Indiana Tribüne, Volume 20, Number 335, Indianapolis, Marion County, 22 August 1897 — Page 6

Acr Mhtag. Humoreske von W. H. Als eine der freundlichsten Oasen in der ehelichen Wüste seines Daseins, wie sich Sekretär Schliffe! in seiner blununreichen Sprache auszudrücken pflegte, war ihm von jeher der jeden Frühling und Herbst eintretende große A.:i5au-Putztag erschienen; denn o fürchterlich ein Putz- und Stöbertag zu Hause ist, wo man dann seine bequeme Sophaecke von einer Wasserfluth umstarrt, jeden Gegenstand von dem gewohnten Platz gerückt, kurz das Nnierste obenauf gekehrt findet, ebenso holdselig und willkommen, seit langem ersehnt und mit Freuden begrüßt ist der Putztag im Bureau, an welchem sämmtliche Localitäten geschlossen sind und den Fegegcistern überlassen bleiben. indessen sich das Personal vom würdigen Chef bis herunter zum dürrstcn Schreiber der Wonne ungezügelter Freiheit ganz und voll hingibt. Während da neun Jahre seiner Ehe war es nun fe:m Secretär Schliffel noch immer gelungen, mit Hilfe seiner außerordentlichen Schlauheit und Findigkeit diesen Putztag sür sich zu retten, d. h. ohne seine Gattin, gewissermaßen als Eintagswittwer verleben zu können. Und wie zu verleben! 3ine süßesten Erinnerungen waren nit diesen Tagen verknüpft, an welchen er jedesmal unter dem Vorwand, Mittags wegen einer auswärtigen Commission nicht heim kommen zu können, einen kleinen Ausslug da- oder dorthin unternommen und sich in fremder Gegend unter fremden Menschen ein unwillkürliches Lächeln verklärte seine Züge, wenn er daran dachte ohne Ehering und Ehehälfte als freier Mann fühlte und gerierte. Diese Putztagwoche war denn wieder einmal näher gerückt und der Herr Sekretär ging daran, in der umsichtigsien Weise seineVorbereitungen zu dem uch diesmal geplanten heimlichen Ausflug zu treffen. Und dies fing er ungeheuer schlau an! In der nächsten Zeit begann nZmlich ein gewisser Andreas Meier, EinLdbauer in der Nähe des Gebirgsdorfes X, bei den Nachtisch-Gesprächen der Familie Schliffe! eine hervorragende Rolle zu spielen. Es handelte sich da nach der Darlegung des Herrn Sekretärs um die Kostenberechnung in einem abgeschlossenen ErbschaftsProceß, welche Berechnung aber voll kleiner Schwierigkeiten und deshalb so delicater Natur war, daß sie nicht anders zu einem gedeihlichenEnde geführt werden konnte, als wenn man sich eben in Gottes Namen einmal einen Tag abstahl und zu dem Einödbauern hinausfuhr, um die Sache mit ihm persönlich durchzugehen und m's Klare zu bringen. Der Herr Secretär stöhnte verdrießlich auf, indem er seiner Gemahlin das Unangenehme dieses Gegenstandes auseinandersetzte ; aber andererseits, führte er mit gehobenem Tone aus. sei es Pflicht der Staatsbehörden. auch dem gewöhnlichen Mann, auch dem Landmann zu zeigen, daß man auf seine Interessen ein wachsames Auge habe und, wenn es die Pflicht erfordere, sich sogar nicht scheue, die unwirksamste Einöde aufzusuchen, um den Anforderungen der Gerechtigkeit und Billigkeit zu genügen. Diese Unwirthsamkeit war es inbescndere, welche der Herr Secretär nachdrücklichst betonte, um seiner Gattin, wenn doch etwa in ihrer anspruchslosen Scele der Wunsch aufsteigen sollte, ihren Gemahl bei seiner Commissionsreise zu begleiten, von vorneherein klar zu machen, daß eine Frau in ihre? Stellung und von ihren Lebensgewohnheiten nimmermehr den Strapazen