Indiana Tribüne, Volume 21, Number 195, Indianapolis, Marion County, 3 April 1898 — Page 2
Oeyeitt.
Von Marie Ctahl. Die F!erabend-Glocken, die das Osteiftst einläuteten, hatten'S ihm an gethan die alte Zeit war wieder da. Die schöne alte Zeit mit ihr Osterfreude! Osterserien! welch' n Wort für den Schüler war das einst gewesen! Das liebe, alte Haus, weit da draußen rm flachen Land! Und darüber der Himznel fo ungeheuer hoch und blaßblau wie die Osterblumen, und die Frühlingswinde fo herb und frisch über den keimenden Saaten, und dahinter der große, stille Garten, wo die Amsel fang in der Schlehdornhecke! Wo der letzte Winterschnee im Rasen und in den Gräben tharrte, die Kinder jauchzend durch die Pfützen patschten und mit Ball und Murmeln spielten, wie es seit undenklichen Generationen alle Dorflinder im Frühling thun. Da hatten sie immer die ersten Veilchen zusammen hinter den Hecken gesucht und am Ostermorgen die versteckitn bunten Eier! Er glaubt wieder die Veilchen im Grase zu riechen und den Duft der frisch gebackenen Osterstollen, der über toem ganzen Dorfe hing. Er sieht wie'der die kindlich-schlanke Mädchengestatt vor sich, wie sie die Zweige der Hecke auseinanderbiegt und ihn mit rosigem Gesichtchen anlacht. Aber wie heißt es doch in dem alten, traunoen Liede: Mußte in die Ferne wandern Und Du unterdessen Hast genommen ein Andern Ring und mich vergessen!" So war es auch ihm ergangen und fcoch hatte er in den Jahren seither seine Liebe keiner Anderen schenken tonnen! Und heute, nun er an einem WendePunkt seines Lebens stand er hatte eben das große medizinische Staatsexamen glücklich bestanden wo er ein Jahr schwerer Arbeit und einen lan;en, dunklen Winter harter Anstrengung hinter sich hatte, heute überkam zhn das Osterheimweh mit unwiderstehlicher Gewalt. Er faßte- einen schnellen Entschluß. Er wollte noch einmal nach der alten Heimath wanfkttr., wollte bei der Geliebten einkehren und sich neidlos freuen an ihrem Glück. Das kleine Bündel war schnell geschnürt, er ging nur noch ein Mal in die Stadt, eine große Tüte mitZuckereiern für die Kinder seiner Jugend, freundin einzukaufen und sich von feinein väterlichen Freund, dem Profesjor Hertel, bei dem er den ganzen Winter hindurch wie der Sohn vom Hause verkehrt hatte, verabschieden und zu entschuldigen, daß er den Ostersonntag nicht dort ' verbringen könne. ' Der Professor war zufällig ausgegangen. seineTochter Elise empfing ihn im Wohnzimmer. Sein Kommen schien sie zu erfreuen, aber als er ihr mit theilte, er habe sich entschlossen, über die Feiertage wegzureisen, überflog ein Schatten ihr Gesicht und aller Glanz in ihren dunklen, warmblickenden Auyen war plötzlich erloschen. Sie wechselten noch einige konventionelle Redensarten, und nachdem sich Oskar ??aber empfohlen hatte, dachte er köpfschüttelnd, wie doch diese jungen Stadtdamen immer wieder in Formlichkeit und in den Zwang der Qressur Zurückfallen, selbst wenn man einen ganzen Winter, beinah biA zur Verrrautlichkeit, in regem, geistigen Verkehr zusammen gelebt hat, wie er mit Elise Hertel. L'ch, es kam doch Keine seiner ersten und einzigen Liebe gleich! Mitten in der Nacht reiste der junge Mann ab und am frühen Sonnabend Vormittag traf er auf der letzten Bahnstation in der Provinz ein, von wo aus es noch ein gutes Stück Wegs über' Land nach Grünewiese, dem Pachtgut des jungen Ehepaars Rönnedeck, zu gehm war. Der Pachthof mit feinen rothen, backsteinernenGebäuden, mit dem stattlichen weißgekalkten, aber nüchternen Amtshaus und der Spiritusbrennerei glich wenig dem elterlichen Gutshof seines Heimathsdcrfes und durchaus nicht dem poesieverklärten, idyllischem Bilde ä la Vlch, das er sich bisher da von gemacht hatte. Hier also war die holde, weiße Rose aus dem ounlelschattlgen, baumversteckten Garten herverpflanzt? Zwischen diesen Backsteinen und Maschinen sollte sie gedeihen und -glücklich sein? Er zögerte einen Augenblick, wie er sich einführen sollte. Würde dieses un vermuthete Wiedersehen, auch nicht zu aufregend für sie fein? Aber der gerade Weg war doch immer der beste. kr schritt auf den Hos. Da luden Arbeiter vor dem Kuhstall Dung auf einen Wagen und da neben stand ein großer, breitschultri ger Mann in ungeheuren Thranstie seln, einen alten, moosgrünen Filzhut fest über den strohblonden Schädel gezogen, mit einem prächtigen, echt ger manischen Bauerngesicht. Eine Recken gestalt - im Bauernkittel : etwas idea lisirt, hätte er einen Siegfried gegeden. Er riß eben einem lässigen Arbeiter die Forke aus der Hand und gabelte nun eigenhändig ungeheure Lasten Dung auf die Fuhre. Siehst'e woll, min Söhn, ick wer' di' zeigen, wat 'nt Harke is!" belehrte er den Knecht. Können Sie mir vielleicht fagen, ob Frau Rönnebeck zu Haufe ist?" fragte Faber höflich. Der Blonde hielt mit der Arbeit an. dl roch hier weder nach Veilchen noch ?ach süßen Osterstollen, sondern nach nichts als echtem, rechtem Kuhsia? ist.
