Indiana Tribüne, Volume 21, Number 181, Indianapolis, Marion County, 20 March 1898 — Page 7
Der Lola Wontez HlücK und ßnde. Von 5Zobert Oberhuber. Lola Moniez welch' ein wunderliches Kapitel Geschichte beschwört dieser Name vor unsere Erinnerung! Ein Kapitel voll von Narrheit und von bitterem Ernste, von Liebe und Haß, von kleinen Ursachen und großen Wirkungen; eine Tragikomödie, die mit einer fürstlichen Liebelei beginnt und mit einem ernsten Stück deutscher Geschichte endet, die ihren Anfang nimmt auf den lustigen Brettern der Bühne und ihren Abschluß findet unter dem lauten Grollen eines erzürnten Volkes. Es ist fürwahr ein Stoff wie geschaffen für die selige Louise Mühlfeld, reich an überraschenden Wendungen, pikanten Situationen, Intriguen und Abenteutn; es ist unzweifelhaft ein echtes und rechtes Stück Romantik in unferem nüchternen Säkulum, und unwillkürlich gelüstet's selbst eine prosaisch Feder zu einem Ausfluge in das liebliche Land der Novelle. Doch der historischen Wahrheit soll heute, wo nach 50 Jahren die Nachwelt verwundert, belustigt und wieder empört auf den wilden Spuk zurückblickt, ihr Recht werden. Sie war schön! Selbst ihre Feinde und Neider' und deren hatte sie ja zu Tausenden haben das nie in Abrede gestellt. Sie hatte eine zartgliedrige Figur mit reizenden, interessanlen Gesichtszügen, tiefblauen Augen und zartestem Teint; blendend schwarze Locken fielen ihr frei auf die Schultern herab; aus dem kleinen Munde sahen, wenn sie ihn öffnete, zwei Reihen von Perlenzähnen hervor, und die tzierlichste Hand, der niedlichste Fuß fetzte dies holde Frauenwesen in BeweHung", wie ein entzückter Zeitgenosse schwärmte. Ihre Bewegungen waren geschmeidig und graziös, kurz: es war ein Wesen, auf das du Natur in einer reichen Gebelaune ihrer Gaben ganzes Füllhorn ausgeschüttet zu haben schien. In seinem Schnitt und der Farbe deS Haares hatte das Gesicht etwas unzweifelhaft Südländisches, die Augen und der Teint aber schienen dem Norden anzugehören. Und in der That war sie ein Kind des Nordens undSüdens zugleich. Sie selbst gab sich für die Tochter eines carlistischen Osficiers aus, "wollte 2823 im schönen Sevilla geboren sein und Maria Dolores Porris y Montez heißen. Also schrieb sie der Kölnischen Zeitung". Aber die Andalusierin-, mit sie ihr königlicher Dichter nannte, -nahm es da mit der Wahrheit nicht genau. Sie, war drei Jahre älter, als sie angab; ihre Wiege Hatte zu Montrose im nebelrüchen Schottland gestanden und sie war das Kind der Liebe zwischen einer Kreolin -und einem schottischen Officrer Narnens Gilbert. Unter den hundert Geschichten desBoceaccio befindet sich auch die eines Mädchens, deren Schönheit Zhr Unglück wird. Sie. bezaubert Zeden Mann und jeder hat nur noch den ri -ntn Gedanken, sich ihrer zu bnnachtioen. So wurde auch für die schottische Kreolin ihre Schönheit zum Verhängniffe, nur daß sie skrupellos und mit voller Absicht den Weg ging, auf den Boccaccios Sultanstochter wider Zhrcn Willen gedrängt wird. 17 Jahre war sie erst alt, als sie bereits ein ZrurmZscher Freier aus der Pension zu Bath wegholte und vor den Traualtar führte. Es war ein Lieutenant, Namens James, und aus dem Kinde der Liebe war nun eine ehrbare Mrs. James geworden, die ihren sicheren Platz xn der Welt hätte haben können. Aber das war keineswegs das Ziel und Ideal der jungen Schönheit. Sie hatte Zigeunerblut, sie war die gcborene Abenteurerin; das kühle Temperament des Nordens und die Skrupellosigkeit der kreolischen Rasse hatten bei ihr inen höchst unglücklichen Bund geschlössen, und ersetzten ihr das, was man Gewissen zu nennen Pflegt, durch eine kalte Leidenschaftlichkeit, durch einen unbeschränkten Egoismus, der kein Recht, keine Sitte, keine Grenze anerkannte. Ihr südländisches Aussehen täuschte: es ließ ein naives heißes Temperament, zum Guten und Schlechten gleich schnell geneigt, erwarien; aber sie besaß nur Zügellosiakeit des Wollens, nicht Hingabe und Zartlichkeit. In ihr lebte eine Leidenschaft, die zu nichts Gutem fähig war, wohl ober prädestinirt schien, überall Unheil zu stiften. So war Lola Montez. Denn so hieß die vormalige Mrs. James, als sie. ihrem Mann entlaufen, im Herbste 1840 in Paris auftauchte und ihre Laufbahn als Tänzerin begann. Der Name war bald in ganz Europa bekannt. Sie war in Madrid und London. in Petersburg und Leipzig, in Berlin und Warschau; wo war sie nicht? Man müßte tief in die chro nique , scandaleuse der 40er Jahre hmabtauchen, wollte man dies ihr