Indiana Tribüne, Volume 21, Number 291, Indianapolis, Marion County, 10 July 1898 — Page 7
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ßine fromme Lüge. Wonbelene Lang-Anton. Muttinq. wo ist der Vater? Wa-
Y mm habe ich keinen Vater? Die Kinder in der Schule haben Alle einen Vater, nur ich nicht! Sie verspotten mich und fragen mich nach ihm. Wo ist er? Führ' mich zu ihm oder bring' ihn her!" Das sechsjährige Mädchen stand mit flammenden Backen und mit Thränen in den Augen und klopfte mit der kleinen geballten Faust energisch auf die alte, abgenutzte Nähmaschine, an der die Mutter saß und emsig arbeitete. Hastig unterbrach diese die Arbeit, als sie die Aufregung des Kindes sah, und li'bkoste es, jedoch alle Zärtlichkeiten konnten es nicht beschwichtigen. Die junge Frau wurde noch um einen Schatten blasser, ähnliche Scenen hatten sich in letzter Zeit wiederholt ereigriet; das Kind mußte ausgehetzt sein, wohl von den Kindern der Nachbarin, die ihr den kärglichen Verdienst nicht gönnte. Wie sie bei diesen Fragen ihres geliebten Kindes litt! Was sollte sie dem Knite antworten? Daß sein Vater schlecht an Weib und Kind gehandelt habe, daß er lüderlich geworden und Beide in Noth und Elend verlassen und daß sie fast glücklich sei, von dem Trunkenbold, der sie gequält, gepeinigt und geschlagen hatte, befreit zu sein? Sie sann und sann, aberes fiel ihr nichts ein. Das Kind drängte und würde wahrscheinlich, wenn es älter geworden, noch bestimmtere Auskunft fordern. Was sollte sie dem Kinde sagen? Sie hatte bis jetzt gar nicht vom Vater gesprochen, und jetzt, wo sie reden sollte, wurde es ihr schwer. In der Bibel heißt es: Du sollst Water und Mutter ehren", und nun sollte sie dem Kinde das Gegentheil sagen und in dem Kinde ein böses Gefühl hervorrufen, sie, gerade sie! Sie konnte es nicht! Nicht um den Mann zu schonen, von dem sie sich lange losgesagt, für den sie nicht die geringste Empfindung besaß, nein nur um den Spiegel dieser Kinderseele nicht zu trüben, kämpfte sie diesen Kampf. Sie legte das Gesicht in die Hände und weinte leise. DU Thränen sickerten durch die mageren, zerstochenen Finger und näßten das Linnen. Lottchen stand ganz erschrocken, als sie die Mutter weinen sah; es war ihr ein ungewohnter Anblick; sie kannte nur die milde, lachende Mutter, die weinende sah die Nacht! Lottchen streichelte der Mutter Hände und versuchte, sie ihr vom Gesicht zu ziehen. .Mutting, nicht weinen!" bat die Kleine, und dabei verzog sie selbst schon bedenklich das Mäulchen. Der flehende Kindeston drang der Weinenden in's Herz, sie trocknete schnell mit der Schürze die Thränen und lächelte. Es war ein müdes, verkümmertes Lächeln, aber Lotte konnte noch keine Unterschiede machen. Sie war glücklich, Mutting wieder froh zu sehen, und schon hoffte diese, jeder AusZunft überhoben zu sein, als das Kind altklug wieder begann: Die Frau im Kohlenkeller unten weint auch immer, weil sie ihren Mann weggetragen haben. Ist er gestorben, Mutting?" 3a, mein Herzchen." Wieder trat eine kleine Pause ein. und da das Kind beruhigt schien, nähte iie Frau weiter. Da legte sich die kleine Kinderhank hindernd auf ihren Arm. Mutting, ist Vater auch gestorben, weil er nie kommt?" Wke, was sagst Du? Ja, ja, er ist gestorben! setzte sie nach einigem Zögern hinzu. Sie sprach keine Lüge. Für sie und das Kind war er gestorben, todt für immer! Mutting," begann Lottchen wieder; die Kleine hatte ja keineAhnung, wie sie die Mutter quälte und peinigte. Wenn Vater gestorben ist, muß er doch begraben sein, nicht wahr, Mutting?" Gewiß, mein Herzchen Willst Du nicht mit mir kommen? Ich will das Grab vom Vater sehen." Aber Lottchen," stöhnte die arm: Frau, nun gut, morgen." Doch das Kind ließ sich nicht vertrö sten. Nein heute, Mutting! Sieh', es ist so hell, die Sonne scheint, da muß das Grab schön sein!" Und nun bettelte sie und schmeichelte so lange, bis die Mutter Tuch und Hut hervorholte, die Kleine, die sich selbst fertig gemacht hatte, an der Hand nahm und nach dem Kirchhofe ging ein Grab zu suchen, das nicht dort war. Beklommen ging das Kind neben der Mutter die stillen Kirchhofswege entlang und schaute neugierig die vielen blumengescbmllckten Gräber und die prachtigen Steine und Kreuze an. Daß darunter Menschen liegen sollten.Menschen, wie sie und Mutting, ging ihr nicht so recht in's Köpfchen. Immer weiter führte die Mutter das Kind, nach dem Armenkirchhös, der am Ende lag: n einem einfachen Grabe blieb sie fiefcn, an einer halbverfallenen Bank, sie konnte nicht weiter. Sie setzte sich auf die Bank. Mutting. schläft hier der Vater?" Die arme, gequälte Frau nickte. .Mutting. er schläft nicht schön; sieh, die Anderen haben Blumen. Hat Vater die'Vlumen nicht lieb gehabt?" Gewiß, mein Kind, wer sollte Blumen nicht lieben?" Und sie schloß die kleine Menschen. Blume innig an ihr Herz. Mutting, soll ich beten?- . Thu' es." Die Kleine faltete ihre Händchen und betete laut und vernehmlich, wie die Mutter es sie gelehrt, das Vaterunser. , Die Mutter betete mit, ihr Gebet