23 ZS der Herr, wenn ich frage darf?Faber nannte seinen Namen. Was? Der Oskar Faber sind Sie? Schwerenoth, wird sich da rneine Ollsche freuen! Aber wissen Sie, heut ist Sonnabend vor Ostern, da wird überall auf'em Lande gebacken und reine gemacht na. schadet nicht, die Kinder leisten Ihnen unterdessen Gesellschast, kommen Sie man mit!" Das war also Amtmann Rönnedeck selbst, der Gatte seiner weißen Rose-! Unter allerhand biederem Geplaudn führte er den Gast nach dem Wohnhause. Wirklich, das war ein Kern mensch, dem mußte man eigentlich auf den ersten Blick gut sein mit semer treuherzigen Gemüthlichkeit. Ach, aber im Hause, wie sah es da aus! Alle Fenster und Thüren standen vsfen, es zog wie in einem Schornsiem, über die backsteinerne Diele des Vorflurs kam eine wahre Sturzfluth von fchmutzig-grauem Seifenwasser den Eintretenden entgegen, und zwei alte Weiber, hochgeschürzt und ausgekrempelt, handhabten mit solcher Energie den Schrubber, als gälte es nicht nur den Winterstaub, sondern auch unwillkommene Gäste gründlich hinauszukehren. Irgendwoher aus der Tiefe des Hauses scholl Kindergeheul und Kinderlärm und eine schrille Frauenstimme schien mit Dienstboten zu zanken. Ja, ja, heute gehtS lustig zu!" lachte Amtmann Rönnebeck, na, man immer rein in die gute Stube!" Und dabei riß er die Thür zu ewem Zimmer auf, in dem alle Möbel mit grauen Kattunbezügen verhängt waren und in dem die frischgescheuerten Dielen nach grüner Seife rochen. Myrten Sie man bloß einen Augenblick, na, das wird 'ne Ueberrafchung geben! Juste, Justeken!" rief der Hausherr gleich darauf mit Stenorstimme in den Flur hinaus. Die fchrille Frauenstimme, die vorhin so laut gezankt hatte, antwortete aus der Ferne: Herr Du meines Lebens, kannst Du mich denn nicht mal heute in Ruhe lassen? Du weißt ja doch, daß ich alle Hände voll zu thun habe!" Oskar Faber wurde unheimlich zu Muthe. Das. . . konnte doch nicht nein, das war ja unmöglich!. . . In dem Augenblick wurde die Thür aufgerissen, und eine kleine, rundliche Frau mit hochgeröthetem Gesicht, auf dem Schweißtropfen perlten, ein Morgenrock, der Fett- und Mehlflecke zeigte, mit großer, blaue? Küchenschürze, die Haube schief auf dem unfrisirten Haar, platzte wie eine Bombe in das' Zimmer hinein. Was giebts denn? Wer ist denn da?" Oskar Faber prallte drei Schritt zurück. Dabei trat er auf den Zipfel eines Kattunbezuges, der am Boden schleifte, verwickelte sich mit den Füßen, stolperte, riß den ganzen Bezug herunter mit ihm einen Korb voll gefärbter Ostereier, der unter der Schutzdecks verborgen gestanden hatte und jetzt seinen bunten Inhalt mit zerborstenen Schalen weithin über die weißen Dielen ergoß. Großer Gott, meine Eier!" kreischte die entsetzte Hausfrau auf. All' meine Ostereier! Ich hatte sie vor den Kindern unter dem Tuch versteckt!" Das war das erträumte Wiedersehen! Der junge Amtmann lachte dröhnend und suchte das Unglück wegzuscherzen, aber Frau Guste hatte schon dicht an's Wasser gebaut und schien gute Lust zu haben, ihren Thränen freien Lauf zu lassen. Erst als Oskar die Tüte mit den Zucker- und Choksladeeiem zum Vorschein brachte, klärten sich ihre Mienen ein wenig auf und sie fand ihre gute Laune und Zungenfertigkeit wieder. Als Oskar Faber nach einigen Stunden das Landhaus verließ, war das einzige deutliche Gefühl, das er hatte, ein schmerzhaftes Magendrücken: die sauren Linsen und der Speck, das Sonnabendessen im Hause Rönnebeck, vertrugen sich schlecht mit seinem Städtermagen. Die Begleitung des gutherzigen Amtsmanns, der ihn zurStation bringen wollte, hatte er mit dem Hinweis auf dessen beschäftigte Zeit abgelehnt.
