Indiana Tribüne, Volume 21, Number 305, Indianapolis, Marion County, 24 July 1898 — Page 2
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Llbend.
Won H. Amman. Wenn hinter den blaucn Bergen Die Sonne niedergeht. Dann läuten die Glockenblumen Im Walde das Göet. Der Küster, der sie ziehet. ; Das ist des Abends Hauch; I Es laufchen Halm und Gräser Und jedes Blatt am Strauch. Und alle Vogel schweigen Andächtig im grünen Hag Da legt sich hin. zu sterben. Der müde holde Tag. in Streik vor 500 Jahrett. ' Im Spätherbst 1407 wurden alle "Städte und Städtchen des Oberrheins von der von Ort zu Ort getragenen Nachricht aufgeregt, die Schuhmachergesellen planten einen großen gemeinsamen Streik. Alle Stadtobrigkeiten und Herrschaften gerathen in nicht geTinge Besorgniß, und man beschloß. ihn der gefährlichen Sache entgegenzuarbeiten, zu Schlettstadt einen großen Städtetag abzuhalten. Basel hatte die Sache in die Hand genommen und schickte Einladungsbriefe bis nach Speyer und Mainz hinab. Die letzttxt Stadt meinte denn auch, daß das Vorhakn der Schuhmacherknechte ein swerer schedlicher gewerb sy und wo uns herre der konig, unsere Herren die sürsten, ir (Ihr) und andere erbe stette (Städte) den Sachen in tzyd Zeit) und fcrizhcit (Weisheit) nit wieiasiubent," daß dann dem Lande dadurch ein schwerer, schädlicher Eintrag, Widerstand und Hinderniß erwachsen könnte. Zwei Schuhmachergesellen. Lindenzweich von Mühlhausen und Ruodin Ams. pilgerten von Ort zu Ort, um die Gesellen aufzuwiegeln und ihnen das Gelübde abzunehmen, iner großen Maiverfammlung, die bei Rufach stattfinden sollte, beizuwohnen. Originell ist, daß sich die Schuhmachergesellen als Führer einen Ritter, den Burggrafen Werner zu Rufach, erkoim hatten, der auch ihre Sache vertrat. Man könnte hierüber erstaunen, aber im 15. und 16. Jahrhundert ist die Erscheinung nicht selten, daß adelige Her?en sich irgend einer Persönlichkeit, die glaubte, es sei ihr Unrecht geschehen, annahmen und das wirkliche oder dermeintliche Recht derselben selbst mit Waffengewalt vertraten, woraus oft große Fehden entstanden. Man wäre ber im Irrthum, wenn man glaubte, das sei aus Menschlichkeit geschehen. Bei einer solchen Fehde konnte man unter dem Scheine des Rechtes altenGroll austragen. dem Gegner schwer schaden, sich selbst bereichern und mal wieder gehörig raufen. Der Städtetag fand statt und man kam dem Maientag dadurch zuvor. Beweis aber, daß Beispiele anlocken, findet man auch hier. Den Schuhmachergesellen machten es andere Gewerke nach und forderten zu gemeinsamem Handeln auf. Leider erfährt man den eigentlichen Grund des Streiks der Schuhmachergesellen uicht. Man kann ihn sich aber denken. Eine Reihe von Verordnungen vom Ende des 14. und Ansang des 15. Jahrhunderts lassen erkennen, daß unter den Gesellen der verschiedenen Handwerke in jener Zeit ein widerspenstiger Geist" herrschte und das Blaumachen" keine Seltenheit war Wohl strebten die Gesellen nach Vereinigung und waren auch vi:lfach mit gewissen Corporationsrechten versehen. Vit Meister dagegen hatten in denZünften einen starken Rückhalt und auf ihrer Seite stand in der Regel -die Oörigkeit. Die Verschwörung der Schuhrnachergesellen war zu früh bekannt geworden und damit auch gescheitert. Sie erreichten nicht nur ihren Zweck nicht, sondern man beschnitt ihnen auch noch die Rechte, die sie sich nach und nach er, warben. Die Schuhmacher wie die anderen Gewerke hatten sogenannte Bru, derschaften, wie wir sie bei denMeistern der Zünfte auch ähnlich finden, die in erster Reihe zwar kirchlichen Zwecken dienten, aber durch gemeinsame Kasse und sonstige straffere Vereinigung der Einzelnen in Streitfällen mit den Meistern gegen diese auch Verwcndung fanden und finden konnten. Nun hieß es auf dem Städtetag. daß stmlichen antwerke knechten (Handwerksgesellen) nit gestattet werden sollte, gemeyne (gemeinschaftliche) lassen oder soliche gemeinschasft miteinander zu haben weil diese Hilfskassen landen und luten fchedelich sind". Von dauindem Erfolg waren diese und ähnliche Verbote aber doch nicht; denn in der Folgezeit sehen wir an vielen Orten und von den verschiedensten Gewerken dergleichen Bruderschaften in's Leben gerufen. Es ist von Interesse, zu sehen. wie sich schon in jenen Zeiten das genossenschaftliche Leben der HandWerksgesellen entwickelte.. Wie sich schon mehrere Jahrhunderte zuvor die Handwerker in den Städten fester aninander schlössen zu mächtigen Zünfien. um dem Überhand genommene?' Hochmuth und der Gewaltthätigkeit des Adels und der Patrizier die Spitze zu bieten, so hatten nun die Gesellen von den Meistern gelernt, mit vereinien Kräften zu arbeiten. E r hat recht. Schaffner: Ja, Donnerwetter, ich hab' Ihnen doch gesagt. Sie sollen vorn aufsteigen!" Bauer (der um den ganzen Wagen der elektrischen Bahn herumgelaufen und schließlich doch wieder nach hinten gekommen): Ja. seitdem Ees ioa Roß mehr vor'm Wagen hoabt, weiß ma net mehr, wols hint' und woas vorn is!" Das geschmeichelte Portrat. Nun. Adolf, wie gefällt Dir xr.t'm Porträt?" Großartig. EgJaniine!" Ich möcht' nur wünschen, daß Du dem Bild auch nur manchesal ähnlich sehen möchtest l" . .
