Indiana Tribüne, Volume 21, Number 146, Indianapolis, Marion County, 13 February 1898 — Page 7
Aer einarmige Generak. Novellette von Hermann Hamm.' Vor einigen Monaten fuhr ich von Hannover nach Hamburg. Die erste Hälfte der Tour fuhr ich ganz allem in einem Nichtrauchercoupe zweiter Klasse und langweilte mich recht tüchtig. So war ich ganz froh, als in UtU zen ein älterer Herr zu mir ins Coupe stieg. Es war ein Mann in der Mitte der fünfziger Jahre mit sehr starkem grauen Schnurrbart, grau melirten Bartcotelettes und sauber ausrasirtem Kinn. In allen seinen .Bewegungen war etwas Ruhiges, Gesetztes, fast PedantischeZ; aber seltsam contrastirte damit der unruhige, beinahe flackernde Blick seiner kleinen grauen Augen. Dieser Widerspruch reizte mich, ihn eingehender zu beobachten. Da er mein aufmerksames Studium zu bemerken schien, so setzte ich, um ungenirter zu sein, meine schwarze Brille auf, mit der ich meine Augen vor grellem Sonnenlicht schützen muß. In demselben Moment glaubte ich ein leichtes Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen, gerade als ob ihm plötzlich das Verständniß für etwas aufginge. Er saß wieder ganz ruhig da und sah scheinbar aufmerksam zum Fenster hinaus. Bald merkte ich, wie er zwei Finger der linken Hand und einen der rechten Hand in ganz eigenthümlicher Weise verschränkte. Mich durchzuckte blitzschnell eine Erinnerung. Genau dieselbe sonderbare Fingergruppirung hatte ich einst auf der Fahrt von Brüssel nach Ostende einen hochelegant gekleideten Herrn machen sehen. Darauf hatte ein anderer Herr eine ähnliche Fingerbewegung gemacht, und wenige Minuten später waren die beiden Herren in ein Kartenspiel irre ich nicht, so war es Kümmelblättchen vertieft, an dem sich wieder nach sehr kurzer Zeit ein junges Ehepaar mit leidenschaftlichem Eifer betheiligte. Daß das Ehepaar schließlich der leidtragende Theil war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Also jetzt war es mir klar: mein Nachbar war irgend ein Hochstapler und hatte mich in dem ehrenvollen Verdacht, derselben edlen Zunft anzugehören. Höchst schmeichelhaft! Aber da mich die Sache interesstrte und belustigte, so machte ich mit meinen Fingern die Bewegung, wie ich in dem Brüsseler Zuge als Antwort gesehen hatte, und wartete ab, wie sich die Dinge weiter entwickeln würden. Richtig! Der graubärtige Ehrenmann lüftete seinen Hut und sagte verbindlich lächelnd: Das trifft sich ja ganz reizend, ich bm der Graf Bornholm oder Ihnen vielleicht besser als Major Berenyi belaimt!" Sehr erfreut, endlich Ihre Personliche Bekanntschaft zu machen," entgegnete ich, und da er augenscheinlich eine. Gegenvorstellung erwartete, fügte ich hinzu: Ich bin der Lord Tattertown, auch Bawa Bingaresen." Sofort rückte er, merklich abgekühlt, ein Stückchen zurück und sagte steif: Diese Namen sind mir durchaus unbekannt." Ja." sagte ich lachend, das glaube ich Wohl, ich habe d?ese Namen auch erst jetzt angenommen; meine früheren Namen werde ich mich Wohl hüten, Jhnen hier zu fagen." Wanim?" Weil die Coupewände Ohren haJen." Wir können ja leiser sprechen. Doch wie Sie wollen. Sagen Sie mir wenigstens, was Sie arbeiten!" Diese Frage hatte ich natürlich erwartet. Ich erinnerte mich, daß ich als theures Andenken an meine letzte Reise nach Italien noch immer einen falschen Hundertlireschein bei mir trug, auch fiel mir das Klagelied ein, das ein Berliner Bankier vor mir angestinlnt hatte, und die Art, wie er auf falsches Geld hineingefallen war. Ich zog den Schein aus meiner Tasche und überreichte ihn mit den Worten: Bitte sehr, weil Sie es sind, will ich Ihnen diesen Schein und so viele Sie wollen, für vierzig Mark lassen; fönst freilich bin ich gewohnt, den vollen Tagescours zu erhalten." Er prüfte den Schein mit Kennermiene und sagte: .Ganz brillant gemacht. Arbeiten Sie nur mit HundcrUnV Ausschließlich und stets nach derselben Schablone. Ich wechsele mit zunächst gegen gutes deutsches Geld einiges echte italienische, ein paar Goldstücke und Kleingeld. Dann gehe ich an die nächste Wechselstube und frage, ob ich den Rest meiner italienischen Reisekasse gewechselt erhalten kann. Dabei lege ich zwei Hunderter, zwei Goldstücke und etwas Kleing:ld auf den Tisch. Der Klang des echten Goldes verscheucht zunächst jede Voreingenommenheit, und die Scheine sind so vorzüglich imitirt, daß ein deutscher Bankier oder gar ein junges Bürschchen und Gehilfen. stets hinein.fallen müssen." V Meine letzte Erzählung schien jeden Rest von Mißtrauen bei meinem Rei--segesährten verscheucht zu haben. Denn er klopfte mir-wohlwollend auf die Schulter und sagte: Brav, brav, Sie haben Ihr System, an dem Sie festhalten auch sind die Scheine wirklich ut gemacht. Wo führen Sie Ihr Geld bei sich und wie viel?"' . .Vierzigtausend Lire, log ich keck lv?iter, die Hälfte meinem kleinen Roßhaarkissen, die ander. Hälfte in meinem Reisenecejsair j für Kamm, Zahnbürste etc., das natürlich vöppelUn Boden' hat." . ' . ; Na, das ist nicht gerade sehr origi ,nell und gut", warf er mir vor. .Se .hen Sie, ich z. B. habe ein Schach -spiel in meinem Koffer, wo jede Figuz ein feinstes englisches Instrument i