Mit dem nächsten Zuge reiste er ye:m. ' Als die Osterglocken am folgenden Morgen den Gottesdienst ausläuteten, Itanv i;raulnn Elise sinnend am Fen Iler der väterlichen Wohnung. Sie sä das helle Sonnenlicht auf dem Stra h ßenpflaster, fah die festlich aevukten Menschen fröhlich hmausströmen, aus ver anätzen quetschende Enge, aus der Kirchen ekrwürd'aer Nackt. aber in ihren verschleierten Augen glänzte keine rechte stersreuoe und lyr Herz war schwer. . . Da ließ ein rasches Klingeln an der Flurthur sie zusammenschrecken, und im nächsten Auaenblick stand der vor ihr, dem ihre Gedanken gegolten und den )t wer weiß wo geglaubt hatte. Sie hier?" entfuhr es ihren zit ternden Livven. 3cb selbst und nicht mein Geist ? aab er lustia zurück und schüttelte ifii herzlich die Hand, wie einem guten Kameraden. Aber wo kommen Sie denn nur her? Ich denke. Sie sind verreist und wollen vorläufig nichts von unsStadtmenschen wissen?" Ja.ich war verreist", nickte er ernsthaft, in das Märchenland der Qxin nerungen. .. Es war eine große Reise, Fräulein Elise, ich wollte mich vom vielen Lernen und Studieren erholen ' aber ich habe gleich wieder etwas zugelernt, daß nämlich die Gegenwart und die. Wirklichkeit doch stets
das stärkere Recht behalten Und nun erzählte er halb resignirt. halb hu
monsttsch sein Erlednly vom Tage vorher: wie er v:e weise Rose semerJugendträume als behäbige und rundlicke Vtia'd Amtmann wieder gefunden hatte, und daß ihm die sauren Linsen mit Speck fast so schwer noch im vJla gen lägen wie die Enttäuschung, die er erfabren batte. Elise hatte erst ernsthaft, dann heiterer werdend zugehört und zuletzt m fröhliches Lachen vtt seiner Schilderung nicht unterdrücken können. Jetzt lächelte sie und reichte ihm theilnahmsvoll. die Hand. M . . m m mmm All Und nun sind Sie frei tut yeute e" fragte sie. . .51a. und Nicht bloß sur heute". erwiderte er und suchte ihren Blick. den sie unwillkürlich senkte. Aber werden Sie mich denn nach meiner Fahnenflucht von gestern ncch anJhrem Felertagsprogramm ttzellnehmen'lassen wollen?" Sie lächelte. Ich alaube. Papa läßt mit sich reden, wenn Sie ihn schön bitten." Und Sie selbst?" forschte er wetter. .Mich freut es, daß Sie noch aekommen sind", fagte sie einfach und sah zu ihm auf. Da wume er. dan dieses neue Osterfest noch eine andere Bedeutung für fem Leben aewinnen wurde, als icnes andere aus der Knabenzeit. . . Der Fyotograpy. Von Charles Werter. I. Der Herr Polizeipräsident war sehr schlechter Laune. Wie lange sollte das noch so weitergehen ? Wann würden denn endlich diese Mordthaten aufhören? Wann wurde man denn endlich einen dieser Herren Mörder erwischen. Wahrhaftig, es schien fast, daß sie die Verbrechen nur begingen, um ihn in Verlegenheit zu bringen, um zu beweifen, daß er nicht der rechte Mann auf dem rechten Platze sei, um ihn unmöglich zu machen, um. . . Teufel auch ! Zehn Mordthaten in einem Monate, und nicht einen einzigen Mörder, auf den die Polizei die Hände legen konnte. Alle verschwden, entwischt, den Organm der Sicherheit unter den Händen entglitten. Wahrlich, ein Zustand, der nicht länger so anging. Und die Presse. O diese Presse! Die Polizei ist nichts werth, die Polizei bedarf einer gründlichen Umwandlung, der Polizeipräsident ist unfähig! Und jetzt zu allem Ueberfluß die Tlfte Mordthat! EineFrau erschlagen. An 50.000 Mark Juwelen gestohln. Und die Mörder? Man hat keinen Anhalt, keine Spur, nichts, garnichts. Und der Herr Polizeipräsident stützte seinen Kopf in die Hände und dachte nach. Plötzlich wurde er in feinen Gedanken gestört. Der Polizeisecretär war eingetreten. Excellenz sagte er, es ist ein Herr hier. . . hier seine Karte. . . er bittet vorgelassen zu werden." Ich habe keine Zeit Er sagt, er käme wegen der Mordthaten." O geben Sie her", und die Polizeigewalt streckte die Hand nach der Karte