Indiana Tribüne, Volume 21, Number 291, Indianapolis, Marion County, 10 July 1898 — Page 2

Allein.

Von Hermann Bang. ! CS? AnnhiA ??rfi ?ikKt TrtM w j ifc yiiuvit jtuu ivuujuy jvm iJltlll V Die berühmte Sängerin antwortet nicht. Sie nimmt schnell daL Licht aus Itz Hand der Kammerjungfer und tritt iurä? die offene Thür in ihren Salon. Sie stellt daS Licht auf den Flügel und läßt die Blumen, die sie im Arm trug, fallen. Die Bouquets aleiien hinlb. die Blatter von Rosen flattern über den Teppich. Der seidene Mantel linkt herab über ihre Schultern auf den Boden. Sie beginnt im Salon ans und nie 5r zu schreiten. Ihre Füße zertreten die Blu-.nen, und sie merkt es nicht. Mechanisch schiebt sie das Brillantrmband an ihrem Arme hin und her. Sie seufzt und wirft einen langen, müden Blick über das Zimmer. Sie trocknet die Thrönen. Äie über ihre Wangen herniedeircllen sie hört die Kammerjungfer im Nebenzimmer, Wünscht die gnädige Frau Zzenn 'nicht zu soupiren?" Nein, danke. Ich habe keinen Ap.Petit, laß mich nur -zar Ruhe kommen, ich will schlafen." Sie geht in's Schlafgemach und Trimmt Platz vor dem großen Spiegel. "Die Kammerjungfer hat sie nie jo blaß gesehen. Unbeweglich scht sie. in den 'Spiegel stauend, während die Kammerjungser die Brillanten, welche unter ihrenHänden erglänzen, von ihrem Arm und ihrem Hals und auS den Ohren langsam nimmt. Die Künstlerin folgt den Händen der Kammerjungser mechanisch mit den Augen im Spiegel. Der Käfer von Brillanten da er Tvar Fürst Jngarews letztes Geschenk des Russen, der Ernst daraus machte und sich erschoß, weil sie nicht Fürstin werden wollte. Armer Alezis er war gu romantisch veranlagt. Wie sie sich seiner entsann! Am letzten Abend, als er mit gesenktem Haupte vor ihr stand und klanglos sagte: Sie wollrn also, daß 'ich sterbe . . Und weshalb hatte sie ihn nicht geliebt oder wenigstens geheirathet, er war ja doch so reich und Fürst! Armer Alezis . ... Die Kammerjungser löst daS blonde Haar es fällt lang über die Schultern herab und sie beginnt die zwei Zöpfe, die Gretchenzöpfe, die über zwei E?dtheile berühmt sind, zu 'flechten. Die Kammerjungfer schnürt das Atlasmieder auf, und steif erhebt sich die -gnädige Fran. Die Robe fällt um sie nieder auf den Teppich. Sie setzt sich wieder und blickt in das Licht vor dem Spiegel mit unbeweglichm Gesicht. Die Kammerjungser legt den rothen Schlfrock um die weißenSchultern.der gnädic.en Frau .dann wartet sie .schweigend. Ohne sich umzuwenden, mit klangloser Stimme sagt die Herrin: Es ist gut. Louise, Du kannst gehen." Die gnädige Frau bleibt sitzen. Sie fortwährend dieselben Worte und sieht die beiden Gesichter, wie sie lächelnd sich anschauten, und hört die Worte: O, wie schön, wieder nach Hause zu kommen!" Es war heute Abend nach der Oper. Sie kam von der Bühne herab durch den Corridor. Ihr Sekretär trug ihre Blumen. Ich will den Wagen suchen." sagte er und übergab .ihr die Bouquets. Das Publiulm war gegangen. Die Flammen wurden schon ausgelöscht. Da hörte sie Jemand hinter sich komnun, und sie drehte sich um. Es war in junges Paar, das Don der Gallertetreppe herabkam. Sie gingen an ihr vorüber, ohne si Zu sehen, plaudernd, eng aneinander .geschmiegt. Es regnet sogt? er und spannte 'den Regenschirm über ihr auf, und in 'dem Augenblick, wo sie in den Regen 'hinaustraten, schiniegtm sie sich noch enger aneinander, und zu gleicher Zeit, mit lächelnden Gesichtern sagten sie Beide: O wie schön, wieder nachHcruse zu kommen !" Die Sängerin blieb einen Augenblick Pehcn. Dann trat sie -unter das Portal hinaus. Sie dachte nicht an die seidene Schleppe im Regen.... Aber, gnädige Frau der Wagen ist da!" Die Equipage fuhr vor, und bleich, sttllschweigend stieg 'die Diva- in ih--ren Wagen Die Sängerin schauerte ffrostelnd vor ihrem Spiegel zusaminen. Sie erhob sich und löschte die Lichter -aus. Die -gnädige Frau hcrt f.ch gestern Mend nkältet," sagte die Kammerzungfer nm nächsten Morn, dieGnä iioe hat rothe Augen." Die berühmte Künstlern! sMe diese IZacht sehr "schlecht geschlafen. Goldfisch!. Z?o W. Kammerer. Der Grundwger Peter Js Fischer am See, Wenn 's Netzl schö' voll is, So schreit er: Juchhe!Amal fahrt er hoamzua, Sei Netzl Zs laar. Und g'juchzt hat er g'rad' als Wenn ' no' so voll waar. Im Schiff sitzt a Dirndl, Bildsauber und fei', Dees wird wohl dem Peter Sei' Goldfisch! sei'. Gute Kundschaft. Erster Student: Vor zwei Jahren hat die Actienbrauerei 16, voriges Jahr 18 Procent Dividende bezahlt." Zweiter Student: Ich glaube, Heuer saufen pir sie auf 20 Procent hinaus!"