und Entbehrungen gewachsen sei. welche ihres pflichteifrigen Mannes in jenem entlegenen ErdenWinkel warteten und welche er, in treuer Berufserfüllung mannhaft bestehen würde. Aber Frau Anna äußerte keinen derartigen Wunsch. Sie war so voll Vertrauen auf ihren Ehemann, daß sie sich ohne j:den Einwand in seine Absicht fügte und ihm am Abend vor seiner eintägigen Reise alles Nöthige auf das Sorgsamste bereit stellte. Auch packte sie ihm in Anbetracht der so oft betonten Unwirthsamkeit der cimzusuchenden Gegend ein paar Flaschen Wein, ein gebratenes Huhn, ein Stück Cervelatwurst. sowie ein halbes Dutzend hartgesottener Eier in seine Handtasche und setzte sich dann zu ihm an den Tisch, um ihm verschiedene Verhaltungsmaßregeln mit auf den Weg zu geben, welche dazu dienen sollten, sein ihr so theures Leben aus allen Fährnissen unversehrt wieder in ihre liebende Obhut zurückzuführen. Der Herr Secretär ließ sich alle ihre Bemühungen mit einer stillen Duldermiene gefallen, seufzte nur hin und wieder und warf seiner Ehehälfte als Vorschuß auf den morgigen rührenden Abschied einen warmen Blick zu, trank weniger Bier als sonst und stieg endlich mit der festen Ueberzeugung in's Bett, daß es doch eigentlich einen niederirächtigerenHeuchler wie ihn auf Gottes Erdboden nicht mehr geben könne. Am andern Morgen, als der Abschicd bewerkstelligt -war und Herr Schliffe!, nicht ohne noch einmal nach seiner Gattin zurückzublicken und ihr einen zärtlichen Gruß zuzuwinken, das Haus verlassen hatte, stand Frau Anna am Fenster und blickte in den schönen Herbstmoraen hinaus, alücklick

darüber, daß ihr theurer Mann beute wenigstens von des Wetters Ungunst reme Krankung zu erfahren haben werde. Sie stand nocb so und dackite dar über nach, was für ein braver und pfttchtelfrigerLeamter doch ihr Eduard sei und wie sie mit ihm alücklick aeworden, als die Klingel gezogen wurde und das kenstmadchen zu ihrem großten Erstaunen die Frau Assessor Beer in's Simmer führte.

Frau Beer war eine etwas aufgrregte Dame und ließ auch jetzt sofort ihre Augen in unheimlicher Hast durch's Zimmer rollen, wobei sie ausrief: Wo ist Herr Schliffe!?" Die Secretarin, noch mehr erstaunt, antwortete, indem sie die Freundin zum Sopha führen wollte: Er mußte heute schon frühzeitig fort eine kleine Commissionsreise!" Aber Frau Beer riß sich von der Freundin los und rief mit einemHohngelächter. das indessen sofort in heftiges Schluchzen überging: Eine Commissionsreise! O wir Unglücklichen!" Mit ' diesen Worten stürzte sie an Frau Schliffels Brust, welche von dem jähen Anprall getroffen in die Kniee sank, sich aber rasch und resolut wieder aufrichtete und Aufklärung verlangte. Sie soll Ihnen werden!" rief die Frau Assessor und ergriff ihre Freundin bei der Hand. Ha, Sie werden Augen machen !" Und fliegenden Athems mit einer Leidenscha auf welche jede tragische Liebhaberin stolz sein könnte, theilte sie der entsetzt aufhorchenden Secretarin mit, wie sie heute, von einem unbestimmten Argwolm getrieben, hinter dem Assessor hergeschlichen sei, als dieser angeblich in's Bureau fortging. Da habe sie denn gesehen, wie ihr Mann nicht in's Bureau sondern in der direkten Richtung nach dem Bahnhofe gegangen sei, auf welchem Wege er sich bald mit dem Secretär Schliffe! zusammengefunden habe. In fürchterlicher Aufregung sei sie in das Gerichtsgebäude gelaufen