Indiana Tribüne, Volume 21, Number 118, Indianapolis, Marion County, 16 January 1898 — Page 7

Japanische Toiletten. Von E. v. HesseWartegg. Em?r Uz Hauptreize der Japanerin liegt wohl unbestreitbar in ihrer Toileite. Nickt in jener, die durch eine der unsinnigsten Verordnungen des neuen Japan aus der alten Welt auch in dem fernen Lande iheiZweise zur Einführung !ain, sondern in jener Toilette, die die Japanerin seit undenklichen Zeitoi bis auf die Gegenwart beibehalten fat In Japan sind die Toiletten glücklickrwkife nicht so sehr den Launen der Prinzessin Mode unterworfen wie andersn?o. Dort hat man niemals etwas von Zrinolinen, vonPuffenärmeln und Culs de Paris gehört, der SchwerPunkt Uz Damentoiletten springt nicht in jedem Jahre, in jeder Saison von vben nach unten, von hinten nach vorn. Die japanischen Damen tragen keine mit ausgestopften Vögeln, Flügeln von Käfern, Federn und anderen barbarischen Zuthaten geschmückten Hüte; sie durchlöchern sich ihreOhrläppchen nicht, um sie mit schwerem Geschmeide aus Edelmetall und Steinen zu beschweren; sie schnüren ihre zarten Füßchen nicht in enge, drückende Schuhe, und was den Stahl- und Fischgrätenpanzer anbelangt, mit welchem die Damen anderer Länder ihre Leiber umspannen, um sich, nach dem Ausspruch eines chinesischen Mandarins, das Aussehen von Wespen zu geben, so sind ihnen diesel ben vollkommen unverständlich. Die Toileite der Japanerin ist, waZ ihre Zusammensetzung und ihren Zuschnitt betrifft, von classischer Einfach heit; sie erinnert am ehesten an jene der Griechen aus der llassischen Zeit und nst vielleicht ebenso alt wie biese. Abc? dabei ist sie im Ganzen genommen 'schöner, venn zu den langen,, falienreichen Gewändern ireten noch die FeiuheL ulnd die Kostbarkeit der Stoffe und vor allem die herrlichen Farben, an denen sich das künsllerische Auge räemals .sattsehen kann. Wer jemals in Tokio 'oder .'in der alten Hauptstadt von Dai Nipon, in Kiow, eines der zahlreichen Volksfeste mitgemacht hat, den wird neben $er Anmuth und Lieblichkeit der japanischen Frauen nichts so sehr in Entzücken verfetzt haben wie diese zar tcn, duftigen, farbenreichen Trachten, die den Volksmassen, aus der Ferne gesehen, das Aussehen lebendiger Blumenbte geben, umflattert von den herrlichsten Schmetterlingen. D)en Flügeln der letzteren, den Farben der ersteren mögen die Japaner bei ihrem einträchtigen Zusammenwirken mit der sie almgebenden herrlichen Natur, ja ihrem vollständigen Aufgehen In derselben ihre Toiletten abgelauscht haben. Wie die Blüthen um den Stengel, wie d 'Flügel an den Schmetterlingen Legen diese reizenden buntenTrachten cmf der 'Japanerin, und beinahe könnte man sagen, nur diese verleibn ihr jenen eigenen, seltsamen Reiz; uhne sie erscheint auch die Japanerin wie der Schmetterling ohne Flügel, denn sie ist im Gegensatz zu ihrer europäischen ode? amerikanischen Schwester keinesWegs von besonderer Körperschönheit. Kein Wunder, daß die Japanerin auf ihre Toilette noch mehr Werth legt als die Europäerin. Aber sie thut es naiver, unbewußter als besonders jene Erscheinungen des sin de sidcle, welche ein geistreicher Franzose mit dem Namen Demi - Vierges bezeichnet hat. Die Japanerin schmückt sich, um sich und den anderen zu gefallen, aber mit derselben Harmlosigkeit entkleidet sie sich auch diesesSchmuckes und zeigt sich, wie die Natur sie geschaffen hat. Badet sie, so thut sie es offen und findet jedes Kleidungsstück vollständig für überflü'sig; ist sie zu Hause, so wird sie, der heilen Sommerzeit entsprechend, die langen Kimonos abwerfen und vielleicht nur einen Lendenschurz anbehalten; sie macht kein Geheimniß aus ihren Schönheitsmittelchen, aus 'Puder und Schminken, aus Pomaden und dergleichen; die Häuser, vornehmlich in den Landstädten und Dörfern, sind weit aeöffnet, die Holz- und Papierwände sind zur Seite geschoben, um der Luft möglichst freien Durchzug zu gestatten, und das ganze Hauswesen, bis zu den hintersten Näumlichkeiten, liegt dem Auge des Spaziergängers offen da. Kein Wunder, daß der Reisende, vielleicht ohne es zu wollen, in die ganze weibliche Intimität der japanischen HausHaltung eindringen