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rn IrüykZngstag. Vvn Dirt Julius Wolf. Ein gesegneter Frühlingstag. Reich konnten alle Menschen sein, denn die Sonne streute ihr Gold verschwenderisch überall hin, für jeden dufteten die blauen Veilchen, vinem jeden sangen die Vögel ihr schönstes Lied, und das junge sastige Grün auf Zweig und Wiese wollte allen, allen Menschen eine rechte Augenweide sein. Es mochte darum auch keiner zu Hause bleiben. In der Stadt waren die Straßen wie von allem Leben ent-. blößt, draußen aber auf den Promena den zwischen den hohen Akazienbäumen, den smaragdgrünen Rasenflä-' chen und den bunten Blumenrabatten ging es unabsehbar hin und wieder: Männlein undWeiblein, in allen Größen, dick und dünn, reich und arm. Und alle hatten sie vergnügte Gesichter, und keinem ging ein unrecht Wort über die Lipperr. Es gab aber auch etliche Augenpaare, die von der jungen Herrlichkeit keinen Schimmer sahen. Da war zunächst der alte blinde Rickert auö der Vezirkssnstalt. der alle vierzehn Tage seinen Ausgehe-Sonntag hatte, und der wie gewöhnlich auf seiner Lieblingsbank am Ufer des Schwanensees saß still, fast regungslos, die welken Hände über den Beingriff seines Stockes gefaltet und den hochaufgerichten, weißhaarigen Kopf mit den eigenartig witternden Zügen des Blinden ein wmig hintenübergeneigt. Nur die Lippen bewegten sich leise im stummen Selbstgespräch, und uch die weißglasigen Augäpfel glänzten in der Sonne Heller als gewöhnlich, obschon nicht ein einziger Strahl die farblose Iris durchdrang. Er hatte es gern, so im Freien und unter den Menschen zu sitzen und sich die liebe Sonne recht warm und behaglich auf das Gesicht scheinen zu laft sen. Sonne gab es in der Anstalt zwar auch, und Gesellschaft hatte er genug dort, aber die Leidensgefährtm murmelten immer nur träg und grämlich, sie schlürften und tappten, und überall hörte man sie schwerfällig Hantiren, dazwischen raisonnirte der Ausseher, Stubenthüren klappten ruhe.los auf und zu, und beständig athmete man den lästigen Geruch der an die Stube gefesselten alten Leute. Das .war so stumpf, so trostlos; wie ein dumpfer Druck lag fortwährend das Gefühl auf einem, halb abgestorben und halb zwischen dicken Mauern ein ewiger Gefangener zu sein. Hier war's freilich anders, hier in der großen, freien Natur. Hier athmete er die reine Luft, von den Menschen hörte er nichts als Lachen und Pfeifen und Singen, und hier verjüngte sich auch seine nachtumfangene Seele nach ihrer Art im Athem des Frühlings, in diesem Hauch der Frische, diesem süßen, würzereichen Knospenduft, der unsere Herzen in holden Ahnungen erbeben macht, und der unsere Seele mit heitern Träumen einer kommenden glücklichen Zeit erfüllt. Und dann saß neben ihm noch ein ziemlich junger, kräftigem Mann auf der Bank, der die Ellbogen auf die Knie gestützt und sein Gesicht tief in beiden Händen vergraben hielt. Sein Athem ging schwer, und wenn ein lachendes Menschenkind vorüberging oder die Militärmusik drüben gerade einen übermüthigen Walzer spielte, dann hättet ihr sehen können, wie der Sonnenschein in großen Thränen glitzerte, die zwischen seinen harten, zerarbeiteten Händen langsam hervortropften. Geh, Ziegler, weine nicht so!" sagte auf einmal der lte Rickert. Vom Weinen wird das auch nicht anders; du machst dich nur noch trauriger damit. Horch lieber auf die schöne Musik. Sind wir st wieder daheim, dann gibt's das nicht mehr, die gute Luft und den Sonnenschein auch nicht." Der andere hob halb unwillig den itovf. Es waren düstere Züge, die die Hände freigaben, blaß und knochig, von schwarzen Bartstoppeln umrahmt, Züge, in die ein starker, gewaltthätiger Schmerz seine Spurm eingegraben hatte. Die Lippen zuckten, das Naß "der Thränen war quer über die Backen gewischt, und die Augen hatten einen bohrenden, unbeweglich starren Blick Barmherzigkeit! er war auch blind. Ihr habt gut reden, Rickert; Ihr fctd eben daran gewöhnt, wißt's nicht anders mehr. Aber so erst sechs Wochen blind sein, mit seinen großen Knochen da unnütz herumsttze kommt nur hm und eine darbende Frau daheim und die Kinder und nun das alles hören, wo man früher krachfidel dabei war o. das ist zu viel, zu diel für einen Menschen." Ja, was aber einmal geschehen ist, muß doch ertragen