und habe dort, wahrcnd ihr der Assessor gesagt hatte, er werde wegen einer sehr umfangreichen Sitzung wahrscheinlich Mittags nicht heimkommen, von einer fegenden Magd erfahren, daß heute großer Putztag sei und alle Vureaulocalitäten den ganzen Tag geschlossen bleiben Freundin", rief Frau Beer, leidende Mitschwester, so betrügen uns unsere Männer!" Und während noch Frau Anna nicht wußte, ob sie träume oder wache, sprang die Assessorin auf. Vorwärts!" rief sie. Kleiden Sie sich an! Wir reisen ihnen nach!" Es ist ja nicht möglich " wollte Frau Schlisse! seufzen, die ihrem Eduard eine solch bodenloseVerstellung nicht zutrauen konnte; aber ihre Freundin war schon an die Zimmerthllre gesprungen und hatte dem Dienstmädchen gerufen: Bringen &e alles nöthige die Frau Secretarin verreist mit mir wir kommen Abends wieder!" Und so geschah's! Der Beamte am Schalter, welcher die beiden Damen kannte, lachte und sagte: Aha! Zug über der Toilette verspätet! Die Herren sind schon fort und waren ungeheuer vergnügt!" Dabei reichte er ihnen, ohne erst zu fragen. zwei Billete zu jener Station, nach welcher ihre Männer, gefahren waren. Haben Sie gehört?" flüsterte Frau Beer, als sie eine halbe Stunde später im Coup6 saßen und der Zug sich in Bewegung setzte: Ungeheuer vergnügt waren sie o, ich lasse mich scheiden wccvn böswilliger Verlassung, Untreue ch!" Aber," meinte die Frau Secretärin. welche zwar nun selbst etwas ängstlich geworden war, indessen die Mittheilung ihrer Freundin noch immer nicht in ihrem ganzen Umfange glauben mochte, wenn es nun wirklich nur eine Commission wäre " Die Andere lachte höhnisch. Eine schöne Commission das, am Putztag ! Eine Commission, von der man der Frau nichts erzählt na, Sie werden ja Ihre blauen Wunder sehen von Jhrem braven Eduard! Ich will verrückt sein, wenn die Commission nicht um ,'.ebn Jahre jünger und sauberer aussieht als wir beide!" Frau Anna saß mit offenem Munde da und starrte ihre Freundin an. Ha. schändlich! Wenn sich Eduard unterstehen sollte! Von diesem Augerblick an war auch sie entschlossen, das Aeuerste zu wagen. um sick Gewißheit zu verschaffen und ihren Mann entweder unschuldig zu finden oder zu ertappen. Unterdessen saßen die beiden Putztagssünder, ohne von dem heranrollenden Unheil eine Ahnung zu haben, ungeheuer vergnügt" in dem freundlichen Gebirgsmartt M.. und zwar in der Laube des Batzenwirthes, der den besten Wein im ganzen Orte führte. Die Herren hatten schon recht wacker gezecht und Schliffels Brathuhn war dem in der kräftigen Luft schnell erwachenden Appetit der beiden Bureaukraten bereits zum Opfer gefallen, als der besonders unternehmungslustige Assessor zum Aufbruch mahnte und die schmucke Kellnerin herbeirief, um

sie nach einer für den Rest des Tages geeigneten Partie auszuforschen. Er besorgte eben dieses Interview auf das Gründlichste und' hatte dabei seine Rechte zutraulich auf den braunen Arm der Gebirgsschönen gelegt, als Herr Schliffel in gleichgültigem Tone sagte: Aha! Wieder ein Zug angekommen!" Dabei musterte er die wenigen Landleute, welche die Straße vom Bahnhof heraufschritten. Aber im nächsten Augenblick sprang er erblassend auf und deutete, ohne ein Wort reden zu können, durch eine Lücke des röthlichen Weinlaubs. Der Assessor folgte seinem Blick, stieß die Kellnerin wie seinen Todtfeind von sich, schnellte vom Sitz auf und riß den Freund am Arm mit fort in's Haus, wo er dem Wirth, der ob ihrer Hast sehr erstaunt war, mit heiserer Stimme zurief: Ein Zimmer, ein ganz ung.'störtes Zimmer!" Als sie eine Minute später in diesem saßen, stöhnte Beer: Sie sind's! O Freund, ick kenne meine Alte! Jetzt sind wir verloren!" dabei schob er den Riegel vor die Thüre. Schliffe! befand sich im Zustande