kann und dort alles tausendmal unbehindert sieht, was ihm im Abendlande immer streng verborgen bleibt. Er lernt die Japanerin nicht nur im Theater, im Theehause und auf Festlichkeiten kennen, er sieht sie bei ihren häuslichen Verrichtungen, bei der Toilette, ja selbst im Bade und es kann ihm in den bolksthümlichen Badeorten Japans, wie z. B. in Jkao, selbst begeqnen, daß er bei seinem eigenen Bade von einigen reizenden Nymphen überroscht wird, die, ohne sich in ihrer Naivetät das geringste dabei zu denken, das Bad mit ihm theilen. Mit Ausnähme der Hauptstadt baden beide Geschlechter in ganz Japan gemeinsam in öffentlichen Bädern, und eben der Umstand, daß sie von frühester Jugend daran ebenso gewöhnt sind, wie es vor ihnen ihreVater und Großväter waren, läßt ihnen das Befremden der Ausländer ganz unverständlich erscheinen. Der Schnitt der japanischen Damenkleider ist bei Hoch und Niedrig, jbei Arm undÄZeich. bei Jung und Alt,, im ganzen Lande der gleiche, und überall sind auch die Kleidungsstücke dieselben. Die kleinen iSztu bis fünfjähiiaen Püppchen. die mit ihren rasirten Schädein auf den Veranden vor den Häufern oder auf der Straße ihren fröhlichen Schabernack treiben, sind aerade fo gekleidet wie ihre Großmama. Der einzige Unterschied liegt in de? Gattung und Farbe der Stoffe. Wie die Aristokratin der vornehmsten Fürstenfamilie zottelt auch das Mädchen aus dem " Volke auf plumpen, schweren Holzsandalen einher, und ebensowenig wie die letztere trägt auch die Erstere jemals v.xx Kopfbedeckung, es sei denn im

Winter bei kaltem Wetter. Dann wird bei Ausgängen eine Art Kapuze übe? den Kopf gezogen. Beginnt die Japanerin der mittleren und oberen Stände ihre Toilette, so wird sie zuerst den Fumodschi, ein wei ßes Tuch von der Form und Breite unserer Handtücher, aber von der doppe!ten Länge, um die Hüften winden und dann einen ziemlich knapp sitzenden Bademantel aus zartem, hellfarbigem Seidenkrepp mit weiten Aermeln, den sogenannten Dschiban, anziehen. Dieses reizende, den ganzen Körper bis zu den Füßen leicht verhüllende Kleidungsstück vertritt bei den Töchtern Nipons unsere Hemden. Im Winter wird darüber noch ein zweites wollenes Unterkleid, Schitagi genannt, getragen, im Sommer aber ftngt auf den Dschiban gleich der Kimono, das äußere Kleid. Alle drei. Dschiban, Schitagi und Kimono, sind ganz von demselben Zuschnitt und passen so genau in- und aufeinander wie die dekannten japanischen Schachteln. Der Kimono ist aber stet? aus viel kostbarerem Stoff als dieUnterkleider, und auf ihn wird von der Japanerin viel mehr Sorgfalt verwendet; denn an der Farbe. an dem Stoff und an der Ausschmückung desselben erkennt man die gesellschaftliche Stellung, ja selbst das Alter der Trägerin. Zu Hause werden einfache Kimonos aus gewöhnlichen Stoffen getragen, für Ausgänge und Festlichkeiten solche aus Seide oder Seidenkrepp, und für besondere Feierlichkeiten dienen -Kimonos aus den kostbarsten, schwersten Brokatstoffen. in herrlichen Mustern, mit zarten und dabei reichen Stickereien. Wer in den achtziger Jahren das Glmt gehabt hat, einer Festlichkeit bei Hofe beizuwohnen, iük etwa den berühmten Chrysanthenmmfesten in den Kaiserliche Gärten, dem wird dasselbe wie ein Feeumärchen in der Erinnerung schweben. Inmitten des entzückendsten Blumenflors, wo Lehntausende tar herrlichsten Chrysanthemen w allen erdenklichen Farben im Sonnenlichte prangten, wogten Huuderte japanischer Damen, selbst blumengleich, auf und nieder, und ihre lang wallenden Kleider wetteiferten mit den Blumen en Farbenreich thum ; nur verging jener der letzteren mit den kalten Wintertageu, während die Gewänder der japanischen Aristokratie für die Ewigkit gewebt zu sein scheinen. Von Generation Lu Generation wurden diese Gewänder fortererbt bis auf den heutigen Tag, wo eine lalte, herzlose Verordnung der japanischen Regierung sie fortdekretirt hat, um sie durch die reizlosen Trachten der Europäerin zu ersetzen. Die Prachtkimonos, in Farbe und Zeichnung wahre Gedichte, wanderten zu den Händlern und durch diese in die Museen undPrivatsammlungen, wo sie heute das Entzücken aller Kunstfreunde erregen. Jede vornehme