werden, 'Ziegler, so ist d?ch unser Menschenlos. Thut's auch weh die erste Zeit, nur Geduld, nur Geduld, mit der Zeit gewöhnt sich der Mensch an alles; nur nicht immer und immer wieder dran denken. Kriegst du das fertig, dann kommst, du dir lange nicht so elend vor, das sag ich dir, Ziegler.Hm, Ihr wollt mir zureden, Rickert, ... eh, laßt's doch nur. . . . es hat ja keinen Zweck ... es hat alles keinen Zweck, das ganze elende, verfluchte Hundeleben hat keinen Zweck. Für was lebt man denn, hm? Sagt doch, für was hat man gearbeitet, geschustet von früh bis Abends wie ein Pferd he? was? ... O jeh, nur um nicht zu verhungern. . .jawohl, und um bei der nächsten Gelegenheit noch eztra ein Krüppel zu werden, ein Jammerstück, ein überflüssiger Nichtsthuer. Ist das auch ein Leben, ja? Ist das in Ordnung, ist da eine Gerechtigkeit, Rickert?. . . Sagt mir bloß das eine: was hab ich verschuldet, wo wo hab lch's verdorben ich, der stets feine

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Sache gemacht hak, der nicht trank und auch nicht fluchte, der seine Frau gut hielt? Wo, wo. Rickert? Warum muß ich gerade auf den Brettern stehen, wie das Gerüst zusammenstürzte? Warum denn acrade ich allein? Bloß weil ich pünktlich angefangen hatte? Warum muß ich gerade auf den Schädel fallen, warum gerade das eine mal nicht auf den Rücken, he?. . . Und da liegt denn der Ziegler in seinem Blute und thut t keinen Mucks; aber das bischen zerbrochene Nase und daZ bischen Gehirnerschütterung nein, das ist noch lange nicht genug: platz! auch noch die Seh- . 1-. : C ! . l i .iy. c: I nerven enizwei, oic vöcqnucu auc wcide blind muß er sein, blind, blind für immer!. . . So. nun hast du den Lohn für die ewige Schinderei, nun magst du zufrieden sein, du guter und getreuer Knecht. . . O wär ich doch liegen geblieben auf dem Fleck, todt, hin, ganz hin. . . o Gott!" Ein stöhnendes Schluchzen erstickte den Groll in seiner Stimme, und er saß wieder brütend und preßte die Fäuste auf die zerstörten Augen. Der alte Rickert hatte den Kopf gesenkt, voller Gedanken; nun rückte er dichter an den Gefährten heran; er tastete nach seiner Hand, zog sie herab und hielt die zuckende weich umspannt. Dann begann er in seiner eindringlichen Weise, mit erhobenem Kopf in die Lust sprechend, und die unbeseelten Augen glänzten in seinem Gesicht wie zwei Perlmutterovale. Merk mal drauf, Ziegler, was ich dir jetzt erzähle, merk wohl auf. Siehst du, ich bin blind, ich weiß, daß ich ein verunstaltetes, narbiges Gesicht habe, weiß auch, daß die Haare schon lange schlohweiß sind ja, ein alter, verdorrter und verrunzelter Kerl werd ich sein. Deshalb war ich aber auch einmal jung. Ziegler, jung und sehend, ein frischer, starker, gesunder Mensch o, und was für eine fidele Nummer! Wenn der Frühling daherzieht, wird die ganze Welt wieder jung. Auch unsereins kommt dabei auf seine Jugend zurück. Es ist, als wenn sie wieder lebendig würde; dann kommt man sich in seinem Unglück vor wie ein Gefangener, der in einem dunkeln Loche sitzt, und der wie durch ein enges vergittertes Fmster in einen schönen sonnigen Garten sieht. Der Garten. Ziegler, siehst du, das ist die Jugend, das ist die Zeit, wo die Augen noch gesund waren und Tag um Tag in die schöne Welt schauten. Und nun, Ziegler, will ich dich in meinen Garten führen. Hm ja, wenn man jung ist und helle Augen hat, schmeißt man sie gern auf die Weiber. Das ist so. allerorten, in der Stadt und auf dem Lande. Ich bin einer vom Lande. Da fängt's gewöhnlich in der Ernte an mit dem Bergaffen, wenn die Burschen und Mädchen mitsammen im Felde arbeiten. Sonntags werden dann die hübschen Dinger auf dem Tanzboden herumgeschwenkt, Abends an der Gartenthür wird stundenlang geschnackt und gescherzt, und dann nu ja, dann ist man eben nicht mehr derselbe, dann ist man ein Ding aus zwei Menschen mit einem Herzen. Ich habe auch mein Mädel gehabt, so gut wie die andern, ein Mädel, froh und springig, wie sie alle sind in der Jugend. Wir hätten gern Hochzeit gemacht dem jungen Blute kann ja das Zusammenkommen nicht six genug gehen aber, aber! so ein armer Dienstknecht hat selber kaum genug, um das eigene Leben rechtschaffen durchzubringen. geschweige denn eine ganze Wirthschaft. Und sie? Nu ja. gutherzig war