sich birgt. Und in den Nahmenpangen meines Velocipeds habe ich in ganzes Instrumentarium sorglich in - Watte verhüllt. Ja, man muß mit der Zeit fortschreiten." Soweit hatte unser Gespräch einen verhältnißmäßig harmlosen Verlauf ; aber nun trat eine Wendung ein, die ihm eine ganz andere Bedeutung gab. Nach einer kurzen Pause nämlich, in der er erst definitiv schlüssig zu werden schien, begann der edle Graf BornHolm, alias Major Berenyi wieder: .Wissen Sie, Sie gefallen mir, auch ist's ganz gut, daß Sie einen Vollbart haben. Ich hätte nicht übel Lust, mit Ihnen in Hamburg den einarmigen General zu wiederholen." Den einarmigen General?" sagte ich höchst erstaunt, verbesserte mich aber rasch durch den Zusatz: Sollte diese Wiederholung nicht doch gefährlich sein?" Nicht im Geringsten! Es sind jetzt fünfzehn Jahre her, daß ich die Sache in Pest machte. Ich glaube nicht, daß einer der jüngeren Juweliere in Hamburg sich des Vorgangs erinnert. Uno warum auch, es ist gar kein Risiko dabei. Aber ich würde es diesmal mit einer anderen Schlußvariante machen." Es wäre mir doch lieb, wenn Sie mir die ganze Geschichte noch einmal erzählten; so ganz ist sie mir nicht mehr in der Erinnerung." Sehr gern", erwiderte der Major, also passen Sie auf: Vor etwa fünfzehn Jahren kam ich mit ewem Collegen von Wien nach Pest. Hier kam ich auf die Idee von dem einarmigen General. Vorbereitungen waren' nicht viel nöthig. Wir mußten zunächst einen Juwelier eruiren. der bei sich zu Hause in der Privatwohnung, nicht nur im Geschäft größere Summen verwahrte. Das ist bei Juwelieren nicht gerade selten, da sie oft einen Gelegenheitskauf größere Posten brauchen, und zwar zu Stunden, wo sie auf der Bank nichts entnehmen können. Mein Opfer hatte ich bald gefunden. Er hieß Keresvedö Ernö, war ein angesehener Juwelier und seit etwa drei Iahren verheirathet. Mein College hatte sich, so lange, er noch seinen langen Vollbart trug, bei dem Juwelier Brillantencolliers vorlegen lassen, die er genau beschrieb ; dann ließ er sich den Bart völlig abnehmen, legte Dienerlivree an und trat nun als mein Diener in Funktion. Er war völlig unkenntlich. Also eines Vormittags lege ich un-. garische Generalsuniform an und fahre in eleganter geschlossener Equipage bei dem Juwelier vor. Den Wagen schicke ich weg. mein Diener aber begleitet mich, was schon deshalb nöthig war. weil ich den rechten Arm fest in einer Bind trug und nur den linken Arm benutzen konnte. Ich verlange einen Ring mit einenv kleinen Brillanten, wähle gleich einen der ersten, die mir der Juwelier vorlegt, und lasse mir von Johann, dem Diener, meine Börse reichen, der ich mit der linken Hand mühsam achtzig Gulden entnehme. Als ich mich zum Gehen wenden will, fragt mich der Juwelier ganz selbstverständlich, ob ich nicht sonstigen Gebrauch hätte. Ja, sage ich so obenhin, ich suche eigentlich schon lange ein Brillantcollie? für meine Frau, aber es müßte so und so sein". . . und nun beschrieb ich ihm eins seiner vorräthigen Colliers, das mir natürlich mein College vorher beschrieben hatte. Hocherfreut springt der Juwelier auf und zeigt mir das Collier. Ich bin sehr erstaunt und sage: Aber das ist ja wie auf Bestellung, das ist doch merkwürdig! Wieviel soll es denn kosten? Der Juwelier ver langt 10.800 Gulden; ich werde immer erpichter und handle schließlich auf 10.000 Gulden herunter. Wir werden handelseinig und der glückliche Juwelier fragt mich, wo er den Schmuck hinschicken und das Geld in Empfang nehmen soll. Nun", sage ich mit sichtlichem Stolz, ich gehe jetzt nicht-nach Hause, ich habe hier in der Nähe eine Verabredung ; aber ich kaufe stets nur gegen baar und bin nicht gewohnt, auch nur eine Minute lang Schulden zu haben. Also ich werde, wenn Sie mir einen Sitz vergönnen, hier bei Jhnen im Laden warten, bis mein Diener von meiner Frau zu Hause das Geld