzt die Episode mit dem KindElf sein könnte, wie passend und poetisch wären diese Minuten ausgefüllt, die jetzt so lang lang sein werden, dies töte-ü-töw in der leeren Hütte vor dem gedeckten Tisch. Wie peinlich! Aber die Professorin ist so verbindlich, sie bewundert alles. Freilich, mit der herablassenden Miene, die alles rührend naiv, rührend echt, rührend naturwahr" findet. Sie hat die letzten zwei Jahre in Rom gelebt und sieht ein wenig ungläubig auf diesen Geschmack. Sie träumt noch von klassischer Kunst, wie sie sagt, während sie die lange Lorgnette emporhält und den mit Tannenzapfen und Maiskolben verzierten Kronleuchter" der BlockHütte in's Auge faßt. Gott ja! Aber wissen Sie, Liebste, in Rom das ist alles so ganz anders.! Mein Mann sagt das auch immer, es ist einfach eine andere Welt. Er kann sich auch garnicht wieder hier zurecht finden, im Vertrauen gesagt! Neulich brauchte er sogar mal das Wort Barbaren-, denken Sie sich!" Die Hausfrau fühlt einen kleinen Stich im Herzen; sie seufzt ein wenig pikirt und zupft an dem japanischen Tischläufer, der einen Millimeter zu weit nach links liegt. Was ist denn das für ein Unglück! Wie kann man denn eine Viertelstunde früher kommen ls alle andern Leute? Und Barbaren!" Was sür ein Ausdruck! Aber das meinte er doch nicht so," sagt sie mechanisch. Frau Reipler lächelt. Nein, das meinte er natürlich nicht so! Er wollte nur damit andeuten, daß alles so anders ist. Liebste, so ganz, ganz anders." Frau Jagow sitzt wie auf Kohlen. Kein Mensch läßt sich blicken sie kann klingeln, aber dann wird vielleicht die Köchin kommen; das Zlmmermadchen war noch nicht fertig angezogen vorhin. Die dicke, häßliche Köchin! Wieso denn anders, gnädige Frau?' sagt sie m Ton tiefsten In teresses und zugleich mit einer Spuc von Herausforderung; dazu stützt sie das Kmn aus beide Hände, w:e sie es neulich auf einem Bilde gesehen hat. Warum hat sie nicht em besonderes Signal mit der Bonne verabredet ? Die ist doch ganz prasentabel! Frau Reipler zuckt lächelnd die Ach sein: Jch weiß auch nicht so genau, worin es liegt ich kann nur sagen : anders!" Auch ihr Ton ist etwas herausfordernd. Warum ladet sie mich ein, um mich mit solchen Fragen zu langweilen? Diese Deutschen sind furchtbar geschmacklos, denkt sie und fühlt sich ganz als Italienerin, Mährend sie heftig '.hren schwarzen Fächer handhabt. Nein, wie el.isetzlich! Es fällt alles in's Wasser! Jetzt fehlt nur noch, daß ein paar Absagen kommen! Am End,, ist mit den Stadtuhren etwas passir!! Ihr Mann sagte neulich, die tU'.liÜ&rn elektrisäx.'Ströme bät-

ten Einfluß Gctt, worauf hatten sie

doch Einfluß? Oder war es aus das Telephon? Wenn das noch lange so fortgeht, werd' ich wird mir völlig elend hat sie nicht stechende Augen? Neulich kam sie mir so fesch vor, aber bei Tage keine Spur! Jetzt klingelt's. Wo ist denn das Kind? Nein, diese Person, diese Bonne! Es kommt noch Niemand! Linita ist doch sicher bei ihr? Es kommt noch Niemand. Allmächtiger Gott, es kommt noch Niemand! Und ich sitze hier mit dieser affektirten, hochnäsigen sie sind wahrscheinlich alle verrückt! Mich so sitzen zu lassen! Giebt man sich dasur Mühe? Den ganzen Tag macht man Kränze läuft durch die Stadt wie ein Briefträger, zerbricht sich den Kops, etwas Neues und Originelles zu bieten. damit diese, diese nicht immer den ken, nicht thun, als hätten sie allein allen Witz und Esprit und und Gott sei Dank! Fünf Stück aus einmal! Frau Jagow springt von ihrem Sitz aus, die Blasse des Aergers verschwindet, sie seufzt, aber nur vor Zufuedenheit: fünf ihrer liebsten Freunbinnen, alles junge Frauen von Industriellen, alle hell und bunt gekleidet, huschen durch das Grün daher! Nein, aber wie reizend! na dige Frau, entzückend!" Hochoriginell!" Echt wagnerisch romantisch!" O. Gott, gewiß haben Sie auch noch irgendwo einen zahmen Bären? Nicht? Wie schade! Na, vielleicht legen Sie ihn sich noch zu. gnädige Frau, würde sich entzückend machen!" Und ein Gelächter. Frau Jagow strahlt! Das ist doch Gesellschaftston, das ist doch eine allgemein menschliche, anmuthende Spraehe! Sie wirft der Professorin einen Blick zu, wie: Siehst du wohl! So meinte