sie; aber sie hatte auch nichts als ihren rothen, läpperigen Schnabel und ihre gesundenDienstbotenarme. So ging denn das Disteln alleweil hin und her. wie wir's könnten am gescheidtesten anfangen, und es war doch immer eine Stelle, wo's nicht klappen wollte. Da schreibt mir einmal mein Bruder mein Bruder in Amerika grad in der leidigen Zeit einen langen Brief: Er wäre gesund, er habe Weib und Kind und sei dabei, ein gemachter Mann zu werden; ob ich nicht wollte hinüberkommen? Das tägliche Brot werde nicht bloß in der Heimath gebacken, das sollt ich ja nicht denken, da drüben habe man auch ein schönesStück Fleisch dazu und sein Gläschen Wein um die halbe Mühe. Für die Reiseko sten käme er auf, und nun sollt ich ja nicht zaudern und mein Glück hinschwinden lassen. Horch darauf, Lina!" sagte ich Abends zu ihr, ich gehe nach Amerika." Was willst du in Amerika? Willst du mich los sein?" Wo denkst du hin? Schau, Schatz, grad weil ich dich haben will, geh ich hinüber. Hier wird's einmal nicht. So werd ich ein Jährlein rechtschaffen arbeiten und ein schönes Stück Geld zusammenlegen; dann schick ich dir das Reisegeld, du kommst mir hurtig nach, und vier Wochen drauf juchhe! sind wir Mann und Frau! S, bedenk, wie schnell ist ein Jahr herum!" Da hat sie geheult und gemeint, das wäre so schrecklich weit, nun würde's aus mit uns.wie ich das nur über mich brächte? . : . Die alte Geschichte, Ziegler: lange Haare und kurzer Verstand. Na, ich hab mich aber nicht irremachen lassm, sccht wurde Abschied genommen, alles glatt gemacht, und eines schönen Tages war ich drüben. Recht war's gethan! . . Liegler, so ein flottes Arbeiten nach der eigenen Wahl, das ist ein Spaß, das fleckt dir 'mal! . . . Na, und da hab ich erst ein strammes Vierteljährchen bei meinem Bruder auf der Farm' abgemacht, und dann bin ich in die Stadt. Und eine schöne Stellung nach der andern gehabt, Plätze,' wo die Dollars gar nicht spärlich klimperten, ja, und Gärtner, Kutscher, Hausmann 'alles bin ich gewesen.

QiS zuletzt in einer Villa betjto Jork, wo ich von der Leite? siel und den Arm brach, gerade den rechten. Nu, er heilte ja wieder, aber steif blieb er, und das war grad kein Vortheil. Doch meine Herrschast hatte das Herz auf dem rechten Fleck; sie gingen hin und verschafften mir eme Stellung als Krankenpfleger im St. Mary-Ho-spital. Dort hatt' ich'S auch nicht schlecht, und es war dir wahrhaftig noch nicht dreiviertel Jahr herum, da konnt ich schon an die Lina schreiben: Geld zum Heirathen wäre da, vielleicht auch noch ein bischen drüber, wenn sie also noch Lust verspürte da in Amerika wär einer, der könnte die Zeit nicht erwarten, bis sie die Frau Rickert geworden. Ja, das Herz in der Jugend! Ich komme schrieb sie ohne groß drum und dran zurück, und ich hätte gleich närrisch werden können, so freute ich mich auf das Mädel, das ich ein ganzes Jahr bald nicht gesehen, und das in vier Woche meine Frau werden sollte. Abrr das Leben! bringen sie da eines Tages einen Fieoerkranken in meine Pflege, einen, der aus dem Süden zugereist war. Und keiner weiß, was ihm eigentlich fehlt hm. Rickert, Achtung!" sagte am dritten Tag der Arzt zu nur. D.er Mann hat die schwarzen Pocken!" Die schwarzen Pocken freilich. Nun nimm dich in Acht, Rickert! Jawohl, in Acht nehmen; der Mann war kaum verscharrt, da hatte ich sie auch, die schwarzen Pocken. Denke 'mal, Ziegler: Da hat das Mädel wegen mir die Heimath verlassen, will meine Frau werden, und ich liege wie ein Pflock im Bette ja. und hab die schwarzen Pocken. Aber warte nur, es kommt noch dicker. In die Grube sollte der Rickert noch nicht fahren nein, der sollte noch ganz andere Sache erleben. Also', es hatte mich wohl derb in der Mache gehabt, das schwarze Verderben, aber es ging doch vorüber. Bloß das Fieber rumorte noch im Blute 'rum, so schnell wollte das nicht weichen.. Hm, ja, wie das nun so ist, wenn man im Fieber liegt: bald streckt man sich steif wie eine Leiche, bald rast und brüllt man. wie von allen Teufeln besessen. Und gerade ich. ein so vollblütiger Mensch, ich tobte dir manchmal so stark, daß sie mich richtig an's Bett festbinden mußten, oben und unteu. Und da wand ich mich denn unter den Stricken, schrie nach dem Mädel, und wenn ich ste sah im Fiebertraum, wollte ich mit aller Gewalt zu ihr. Ein Fiebernder hat dir höllische Kräfte. Ziegler, bis ich denn einmal so wild wurde, daß ich