aus. Holdn", sagte er, Fritz Holder. Der Name ist mir bekannt. Wo habe ich ihn doch gehört? Bitte. Herr Secretär, recherchiren Sie und lassen Sie den Mann indessen ein. Der Secretär ging, und eine Sekünde später stand ein einfach, aber anständig gekleideter Mann vor dem Präsidenten, ein Mann, aus dessen Gesicht die Ehrlichkeit, aber auch eine tiefe Trauer sprach. Sie können mir über die letzten Mordthaten Aufschluß geben?" fragte der Präsident. Ueber die letzten nicht, aber, wie ich hoffe, über die letzte." Wieso können Sie hosfen? Sie sind also Ihrer Sache nicht sicher?" Es liegt nur an Eurer Excellenz, ob ich meiner 'Sache sicher sein kann oder nicht." Erklären Sie sich näher. Räthsel zu lösendazu habe ich keine Zeit." Gern, Sie werden vielleicht davon gehört haben, daß es unter gewissen Umständen gelingt, durch den Ermordeten selber die Person des Mörders zu entdecken." Nein." O, Sie werden doch entschieden gehört haben, daß das letzte Bild, welches das Auge eines plötzlich Gestorbenen aufnimmt, auf dessen Retina haftet. Nun denn. Wenn im Falle einer Mordthat der Mörder hell vom Licht beleuchtet ist und kein späterer Eindruck das Bild des Mörders verwischt, dann kann das Bild auf der Netzhaut des Ermordeten zu entdecken fein. All das trifft nun bei der letzten Mordthat vollständig zu und. . ." Allein der Mann konnte nicht wei tersprechen. denn die Thür ging auf und der Secretär trat wieder ein. Nun", fraqte der Präsident. Statt aller Antwort überreichte ihm der Secretär nen Zettel. Der Prasi dent überflog ihn. Sie heißen Friedrich Holder." Jawohl, Excellenz." Wie alt sind?" Dreiundfünfzig Jahr." So? Hm. Sie sind also nicht der Holder, der vor zwei Jahren zu einem Jahre Zuchthaus verurtheilt wurde. . . Alles Blut tritt dem Manne in Gesicht. Nein", sagte er, das. . . das war mein Sohn." So. . . . Ihr Sohn. . . er defraubitte bei feiner Bank. . . Wo ist er fcfei?" Ich weiß es nicht, wir haben, seit r seine Strafe beendet, nicht ehr
von ihm gehört. Er ist unser Unglück, Herr Präsident, er, der unseren Namen schändet." Nun, nun, ich wollte Ihnen ja nicht weh thun, fahren Sie fort in dem, was Sie mir sagen wollten." n Mann fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Ich wollte sagen, daß ich fest überzeugt bin, daß man mit Silfe der Photographie das Bild des Mörders von der Retina des Ermordeten abnehmen kann. Alle Umstände sprechen dafür, wenn die Mordthat thasächlich so vor sich gegangen ist, wie die Blätter berichten. Ich bin nun bereit, den Ber-
such zu machen, und bin überzeugt, daß er mir gelingt. Sie wollen -mir also das Bild des Mörders schaffen?" Ja, ich will es." Gut denn, Sie können den Versuch machen; es ist ja nichts dabei riskirt." Nichts, Herr Präsident. Gelingt es. so wird der Erfolg einen Sonnenstrahl des Glückes in mein Leben bringen. Gelingt es nicht, dann ist es eine Illusion mehr, die ich zu Grabe trage." Und wann wollen Sie mir Nachricht geben?" Morgen um zehn. II. In der Dunkelkammer steht Fritz Holder über eine Platte gebückt, die er eben entwickelt. Mit schier athemloser Spannung blickt er aus sie. Wird das Bild erscheinen? wird eS nicht? Und mit zitternden Handen halt er die Schale in immerwährender Bewegung. Da, bemahe entringt sich ihm ein Schrei. Ein leichter Schatten wird auf der Platte sichtbar; die Schatten mehren sich und einen sich zu Flecken und Strichen, diese werden zur Zeichnung, ein Bild ist auf der Platte entstanden. Das Bild eines Mannes. Triumph ! Die Sache ist geglückt. Noch eine Minute, noch eine halbe. Mit bebenden Fingern dreht der Alte das Glas an der Lampe. Das tiefrothe Licht verschwindet, und gelbes Licht erfüllt jetzt den Raum. Vorsichtig faßt der Mann die Platte an den Rändern, vorsichtig hebt er sie empor bis zu dem Licht und ein Schrei entringt sich seiner Kehle, ein furchtbarer, schrecklicher Schrei: