Indiana Tribüne, Volume 21, Number 243, Indianapolis, Marion County, 22 May 1898 — Page 7

Zn letzter tntie. Von Alfred Lore!. ' Kutscher. Thorstraße 21!" Und mit civtm Seufze? der Erleichterung spreng die kleine, zierliche Frau in die Droschke! Nun war sie geborgen, nun würden die lieben Freunde und Verwandten sie nicht mehr weich und wankelmüthig machen; an Hlla, würde sie schon einen Rückhalt, eine Stütze in schwachen Stunden finden. Jetzt war es entschieden, die Würfel waren gcsallen nach dieser Flucht von Mann und Kindern gab es kein Zurück mehr. Nur noch eine kurze Zeit, und sie war frei frei! Aber die Kinder! Freilich, daran durfte sie nicht denken, daran wollte sie auch nicht denken. Darüber würde ihr Hella schon hinweghelfen, die ja aus eigener Erfahrung wußte, wie das schmerzt und zehrt, die Kinder, das eigne Fleisch und Blut, zu verlassen und von ihnen fortzugehn uf Nimmerwiedersehn! Aber schließlich haben das auch andere ertragen und verwunden weshalb nicht auch sie, die noch dazu an ihrer Hella eine Trösterin und Beratherin fand? Und wer weiß, ob alle andern so viel Grund hatten, den folgenschweren Schritt zu thun wie sie! Was war ihr Leben denn gewesen an der Seite dieses Mannes, der ganz seiuen Geschäften lebte, für den sie garnicht da zu fein schien? Sie hatten gut reden, die lieben Leute, daß auch sie ein gut Theil Schuld trage; daß eine Frau vom Mann nicht verlangen könne, er solle stets so liebenswürdig und nachsichtig wie als Bräutigam bleiben; daß sie ihm Freundin und ' Gefährtin sein müsse. Das waren Redensarten, leere Redensarten. Nein, wahrlich, sie hatte nicht Lust, sich seinen Launen zu beugen, seine Magd zu spielen, während er seinen Arbeiten und seinen Vergnügungen nachging. Freiheit goldne Freiheit! Sich selbst ausleben zu können, die eignen Seelenwege zu wandern, nicht mehr gebunden an den heroischen Willen eines herzlosen Mannes! Nun kam es endlich dahin! Und wie wollte sie sie benutzen, die theure, wiedergewonnene Freiheit! Sie wollte ganz ihren Lebensfreuden, ihren Herzensneigungen leben, und der Gedanke an dieKinder sollte und mußte erstickt werden. Es verschmerzt sich ja alles auf Erden. Hatte es Hella denn anders gemacht? Hatte sie nicht auch den Mann, den sie nicht mehr achten konnte, verlassen, die Kinder preisgegeben und den Verlust verschmerzt? Hella hätte gesiegt, und sie sie würde ebenfalls siegen. Das alles schwirrte der hübschen, kleinen Frau durch das Köpfchen, während sie durch die frische Herbstluft dahinfuhr. Ganz mit ihren Gedanken beschafiZgt, merkte sie es garnicht, wie sich der Weg in die Länge zog, wie die Strafcen immer enger, die Häuser immer ärmlicher wurden. Sie merkte es auch nicht, wie hell die 'Herbstsonne vom klaren, blauen Firinament hrableuchtete, wie ihre späten Strahlen noch Licht und Wärme ausströmten, selbst in die kleinen, winkligen Gassen hinein. Wohl aber merkte sie es, daß die Straßen unsauberer wurden und daß der Schmutz von.den Rädern spritzte. Sie versäumte denn auch nicht eigentlich ganz unwillkürlich die Decke vom Rücksitz des Wagens zu nehmen, um das Kleid vor dem Schmutz zu schützen. Dieser Schmutz der Straße wie das verborgene Elend kleiner Verhältnisse, das war ihrer Natur von jeher ganz besonders zuwider gewesen, ganz unbewußt, aber auch ganz ausgesprochen. Und dieser Schmutz, der immer h'öher und höher hinaufgeschleudert wurde, traf sie ins Gesicht und rüttelte sie jäh aus ihren Gedanken auf. Schon öffnete sich der bebende Mund zu dem Befehl: Umkehren!" Schon begann der Gedanke fort, nur fort von hier" gebieterisch sich ihrer zu bemächtigen da ein Ruck, der Wagen hielt. Es war ein hohles, schmales, düsteres Haus mit kleinen Fenstern, alt, verwittert, verfallen. Und hier hauste Hella hier konnte sie hausen? So hatte sie es sich nach den ruhigen, zuversichtlichen Briefen, in denen nie eine Klage, nie eine Andeutung über das leibliche Wohl undWehe enthalten war, freilich nicht gedacht. Unendliches Mitleid ergriff sie mit der armen Freundin, die hier ihr freies- Leben fristete, und selbstvergessen, ohne an den eignen Widerwillen zu denken, ging sie mit zögernden Schritten ins Haus. Sie stieg die Treppen hinauf enge, düstere, ausgetretene Treppen, eine, zwei, drei, vier endlich! An einer der vielen Thüren, die auf den Flur mündeten, klebte ein kleines Papicrschild, auf dem mit zierlicher Frauenhand Hella Forsten" geschrieden stand. Sie mußte sich erst sammeln, sich auf sich selbst besinnen. Das also war die Freistätte ihrer Hella, der stolzen Frau, die einst wie eine Fürstin durch glänzende Säle gerauscht war, umstrahlt, umworben! Hierher führte der Weg zur Freiheit", auf dem man selbst das kleine, nichtige und doch so begehrte, so eingewurzelte Adelsprädikat verlor! Wie sich alles um sie drehte, wie die Angst sie packte! Mit zitternder Hand tastete sie nach dem Drücker, öffnete die Thür und trat ein. Vor de? Nähmaschine am Fenster, das dem dürstigen, kleinen Raum nur spärliches Licht spendete, erhob sich eine vergrämte Gestalt. Befangen, fast demuthig blickte sie die feine Dame an. die sich zu ihr verirrt hatte. Und dann