die Fesseln zersprengte mit einem Ruck. Und der Warter war nicht da, ver AM; seher auch nicht und da ich aus dem Bette mit einem Satz, in die Kleider hinein und fort fort zu ihr. Es hat mich niemand aufgehalten. Auf der Straße war mir's, als ginge die Welt unter. Wie beim Erdbeben wankten die Häuser, die Menschen torkelten durcheinander, u?.d alles, was ich sah. drehte sich in bluttgrothen Nebeln. Der Kopf war schwer und heiß, da in den Schläfen ging es wie ein Hammer: poch, poch! und immer wilder, immer toller. Nur die Füße merkwürdig und die Beine waren so leicht, so federleicht, ich merkte sie gar nicht, wie auf Wolken saß ich und fuhr dahin, und doch trappte ich mit meinen Schuhen über eine gepflasterte Straße. Auf einmal war da vor mir ein heller Streifen ja. so ein langer, gleichmäßiger Heller Streifen. Der kam mir so bekannt vor. Ja. du liebe Zeit, war das nicht die Landstraße daheim? Die Landstraße, freilich, weiß vom Staube und zu beiden Seiten die Kirschbäume. Dann kam der Dorfteich und die Pappeln und das erste Häuschen und die Lina, die Lina, da dort. Sie weinte und winkte und tanzte immer vor mir her. Wart', jetzt komm ich," schrie ich hin mit schäumendem Munde. Wie ein Pferd schöv ich dir vor, mit einem Satz wollt ich die Landstraße erreichen und fiel ins Wasser. Im Fieberwahn hatt ich dir den Kanal für die Landstraße gehalten. Ziegler, für die Landstraße von daheim o jeh! Die, die 's gesehen hatten, wie ich ins Wasser plumpste, zogen mich wieder raus. Im Hospital hatten sie sich derweil auch gerührt; eine halbe Stunde später, nachdem ich fortge rannt war, lag ich wieder auf dem alten Lager, stumm und steif wie ein Todter. So hab ich lange gelegen, ganz ohne Besinnung. Als ich das erste mal wieder zu mir kam und die Augen aufschlug Ziegler, das war dir recht sonderbar. Ich hörte die Leute in der Stube und sah doch nichts davon, nicht die Hand, kein Bett und keinen Stuhl. Ich tastete auf den Kissen herum, rieb mir die Augen es blieb so. Charlie," ruf. ich verwundert, Charlie, warum bringst du die Lampe nicht? Es ist ja Nacht." Eh. du alter Ausreißer, was willst du? Heller Tag ist's, drei Uhr hat's gleich geschlagen, drei Uhr Nachmittag." Geh. ich bin doch nicht" Mit einem Ruck saß ich aufrecht, schüttelte mich, tastete herum, zerrte an dm Augendeckeln; die Angst schnürte den Hals zusammen, ich schrie um Hilfe, ich zitterte, fluchte, und dann kam der Doctor, und der sagte nach zwei Minuten, daß ich blind wär. Der Sturz ins Wasser war dran schuld gewesen, ja, weil ich im Fieber war. O Gott, und vor zehn Tagen hatte ich den Brief geschrieben, das Mädel schwamm schon aus dem Wasser, in drei

Wochen sollte Hochzeit se?n. und ich war blind, unheilbar blind! Wie wird sie 's aufnehmen? WaS wird sie thun? Und sie kam. Grad als ich das zweite mal aufgestanden war. Ich saß am Fenster im Sonnenschein, da ging die Thür, und der Aufseher sagte lachend: Gu ten Tag!" Hinter ihm war noch jemand eingetreten; es raschelte wie Frauenkleider. Wo. wo ist er denn?" fragte eine ungeduldige, wohlbekannte Stimme. Mir schlug das Herz bis an die Kehle. Na der dort am Fenster, Jungfer." WaS der? Ach machen Sie doch keine schlechten Späße! Bitte, sühren Sie mich zu Heinrich Rickert." Ich hieljj es nicht mehr aus. Lina," schrie ich, Lina, kennst du mich nicht mehr? Ach, Lina, endlich!" Ich tappte auf die Thür zu, ich schwankte, weil ich ganz zitterig war. Da schrie es auf vor mir, ein Schrei voll Ekel und Entsetzen, ein Schrei, der mir wie ein Messer durch die Seele ging. Die Thür krachte ins Schloß, und ich stieß mit den ausgebreiteten Armen gegen die leere Wand. Eh, du armer Kerl!" sagte der Aufseher nachher. Verdammt, wir hätten warten sollen, bis die verwünschten Pocken verheilt sind; es ist wahr, sie haben dich ein wenig entstellt, mein Junge. Na, sei getrost, sie wird schon wiederkommen." Sie kam aber nicht wieder. Sie hat nachher einenLandsmann in New Fork geheirathet. Er war nicht weit von uns zu Haus und war drüben auch zu Ansehen gekommen. Nun blieb mir nur noch mein Bruder, Ziegler, mein einziger Bruder. Als ich wieder so weit war, ließ ich mich zu ihm bringen. Der aber war Amerikaner geworden, so ein richtiger Jankee, wie man die Leute nennt. Da paßte der blinde, hilflose Bruder freilich nicht mehr in sein thätiges, geldhungeriges Leben; die Schwägerin hat's mich auch gleich fühlen lassen. Solchen Leuten soll man nicht zur Last sein; also ließ ich mir mein Geld aus-