Die kleine 'Flachvarin. Novellette von Loaise Roth. Sie waren Nachbarslinder. Franz erinnerte sich noch genau, wie die Mutter früh beim Kaffee gesagt hatte: Drüben bei Professors ist gestern der Storch eingekehrt, natürlich ist's wieder ein Mädchen." Er, der damals Sechsjährige, hatte bei dieser Nachricht nur gleichgiltig mit dem Kopfe genickt; wie konnte es denn auch anders fein! Zu den vier Professormädeln mußte ja noch in fünftes kommen! Als gleich darauf Apothekers Fritz in's Zimmer stürmte und ihm erzählte, daß der alte Hubner, Professors Hausmann, sechs junge Meerschweinchen habe, dünkte ihm dies Ereigniß weit wichtiger, als die Ankunft der kleinen Nachbarin. In der darauf folgenden Zeit verlor Franz die kleine Nachbarin aus den Augen, das heißt, er achtete nicht weiter auf die Hausmannsfrau, die jetzt wieder ein großes weißes Bündel mit sich herumschleppte, welches sie Wohlwollend. aber nicht gerade sanft klopfte, sobald ein schreiender Ton daraus hervordrang. Sehr erstaunt roar er nur, als er ungefähr nach Jahresftist ein kleines, braunhaariges Mädchen im Hofe auf Händen und Füßen Gehversuche machen sah. Ja, ist denn das Euer Letztes?" sragte er. Nun freilich! Das ist ja die Tilly." ntgegnete die alte Frau, die. emsig strickend, auf einerBank saß und gleichmüthig den erfolglosen Bemühungen des Kindes zusah. Tilly?" wiederholte Franz. so heißt aber doch kein Mädchen. Das war ja der böse General aus dem dreißigjährigen Kriege," kramte er seine Schulweisheit aus. Die Wärterjn riß ihre runden Augen weit auf. Mathilde ist sie getauft, und Tilly heißt sie, sie hat den Namen nun einmal weg," antwortete sie. Mitleidig richtete Franz Tilly, die soeben wieder hilflos in den weichen Sand rollte, empor und säuberte ihre Kleider, die Spuren der wiederholten Niederlagen trugen. Fest umklammerte dabei die Kinderhand seine Finger, stramm richtete die kleine Gestalt sich in die Höh, schnell wagte sie einen Schritt vorwärts und nun noch einen; wie gut das ginq. jetzt, da sie eine feste Stütze hatte. Lächelnd blickte Tilly zu dem Knaben auf, der ganz glücklich über den Erfolg feiner Hilfeleistungen war. Ich komme morgen wieder," sagte er tröstend, als die Wärterin sich anschickte, Tilly in's Haus zu tragen und diese in lautes Weinen ausbrach. Er hielt auch Wort; jeden Tag kam er von nun an und spielte mit der kleinen Nachbarin, die an seiner Hand laufen lernte; schon von Weitem jauchzte sie ihm zu und streckte ihm die runden Arme entgegen. Sein Name war der erste, den sie sprach, und bei jedem Schmerz, der dem Kindergemüth widerfuhr, mußte er der Tröster sein. Anfänglich wußte Franz nicht recht, wie er sich zu den Zärtlichkeiten des kleinen Mädchens, die er mit seiner siebenjährigen Knabenwürde nur sehr schwer in Einklang zu bringen dermochte, verhalten sollte. Aber er war zu gutmüthig, sie abzuwehren, und als sie im Laufe der Zeit ine große Beimischung von Bewunderung erhielten, empfand er sie als sehr wohlthuend. Ein festes Freundschaftsband knüpfte sich zwischen den beiden Nachbarskindern. Später war Fritz Ärenken, Apothekers Einziger, oft der Dritte im Bunde; aber der regte nur immer lärmende Spiele an, erzählte aufschneiderische Geschichten und gebärdete sich überhaupt wie der große Kickerickihahn. Wie schnell die Zeit dahineilte! Tilly ging jetzt zur Schule, und ihre Büchermappe enthielt schon recht viele Weisheit. Trotzdem machte ihr das Lernen nicht gerade viel Freude. Franz, guter Franz," hörte der Gymnasiast Abends oft rufen, wenn er in seiner' Stube über lateinische und griechische Exercitien gebeugt saß. Was gibt es denn nun wieder, Kind?" sragte er, aufstehend. Ach, der Aufsatz und die Uebersetzung aus dem Plötz, Du glaubst gar nicht, wie schwer das Alles ist!" sagte sie treuherzig, ihr rosiges Gesicht, das bei Aufzählung dieser Calamitäten ganz unglücklich aussah, durch den Gartenzaun zwängend. Bereitwillig half Franz der Bedrängten' über alle Schwierigkeiten hinweg. Wenn Fritz gerade Langeweile hatte, pflegte er sich auch einzufinden; aber der machte nichts als Unfug und Tilly noch viel zerstreuter, als sie ohnehin schon war, neckte sie, zog sie am Zopf und fragte sie wie von ungefähr über die Mädchen in der ersten Klasse aus, von denen er mit dieser oder jener