kam plötzlich das Erkennen sie lagen sich in den Armen und weite, wc inten beide bitterlich. Nun saßen sie auf dem kleinen, harten Sofa bei einander, eng umschlungen; und unter Thränen gestanden sie einander, wovon ihr armes Herz so voll war. Die eine den Drang nach Freiheit", nach dem Ausleben des eignen Ich", die andere das Leid des Lebens, die nie gestillte Sehnsucht nach dem theuersten Gut auf Erden, das sie nun verloren hatte, nach den Kindern. Der Stolz hatte sie gehindert, zu schreiben, daß sie der Kinder Verlust nicht verschmerzen konnte, und zu bekennen, wie es ihr in Wahrheit ergangen war, nachdem sie so siegesgewiß und willensstark hinausgegangen war, um sich selbst zu leben. Wie hätte es ihr auch anders ergehen sollen! Bis zu jenem Tge war sie eine verwöhnte Frau gewesen, ohne auch nur dasGeringste gelernt zu haben, um ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Außerdem war sie viel zu unpraktisch, um die wenigen Kenntnisse, ihr bischen Wissen verwerthen und ausnutzen zu können. So ging ihre kleine Baarschaft bald dahin; und sie kam tiefer und tiefer ins Elend. Jetzt hatte sie nur den einen Wunsch, ihre Kinder noch einmal wiederzusehn. Schweigend hatte die junge Frau diese Beichte angehört, und als ihre Freundin nun geendet, brach sie in Thränen aus. Ein heimliches Grauen vor diesem Leben erfaßte sie, und noch in letzter Stunde bereute sie den voreiligen Schritt, den sie gethan hatte. Nein, dazu war sie nicht geschaffen; sie war nicht stark genug, ein solches Dasein von Noth und Sorgen zu ertragen. Sie stand auf und umarmte ihre Freundin Hella, sie wollte zurück, wollte alles wieder gut machen. Jetzt erst erkannte sie. was sie beinahe schon verloren hatte. Würde ihr Mann verzeihen? Gewiß, gewiß! Im Grunde seines Herzens war er ja doch gut. Und die Kinder, die Kinder! . . . Eine unendliche Sehnsucht kam über sie, die sie nicht mehr bezwingen konnte. j Iie Heilige Lieöe. Eine Pfingstgeschichte von Neinhold Ortman. Es ist Anfang Juni, aber die Sonne brennt heiß wie im Juli. Der weiße Sand der Chaussee, die lang und schattenlos vom Bahnhose nach dem Waisenhause führt, wirst blendend die grellen Lichtstrahlen zurück, und in der unbewegten Luft ist ein Flimmern, das fast die Augen schmerzen macht.- Eine ärmlich gekleidete Frau schreitet einsam auf der Chaussee dahin. Sie ist noch jung, aber ihr Gesicht ist verhärmt, und gramvolle Linien haben sich tief um Mund und Nase eingezeichnet. Nun hat sie auch das verschlossene eiserne Gitterthor erreicht. Der verdrießlich dreinschauende Wärter betrachtet sie mit einem geringschätzigen Blick. Es ist jetzt keine Besuchszeit. Sie müssen amNachmittag wiederkommen." fährt er sie unfreundlich an. Aber die Frau möchte den Director sprechen, und der bärtige Thorhüter weist sie zurecht. Zaghaft klopft sie an die bezeichnete Thür und tritt auf das sonore Herein!", das ihr von drinnen entgegenschallt, über die Schwelle. Der Director sitzt vor einem großenSchreibtisch inmitten seines behaglichen Arbeitsgemaches. Es ist feierlich still, und die Frau glaubt den Schlag ihres Herzens zu hören, als sie nun die Augen des Gewaltigen fragend auf sich gerichtet sieht. Es sind goße, klare, milde Augen, und sie leuchten aus einem sansten, wohlgenährte', rosigen Gsicht. Und dcch fürchtet sich die Frau. Ich bin die Wittwe Hellbach", sagte sie leise, und ich komme zu Ihnen mit einer großen, einer sehr großen Bitte " Sprechen Sie lauter, liebe Frau", unterbrach sie des Directors wohlklingende Stimme in freundlich herablassendem Ton. Hellbach also heißen Sie? Und Sie sind die Mutter des Knaben Willi Hellbach, der sich seit drei Monaten in unserer Anstalt besindet?" Ja, das ist mein Sohn mein einziges Kind, Herr Director und ich möchte Sie um die Erlaubniß bitten, ihn noch einmal auf ein: kurze Zeit auf acht- Tage oder so ungefähr mit mir nach Hause nehmen zu dürfen." Sie haben ja ohne Zweifel sehr triftige Gründe?" Er hat so furchtbares Heimweh, mein kleiner Willi und so große Sehnsucht nach seiner Mutter." Ist das Alles?" Ja, Herr Director! Ist das denn nicht Grund genug?" Nein, meine gute Frau! Mit dem Heimweh Ihres Knaben hat es soviel nicht auf sich. Er wird das schon überwinden." Die Frau sucht in der Tasche ihres Kleides und reicht dem Gewaltigen mit zitternder Hand ein Kusammengefaltetes Papier. Es ist ein Blatt aus einem Schreibhefte. Den Brief hier hat mir mein Willi vor acht Tagen geschrieben. Ich habe so viel darüber weinen müssen. Möchten Sie ihn nicht einmal lesen, Herr Director?" Einen Brief der sechsjährige Junge?" fragte er erstaunt. Und noch dazu einen, der heimlich aus der Anstalt geschmuggelt worden ist? Ei. ei. meine liebe Frau, was sind das für Streiche?" Er hat sich gewiß nichts Böses dabei gedacht. Eine unbekannte Frau schickte ihn zu mir mit der Bemerkung, in kleiner, niedlicher Blondkopf habe ihn ihr gegeben und sie himmelhoch gebeten, ihn doch ja fernem Mütterlein m

schicken. Glauben Sie mir. Herr !