galt einzig dem Stinde, dem ihre ganze Liebe und Fürsorge gehörte. Es fing zu dunkeln an. Lotte nahm einen Holzspahn von der halbzerbrochenen Bank und steckte ihn in das Grab; dann folgte sie willig der mahnenden Mutter. Am nächsten Tage, in später NachMittagsstunde, läuft Lottchen, statt auf dem Hofe zu spieleu, nach dem KirchHofe. Die Kleine hat es sehr eilig. Bei den vielen glänzenden Gräbern eilte sie schnell vorbei, da liegt ihr Vater nicht; nun kommen schon die einfachen Gräber, und richtig, sie hat es gefunden. Am Holzspahn erkennt sie es. Sie patscht mit ihren kleinen Fingerchen die Erde zurecht, zieht die häßlichen großen .Zweige heraus, dann läuft sie eine Strecke Weges zurück, dort hat sie einen kleinen Garten gesehen und viele Blumen darin; sie reißt mit ihren beiden Händchen deren so viele heraus, wie sie ergreifen konnte, und eilt jubelnd zu ihrem Grabe zurück. Da faßt sie eine rauhe Hand an. Du kleine Diebin, hab' ich Dich, na warte!" Und schon hebt sich ein Stock drohend, um das erschrockene Kind zu schlagen. Sie schaut den alten Mann in der Militärmütze mit weit aufgerissenen Augen an und ihren zitternden Händen entfällt ihr Schatz. Der alte Veteran, der Kirchhofshüter, muß wohl in diesen Kinderaugen etwas Sonderbares gelesen haben; denn er läßt das derb angefaßte Aermchen los und sagt weniger barsch: Was wolltest Du mit den Blumen?" Vätern auf's Grab sie bringen, er hat keine." Woher hast Du sie genommen?" Aus dem Garten dort," und sie wies nach der Stelle, woher sie sie geholt.
Tas ist kein Garten, Kind, das ist auch ein Grab," sagt er in milderem Tone; komm, gib die Blumen zurück, man soll nichts nehmen. Heute ist es schon zu spät, aber morgen, wenn Du kommst, klopfst Du an mein Häuschen, vorn am Kirchhof steht es, ich werde es Dir zeigen, und dann oebe ich Dir Blumen und wir tragen sie auf Deines Vaters Grab. Willst Du?" Lottchen nickte ernsthaft; s legte dem alten Manne, willig gehorchend, die Blumen aus die Stelle, wo sie ste abgerissen hatte, und geht an seiner Hand dem Ausgange zu. Nicht weit von der Friedhofsthür kommt ihnen die Mutter entgegen. Sie hatte das Kind vermißt, und kein Mensch, den sie in ihrer Todesangst gefragt hatte, konnte ihr Auskunft geben; endlich war sie auf den Gedanken gekommen, nach dem Kirchhof zu gehen. Mit einem Freudenschrei stürzt sie auf die Kleine zu und alle Vorwürfe vergißt sie über dem überströmenden Freudengefühl, ihr Kind wieder in den Armen zu halten. Der Alte brummt etwas von besser aufpassen" und geht seiner Wege. Schnell eilen sie nachHause, denn das Kind ist leicht gekleidet und der Abend kühl. Als sie in die nächste Straße einbieqen. kommt ihnen ein Mann entgegen, der wetternd und fluchend hin und her taumelt und Jedem, der nicht schleunigst ausweicht, einen Stoß versetzt. Auch Lotte, die sehr erschreckt aber doch neugierig sich den betrunkenen Mann anaesehen. erhält einen Stoß, so daß sie schreiend sich an die Mutter schmiegt. Erschrocken hatte die Arme mit der einen Hand das Kind ergriffen, mit der anderen schnell das Tuch vor das Gesicht ezogen, um von dem rohenManne nicht erkannt zu werden. Zu Hause angekommen, will die Kleine weder essen noch spielen, sie will in's Bett. Der garstige fremde Mann hat sie zu sehr erschreckt. Als sie im Bettchen liegt und das Abendgebet gesprochen hat, legt sie die Arme zärtlich um der Mutter Hals und flüstert ihr in's Ohr: Mutting. wie gut, daß der Vater da draußen fchläft und nicht so ist wie der garstige Mann!" flerlovung. Von C. WeLner. Es ist lächerlich von Dir, so eifersüchtig zu sein, Arthur," sagte Hertha. Ich will mich doch auch amüsiren." Das kannst Du auch, aber auf andere Weise. Ich will nicht, daß Du immer Leuchtenbergs Pferde benutzest." Daö junge Mädchen stand am Fenster, Echm langsam eine Rose aus dem Gürte! und zupfte daran herum. Sei nicht so thöricht versetzte sie unwillig. Du hast Dein Bergnügen und id hier seufzte sie tief ich sterbe vor Langeweile in diesem öden Ncst, wenn ich keine Abwechslung habe. Gerhard .Leuchtenberg ist in guter Freund von mir, er hat Pferde im Ueberfluß, er leiht mir dann und wann eins also " Wenn Du Dich langweilst, Hertha, so können wir ja jetzt schon heirathen Nein, nein wehrte das junge, schöne und verwöhnte Mädchen ungestüm. Ich könnte ein bescheidenes Leden in der Stadt nicht ertragen, nachdem wir dort früher ein so großes ge macht haben. Ach, das Unglück, weshalb mußten wir nur unser ganzesVermögen verlieren!.Könntest Du es an der Seite eineZ geliebten Mannes auch nicht ertragen, Hertha?" flüsterte Assessor Brenkendorff. ihr tief in die Augen schauend. Sie endete sich schnell ab, ohne zu antworten, und ließ sich in einen Armstuhl fallen. Du bist sentimental, wie immer", schmollte ste. Wer sagte Dir denn, daß ich Dich liebe?" Du selbst!" Ich ach sie zuckte die Schultern und zupfte cn ihren Aermelspiken. .Ich möchte lieber ejnen Mann heira-
then, der nicht eifersuchtig ist und der mir meine Wünsche erfüllen kann."