hierherbringt." - Ich bitte ihn um ein Stück Papier und versuche mit der linken Hand zu kritzeln. Als es gar nicht recht geht, sage ich endlich: Ach. Herr Karesdö, Sie könnten mir eigentlich den Gefal len thun und die paar Zeilen an meine Frau schreiben. Sie weiß ja, daß ich nicht schreiben kann und wird unserem Diener auch auf fremde Handschrift das Geld aushändigen. Ein Mißbrauch ist ja ausgeschlossen Natürlich warder Juwelier gern bereit. Er nimmt eines seiner Geschäftsformulare und schreibt nach meinem Dikat folgende Worte: , Liebe Frau, sende mir sofort durch Ueberbringer dieses zehntausend Gulden. Ich habe eine selten günstige Gelegenheit, ganz besonders schöne Brilkanten preiswerth zu kaufen. Ich komme heute etwas später nach Hause. Dein Ern3". Wie der Juwelier, den Namen schreibt, lacht er und sagt: Ach. Exellenz heißen auch Ernö?" Wieso auch?- frage ich. Ich erlaube mir, gleichfalls Ernö zu heißen", lächelte der Juwelier. Sehr angenehm", sagte ich kühl und etwas von oben herab. So, bitte, jetzt thun Sie den Zettel in ein Couvert und geben ihn meinem Diener. Der Juwelier, nimmt natürlich auch wieder in Couvert mit Firma, ich instruire den-Diener und Johann zieht ab. Nach einer knappen halben Stunde erscheintJohann, giebt mir ein Couvert mit Geld, ich lege zehntausend Gulden auf den Tisch, nehme meinen
Vrillantschmuck und ziehe mit Johann ab. Natürlich war Johann nicht bei meiner gar nicht existirenden Faru geWesen, sondern bei der des Juweliers, die ihm auf den Brief ihres Mannes hin, mit dessen sicherer Handschrift.c.uf Geschäftsformular und dem Geschäftscouvert. ferner bei der Angabe eines ganz glaublichen Grundes, das Geld anstandslos auszahlte. Daß bei dem übersandten Gelde ein Zettel lag mit der Frage: Warum nimmst Du das Geld nicht von derBank?" habe ich dem Juwelier freilich nicht erzählt. Aber der Coup war gelungen. Der Major legte sich in die Polstcr zurück und ich verfehlte nicht, ihm meine aufrichtige Bewunderung auszudrücken. Nur konnte ich die Frage nicht unterdrücken, warum er nicht lieber die zehntausend Gulden genommen und denBrillantschmuck im Stiche gelassen hatte." Ja, sehen Sie", meinte er. das war auch eigentlich eine Dummheit. Und wenn wir jetzt die Sache in Ham bürg zusammen machen, so willich eben den Schluß so ändern, daß ich, während Sie mit dem Gelde unterWegs sind, dem Juwelier sagen, daß ich inzwischen vorausgehen will und daß er Ihnen den Schmuck ausliefern soll, wenn Sie mit dem Gelde zurückkommen. Diesmal müssen wir aber noch eins bedenken: inzwischen ist das Telephon erfunden. Wir müssen also einen Juwelier wählen, der nur im Geschäft und nicht in der Wohnung Telephonanschluß hat. Auch darf ich in dem militärarmen Hamburg nicht in Uniform erscheinen; ich muß also als einarmiger Civilist auftreten Nach einigem Hin und Her erklärte ich meine völlige Bereitwilligkeit; wir verabredeten dann noch, wie und wo wir uns in Hamburg treffen wollten. Jeder sollte sich inzwischen bis zum ersten Rendezvous möglichst über die Privat- und GeschäftigerHältnisse der Hamburger Juweliere informiren. Kurz darauf fuhren wir in Ham-. bürg ein; wir trennten uns mit kühler Höflichkeit, möglichst unauffällig, wie flüchtige Reisebekannte. Ich muß gestehen, daß ich mit argen Skrupeln zu kämpfen hatte. Einerseits widerstrebte es mir höchlichst, als Denunziant aufzutreten, andererseits wollte ich den edlen Jndustrieritter nicht ungehindert seine Pläne ausführen lassen; denn er würde ja selbstverständlich, wenn ich unsichtbar blieb, seine Gaunereien mit anderer Unterstützung ausführen. Schließlich sagte bei mir die Ueberlegung. daß, wenn ich den Fall anzeigte, meinem Reisegefährten ja kaum etwas Ernstliches passiren könnte; denn für die geplante Hochstapelei konnte er nicht bestraft werden, höchstens konnte er als verdächtiger Ausländer er war aus Russisch - Polen abgcschoben werden. So entschloß ich mich also, sein Reisegespräch einem mir bekannten Criminalbeamten mitzutheilen. Die Folge davon war, daß der Graf BornHolm Berenyi festgenommen wurde.als er zum Rendezvous mit mir erschien. Er leugnete hartnäckig, aber das Instrumentarium in den' Schachfiguren und in den Belocipedrahmen belastete ihn zu stark, als daß er sich hätte loslügen können. Er brauchte wirklich sein Billet bis an die Grenze nicht zu bezahlen. So bin ich auch einmal Detektiv geWesen Verloren und VefunVell. Erzählung von Ernst Schasser. 