zahlen, mein gespartes, und machte mich nach der Heimath auf, wo ja noch die Mutter lebte. Die Reise, Ziegler, das war dir ein schweres Stück. Kann man sich denken, wenn einer erst ein paar Wochen blind ist. Endlich, nach allen Mühen, allen Beschwerden, die der Mensch durchmachen kann, kam ich daheim an. Daheim war inzwischen die Mutter gestorben wir hatten drüben keine Ahnung davon gehabt unser Haus chen war in andernHänden, den Pockennarbigen, siechen Menschen kannte keiner wieder, mein Geld ging auch drauf ein Blinder sieht's ja nicht, was er hingibt. So stand ich denn allein in der ganzen großen Welt, keine Mutter, keinen Bruder mehr, mein Liebstes auf Erden war mit Ekel von mir gewichen, kein Haus, keinen Herd, nirgends eine Ruhestatt, nichts in der Tasche, nichts im Leibe, arm, bettelarm, allen Menschen mir selber eine Last, Hunger, Kälte und die ewige, ewige Nacht vor den Augen ja, Ziegler, und nun glaubst du, dir sei allein unrecht geschehen, dir llein? Da wülst du nun in deinem Unglück herum, du haust alles gleich in Stücke, du fluchst über die Ungerechtigkeit; aber ich sage dir, sei du gerecht, Ziegler. Hast du nicht das Beste noch von der ganzen Welt? Deine Kinder, deine Frau, Ziegler, eine treue Seele, die sich um dich sorgt. die dich Pflegt, die zu dir halt in aller Noth? Sind nicht auch deine Brotherren da, die das ihrige thun, um dein Unglück zu mildern, die für demen Unterhalt forgen, wenn du wieder gesund bist? Nein, Ziegler, versündige dich nicht, sei du gerecht, nimm Vernunft an und gib dich zufrieden. Denk an den alten Rickert, der das Schwerste hat durchmachen müssen, und der immer noch lebt, still und froh über das Wenige, was noch geblieben ist weiß Gott! Gib mir deine Hand. Ziegler, denk an meine Rede ... Die Zeit wird wohl bald um sein, ich spllr's. die Sonne scheint nicht mehr so warm." Wie die Spatzen lärmten in den Akazienbäumen und die Buchfinken und ganz oben die Staare auch, wie heiter noch immer die Menschen unter der sinkenden Sonne wandelten, und wie heU die Soldaten bliesen drüben im Jnselschlößchen! Ach freilich, für diese ganze glückliche Welt gab es keine Nacht in diesem Augenblick, keine Noth und nichts von jenem überquellenden Gram, der sich stöhnend um die zu grausigen Fetzen zerrissene LLeltordnung müht. Der große starke Mann auf der Uferbank hielt noch immer die welke Hand des Alten umfaßt, wortlos, im Kampfe mit den finstern Mächten, die das Unglück ausgebrütet hatte. So saß er regungslos, bis ein zaghafter Schritt sich näherte. ' Jakob, ich bin's. Komm mit heim, es fängt an kühl zu werden." Es war die Stimme feiner Frau, sanft und besorgt. Sie zog ihn sacht an der Hand empor und hatte auch für den alten Rickert ein paar freundliche Worte dabei. Der nickte lächelnd und erhob lauschend den blatternarbigen Kopf. Da hat er 's denn gehört, wie der bewegte Mann sein Weib schluchzend umarmte, und wie er, nach langer Zeit vielleicht, zum ersten mal wieder voll Liebe zu ihr sprach. Komm heim, Jakob," sagte die Frau, auch die Kinder wollen ihr Theil haben." Als sie langsam von bannen gingen, schlenderte gerade ein Liebespärchen vorbei, schäkernd, Arm in Arm. Ach. . sieh nur. Richard!" sagte das Mädchen, ein hübsches rothblondes Ding, plötzlich ernst werdend, sieh

nur. wie traurig muß das sein, wenn die Frau gesund und der Mann crbttn