Arthur war bleich geworden, preßte die Zähne fest aufeinander. Und wer wäre das?" forschte er er finster. Hm, das weiß ich noch nicht. Vielleicht der zukünftige Erbe von Biedenhoff, der soll ungeheuer reich ftin. Ich habe ihn zwar noch nicht gesehen, kein Mensch weiß, wo er ist. Und Betty meinte auch" Spekulirt Betty vielleicht auch auf den reichen Erben?" fragte Arthur mit Bitterkelt. Betty! Das kleine, plumpe Ding " Sprich keinen Unsinn, Hertha! Betty ist ein liebes, herziges Geschöpf und hübsch obendrein." Sieh, sieh!" spottete Hertha. Ist das Dein Ernst?" Mein voller Ernst. Aber nun komm, Hertha, sei vernünftig. Mein süßes Lieb, nicht wahr. Du liebst mich?" Er legte den Arm um ihre Schulter und beugte sich zu ihr nieder. Du wirst glücklich sein, auch wenn wir nicht so reich sind? Unsere Liebe" Ich werde nicht glücklich sein, wenn ich arm bin! Und ich werde nie einen armen Mann heirathen!" erklärte sie kalt und energisch. Betty bringt das eher fertig; sie fagte erst kürzlich, sie würde alles geduldig ertragen, Armuth und Sorgen, wenn sie den Mann bekäme, den sie liebt! Eigentlich stimmt Ihr Beide merkwürdig überein mit Eurer SentiMentalität. Schade, daß Du Dich nicht in Betty verliebtest." Betty ist ein liebes, gutes Mädchen, aber sie ist eben nicht Du, mein schöner Liebling." Er küßte sie innig. Hertha legte den Kopf an feine Schulter und ließ sich seine Liebkosungen gefallen. Und nun, mein füßes Lieb, nun versprichst Du mir, Leuchtenbergs Pferde nicht mehr zu benutzen, nicht wahr?" fragte Arthur nach einer Weile. Da sprang Hertha entrüstet auf und riß sich von ihm los. Es fällt mir gar nicht ein, das zu versprechen," brauste sie auf. Ich lasse mir keine Vorschriften machen!" Arthurs Augen nahmen einen unendlich traurigen Ausdruck an; um seinen Mund grub sich eine tiefe, schmerzliche Linie.' Hertha, Hertha, ich fürchte, unsere Verlobung ist ein großer Irrthum. Wenn Du mich nicht liebst" Auch ich bin längst zu der Ansicht gekommen, daß unsere Verlobung ein großer, großer Irrthum ist. Hier, nimm Deinen Ring zurück so und nun geh!" Ist das Dein Ernst?" stammelte der junge Mann, der leichenblaß geworden war. Jawohl!" Wie Du willst!" Er schob den Ring in die Westentasche und drehte sich um. An der Thür zögerte er und sah noch einmal sehnsüchtig zurück. Aber Hertha kehrte ihm den Rücken zu. Sie stand am Fenster und trommelte auf den Scheiben herum. Ein leises Stöhnen entrang sich der Brust des so starken Mannes, dann fiel die Thür hinter ihm zu. Bei diesem Geräusch drehte sich das junge Mädchen um. Hort! Wirklich fort!" Langsam löste sich eine Thräne von ihrer Wimper. Ich glaube, es ist besser so. Ich könnte nie glücklich werden als Gattin eines armen Mannes." Beim Mittagessen war Hertha in bester Laune. Die arme Detth hat schlechte Zeiten", bemerkte die Mutter. Frau von Buchen scheint sie wieder einmal sehr zu tyrannisiren." Daran ist Vetty doch selber schuld. Weshalb gbt sie in in Stellung als Msellschaftertn-, erwiderte Hertha ge ringschätzend. Aber, liebes Kind", sagte die Mutter mit sanftem Vorwurf, Du weißt doch, Betty that diesen Schritt nur, damit Du Dir mehr bieten könntest. Unser geringes Einkommen " Ja, ja," wehrte die schöne Tochter ungeduldig, es stimmt nur nicht ganz, waZ Du von Betty sagst. Betty liebte Arthur; sie konnte es nicht ertragen, uns zusammen zu sehen, das ist's!" Mein Gott! Wenn das wahr wäre? Arme, arme Betty!" flüsterte die Mutter traurig. Jawohl. Und die Gelegenheit ist der armen Betty jetzt günstig. Arthur und ich haben uns gezankt, unsere Verlobung ist aufgelöst." Drei Monate später. GerhardLeuch tenberg begleitet Hertha nach einem gemeinsamen Ritt nach Hause. Vielen Dank, Herr Leuchtenberg," sazt Hertha. Es war wieder einmal ein köstlicher Ria. Das junge Mädchen hegte insgeheim die Hoffnung, dereinst Herrin auf Leuchtenberg zu werden. Sie erschrak daher heftig, als der junge Mann verfttzte: .Nur scbade. dak es unser lekter sein 1 muß, gnädiges Fräulein!" Unser letzter? Und warum?" Weil ich meine Pferde verkauft habe. Ich mußte es thun." Ach doch nicht Schulden?" Nein, das nicht. Aber ich will heirathen. Meine Braut ist arm und da muß ich anfangen, aus weniger großem Fuße zu leben," antwortete Leuchtenberg. während ihm das Glück aus den Augen lachte. Es wird mir zwar sehr schwer, mich von den Thieren zu trennen, aber was thut man nicht aus Liebe!' Aus Liebe," murmelte das junge Mädchen. Nun. Fräulein Waldenberg, KÜNsch n Sie mir nicht Glück?" Glück? Natürlich viel Glück und von ganzem Herzen, erwiderte s. Uebrigens habe Zcheine Neuigkeit für Sie," fuhr der junge Mann nach einer Weile fort, Denken Sie sich, der neue Erbe Biedenboffs ist ein alter