kleine Beziehungen unterhielt; war er doch in dem Backfischaquarium ebenso gut orientirt, wie im Gymnasium. Franz war oft recht un gehalten, wenn Tilly, anstatt aufzupassen, auf Fritzens Windbeuteleien hörte; es war daher recht gut. daß der junge Schweren'öther nach bestandenem Examen die Universität bezog. Als Franz neunzehn Jahre zahlte, schlug auch für ihn und seine kleine Nachbarin die Trennungsstunde; er ging nach Göttingen, um Medicin zu studieren. Da bei Professors kein Familienleben herrschte Professor Frank war sehr gelehrt und hatte stets den Kopf voll, die Professorin war noch gelehrier und hatte daher den Kopf noch voller, und die vier erwachsenen Professorenmädel amüsirten sich auf ihre Weise fühlte Tilly sich nach ihres Freundes Abreise sehr vereinsamt. Um so größer war die Wiederschensfreude, wenn er auf Ferien kam. , i Sechs Semester studierte Franz nun
schon, tln ganzesJahr war er nach dem Tode der Mutter der Heimath fern ge blieben, unerwartet kehrte er eines Tuges zurück. Der über und über in Blüthe stehende Süßapfelbaum im Nachbargarten, unter dem 'er so oft mit Tilly gespielt, zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Die breiten, niederhängenden Aeste auseinander biegend, fielen sein Blicke auf ine schlanke Mädchengestalt, die emsig arbeitend auf einer Bank saß. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, so daß er nur die Conturen der zierlichen Figur, einen dichten, dunklen Haarknoten, sowie ein rosiges Ohr sah. Sein etwas schwerfälliger Schritt schreckte sie auf, und da flog sie ihm entgegen, fest umschlangen zwei weiche Arme seinen Nacken. Es durchzuckte ihn wundersam bei dieser Berührung. Sieh da, Tilly, wie groß Du geworden bist," stotterte er; es fehlte nicht viel und r hatte gesagt, wie schön Du bist. Nun ja, Franz, es ist nun einmal so der Lauf der Welt, daß aus Kinden Leute werden," rief sie lachend. An seinem Arm hängend, fragte si eindringlich, wie es ihm ergangen sei; er antwortete befangen, es war das erste Mal in seinem Leben, daß er der kleinen Nachbarin gegenüber verlegen war, und je harmloser sie plauderte, desto verlegener wurde er. Sie hatte ihn in's Haus geführt. Wie nett und traulich es jetzt hier war, während doch sonst bei Professors eine geniale Unordnung geherrscht hatte. Du weißt ja, Franz. daß ich von jeher einen harten Kopf gehabt habe, und da bin ich denn zu nichts weiter zu gebrauchen, als die Stuben aufzuräumen und den Kochlöffel zu schwingen," sagte Tilly in ihrer einfachen Weise. Als ob die Rolle des Hausmütterchens nicht die allerschönste sei," entgegnete Franz eifrig. So, meinst Du wirklich?" sagte Tilly zerstreut, während doch Rosengluth in ihre Wangen trat. Franz ahnte freilich nicht, daß, indem sie das offen Fenster schloß, Fritz Brenken. der als frischgebackener Referendar in der Stadt weilte, ihr im Vorübergehen einen seiner unwiderstehlichsten Blicke zugeworfen hatte. Eine Sekunde sah sie dem eleganten jungen Manne nach; sich umwendend, fiel ihr zum ersten Mal das wenig vortheilhafte Aeußere ihres Gastes auf. .Wie eckig waren seine Bewegungen, wie schwerfällig feine gedrungene Gestalt! Doch sich sofort der Lieblosigkeit gegen den Freund zcihend, versuchte .sie das, wenn auch nur in Gedanken begangene Unrecht durch verschiedene kleine zarte LiebensWürdigkeiten, an denen das weibliche Geschlecht so erfinderisch ist, wieder gut zu machen. Franz' Augen hatten einen eigenartigen Glanz, als er Tilly verließ. Noch eifriger als sonst widmete er sich von nun ab seinen Studien, unaufhörlich strebte er, im Leben eine Stellung zu erringen. Bald legte er denn auch mit Ehren sein Examina ab; aber nun ging es ihm, wie es so Vielen ergeht: er stand am Markt und schaute nach Arbeit, und zwar nach lohnender Arbeit aus. Wohl brauchte die leidende Menschheit seine Dienste, doch nur Wenige waren unter ihr, die sie ihm mit klingender Münze vergalten. Sein Vater hatte ihm nur so viel hinterlassen. um sich mit dem erforderlichen Rüstungsmaterial zum Kampfe für's Leben auszustatten, den eigentlichen Kampf mußte er jedoch auf eigene Kosten unternehmen, undLetzteres war schwer für den jungen Arzt. Doch unverdrossen arbeitete er, und wenn einmal seine Krast zu erlahmen drohte, sofort stand da die kleine