100 Mark Belohnung. Ein armer Kassenbote, Vater von vier Kindern, hat gestern zwischen 11 und 2 Uhr auf dem Wege vom Reichs dankgebäude bis zur Hauptpost die Summe von 10,000Mark in Hundertmarkscheinen aus seiner Ledertasche verloren. Dem bisher unbescholtenen Mann droht Verlust seiner Stellung. Der ehrliche Finder wird im Namen der Menschlichkeit gebeten, seinen Fund auf dem nächsten Polizei-Bureau abzugeben." Vorstehende Anzeige prangte an einem sonnenhellen Wintertage in großen Lettern auf rothem Grunde an den Anschlagssäulen einer großen Stadt Süddeutschlands, und theilnahmslos lasen die Vorübergehenden jene inhaltsschweren Worte, welche den Nothschrei eines verzweifelten Menschen in sich bargen, waren sie doch an dergleichen gewöhnt, denn fast täglich kamen ähnliche Fälle vor und verliefen spurlos im Sande. Man las die Anzeige, sagte das stereotype Schon wieder!- und im Augenblick hatte man Alles vergessen. An den Unglücklichen, der durch den Verlust des Geldes vielleicht in die entsetzlichste Noth erieth, dachte Niemand; in einer großen Stadt giebt es viel Elend, das sich aufSchritt und Tritt breit macht, um in die Augen mitleidiger Menschen zu fallen, mehr aber noch verbirgt es sich scheu in den Dachstuben und Hinterzimmern der entlegensten Miethskasernen, in welche fast nie einSonnenstrahl dringt. Vor einer Säule an der Ecke einer Nebenstraße standen am Morgen jenes Tages mehrere der arbeitenden Klasse ungehörige Leute, die mit ein paar Worten von dem Vorfall Kenntniß nahmen. Armer Kerl", sagte ein Fleischer, der in seiner Mulde eine frische Kalbskeule trug. Deine 10.000 Mark .siehst Du nicht wieder; baares Geld wird selten zurückgebracht , .Das ist wahr", erwiderte ein alterer Herr, offenbar ein Stadtreisender, denn er trug ein Packet in Glanzlein. wand, .es ist zu verlockend, mit einem Schlage wohlhabend zu werden; ich freilich möchte nicht um Alles in der Welt eine solche Sünde auf mein Gewissen nehmen. Der Gedanke, der arme
Mann habe sich vielleicht ausVerzwets. lung das Leben genommen, würde mich nicht zu einem wahren Genuß des Gel des kommen lassen." Alle Umstehenden stimmten bei, und ein junger Mann, dessen Kleidung nicht gerade Wohlhabenheit verrieth, sagte zu dem Stadtreisenden: Sie haben Recht; und dann 100 Mark ehrlich erworben, sind auch nicht zu verachten, außerdem noch die gesetzlichen 10 Procent Finderlohn Der Fleischer sah den Sprecher von der Seite an. Jeder anständige Mensch", sagte er laut, würde doch dem armen Kassenboten die Belohnung erlassen und für seine Ehrlichkeit keinen. Pfennig beanspruchen." Mit diesen Worten ging er seiner Wege, und auch die Andern entfernten sich. Der junge Mann stand noch eine Weile vor der Anschlagesäule und setzte dann lanzsam seinen Weg fort. Er mochte ungefähr 23 Jahre zählen, sein Gesicht war nicht unschön und wurde besonders durch lebhafte graue Augen interessant. Robert Leutner war Student, er hatte bereits das Physikum bestanden und bereitete sich nun für das Staatsexamen, die letzte Station für Mediziner, vor; wahrscheinlich hätte er es auch bereits, hinter sich, wenn ihm nicht die Mittel gefehlt hätten, die zu? Absolvirung der Prüfung durchaus erforderlich sind. Leutner war arm; kümmerlich hatte er sich durch Privatstunden ernährt, die nun fortfallen mußten, da er für sich selbst genügend zu arbeiten hatte. Vor ihm lag die Zukunft dunkel und trüb'. Was sollte aus ihm werden, wenn er selbst nach glücklich beendetem Examen als Arzt ohne Patienten mittellos dastand. Außer einem Onkel, einem reichen Geheimrath,- besaß er keine Angehörigen, und der Geheimrath war durch seine Stellung gezwungen, ein großes Haus zu machen, zu repräsentiren, und hatte mit sich und seiner Familie genug zu thun. Robert durfte nicht auf seine Unterstützung rechnen. Der junge Student wußte recht gut. daß ein Arzt heut zu Tage vor Allem nobel auftreten muß. ein großes, elegantes Logis haben, Diener, Equipage und vornehme Bekannte nur so kann er mit Sicherheit auf klingenden Erfolg rechnen. Was sollte also aus ihm werden, der weder Beziehungen noch Vermögen, nicht einmal die Mittel für die Prüfung in Händen hielt? Diese finsteren Gedanken beschäftigten Robert, während er durch den hellen Wintermorgen schritt. Hohe? Schnee lag auf der Straße, und als er nun einen breiten Platz passirte,versank er bis über die Knöchel unter die weiße Decke. Plötzlich stieß sein Fuß auf einen festen Gegenstand, durch seinen Schritt ward der Schnee von dieser Stelle bei Seite geworfen, und Robert erblickte ein kleines, in weißes Papier gehülltes Packet. Im nächsten