Freund von Ihnen Assessor Arenkendorff. Es hat sich herausgestellt, daß fein Vetter, der einzige Sohn des derstorbenen Herrn von Biedenhoff, vor mehreren Monaten verunglück ist." Arthur Brenken dorff ?" stammelte Hertha erbleichend. Ich dachte es mir, daß diese Nachricht Sie überraschen würde. Doch nun Adieu, ich habe Eile." Ungläubig, fast betäubt blieb das junge Mädchen noch eine Weile stehen. Endlich ging ste ins Haus. Hier kam ihr die Mutter entgegen. Denke Dir nur, Kind, Betty hat sich verlobt." Betty verlobt?" Hertha seufzte erleichtert auf. Und wer ist der Glückliche?" ' Der Mam den Du verschmähtest, weil er arm war Arthur Brenkendorff." Herthas Gesicht färbte sich mit glühender Röthe, die gleich darauf einer jähen Blässe wich. Ihre Lippen zuckten; doch schweigend blickte sie die Mutter
an, deren weitere Mittheilungen erwarund. Als er damals ging, begab er sich nach B. Dort traf er Frau von Buchen und Betty in einer Gesellschaft. Als die Erstere erfuhr, daß er ein alter Vekannter von Betty sei, lud sie ihn öfters ein. Er ging auch hin. Bettys sanftes, herziges Wesen wirkte lindernd auf sein verwundetes Herz und er gewann sie lieb. Und sie" Sie war natürlich sofort bereit, den von mir verschmähten Liebhaler zu trösten", spottete Hertha. Und nun hat sie den Goldfisch im richtigen Moment geangelt. Arthur ist nicht mehr der arme Assessor" Betty wird unermeßlich reich sein, denn der Biedenhoffsche Besitz" .Ich weiß, ich weiß!" fiel Hertha wüthend ein. Deine tugendhafte, felbstlose Betty wußte genau, was ste that. Damals, als er von mir ging, hatte noch kein Mensch eine Ahnung von dem Reichthum " Verzeih." unterbrach sie die Mutter, Arthur wußte das damals ebenso gut wie heute. Er fürchtete. Hoffnungen in Dir zu erwecken, die sich später als eitel Schaum erweisen könnten. Darum schwieg er. Er wußte, daß Du cocett und weltlich gesinnt warst, desftlb wollte er DeineLiebe auf dieProbe stellen. Er that es entdeckte, daß Du ihn nicht liebtest, und so " So ging er zu Betty", stöhnte Hertha, die sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Oh. er war grausam ungerecht schändlich " Frau Waldenberg seufzte. Thränen füllten ihre Augen, als sie sah, welche Qualen ihre Tochter ausstand. Sie hat ihn geliebt trotz alledem", dachte sie bei sich. Und nun trifft es sie um fo schwerer, das arme Kind. Aber Hertha wird mit der Zeit vergessen. Ich danke Gott, daß Betty glücklich ist denn sie hätte nimmer vergessen ihr wäre mit der Zeit das Herz verblutet." . Dann ging sie wieder zu Hertha und ergriff ihre Hand. Sei gerecht gegen Arthur, Hertha. Er hat um Betty geworben, ohne ihr von seinen veränderten Verhältnissen zu sagen. Erst an dem Tage, da sie sich verlobten, also nachdem er wußte, daß sie ihn l'ebte um seiner selbst willen, daß sie seine vermeintliche Armuth mit ihm theilen wollte erst dann offen--barte er ihr Alles. Er hat sie und Dich auf die Probe gestellt! Bettys Liebe hat sich als stark, selbstlos, rein erwiesen. während Du-" Auf die Probe gestellt a," murmelte Hrtha tonlos. Sie blickte die Mutter wie um Hilfe flehend an, dann stieß sie einen tiefen Seufzer aus und fiel besinnungslos zu ihren Füen. " " m m prociosa mit Hindernisse. Humoreske von Carl Matthias. Da war Knörke nun im Nothenga-gement.