Nachbarin in ihrer ganzen Holdseligkeit vor seinem geistigen Auge, ihn immer von Neuem anspornend. Er gönnte sich nichts weiter, als die täglichen Bedürfnisse, die er, gleich einem Weisen, zu beschränken verstand. Und endlich nach vieler Mühe, nach vielen Entbehrungn war es so weit, es reichte für zwei. In glückseliger Stimmung, voll freudiger Hoffnung, reiste er in di Heimath. Sein erster Gang war zu Tilly. Es verstimmte ihn, sie nicht zu Hause anzutreffen. Langsam ging er in seinem Zimmer auf und nieder, immer dabei Professors Haus im Auge behaltend. Draußen dämmerte es bereits stark. Dörte, die alte Dienerin seiner verstordenen Mutter, brachte die Lampe herein. Leise, aber seltsam hastig, schwebte es da die Treppe herauf, kurz und rasch wurde an die Thür geklopft, noch ehe er herein rufen konnte, stand Tilly vor ihm. Schnell, in kurzen abgerissenen Sätzen, mit fliegendem Athem und in höchster Todesangst begann sie zu sprechen. Er starrte sie an, mechanisch glitt er mit der Hand über die Stirn. So hilf ihm doch, Franz." rief sie verzweifelt. Wem denn, Kind, wem denn?" fragte er, obgleich sie den Namen wieverholt genannt hatte. Nun, dem Fritz; hörst Du denn gar nicht? Ich bin ihm mt, seitdem ich denken kann." schluchzte sie, ihn am Arm ziehend, als er noch immer nicht Miene machte, zu gehen. Mechanisch griff er nach seinemHut; unwillkürlich den geschäftigen Schritt, der dem Arzt eigen ist, annehmend, ging er an ihrer Seite die Treppe hinunter. Beim Scheibenschießen war's geschehen.. daß eine Kugel sich verflogen und den Assessor Fritz Brinken getroffen; besinnungslos hatte man ibn in seine Wohnung getragen. Ein fragender Blick des jungenArz tes streifte Tilly. als sie hier angelangt waren. Ich werd draußen warten," sagte sie leise. Mit festgeschlossenen Augen lag der Verwundete auf seinem Lager. Franz untersuchte die Wund, er fand, daß diese, wenn auch gefährlich, so doch
nicht tödtlich sei. Warum war nur seine Hand so seltsam schwer und ungelenk, während sie den Verband anlegte? Und warum glühte in seinen Augen so eine eigenartige Flamme, sobald sie in das schöne blasse Gesicht des ehemaligen Schulkameraden blickten? Er hatte Tilly Bescheid über Fritz sagen lassen, ihr ihn selbst m überbringen war er nicht im Stande; die Schaar müßig Neugieriger, die in der ersten Aufregung sich herangedrängt, entfernte sich, er war allein mit seinem Patienten. Ich bin ihm gut, seitdem ich denken kann," gellte es unablässig in seinen Ohren. Blitzartig zog sein ganzes Leben an seinem Geiste vorüber, wie er sich unaufhörlich von früh bis spät gemüht hatte, nur um sie zu erringen, und nun, da es so weit war ? Ein namenloser Schmerz, etwas wie Mitleid mit sich selbst, erfaßte ihn, er hatte das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, leise lösten sie sich endlich von seinen heißen Wangen. Fest richteten sich seine Blicke auf den Kranken, und je länger er ihn ansah, desto mehr schwand die weiche Regung. Ein heimlicher leiser Groll gegen den Freund, der ohne Mühe ihr Herz geWonnen, den das Schicksal in jeder Weise begünstigt hatte, stieg in ihm auf, und die Empfindung steigerte sich bis zum Haß. Eine wilde zügellose Flamme schoß in ihm empor. Ha, wenn er stürbe! Tilly würde überwinden und dann noch die Seine werden. In seinem Innern jauchzte und frohlockte es bei diesem Gedanken. Wie eine grelle Dissonanz .wirkte der leise Athemzug, der jetzt zu ihm drang, mit Schrecken erfüllte ihn das wärmereJnkarnat, welches das Gesicht des vor ihm Liegenden färbte. Mit inem jähen Ruck sprang Franz auf. Seine Augen glühten. Nein, Fritz durfte nicht leben! Wenn r nun den Verband ein wenig verschob, ganz wenig nur, so daß die Wunde bei der ersten leisen Regung des Kranken wieder aufbrechen mußte? Wer wollte und konnte ihm denn etwas beweisen? Der gute Geist war von Franz gewichen, sein ganzes Denken und Empfinden in einem selbstsüchtigen Wunsch untergegangen. Instinktiv hatte er die Lampe niedergeschraubt,die That, die er ausführen wollte, konnte kein Licht vertragen, und nun streckte er die Hand aus Seine Hand zitterte wie im Frost, während sie auf dem leise schlagenden Herzen des Verwundeten ruhte. Es war ja nur eine klein Bewegung, die ihn von dem Nebenbuhler befreien sollte, aber trotzdem