Japanerin besaß eine ganze Auswahl solcher Prunkgewänder für jede Jahreszeit. Standen die Pfirsich- und Kirschbäume in Blüthe, dann trug sie einen Kimono, über und über mit den qleichen Blüthen gestickt; kam die Zeit der Chrysanthemen, dann vertauschte sie dieses Gewand mit einem anderen, welches in zartester Seidenstickerei nur Chrysanthemen zeigte, und so Wechselten die Gewänder der Frauen, dieser menschlichen Blüthen, je nach den Blüthezeiten in der japanischenFlora. Aber nur bei Gesellschaften und festlichen Anlässen wurde und werden vielfach heute noch diese Gewäüder getragen. Im gewöhnlichen Leben und auf de: Straße sind die Kimonos der Damen viel einfacher, leichter, ruhiger in der Farbe, ohne Blumen und Stickereien. Die einzige Ausschmückung, welche diese Straßenkimonos zeigen, sind die auf dem Nacken und den Aermeln in weißer Farbe aufgestickten Wappen der Trägerin. Nur d Kinder werden auch im aewöhnlichen Leben in die buntesten Kleider gesteckt; in allen Farben des Regenbogens prangen ihre Kimonos, geschmückt mit großen, ausfälligen Stickereien. Je älter das Kind, desto zarter werden die Farben, desto kleiner die Muster, und d:e jungen Damen tragen nur einfarbige helle Kimonos, zumeist zart rosenroth, lichtblau, lila oder taubengrau, das heute die fashionable Farbe zu fein scheint. Je älter die Dame, desto dunkler wird die Nuance des Kimono, ohne jemals ganz schwarz zu werden. . Aber es giebt doch eine Classe von Frauen, welche sich darin gefallen, auch im gewöhnlichen Leben die geschilderten reichen Trachten zu tragen, ja jene der vornehmen Welt darin zu überbieten: die Sängerinnen und Tänzerinnen, jene leichtlebigen originellen Geschöpfe, welche bei den Japanern eine so große Rolle spielen. Der Kimono wird um denLeib durch ein breites Band, den Obi, zusammengehalten, und auf dieses Band verwenden die Japanerinnen aller Stände die meiste Sorgfalt. Der Obi ist ihr größter Stolz, ihr Reichthum. Der Reisende, welcher in den ersten Tagen seines Aufenthaltes in Japan auf der Straße oder im Eisenbahnwagen, in Theehäusern oder im Theater Japanerinnen sieht, wird von diesem. Kleidungsstück nicht sonderlich erbaut sein, denn wie eine wattirte Leibbinde' stets von dunklerer Farbe als der Kimono, umgürtet der Obi fcn zarten Leib der Japanerin, um si :i" wärts zu einem Cul de Paris cJ :u: i n, der mit einem großen w : :. ; :. 'weifelte Ähnlichkeit hat! : Obis weiche, schmale SchaV n;: f.: d'? Männer tn Japan um ihre.. .'li.:;r::o taen, das Aussehen der Jo.;i- ' dadurch entschieden gewinn: . : Obi ist ein drei bis vier Meter Lt.; und etwa einen Meter breites, viere., ges Stück Stoff, aber stets von : ' schwersten Seide und so kostbar, ? ihn die Trägerin nur erschwingen : " Es giebt Obis, welche Hunderte Mark kosten und gewöhnlich i-' Preis dieses Gürtelbandes hök-.r a.

jener aller anderen Kleidunavl' :

welche die Japanerin tragt, zusammengenommen. Um den Obi anzulegen, ist immer die Hilfe einer zweiten Person erforderlich und es scheint in der That eine wahre Kunst zu sein, den Obi zu knüpfen. Zunächst wird über die langen, faltenreichen Kleider eine Schärpe aus Krepp, der Hosoobi, gebunden, dann wird der Obi der Länge nach zu einer etwa fußbreiten Schärpe zusammengefaltet und mit der Faltung nach oben der Japanerin zwei- bis dreimal um den Leib gewunden. Die Enden werden rückwärts in kunstvoller Weise zu einer riesigen Masche gebunden und diese zwölf bis fünfzehn Lagen des ungemein fchweren, dicken Stoffes bilden eben das eigenartige Kissen, das die Japanerin unter ihrem Rücken trägt. Um seinerseits wieder den Obi zu halten, wird darüber ein elastisches dünnes Seidenband mit kleinen kunstvollen Goldschließen an den Enden, das Obi-dome, gebunden. In den Falten des Obi verbirgt die Japanerin eine ganze Menge kleiner Artikelchen, die sie stets bei sich zu tragen pflegt, und was im Obi nicht Platz findet, wird in die weiten, sackartig herabfallenden Aermel des Kimono gesteckt. Da sind zunächst die kleinen weichen Papierchen, welche die Japanerin stall des Taschentuches zu benutzen pflegt; ferner Pfeife, Tabaksbeutel und Zündholzschachtel, denn die Töchter