-Wegen vorgerückter Sommer zeit hatte er bei einem Meerschwein-chen-oder Familien Theater Unterkunft suchen müssen und sein Direktor hieß Papa Hausner glücklicher Besitzer von vierTöchtern und einer komiscken Alten, die er seine Frau nannte. Außerdem befanden sich noch vier Mimen. die Herren Schlings und Ronestiehl bei der Wandergesellschaft. Heute sollte in Königsee mit Preziosa- eröffnet werden. Sie spielen den Reiberhauptmann" hatte der Direktor zu Knörke gesagt, aber ohne Probe, denn die Biene ist Sie noch nicht fertig." Hausner war ein geborener Leipziger. Aber Herr Direktor, ich habe keine Ahnung." Thut nichts. Mir haben eine famöse Soufleuse", hatte der Direktor geantwortet. Entschuldigen Sie mich, ich muß auf die Biene, die Bodiumpretter annageln helfen, denn mein Theatermeester ist Sie sehr nachlässig und heeßt Schlings." Rudolf Knörke lernte sein Pensum und fand sich um sechs Uhr im RathHaussaale ein, wo die Bühne aufgeschlagen war. ' Allgemach stellten sich dann die anderen Schauspieler ein, zuletzt der Direktor. Er schnallte sich als SchloßVogt Pedro das Stelzbein an und gab mit der Klingel das Zeichen zum Anfang. Das Spiel begann. Es ging leidlich, und als der Vorhang fiel, rieb sich Papa HauZner vergnügt dieHände. Das Publikum klatschte. Jetzt kommen Sie 'ran," meinte er zu seinem neuen Mitglied. Machen Sie nur Ihre Scene recht scheene. Wissen Se. wo Ihnen Preziosa mit dem Schießgewehr auf's Leder rückt, da aehen Sie so, immer rückwärts und dann " Weiter kam er nicht. Er war an der Koulisse auf ein loses Brett getreten und in der Tiefe verschwunden. Jammernd lief die Familie zusammen. Ihrer vereinten Kraft gelang es.
den Verunglückten aus der Tiefe zu ziehen, aber er hatte stch eine zerschundene Nase und eine tüchtige Beule an der Stirn geholt. Ich habe es dem Schlings gesagt, er solle die Vrettersch festnageln." murrte er. Wenn das nu bei offenem Vorhang passirt wäre. Ei Herrjäses. die Plamage." Alles zanlle mit Schlings. aber Niemand dachte daran, die Unglücksbreiter zu befestigen. Die Vorstellung nahm ihren Fortgang. Alles ging gut. Auch im dritten Akt passirte nichts von Bedeutung, außer daß die Chöre gräßlich falsch gesungen wurden und der Klavierspieler mit dem Stuhle zusammenbrach. Das Publikum war hoch entzückt. So gute Spieler hatte es noch nie in Königsee gehabt. Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ewiger Bund zu flechten Der Pianist intonirte: Es blinken drei freundliche Sterne In's Dunkel des Lebens hinein." Die Direktionstöchter, Herr Ronestiehl und sämmtliche Schlings sangen den Chor, mit Grandezza auftretend, ihnen folgten die spanischen Granden, die Dilettanten von Königsee. Da berührte ein Statist das lose Brett mit wuchtigem Schritt. Dieses wippte in die Höhe und traf den voranschreitenden Schlings Nummer zwei an seine wohlauswattirten Pluderhosen. Schlings sprang erschrocken zurück und verschwand mit einem Schrei in derselben Oeffnung, die im Zwischenakt den Direktor verschlungen hatte. Erschrocken drängten sich alle Mitspielenden an der anderenKoulissenseite zusammen. Aber die losen Bretter vermochten die Last nicht zu tragen. Sie wichen von den untenstehenden Böcken und schnellten an der entgegengesetzten Seite empor. Alonzo, Eugenie, sowie der Zigeunerhauptmann und die Väterspieler der Komödie verschwanden unter dem Podium. Unvermögend zu fassen, was vorgegangen war. standen die Statisten am Prospect und machten schrecklich dumme Gesichter. Das Publikum hatte den Vorfall Anfangs mit Schrecken, dann bei der Massenwiederholung mit Heiterkeit aufgenommen. Als es aber die albernen Mienen der Statisten sah, brach es in einen Jubelsturm aus. Hurrah," schrieen die Jungen, jauchzten die Alten, quiekten die Mägde. Alle bearbeiteten Brüstung und Boden mit Fäusten und Füßen. Das lose zusammengezimmerte Bretterwerk konnte dieser energischen Beifallsbezeugungen nicht Stand halten. Es gab einen Krach, die Planken wichen und fchreiend purzelten die Galleristen in den Saal. Welch ein Durcheinander von Füßen, Leibern und Köpfen. Noch hingen fünf Jungen an den Ueberresten der Gallerie und brüllten, daß sie ganz blau ht Gesicht wurden. Aengstlich flüchtete der bessere Theil der Zuschauer, Vater Hausner aber stand einsam und starr auf der Bühne, wie Zener Mann auf dm Trümmern von Karthago. Knörke arbeitete sich zuerst aus der Versenkung und ließ vor allen Dingen den