Vagabundenleben genau verfolgen. Und man fände dabei schließlich immer das Gleiche: eine Schaar leidenschaftlicher Verehrer, unsinnige Verschwendung. sensationelle Duelle, zerstörtes Familienglück. Sie hätte wohl auch wie Don Juan ihre Liste von 1001 aussetzen können: eine Liste von Mitgliedern des Hochadels und der Hochfinanz, von Gelehrten und Künstlern, selbst Fürsten würden nicht fehlen, obenan der Fürst von Äeuß, den seine Unterthanen nöthigten, die schöne Tänzerin zu entlassen. Und schließlich machte überall die böse Polizei ihren Abenteuern ein Ende. Denn wir leben in patriarchalischen Zeiten, wo eine hohe Regierung solche Sittenverderberin und Skandalperson als gefährlich für' die öffentliche Moral ansieht, und sie, wenn ihr Maß voll ist, in aller Stille abschiebt. Dann packt sie die neu erworbenen Reichthümer zusaminen, packt Hunde und Katzen, Papa geien und Singvögel, die charakteristisch genug! ihr Leben .verscho-
nern", zusammen und sucht sich eine neue Bühne für ihre Tänze und ihre Aventiuren, stets frohgem.uth und leichten Sinnes, unbekümmert um das Unglück und den Ruin, den sie hinter sich läßt. Und so wäre Lola schließlich . nicht mehr und nicht weniger gewesen, als eine jener vagabundirenden Schönheiten, an denen unser Jahrhundert ja
I gerade nicht Mangel leidet, hätte sie I nicht das Schicksal nach München gefuhrt. Gleich jener erste Octoberabend des Jahres 1846, an dem Lola auf der MünchenerHofbühne ihre Tänze zeigte, wurde entscheidend. König Ludwig I. flammte sofort in heißer Leidenschaft für sie auf; es sei, so hat er selbst gesagt, so gewesen, als ob sie ihm einen Minnetrank gereicht habe. Der König war damals ein Sechziger; aber dieser eigenartige Fürst, in dem sich menschliehe Schwächen und Stärken zu einem merkwürdigen, im Ganzen keineswegs unsympathischen Charakter vereinigten, besaß das naive Herz eines jugendlichen Enthusiasten, besaß die unermeßliche Schönheitsfreude eines Künstlers. Das war es, was ihn rettungslos an Lola auslieferte. - Er berauschte sich an ihrer Schönheit, ihrer Stimme, ihrer Grazie, ihrem Tanz. Er vergaß Staat, Volk, Familie, machte aus seiner Leidenschaft gar kein Hehl, befang sie, die ihn Seligkeit, Seligkeit, entzückend, begeisternd empfinden ließ, in Gedichten, die bald all gemein bekannt waren, und häufte auf sie unerschöpflich reiche Geschenke. Einmal war es ein silbernes Tafelservice, ein andermal eine kostbare Kassette, die in einem Viertelpfunde Banknoten einen noch kostbareren. Schatz barg; dann wieder bauie er ihr in der Barerfiraße eine mit fürstlichem Luxus ausgestattete Villa. Ludwigs Entschuldiyung war sem Rausch, und sein Rausch war so tief, daß er Lolas Charakter nicht erkannte, obwohl sie ihm durch eine nahezu schamlose Ungenirtheit sem Urtheil so leicht wie möglich machte. Zurückhaltung war Lolas Sache nie yewesen. und hier, wo sie sich fest im Sattel fühlte, gab sie sich mit wahrhaft verblüffender Offenheit ihrem Temperament hin. Die heißblütige Dame rnag von ihrer kreolischen Mutter eine lockere Hand geerbt haben, wie sie sich ja für Westmdlens rigenarttge Cultur empfehlen mag. Kurz, ihre schöne Hand und ihre Reitgerte waren immer bereit, ihrer ungünstigen Meinung kurzen und schlagenden Ausdruck zu eben, und die Fraae nach Recht und :0lliqkeit belästigte sie bei diesen Akten der Lynchjustiz niemals. Mit Noth und Mühe wurden die hieraus entstehenden Klagen und Strafen abgewandt, aber unabwendbar war, daß der Groll des Volkes gegen die freche Abenteurern: mehr und mehr wuchs. Und klug, wie sie in einer Weise war, war sie doch dumm genug, diesen Groll immer mehr zu reizen. Wenn ihr der Kaufmann einen Stoff vorlegte und hinzufügte, daß er für eine hohe Person bestimmt sei. so verlangte Lola im echten Parvenüstile: Dann muß ich noch etwas Schöneres haben!" Wenn die Kanzlei sich weigerte, ihr ihre Rente ohne einen königlichen Befehl auszuzahlen, und Ludwig selbst sie zu dem Beamten begleitete, so fragte sie: Nicht wahr. Majestät, und ich kann befehlen?" Solche Worte und sie verbreiteten sich schnell mußten die allgemeine Erbitterung sehr schnell sieigern. Ja. sie wollte befehlen.. Das war bei dem ganzen Handel das Schlimmste. Sie hatte vielleicht das fahrende Leben satt und erblickte in der Stellung einer Pompadour ein ehrenvolles und Passendes Bethätigungsgebiet für sich. Sie wollte befehlen und herrschen, und Ludwig, hingerissen von dem schönen Weibe, verblendet auch wshl denn er war eitel von den Schmeicheleien, in die sie