sie vorsichtig ausgeführt werden mußte, hatte er sein Gesicht abgewandt; wie nach einem festen Punkt suchend, irrten seine Blicke umher, endlich blieben sie auf einem hellglänzenden leuchtenden Etwas, das durch die spärlich verhüllten Fenster blinkt, haften. Franz kannte s wohl, es war derselbe Stern, der, als er noch Kind gewesen, gerade auf sein Bett geschienen, wenn er seinen Abendsegen gesprochen und die Mutter andächtig seine kleinen Hände in einander gelegt hatte. Das alte einfache Kinderlied kam ihm wieder in den Sinn, unwillkürlich sprachen es seine Lippen, deutlich stand das Bild derMutter vor ihm, wie sie, an seinem Bett sitzend, einen kurzen Ueberblick über sein tägliches Thun und Treiben hielt und mit der frommen Mahnung, niemals den Engel, der jedem Menschen beigegeben ist, und der jedes Unrecht und jeden Fehl ins große Schuldbuch einträgt, zu erzürnen, ihm den Gutenachtkuß auf die Stirn drückte. Franz hatte seine Hand zurllckgerissen und war am Lager des Freundes in die Knie gesunken; hätte der hellleuchtend Mahner nur ein Sekunde später sein Licht zu ihm aesandt, der Engel würde eine Schuld verzeichnet haben, die r wie eine unsichtbare Last mit sich herumschleppen und die' ihn zu Boden hätte drücken müssen. Die furchtbare Erregung, die seme Sinne irre zu leiten drohte, war verflogen; er wußte nicht, wie lange er knieend neben dem Verwundeten verharrt hatte. Lautlose Stille herrschte um ihn her, und still wurde es auch in ihm; es war einer jener großen Augenblicke, in totU chen der Mensch den guten Engel gehen hört, der dem bösen eine Seele abgerungen. Als Franz aufblickte, hatte er di Empfindung, als breite sich helles Licht um ihn aus; tief beugte er sich über den Freund, in dem er jetzt nicht mehr den Nebenbuhler, sondern nur noch den Kranken sah, der seiner Hilfe bedürfte. Und während er gewissenhaft Wache bei ihm hielt, dachte er wieder an sein Leben zurück, dieses Mal aber in anderer Weise als vor einer Stunde. Ja gewiß, er hatte gearbeitet, unaufhörlich, ohne zu rasten; aber war seine Arbeit denn auch wirklich derartig gewesen, daß sie einen hohen Lohn verdiente v Hatte ihm bei ihrer AusÜbung nicht immer nur der Gewinn, durch welchen er sein eigenes Glück gründen wollte, vorgeschwebt? Man rühmte ihn allgemein als geschickten Arzt, konnte er doch viele Erfolge aufweisen; aber wie selten hatte er daran gedacht, daß in dem Menschen eine Seele wohnt, die oft mehr krankt als der Körper, und daß es nur eines herzlichen Wortes bedürfte, um auch ih? einen Tropfen Balsam zu spenden, wie selten hatte er mit seinen Kranken gelitten, wie selten mit ihnen gefühlt? Noch nie wär ihm sein Beruf so groß und schön erschienen wie in dieser Stund der Einkehr, in welcher er zugleich zu der Erkenntniß gelangte, ihm nicht in .rechter Weise gedient zu haben und den festen Vorsatz faßte, ihm von nun ab seine ganz Kraft zu wihen. Der Kranke öffnete die Augen. Wie kommt es, daß Du bei mir bist, Franz?" fragte er erstaunt. Tilly rief mich," antwortete der Arzt, den Freund bedeutend, zu schwei atn; als er merkte, daß diesem noch
eine Frage auf den Lippen schweb!?, fügte er leise hinzu: Ich werde morgen Tilly zu Dir führen." Er sah. wie ein glückseliges Lächeln sich über das bleiche Gesicht breitete, das selbst im Schlummer nicht von ihm wich. Den nächsten Tag ging Franz zu Tilly. Wie eine Verklärung lag es auf seinen Zügen, und während er mit ihr sprach und si zu dem Freunde geleitete, hatte er die Empfindung, als sei sie eine ganz Andere als früher; noch immer war sie die helle Lichtgestalt für ihn, aber er konnte sie ansehen ohne jeden begehrlichen Gedanken. Franz kehrte in sein Verufsstadt zurück. Seine Patienten fanden ihn verändert; er sprach nicht mehr als sonst, aber er hatte jetzt so etwas Eigenes in Ton und Blick, das wohlthuend berührte. Noch eifriger als früher ging er feinem Beruf nach, den er mit voller Hingabe erfüllte. Manch gute Saat streute er aus, manch verzagtes Gcmüth richtete er empor, und mancher verirrten Seele half r wieder auf den rechten Weg. Allabendlich wanderten seine Blicke hinauf zum Firmament, ein stummes Dankgebet begleitete sie. Ahnte doch Niemand, welch große Dankesschuld er einem der unzähligen leuchtenden Gestirne abzutragen hatte.