Japans sind eingefleischte Raucherinnen und zieben alle Augenblicke die winzigen Pfeifchen mit den fingerhutgroßen Köpfen und bleistiftlangen Stielen hervor, um sich diesem Genuß hinzugeben. Dann kommen allerhand Toilettenartikel, Kamm, Nadeln, Puderbüchse, ein kleines Spiegelchen und schließlich der unentbehrliche, allgegenwärtige kleine Papierfächer. Noch häßlicher als der Obi erscheint die Fußbekleidung der ' Japanerin. Diese zarten, ätherischen, reizenden Geschöpften gehen ihr ganzes Leben lang auf schwerenHolzschuhen einher. Schon in den ersten Jahren ihrer .Kindheit werden ihre winzigen Füßchen in zolldicke Holzsandalen, gesteckt, die durch Lederstreifen an den Füßen festgehalten werden, und ein anderes Schuhwerk bleibt ihnen bis zu ihrem Tode unbesannt. Die Japanerin trägt keine Strümpfe. Ihre Waden bleiben nackt, und gehen sie im warmen Sommer in den Straßen oder den schattenreichen städtischen Parks spazieren, dann legen sie wohl auch ihre Kimonos über den Arm und zeigen mit rührender Unverfrorenheit ihre Beine. Aber auch bei herabfallenden Kimonos öffnen sich diese Gewänder beim Gehen und enthüllen die Beine mehr oder weniger bei jedem Schritte. An Stelle der Strümpfe trägt die Japanerin ganz kurze, etwa bis über die Fußknöchel reichende Leinen- oder Seidensocken mit einer Abtheilung für die große Zehe und festerSohle aus dickemBaumWollstoff. In ihren Häusern, im.Theater, in Tempeln und Theehäusern gehen die Japanerinnen nur in diesen Socken einher und die Holzsandalen bleiben vor der Thür stehen. Treten sie auf die Straße, so schlüpfen sie mit ihren Füßen wieder in die schwerenKlötze und schleifen damit mühsam und mit gebeugten Knieen, vornüber geneigt, einher. Stehend oder sitzend ist die junge Japanerin von unsagbaremReiz, der aber sofort verschwindet, wenn sie auf der Straße einherschlürft. Ebensowenig wie die Japanerin ihren Obi binden kann, ebensowenig kann sie ohne fremde Hilfe ihre Haare frisiren, und auf der Reise durch Japan ist es eine der gewöhnlichsten Scenen, zwei weibliche Wesen in ziemlich tiefem Negligö bei dieser ihrer Meinung nach wichtigstenBernchtung zu erblicken. Bei der peinlichen Sorgfalt, die sie auf ihre Haarfrisur verwenden, und dem bedeutenden Zeitaufwand, der dafür erforderlich ist, muß es ihnen ein Trost sein, daß die zu so hübschen Bändern und Maschen zusammengeleimtenHaare beiläufig eineWoche lang halten. Würden die Japanerinnen ihre Nachtruhe auf ähnlich weichem Pfühle verbringen wie ihre abendländischen Schwestern, dann müßten sie sich natürlich, geradeso wie diese, jeden Morgen der Haarsrisur unterziehen. Deshalb legen sie ihr Köpfchen keineswegs auf schwellende Federkissen. An Stelle derselben tritt ein Holzklotz, den sie sich beimSchlafengehen unter den Nacken schieben und über den ihre Köpfchen frei herabbaumein. Aber lieber erdulden sie diese von frühester Jugend auf gewohnte Qual, als die schön pomadisirten Haare in Unordnung zu bringen. Wie mögen manche von ihnen die Damen des japanischen Kaiserhofes wie der feudalen Fürstenhöfe aus früheren Zeiten beneiden, wo es Mode war, die reichen schwarzen Haare lose herabfallend zu tragen! Daß in diesen Haar- und Kleidertrachten der Japanerinnen durch die Einführung europäischer Moden bald eine Aenderung eintreten dürfte, ist nicht anzunehmen. Man geht in Europa fehl, wenn man glaubt, die Berordnung der japanischen Regierung hätte im Volke irgendwelche Wirkung gehabt und das alte Japan hätte seine bisherigen malerischen Trachten modeinen Kleidern, Miedern, Federhüten und Stöckelschuhen geopfert. Ausschließlich bei Hofe werden diese Producte der europäischen Modeknechtschaft getragen, und die in solcher Maskerade erscheinenden Damen mögen wohl als abschreckendes Beispiel für all ihre nicht hoffähigen. Schwestern gedient haben, denn, der Vorsehung sei es gedankt, man begegnet in Japan, wohin man auch reisen mag, in Städten und auf Dörfern, bei Hoch und Niedrig nur japanischen Toiletten. Sitzengeblieben. Reisender (dem der Zug vor der Nase davongefahren): Schnell. Herr Stationschef, schnell einen Spiegel!" Ja, wozu denn?- Das dumme G'sicht rnuh i seh'n, das ich mach'!" .