ihn einhüllte, merkte ihre Absicht gar nicht, sondern sahin ihr tt traute Seelenfreundin, ein Weib voller Geist und echten Verständnisses für ihn. Sie aber hatte sich schon ihr Plänchen gemacht. Die Gegnerschaft des ultramontanen Ministeriums Abel gegen sie und die von ihr instinktiv 'geahnte Abneigung des Königs gegen sein Ministerium bestimmten ihreStellung, sie wollte die Jesuiten vertreiben und mii Hilfe dieses RegierungswecShsels und mittels eines lolamontanen Ministeriums schließlich selbst zur Macht gelangen. ' Was kommen mußte, kam. Das Ministerium, froh, einen so guten Abgang gefunden zu haben, wich, indem es bei seinem Abschied dem Könige in einer allerdings nicht gehörigen Form seine Meinung saate. Die Erbitterung Ludwigs stieg, als ein UniverntätsProfessor für die entlassenen Minister eintrat. Er wurde fuspendirt. Das wurde der Anlaß zum ersten thätigen Eingreifen des Volkes. ' Vor die Villa in der Barerstraße wälzte sich die erregte Menge, wilde Rufe, Flüche und Beschimpfungen drangen zu den erleuchteten Fenstern empor, hinter denen Lola mit ihrenGetreuen es sich wohl sein ließ. Da offnete sich das Fenster, und siehe sie selbst tritt heran. Sie schwenkt ein Glas Champagne? gegen die Menge und trinkt ihr zu. Sie wirft Confekt unter sie und gibt ihr schließlich in schamloser Weise ihre Mißachtuna zu erkennen. Ein Wuthgeheul ist dieAntwort, selbst der König, als er dasHaus verließ, entging nicht beschimvfenden Rufen aus einem Volke.das nicht allein königstreu bis in die Knochen, sondern besonders noch seinem König Ludwig in herzlicher Liebe zugethan war. 'Sie war dumm, Lola, wie es eben Personen dieses Schlages zu sein pflegen, und das ward ihr Verderben. Hätte sie sich begnügt, die Machthaberin im Stillen zu sein. wer weiß, wie lange sie sammt ihren Katzen und Vögeln, sammt ihren Freunden und Verehrern in dem fürstlichen Hause in
der Barerstraße hätte leben und schwel gen können. Aber sie forderte Volk und Adel, Universität und Heer geflissentlich heraus und beleidigte. alle. Jetzt stürzte sie den neuen Minister Maurer, weil er als anständiger Mensch nicht mit ihr verkehren wollte und brachte einen charakterlosen Rouö an seine Stelle; jetzt prunkte sie mit 'der Würde einer Gräfin Landsberg und fuhr in Karossen von fürstlicher Pracht frech durch die Straßen der Residenz. Doch alles übertraf die Gründung ihres Leibcorps, der Alemannia". Lola mochte wohl das Bedürfniß nach einer Art Garde empfinden. Sie brachte eine Anzahl charakterloser und liederlicher Studenten zusammen, die ein Corps bildeten und sich ganz offen als Lolas Ritter gerirten. Im Hinterhause ihrer Villa lagen und kneipten sie, traten überall in dreister Weise gegen Lolas -Gegner auf, prahlten bei unpassenden Gelegenheiten mit ihren rothen Mützen und erregten bei zahlreichen Gelegenheiten Aerger und Störung. Schon war es zu ernsten Auftritten gekommen, schon war dieStimmung so weit, daß ein Tropfen den Becher überfließen machen mußte. Aber, wen Gott verderben will, den verblendet er zuvor, Lola selbst führte die Entscheidung herbei, sie drängte ihre getreuen Alemannen zu frecherem, zu aßressivem Vorgehen, und so geschah es, daß eines Tages der Alemannensenior sich innerhalb einer tobenden Menge fand, die feine VerHaftung verlangte, weil er mit einem Dolch gestochen hatte. Da erschien unglaublicherweise Lola selbst, um ihren Rittern zu Hilfe zu kommen, Lola selbst zu Fusie in der ganzen Grazie ihrer Unverschämtheit. Sie sehen und in ein Geheul der Wuth ausbrechen, sich auf. sie werfen und fast zerdrücken, das war für die empörte Menge eins. Mit Mühe rettete sie ihr Leben. Nicht einen Augenblick dachte Lola an Umkehr, erkannte sie den ganzen Ernst der Lage. Schlag auf Schlag, Tag um Tag folgten sich jetzt die Ereignisse. Am 9. Februar fchloß der König auf Lolas Wunsch die Universität. am 10. weigerte er einer Abordnung des Magistrats, den Befehl zurückzunehmen, am 11. sah er aus den Fenstern seines Schlosses zitternd auf eine unabsehbare Menschmmasse hinab, in der nur ein Gedanke, e i n Wille lebte: Fort mit dem Weibe! Da gab er nach. Wahrend noch die Menge sich der Barerstraße zuwälzte, stob Lolas Wagen in rasendem Carriere durch sie hindurch. Sie hatte verspielt, sie wich. Verspielt? Noch nicht. Wohl sahen die Münchener sie nie mehr wieder, aber in verschwiegenen Nächten fuhr ihr Wagen in die Stadt ein, fchloß sie den ihr vertrauten geheimen Gang zu des Königs Kabinet auf und verwalte stundenlang in ernsten Unterredungen