Director, er hat sich gewiß nichts Böses dabei gedacht." Der Herr setzt sich einen Schildplattkneifer auf die untere Nasenhalfte, hält das Blatt mit ausgestrecktem Arm weit von sich und liest: An mein libes, libes muterlein! diser brüf ist von deinem liben will! libes muterlein ich bin so traurich, mir schmeckt kein essen und der köpf tut mir fo we, ich mus immer weinen, das ich nicht zu Haus bin. Ich soll immer melsuppe essen wo du weist das ich sie nicht essen kann und ich mach auch nicht spilen weil ich so traurich binn. ich bet' immer, das der liebe Gott mich sol in den Himmel nemen. wenn ich nicht zu hauß sein kann bei meinem liben, liben muterlein. A libes muterlein hol mich nach hauß ich wil auch ni, ni, ni mehr unartig sein und ich will auch melsuppe essen, aber zu hauß. Ich hab gestern schlüge bekomen. weil ich so fil weine und sie sagen ich bin verstoggt aber ich bin nicht verstoggt, ich bin blos traurich und das ist wahr! die melsuppe ist auch immer gans kalt, wenn du mich nicht holen kannst, so bitt doch auch den Iibxi Gott, das er mich in den Himmel nimmt, ein schönen kus von deinen liben Willi. diser brüf ist an mein libes libes muterlein." Die glatte Stirn des Directors Hai sich in Falten gelegt, und sein sanftes, rosiges Antlitz hat einen strengen Ausdruck angenommen. Auf dieses kindische MehlsuppenLamento hin also haben Sie sich eiligst auf die Reise gemacht? Wahrhaftig, meine gute Frau, ich glaube, Sie hätten das Geld besser anwenden können. Nach ruhiger Ueberlegung werden Sie selbst einsehen, daß ich Ihr Gesuch im eigenen Interesse des Knaden abschlägig bescheiden muß. Wir würden ja aus der Heimwehstimmung garnicht herauskommen, wenn wir ihr durch solche Ferienreisen Vorschub leisten wollten. Sie wissen, daß Ihr Knabe nur auf besondere Fürirache hin Aufnahme in unsere Anstalt gefunden hat und daß Sie dies als ein großes Glück für ihn zu betrachten haben. Bleiben Sie dessen eingedenk und setzen Sie nicht Alles leichtsinnig wieder auf's Spiel, indem Sie seine Unarten begünstigen." Er winkt verabschiedend mit der Hand, wirft den Brief des kleinen Willi in den Papierkorb und beginnt zu schreiben. Die Frau steht eine Minute lang neben der Thür, dann stammelt sie leise etwas wie einen Dank oder eine Entschuldigung und schleicht gesenkten Hauptes ' hinaus. Der lachende Frühlingssonnenschein liegt golden über dem wohlgepslegten Garten, den sie durchschreitet. Da schlagen helle, liebliche Klänge an ihr Ohr der Chorgesang jugendlicher Stimmen, der aus den Fenstern der kleinen Waisenhaus-Kapelle in den stillen Morgen hinaustönt; unwiderstehlich zieht es die Frau dorthin. Als sie behutsam durch die angelehnte Thür eintritt, 'beginnt eben die Predigt; die Worte des Pfingstevangeliums klingen den jungen Hörern in die empfänglichen Herzen, wie wenn sie ihnen vom Himmel herab verkündet würden. Zunächst der Thür ist noch eine leere Bank, und die Frau hat sich zaghaft an ihrem äußersten Ende niedergelassen. Schüchtern nur läßt sie den Blick umherschweifen nach ihrem kleinen Knaben. Es ist nicht leicht, ihn herauszufinden, denn die Kleinsien sitzen ganz vorn. Aber ein Mutterauge sieht scharf: in der ersten Reihe hat sie ihn entdeckt, ganz in sich zusammengekauert und das Köpfchen nach vorn gesenkt, so daß sie nichts von ihm sieht, als die blutlosen, durchsichtigen OhrMuscheln und die kleinen, goldenen Löckchen, die sich trotz der unbarmherzigen Scheere schon wieder auf seinem Scheitel zu kräuseln beginnen. Sie weiß nicht, welches der Ausdruck seines Gesichtes sein mag; aber in der Haltung seines kleinen Körpers ist tod:smüde, hoffnungslose Traurigkeit. Die Predigt ist endlich aus, paarweis, in musterhafter Ordnung, verlassen die Zöglinge des Waisenhauses die Kapelle; verwundert blicken sie Alle auf die ärmlich gekleidete Frau, die mit thränengefüllten und doch so seltsam leuchtenden Augen neben der Ausgangsthür steht. Und dann schallt es mit einem Mal voll Glückseligkeit durch den geweihten Raum : Mutterlein! Mein liebes, liedes Mutterlein ! Ach, wie freu' ich mich, mein liebes Mutterlein!" Die Frau nimmt den schmächtigen Knaben auf ihren Arm. Sie sagt kein Wort und sie fragt Niemanden um Erlaubniß. All' ihre Müdigkeit ist dahin und ihr Herz ist voll Pfingstfreude und Lenzeshoffnung, wie in den Tagen der ersten Liebe. Rüstig schreitet sie mit ihrer geliebten Bürde