Moment hatte er sich gebückt, seinen Fund aufgehoben und in der Brusttafche seines Ueberrockes geborgen. Eine Ahnung durchzuckte " ihn." daß er die verlorenen Banknoten gefunden habe; scheu und schnell blickte er in der Runde um sich; Niemand hatte ihn beobccrnct. In sleveryasler Aufregung stürmte er fort, seiner Behausung zu, im Sturmschritt erklomm er seine Dachstube, verschloß die Thüre hinter sich, ließ selbst die Vorhänge herab und zog das kleine Packet aus der Tasche ; die leichte Hülle fiel, und vor ihm auf dem Tasche lagen fünf Päckchen, von denen jedes 20 Hundertmarkscheine enthielt. Er also war der glückliche Binder. Sein erster Gedanke war jcmcn Fund sogleich zu übergeben und auf jeden Lohn zu verzichten. Robert war ein ehrlicher Mensch, jede verwerfliche Absicht lag ihm fern. Er packte also die Banknoten wieder zusammen, zog seinen Ueberrock wieder an und ging langsam die Treppe herab. Im dritter Stock wohnte ein Schneider, der ihm einen Anzug geliefert hatte, und da der junge Mann die Ratenzahlungen nicht einhalten konnte, ihn nun fast täglich mit Mahnungen belästigte. ' ,.. Wie leicht könnte ich nun diesen Quälgeist loswerden", sagte Robert zu sich selbst, während er an der Thür des Schneiders vorüberschritt, wenn ich meinen Findeohn beanspruche, könnte ich mir manchen Wunsch erfüllen, den ich mir jetzt versagen muß. Ach was, ich bin thöricht, wenn ich es nicht thue, ein Anderer an meiner Stelle hätte sich gehütet, das Geld zurückzubringen. Der arme Kassenbote wird zwar den Schaden ersetzen müssen, aber eine Lehre kann ihm für seinen Leichtsinn und seine Nachlässigkeit nicht schaden, und mir helfen die paar hundert Mark über das Staatsexamen." Damit war sein Entschluß gefaßt, er wollte feinen Finderlohn einstreichen. Er betrat die Straße und eilte vorwärts, plötzlich an der Ecke einer Hauptstraße blieb er wie gebannt stehen. Ein Wagen fuhr an ihm vorüber, und in demselben saß nachlässig in die Polster zurückgelehnt seine reizende Cousine Käc, die Tochter des Geheimrathes. q zog Robert seinen Hut, aber nur ein flüchtiges, leichies Neigen des schönen Hauptes dankte ihm. Der Wagen war längst vorüber, als Robert ihm noch nachstarrte, in seinem Innern tobte ein heftiger Kampf, und seine Rechte war krampfhaft auf sein Herz oder richtiger auf die Brusttasche, in welcher er die Banknoten hielt, gepreßt. Und Du mußt doch mein werden 1" flüstert er halblaut in heftiger Erregung, den armen Teufel beachtest Du kaum, aber dem wohlhabenden . Arzte wirst Du Deine' Hand nicht verweigern." . Und als hätte ihn eine dämonische Gewalt erfaßt, wandte er sich um, rannte seiner Wohnung zu und auf seinem Zimmer angekommen, verbarg er
seinen Fund in dem Strohsack, aus welchem er bisher sanst geschlummert hatte weil er ein ruhiges Gewissen besaß. In der Nacht, die jenem ereignißreichen Tage folgte, wälzte er sich zum ersten Mal schlaflos auf seinem Lager. Robert Leutner war ein gesuchter Arzt. In zwei Jahren hatte er erreicht, was Andere während ihres ganzen Lebens vergeblich erstreben. Er war der Liebling der guten Gesellschaft, besonders der Frauen, man consultirte ibn mit Vorliebe, kurz, er war in der Mode, und seine College hatten allen Grurld, ihn zu beneiden. Wie hat er' es nur zu Stande gebracht", sagte der Eine, in so kurzer Zeit diese Praxis zu erwerben?" Protektion", erwiderte ein Anderer kurz. Mit Nichten", replicirte ein Dritter, er hat es richtig angefangen, und daran liegt's. Er besaß Geld, woher, weiß ich nicht, thut auch Nichts zur Sache. Da hat er sich denn eine Prachtvolle Wohnung gemiethet, Equipage angeschafft, alle Bälle besucht, einslußreiche Bekanntschaften'angeknüpft, und ehe ein Jahr vergangen war, blatte er die Schlacht gewonnen. Jetzt könnte er sich drei Equipagen halten, wenn er wollte. Diese Unterhaltung fand auf einem Balle statt, den der Geheimrath, Robert's Oheim, gab und auf welchem der beliebte Neffe des Wirthes mit der schönen Tochter desselben die Hauptrolle spielte. Es war ausgemachte Sache, daß Robert und Käthe ein Paar werden sollten. Wie wurde Robert bereits beneidet um die schöne Braut. Und doch lag auf dem Antlitz des jungen Arztes kein Schimmer von Freude, ernst, beinah' düster blickte er um sich, und nie glitt ein Lächeln über seine Züge. Er war auffallend bleich, und seine Augen lagen in den Höhlen. Kaum schien er es zu beachten, daß seine liebreizende Braut ziemlich auffällig mit einem Bankier verkehrte, der als kühner Spekulant in Börsen- und Herzensangelegenheiten