bei ihm. Vermuthlich wollte sie ihn zur Gegenaktion reizen und stählen, und sie wäre eö im Stande gewesen, va banque zu spielen gegen München, gegen Bayern, gegen die ganze Welt. Nicht so der König. Er büßte, was er verschuldet hatte. Er selbst hatte unwissentlich die Kraft des Volkes geweckt, nun war sie nicht .mehr zu bannen. Einen Monat später rang man ihm die Zusage moderner Reformen ab, kurz darauf entsagte erdem Thron und nun freilich war es auch mit Lola vorbei. Wenn keine Lola mehr ist, soll auch kein Ludwig mehr sein!" hatte der König einst im Scherz gesag-t; er hat dies Wort wahr gemacht. Lola aber, die Heldin eines fürstlichen Liebesromans, die unfreiwillige Befreierin eines Volkes.Jahre lang der Gegenstand des Interesses von Millionen und Abermillionen, taucht wieder in die trüben Fluthen des Abenteurerthums. Sie hat noch viele Männer glücklich gemacht und noch mehrere sogar geheirathet. Hätte sie es noch zu beweisen gehabt, daß sie eine grundgemeine Person war, so hätte die Thatfache genügt, daß sie in Nordamerika in einem Sensationsstücke, das ihre Abenteuer in München schilderte, selbst auftrat. Dann kommen die Jahre, die Schönheit verblaßt, die gelenken Beine werden steifer und die Zahl der Verehrer lichtet sich; die vielgewandte Lola hält jetzt Vorlesungen, sie schreibt ihre Memoiren, sie veröffentlicht Artikel für die Frauenemancipation, über die sie freilich auS umfassendster Sachkenntniß sprechen kann. Aber all' das kann das Schicksal nicht aufhalten, das eine eherne Gerechtigkeit. dieser Sorte von Menschen als ewiges Loos zudiktirt zu haben scheint. In Elend und Dürftigkeit stirbt sie am 17. Januar 1861! vergessen, verschollen, lebendig begraben. Oanz nach Befehl! Lieutenant (der einen Abstecher nach Berlin machen will, zu seinem Burschen): Johann, geh doch mal zum Bahnhof und sieh zu, wann der nächste Zug nach Berlin abgeht, aber fchnell! Johann rast zum Bahnhof, der keine zehn Minuten von der Wohnung seines Herrn .Lieutenants entfernt liegt, und dieser stellt sich yn's Fenster, um die Rückkehr seines braven Burschen abzuwarten. Wer aber nicht kommt, ist sein Bursche! Fluchend und wetternd beginnt er durchs Zimmer zu wandern. Drei Viertelstunden sind schon verflossen. Kreuzmill. . . Da! Endlich sieht er Johann die Straße heraufstürmen, den Chronometer seines Urgroßvaters in der zierlichen Rechten. Kerl", schnaubt er den Athemlosen an, wo steckst Du denn so lange?- Zu Befühl, Härr Leitnant. vor vier Minuten is Se där Zuch nach Bärlien abjejangen, hob ich zuge-sahn!-a Boöhaft. A.: Wie Sie mich hier sehen, bin ich das Opfer eines Justizirrthums; ich bin wegen Diebstahls angeklagt gewesen! B.: Man hat Sie also freigesprochen!
jjcr" populärste Mann in 8 land.
Selten wird man ein Land finden, das so zahlreiche derBereitwilligkeit des Volkes entstammende Wohlthätigkeitsvereine aufweisen kann, wie Rußland. An allen Ecken und Enden des werten Reiches sind sie hervorgesproßt, die Vereine für Armenpflege, für Versorgung entlassener Gefangenen, für Wittwen und Waisen, Invaliden und alte Diener, für Blinde, Lahme, Taube. Epileptische. Arbeitshäuser entstehen, billige Wohnungen für die Mädchen und Frauen, die von eigener Arbeit leben ; unzählig sind die Krankenhäuser.die diese Vereine unterhalten; es fehlt nur' noch ein Stift für durch itnverschuldetes Pech beim Baccarat heruntergekommene Gentlemen. Dieser wohlwollende Zug liegt tief im russischen Volkscharakter. Reichlich wohlthun, nicht für andere knausern, da man es für sich felbst nicht thut; dabei auch in wenig sich als Wohlthäter feiern lassen, in Sitzungen der Vereine erscheinen, um dort in langen Reden zu erörtern, was ein jeder schon weiß, formelle protokollirte Beschlüsse fassen als Allerhöchst bestätigter" Wohlthötigkeitsverein, das alles geHort zum guten Ton. Diese erfreuliche Sitte entlastet die Regierung und bringt durch eine freiwillig auferlegte Progressivsteuer sehr ansehnliche Summen auf. Da sitzt ein Arbeiter im Wagen der Pferdebahn ; eine Hand ist in einen riesigen Handschuh eingepackt. Er schaut still vor sich hin; plötzlich erhebt er sich, zieht die Mütze und sagt ruhig: Jchk bin zeitweilig arbeitsunfähig; Gott wird's Ihnen vergelten, wennSie etwas für meine Kinder thun!" Und alle die Insassen des Wagens, Leute in dicken Pelzen und dünnen Röcken, fassen ohne ein Wort zu verlieren in die Tasche. In einer t Minute hat der Mann über einen Rubel beisammen ; er grüßt ruhig und still und steigt am nächsten