cineS zum Tode Venirtycilten. Sein ganzes Eheglück, das ganze schöne und unerschütterliche Vertrauen seiner guten Anna zu ihm sah er jäh in einen fürchterlichen Abgrund versinken und eine ungeheure Schmach und Vergeltung stieg ihm daraus empor. O wenn die Reue Flügel hätte, er hätte in der nächsten Minute schon zu Haufc auf dem Sopha gesessen! Aber vielleicht diesen Gedanken faßten sie beide zugleich hatte man sie noch nicht gesehen und erkannt, vielleicht war es möglich, unbemerkt zu entwischen und später einen so schlagenden Alibi-Beweis zu führen, daß die Frauen zerknirscht ihr Unrecht einsehen und sogar noch Abbitte leisten mußten. Dieser Gcdaxke ga? ihnen neue Thatkraft. Sie schlichen an die beiden Fenster ihres Zimmers und suchten hinunterzüspähen. Richtig, da saßen die beiden Frauen schon unten an demselben Tiscy, an dem vorhin sie gesessen hatten, und frugen die Kellnerin, ob nicht heute mit dem ersten Zvge zwei Herren angekommen seien. Aber die schlaue Dirne schien den Sachverhalt bereits begriffen zu haben und leugnete so tapfer, daß die Beiden oben leise jubelten. Doch kaum war dc.s 'Mädchen in's Haus geaangen, um den bestellten Wein zu bringen, da ertönte ein leiser Schrei aus Frau Annas Mund:. Mein Brathuhn!" stöhnte sie und hielt mit schmerzlichem Triumph das bei der raschen Flucht von den Herren zurückgelassene Papier, in welches sie selbst gestern den köstlichen Schatz gehüllt hatte, sammt dessen Ueberresten in die Höhe. Also doch!" Der Assessor warf dem Secretär einen wüthenden Blick zu und Schliffel sank in einen Stuhl. Verloren! Von dieser Minute ab harrten die beiden Frauen wie zwei Racheengel an der Pforte mit einer Ausdauer und einem Appetit, der die Herren oben entsetzte. Denn um ihre stete Anwesenheit vor dem Wirthe zu rechtfertigen, bestellte bald diese, bald jene Trank oder Speise, und einmal, als Herr Beer seinen langen Hals besonders hoch reckte, sah er eben, wie seine Gemahlin mit grimmigem Lächeln das volle Glas zum Munde führte, wozu sie sprach: Den einen Trost wenigstens haben wir: unternehmen können sie nichts! Wir halten sie den ganzen Tag gefangen und Abends dann " Abends dann! Das Kommende schien den Männern noch fürchterlicher als die Gegenwart. Der Wirth, welcher längst schon die ganze Geschichte begriffen hatte und natürlich in diesem Rassenkampf auf Seite der Herren stand, schlich hie und da an die Thüre und rapportirte. Aber die Aussichten waren trostlos. Die Executionstruppen wichen und wankten nicht; ja, ihr scharfer Blick hatte sogar den Äsenthali der Sünder bereits entdeckt und ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Es wurde Nachmittag es wurde Abend. Die Abfahrtsstunde des letzten Zuges nahte heran. Plötzlich die Herbstnacht lag schon finster über dem Marlte klopfte der Wirth hastig an die Thüre. Sie sind sort jetzt, meine Herren, geschwind!" Jeder von den Beiden drückte ihm ein reiches Douceur in die Hand; dann sprangen sie über die Treppe hinunter und rannten durch