bekannt war. Ja, es war gewiß, irgend ein geheimer Kummer lastete auf Robert und untergrub seine Gesundheit. Hätten seine Neider gewußt, welche Seelenqualen dieser Glückliche" litt, wahrlich, nicht um Peru's Schätze, nicht um Indien's Kostbarkeiten hätten sie mit ihm getauscht. Die Musik intonirte einen modernen Walzer. Käthe folgte dem Bankier in die Reihe der Tanzenden, während Robert, wie von einem plötzlichen Entschluß getrieben, an einen älteren, hageren Herrn herantrat- und ihn anredete: Mein lieber Justizrath, auf ein Wort." Stehe zu Diensten, lieber Aeskulap. Was wünschen Sie?" EineAuskunft, eine juristische Aufklärung. Ist der Finder irgend eines werthvollen Gegenstandes verpflichtet, denselben in einer bestimmten Zeit abzuliefern, respektive ist er straffällig, wenn er erst nach Jahren seinen Fund übergiebt?" Selbstverständlich ist er strafbar und das in hohem Grade; denken Sie nur, wie leicht durch seine Verzögerung ein Menschenleben zum Opfer fallen kann." Ein Menschenleben!" stöhnte Robert. Wie meinen Sie das?" Nun einfach; nehmen wir an, ein armer Kommis wird von seinem Principal mit einer bedeutenden Geldsumme zur Bank geschickt, er hat das Unglück, dieselbe zu verlieren, ohne daß ein ehrlicher Finder sie ihm zurückerstattet. Wer glaubt ihm, daß er das Geld verloren, ruht nicht der Verdacht auf ihm aber, mein Gott, was ist Ihnen, Doctor?" Nichts Nichts sprechen Sie weiter Ruht nicht der Verdacht einer Unterschlagung auf ihm? Er ist gebrandmarkt, seine Ehre ist hin, stellungslos sinkt er in's tiefste Elend, und das Ende ist ein Pistolenschuß." In diesem Augenblick sah der alte Justizrath seinen Zuhöhrer wanken und ohne Laut, aber mit gläsernen Blicken auf den Teppich sinken. Die Musik verstummte, athemlose Stille herrschte, während die Herren der Gesellschaft den Leblosen umstanden, und ein älterer Sanitätsrath umihn beschäftigt war. Welch' ein Unglück!" jammerte der Geheimrath, Robert's zukünftiger Schwiegervater, was wird mein armes Kind leiden bei diesem Anblick!" Das arme Kind" stand im Nebensalon in Gesellschaft seines eifrigen Anbeters, des Bankiers, und flüsterte hinter dem vorgehaltenenSpitzenfächer: Ich habe ihn nie leiden mögen und gebe Ihnen, lieber Emmerich, das Recht, morgen bei Papa anzufragen." Der Bankier k.'ßte entzückt die kleine, weiße Hand und erwiderte: Sie werden an meiner Seite glücklicher werden, Käthchen." Indeß hatte sich der Ohnmächtige so weit erholt, daß er mit Hilfe einiger Herren auf dem Divan Platz nehmen und so warten konnte, bis unten sein Wagen vorgefahren sei. Während dieser Zeit sprach er. kett Wort; stieren Blickes hielt er seine Augen auf den Boden geheftet, während seine blutleeren Lippen ab und zu einige unverständliche Worte murmelten; plötzlich sprang er auf, trat mit wüthenden Geberden auf den Geheimrath zu und schrie mit heißerer Stimme: Sie ton nen es nicht beschwören Sie nicht, und die Anderen auch nicht. Beweisen Sie mir, daß er .todt ist, zeigen Sie mir seinen zerschmetterten Schädel ich will meine Belohnung!"Er ist wahnsinnig!" schrie der Ge heimrath, vor dem Rasenden zurückweichend. Ein Anfall von Geistesstörung". bestätigte der alte Samtätsrath, 'und keiner derUmstehenden hatte den Muth,
den Bedauernswertyen zu sanen unv so vor Unheil zu bewahren. Ehe sich die Gesellschaft von ihrem Erstaunen erholt hatte, war Robert verschwunden, und trotz eifrigster Nachforschungen konnte man seiner nicht habhaft werden. Die Dienerschaft, welche in dem Vorzimmer stand, erzählte, der Herr Doctor sei schimpfend und tobend an ihnen vorbeigestürzt und die Treppen herabgesprungen. Sein Hut, sein Pelz befanden sich noch in der Garderobe ; es war also anzunehmen, daß der Unglückliche, dem Schneewetter und dem starken Frost ohne Hut und Mantel ausgesetzt, durch die Straßen der Stadt irre. Man benachrichtigte die Polizei. Dann engagirte man auf Wunsch der schönen Käthe zum Cotillon. Es war in jener Nacht ein starker Schneefall, dabei brauste ein fürchterlicher Orkan durch die Straßen, fo daß Fußgänger kaum gegen ihn ankämpfen konnten. Um so mehr mußte die Gc stalt eines barhäuptigen Mannes auffallen, der in seinem Ballanzug, ohne Ueberrock, gegen den Wind kämpfte und dabei von Zeit zu Zeit einen Ausruf hören ließ, dessen Laute vom Sturm übertönt wurden. Der Mann setzte ungehindert seinen Weg fort und näherte sich dem Ufer des Flusses, dessen dünne Eisdeckkruste mit hohem Schnee bedeckt war. Mit wahnsinnigem Lachen eilte er die Uferböschung hinab und