Haltepunkt aus. Wenn unter einem solchen Volke jemand in den Ruf großer Wohlthätigkeit gelangt, so kann man überzeugt fein, daß er wirklich ganz Außergewöhnliches leistet. Diefer Ruf steht dem ehrwürdigen Priefter zur Seite, der in ganz Rußland als Batufchka Joann bekannt ist, dem orthodoxen Geistlichen von Kronstadt, Joann Jlitsch Sergiew. Alljährlich theilt er Summen aus, die an die Hunderttausend heranreichen. Dabei ist er armer Leute Kind, ist selbst arm, und verfügt dennoch über Vermögen. Seine Einnahmen sind freiwillige Spenden, die in feine Hand gelegt werden, über die er niemandem Rechenschaft abzustatten hat, als sich selbst. In dem Materialismus der Zeit ist dieser Mann eine tröstliche Erscheinung. Sein Ansehen ist sehr groß in Rußland. Wenn ein Kaufmann in fernen Geöieten. etwas unternimmt, fo gelobt er nicht felten: Wenn es gelingt, so gebe ich Batuschka, dem Väterchen. 1000 Rubel und danke ihm, daß er für mich gebetet hat. Reiche Leute bitten Joann Kronstadtski weit in's Innere des Landes, damit er ihnen oder ihren Kindern seinen Segen spende, und sie zahlen ihm Tausende. Oft ist er wochenlang auf Reisen und immer kehrt er reicher zurück, als er abgereist war. Mit unbegrenztem Vertrauen wenden' sich Gläubige und Ungläubige, Reiche und Arme an ihn. Wem seine Spende oder sein Segen geholfen hat. der verbreitet feinen Ruhm eifrig weiter. So ist es kein Wunder, daß Batuschka von einem Sagenkreis umwoben ist, der ihn längst unter die Wunderthäter versetzt hat. Lebten wir nicht im Zeitalter der Photographie, der Telegraphen und der Presse, und stürbe Batuschka einen gewaltsamen Tod. fo würde er vielleicht der Stifter einer neuen Religion ganz ohne seinen Willen werden. Man erzählt, daß zwei Studenten sich verabredet hatten, den würdigen Mann zu täuschen. Sie begaben sich von Petersburg nach dem nahen Krönstadt. Während der eine Lähmung heuchelte, bat der andere um den Segen und die Fürbitte Batuschkas. damit der Freund von seinen Leiden befreit werde. Der Priester erfüllte das Anfuchen, doch in demselben Augenblick wurde der Heuchler wirklich bewegungslos. Er stotterte nur einige Worte hervor, die Zunge und die Hände versagten den Dienst. Erschreckt stürzte der Freund dem Priester zu Füßen und bekannte ihm die Schuld. Geht, meine Kinder", antwortete Jcann, ich verzeihe euch und werde Gott bitten, euch auch zu verzeiben". Nach einigen Tagen hatte der Student die. Sprache wiedererlangt und begab sich wieder nach Kronstadt, um seinen Dank und das Gelübde der Besserung abzustatten. Glaublicher als diese Wundergeschichte ist eine andere. Eine alte Dame, deren einziger Sohn gestorben war und die nun bittere Noth vor sich sah, bat Joann um eine Unterstützung. Er hörte sie an und reickte ihr dann einen der vielen auf feinem Tische liegenden geschlossenen BriefUmschläge. In dieser Form näml'ch lassen die meisten ihre Spende bei dem Priester zurück. Die Dame nahm dankbar den Umschlag in Empfang; als sie ihn später öffnete, fand sie fünf Tausend-Rubelscheine. Sie eilte zurück, doch der Priester erwiderte ihr : Gehe in Frieden. Gott hat meine Hand geleitet." Von solchen Geschichten sind Hunderte in Umlauf und werden geglaubt. Der seltsame Mann ist nicht fertig mit dem Rufe de? wundervollbringe'nden Wohlthätigkeit in's Leben getreten. Er hat lange kämpfen müssen, bis man die ihn ganz beseelende heilige Kraft uneigennützigster Menschenliebe aner. kannte. Als er im December 1855 zum Geistlichen in Kronstadt ernannt wurde, fand er dort eine wilde Menge von administrativ Verbannten vox. An
diese und an die Kinder, an die Unglücklichen und an die Kranken, wandte er sich zuerst. Enttäuschungen und Spott, Verdächtigungen von allen Seiten waren sein Lohn. Hier und dort aber fiel doch ein Samenkorn weiser Lehren auf fruchtbaren Boden ; man
: gewöhnte sich, die Predigten des immer freundlichen Mannes zu besuchen; er i fand Freunde unter den Verbannten und Unglücklichen. Als er 1857 Lehrer in der Stadtschule wurde, gewann er die Kinder und durch diese die Eltern. Die Kinder wuchsen heran und bewahrten ihrem Lehrer die Freundschaft. Manch einer begann, ihn mit kleinen Geldsummen für wohlthätige Zwecke, zu unterstützen. Kaum war ein Häuflein beieinander, fo ging Vatufchka Joann an die Ausführung eineö längstgehegten Gedankens, der. ihm für alle Zeiten Ehre macht. Er 'hatte sich seine Ansicht über die Welt gebildet, und meinte, den Bedürftigen lohnende Arbeit geben, ist tausendmal besser, als ihnen Almosen zu