durch den blühenden Gerten dem eisernen Gitterthor zu von Keinem aufgehalten; denn noch begreift ja keiner der Ueberraschten, was sie im Sinne hat. Erst als klirrend die Pforte hinter ihr zugefallen ist, setzt sie den Knaben nieder und bedeckt sein blasses, thränenfeuchtes Gesichtchen mit ihren Küssen. Jetzt fahren wir nach Haus. Willi und jetzt laß' ich Dich nicht mehr von mir, so lang' ich lebe." Und dann aehen sie zusammen den langen, schattenlosen Weg nach dem Bahnhose plaudernd, lachend, fröhlich, wie wenn das sonnige Pfingstfest für sie allein in die Welt gesetzt worden wäre: in ihren Herzen ist Licht und Freude, denn die Liebe ist ja mit ihnen die heilige Liebe ! Viele sind an der Spitze ei--neö Amtes, aber die Untergebenen üben eS aus!

pogelflimmen im polkshumor. Foentod foglars qvitter. (vr verstand Vogelgezwitscher) Edda. Zur Zeit der französischen Revolution hatte ein Gefangener, Dumareau de la Malte, eine kleine Genossin, die ihm oft über die düstere Kerkereinsamleit hinweghalf. Es war eine Schwarzemscl. Er lehrte sie, die Marseillaise zu

pfeifen. Das kostete ihn viele Mühe, ! war ihm aber auch eme lieogewordene Thätigkeit. Und als er die Freiheit erhielt, schenkte er sie auch seiner gelehrigen Freundin. Nach kurzer Zeit hörten die Anwohner der Loire zu ihrer größten Verwunderung Jahre hindurch alle Schwarzamseln ihres Cantons frisch und munter die Marseillaise pfeifen es wird aber wohl nicht die ganze Melodie gewesen sein. Mancher mochte es für ein Wunder halten und an eine himmlische Mission der Revolution glauben, weil sogar die Vögel imWalde das zündende Sturm- und Kampflied sangen. Die Amseln hatten es aber nur von ihrer gebildeten Schwester gelernt. Der Vogel weiß also recht gut, was er singt, und hat Gefallen an feiner Kunst. Es ist ihm durchaus nicht nur ein bestimmtes Pensum angeboren. Er singt nicht, weil ihm die Natur die Stimme nun einmal so und nicht anders gegeben hat. Er hat ein gutes musikalischeS Gehör und weiß unter Umständen seine Tonreihe zu andern. In verschiedenen Gegenden haben Vögel einer Art sogar verschiedene Dialekte oder zu deutsch Schnabelarten. Feinhörige Vogelkenner wissen diese zarten Tonabschattungen oft sofort zu unterscheiden. Selbst Laien aber hören die guten und die schlechten Schläger unter den Vertretern einer Singvogelfamilie leicht heraus. Für alle seine Empfindüngen, freud- und leidvolle, hat der Vogel aber seine besonderen Töne, die menschlichen Empfindungslauten im Ausdruck ähnlich sind. Ein tiefer Sinn, ein Glaube an die Thierseele liegt deshalb in der uralten Sage von der geheimnißvollen Vogelsprache, die nur in seltenen Glücksfällen einem Menschen vernehmlich wird. Einst dachte man sich ja auch die Menschenseele unter dem Bilde eines Vogels und das Sonnenlied der Edda spricht von versengten Vögeln, die Seelen waren". Bei dem Glaube an eine verzauberte Vogelsprache mochte wohl auch der Glaube an eine Seelenwanderung unbewußt nachspuken. Man dachte wohl, daß eine Menschenseele imVogel wohne und Menschenworte in der Sprache der Vögel spreche. Redende Vögel kommen in den altindischen Mythen vor. z. B. vom König Nala, der sein Land im Würfelspiel verlor und dann mit feiner Gattin Damajanti in der Wildniß lebte, in den Märchen der Araber und den Mythen und Märchen der Deutschen. Die Edda erzählt wiederholt von sprechenden Vögeln. Als Sigurd des getödteten Fafnirs Herz briet und mit dem Finger versuchte, ob es gar sei, verbrannte er sich und steckte den Finger in den Mund. Aber als Fafnirs Herzblut ihm auf die Zunge kam. da verstand er der Vögel Stimmen. Auch von seiner Frau Gudrun wird gesagt, daß sie von Fafnirs Herzen etwas gegessen und der Vögel Reden verstanden habe. Und wie oft spielen sprechende Vögel in Märchen eine Rolle, wobei sie, grade wie in der Edda, den Menschen Geheimnisse verrathe oder klugen Rath ertheilen. Die Kinder verstehen die Sprache der Vögel noch, wenn auch in kindlicher Weise und nicht so, wie es in den Mythen gemeint ist. O du Kindermund, o du Kindermunds Unbewußter Weisheit froh, vozelsprachekund, vogelsprachekund. Wie Salomo. Sie beseelen ja jedes Ding und wissen mit allem zu reden. Die taufenderlei mannigfaltigen Laute der muntern Vogelwelt sind ihnen erst recht eine annehmbare, leichtverständliche Sprache, die sie nur zu gern in die ihre und. in den kindlichen Anschauungskreis übertragen. Mit