Spargel. Bon Theodor v. Liska. Er saß der schönen Dame etwas verschüchtert gegenüber in dieser traulichen, niedlichen Frauenstube, die sie sich in ihrer Villa ganz nach ihrem Geschmack und ihrer Bequemlichkeit eingerichtet hatte. Ueberäll schwellend klein Sophas und Lchnstühle mit weichen seidenen Kissen, seidene Stoffe an den Wänden mit kostbaren Stickereien, zierliche Bronzen und Porzellane auf allen. Stellagen und den verschiedenen Tischchen mit eingelegten Platten. Hinter den seidenen Vorhängen S.'itzenstores, die das kleine Gemach etwas verdunkelten und künstlich einen Dämmerschein schufen, wie er f die Plaudereien zu Zweien wohl am Gefährlichsten ist. Was ihn ab:r vor Allem verwirrte und berauschte, war der schwüle Duft in der Stube diese Wolke vonMillefleurs, die ihn hier umfing, die sich ihm auf die Brust legte und ihm den Athem benahm. Ach. er kannte dieses Parfüm nur zu gut. Ihre Kleider, ihre ganze Person strömten es aus, und in dem Zauber, mit dem sie ihn in letzter Zeit umfangen, spielte er keine geringe Rolle. Er verspürte es sogar im Traume, und selbst im Schlafe stieg es ibm zu Kopfe. Langsam hatte es Macht über ihn gewonnen, nun aber war er in diesem Dunstkreis wie bethört und ohne Willen! Weich gab er sich dem Zauber hin. War sie nicht schön, entzückend schön? Sie mochte wohl um einige Jahre älter sein als er. Was that das aber? Sie war noch immer ein junges Weib, eine schöne, verführerischeWittwe, die kaum so viel in der Ehe gelebt, als eben nöthig ist, um einer richtigen Evastochter jene kleine Dosis Pilanterie und Raffinement zu verleihen, die die Frauen um so viel anziehender und gefährNcker macht. Warum hatte er nur gegen die Neigung zu der fchönen Frau angekämpft, lange und hartnäckig? Er konnte sich kaum Rechenschaft darüber geben. Wahrscheinlich weil sie reich war. Denn er war ein Schwärmer, der Alles der eigenen Kraft, dem eigenen Wissen, dem eigenen Talent danken wollte. Er hatte gelernt und gedarbt, und nun kamen langsam die Erfolge. Er war BildHauer, und seine modernen kleinen Statuetten gelangten zu Werth. Wer hatte es noch vor ihm gewagt, die Serpentintänzerin mit der flatternden, leichten Gaze, die si am Leibe hat, in der Bronze festzuhalten? O, das ging noch über den Marmor, der den Spitzenschleier der Giuletta mit seinen zierlichen Stickereigewinden und dem weichen Faltenwurf nachahmte. Man begann, seinen Namen zu nennen, die Bestellungen kamen. Wie stolz machte ihn das bescheidene Auskommen, das ihm seine Arbeit schon sicherte! Und ärmlich und lächerlich, wi überflüssig erschien es gegenüber dem Reichthum der jungen Wittwe, in deren Netze er sieb verfing Es ist schön, daß Si Ihre Zusage hielten und zu meinem einfachen Abendbrot herauskamen. Ich habe mich auf unsere kleine Plauderstunde sehr gefreut. Sie sollen nicht lange warten. Ich sehe Victorine schon Zeichen machen. Wir speisen nämlich auf der Veranda, Herr van Sloet. Ist es Ihnen recht?" Ob s ihm recht war! Die schöne Frau hatte die Verwirrung wohl bemerkt, die den jungen Mann in dem Boudoir umfing. Darum hatte sie schlau auf der Veranda decken lassen. Erst der würzige Kaffee sollte in der Stube eingenommen werde und . dann, im geeigneten Augenblick, wollte sie ihn zu der Erklärung drängen, die si so heiß ersehnte. Wir haben heute Spargel, Herr van Sloet. Lieben Sie den Spargel?" fragte die schöne Frau, als die Zofe die Schüssel mit der köstlichen Vorspeise auf den Tisch stellte. Wie auch nicht, meine Gnädige, wenn er so schön ist, wie dieser hier!" Es ist felbstgezogener," sagt die Dame. Darf ich Ihnen auflegen? Ich fürchte, daß Sie zu schüchtern im Zugreisen sind. Und diesem Spargel darf man schon alle Ehre erweisen. So! Ja, selbstgezoge!. das macht mich besonders stolz. Es gehört übrigens nicht viel dazu, ihn zu ziehen, und er ist äußerst dankbar. Nur wenige Jahre der Pflege braucht , er, und durch Decennien bietet er dann feine prachtvollen Stangen, und im Sande gedeiht r am Besten, nur nicht zu trocken darf r sem. Ist das Genüg-