Mein. . .Sohn!" und klirrend fällt die Negativplatte zu L?den. in tausend Scherben zerschellend. . . HI. Haben Sie schon gelesen?" fragte der Secretär den Polizeipräsidenten. Nein. Was denn?" Wir warten umsonst. Herr Holder wird heute nicht kommen!" Nicht, und weshalb?" Er hat sich heute Nacht durch Kohlenozdgas vergiftet." Der Narr! Aber so sind sie alle, die Herren Erfinder. Glückt etwas nicht, dann adieu! das ganze bischen Muth ist zum Teusel. Der Mann hat garnichts entdeckt, und dann. . . doch denken wir weiter nicht dran, denken wir lieber, daß wir den Mörder erwischen." Der KraöcMcuftr Von Ludwig Gangyoser. Gleich in der ersten Zeit meiner Anwesenheit zu Hall saß ich eines Abends mit einem Jagdgehilfen hinter dem Maßkruge, als ein anderer GeHilfe in die Stube trat und meinemGesellschafter schon von der Thür aus zurief: Du, heut' hab' ich den Grabenteufel geseh'n." Natürlich fragte ich sofort nach dem Sinn dieser räthselhaften Mittheilung, und so erfuhr ich. daß der Grabenteufel" ein alter Gemsbock wäre, mit dem es so seine eigene Bewandtnlk hatte. Seit 3ab ren hielte er seimn immer gleichen wtano im Hoch- alias Teuselsgraben, aber weder einem 5laadaebilfen. nock dem Förster, der doch schon a'wik a richtiger Gamsjäger is," wäre es trotz Muhe, ist und Ausdauer je gelungen, den Bock zu erleaen. .A Kerl zottelt wie a Bär", so ungefähr lautete mt ctmderuna des Iaadaebil fen. und mit a vaar Krücken, wie nochmal a Teufelslrönl. Und wannst aus ihn gehst, hören thust ihn jedesmal, sehen niemal, derschießen niemal denn wannst auch zum Schießen kommst, so fehlst ihn.Ein paar Tage nach diesem Borsall ließ ich mich von dem Jagdgehilfen der Neugier halber nach dem Teufelsgraden führen, und wirklich lautlos waren wir schon auf stundenlanger Paß gesessen, da prasselte es plötzlich von abfallenden Steinen, und ienseitS des Grabens sah ich einen dunklen schatten Durch die Latten husche. Ich sag' halt allweil." meinte mein Mhrer, als er sich erhob, mit demBock ,s was net richtig. Und dieser Bock war. jetzt mein letzte Hoffnung! Ich hatte noch eine gute StundeZeit, bis ich für eine Pirsch am Teufelsgra. ben aulen Wind bekommen mukte allerdings hatte ick auck nock ek'n?n kleinen Umweg zu machen, um den Wind abzufangen. Als ich am Teufelsgraben angelangt war, murmelte ich des Spaßes halber a Waid sprüchl", das ich von einem Jagdgehil fen gelernt hatte: Was ich versündigt, büß' ich! Was ich dersieh, verschieß' ich! Ich will auch amal seelia roer'n. Alle guten Geister loben den Herrn ? Nun ging eS am Rande des Grabens thalabwärts, langsam und lautlos. Endlich war ich in der Nahe deö OlakeS. wo ick bei meinem rftm N,. suche den Grabenteufel mehr gehört alS gefehen hatte. Vielleicht dreißig ??uk unter rrir svrana eine a?asie Vlatte in die Schlucht Zinew. von tso
auZ ich wohl einen guten Theil der-
selben hinauf und hinunter übersehen konnte. In aller Vorsicht und Stille stieg ich nieder und machte mir's bequem. Dann paßte ich und paßte aber nichts regte und rührte sich. Die Sonne war schon hmuntergezogen über den Rücken des Berges, lang und dunkel schlichen die Schatten über die Höhen herauf, und leise begann es :n den Bäumen und Buschen zu rauschen von dem immer stärker ziehenden Abendwmd. Ich war müde und hungrig, und mich begann zu schlafern. Mem Jagdelfe? begann nachzulassen und recht unwaidmännifche Traume gaukelten vor meinen Augen auf und nieder, Träume von Teufeln, Zwergen und Berggeistern. Manchmal klang es in meinen Ohren wie ein gellendes Hui - hö! und meine Phantasie fah unter Dampf und Nebel den leibhaftigen Gottseibeiuns mit einem Paar der herrlichsten Gcmskrickeln auf dem pechrabenschwarzen Krauskopf emporsteigen aus der Tiefe der Schlucht. Besonders jenes dunkle 5Z?elsloch mir schräg gegenüber hielt ich m meinen lustigen Teuselsphantasien für nicht ganz geheuer