bestimmten Vogelrufen thun das auch die Erwachsenen. Meistens sind es recht eigenthümliche und kurze Rufe, die eine gewisse Klangähnlichkeit mit menschlichenWorten haden und gewöhnlich humoristisch ausgelegt werden. Wie so mancher Vogel vom Menschen lernt, wenn dieser ihm etwas vorpfeift, so ahmt der Mensch in menschlicher Sprache nach, was der Vogel ruft. Er weiß wohl, daß der Vogel das nicht sagen will und kann, aber es macht ihm Spaß, sich den Vogelruf in seiner Weise auszulegen. Wie beginnt doch gleich das deutsche Vogelmärchen? In den altenZeiten, da hatte jeder Klang noch Sinn und Bedeutung. Wenn der Hammer des Schmieds ertönte, so rief er: fmiet mi to! smiet mi to! Wenn der Zimmermann den Balken beschlug, so klangs': kein Käs und Brot, das mag ich nit! Der Schuster aber zog den Draht an mit: hätt' ich's! und der Hobel des Tischlers schnarrte ihm zu: da hast's! Fing das Räderwerk der Mühle an zu klappern, so sprach es: hilf, Herr Gott! Vom Müller selbst aber erzählt die Mühle, zuerst langsam fragend: wer ist da? wer ist da?, dann rascher antwortend: der Müller! der Müller! und endlich ganz eifrig klappernd: stiehlt tapfer, stiehlt tapfer, vom Vierkel drei Metzen u. s. f. Zu dieser Zeit hatteu auch die Vögel ihre eigne Sprache. die jedermann verstand. Jetzt lautet es nur wie ein Zwitschern, Kreischen und Pfeifen und bei einigen wie Muük ohne Worte. Ja. die Menschen von heutzutage sind nüchterner geworden als ihre Väter, nüchterner, praktischer, streb- und erwttbsamer. Ob aber auch glücklicher? Die Väter waren be. schaulicher. Das ist wahr. Sie arbeiteten nicht mit Dampf und wogen die Minuten nicht mit Gold auf. Sie lebten aber auch ncch inniger mit der Natur zusammen und hatten Freude .an

harmlosen, bescheidenen Dingen. Sie jagten nicht nach dem Glück und behielten ihr seelischesGleichgewicht mehr. Freilich führten sie auch mehr einLandleben. Die Industrie tappte noch in den Kinderschuhen und konnte noch nicht störend in den Frieden dieses stillen Lebens eingreifen. Das war die Zeit, da man freundliche Poesie um alles in. der Umgebung wob und der Sprache der Vögel noch mit behaglichem Humor lauschte. Im modernen Treiben und Hasten kann man nicht mehr darauf achten. Nur einzelne thun's noch. Damals aber, wie rief da de? Stieglitz den Leuten zu: Lüg nit! Lüg nit!" Den Finken aber, von dem er gern den schöneren Schlag erlauschen möchte, bat er: Fink, bmi!" Denn der Fink, der fröhliche und unermüdliche, kann ja fo viele Weisen. Fritz. Fritz, willst du mit zum Weine geh'n?" klingt sein Weingesang". Sein Bräutigamschlag" aber fragt: Fink. Fink, willst du denn auch den Bräutigam zieren?" Dann ruft er: Reit herzu, Trab!" oder Schützenbier!" (in Schlesien Schitzkebier) oder auch Gut Jahr!" Wcizenbier, Würzebier. Gerichtsgebühr. Reitzu. Weitschuh. Kuhdieb. Malvasier. Musketirer, Sparbazier, Kienöl und noch viele andere Bezeichnungen haben die mannigfachen Schläge des tongewandten Finken. Der Zeisig schwingt sich nur zu der philiströsen Erklärung auf: Ziegenfleisch ist zäh." Im Vogtlande freilich soll er sich ungebührlich benehmen und rufen: Dide dile dileda, Mädel, weis' mer deiBa (Bein), ich weis' der mein's ä (auch)!" Die ungarischen Sprossen, die stärksten Schläger, singen: Zieh a. zieh an, David, zieh a Glock!" Aehnlich treibts die Singdrossel oder Zippe: David, David, drei Nösel für eine Kanne! Profit! Profit! Kattenhans! Kuhdieb!" Wenn sie am schönsten schlägt, ruft sie nur: Kuhdieb"! Die Schwarzdrossel aber, um die Leute auf ihren Gesang aufmerksam zu machen, schmettert: David Hans David!" Einen recht praktischen Sinn bekundet die Kohlmeise. Zit is da!" schreit sie. wenn sie Hunger spürt. Und stellt sich der Frühling vorzeitig ein, erzählt Karl Holtei, so ist sie die erste, die ihn muthig begrüßt und dem durch den Wald wandelnden Landmann angelegentlich zuruft: Zieh aus den Pefe! Bringen aber April undMai noch kalte Tage, dann ändert sie sehr geistreich ihr kurzes Lied und singt vernehmlich: Flick dir'n Pelz! Um sich für etwas besseres auszugeben, als sie wirklich ist, hat sie auch dem Finken seinen Lockruf Fink, Fink" gestohlen. Und kann das Weibchen diesem stibitzten schönen Klänge nicht wiverstehen und fliegt ihr hingerissen entgegen, fo empfängt sie's mit dem über den Erfolg ihrer Schlauheit entzückten: Sind Sie da? Sind Sie da? Der Hänfling sagt: Kerl, gih