ich's! Aber der Ehrengast ist gleichfalls umgewandelt, das . laute Plaudern und Lachen, die allgemeine tiefe Huldigung, das Leben und sich Bewegen ringsum hat sie aufgethaut. Nicht wahr, es ist doch auch hier ganz nett? Bei uns, bei San Barbara?" sagt Frau Jagow mit einem coketten, aufmunternden Blinzeln zu der Professorin, indeß sie den Damen die Sitze anweist. Den Ehrenplatz natürlich für Sie, liebe, gnädige Frau, hier in der Mitte, dem Eingang gegenüber, wenn ich bitten darf. Wir sind Ihnen ja so dankbar, daß Sie unsere Gesellschaft nicht ganz verschmähen, Sie, die in Rom gelebt haben, wo es so ganz, ganz anders ist." Alle sitzen und plaudern und kichern und nippen und knabbern jetzt, das Zimmermädchen hat nur einmal einen Fehler gemacht beim Bedienen, hoffentlich hat dieProsessorin es nicht bemerkt. Aber jetzt jetzt endlich sollte denn doch die Kleine erscheinen, ihre süße Linita, ihr kleiner, vogelkeichter Elf mit den schwarzen Seidenlöckchen. Wenn sie jetzt mit ihrem Rosenstcauß auftaucht, gerade dem Ehrengast gegenüber Bertha rücken Sie den Fruchtaufsatz ein klein bischen bei Seite, daß der Blick in den Garten frei ist." flüstert sie dem Mädchen zu, und dann, noch leiser: Wo ist denn das Kind? Wo ist Linita?" Das Mädchen weiß es nicht, hat die Kleine den ganzen Nachmittag nicht gesehen. Sie wird bei der Bonne sein. Natürlich. Aber die hatte doch bestimmte Vorschriften für heut' Nachmittag lieber Himmel, kann man sich denn auf Niemand mehr verlassen? Ihre Nachbarin blickt sie verwundert an, sie hat schon wieder gefragt, ob ihr Mann den Neubau noch in diesem Sommer beginne. Frau Jagow wird roth wie ein ertappter Backfisch: Ach. verzeihen Sie, Liebste, ich bin manchmal so zerstreut jetzt ich wollte eigentlich etwas ganz andres sagen waren Sie in der gemeinnützigen Versammlung gestern? Sie auch? Und Sie? Ich war leider verhindert, erzählen Sie doch, bitte!" Sie blickt schnell und fragend das Zimmermädchen an, das neben ihr steht und flüstert: 3ch wollte nur sagen, drinnen wäre die Kleine nicht." Was ist das? Sie erschrickt unv wendet sich mit einem Ruck nach dem Mädchen um. Die Bonne rufen Sie die Bonne aber ganz unauffällig!" Ihr Aerger verwandelt sich in Unruhe. Diese Person! Diese unzuverlässige Person ! Ein vierjähriges Kind ist doch wohl zu hüten, umsomehr, wenn es folgsam und aufgeweckt ist, wie ihre Linita! Süßes, kleines Ding, wo es sich wohl versteckt hat? Sie blickt von einem Gesicht zum andern; alle sprechen, nippen und knabbern zugleich, und sie versteht kaum, es ist ihr ganz gleichgiltig, was sie sagen, auch die Gesichter im Grunde genommen furchtbar gleichgiltig, die Professorin mit dem blaßblonden Tituskopf. Frau Schuldt. ihre Nachbarin, deren keines Gesicht in der breit einrahmenden Wellenfrlsur so nichtig aussieht. Wein. Himmel, da kommt die Bonne, und richtig ohne das Kind! Ihr wird plötzlich schwindlig, sie lächelt krampfhaft und greift mechanisch nach dem Tischtuch. Ach, Linita, Dein Gesichtchen will ich sehen. Deine süßen Augen, mein Liebling; was gehen mich diese Fremden hier an? Wozu sind sie hier? Sie hindern mich ja nur. Dich, meine Kleine, zu suchen ! Ich ängstige mich und muß hier sitzen und . . . Ein kalter Schauer läuft ihr über den Nacken. Suchen Sie das Kind!" hat sie der Bonne zugeraunt, und es reißt sie selber wie mit Armen von dem gleichgiltigen Gespräch los. Nein, nein, sie dürfen ja nichts merken, was würden sie auch von ihr denken! Daß sie keine Ordnung im Haus hat, daß sie eine schlechte Mutter ist, oder vielleicht eine zu verliebte! Sie hört ganz fern im Garten die Bonne rufen: Linita! Linita!" und ihr Herz ruft mit, nur noch .tausendmal unruhiger und sehnsüchtiger. . .Als der Christbaum für die Ar-