den Garten. Wir müssen sehen," flüsterte Beer, daß wir vor ihnen ein Coup6 allein bekommen !" Aber im selben Moment that er einen lauten Schrei und Schlisfcl sah, wie sein Freund unter einem aus der Dunkelheit nach seinem Halse greifenden Arm zusammenknickte. Die Assessorin! Den hatte sein Schicksal ereilt! Halb sinnlos vor Angst stürmte der Secretär fort durch Pfützen und Moore, über Prügel und Steinhaufen. Endlich leuchteten die bunten Laternen des Bahnhofs vor ihm auf. Er umschlich diesen, sah d:n Zug vor sich siehen und war im nächsten Augenblick in einem Packwagen verschwunden. Kaum noch hatte sich dort sein klopfcndes Herz etwas beruhigt, als er ein paar Gepäckschassner an den Wagen herantreten hörte. Entdeckung Zusammenlauf Schande über Schande nimmermehr! Er schlüpfte rasch in eine leere Kiste, zog deren Deckel über sich weg und nahm mit Schaudern wahr, wie in der nächsten Minute die beiden Schaffner einstiegen urd auf der Kiste Platz nahmen. Der Zug fuhr ab. Man näherte sich der Stadt. Da in der vorletzten Station vor dieser fühlte sich Schliffel zu seinem Entsetzen plötzlich mitsammt der Kiste emporgehoben und ausgeladen. Die steht gut da, bis man sie morgen abholt!" Fertig!" Ab !" Und der Zug dampfte davon.

Schliffel stieg nach einer Weile wie em Gent aus seinem Versteck empor und trat durch Nebel und Regen den zweistündigen Helmweg an. Das Un heil dieses Tages hatte ihn fast gefühl los gegen allen weiteren Hohn des Schicksals gemacht. Mit wirrem Kopf und schlotternden Beinen stolperte er vorwärts. Frau Anna saß seit mehreren Stunden am Fenster und schaute voUTodesangst auf die Straße. Er kam nicht und kam nicht. Am Ende hatte .er sich in seiner Verzweiflung etwas angethan! Der arme, arme Eduard! Ach, ihr Herz war ja nicht hart wie das der Assessorin, die ihrem Mann nun gewiß wochenlang kein gu tesGesicht mehr gönnte sie hatte ihm Za längst verziehen! Wenn er nur jetzt gesund und heil wiederkäme! Da wankte eine Gestalt heran und

lehnte sich, als sie das Licht hinter dem Fenster sah, unten an das Haus er schöpft und fertig! Eduard!" rief Frau Anna leise : Atme? Mann! Komm doch herauf!" Armer Mann! Dieses Wort fiel wie ein Tropfen Oel auf seine Herzenswunde. Er schlich empor und stand vor ihr.

Aber wie siehst Du aus?" rief sie entsetzt. Du zitterst ja vor Frost ! Nur rasch in's Bett mit Dir!" Anna! stammelte er, als er m den weichen Kissen lag und von der Tasse Thee, welche sie ihm gereicht hatte, wohlthätige Wärme durch seine Glieder floß. Dir gehören in Zukunft alle Putztage Dir allein! Nur schilt nicht mehr ich hab's abgebüßt!" Weine erste VersoLung. Eine angenehme Erinnerung, von Feliz sceumann. Vorbei sind die Taae der Kindheit und des Jünglingsalter; hin- und yergeworsen durch die Stürme des Lebens, in Vielem enttäuscht und resignirt, reich an Erfahrung, arm an Hoffnung, ist mir nur das Eine geblieden: die Erinnerung, das Gedenken an so manche Stunde, die. ach. auf immer dahin ist. In der Fremde, wo der Kampf ums Dasein täglich von Neuem an uns herantritt, retten wir uns gern hinüber auf solche Denk - Oasen und verweilen mitVorliebe bei unseren Erinnerungen. Hat doch Jean Paul mit Recht gesagt, datz der wahre Werth des Lebens m der Erinnerung liegt. Hat man nun selbst hierbei eine mehr oder weniger hervorragende Rolle gespielt und besitzt ein bescheidenes Maß von