ra (geh' heran)! Der Kreuzschnabel: Gieb, gieb, gieb! Der Goldammer oder Hämmerling treibt sein Spiel mit dem Bauern. Im Hersie singt er ganz betrübt vor seinem Fenster: Bauer, miet' mich! Im Frühling aber ruft er recht hochmüthig vom Baume herab : Bauer, behalt' deinen Dienst! oder gar: Bauer, spann an und hilf mir zieh'n! Harrt das volle goldne Kornfeld der Ernte, so jubelt er hinein: Wenn ich ein Sichlein hätt, wollt' ich mit schneiden! oder Gartenammer, in gehobenen Tönen zu:.Z'wit gehst (zu weit)! Geh weg. weg! Er wird ja auch von den Menschen gegessen. Seinem bäuerlichen Verwandten bleibt diese hohe Ehre fern. Im Frühlinge läßt sich noch ein paar Tage vor dem Kuckuck, der die Leute mit seinem Rufe neckt und sich immer versteckt, sein Küster hören, der Wiedehopf. Er ruft dem Bauern up, up! (auf!)" zu, damit er die Stallthllren öffne und das Vieh auf die Weide lasse. Und daß er auch schon zur Zeit der alten Römer so gerufen, beweist sein lateinischer Name upupa. Die phlegmatischen Rinder, die am Sumpfe weiden, werden von der Rohrdommel gewarnt: Rund herum, rund herum!" Unweit davon fliegt der Kiebitz ängstlich über seinem Neste, das die Kühe mit ihren schweren Füßen zu zertreten drohen, und schreit: Wo bliev ick! Wo bliev ick (Wo bleib ich?)" Quark ook!" schnarrt ihm die grämliche Krähe von der Erle herab zu. Sie will damit sagen: Quark auch, wer kümmert sich um dich unbedeutendes Thierchen!". Der Rabe, der Geizkragen und Galgenvogel, fliegt schwerfällig über den Wald in die Ferne, wo er irgend ein Aas wittert, und schreit : Grab, grab!" In der grünen Waldtiefe aber tönt des Schwarzspechts heller Hammerschlag an den Bäumen. Sobald er jedoch einen Menschen kommen sieht, ruft er ihm rasch Glück!" zu und verschwindet augenblicklich. Er allein von allen Vögeln weiß ja, wo die zauberkräftige Springwurzel wächst, die verboraene Schätze anzeigt. Ein Märchen erzählt. Gott habe einst allen Thieren befohlen, einen Bach zu graben. Gehorsam und fleißig erfüllten alle des Herrn Gebot. Der Re. genpseifer allein blieb faul und verspottete obendrein die anderen mit dem Rufe: Schippt! Schiebt! Zieht!" Da erleate ibm Gott die Strafe auf. ewia nach Wasser zu schmacyten und zu rusen. Geuß! Gieß! Giet!" schreit er deshalb dringend zum Himmel auf, wenn die Fluren lange dem erquickenden Naß entgegendürften müssen. Und nach dem Volksglauben pfeift er damit auch die Regenwolke herbei. Reift dann das hohe Getreide der Ernte entgegen, dann klingt frühmorgens und am Abend ein helles, eindringliches Sack! Sack!" über die wogenden Aehren. Der Wiesenknarrer oder Wachtelkönig rufts, damit die Landleute sich bereit halten, bald den vollen Erntefegen einzuheimsen. Wachtelkönig heißt er, weil er, ein nützlicher Zugvogel, auf dem Zuge oft mit den ihm ähnlichen Wachteln zusammentrifft. Der trau-

liche Dreischlag der Wachteln, der auS den stillen Weizenfeldern herüberschallt und immer freudige Gefühle in der Menschenbrust weckt, hat wie der Lerchenjubtl aus blauen Lüften die verschiedensten Deutungen gefunden. Er ist. üdrkgens auch abweichend, je nach der Gegend, von den tiefsten bis zu den höchsten Tönen. Im Volkslied ruft die Wachtel gern fromme, herzliche Worte. Fürchte Gott! Fürchte Gott!", mahnt sie im Grünen. Mit Guten Tag! Guten Tag!" begrüßt sie den Morgen. Dank sei Gott!" ruft sie Abends.Jm Regen: Werd' ich naß!" Auf Sandboden: Hartes Bett! Hartcs Bett! Hartes Bett!" Kommt der Jäger, vor dem sie sich in Frieden weiß, sagt sie: Fürcht' mi nit! Fürcht' mi nit!" Im ährenschweren Feld, mitten in der reichen Segensfülle, die ihr Nestchen schützend umrauscht, jubelt sie: Danket Gott! Danket Gott!" Nahen die Schnitter, fleht sie: Wehe mir tritt mi nit!" Vom Stoppelfeld, über das nun der Wind frei weht, klingt ihr wehmüthiges Ist mir leid! Ist mir leid!" Beim Nahen des Herbstes klagt sie: Harte Zeit! Harte Zeit!" Nun sieht sie nach dem fernen, warmen Süden, in dem ihr so viel nachgestellt wird und aus dem sie wohl nie wiederkehrt nach den deutschen Feldern. Darum ruft sie noch im Scheiden dem Menschen zu: B'hü! di Gott! B'hüt di Gott!" Der charakteristische Wachtelschlag hat auch im Kinderlied seine Nachahmung gefunden, z. V. in dem bekannten Pickdewick, mein Mann ist Schneider" u. s.w., oder Käs und Brod schmeckt mer net, schmeckt mer net!" In der Mark heißt es, die Wachtel rufe: Pack Tabak! Pack