menbescheerung ist beschlossene lache ; man muß jetzt nur sehen, daß es auch die rechten, die würdigen Armen sind, die es bekommen!" Grtviß! Gewiß! Das wird jetzt auch Mühe kosten, nicht düpirt zu werden. Einmal fand es sich, daß eine angebliche verschämte Arme bei drei sage drei Christbescheerungen beschenkt worden war, denken Sie sich, sie und sechs Kinder! Nein, so etwas dürste entschieden nicht wieder vorkommen!" Frau Jagow schüttelt den Kopf, entrüstet wie die übrigen, aber sie sieht nur so aus; ihr Kopsschütteln gilt dem Kinde, das nicht kommt, der Bonne, die nicht zurückkehrt. Sie schließt einen Moment lang die Augen, das wahnsinnige Herzklopsen ist noch stärker geworden, sie kann nicht mehr zuhören, sie kann nicht mehr diese Gesichter ansehen, sie kann nicht mehr stillsitzen! Wenn der Thee ausgetrunken ist, dann dann sag' ich's Frau Schuldt hat auchKinder und Frau Rodeck; das ist ja Folter, das ist mehr, als ein Mensch ertragen kann, ohne zu schreien. Würdige Arme? Giebt es überHaupt welche?" fragt achselzuckend Frau Gerstenberg und schiebt einen Theelöffel vollBanilleeis in den Mund. mein Mann sagt, das hat immer seine Gründe, die Armuth, wissen Sie; der eine ist faul, der andere ist Tag für Tag betrunken, der dritte 'macht jede Woche ein paar Mal blau, der vierte hat noch schlimmere Gewöhnheilen " Frau Rodeck legt das winzige Köpfchen zurück und wundert sich: Also. Sie meinen, Liebste, daß jeder heraufkommen könnte, wenn er nur wollte V Und sie wendet sich schmachtend zu dem

Ehrengast: Gönnen Sie uns auch Ihre Meinung, verehrteste Frau, oder sind Ihnen unsere gemeinnützigen, um das verpönte Wort socialen Bestrebungen zu vermeiden, uninteressant?" Die Professorin Reipler thut einige matte, lang ausholende Fächerschläg?. Gott," sagt sie lächelnd, meine Damen, ich habe so lange im Auslande gelebt, mich müssen Sie nicht mitzählen! Ich denke so bei mir: da sitzt nun ein Kreis reizend anmuthiger. junger Frauen und spricht über solche weit abliegende Dinge! All' diese Bemllhungen um den vierten Stand, Gott ja, es ist gewiß menschenfreundlich und nett, Zber man fragt sich doch unwillkürlich: Werden wir nW förmlich überwuchert? Verdrängen nicht diese socialen, oder, wie Sie sagen, gemeinnützigen Interessen alles Interesse für das Höhere? Man sprint in Deutschland nicht mehr über Kunst, man spricht nur noch über's Proletariat. Ueberall sind sie. überall hört man von ihnen, überall machen sie sich breit mit ihrem Elend, mit ihren schrecklichen Kindern, mit ihren täglich wachsenden Ansprüchen! Wohin soll das führen? Wenn ich dagegen Rom bedenke " Frau Jagow horcht trappeln da nicht kleine Fußtritte heran? Ach, es verhallt wieder Linita!" Nein, wie interessant Sie das ausdrücken, gnädige Frau! Das ist gewiß aus einem Buch von Ihrem Mann, nicht wahr? Also in Italien giebt es da keine Armuth?" O, wahrscheinlich auch! Aber, du lieber Gott, bei so viel Licht achtet man eben gar nicht auf die Schatten da lebt man dem Genuß!" Ach. so! Sehr interessant!" Linita! Linita! Linita!" Frau Jagow ist aufgesprungen und hält todtenbleich, mit fieberhaft glänzenden Augen, in denen Thränen stehen, ein fast nacktes Püppchen in den Armen, das sie heftig liebkosend an sich drückt. Ganz plötzlich hält sie es, die Gäste haben nur einen Schrei gehört, haben ein klingendes Kinderlachen gehört und sehen nun, verwundert, lachend und gerührt dem stürmischen Begrüßen zu. Ach. die Kleine! Das liebe Engelchen! Und im Hemdchen? Kommst Du aus Deinem Vettchen gesprungen, süße Linita? Hast Deine Anna so lange rufen und suchen lassen? Und Deine Mama, die sich geängstigt hat ! Aber wo ist denn Dein Kleidchen, Linita?" Alle Damen stehen im Kreis un? die junge Frau, die ihr Kindchen wie einen wiedergewonnenen Schatz an die Brust drückt. Ausdessogen und tlein Tind derssenkt!" sagt Linita lustig. Dein gesticktes Kleidchen und Dein Röckchen? Du hast ja nicht mal ein Höschen an, Linita!" Ausdessogen und tlein Mädchen derssenkt, Mama!" Und Deine Schuhe und Strümpschen? Mein Gott, das Kind ist ja barfuß!" Ausdessogen und tlein Mädchen derssenkt, Mama!' Lieber Himmel, wo denn?" Auf die Straße. Mama!" Hatte das kleine Mädchen denn kein Kleid. Linita?" ' Nee, beinah dar teinTleid, Mama! Frau Jagow bedeckt das Kleine mit Küssen, wie um es zu erwärmen, aber die braunen, geschmeidigen Gliederchen sind sonnenwarm, und das Kind ist glückselig über sein Abenteuer. Der Mutter Herz ist so gehoben, so feier lich. Etwas wie ein Gebet zieht durch ihre Seele. Wie die Ahnung von einer fernen, wunderbaren, verheißungsvol len Zukunft Die Kindr! Die Kinder!" murmelt sie mit einem füßen, träumerischen Lächeln, und der Wiederschein ihres glucklichen Lächelns strahlt von all' den Frauengesichtern, die sie ansehen. Auch von dem der Pro fessorin. Für viele, die Lustspiele und Humoresken schreiben, ist das Leben ein Trauerspiel. Malitiös. Kleidet mich wohl dieser Cylinder oder ein StrohHut besser. Cousinchen?" Auf Deinen Kovf vadt besser ern Strobbutl-