da drin war es schwarz wie die Nacht. Em eigenthümliches Verlangen regte sich in mir, hinüberzusteigen und dort hineinzugucken. Ich nahm mem Glas zur Hand und musterte mit seiner Hilfe das Terram des Genaueren. Nun, es war unmöglich, von unten aus emporzusteigen; aber vom jenseitigen Rande der Schlucht führte ein leicht erkenntlicher Gemswechsel bis auf die Zelsplatte, von der aus die Höhlung sich m den Berg senkte. Heiliger Gott! Wahrhaftig in dem Dunkel der Höhle unterschied ich deutlich durch mein Glas die Umrisse eines ruhenden Thieres. - Lautlos stand ich auf, legte das Gewehr in Anschlag, ein kurzer scharfer Pfiff gellte von memen Lippen, das Thier sprang auf und voll mit der Spitze gegen mich, in der Luftlinie höchstens auf sechzig Gange, stand em Gemsbock da. wie ich noch keinen zwer ten gesehen habe der Grabenteufel! Im gleichen Augenblick kracht es auch und noch einmal. Der Vulverdampf verzieht sich und am nämlichen Platze steht der Bock mit gespreizten Lausen, die großen funkelnden Luch ter" regungslos nach mir gewandt. Gefehlt? Nein, das war ja nicht möglich, mit diesem Gewehr und auf diese Distanz! Entladen und laden das war em Augenblick. Ich schoß und schoß wieder das Thier stand. Mein Herz schlug wie ein Hammer. und siedendheiß stürmte mir das Blut :n die Schlafe. Wieder lud ich und schoß und schoß das Thier stand. Da lief em Schauer über ma nen Leib; ich fühlte, wie mir das Blut aus Kopf und Gliedern floh und sich zusammendrängte im Herzen. Die Kniee sanken mir em, und wahrend ich mit zitternder Hast nach der letzten Patrone suchte, atm es leise von ma nen Lippen: Alle guten Geister loben den Herrn!" Ich lud mit dem letzten Aufgebot all' meiner Willenskraft riß ich das Gewehr an die Wange und schoß das Thier stand. Der Teufel der leibhaftige Teufel so rief es in meinem Innern und mir graute. Da es war ein heiserer Schrei, den ich ausstieß , das Thier neigte sich vornüber, fiel nieder mit dem halben Leibe hinaus über die Felsplatte, und zwei-, dreimal an Steinvorsprüngen aufschlagend, stürzte es hinunter in die Tiefe der Schlucht. Aufathmend schüttelte ich denKopf, wischte Mir die Stirn, auf welcher derSchweiß in kalten Tropfen stand, versuchte zu lächeln und schämte mich. Der Abstieg zu dem verendeten Thiere war ein schweres Stück Arbeit. Als ich es ausbrach, sah ich. daß alle sieben Schuß getroffen hatten; schon der erste, sicher aber der zweite mußte tödtlich gewesen sein. Alte Jäger erzählen, es käme zuweilen vor. daß ein Stück Wild nach einem Kernschuß in Starrkrampf verfiele. War das hier der Fall gewesen? Ich weiß es nicht vielleicht! Als ich mit dem Bock auf dem Rücken zuHause anlangte, wollte der-Forster kaum sei nen Augen trauen. Immer und immer wieder mußte ich die ganze Geschichte berichten, die er kopsschüttelnd anhörte. Wie ich sie am anderen Tage auch dem Jagdgehilfen erzählte der mich zum ersten Male zu dem Teufelsgraben geführt hatte, meinte er: So. so! Erst mit dem siebenten Schuß? Ja, ja da glaub' ,ch's schon weißt der Siebener ist halt für so was gar a heikle Zahl!" Ein Unterschied. Um Dich, mein Lieb, zu schmücken Mit Blumen ohne Zahl, Durchstreift' ich Feld und Auen. Ach, wie so hundertmal. Und jetzt, nach manchem Jahre. Wo Du mein Weibchen bist. Da schmücke ich Dich wieder ' Wohl noch zu jeder Frist. Der Schmuck nur ist verschieden: Der erste vergangen leider Der kam vom lieben Herrgott, Der jetz'ge kommt vom Schneider. 5 t i i a t m 5 ft. Liebhaber (ver legen): Mein süßer Schatz, ich will es Dir aber nur bekennen: mem Wochengehalt beträgt nicht mehr als zwanzig Dollar. Glaubst Du damit auszukommen?" Sie (ruhig): Ich schon aber wovon willst Du denn leben. Charlie?" Bescheidene Bitte. Sepp (ben sie vet der Nauferei zammeruch zurichten): .Sacra. laßt doch noch für die nächste Kirchweih c bissel waö von rn ubr,g!" .