Vorhang fallen. Dann leistete er den hinabgepurzelten Colleginnen thatkräftigen Beistand. Weder Männlein noch Weiblein hatten Schaden genommen, nur Mutter Hausner wurde ohnmächtig emporgezogen und aus einen Stuhl gesetzt, wo man sie mit kaltem Wasser und hartnäckigem Händereiben zum Leben erweckte. Mit einem Seufzer öffnete ste die Augen und ihr erster Blick traf den unglücklichen Schlings. Jnfamigter Windbeutel," rief sie und versetzte jäh aufspringend dem Urheber des Unglücks eine so gewichtige Ohrfeige, daß dieser Widerstandslos in die Grube rollte, die er anderen gegraben hatte. Unterdessen hatte der Polizeidiener mit Hilfe einiger besonnener Bürger im Saale Ordnung geschafft. Glücklicherweise waren ernste Verletzungen nicht zu verzeichnen. Das Entree war einmal bezahlt, die Mehrheit wollte das Stück zu Ende sehen. Als sich der Staub verzogen hatte, ertönte der Ruf: Vorhang hoch! Hierbleiben! Weiterspielen! Wir wollen noch einmal lustig sein!" Der Pianist spielte nothgedrungen einen Walzer, der Geiger folgte in klagenden Tönen. Da erscholl die Klingel auf dem Theater. Erwartungsvolle Stille trat ein. Noch einmal erhob stch der Vorhang, zum letzten Male in dieser kunstbegeisterten Stadt, denn der Bürgermeister verbot die weiteren Vorstellungen. Weiter zog Hausner's Thespiskarren in das Thüringer Land. Nur zwei Männer folgten ihm nicht: Knörke, der fchaudernd geflohen war, und der Theatermeister Schlings, den die Direktorin nicht mehr sehen konnte, ohne in Krämpfe zu verfallen. Zm Sterben. Sui dem Schwedischen von Clin Ameen. Es ist rubig und still im Krankenzimmer. Die Lampe steht auf dem Tische in der Ecke und ein grüner Schirm beschattet das Licht, so daß es den Kranken nicht belästigt. Auf einem anderen Tische stehen Medicinflafchen, Gläser und Sonstiges, was die Nähe eines Krankenlagers ttrräth. Der Kranke, ein Mann von einigen fünfzig Jahren, liegt ganz still und hat die Augen geschlossen. Der Tod hat schon seinen Stempel auf fein abgezehrtes, farbloses Gesicht gedrückt, doch das Morphium hat seine, letzten Stunden schmerzfrei gemacht und ihm den .betäubungsähnlichen Schlummer gege
ben, der ihn unmerklich und unbewußt
aus dem eben hmuber m's Reich des Todes gleiten lassen soll. Seme Frau sitzt un Nebenzimmer. wo es ganz dunkel ist, bis auf den schwachen Streifen gedämpften Lichtes, ver aus der Krankenstube durch die halb offene Thür hereinfällt. In einen eynfejsel versunken sttzt ste und hat den Kops zurück an die Lehne gelegt. Sie weint, sie, die willensstarke, energische Frau, die sonst selten oder nie eine Thräne vergießt.' Sie weiß, daß seine Stunden gezahlt sind, daß sie ihn verlieren wird, dessen Stutze sie fünfundzwanzig Jahre lang gewesen ist und mit feinem Fortgehen wird ihr Leben vollkommen inhaltslos werden. Em Trost nur, ihr ganzer Trost ist das Bewußtsein, daß ste ihm Alles, Alles gewesen ist. Er war arm und unbeachtet, als ihre Wege sich kreuzten. Gelehrter aus Neigung undAnlage, befaß er keine Mittel, feinen Studien zu leben. Sie nahm sich seiner an, gab ihm sich selbst und ihr Vermögen, so daß er sich ruhkg seinem Berufe widmen und einen berühmten und geachteten Namen in der Gelehrtenwelt erwerben konnte. Unpraktisch und hilflos wie ein Kind, -- wie hätte er ohne sie je fertig werden können? Träumer und Phantast, der er war, weich und nachgiebig. Wie hätte er in der harten, grellen Wirklichkeit ohne sie. vorwärts kommen sollen? Alle Hindernisse hatte sie ihm aus dem Wege geräumt; sein Haus und seine Person hatte sie gepflegt, feinen Arbeiten war sie mit Interesse gefolgt, und Alles, was das Praktische anging, hatte sie besorgt. Sie weiß genau, daß er hätte untergehen müssen, wenn sie in jener Zeit nicht seine Frau geworden wäre. Und sie war froh darüber, daß sie ihr Vermögen besessen hatte, denn sie wußte ganz gut, daß er ohne dies Geld nie ihr gehört, es auch nicht gekonnt hätte. Sie aber liebte ihn und wollte ihn dem Leben. der Wissenschaft und sich erhalten. Für ihn wollte sie leben, fein Glück und seine Ehre, sein Wohlergehen sollte ihr Lebenszweck werden. Und sie hatte das Ziel erreicht! Gleichmäßig