samZeit? Im schlechten Sande zu vegetiren und Jedermann durch seine kostlichen Gaben zu entzücken das sind nu Pflanzen zu thun im Stande. Glauben Sie, daß es auch folche Menschen gibt?" O, es gibt welche," sagte der BildHauer, und sein Gesicht verklärte sich plötzlich. Ich kenne ein junges Mädchen, das bei uns im Hause wohnt, in einer ärmlichen Hinterhaus - Wohnung, mit einem alten, kranken Vater, der Briefträger ist und an der Lunge leidet, und drei kleineren Geschwistern, die ihrer Obsorge überantwortet sind. Licschen heißt sie und kaum siebzehn Jahre ist sie alt. Den Vater pflegt sie, verscheucht feine Sorgen und tröstet ih- über sein Leiden die Kinder herzt und behütet und commandirt sie. Alles hält sie in Ordnung, spiegelblank ginge ihre flinke Nadel nicht in jener freien Minute, der Familie fehlte es auf allen Seiten und dabei bleibt ihr noch Zeit, wie eine jubelnde Lerche ihre Lieder zu trällern. Sie klingen in meinen Arbeitssaal herüber, und wenn ich sie höre, geht mir das Herz auf " Kurz, Sie sind bis über die Ohren in das Gänschen verliebt," sagte die Dame mit etwas heiserer Stimme und begleitete ihre Worte mit einem kurzen, gezwungenen Lachen. Er fuhr zurück, als hätte eine Natter gezischt. Waö sagte sie da? Ich meine" sagte er nach einer kurzen, schrien Pause stotternd es gibt wohl auch Menschen wie die Spargelpslanze da die im kärglichen Sar wachsen und gedeihen ' ?uc c.iizücn und Allen Reiches bieten und wie das hier eine Herrliche Pflanze ist sind das nicht Herrliche Menschen?" Er hatte eigentlich die Absicht gehabt, etwas ganz Anderes zu sagen, nur mti gleich gefunden, was der Spargel war einmal verhängnißvoll und liest isn seine Ungeschicklichkeit noch verrl'ßern. Die Dame antwortete ihm gar nicht auf s'ine Frage, und dann le.ilte sie die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand. Aber das Gespräch kam nicht mehr recht in Gang und stockt mehr als einmal. Der junge Mann dacht immer an Das, was die Dame gesagt. Ja, es war wahr, sie hatte es errathen, er war derliebt und hatte es gar nicht gewußt, und Alles jubelte in ihm. daß er es nun wußte. Auch die Dame dacht an andere Dinge, und die Unterhaltung wurde immer gezwungener selbst der vorzügliche Braten, ein ausgezeichnete Pastete, ein reicher Nachtisch und löstliche Weine änderten nichts daran. Und der schwüle Duft des Boudoirs, wo der würzige, heiß Kaffee mit dem milden Cognac credenzt wurde, verw.irrte ihn nicht mehr, und die Dame dachte gar nicht mehr daran, den verführerischen Reiz, den das capriciöse Interieur vielleicht auf ihn ausübte, für besondere Zwecke zu benützen. Himmel, waren die Beiden froh, als sie endlich auseinandergingen. Als der junge Mann auf die Straße kam, blickte er zu den Sternen empor. Lieschen! Lieschen!" sprach er leise und zärtlich in die Nacht hinaus.
Gedankensplitter. Schmeichelei ist das Niedrigste, wodurch man hoch kommen kann. . Gar mancher sieht deshalb allein Auf andrer Kenntnisse herab, Weil er erwecken will den Schein. Daß er das längst vergessen hav' ! Die meisten von denen, die nie etwas Unrechtes gethan, haben auch nie etwas Rechtes gethan. Ueber andre sich erheben Ist des Strebers einzig Streben: Geht's gerade nicht, geht's krumm Oder wohl auch hinten 'mm l Es weckt die Blumenqeister Die Sonne aus der Flur; Der Schüler lernt vom Meister, Der Meister von der Natur. V i l Leute werden erst gescheit, wenn sie gesch:itert sind. Man findet eher einen, der der Schmied feines Glücks, als der Meister seines Unglücks ist. . Aus tausend Balken setzt Sich ein Palast zusammen; Ein kleines Hölzlein bringt Das Riefenwerk in Flammen. Was nützt der eigne Herd, wenn die Frau nicht kochen kann. Wenn man über Undank schimpfen hört, sollte man glauben, daß es sehr viele Wohlthäter gibt. Mancher spricht verächtlich über Schranzenthum, und es fehlt ihm doch nur die Gelegenheit das seinige zu bethätigen. i Freundschaft ist käuflich, Neid muß ehrlich erworben werden. Es gibt Wohlthäter, die das Gute üben, um der Zinsen willen. Nicht was du erlernt, sondern was aus dem Erlernten als Neues deinem Geist entkeimt, erhebt dick über deine Mitmenschen. Der Schwerenöther. Junge Dame: Wie kommt es nur, Herr Lieutenant, daß ich Sie jetzt eine volle Woche nicht in meiner Nähe gcsehen habe?" Lieutenant: Arzt hatte mir für einige Zeit alles Reizende" verboten!"