Ein westfälischer Vollsbranch'. In jener äußersten Ecke des westfa-
lischen Münsterlandes, deren MittelPunkt die industriereiche Stadt Bocholt (Buchholz) ist. hat sich noch eme uralte Sitte in die Gegenwart herübergerettet: das Palmstocksuchen. Der Palm-stock-ist die von der Rinde befreite weiß geschälte Krone eines jungen Kieseroaumes. Die Enden der einzelnen Zweige werden mit Palmvögelchen", d. h. klemen aus Kuchenteig geformten Vogelgestalten, verziert, während die Spitze von emer großen Brezel, dem Das Palmstocksuchen. Krekeling", oder von einem Apfel, einer Orange gekrönt wird. Ketten von aebackenem Obst oder Zuckerzeug vervollständigen die Ausstattung des Palmstockes. Am Palmsonntag - Morgen gilt es nun für die Kinder, den m irgend einem Winkel des Hauses versteckten Palmstock zu suchen. Ist er gefunden, fo wird er im Triumphe hinausgetragen auf die Straßen. Palmfonntag!" rufen die Kleinen, mit ihrem Schatz prunkend und frohlockend, aus, nicht ohne den Neid anderer mit weniger schönen Palmstöcken versehenen Spielkameraden zu erwecken. Zu Haus wird dann der Schmuck des Palmstockes fröhlich verschmaust. AusdenMärztagen 1848. 5ck bin der Commandant der Bürgerwehr! Warum rufen Sie nicht 'raus, wenn ich vorüber komme? Woßu? Es hilft doch nicht!" Na. wie so denn?" Was soll ich rausrufen. se kom men doch mscht! fta. warum kommen ie denn nischt?" .Weil sie nischt drin sind!' Na. wo sind se denn?" .Seit drei Viertelstunden sind se schon drüben bei Aschbach und lassen mir hier ganz alleine. Heißt 'n Zustand! 5tä saa' Ihnen. Herr Generalmajor, Se werden noch was erleben mit de Beraers. Sie sagen, se haben Muth, ich sag' Ihnen, se haben nischt en Mal Courage! , Art läßt nicht von Art. DaS sieht man schon beim Erstgeborenen des ' Herrn Lieutenants; der Nimmt seme Milch nur aus eine: Sektslasche! Ein echter Protz. Vater, Vater, denk' Dir nur, wir haben in der Lotterie 80.000 Mark gewonnen!" Aber. Kind, wie oft hab' ich Dir schon gesagt. Du sollst mich nicht wegen jeder Kleinigkeit stören!" M i t l e i d. Neffe (flotter Lebemann): Onkel, Tante, ich habe eine Anstellung als Armenarzt." Onkel, Tante: Ö. die Armen!" Auch einSport. Weshalb weinst Du, Bertha? Ich trainire meine Augen. Wofür? Für ein neues Seidenkleid. Kleine Bitte. ' Hanschen (zum Bräutigam seiner Schwester): Ist es wahr, Arthur, daß Du gesagt hast, Du wirst unsere Emma auf Händen tragen?" Bräutigam: Jawohl, mein Jungchen." Hänöchen: Trag' sie 'mal bischend ,
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Rothe Wangen. Van Joh2::neS Tro.'.