Acim Srand'VriX. Von Cd. de. Choynart. Wie ein Blitzschlag wirkte es am

Raymond Dauclair, als er die alte Wirthschaften seiner Freunde Mornac blaß und verstört in sein Zimmer treten sah. . Fräulein Tiane ist eben über ahrm worden! oh, sie stirbt, und Madame ist bei den Rennen!" Er wußte wohl, daß Madame Mor nac sich mit ihrem Gatten in Longchamp befand. Vor zwei Stunden hatte er noch mit ihnen gefrühstückt, und sie wollten ihn mitnehmen. E war ein prächtiges Wetter; der Grand-Prix wurde gelaufen, und es hatte seiner ganzen Energie bedurft, um einem so verführerischen Anerbieten zu widerstehen. Raymond Dauclair hatte also mit einem Seufzer den Landauer fortsahren sehen, er hatte ihm noch lange nachgeschaut, wie er sich entfernte und sich unter den anderen verlor, die überall dem einen Ziele, zustrebten. Tann hatte ihn eine kleine Stimme von oben gerufen. Das war Tiane, das einzige Kind der Mornacs, die lächelnd auf dem Balkon stand und mit dem Taschen tuch winkte. Auch sie hatte ihre Mutter fortfahren sehen, lange Zeit rief sie ihr Lebewohl zu und wollte Raymond nicht gehen lassen, ohne auch ihm ihre Zuneigung zu bezeugen. Adieu, großer Freund!" Adieu, mein Herzchen!" Noch eine Kußhand und er hatte mit langsamen Schritten den Weg nach seiner Wohnung eingeschlagen; und hier saß er schon seit einer Stunde, in seine Arbeit vertieft, als d'.e schreckliche Neuigkeit zu seinen Ohren drang. Aber, Marthe. sind Sie denn mahn sinnig? Was erzählen Sie mir da?" Ein durchgegangenes Pferd, Herr: ein Wagen hat den des Fräuleins angefahren, hat alles zu Boden geworfen, und der Kleinen sind die Beine gebrochen." Raymond hatte bereits seinen Arbeite rock ausgezogen, sich angekleidet und zog nun die alte Frau aus seinem Zimmer. Draußen war kein Fiaker zu sehen. ..Gehen wir zu Fuß!" sagte Dauclair. Mit schnellen Schritten durcheilte er die Straßen, während die alte Marthe ihm trippelnd folgte. Unterwegs er kündigte er sich:

In was für einem Wagen saß denn Tiane?" In einem Fiaker; die Gouvernante wollte mit ihr nach dem Zoologischen Garten!" Nun, und weiter?" An der Straßenecke wurden sie von einem Wagen angefahren, der nach dem Boulevard wollte. Ter Kutscher wurde zur Erde gerissen, und das Pferd ging durch. Ich habe das Geschrei gehört, es durchfuhr mich wie eine Ahnung. Schnell lief ich nach dem Balkon und erkannte das Kleid der Gouvernante, die ein Herr stützte; Fräulein Diane lag unter dem Wagen." Sie sind sogleich heruntergelaufen?" Das will ich meinen; als ich hinkam, zog man das Fräulein unter den Pferden hervor. Ach, es ist entsetzlich; ihre Mutter wird daran sterben." Die alte Frau weinte heiße Thränen, und Raymond ging schneller; er wollte sich selbst überzeugen, wie schwer das Unglück seine Freunde getroffen hatte. Oben össnete Justin die ThUr. Ach, Herr Dauclair, die Aerzte sind schon da!" Raymond trat ein. In die Mitte des Kinderzimmers hatte man einen großen Tisch gestellt, auf den der Hausarzt die Kleine hatte niederlegen lassen. Er hatte gleichzeitig den Doktor X.., einen der ersten Chirurgen von Paris mitgebracht. Dauclair neigte sich bereits über das Kind. Mit geschlossenen Augen, zusammengepreßten Lippen; daß Gesicht blaß wie Schnee, lag sie da und gab kein Lebenszeichen von sich. Mit verzweifeltem Blick wandte er sich nach dem Doktor um und fragte: Ist sie todt?" Nein", sagte der Chirurg, nur ohnmächtig, wir werden sie gleich untersuchen." Fünf Minuten verflossen in ängstlichem Schweigen, endlich näherte sich der Arzt Dauclair und sagte: Der Fall ist sehr ernst, Sie müssen die Eltern auf der Stelle holen lassen; hoffentlich kommen Sie noch zur rechten Zeit." Wie! so schnell? rief Raymond eatsetzt. Ich wiederhole Ihnen, der Fall jji sehr ernst. Und in diesem Augenblick beunruhigt mich ebenso