ßine freudige j2TU)nd. Humoreske von Rudolph Braune. Es war im Jahre 1848, in dem so vieles verbessert und der Neuzeit angemessen verändert wurde, in dem viele alte Gebäude bis auf die Grundmauern abgebrochen und mit neuem Oberbau versehen wurden. Der Rechtsanwalt Ermisch kam Abends um acht Uhr in das Casino der kleinen hessischen Stadt, in der er lebte. Er wollte seinen gewohnten Abendschoppen trinken und die neuesten Zeitungen lesen; denn in dieser Zeit war Zeitunglescn das Interessanteste, was man thun konnte. Die hessischenStänd waren in Kassel versammelt und jeder Hesse verfolgte ihre Verhandlungen mit Spannung. Ermisch bestellte seinen Schoppen und suchte in der Zeitung nach dem Bericht über die Thätigkeit der Stände. Aha, da hatte er ihn. und da, das war ja herrlich, das war eine Nachricht für seinen Freund Häcker, den Pastor des anderthalb Stunden entfernten Bergdorfes. die wollte er ihm doch gleich hintragen. Was versetzte den Rechtsanwalt in solche Aufregung? Er las, daß die hessischen Stände das Minimaleinkommen der Pastoren auf 300 Thaler festgesetzt hatten. Das war viel werth, denn es gab eine ganze Anzahl schlechter Psarrstellen, deren Einkommen noch lange nicht 300 Thaler betrug. Und zu Denen, die eine solche schlechte Stelle innehatten, gehörte des Rechtsanwalts bester Freund. Daher seine Eile, mit der freudigen Nachricht noch denselben Abend anderthalbStunden weit zu laufen. Er leerte schnell seinenSchoppen und' machte sich auf die Strümpfe. UnterWegs malte er sich die Scene aus, wenn er Freund Häcker das große Glück verkündete. Der würde vor Freude ellenhoch springen, ihm um den Hals fallen, ihn unter Küssen fast erdrücken und dann für den Ueberbringer des großen Looses auffahren lassen, was in Küche und Keller vom Besten war. Denn es war ja ein ungeheures Glück, was da Häcker zufiel. Saß er da schon fünfundzwanzig Jahre in dem elenden Neste unter armen Waldbauern und kriegte trotz aller Bemühungen keine andere Stelle. Ja, wer Pech hat! Und dabei war die Stelle, wie Jedermann wußte, wirklich schlecht. Wie mußte er sich da freuen, wenn er nun 300 Thaler jedes Jahr kriegte! Das hatte er sich wohl in den kühnsten Träumen niemals einsallen lassen. 300 Thaler, 300 Thaler! Er sah schon Häcker's strahlendes Gesicht. Denn wie viel Gewalt mochte der jetzt haben? Hm. er hatte niemals darüber gesprochen, man wußte nur. daß er eine schlechte Stelle hatte, vielleicht so 150 bis 180 Thaler. Und was ihm die Kaffern zutrugen an Butter. Eiern und Würsten, das trug doch höchstens 20 Thaler, denn die hatten ja selber nichts zu beißen. Unter solchen Gedanken war er in's Dorf und vor das Pfarrhaus gekommen. Alles dunkel! Ist's denn schon so spät? brummte Ermisch. ' Hm. halb 10 Uhr. Freilich, auf dem Dorfe geht man ja mit den Hühnern zu Bett. Er klopfte, klopfte ziemlich lange, ehe die' alte Haushälterin des Pastors die Hausthür öffnete. Herrjeses, Sie sind's, Herr Rechtsanwalt! Wo brennt's denn?" Es brennt gar nicht. Aber wecken Sie mal fix den Herrn Pastor, ich habe eine freudige Nachricht für ihn! Halt, sagen Sie lieber, eine sehr freudiges Er schnappt sonst über, dachte er. Nach zwei Minuten stürmte die hagere Gestalt des Pastors in's Zimmer, eingehüllt in einen alten, abgetragenen Schlafrock. Ernst, was hast Du?" Denke Dir, die Stände haben das Minimaleinkommen der Geistlichen auf 300 Thaler festgesetzt!" 300 Thaler?" stotterte .der Pastor und sank leichenblaß und am ganzen Körper zitternd auf einen Stuhl. Er fprang nicht ellenhoch, er küßte nicht, er ließ nicht auffahren was dem Rechtsanwalt schließlich das Wichtigste gewesen wäre, denn der weite Marsch hatte ihm Hunger und Durst eingebracht er zitterte auf dem Stuhle. 300 Thaler?" fragte er noch einmal und sah scheu nach der Thür, ob sie auch Niemand belausche. Nanu?" platzte Ermisch los. Was soll denn das vorstellen? Ich denke. Du sollst Dich freuen, sollst womöglich vor Freude überschnappen und Du freust Dich gar nicht?" Wie soll ich mich über eine derartige Nachricht freuen?" antwortete der Pastor und wisckte sich den Angstschweiß von der Stirn. Komm, setz' Dich her. ich will Dir das erklären! Du denkst wohl gar. ich bin übergeschnappt? Nee, hab' keine Bange! Also Ihr denkt, ich habe eine schlechte Stelle aber ich habe ich habe eine sehr schlechte Stelle: 120 Thaler, keinen Pfennig darüber. Und was mir die Bauern zutragen, ist auch nicht so sehr schlimm. Aber ich habe mir in den 25 Jahren, die ich hier bin, ein Junggeselle hat ja nicht so große Ansprüche, 2000 Thaler gespart. Nun soll ich auf einmal statt 120 gleich 300 Thaler kriegen? Mein Gott, was scll ich denn mit dem vielen Gelde anfangen? Ich werde keine Nacht mehr tu hig schlafen können, ich werde immer denken, es wird eingebrochen, und ich werd todtgeschlagen!" ' Des Rechtsanwalts Lachen unterbrach des Pastors Jammern. Das muß ich sagen," rief er, Du bist mir der Rechte! Wenn Du allein das viele Geld nicht unterbringen kannst, ladest Du Deine Freunde tr ein. die werden es schon vermöbels Aber der Pastor hörte gar nich: tf den Trost. Nein, nein," seufzte er, daöZst keine freudige Nachricht, das ist ine Hiobspost und nun beginnen die Soraen die Soraen!" t