seichen. So baute er ein einfaches- ' Häuschen, das Haus der Arbeitsliebe" j (Dorn trudoljubija), und brachte in ihm viele Arme unters die dort Arbeit und guten Lohn erhieltendenn Joann war kein auf feinenLZortheil bedachter Capitalsvermehrer Das Häuschen ging eines Tages in !' Flammen' auf. ES war eine schwere, -Prüfung, aber sie führte in der That 'zum. Heile. Seine alten Schüler und feine" Freunde,. die allmählich über ganz Rühland zerstreut waren, trugen in echt russisch reichlicher Weise ihr Scherflein herbei, und anstatt des alten kleinen Hauses konnte Batuschka einen prächtigen Bau aufführen, für dessen Begründung er in einem Jahre nicht weniger als 51,000 Rubel spendete. Es wohnt in dem seltsamen Manne eine ebenso he:lige Begeisterung für seine Werke, wie ein praktischer Blick für das Nothwendige. So wurden in dem neuen Hause der Arbeitsliebe in Kronstadt in dem Jahre 1890 nicht weniger als 22.144 Menschen auf längere oder kürzere Zeit in Hanfarbeiten beschäftigt; 30 40 Mädchen arbeiteten in einer Weißnäherei; 12 Kinder in einer Schusterwerkstatt; 5 in einer Schachtelfabrik; die Volksküche theilte 40.276 Portionen aus, darunter 18.075 unentgeltlich; die Nachtlager wurden von 39.911 Perfonen aufgesucht; 16 alten Frauen wurde Unterhalt gewährt; die Sanitätsabtheilung behandelte 2739 Kranke und Verunglückte; die Volkslesehalle wurde an denVortragstagen von durchschnittlich 300 Personen besucht, im ganzen von 9140; die Elementarschule zählte 239 Schüler; aus der Kinderbibliothek wurden 1531 Bücher ausgeliehen; ein Waisenhaus unterhält 50 Waiseukinder; fügen wir noch die Abtheilungen für Unterricht inHandarbeit, im Zeichnen. das Wohnhaus für Durchreisende, die Abtheilung für die Almofen hinzu, so können wir uns einen Begriff machen von der gewaltigen Anstalt, die der menschenfreundliche und praktische Sinn eines armen Priesters geschaffen hat.' Allein im Jahre 1890 spendete Joann über 29.000 Rubel zur Erhaltung des Hauses der Arb:itsliebe, während von hohen und sehr hohen Personen und von Swat und Stadt nur 2000 Rubel beigetragen wurden. Hinter dem einfachen Priester steht eben das große Rußland mit feinem gutmüthigen Volke, das vertrauensvoll die Kasse des Priesters füllt, wohl wissend, daß Batuschka die Spenden aufs beste verwendet. Kronstadt, das als Hafenort immer eine Menge licht- und arbeitsscheuen Gesindels barg, ist durch die Anstalt Batuschkas wie verwandelt worden. Das Wort und die That haben gewirkt, und voll ehrerbietigen Staunens betrachtet der leichtlebige Russe den Mann, der Geld machen kann, der aber nichts davon für sich verwendet und arm bleibt, wie er geWesen ist. Batuschka ist. obschon heute 67 Jahre alt, von einer unglaublichen Arbeitskraft. Alles will er felbst überwachen, Tausenden Trost und Hilfe fpenden, im Gotteshaufe ihre Beichte entgegennehmen; so bleibt zur Ruhe wenig Zeit. Bedenkt mandaß das Haus der Arbeitsllebe keineswegs das einzige ist, was seine Fürsorge beansprucht. daß er noch Tausende von Rubeln allwöchentlich wohlthätigen Zwecken im ganzen weiten Rußland überweist, und Ungezählten kleinere oder größere Almosen spendet, so begreift man die- unbegrenzte Verehrung, die von den Russen ihrem berühmt gewordenen Landsmanne gezollt wird. AIS Batuschka einmal nach Charkow reiste, hatten sich dort gegen 40,000 Menschen versammelt. Seine Wohnung wurde von der Menge belagert, wie eine Festung. Mit Kind und Kegel, mit Samowar und Kwas, rückte der Russe in die Vorstadt von Charkows um Batuschka zu sehen. ' Es waren schwere Tage,' die der edle Mann hier, anstatt sich zu erholen, erlebte. Fast wäre er durch daö Gedränge in einer Kirche am Altar erdrückt worden. Richt anders erging es ihm an vielem andern Orten. Auch in Petersburg wo man ihn persönlich kennt, gibt es regelmäßig einen Auflauf in großem Stil, wenn es heißt: Batuschka ist mit oem Kronstadter Dampfer gekommen. Die Kutscher der eleganten Wagen, d': ihm hochgestellte VereHrer. gesandt haben, zanken sich um die Ehre, wer ihn fahren fall; die Jswoschtschiks prügeln sich; Frauen mit Kindern auf dfn Armen drängen heran, Männer mit Briefen brechen sich Bahn durch den Haufen; endlich naht der GendarmeriePriestaw, und nur mit Mühe befreit er Batuschka von seinen Verehrern. Aber bald haben ihn andere entdeckt, und vor dem Hause, indem er abgestiegen ist, sammeln sich nun Haufen. Man erwartet ihn am Bahnhof, man wartet ihn in Oranienbaum, von wo im Sommer die Dampfer, km Winter die Schlitten nach ronttadt fabnn.