und ruhig war sein Leben vergangen, friedlich und ohne Stürme war ihr Zusammensein alle die Zeit geblieben. Er war wohl immer schweigsam und etwas verschlossen gewesen, allein sie hatte es an seinem Lächeln und seinen Blicken ablesen können, wenn er zufrieden war. . Wie Du willst" Das weißt Da am besten" waren stets seine Worte gewesen; und wie sie wollte, war es auch geschehen immer zu seinem Woble. zu seinem Glücke. Ihre Gefühle für ihn hatten Alles einbegriffen, was in einem Frauenherz?n Platz hat Mutterliebe. Gattenliebe, die Gefühle ner Geliebten, und in alle hatte sie ihre ganze starke, energische Natur gelegt. Sie hatte sich eigentlich nie Rechenschaft gegeben, wie viel sie von ihm zurückbekam. Er gehörte ihr, seine 6i stenz war ihre Schöpfung; ihre Pflege, ihre Gedanken waren sein in jeder Stunde ihres Lebens. Das war ihr genug und machte sie vollkommen glücklich. Als sie sich zuerst trafen, damals hatte er eine Andere geliebt. O, sie erinnerte sich ihrer wohl, durch sie waren sie ja miteinander bekannt geworden durch die hübsche Marie Luise, die weiter nichts als ihre blonde Schönheit und ihre reizende Mädchenhaftigkeit besaß ohne Begabung, ohne Krast, arm wie er. Was wäre wohl daraus geworden, wenn die sich bekommen hatten wenn die sich nach langem, Peinvollem Warten geheirathet hätten! Nein, Marie Luise bätte nie und nimmer für ihn geputzt, ste, die weiter nichts vom Leben kannte als seine ideale Seite und feine Poesie. Aber man kann von Liebe und Mondschein nicht leben wie die beiden verliebten Thoren damals glaubten. Einmal hatte sie die hübsche Marie Luise von heißer Leidenschaft ergriffen gesehen, die ihre blauen Augen blitzen und ihre zarten Wangen glühen machte. Es war das erste und letzte Mal gewesen, als sie von ihm gesprochen hatten, und da hatte Marie Luise ausgerufen: Du kannst sein Leben mit Deinem Gelde kaufen, aber seine Liebe gehört mir!" Aber Marie Luisens Worte waren nicht zur Wahrheit geworden. O, sie war überzeugt davon, daß er ste längst, längst vergessen hatte. Marie Luisens Namen war in all' den fünfundzwanzig Jahren nicht von ihnen genannt worden. Sie selbst wußte nur so viel, daß die frühere Rivalin noch unverheirathet als arme Lehrerin in einer kleinen Stadt ihr Leben fristete. Freilich, alle Ncturen stnd nicht gleich, und ihr Mann hatte nie zu denen gehört, die ihre Gefühle zeigen oder gar von ihnen sprechen, aber sie war doch gewiß, daß sie seine volle ungetheilte Neigung befesten hatte. Und das war doch ein großer Trost, eine theuere Erinnerung, an der ste sich für den Rest ihres Lebens, den sie ohne ihn durchwandern sollte, festhalten konnte dann würden die Einsamkeit und die Leere weni ger schwer Sie erhob sich und ging leise in das Krankenzimmer. Sie hatte keine Ruhe mehr, ste mußte bis zum Ende bei ihm bleiben, seinen letzten Athemzug sollte er in ihren Armen thun. Sie beugte sich über das Bett. Er War so still, er konnte doch nicht Sie holte schnell die Lampe heran und trat mit ihr an's Bett. Ihr Schein fiel klar über sein Gesickt mit den feinen. fast frauenhaft weichen Zügen. Vielleicht war (s di: Empfindung des Lichtes,' das auf ihn fiel, oder das schwache Bewußtsein, daß Jemand sich über ihn beugte, das ihn die Augenlider aufschlagen ließ. Aber die Augen sahen gebrochen aus, sie begegneten nicht dem angstvollen Blick der Frau, sondern schauten an ihr vorbei, wie in weite, weite Ferne, als .suchten ie et-
was. Er bewegte seine Hanv, al wollte er sie erheben ob er sir schmeichelnd Jemandem auf's Haupt legen wollte? Aber sie sank kraftlos auf die Decke zurück. Seine Lippen öffneten sich ein paar Male, als ob sie etwas fagen wollten. Sie beugte sict? tief über ihn und näherte ibr Ohr seinem Munde. Mit Mühe brachte er seine letzten Worte hervor, leise wie d:r letzte schwache Seufzer des Lebens: Bist Du es Marie Luise? Bist Du endlich da?" Als die stattliche Frau eine Weilenachher das Krankenzimmer verließ, das zum Sterbezimmcr geworden, war alle Farbe aus ihrem Gesichte gewich-n. und sie erschien fast ebenso bleich wie der Todte drinnen auf b:rn Lager. Lllt.B erlin'S Sttchtstättcn.