det ist und das Leben ist doch so schön!" Ja, Schatz, ich glaube, ich würde wahnsinnig, wenn ich Dir nicht mehr in die lieben Augen sehen könnte." Sie schwatzt eben immer nach ihrem leichten Sinn, diese glückliche Jugend! Auch den alten Rickert hatte der kleine Laufjunge aus der Bezirksanstatt längst in sein Versorgungsstübchen zurückgeführt, die Menschenströme in denPromenadenwegen wurden dünne? und dünner, und auch dieser gesegnete Frühlingstag ging, in schwermüthiger Röthe verdämmernd, zur Rüste. Sie bleibt ja nie aus in der Welt, die Nacht; aber sie hat tröstlicheSterne. Nach der Handschrift. Im Neustädter Anzeiger" erschien eines Tages folgendes Inserat: Handschriftenbeurtheilung." Auf Grundlage weniger Handschrift licher Zeilen einer Person wird der Charakter derselben eingehend beurtheilt. Honorar eine Mark. Meier, Berlin v. 30. ' Etwa eine Woche, nachdem dieses Inserat die genannte Zeitung geziert hatte, besuchte der BezirkscommandoFeldwebel des Ortes den Bürgermeister, was nicht besonders auffällig war, da der Sohn des Feldwebels im Begriffe stand, die Tochter des BürgerMeisters zu heirathen. Lieber Bürgermeister," ging der Feldwebel sogleich auf den Zweck seines Besuches los, ich komme, um Ihnen zu sagen, daß aus der beabsichtigten Heirath unserer Kinder wohl kaum etwas werden kann." Wenn der Feldwebel erwartet hätte, chaß nach dieser Mittheilung der Bürgermeister aus allen Himmeln fallen werde, so hatte er sich getäuscht. Das ist richtig," erwiderte das Oberhaupt der Stadt. Sie wissen doch auch schon die Ursache, weshalb nichts daraus werden kann?" Nun aber staunte der Feldwebel. Die Ursache wollte ich Ihnen ja gerade sagen. Deshalb komme ich her." Darauf sahen sich beide Männer ganz verwirrt an, bis endlich der Bürgermeister losbrach: Auf diese Weise kommen wir nicht vom Fleck. Also kurz, ich kann meine Tochter nicht einem verschwenderischen, hartherzigen, trinklustigen, faulen und dummen Menschen anvertrauen." Und das Alles soll mein Sohn sein, den Sie noch vor wenigen Tagen für den besten und klügsten Mann erklärt haben? Sie wußten schon, daß ich meinen Sohn niemals Ihrer heftigen, geizigen, gefallsüchtigen, trägen und charakterlosen Tochter geben würde." Genug der Beleidigungen," rief der Bürgermeister, nach der Thür zeigend, aber als der Feldwebel, einen Racheschwur ausstoßend, sich derselben zuwandte, sagte der Bürgermeister plötzlich in verändertem Tone: Sagen Sie mal. Feldwebel, haben Sie auch an den Berliner Handschriftendeuter geschrieben?" Aha." rief dieser, umkehrend. Sie haben Schriftproben meines Sohnes und ich Schriftproben Ihrer Tochter eingeschickt." Wir sind also beide im Rechte, wir haben beide ungünstige Auskunft über die Kinder bekommen." Nun, ich denke, wenn sie beide solche Taugenichtse sind, so passen sie ganz gut zu einander." Meine ich auch. Verheirathen wir sie also ruhig miteinander." Heute ist das Paar, deren Handschrift ihren schlechten Charakter offenbart hat, schon fünf Jahre miteinander verheirathet, und noch immer warten die beiden Väter, ob sich die sckleckten Eigenschaften der Kinder nicht bald herausstellen werden, und schon studiren sie daraufhin ihre Kindeskinder. Wem gehörte die Katze? Ein lustiges Radfahrerstllcklein passirte vor Kurzem in einem hessischen Städtchen. Stand da an einem schönen Nachmittage ein biederer, wohlbeleibter Metzgermeister breitspurig an seiner Ladenthür. Ihm zu Füßen spielte ein allerliebstes kleines Kätzchen. Es war eine rührende Idylle. Doch mit des Geschickes Mächten . . . Plötzlich stürmt hoch zu Stahlroß einJüngling heran, da, ein Ruck! ein Krach! und. der Roß und Reiter lagen auf der Erde! Das arme Kätzchen streckte alle Viere von sich; der Radler hatte es überfahren. In düsterem Schweigen und mit grimmigen Blicken musterte der biedere Schlächtermeister den unglückseligen Sportsman, der dastand, als ob er nicht bis drei zählen konnte. Endlich erholte er sich von seinem Schrecken, stammelte unzählige Entschuldigungen, und sagte dann zum Metzgermeister, der immer noch in düsterem Schweigen verharrte: Wisse Se was, Maaster, ich kann ja doch deß aarm Kätzi net mehr lewendig mache, awwer mir drinke jetzt e gute Flasch Wein zusamme!" Und sie wanderten selbander zur nächsten Kneipe, und tranken eine Flasche und noch eine Flasche, bis sich, das Gesicht des gestrengen Metzgers wieder aufheiterte zur Freude des Unheilstifters. Der Radfahrer bezahlte die nicht kleine Zeche und zog erfreut von dannen. Als er gerade im Begriff war, sein Stahlroß zu besteigen, zog ihn Freund' Mekaermeister zur Seite und sagte in bedauerndem Tone: Ei, wann ich jetzt nur wißt', wem deß dumme Vieh gehör'n dhet!" Tableau! Schlechte Empfehlung. Wie, Herr Doctor, Sie haben stch jetzt in der Hauptstadt niedergelassen? Sie hatten doch m dem kleinen Städtchen eine so große Kundschaft!" Allerdings, aber die ist eben ausgestorben."