wie das Kind die Mutter; die Nachricht kann sie tödten." Raymond Dauclair richtete seine Augen aus die des Doktors: Sie leidet an einer Herzkrankheit, nicht wahr?" .Ja!" Ich ahnt: es. Nun gut, ich werde gehen und sie vorbereiten." Dauclair rannte wie em Wahnsinn! ger die Treppe herunter und stürzte auf die Straße, der Fiaker war noch da. Hinter Raymond murmelte der Kutscher mit erstickter Stimme: Was macht das kleine Fräulein, Herr?... ich war es, Herr... ach, welch ein Unglück!. . . Ich wurde vom Bock geschleudert, sonst hätte ich den Wagen wohl noch halten können". Können Sie mich fahren?" unter örach Dauclair. .Wohin?" Nach Longchamp!" Ter Kutscher schien üsserrascht. Das Kind stirbt, die Eltern sind bei den Rennen, man muß sie benachrichtigen. Wollen Sie mich fahren?" Ohne ein Wort zu sagen, stieg der Kutscher auf den Bock, und der Wagen fuhr im schnellen Trabe nach dem Bois. III. In denLhamps-ClyseeS wogte eine

zahlreiche Menge, und eme unenoilcye Reihe von Wagen fuhr die Linie des BoiS de Boulogne herab, hinter der sich Longchamp erstreckt. Endlich erschien der Rennplatz vor seinen Augen; ein menschlicher Ozean, ein phantastisches Gewimmel, ein kolossales Gewirr von Menschen, Thieren und Wagen, die sich wie ein Fliegenschwärm zusammendrängten und einen unbeschreiblichen Lärm verursachten. In der Nähe der Kassen dieselbe Bewegung, dieselbe Anhäufung von Wagen und Kutschen. Drehen Sie um und erwarten Sie mich beim Wasserfall, befahl Dauclair seinem Kutscher, das ist sicherer"' Tonn ging er an den Schalter, bezahlte und trat ein. Sofort lief er nach den Tribünen, denn er hoffte die Mornacs dort bei Freunden zu sehen, doch leider konnte er sie nicht entdecken. Nun lehnte er sich an die Barrieren der Rennbahn und sing an, den Sattel Platz zu betrachten. Auf den ersten Blick erkannte er, daß

sein Unternehmen unsinnig war. Wie sollte er in diesem Gewimmel von Zu schauern jemanden erkennen? Ein kalter Schweiß trat ihm in's Gesicht, und gleichzeitig kam ihm der verzweifelte Gedanke. Ich werde sie nie auffinden." Trotzdem mußte er handeln und die Sache fortsetzen. Was ihn am meisten entsetzte, war der Umstand, daß er noch nicht ein einziges bekanntes Gesicht bemerkt hatte, und doch hatte er in Paris viele Beziehungen, er hatte eine Menge Leute sagen hören: Wir fahren zum Grand-Prix." An demselben Morgen war er mehreren seiner Bekannten mit dem Opernglas begegnet, er wußte, daß der und jener sich hier befinden mußte, und doch erschien ihm kein befreundetes Gesicht; sie gingen in dieser Fluth Unbekannter unter. Er brauchte ein Opernglas; ein Herr neben ihm hielt das seine in der Hand, und Dauclair redete ihn an. .Verzeihung, mein Herr, würden Sie wohl so gütig sein nnd mn Ihr Opernglas eine Sekunde leihen? Ich habe vergessen mir eins mitzunehmen, und ich muß um jeden Preis Jemanden wiederfinden; es handelt sich um Leben und Tod." Er war so blaß, daß der Herr ihm ohne Zögern das Opernglas reichte. Lange Zeit betrachtete Dauclair die zulammengeorangien meiyen, vocy er konnte die Mornac's nicht entdecken. Mein Herr, wenn ich Ihre Güte nicht mißbrauchte, so möchte ich Sie bitten, mir nach der anderen Seite der Tribüne hinzufolgen." Sie gingen hin, doch auch hier war niemand. Dauclair dankte dem Herrn gab da? Opernglas zurück und lief wciter. Er mußte sie wiederfinden, wiederfinden um jeden Preis. Jetzt huschte er an den Totalisatorschaltern vorbei rasch durch die Gruvpm und überzeugte sich, daß die Mornac's auch hier nicht waren. Nun kam es ihm in den Sinn, daß Jeanne davon gesprochen hatte, den Wagen auf dem Rasenplatz halten zu lassen. In einigen Sekunden war er bei den Barrieren, die Pferde sollten eben zum Grand Prix starten, und man schloß die Thüren. Lassen Sie mich durch", rief Danclair, und drängt sich durch die Men ge. Unmöglich!" Ich will durch und ich muß durch!" Der Polizeibcamte, der an der Thüre stand, sah ihn prüfend an und wandte ihm achselzuckend den Rücken. Hören Sie mich an, es handelt sich um das Leben einer Person, die ich suche!" Das kenne ich schon!" Es ist die Wahrheit, ich schwöre es Ihnen!" Ter Beamte war unerbittlich; in die sem Augenblick wurden die