erwartet ihn schließlich in Kronstadt selbst. Dort hat er eine Armee von Weibern um sich, der er sich nicht 'erwehren kann. Da tagtäglich zahlreiche Reisende nach Kronstadt kommen, um Batuschka zu geben oder von ihm zu nehmen, so reicht das Wohnhaus des Hauses der Arbeitsliebe fci weitem nicht aus. Diese Weiber nun unterhalten eine Art Gasthöfe für die Pilger, nicht immer in bester Absicht. Manche sind von einem religiösen Wahn befallen, der ansteckend wird. Batuschka ist Christus, unser Herr, und wir sind seine Schwestern!" kreischen die Weiber, wenn die Polizei sie auseinander treiben will. . Der arme Bahischka, der nicht gewohnt ist, in prächtigem Marmorpalast die Volksgunst von ihrer angenehmsten Seite, nämlich aus angemessener Entfernung zu genießen, ist manchmal in Verzweiflung ob dieser Huldigung. , Wenn Batuschka predigt, so ist die Kirche buchstäblich gepfropft voll. Man sieht Menschen in eleganter Modekleidung und den Lederpelz des Bauern, zerdrückte Modebüte mit gebrochenen .Federn und die bunten Kopftücher der Häuerinnen. Batuschka spricht gut und' klar. Selbst ein Naturkind vom Lande aus dem Gouvernement Archan'gel, knüpft er gern an die Natur an, 'um feine Gläubigen zu trösten und zu ermähnen. Und aus dem ganzen ruhigen gleichmäßigen Wesen des Mannes spricht soviel aufrichtige Ueberzeugung, soviel innige Herzenögüte, daß seine Reden stets die Zuhörer packen. Hat man ihn oft gehört und stellt man den Inhalt feiner Reden zusammen, so findet man den Tropfen Socialismus, der keinem großen Reformer gefehlt hat. Batuschka vertheidigt das Gesammteigenthum. wie es die ersten Christen gethan haben sollen. Lernet fremde Sprachen, aber vergeßt die der Liebe nicht!" ruft er aus. was ist der Mensch, wenn er reich ist und neben ihm Unschuldige darben! Ein Unkraut, das andere Pflanzen erstickt. Wer reich unter euch ist. bemühe sich kein Unkraut zu sein; er rede die Sprache der Liebe, die ihm sagt: Du bist reich, damit du andern geben kannst,' dein Gut gehört der Menschheit. Und ihr, die ihr arm seid, sollt eure Hände nicht in den Schooß legen. Nur wenn ihr arbeitet, so euch Gott die Kräfte dazu gegeben, habt ihr ein Anrecht auf Hilfe, denn auf den Stein fäet man nicht!" Getreu diesem Grundsatze gibt der Verwalter der freiwilligen russischen Wohlthätigkeit Arbeit, foweit er kann, und er liefert auch die Werkzeuge unentgeltlich; das Erarbeitete aber gehört dem . Arbeiter . uneingeschränkt. Keine Zeitung veröffentlicht die Namen der Spender für die KÄse Batuschkas; niemand kennt sie, niemand verlangt Rechenschaft. Indem es einen solchen Viann hervorgebracht hat und ehrt, wie er es verdient, setzt sich' Rußland selbst ein Denkmal ' der Ehre und der Menschlichkeit.' ' - : - Aas Kclcgramm. Nach einer wirMcken Begebenheit von (?. I. Der alte Herr Schulrath N. war keine der liebenswürdigsten PersönlichLeiten. Wenigstens wurde dies von seinen sämmtlichen Untergebenen behauptet. Wie seine Untergebenen" über ihn dachten, weiß ich nicht. Möz licherweise wußte er nach oben hin iecht zierliche Kratzfüße zu machen, wie d:es ja manchmal der Fall sein soll. Aber oie ihm unterstellten Lehrer haßten ihn, wie gesagt, gradezu und ganz besonders der recht humoristisch angehauchte, im übrigen sehr tüchtige Lehrer in dem kleinen Dörfchen St. irgendwo dort unten an der Mosel und am Rhein herum war durchaus schlecht auf den Herrn Schulrath zu sprechen, denn er maß diesem die Schuld bei, daß er immer noch dort in dem weltentlcgcnen Ocrtchen zu hocken vcruitbcilt war, während er die Krast in sich fühlte, selbst in der größten Großstadt die vcrworfenstcn Rangen in Zucht und Ordnung zu halten und mcinctwcgcn entsprechend durchzubläuen. AuH bei der letzten Schulvisitation vor zwei Jahren hatte ihm der alte N. wieder so viele Knüppel zwischen die Beine geworfen, daß an ein Avancement garnicht zu denken war, und als daher jetzt wieder ein Telegramm in St. eintraf, daß der Gestrenge morgen sein persönliches Erscheinen in Aussicht stelle, da war die Stimmung unseres braven Lehrers nicht gerade die rosigste. ' Das Dörfchen St. liegt nun, wie bereits erwähnt, dort wo die Füchse ein ander gute Nacht sagen und so hatte der etwas korpulente Herr Schulrath denn also telegraphisch um einen Wagen gebeten, welcher um elf Uhr Vormittags auf der Bahnstation halten solle. Wie dies aber m solchen kleinen Nestern vorkommt, versah der Herr Lehrer gleichzeitig die Geschäfte der Pstagentur, denn daß Geholt für einen eignen Stephan" (heute heißt es jawodl Postbielski?) konnte der kleine Ort V.cht erschwingen. Als daher das Telegramm einlief, nahm es unser Lehrer selbst in Empfc.ng und kaum hatte er's gelesen, als er schon wie. elektrisirt (vom MorseAv.rat) aufsprang und zu seinem ?t.kchbarn, einem großen Fuhrwerks-
j ! :tx, hinüberrannte, mit welchem er r rL v.it längere, geyelme, aocr ancycincno l h? lustige Unterredung hatte. ' Am andern Morgen in aller Frühe sah man dann auch bereits ein höchst eigenthümliches Gefährt aus dem Törf chen herausfahren, von welchem sich die biederen Dorfbewohner durchaus nicht erklären konnten, was es damit für einem Zusammenhang habe, denn gestorben war doch ihres Wissens in den letzten sechs Wochen niemand aus der Gegend. Kurzum, es war ein Leichen wagen, der dort herausfuhr nnd der dann wenige Stunden später auch pünktlich auf der Station hielt, als der Her? Schulrath dort eintrafen und nun