Goldene Hochzeit. Von Agnes Scbäbel. Die feierliche Einsegnung des greisen Paares war vorüber. Man hatte sie etwas früh am Tage angesetzt, weil die alten Leute es nicht mehr recht vertragen konnten, zu ungewohnter Zeit die Ruhe aufzusuchen. Nun begab sich der ganze Zug in die Wohnung des Jubelpaares, voran die beiden Gefeierten. Er, immer noch stramm; Niemand würde bemerkt haben, daß der Tod ihm vor ein paar Monaten auf die Schulter geklopft und gefragt hatte, ob es denn immer noch nichd Zeit sei. Sie neben ihm, etwas kleiner geworden, die Schultern nach vorn gebeugt vom Drucke der Lebenslasten, ein wenig trippelnd. auf den erschöpften Füßen. Mit der Linken hielt ste den Arm des Gatten umfaßt, die Rechte trug steif und zierlich das abgegrifscne Gesangbuch. Aufathmend nach der ergreifenden Feier in der Kirche, welche sich unter Schluchzen und dem Dröhnen der Orgel abgespielt hatte, verbreitete sich die Gesellschaft durch die sonst so stille Wohnung, durch diese altmodischen Räume mit ihren verbrauchten Möbeln, ihren eingesessenen Sophas, den thörichten, billigen Andenken, mit ihrer freundlichen Wärme, .die viele Jahre eines guten Lebens ihnen eingehaucht hatten. In dem blitzblanken Staatszimmer, das sich gedehnt zu haben fchien, war die Haupttafel aufgestellt. Die Kinder und Enkel des Jubelpaares hatten zu dem Feste Alles hergeliehen, was der Wirthschaft von ihnen nach und nach entzogen worden war an brauchbarem Porzellan- und Glaswerk. Große Sträuße blauen Flieders prangten in den Vasen, zur Erinnerung an die 50 Jahre zurück liegende Frühlingshochzeit der Beiden. Durch die offenen Fenster schwebte die Luft herein, mild, weich und betäubend. Das- alte Paar saß so recht mitten im Sonnenschein, gleichsam eingehüllt in eine Atmosphäre von Liebe, erwärmt von den langen zärtlichen Blicken, die sich auf die welken Gesichter hefteten. Ueber ihnen hatte man die meffingene Lichterkrone angezündet. Einem Kranze von Märchenblumen gleich schwebten die rothen Flammen auf den langen weißen Stengeln, unirdisch, seltsam feierlich und durch die Sonnenstrahlen hindurch merkwürdige Reflexe über die vier Generationen angehörende Versammlung streuend. Da waren ein paar erschöpfte, zitternde Mütterchen, die letzten übriggebliebenen Bekannten aus der abgeklungenen Jugendzeit des alten Paares. Sie wackelten mit den Köpfen und erschienen so klein, als seien sie schon halb in die Erde hineingesunken, welche ihrer mit dem offenen Grabe harrte. Sodann hatten sich alle Kinder der Gefeierten eingefunden, die meisten bereits sehr gealtert, und von einer Schaar von Nachkommen umgeben. Nur Fritz, der einzige Sohn und Spätling, der in dieser Wohnung seine Kinderschuhe vertreten hatte, war in der ganzen Pracht seiner 26 Jahre gekommen. Mathilde, des Vaters Lieblingstochter, welche einst das erste Enkelchen gebracht, erschien besonders gerührt und vermochte keinen Blick von den Eltern p. wenden. Ihr Sohn, Emmerich, war gerade früh genug von einer Durchquerung des dunklen Erdtheils zurückgekehrt, um sein bronzebraunes Gesicht als Ueberraschung durch die Thür stecken zu können. Und dann war da Jugend! Jugend! Ein ganzes Bouquet! Lauter kleineEnkelchen und Urenkelchen, darunter zwei putzige Zwillingspärchen. Nach der langen Rührung in der Kirche kam das Festmahl bald in Gang. Braten und Compot dufteten, die Weinflaschen wurden entkorkt. Bei der Jugend ertönte lautes Lachen und Geschrei. Man gab sich dort der prahlerischen Vorfiellung hin, Champagner zu trinken,, weil man in den Wein singendes Wasser" schüttete, wie die großäugige Irene das Selters zu nennen beliebte. Das Jubelpaar genoß fast gar nichts. Die Jubelbraut winkte freundlich und mechanisch wie eine Königin, de das Grüßen schon zur Gewohnheit ge-' worden ist, und nippte von Zeit zu Zeit an ihrem Glase mit Rothwein, der ihr eigentlich zu trinken verboten war. Sie litt nämlich seit Jahren an heimtückischen Anfällen, die ihr das Leben oft' recht verbitterten, weil sie sich jeden Au'genblick bereit halten mußte, zu gehen, während sie doch gern noch recht lange geblieben wäre Ihr ganzes verflossenes Dasein glitt an ihr vorüber, in seiner Einfachheit, mit seinen zehrenden Sorgen, seinem kärglichen Gewinn. Nur eines war heilig, erhaben und voll unvergänglicher Poesie darin gewesen: ihre Liebe zu ihrem Gatten, die seine zu ihr. Andächtig faltete sie die Hände. Ihr Herz schwoll. Der greise Bräutigam schien etwas zerstreut, in Anspruch genommen von irgend einer Vorstellung. Er fuhr sich öfter durch das volle, schneeweiße Haar Und in kurzen Zwischenräumen ertönte das fröhliche Durcheinandersummen der Stimmen, das Erklingen der unter Hochrufen einander berührenden Gläser. Immer weicher und wehmüthiger wurde die Stimmung der goldenen Braut. Sie griff nach der Hand ihres alten Gatten, während ein paarBlondköpfchen, die sie nie würde heranwacy sen sehen, ihre Kniee umdrängten. Väterchen!" Er fuhr zusammen. Ist Dir nicht gut? lispelte sie ängstlich. .Du siehst so verstört aus!" Kut. tnnrt Wnntif-n ßr i