Pferde her ausgeführt. Dauclair schlich sich rasch hinter einem her. entwischte dem Beamten, der ihn am Arm zu fassen suchte und lief schnell -über den Rennplatz. Mit aufgeregten Blicken lief er an allen diesen Wagen vorüber und stieg schließlich auf einen Omnibus, auf dem schon mehrere Personen Platz genommen hatten. Es thut mir leid", sagte der Kondukteur, aber wir sind schon zu zahl reich!" Dauclair bestand auf seinem Berlangen. Nur auf einen Augenblick, ich bitte Sie herzlich!" Nun gab er schnelle Erklärungen, und einer der Zuschauer stieß lächelnd seinen Nachbar mit oem Ellenboqen an. Auf Ehre", erklärte Dauclair, was ich Ihnen sage, ist die reine Wahrheit Man machte ihm Platz, und einige Augenblicke glitten seine Augen über dieses Gewimmel von Hüten und chlr men, ohne daß er im Stande war, seine Freude zu entdecken. Verzweifelt stieg der Unglückliche wie der hinunter, als sich plötzlich auf der Tribüne ein ungeheuerer Lärm erhob. Derselbe kam wie ein Feuerwerk immer näher und näher und Raymond sah sich wieder dem Rennvlad zuaedränat. festig machte sich dauclair los uno r&it seinen Weg fort, als er mit einmal Rossegestampf vernahm. Wider Willen blickte er hin; in rasendem Galopp schössen die Thiere an ihm vorüber, während die Jockeys ein Geschrei ausstießen, daS wie ein wüthendes Grollen zu seinen Ohren drang. VI. Das Publikum strömte jetzt in Mas. se nach den Tribünen zurück. Raymond Dauclair suchte seinen Wagen auf und ließ sich schnell zurückfahren. Als er vor dem Hause der Mornac's ankam, sah er den Landauer seiner Freunde vor der Thüre sie hen. Jeanne. stieg aus, und Dauclair hatte nur noch Zeit, aus seinem Fiaker zu springen und aus sie zuzulaufen.

Die Portiersfrau wollte sprechen, doch mit einer Bewegung gebot er ihr Schweigen und zog Mornac bei Seite. Bestürzt betrachtete Jeanne ihren Mann; plötzlich sah sie ihn erblassen und mit der Hand nach der Stirn fahren'. Sogleich begriff sie und rief: O Gott, es handelt sich um Tiane; sprechen Sie, was giebt es..?" Nun denn, ein Unfall; aber beruh!gen Sie sich ..." Tie junge Frau hatte sich an die Wand gelehnt und fuhr sich mit dem Ausdruck unsäglichen Schmerzes nach der Brust. Sie schien in Ohnmacht zu fallen, und ihr Mann fing sie in seinen Armen auf. Geh' schnell hinaus", sagte er zu Dauclair, und laß die Thür öffnen." Raymond gehorchte; die alte Marthe öffnete ihm: Ach, Herr Raymond, es ist aus!" Dauclair stieß sie in das Innere der Wohnung zurück: doch es war zu spät. Ein entsetzlicher Schrei erhob sich, der Schrei einer Mutter nnd einer sterben-

den Frau, und nach einer letzten Zuckung blieb Jeanne leblos in den Armen ihres Gatten liegen. Eine Stunde später ruhten die beiden Todten Seite an Seite in dem geschlos senen Zimmer der Frau von Mornac, und durch die geschlossenen Vorhänge hörte Rymond, der bei seinem Freunde geblieben war, draußen den Lärm der Menge, die befriedigt von der frischen Luft, von Sonne und Freude trunken, nach Hause zurückkehrte. LE0XIS TESTIG LU Won Robert Koblrauscb. Die uralte Stadt Bardowieck unweit von Lüneburg ist heute in ihrer äußeren Erscheinung nur noch ein Dorf, von einem Dom. viel zu mächtig für den Umfang des Ortes, gar stattlich überragt. An dem einen Portal dieses Domes ist ein verwittertes Bildwerk angebracht, das einen Löwen darstellt und die Unterschrift trägt: Leonis vestigium", die Spur des Löwen". Es bewahrt die Erinnerung an jenen furchtbaren Tag 'im Jahre 1189, als Bardowieck. die mächtigste Handelsstadt des deutschenNordWesten, unter der vernichtenden Hand Heinrichs des Löwen in Blut und Flammen unterging. Die Spur des Löwen" ist bis heute nicht ausgelöscht worden; die Stadt hat ihre frühere Blüthe niemals zurückerlangt, und der Welfenherzog Heinrich lebt im Gedächtniß der dortigen Bevölkerung als ein grausamer, blutiger Zerstörer fort. Das ist em häßliches und trauriges Bild, das man qern vergißt. Aber es aibt andere yestigia Leonis, die seine Gestalt in freundlicherem Lichte zeigen. War er dort em Vermchter. so war er anderen Orts em Grunder und Er bauer, und weit, weit fort von jener Stelle, wo die vom Nordmeer herztehenden Wolken eine gesunkene, verödete Anstedluna