schrie, ' während Wächter. Passanten und einige Polizeidiener rathlos am Ufer standen, mit lauter Stimme: Ich bin der ehrliche Finder ich hGbe zehntausend Mark abgeliefert, kein Mörder, kein Mörder!" In diesem Augenblick machten sich einige beherzte Männer daran, dem Unglücklichen nachzusetzenund ihn vor dem Einbrechen auf dem Eise zu behüten ; aber als der Wahnsinnige ihre Absicht merkte.machte er einen großen Sprung, der ihn in die Mitte des Flusses trug, und verschwand mit den Worten: Nicht in's Zuchthaus ich kenne keinen Kassenboten!" unter der zersplitternden Eisfläche. Alle Bemühungen waren umsonst, nicht einmal sein Leichnam wurde aufgefunden. Der Geheimrath, als sein einziger Verwandter, ward sein Erbe und erhielt Alles, was vorhanden war. Wenige Wochen nach dem Tode Robert's feierte Käthe ihre Verlobung mit dem Bankier. Käthe war des Bankiers glückliche Gattin geworden. Das junge Ehepaar saß bei dem Morgenkaffee, als Käthe unter den von der Post gebrachten Briefen ein aus Amerika kommendes Schreiben bemerkte, welches wegen der unorthographischen Aufschrift, die es trug, ihre Neugier erregte. Der Bankier erbrach den Brief mit auffallender Hast und erbleichte, als er seinen Inhalt überflog, dann nahm jedoch sein Gesicht gleich wieder einen ruhigen Ausdruck an und mit einer verächtlichen Handbewegung warf er Jörn Brief zu den übrigen. Du hast ein Geheimniß vor mir", sagte Käthe schmollend, wenn Du mich liebst, sage mir, was jener Brief enthält." Der Bankier wollte einige Zeit lang mit der Sprache nicht heraus; aber als sein Frauchen nicht nachließ mit ihren Bitten und schließlich Thränen in ihren Augen blicken ließ, da sagte der Bankier kurz: Nun gut, Du sollst das kleine Geheimniß ersahren. Ich hatte vor zwei oder drei Jahren das Pech, 10.000 Mark, die ich von der Bank geholt hatte, zu verlieren. Ich wollte das Geld nicht gerne missen und wußte doch, wie wenig ehrliche Menschen es giebt, die eine solche Summe abliefern. An mich, als den wohlhabenden Mann, würde kaum Jemand die Summe erstattet haben. Da gebrauchte ich eine kleine List. Ich zog meinen Kassendiener in's Vertrauen, dieser rannte zur Polizei, gab vor, er habe das Geld verloren, und nun erschienen große Anzeigen, die im Namen der Menschlichkeit zur Rückgabe des Geldes an den armen, verzweifelnden Kassendiener aufforderten." Das war ein famoser Schachzug", lachte die junge Frau. Nicht wahr?" rief der Bankier entzückt, bei seinem Weibe .ein so feines Verständniß für diese verbrecherische Manipulation zu finden. Siehst Du, mit einem armen Kassendiener hat Jeder Mitleid, man fürchtet einen Mord auf sein Gewissen zu laden, wenn man das Geld findet und unterschlägt. Und doch habe ich jene 10.000 Mark nicht wiedergesehen. Zu allem Unglück wurde mein Kassendiener jeht arrogant, verlangte Belohnungen, und ich war froh, den lästigen Zeugen mit 1500 Mark loszuwerden. Er ging' nach Amerika. Hier ist sein erster Drohbrief, dem, wie ich fürchte, andere fol-gen-werden. Ich habe nun das Gesindel Zeit Lebens auf dem Halse. So. und nun kennst Du mein kleines Geheimniß!" Wir wissen, daß dieses kleine Geheimniß" einen Menschen zum Diebe gemacht, dem Wahnsinn und endlich einem grauenvollen Tode in' die Arme getrieben hat.
Augeno. von Max Hirschfeld. Durch einige Spalten, welche die Fenstervorhänge nicht ganz verdeckten, fielen einige Sonnenstrahlen auf das Ledertuch des Eßtisches, der noch nicht ;anz abgeräumt war. Der alte Proessor, der sich sonst nach dem Essen in ein Studierstübchen zurückzuziehen ,flegte, hatte auf dem Fensterbrett zuällig eine Zeitung gefunden, in weleher ihn der Bericht über die lete Anthropologen Versammlung mächtig interessirte. Sein Neffe Valentin, der Student, der während der Ferien zum Besuch aekommen war. hatte sich
auf dem alten Sopha ausgestreckt unv sank unter dem Einflüsse der Hitze in vollständige Erschlaffung. Wenn mir jetzt einer hundert Mark hinlegte, ich würde, nicht ausstehen." Das zu denken hatte er noch die Kraft. Aber er dachte es eben nur. Und wie er so halb träumend die Au gen schloß, wurde die Thüre leise geöffnet und ein junges Mädchen trat ein, welches ein großes hölzernes Tranchirbrett in der Hand hielt. ES war Käthchen, die Tochter der Wirth, schafterin, eine mittelgroße üppige Gestalt mit einem dicken blonden Hängezopf."Sie waltete möglichst geräusch los ihres Amtes, aber sie konnte doch das Ausammenklirren zweier Teller nicht vermeiden. Bei diesem Geräusch ' öffnete der Student die Augen, und kaum