, Keine andere Stadt hat im Laufe der Jahre so viele und so verschiedene iV.icht statten gehabt wie Berlin. Tie Hin richtungen mit dem Schwerte wurdm in ältester Zeit vor dem Nnthhause, also zuerst auf dem Molkenmarkt, spä ter an der Ecke der heutigen Spandauer, und Königsstraße vollzogen. Das Sei dern. Hängen und ebendigbcgraberr übte man dagegen vor dem Ödcrbcrger Thore, da, wo heute die Wcberstraße irr die Große Frantsurterstraßc mündet. Das Verbrennen der Verbrecher tant nur auf dem neuen Martte statt. Hin richtungen. bei denen die ..Ocffcntlich seit" ausgeschlossen war. vollzog der Henker im Krautgartcn", einem großcn Kcllcrgewölbe des Rathhauscs. Das älteste Hochgericht von Eölln be fand sich ungefähr da, wo beute die Potsdamer Vahn in das Schöncbcrger: (Gebiet einschneidet. Erst vom. 16. Jahrhundert ab benutzte auch Eölln die Berliner Richtstättcn. Einfache Hin richtungen fanden dagegen vor der Laube" des Cöllnischcn Nathhauses, an der Ecke der Breiten- und Gertiau tenstraße, statt. Noch am 27. Juni. 1580 wurde hier ein Mörder geköpft. Der Neue Markt hat verschiedene Hinrichtungen gesehen, so 1323 den Akt der Lynchjustiz, den das erbitterte Volt art Cyriakus von Bernau ausübte, und, 1361 die Enthauptung Konrad Schür)', der ein leichtfertiges Wort gegen eine ehrbare Bürgersrau mit dem Tode bii ßen mußte. 1510 wurden hier ferner die 38 Juden verbrannt, die an eineMHostiendiebstabl bctheiligt waren; 1573erlitt hier der ..Hofjude" Lippold derr. Flammentod. Auf dem Richtplai) vordem Oderberger Thor mußte 1540Hans Kohlhase sein Leben unter dent Rade lassen. Für gewöhnlich fanden die Gerichteten auf dem Platze bei der. leorgenkirche ihr letztes Haus, bei der schärstcr Strafe begrub sie der Henker neben dem Rabenstcin. 1623 wrrde? auch auf dem neuen Markt ein Galgerr: errichtet, ebenso wurden 1694 die Hin richtungen durch das Schwert aus tini Gesuch der dem Nathhause gegenüber.wohnenden Bürger ebenfalls nach den? neuen Markt verlegt. 1720 erfuhr auch die Nichtstätte in der Frankfurter straße eine Veränderung, sie kam naH, der Oranicnburgerstraße. Die Häuser 20 27 hießen danach noch bis in dieneueste Zeit der ,, Schinderberg". Auf. dieser Stätte wurden die beiden Schloßt diebe Runk und Sticf gerädert unl dann an den Galgen gehängt. Auch der Betrüger Element fand hier sein schreckliches Ende. Eine schreckliche To desstrase traf zu jener Zeit auch die Kindsmörderinncn, sie wurden gc sackt", das heißt ersäuft. Die Proce. dur wurde vom Henker entweder von. der Langen (heutigen Kurfürsten-)' Brücke, oder vor dem Stralauer-, resp Spandauer Thore vorgenommen. Friedrich Wilhelm I. hatte die Strafezeitweilig abgeschafft, suhlte sie aber 1739 wieder ein. Doch später kam da. Hochgericht nach dem Gartenplaß, wo. noch 1813 der Brandstifter Delitz uny seine Geliebte lebendig verbrannt, und, 1837 die Wittwe Neyer wegen Gatten mordes gerädert wurde. Die le&te Hinrichtung mit dem 'Beile wurden ebenda 1839 an dem Mörder Gurl vollzogen. Heute braust das Lebe über Ält-Berlin's Richtstätten sort. Ein merkwürdiger Vibcllesr Es mag zwar seltsam ersch:inen, dafc es zu Ende unseres Jährhunderts, wo Alles hastet und eilt und Niemand fer tig werdcn kann, nochLeute gebcn sollte, die an jenem altmodischen Uebel der Langenweile kranken; doch daß dies wirklich der Fall ist, dafür könnte mancherBeweis beigebracht werden. Ss . hat z. B. neuerdings ein beneidenswert ther Franzose beneidenswerth in so fern, als der Mann einen ganz eistaunlichen Ueberflutz an Zeit besitzen muß folgende merkwürdige Geduldsprobe abgelegt. Er benutzte die langen Winterabende dazu, die Bibel auszuzählen und rechnete dabei mit himmlischer Ge duld heraus, daß die Heilige Schristganz genau 31.173 Sprüche ausweist, 773.692 Worter und 8.566.480 Buchp2b:n enthält. Auf dc3 Wot "Jehzra" stieß er 6855 mal, und das kleine, viel gebrauchteWörtchen und" kommt nicht weniger als 46,227 mal vor. Eigentliaz erscheinen diese Zahlen noch klein im Verhältniß zu dem Umfange des Lu ther'schcn Merkes, doch dürste stch wohl so bald Niemand finden, der der französischen Bibelfreunde, der selbst verständlich die französisch geschriebene Bibel ausgezählt hat, nachroeism könnte, daß er sich geirrt habe. GuteAusrede. .Acht Tc gesind wir verheiratet und Du kommst so spät nach Hause!- Ja. ich habe so lange gebrauet, meinen Freunde das Glück zu schildern, das ich mit Dir habe." Zukunftsbild. Zofe (mZ Zimmer stürzend): Madame, dre gnädige Herr ist in Ohnmacht gesal-len!-Frau: Hifr alles nichts.. Den Hausschlüssel bekommt er doch nich?.-