schauen, blicken die deut schen Alpen auf eine stolz emporgeblühte Schöpfung von Heinrichs Hand: der Zerstörer von Bardowieck war auch der Gründer von München. tDas ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte sei ner Thaten, und mit freudigem Eifer sucht besonders der Niedersachse die Spuren des Löwen, die stch im Wechsel der Jahrhunderte dort im äußersten Süden von Deutschland bis auf den heutigen Tag erhalten haben und sein Walten verkünden. Ohne Blutvergießen und G:wZltthat ist es freilich auch bei diesem schöpfenschen Wirken nicht abgegangen. Bevor München existirte, gab es etwa eine Stunde flußabwärts von dem Platze. wo es entstehen sollte, be: dem komg lichen Weiler Böhring eine Brücke über die ungeberdige Jsar; noch heute be zeichnet das Dorf Oberführinq mit fei ncm weißschimmernden Kirchthurm die Stelle. König Ludwig das Kind hatte diesen Weiler den mächtigen Bischöfen von Freistng geschenkt und einer von ihnen, der Bischof Otto, verlegte im Jahre 1140 dorthin Salzniederlage und Zoll, um sich den ganzen Handel vom südlichen Bayern, insbesondere die Salzfuhren von Reichenhall zinsbar zu machen. Das gab erfreuliche Einkünfte, und als Heinrich der Löwe im Jahre 1156 vom Kaiser Friedrich dem Rothbart mit dem Herzogthum Bayern belehnt worden war, da nch tete er gar bald sein Augenmerk auf eine Ablenkung des blitzenden Goldstromes in seine eigenen Taschen. Nach kurzen Verhandlungen machte er noch kürzeren Proceß: er überfiel un An fang des Jahres 1157 den Markt Böhrmg und zerstörte die Brücke über die Jsar. mit ihr zugleich das bischöfliche Schloß und die Münzstätte, die sich dort befand. Welter aufwärts am Fluß aber lag eine waldige Gegend, wo sich vermuthlich nur einzelne Zellen von Mönchn befanden, die sich in der Kriegsnoth hierher geflüchtet hatten, und nach denen man die Stelle bei den Mönchen" (Munichen) benannte. Hierher nun verlegte Heinrich der Löwe die neue Salzniederlage nebst Münzstätte, Zoll, erbaute eme Brücke über die Jsar und erlangte trotz energischen Wider strebens des Freisinger Bischofs die Zustimmung des Kaisers Friedrich zu semem Thun. -In der Urkunde vom Jahre 1158, die sich darauf bezieht, er scheint zum ersten Mal der Name Munichen". Böhring versank in das dunkle Reich der Vergessenheit; München hatte sein Dasein begonnen und rüstete sich für eine glanzvolle Laufbahn. Rasch that es die erstenSchritte zu diesem Ziel. Eine verhältnißmäßig große Zahl von Einwohnern sammelte sich schnell; Münze und Zoll ersorder ten eine Menge von Beamten, die noth wendigen Befestigungen gegen die zurnenden Bischöfe von- Freising und an dere Feinde zogen Arbeiter herbei und forderten eine starke Besatzung. Man erzählt, daß Herzog Heinrich, um den Herbeiströmenden die Ansiedelung zu erleichtern, aus em besonderes Mitte l verfallen sei. Er habe das Eigen-

thumsrecht an einem einzelnen Hause

auf mehrere Personen vertheilt, so ras$ dem einen Besitzer der erste Stock, der anderen der zweite u. s. w. erb- unb eigenthümlich gehört habe. Vielleicht laßt sich dieser seltsame und in seinen Folgen oft unbequeme Brauch wirklich auf iene fernen Zeiten zurückfuhren. Er existirt thatsächlich heute noch in einigen Vorstädten von München; dort hat auch jetzt ein und dasselbe Haus in feinen verschiedenen Theilen verschiedene Besitzer, deren Behausungsantheil den in dieser Verbindung fremdartig klingenden Namen Herberge" trägt. Neben dieser alten Ueberlieferung gibt es aber auch sichtbare vestiiriadie in die Zeiten des Löwen zurückweisen. München hat so gut wie Bardo wieck sein steinernes Bildwerk. daZ eines Löwen Gestalt bewabrt. Tithl befindet sich's über der Thür des allen Stadtoberrichterhauses neben den. Rathhaus, nach der Straße zu, die wegen ihrer Senkung zur Jsar hin da3 Thal heißt. Man meint' aber, datz Heinrich der Löwe seinerzeit ungefähr an der Stelle, wo sich gegenwärtig daS Rathhaus erhebt, eine Pfalz errichtet habe, in der er während seines mcfit maligen Aufenthaltes in München hauste. ' Ueber dem Eingang zu dieser Psalz nun ist vielleicht das Löwenbild. werk angebracht gewesen, und man hat es später, als dann das RathhauS tx baut wurde, nicht weit von