Was machst du für ein sauer Gesicht, Du Bauersfrau vor der Thüre-' Dich drückt doch solch ein Kummer nicht, Daß dir zu klagen gebühre. Hast doch, was eine nur haben kann. Und solltest nicht mehr verlangen: Du hast dem Haus, hast demen Mann Und Kinder mit rothen Wangen. Bist zwar nicht reich, hast doch genug. Kannst ruhig, was kommt, erwarten. Noch immer gelangt hat's, was dir trug Das Ackerfeld und der Garten. Auch künftig langt's, es braucht vor Noth, Vor Mangel dir nicht zu bangen. Hast deine Arbeit und dein Brot Und Kmder mit rothen Wangen. Es giebt doch in des Tages Lauf Nicht Arbeit allein und Mühen, Es springen auch dir doch Rosen auf. Wie nirgend sie schöner blühen. Du siehst dich selber durch Gottes Huld In Kraft und Gesundheit prangen, Und hast auf der Seele keine Schuld Und Kinder mit rothen Wangen. Ein sonderbarer Bräutigam. Liebe und Wahnsinn haben stetö, wie Cyniker behaupten, viel mit einan. der gemein, und fo mag die eigenthümliche Handlungsweise eines jung:? Arztes in dem englischen Städtch:.: Cheltenhan etwas entschuldbar, wenn auch nicht gerade nachahmenswerth erscheinen. Besagter Jünger Aeskulaps hatte sich in das schöne blondhaarige Tschterlein eines angesehenen Kauf manns verliebt und ohne lange zu prü fen, der holden Jungfrau Herz und Hand angeboten. Nachdem der erste Liebesrausch verflogen war und der junge Mann Gelegenheit hatte, sein Bräutchen etwas näher kennen zu lernen, entdeckte er zu seiner nicht geringen Bestürzung, daß die liebreizende Kleine das ausgesprochenste Talent zu einer Xantippe, besaß und auch andere wenig liebenswürdige Eigenschaften ahnen ließ. Anfangs suchte der Liebhaber seine arge Enttäuschung zu verbergen und womöglich in dem Wesen seiner Liebsten einige Wandlungen herbeizuführen, doch bald sah er das Zwecklose seines Bestrebens ein und begann sich nicht wenig vor dem Tage zu fürchten, da ihn Hymens Rosenfesseln für immer an die blonde Teufelin schmieden würden. Tag und Nacht grübelte er darüber nach, wie er sich von seinerVerlobten freimachen könnte, ohne die unangenehmen Folgen eines Breach es Promise" auf sich zu laden. Endlich kam ihm ein rettender Gedanke, an dessen Ausführung er nun ohne Zögern ging. Acht Tage lang gab er sich die größte Mühe, seine Braut von der Innigkeit feiner Liebe zu überzeugen; er überschüttete sie mit Zärtlichkeiten, Blumen und Geschenken und dann blieb er plötzlich fort. ' A.n zweiten Tage feiner Abwesenheit schrieb er de? jungen Dame einen Brief, der die unsinnigsten Phrasen enthielt und großen Schrecken verursachte. Gleich darauf folgte ein zweites Schreiben mit noch tolleren, ganz unverständlichen Auslassungen. ' Nun setzte die bestürzte Braut ebenfalls eine Epistel auf, in der sie ihren Berlobt:n ersuchte. Aufklärung über sein sonder bares Verhalten zu geben. Statt einer Erwiderung erhielt sie nun ganz merkwürdige Geschenke, die ihr in Gestalt von todten Mäusen, kleinen Bündeln Heu oder Stroh und sonstigen Kuriosa in das Haus regneten. Auf's Höchste beunruhigt, Kgab sich nun der Vater des jungen Mädchens in die Wohnung des excentrischen Bräutigams, um ihn persönlich zur Rede zu stellen. Da fand er denn seine Ahnung. daß der Verstand des jungen Mannes gelitten habe, vollkommen bestätigt. Sein zukünftiger Schwiegersohn empfing ihn zwar auf das Liebenswürdigste, fchien aber keine der an ihn gerichteten Fragen zu verstehen, wenigstens gab er auf alles die stereotype Antwort, daß er heute noch sehr viel tanzen müsse. Darauf fprang der noch in tiefstem Negligee befindliche Herr Doktor wie ein Besessener im Zimmer umher und sang und pfiff die grausigsten GassenHauer. Durchaus davon überzeugt, daß er es mit einem Geistesgestörten thun habe, kehrte der reiche Kaufmann zu seinem Töchterlein, zurück und veranlaßte dieses, sofort ihr Verlöbniß mit dem Hanswurst" zu loen. äm nächsten Morgen empfing der tanzwstige Bräutigam das schon sehnlichst erwartete Schreiben von der Hand seiner Braut, die ihm seine volle Freiheit zurückgab. Zum Glück erfuhr die sofort auf Reisen gehende Schöne mcht. wie schnell der arme Bob den ,ie doch unmöglich heirathen konnte, wen er zu solchen Anfällen neigte seine fün' Sinne wieder beisammen hatte. Immer exact. Richter: Geben Sie also zu, daß Sie dem Elsendauern zwei Bürsten gestohlen haben? Angeklagter: Nein!" .Durch Ihr hartnäckiges Leugnen verschärfen Sie noch Ihre Strafe! ... Ich frage Sie also nochmals: Haben Sie dem Elsenbauern zwei Bürsten gestohlen?" Angeklagter: Nein. Herr Gerichtshos drei!" .. , V e r k a n n t. Unterofflcier (zu. einem fchlechten Turner, der in einem, Turnverein war): So. hier stelle ich Euch Einen vor, der im Turnverein war! Aber geturnt hat er natürlich nicht er hat nur Fenster geputzt Fußboden gekehrt u. f. w.. also em sogenanntes Ehrenmitglied!" Boshaft. Schauspieler (an einer Schmiere): Rathen Sie, was ich neulich in dem Lorbeerkranz fand, dermir zu meinem Benefiz überreicht-wurde.-' Herr: .Die Gärtner . ftsch uuna?"