ßuen's oman. Humoreske voi M. NZ. Die siebenzehnjährige Ellen saß an ihrem zierlichen Schreibtisch, stützte mit der noch zierlicheren Linken ihr reizendes, von blonden Löckchen umkraustes Köpfchen und tauchte mit der Rechten die Feder energisch und tief in das vor ihr stehende Tintenfaß. So," sprach sie leise vor sich hin, so. nun kann's losgehen; jetzt wird ein ' Roman geschrieben aus dem ff. so in recht ergreifender, weltschmerzdurchhauchter. Zwar habe ich noch keinen Stoff, ja selbst der Titel fehlt mir noch, aber das kommt schon Alles bei der Arbeit, das wird sich schon machen!" Und dabei stieß sie mit der Feder noch einmal kräftig in das Tintenfaß, und machte einen großen Tinten-, klcx. Ellen's braune Augen blickten auf das schwarze Gebilde, welches allmälig sich ausbreitend, die Form eines Herzens annahm. Das schwarze Herz." meinte sie sinnend, das wäre ein packender Titel, und wie v'le veckrabenfarbiae

Charaktere ließen sich in den Rahmen desselben bringen. Hm, aber Das schwarze Herz" klingt so nach Hintertreppenlectüre, und das muß auf jeden Fall vermieden werden. Wie wärs denn mit demPlural: Schwarze: Herzen"? Jawohl, so ging es besser. Schwarze Herzen, famos!" schmun zelte Ellen und tunkte abermals kräftig in das Tintenfäßchen und klatsch! da lag abermals ein großer dicker Tintenklex auf dem Bogen, dicht neben dem ersten. Ellen besah ihn mit eigenthümlichen Gefühlen: Wieder ein. Klex! Ich leide am Ende an Klezomanie. eine Art neuer Krankheit, wie sie die Aerzte von Zeit zu Zeit entstehen lassen. Aber merkwürdig sieht dieser Tintenklex auch aus. Es ist ja der reinste Kritikerkopf mit gesträubten Borsten, wollte sagen Haaren! Sollte das eine Mahnung sein, vielleicht keinen Roman, sondern eine Ballade, oder so 'was zu schreiben? Aber nein, nur keine Verse, nichts Gereimtes: Wiesagte doch Vetter Arthur, der fesche Lieutenant, neulich: Aeh, elendesRcimgefasel so Balladen und Romanzen und der janze Liederkram! Höre schon im Jeiste, wie nach tausend Iahren irjendwo im Innersten von Afrika so' oller schwarzer Professor über Literatur docirend seinen Hörern ein Jlühlicht darüber aufsteckt: Meine Herren, früher, vor alten Zeiten jab es. besonders in Europa, Leute, die, einem inneren Dränge foljend, Alles irr sojenannten Versen schrieben, das heißt in Zeilen, die amEnde einen Reim hatten. Damit aber nicht jenug, lasen sie diese Produkte ihres irrenden Jeistes ihren Mitmenschen bei jeder Jelejenheit vor, ja sie wurden sojar auf dem Wege des Buchdrucks vervielfältigt herausjejeben, was sojenannte Verlejer besorgten, die wohl nur deshalb so jenannt wurden, weil sie dazu berufen schienen, den stets verlegenen Dichtern aus der Verlegenheit zu helfen. Wir können Jott danken, meine Herren, daß wir diese dunklen Zeiten hinter uns haben und uns unjestört des Jenusses einer jesunden Prosa erfreuen dürfen. Aeh!" Also keine Verse, sonst lacht Vetter Arthur mich aus. und dem will ich doch gerade imponiren, sondern ein echter realistischer Roman mit socialem Hintergrund, aber poesiedurchweht. Wie wäre es in einer Moorgegend, mit flüsternden Birken, am Bachesrand gespenstisch verkrüppelten Weiden? So geht's, vorwärts, ich hab's!" Ellen's Feder rasselte diesmal ohne zu klexen über das Papier. Schwarze Herzen. . ' Socialer Roman von Ellen 3L 1. Kapitel. Sie stützte den Kopf und sann. Plötzlich legten sich von hinten her zwei Hände vor ihre Augen und einefrische, etwas verstellte Männerstimme fragte im Lieutenants-Jargon: Na hübsches Kindchen, wer bin ich. he?" Ach. Vetter Arthur. Du?" Sie befreite sich verlegen von den ihren Kopf umfangenden Händen und wollte tief erröthend das auf dem Schreibtisch liegende Blatt eilig in ein Schubfach praktiziren. Erlaube 'mal. Väschen, zeichnest Du? Ach, was seh' ich. Du bist am. Ende gar eine Taschenformat - Ausgäbe der Marlitt oder Werner! Schwarze Herzen, -socialer Roman von Ellen X." Oh, oh. Väschen um Gotteswillen, fange nicht an, solchen Unfug zu machen! Welcker vernünftige Mensch wird d5nn komane schreiben?" Ja. aber geschrieben müssen sie doch werden, so schwer es auch ist!" meinte Ellen kleinlaut. Siehst Du. und schwer ist . daS Schreiben auch noch! Nein, Väschen, süßes Väschen, laß Dir saaen, Romane müssen nicht geschrieben, Romane müssen erlebt werden!" , Und dabei legte er, als ob es so sein müßte, den Arm um ihre Taille, zog sie an sich, und ehe Ellen es sich versah, küßte er sie wieder und wieder, unv ihre rosigen Lippen öffneten sich balb, widerstandslos, wie eine aufquellendeKnospe, die süße Gabe der Liebe zir empfangen. Fatal. Junger Untersuchungsrichter: Sind Sie verheirathet?" Angeklagter (gemüthlich): Na, das müssen Sie doch wissen, Herr Assessor .... Sie sind ja meiner Frau noch zwei Mark für Wäsche schuldig!" Irreleitung. Fremder: Also hie? geht's herunter nach Neuendorf?" Gcmeindediener: Nee, für Sie geht's dort herab; der Wegweiser gilt nur für die Strolche und Vagabunden.' die wir gccn am Dorf vorbei, haben."

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