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Jugend an, den sie fast schon vergessen gehabt unter dem Mutter- und Großmutternamen. Sie rückte ein wenig näher. Wh haben uns doch immer Alles gesagt, Friedricb " Das eben ist's, Renatchen. Du mußt nämlich wissen - Er schluckt ein paar Mal und über sein blankes, glattes Gesicht breites sich Röthe aus. Du mußt nämlich wissen, einmal, 's ist freilich schon über die zwanzig' Jahre her. einmal, da hab' ich Dir doch nicht Alles gesagt. Hatte es selber schon fast vergessen, aber seit dem kleinen Anfällchen, da drückt's mir fast das Herz ab. ich könnte in's Grab steigen und hätte ein Geheimniß vor Dir gehabt " Sie richtete sich steif auf. Sieh mal, Alte, heut', wo sie so viel Aufhebens von der halbhundertjährigen Liebe und Treue machen, da sitz' ich so wie ein Dieb und Fälscher neben Dir, der Dinge einheimst, die ihm so recht nicht zukommen." Ihre Hand tastete zitternd nach dem Haar und verschob den Kranz ein wenig. Die jung gebliebenen Augen Lffneten sich weit. Den heutigen Tag haben wir ja erlebt wie eine Gnade von oben, und so wirst Du sicherlich zum Verzeihen aufgelegt fein " Ihr wurde trocken im Munde. Sie beugte sich über ihr Glas und . nickte mechanisch, so daß er fortfuhr: Sieh mal, Renatchen. einmal im Leben, da bin ich Dir untreu gewesen " er athmete auf. erleichtert von dem Geständniß. Ist ja Alles lange her, und die Amalia ist todt " Ein scharfer, vibrirender Klang schnitt ihm das Wort ab. Der Arzt der Familie hatte mit dem Messer fein Glas berührt und erhob sich nun zu ei-, er. Ansprache. Es wurde still. Meine verehrten Herrschaften! Unser Herr Pfarrer hat vor wenigen Stunden dem herrlichen Spruch, welcher unserem allgeliebten Paare einst als führendes Wort auf den Lebensweg mitgegeben wurde, eine so tiefsinnige und in die Ewigkeit hinübergreifende Andeutung gegeben, daß es mir fast als Vermessenheit erscheinen will, wenn ich jenen Spruch jetzt mit dem Lichte des Irdischen beleuchte. Meine Herrschaften, wie in ein offenes Buch habe ich in das Leben unseres JubelPaares hineingeschaut Der Bräutigam senkte die Augen. Drei Jahrzehnte lang bin ich als Arzt in diesem Hause aus- und eingegangen, in guten und bösen Tagen. Eines fand ich stets unerschüttert: Die Treue dieses Paares!" Er wandte sich zunächst an die Jubelbraut. Er rühmte ihr nach, das Leben derb und kräftig angefaßt, aber es doch durchfonnt zu haben mit der stillwärmenden Flamme ihrer treuen Liebe. Er führte Beispiele an von ihrer Güte, ihrer Femsinnigkeit. Es sei ihr gelungen, in ein schlichtes Dasein das Blaue, das Märchenhafte zu zaubern. Und sie hörte zu unter einem Gefühl, als habe sich eine eiskalte Hand auf ihr lebenswarmes Herz mit seiner fünfzigjährigen Liebe darin gelegt. Durch ihren Kopf flogen die Gedanken blitzschnell, wie seit Jahren nicht. Sie erinnert sich plötzlich an Alles! An die Amaliu, eine Verwandte, die in's Haus gekommen, damals, als ihr Glück den Höhepunkt erreicht hatte, als der erste Sohn geboren worden, Fritz, der Spätling, ihr Herzblatt. Sie erinnerte sich an die sonderbare Kälte zwischen der Fremden und ihrem Gatten, die sie oft zu mildern gestrebt hatte ! Alles zog sich lang vor den Augen der alten Frau. Gleich Irrlichtern schienen die gespenstig in's Tageslicht hineinbrennenden Flammen zu schwanken. Die herzwarmen Worte des Redners fielen in ihre Ohren als schreiende Lügen. Sie fühlte ihr Herz ganz leer werden, gleichsam Alles hinausziehen, was als Heiligstes darin gewohnt hatt:. Oede und eitel und unnütz erschien ihr das versunkene Dasein. Unnütz ihre ganze Zärtlichkeit, unnütz, daß sie Kinder geboren, die wieder Kinder hatten und sich vielleicht unter einander belogen und betrogen! Ein scharfer Schmerz stach durch ihr Hirn hin. wie sie ihn seit dem letzten Anfall nicht gehabt. Sie tastete nach dem Kapf so deutlich fühlte sie es. daß der Kranz, der darauf lag, aus Papier war! Um ihre Lippen schwebte das festliche Lächeln nur noch gleich einer Verzerrung. Das Gesicht ihrer Jugend war jetzt' ganz verschwunden unter Runzeln und Falten. Sie lehnte sich ein wenig zurück; feierlich sah sie den Kreis goldener Flammen über ihrem Haupte