selbstverständlich keinen geringen Schrec?' bekamen. Alles Fluchen, Toben, Schimpfen nutzte aber , alles - nicht das Geringste denn aus dem äußerst stumpfsinnigen Kutscher war nichts weiter herauszn kriegen, als: Ich bin hierher bestellt, komme aus St. und von allem Andern weiß ich nichts!" So mußte sich denn der wüthende, schwerfällige Herr schließlich doch entschließen, da cr dies Gefährt auf keinen Fall benutzen wollte, den weiten Wec; zu Fuß anzutreten und als er vollständig erschöpft gegen Abend in St.- anlangte, wurde er von dem anscheinend ganz bestürzten und ihn tief bedauernden Lehrerin der respektvollsten Weise empfangen. Aber, wie kommen Sie denn nur dazu, mir einen Leichenwagen zu senden? ich hatte doch ausdrücklich einen leichten Wagen bestellt!" Bitte tausendmal um Verzeihung, aber ich bin auf das Telegrammksen noch nicht so eingeübt!"--Die ominöse Pfauenfeder. Den allgemein verbreiteten Aber-' glauben, daß Pfauenfedern Unglück' bringen, theilt auch die Pariserin in. vollem Maße. Nichtsdestoweniger weiß, sie fehr wohl, daß sich die prächtigen. Federn in einem riesigen Makartstrauß. reizend ausnehmen und daß sie zu allen möglichen Zimmerdecorationen wunderschön zu verwenden 'wären wenn sie nicht in einem so üblen Rufe tänden. Schon lange hat sich difc chmuckliebende Mademoiselle das hüb-' che Köpfchen zerbrochen, wie man e& einrichten könnte, fein trautes Mädchenstübchen mit den herrlichen. Schwanzfedern des stolzenPfaues auszuputzen oder auch an dem feschen Huteeinen in so herrlichen Farben schillern--den Stutz zu tragen und dabei doch das. hinter den Federn boshaft lauernde Unheil von sich fern zu halten. Endlich ist sie auf das Richtige gekommen. Mademoiselle erfreut sich nun ganz, unbesorgt an vem schimmernden Gefieder des fchönen Vogels, das ihren ele--ganten Kaminschirm ziert; in ge, schmackvollem Arrangement prangen, die bunten Federn in den mit bronzi?--ten Gräsern gefüllten Vasen und esfect--voll heben sich die irisirenden Augen von dem reich vergoldeten Rahmen desSpiegels ab. Sogar an ihrer eigenen, chic gekleideten Person trägt die Pari, serin jetzt mit großer Vorliebe die schil--lernde Feder und sei es auch nur als. täuschende Imitation in farbigem. Schmelz auf Brosche oder Gürtelschloß. Und der auf der harmlosen Feder bis--her ruhende Fluch, der für das Haus, in dem sie als Zierrath angebracht, wurde, Krankheit und Tod herausbeschwor oder zum wenigsten in den be--treffenden Mauern keine fröhliche Hoch zeit stattfinden ließ, ist nun, dank der.Findigkeit Mademoiselles, vollkommen, gebrochen. An jeder Feder oder an je--dem Tand, der eine Feder vorstellt, be-' festigt die abergläubische Französin, eine einfache weiße oder bunte Garten--bohne, natürlich so. dak man sie nicht: bemerkt, in dem Bewußtsein, durch diesen seltsamen Talisman gegen jedes Unheil gefeit zu sein, fühlt sich Mademoiselle ganz beruhigt. Sie ist überzeugt, daß die glückbringende Bohne den bösen Zauber der schönen Pkauenfeder völlig unschädlich macht. Ter Ordre gemäß.
Der Capitän eines englischen Husarenregiments war nach Indien deordert worden, und um von seinen Leu--ten in gutemAndenken behalten zu werden, gab er dicht vor seiner Abreise-, dem ganzen Regiment ein splendides Abschiedsessen. Nachdem er, ehe die: allgemeine Tafelei begann, eine kurze herzliche Ansprache an feine Leute ge--richtet hatte, rief er mit weithin droh--nender Stimme: Und nun, meine.' Burschen, zur Attacke! Geht scharf vor.und behandelt dieses Festessen, wie ihrden Feind behandeln würdet!" DieMannschaften ließen sich das nicht: zweimal sagen, sie schlugen mit wahrem Heldeneifer mächtige Breschen in die ihnen vorgesetzten Speisen und Ge--tränke. Mit inniger Genugthuung sah es der joviale Capitän. Von di zahllosen Braten, Gemüsen und Puvdings war bald jede Spur vertilgt, nur den großmüthig in- ganzen Bataillonen gespendeten Flaschen mit geü stigem Inhalt schienen die mäßigen Engländer nicht recht gewachsen zu sein.. Wenigstens blieben ansehnliche Reihen der schlanken,' weingefüllter? Karaffen auf einzelnen Tischen stehen. Da bemerkte der Capitän plötzlich, da ein Husar, dessen Gesicht bereits in be-.' denklicher Röthe strahlte, eifrig damie beschäftigt war. verschiedene volle Fla--schen in einen Sack zu stecken. Verwun--dert trat der Gastgeber an den durchaus nicht verlegen werdenden Soldaten heran und fragte, was er da beginne. Ich gehorche der Ordre, Herr Capitän", entgegnete Jones, indem er sich bemühte, seiner schwankenden Gestalt eine stramme Haltung zu verleihen. Du gehorchst der Ordre?" donnerte der aufgebrachte Osficier in maßloseni Erstaunen. Jawohl, Herr Capitän, beharrte der muthige Krieger, ohne mit der Wimper zu zucken. Herr Capitän erließen den Befehl, das Festessen wie den Feind zu behandeln. Wenn wir nun ein Renkontre mit den Fein--den haben, müssen wir doch jeden, den: wir nicht todten, als Gefangenen mit--nehmen. Um genau nach der Ordre? des Herrn Capitäns zu handeln, wollte ich soviel Wein, wie ich schleppen kann mit nach der Kaserne nehmen Wa dir Capitän zu dieser Auffassung seiner Aufforderung sagte, ist leid nicht verlautet. Wir fühlen den Duft don der Blume des Glucks erst, wenn sie zu welken bea.innt.