Tabak!" Die Bauern in der Ernte aber sagen, sie rufe: Bück' den Rück! Bück' den Rück!" In Frankreich prägt sie zur selben Zeit, da der Segen des Aehrenfeldes den Scheunen im schwerbeladenen, schwankenden Erntewagen zugeführt wird, dem Bauern den beherzigenswerthen Spruch ein: Paie tos dettes! Paie tes dettes!" (Bezahl deine Schulden!) Die deutschen Präceptors des Mittelalters, die alles nur mit lateinischen Augen ansahen, erklärten ihren Discipulis auch den fröhlichen Wachtelschlag mit Die, cur die?" (Sprich, warum hier?) Hier und da heißt die Wachtel deshalb auch der Dickricksvogel. Die Lerche, die jubelnde Seele der Felder, singt, wie der edle Christoph v. Schmid meint: Dir, dir, dir, nur dir!" zum Schöpfer empor. Beim Erwachen der Morgensonne aber schwingt sie sich nach der Annette von DrosteHülshoff mit dem feierlichen Heroldsrufe ins Blaue: Die Fürstin kommt! Die Fürstin kommt!" Aus dem sonnendurchstrahlten Himmelsblau die Erde unter sich erblickend jubelt sie, wie Karl Egon Ebert sagt: Die Welt ist schön! Die Welt ist schön!" Der Zaunkönig wird seit den ältesten Ztiten und in allen Sprachen der König genannt. Das deutscheMärchen erzählt, daß er beim Wettflug der Vögel, als der Adler ermüdet war, sich unter dessen Fittichen hervor, wo er ' versteckt war, so hoch über den Adler emporgeschwungen habe, daß er Gott auf feinem Stuhle konnte sitzen fehen. Da schrie er in stolzer Aufregung: Könia bin ich! König bin ich!" So ruft er auch heute noch. Wenn der stolze Ruf des kleinen Königs die Leute erheitert, so erschreckt sie, wenigstens Abergläubische, der unheimliche Schrei eines andem Vogels, des kleinen Todtenkäuzchens, das Nachts an das einsam erleuchtete Fenster des Krankenzimmers flattert und Komm mit! Komm mit!" ruft. Naturgemäß erstreckt sich der VolksHumor am meisten auf die Vögel, die zu Hausthieren geworden sind oder die

ver meniaznazen jasognungcn moin. Unter diesen ist wohl die gesellige Schwalbe dem Menschen der liebste. In Spanien deutet das Volk ihr heiteres Gezwitscher: Iß und trink! Borg' das Geld. Doch sei flink. Eh' man dich hält, Und flieh', flieh', flieh', Veatriiiiiiiiz!!! In Deutschland aber sagt das Volk, sie singe, wenn sie im Frühjahr wiederkommt: Als ich fortzog, als ich fortzog, Waren alle Kisten und Kasten schwer; Da ich wiederkam, da ich wiederkam, 'War alles wüst und leer. Diesen uralten Spruch des Volkes hat Rückert in sein schönstes Lied, das allbekannte, gern gesungene, tiefwehmüthige Aus der Jugendzeit", das dementsprechend ganz im SchwalbenrythmuS gehalten ist, ausgenommen mit den Worten: Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm. Waren Kisten und Kasten schwer; Als ich wiederkam, als ich wiederkam. War alles leer. Viel Spott muß der Sperling, der zudringliche Gassenjunge der Vögel, über sich ergehen lassen. Immer schreit er unersättlich: Meh, Meh, Meh. Meh (Mehr)! Alles, was er sieht, begehrt er: Will ich! Will ich! Frech rühmt er sich noch unaufhörlich seines unsauberen Handwerks: Dieb! Dieb! Kaum sieht er, daß die Weizenkörner im Milchsäfte stehen, kreischt er seine ganze Spitzbubengesellschaft herzu: Milch! Millich! Millich! Und hat r's heraus, daß die fürchterliche Vogelscheuche nur ein alter Lappen auf ein paar Stecken ist, setzt er sich übermüthig darauf und lacht : Zwilch, nichts als Zwillich! Und das verstehen seine Spießgesellen und fallen wie der Hagel in den Weizen und auf den verlockenden Kirschbaum. Treulich hilft ihnen dabei' der schöne, sonst befcheidnere Pirol und flötet vergnüglich schwelgend: Viel, o, viel, o! Kommt aber , der Bauer mit der Schrotflinte

geschlichen, da schreien die pfifsigen Spatzen mörderisch: Mich nicht, mich nicht, den. den, txnl und suchen eilig das Weite. Und zum Schluß bis Fcusvögel. Die Tauben rufen fchon im Märchen vom Aschenbrödelchen: Ruckedigu, voll Blut ist der Schuh! Und der Hahn empfängt die Goldmaria mit seinem Kikeriki, unsre goldne Jungfrau ist wieder hi! während er die Pechmaria die faule nennt. Die Ente stürzt sich, wenn sie mit der ganzen Festlandswelt zerfallen ist, in den grünlichen Pfuhl und hadert verächtlich: Pracherwerk, Pracherwerk! (Bettlerwerk.) Wat, wat. wat is denn dar to dohn? (Was ist denn da zu thun?) gackert die Henne, wenn sie das Nest verbergen will, in das sie soeben ein Ei gelegt hat. Oder sie ruft, sobald sie ein Ei gelegt hat: Ich bin Soldat! Ich