seinem srii hercn Platze wieder eingemauert zuir, ewigen Gedächtniß. Der Löwe ist siehend dargestellt, wahrend sem Kop sich zur Erde neigt, zu ein paar undeutlich erkennbaren Gegenständen, die man als Pilze deuten kann; im Hintergründe zeigen sich die Häuser einer Stadt. Man könnte meinen, daß der Moment hier verewigt worden sei. in: dem der Löwe in der Wildniß denPla für die neue Niederlassung auswählt. Verschwiegen soll nicht werden, dah einige Forscher das Bildwerk in eine spätere Zeit verwiesen, das Thier selbst als Wolf gedeutet und zu einem Münchener Bürger Wolf Roll in Beziehung gebracht haben. doch spricht der Augcnschein deutlich dafür, daß der BildHauer, wenn auch mit ungeübten Händen, einen Löwen hat darstellen wollen. Wendet man nach der Betrachtuns dieses Wahrzeichens den Blick em wenig nach links, dann hat man zwer weitere Erinnerungen an Heinrich de Löwen vor Augen. An der Rückseite des alten Rathhauses ihn selbst,, ei Standbild in Erz, fest und kühn, eine geharnischte: Ritter mit Schwert und Schild. Eine spätere Zeit hat ihm die--ses Denkmal gewidmet und etwas aöseits von der Straße, in halber Verborgenheit aufgestellt. Denn nicht gerri wird der Bayer daran erinnert, da& ein Welfenherzog ihm die Hauptsiadr seines schönen Landes gegründet hat und wenn er von ihm spricht, dann fügt er mit Bedacht hinzu: an unS fremder Herr". Aber die Erinnerung, an ihn läßt sich darum doch nicht auSlöschen; sie steht so fest, wie noch heute der gewölbte, hallende Bogen des ma lerischen alten Rathhausthurmes, unter dem der Strom des modernen Lebens brausend hindurchgeht. Dieser Thorbogen reicht in die Zeiten des Lowen zurück; jetzt bezeichnet er ungefähr den Mittelpunkt der Stadt, damals war hier bereits ihre Grenze, und er selbst bedeutete eins der vier Thore vorr Heinrichs Niederlassung, das Thalburgthor. Die anderen drei sind verschwunden, dies eine hat stolz und tapfer den Jahrhunderten getrotzt. Und nicht allzuweit von ihm erhebt sich auch noch einer der Befestigungsthürme. mit denen Heinrich seine Stadr wie mit getreuen Wächtern umstellte, stattlich und kühn in die Lüfte. Vor ein paar Jahren drohte ihm die Vernichtung; er sollte einem neuen Prachtbau, demRestaurant Kaiser Ludwigs weichen, das in seiner unmittelbarer Nachbarschaft am Rindermarkt errichtet wurde. Doch wurden gewichtige Stimmen für seine Erhaltung laut, und so gelangte er sogar zu neuen Ehren. Er wurde ausgebaut, in das Re staurant einbezogen, und gegenwärtig tagt in seinen grauen Mauern der Münchener Alterthumsverein. Der Thurm ist ein gar ansehnlicher Zeuge vergangener Zeiten. Mit fünf, sechs Stockwerken und wohlerhaltener Zinnenbekrönung erhebt er sich hoch in die Luft, keineswegs erdrückt von den mächtigen Bauten der Neuzeit ringsumher. Einen Durchgang aber, der zu ihm führt, hat man ihm zu Ehren den Löwenthurmbogen genannt, hat diesen Namen, in Stein gemeißelt, über den Eingang gesetzt und in Wappenform ein 'kleines Abbild des Leoninischen Thurmes mit der anstoßenden Besestigungsmauer daneben. So lebt in Stein und Erz in der bayerischen Hauptstadt das Andenken an Heinrich den Löwen fort. Neuerdings aber hat man ihn sogar inFleisch und Bein wieder auferstehen lassen. Im benachbarten Nymphenburg ist die Aufführung eines Münchener Volksschauspiels unternommen worden, daS eine bunte Reihe der bedeutsamsten und dramatisch bewegtesten Scenen aus der Geschichte der Stadt lebendig vor Augen führt. Die Gründung Münchens durch Heinrich den Löwen macht den Anfang, aber auch Sturz und Verbannung des fremden Herrn" dürfen nicht fehlen. Stahlgepanzert schreitet er über die Bühne, und mit ihm schernen ferne Tage wieder neu und lebendig zu werden. Jst aber der Vorhang gefallen und kommt man zurück in die Stadt, in dies schöne München mit seiner Fülle von Leben, mit seinen Schätzen der Kunst und seiner daseinSfroben Bevölkerung, dann hat man eZ bleibend vor Augen: das stolzeste, ftas tigste, machtigste vestigium Leonifv Herr: Frau Wirthin, ist die Aost beiJhnen gut?- Baunn: .Schau, en 'S Ihnen meine Söu an, in vierzehn Tag seg'n 'S g'rad so aus, fcero m U tr 9trm

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