fchweben, die durch die klare ' Frühlingsdämmerung stärker leuchteten. Sei getreu bis in den Tod, so wi? ich Dir die Krone des Lebens geben!" Die Worte strahlten gleich den Flammen, aber für die arme beraubte Alte hatten sie nicht Glanz, nicht Wärme meljr. Sie warin einen finsteren Abgrund gestürzt, eine große Kälte hüllte sie ein. Entflohen war ihr Glaube, ihre Liebe, ihre Hoffnung. Auf was sollte denn ibr Dasein fortan ziel5N. das man heut' eingesegnet und gewelhtz hatte als etwas Hochheiliges, und das nichts als eine Lüge von der einen Seite, eine Enttäuschung von der anderen gewesen? Und wen sollte sie denn in der Ewigkeit finden, wenn nicht ihren Gatten? Der Redner wandte sich jetztdiesem zu. Mit einem guten verlegenen Lächeln saß er da, während es in ihm weinte, während eine nachträgliche Reue sein Inneres durchschütterte. Noch einmal erklang der wundervolle Spruch der Verheißung die Stimme brach dem treuen Hausfreunde. Höhles Husten erschallte von der Ecke der Alten. Ein unterdrücktes Kichern kam von den Tischen der unbesonnenen 2u-

gend herüber.' Dann würben brausende j

Hochrufe laut, alle Summen mischten sich jauchzend der Höhepunkt deS Festes war erreicht. Die alte Frau im Goldkranze griff nach ihrem Glase sie schlug ein paar Mal mit der Hand in's Leere, ein kleiner, schwache: Hilfeschrei flog in den tosenden Jubel hinein und verhallte. Das Gefühl einer fürchterlichen, schnell wachsenden Entfernung zwischen ihr und dem alten Lebensgefährten überwältigte sie. Ohne Halt und Stütze schien sie in den Raum geschleudert zu sein. Ihr Herz hämmerte noch zwei-, dreimal, dann war es todt, wie die Liebe, die fünfzig Jahre darin gewohnt. Der alte Mann neben ihr erkannte sofort, was geschehen. Er sprang auf, den Stuhl zurückstoßend, und drehte sich taumelnd um sich selber, wie Jemand. den man mit einer Keule vor den Kopf getroffen hat. Auf einen Schlag verstummte das fröhliche Summen, die lustigen, grellen Vogelrufe der Allerkleinsten. Kinder und Enkelkinder umdrängten jäh aufgeschreckt das greise Elternpaar, schüchtern und die Aufregung meidend hielten sich die zitternden Mütterchen zurück. Der Mann mit den Goldblumen im Knopfloch war in seinen Stuhl zurückgefallen. Die erste Vorstellung, welche nach dem Begreifen durch sein erschrockenes Hirn glitt, war, daß zwei Hände sich für immer aus den seinen gelöst. Stumm und erstarrt stand die Schaar der Nachkommen um die heilige Todte, die Ahnfrau dieses Gef schlechts. Niemand wagte zu weinen, die unwissenden Kleinen aus dem Bouquet athmeten beklommen. Der alte Hausarzt trat hinzu, räumte aber sogleich mit bebenden Lippen seinen Platz dem Priester. Der sprach leise und erschüttert Worte des Friedens. Im letzten Glück dahingegangen," schloß er, und seine Stimme zitterte. Da schlug in schwerem Fall der verlassene Gatte zu Boden. Man mußte ihn aufheben und forttragen. In der Nacht kam dann der Tod ohne weitere Anfrage. Man legte das greise Paar zur Ruhe im vollen Schmuck der JubelHochzeit, mit dem goldenen trügerischen Kranze, dem Sträußchen aus Papierblumen. Und die Rede des Priesters am Grabe, die Berichte in den Zeitungen hallten wieder von Lobpreisungen der fünfzigjährigen Liebe und Treue, von dem langen Glück und dem rührenden Ende der Beiden, die Hand in Hand hinübergegangen seien in die Ewigkeit, eins im Leben, eins im Tode! Clown und Mopperl. Kasernenhofblüthen. Sergeant: Kerl, ich glaube.Jhre Intelligenz 'hat ewigen Dunkelarrest!" Ünterofficier: Huber, schneiden Sie nicht ein Gesicht wie ein Nilpferd, das Modell sitzt!Müller, Sie sind im Reiche der Dummheit ja Klassiker!" , Ünterofficier: Knutschke, von alleene kann man doch unmöglich so beschränkt sein, wie Sie ick jloobe, Sie haben für Ihre Dummheit Hintermänner!" Ünterofficier: Na, Pachulke, wenn Sie nu' auch mal eenen Jriff richtig jemacht haben, brauchen Sie nich' jleich solch stolzes Jesicht zu machen, wie eene Glucke, die aus zwölf Eiern dreizehn Kücken ausgebrütet!" Unzweifelhaft. In der Nacht ist ein Baby angekommen und hat durch sein Schreien die Geschwister geweckt: Am anderen Morgen fragt eins von ihnen die Mutter: Mama,' bist Du auch aufgewacht, als das Baby kam?" "H öchsie Glanzlei st ung. Stud. Schwupp (nach durchschwärmter Nacht seinen Studien- und Kneipgenossen Vormittags besuchend, frägt die Hausfrau vorher fcherzhaft): Na, mein Freund hat Wohl gut geschlafen?" Hausfrau: Pompös fag' ich Ihnen, liegt sogar im Bett." Schwupp (erstaunt): Acb nee?!" Eine Frauentugend. An Fräulein Meier gefällt mir am besten die Consequenz." Wie meinen Sie daö?" Nun, sie ist konsequent 24 Jahre alt!"