binSoldat! Dann gebietet ihr der stolze Hahn: Ducke dich, ich bin Corporal! Ruft er am dämmerndcn Morgen, mit geschlossenen Augen, damit die Hennen sehen sollen, er kann's auswendig, sein helles Kikcriki, dann übersetzen es die gähnenden Knechte und Mägde mit: 's ist noch zu früh! Blickt er auf den reichen, wohlbesetzten Hof, so prahlt er: luter rieck Lü! (lauter reiche Leut'!) Auf manchem Bauernhof freilich schreit er schon bei Tagesanbruch: Mein Herr ist viel schuldig! Da schwebt dieTrommeltaube herzu und versichert gravitätisch: Wird's schon bezahlen, wird's schon bezahlen! Aber drinnen im Stalle schreit daS dumme Schaf, wenn es auch nicht zu den Vögeln gehört: Nimmer--meh, nimmermeh! Elektricität macht wasserdicht. Eine der neuesten und interessantesten Verwendungs - Arten der Elcctricität, dieser raft mit unendlichen Wirkungsgebieten, macht seit Kurzem in den betreffenden Fachkreisen von sich reden und ist von weittragender Bedeutung. Es sollen nämlich Wolle-, Baum-wolle-, Leinwand- und Seidenwaaren mittels eines electrischen Stromes was-, serdicht gemacht werden. Natürlich hatte man auch bisher Mittel dafür, aber sehr äußerliche, namentlich das Unterlegen von Gummi. Nun soll aber das neue electrische Verfahren, das von einem Amerikaner Namens Brevoort. erfunden worden ist, weit einfacher, sein, als die Anwendung von Gummis Das neue Verfahren besteht im Wesentlichen darin, daß man durch die,betreffenden Stoffe (verarbeitete oder, nicht verarbeitete), während sie sich in nassem Zustand befinden, einen elecirischen Strom aus einem metallischem Leiter gehen läßt; dieser Strom ge---langt nach einem andern, auf der ent-. gegengesetzten Seite angebrachten Lei--, ter von Metall oder Holzkohle. Die: eine Seite ist positiv elektrisch, die andere aber negativ. Nun soll da? Wasserin den Stoffen in seine chemischen Bestandtheile zersetzt werden, d. h. irv Sauerstoff - Gas und in Wasserstoff-' Gas, wovon das letztere nach dem negativen Pol und das erstere nach dem positiven Pol geht. Das SauerstoffGas foll ungemein rasch und lebhaft eine neuer Verbindung eingehen, fodab. sich ein Oxid" von Aluminum oder Zinn bildet (je nach der Beschaffenheit des metallischen Leiters), und von diesem Verbindungsstoff wiederum sollen unendlich kleineTheilchen die behandelte Substanz durchdringen und sie vollkommen Wasser - abstoßend machen, ja ihr noch sonstige nützliche Eigenschaften verleihen. Diese Behandlung, wenn sie hält, was sie verspricht ließe sich z. B. auch bei Stricken und in anderen Fällen anwenden, wo man bisher überhaupt keine Wasserdichtigkeit zu erziel :n gehosst hatte. m m m . m Duellmusik.

Der Componist Mailhol, der vor Kurzem in Toulouse gestorben ist, war von jeher ein unverbesserlicher Spaßvo gel gewesen. So erzählt man, daß er eines Tages einen Duell-Marsch componirte, den er aber nirgends anbringen konnte. Er begab sich daher nach der Academie des Jeu Floraux-. brachte da eine heftige Discussion über eine Kunstfrage zwischen zwei Mitgliedern zu Stande und fachte den Zwist dermaßen an, daß es zu einer Förderung kam. Die beiden Duellanten hielten bei den Grands-Ramiers" schon ihre Degen bereit, als hinter dem Gebüsch ein Orchester die Töne des Duell. Marsches Mailhols anstimmte. Duel lanten und Zeugen waren zuerst ver blüsft, nahmen aber die Sache von der lustigen Seite und fochten im Takte. Als die letzten Accorde des Duellmae. sches verklungen waren, hatten die bei den Gegner sich bereits versöhnt. ? Größte Selbstbeherrs ch u n g. Vater: Also neulich warst Du zu Geheimraths geladen. Du hast Dich in der feinen Gesellschaft doch recht zusammengenommen?" Studiosus: Und wie. Papachen, nicht einen einzigen hab' ich angepumpt!" Goldblond. Frau A.: Das Fräulein Goldstein hat rothes Haar, nicht wahr?" Frau V.: Eigentlich schon; weil aber ihr Papa dreifacher Millionär ist, so nennen es die Leute goldblond." Aha. Bewerber: Jch liebe hre Tochter und möchte sie heira then.- Brautvater: Wie sind denn Ihre Aussichten?" Bewerber: Sehr gute, wenn Sie ja saLen!" Erkennungszeichen. (Professor passttt auf dem Spazier-, gang mit seiner jungen Frau ein Dorf, aus welchem ihnen eine Heerde schnatternder Gänse entgegenkommt.) JungeFrau: Sag' mal. lieber Emil, welchermag wohl der Gänserich sein?" Professor: O selbstverständlich das Thier. welches dort an der Spitze marschirt und schweift!" .