hatte er Käthchen erblickt, als er wie elektrisirt mit beiden Füßen vom Sopha sprang und sich gerade hinsetzte. Sie sah ihn trotzdem nicht an und erröthete kaum. Nun schritt sie der Thüre zu, Valentin hinter ihr her in kurzem Abstände, wie etwa eine Nadel vom Magneten. Valentin. halt!" Es war die Stimme des Onkels Folge mir." Sie gingen in die Studirstubc. Der Onkel setzte sich in den hohen Lehnstuhl, der vor dem Schreibtische stand und wies Valentin einen gegenüberstehenden Stuhl an. Mein lieber Valentin, es beißt, der Frühling sei die Zeit der erwachenden Liebe, und das wird wohl richtig sein, ich weiß es nacht mehr. Aber der Sommer ist die Zeit der vollendeten Liebe, der Sommer, mein guter Junge, ist die gefährliche Jahreszeit." Valentin senkte die Augen, und seine Achtung vor dem Onkel wuchs, den er bisher nur für einen tüchtigen Gelehrlen gehalten hatte. O der hatte ja Augen auf dem Nücken! Siehst Du, mein lieber Junge, in Deinen Jahren ist man nur zu geneigt, nach jeder Schürze zu haschen, wie ent Kind nach dem Zuckerbrod. Und Du bedenkst nicht, was daraus entstehen kann. Du bedenkst nicht, daß Du Dich vielleicht für Dein ganzes Leben 'unglücklich machst. Denn ein junges Mao chen ist eben kein Zuckerbrod, das ist von Fleisch und Blut und hat auch Wünsche, Wünsche, die vielleicht zu den Deinen Passen wie die Faust aus ä Auge. Du glaubst mit ihr zu tändeln sie aber hält Dich fest, Dich und Deine-. Zukunft, Dein ganzes Leben, das, mit allem möglichen bunten Inhalt, , vor Dir im schönstenLichte zu liegen scheint. Wenn aber die, mit der Du jetzt einige angenehme Stunden verbringst. Deine. Frau geworden ist, dann reicht Uz: Schimmer der Nomantik, mit dem Zu. ihre kleine Figur jetzt umkleidest, kaum über die Flitterwochen hinaus. Und dann müssen ganz andere Eigenschif--ten an ihr hervortreten, als diejenigen welche Du jetzi an ihr schätzest." Jetzt erhob Valentin die Augen und sah den Onkel mit einem halb verständnißvollen halb dankbaren Blicke an. Gewiß, das war alles so richtig, wenn die Hitze seinen Verstand nicht betäubt hätte, hätte er das alles sich selbst sagen müssen. Ihm' schwebten ja ganz andere Ideale vor, als an dem Spinnrocken einer Frau zu sitzen. Er vergegenwärtigte sich in der Phantasie das Bild des bezopften Mädchens, mit dem er obgleich es erst der dritteTag seines Besuches war bereits leise angebandelt hatte, und er mußtelächeln, indem er dachte, wie gleichgül-' tig sie ihm jetzt sei. Plötzlich schrak er zusammen. Der Professor hatte ruhig weiter geredet und er, Valentin, hatte " keine Silbe verstanden. Nun aber war er wieder ganz Ohr. .... ich kenne sie sehr genau verleugnet die Abstammung von Mutter Eva nicht. Diese Käthe ist nicht nur hübsch, sie ist auch schlau. Sie wirdDich anlocken, sie wird nachgiebig sein aber nicht zu sehr, und wenn Du leidenschaftlich wirst, wird sie seufzendsagen: Ach, Sie wollen mich nur zum. Besten haben." Oder vielleicht sagt sie auch Du". Und dann wir Du verlegen und versicherst. Du meinst es aufrichtig. Und endlich nun, für heute habe ich genug aepredigt. Ich darf mein Nachmittagsschläfchen nicht versäumen. Was wirst Du jetzt beginnen, mein lieber Junge?" Ich werde baden und dann aus meinem Rad eine Tour in der Umgegend, machen." Recht so!" Und er drückte seinem Neffen die Hand, der mit dem festen Vorsatz, die gefährliche Sirene möglichst zu meiden, hinausschritt, um durch den Garten an den Fluß zu gelangen. Als der Professor 'sein Nachmittagsschläfchen beendet hatte, ging er hinaus in den Garten und setzte sich mit einem Buch in die schattige Laube. Hinter einer an diese Laube grenzende .axusheck vernahm er flüsternde Stimmen. Leise stieg er auf die Bank, da konnte er über die Hecke hinüberschauen: Valentin hielt Käthchen imArm unl) küßte sie auf den blühenden Mund. Der alte Herr stieg herab. Er wollte nichts mehr sehen. Aber er hörte. Er horte zunächst einen, tiefen Seufzer, dann wieder das Geräusch eines Kusses, und dann den in Form des Vorwurfs gehaltenen Ausruf: Ach. Du Willst mich doch nur zum Besten haben" .... I m A w e ! s e i. BrauVer--' her (welcher einen Korb erhalten hat)?. Jetzt weiß ich wirklich nicht, bin ich glücklich oder bin ich unglücklich." Sparsam. Ich hätte ja nichts gegen den jungen Mann einzuwenden, wenn ich nur wüßte, daß er solid und sparsam ist." O, sparsam ist er. Papa, sehr sparsam!. Wie er gestern Abends mit mir allein im Zimmer gewesen, hat er sogar, damit Du nicht zu Schaden kommst, dieGaöslamme abgedreht. .. . .