?er Provisor. Von Rudolph v. Rosen. Der junge, ernste Mann, welcher in der Apotheke die Gifte zu Arzneien mischte, sah so manchen Blick aus schönen Augen nicht, der auf seinen Zügen ruhte. Wozu auch? Er war ja verheirathet und lebte m vollster Seelenharmonie mit seiner Frau. Seit zwei Jah ren war er Aureliens Gatte und fühlte sich wohl, wenn er nach anstrengendem. Dienste in fein bescheidenes Heim trat Wenn Theodor nach Hause kam, begrüßte ihn Aurelie mit liebevoller Un terwürfigkeit. Theodor küßte dann seine Frau auf die Stirne und streichelte ihr sanft das blonde Haar .damit war feine Zärtlichkeit zu. Ende 'und er U kümmerte sich um das Abendessen. : Eines Tages hatte Aurelie einAbenteuer zu erzählen. Auf den Stufen zum ersten Stockwerke war die Frau deS Provisors eben zurecht gekommen, eine auffallend hübsche und elegante Dame, vor dem Sturze zu bewahren. Die Dame war ausgeglitten und Aurelie hatte sie aufgefangen. Zu ihrem Erstaunen erfuhr Aurelie, daß die interessante Person mit dem tiesschwarzen Haar und den großen, dunklen Augen eine Schauspielerin sei und im selben Hause Appartements in der ersten Etage bewohnte. Theodor hörte die Geschichte an und, aß gemüthlich sein Souper, vollständig gleichgiltig darüber, daß sich die Künstlerin Norina das Füßchen verstaucht hatte. Tage verflossen. Theodor war über rafckt, als ihn seine Frau gar in der. Apotheke aufsuchte, was niemals vorher geschehen war. Aurelie nöthigte ihn, mit ihr in das Theater zu gehen Fräulein Norina spiele und von dieser habe sie die Sperrsitzbillets erhalten. Theodor runzelte ein wenig die Stirn, doch machte er's möalich, an diesem Abende mit seiner Gattin das Theater zu besuchen. Aurelie war von dem Aussehen und Spiel Norinas entzückt. Der Provi--sor brachte sein Glas nicht weg von den Augen und erwiderte AurelienS Neden zerstreut. Nach dem Theater traf dasEhepaar mit der Schauspielerin am. Hauseinangange zusammen. undFräuleinNorina bat die beiden, ihre luxuriös ausgestatteten Appartements zu betreten und ein kleines Souper einzuneh-. men. Aurelie war von Norinas Lie benswürdigkeit hingerissen und gab' ihrer Bewunderung für die Künstlerin in vielen Worten Ausdruck Theodor saß mit bleichem Gesichte und düster glühenden Augen da. .Von jenem Abend an war Theobor aüch krank; die Liebe zu Norincr. brannte ihm in der Brust. Erst nun fühlte er dieFesseln seiner Vernunftehe. Je öfter er Norina fah, desto mehr haßte er Aurelie. Seine Schwärmerei für Norina artete in düstere Melancholie aus. Keine Silbe war gefallen zwischen, ihr undihm aber Theodor betrachtete sich als von ihr geliebt und ihr Sclave. Aurelie sah er fast nicht an und daher kam es, daß er auf einmal vor ihrer Blässe erschrak. Bist Du leidend?- . Er sah sie lange und seltsam starr an. Man muß vorsichtig sein," sprach er sodann dumpf. Ich will Dir eine Medicin bereiten!" Aurelie legte ihre fieberheiße Hand auf seinen Arm. Leise kam es aus ihrer Brust: Es giebt Situationm im Leben, die nur einen Ausweg offen lassen. Ich leide, weil ich leiden sehe. Aber ich kann helfen, wenn Du mir zur Seite bist und meinen Wunsch erfüllst. Ich brauche Gift." . Der Provisor ließ einen gurgelnden Laut ertönen und stürzte fort. Als er wieder nach Hause kam, war er leichenblaß. Aurelie empfing ihn schweigend, siesagte auch Nichts, als er seine Wohnung wieder floh. Sie schien es gar nicht bemerkt zu haben, daß er einen dunklen Gegenstand, ein Fläschchen etwa, auf die Tischdecke hin geworfen hatte. Der Provisor, der sich so schwer aegen die Pflichten feines Standes versündigt hatte, der zum Verbrecher ge--worden war rannte wieder planlosumher. Er sah Aurelie schon todt und mit bläulichem Gesicht, die Augen weit offen und in den krampfhaft geschlossenen Fingern die Phiole. Mitternacht schlug es, als der Unglückliche wieder vor seinem Hause anlangte. Das Thor war offen und die Portiersfrau stand mit einer Laterne im Flur. Mein Mann ist fortgelaufen, um einen Arzt zu holen sagte das Weib. Aber eö wird kaum Etwas nützen, denn sie mufr ein starkes Gift genommen haben !... Den Provisor schüttelte ein kalteä Fieber. Er stürmte die Treppe hinauf. Im ersten Stocke sah er hellen Lichtschein, und aus den Appartementsder Schauspielerin trat ihm Aurelie seine Gattin entgegen. Theodor tau-, melte. Jch gehe zur Polizei", sagte Aure--lie. Ich bekenne, daß ich ihr das Gist verschafft habe. Sie liebte zu Unglücklich und mußte ihrem Jammerdasein das Ende bereiten." . Um Theodor wirbelte Alles irn Kreise. Von Norina sprichst Du!kreischte er. Norina ist todt!" Ja, sie liebte hoffnungslos.Der Provisor lehnte todesmatt an der Wand. Und wen wen liebte sie?" Den Grafen" Es ist nicht wahr!" schrie der Provisor. Mich mich liebte sie!!" Und. Aurelie sah es mit namenlosem Wch wie er in die Zimmer stürzte. Er mußte gewaltsam von der Todten entfernt und in - das Irrenhaus gebracht werden. Seit Jahren lebt er in geistiger Umnachtung, mischt aus Sand und zerriebenem Mauerwerk Gifte, und wenn ihn die unglückliche Aurelie besucht dann umarmt er sie und nennt sie No-rina.