Selbstironie, so gesellt sich zur Erinnerung die Kritik und das Ganze gestaltet sich zum tragikomischen Ereigniß. Solch' einen Borfall, bei dem es sich um Nichts weniger als um meine Verlobung handelte, will ich berichten. Ich muß hierbei schon auf meine früheste Jugend zurückgreisen, bin ich doch wenig mehr als vier Jahre gewesen, als ich mich zu diesem, im Leben so wichtigen Schritt entschloß. Allerdmgs war ich für mein Alter erstaunlich klug, versicherten doch meine Eltern, daß ich das klügste Kind wäre, das je die Welt beglückt, eine Behauptung. die auch andere Eltern von ihren Kindern aufstellen, wobei es nur zu verwundern ist, weßhalb so viele dummc Menschen ezistiren. Ein Bruder meinerMutter hatte sich verlobt und stattete mit seiner Braut meinen Eltern den ersten Besuch ab; nachträglich fand sich noch ein Cousin meiner Mutter, der zugleich unser Hausarzt war. mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern ein, von denen die ältere. Hedwig. gerade so alt war wie ich, die jüngere, Elise, zählte knapp drei Jahre und galt in meinen Augen noch nicht für voll. Ich war selbstverstündlich zugegen und saß über alles Erwarten artig kluge Kinder müssen nicht immer unbedingt artig sein auf einem hochbeinigen Stuhle neben meiner Cousine Hedwig. Wie lebendig steht doch noch Alles vor meinen Augen. Das große, geräumige .Zimmer mit der gelb gesprenkelten Tapete, der gebohnerte Fußboden, der mir später so verderblich werden sollte, das stets im weißen Ueberzuze prangende Plüschsopha, von dem die Sage ging, daß es blau wäre, die alten. hohenModerateurlampen und zwei große, zackige Muscheln, die als Berzieruna neben dem Kamin lagen. Und nun erst die Menschen! Meine gute Mutt:r. die immer lebendig und lebhaft. mein Vater war zufällig nicht zu Hause der Bräutigam in kosendem Gespräch mit der Braut, der Onkel Doktor", wie er humoristisch über seine Brillengläser schaute, seine kurzsichtige, stets mit dem Strickstrumpf bewaffnete Frau und Cousine Hedwig mit breitem, weißen Kragen und kurzem, braunen Zopf. Den Mittelpunkt der Unterhaltung bildete natürlich das Brautpaar, aber nach meinem Begriff ganz unnatürlich; denn bisher war ich es gewohnt gewesen. der Mittelpunkt der Gesellschaft zu sein. Sei es nun aus Kränkung über die Mißachtung oder in Folge jenes Nachahmungstriebes, der den Kindern gemeinsam ist mit dem Affen, plötzlich sagte ich ganz laut zu' meiner älteren Cousine: Hedwig, wollen wir uns nicht auch verloben?" Ob nun meine Cousine meinen Antrag annahm, oder mich als zu jung, und in keiner festen Existenzstellung befindlich zurückwies, darüber bin ich mir nie klar geworden, nur das Eine weiß ich. daß ich meine Cousine umfaßt hielt und mit ihr im Zimmer herumzutanzen anfing. Doch das Unglück schreitet schnell. Der gebohnerte Fußboden des Putzund Staatszimmers war mir noch nicht so geläufig, die Kunst des Tanzens auch nicht, und so glitt ich denn aus und fiel so ung!ück!ich auf dieZacke einer Muscke!, daß ich mir oberhalb des linken Auges.eine klaffende Wunde schlug. Den allgemeinen Schreck kann man sich denken, nur der Onkel Doktor" verlor nicht seine Ruhe. Das Auge war. Gott sei Dank, nicht verletzt, und das Blut, das allerdings heftig floß. wußte' er zu stillen. Das Schlimmste kam aber noch nach. Nachdem Onkel Doktor" dieWunde gepflastert und verbunden hatte, gab er mir in Gegenwart meiner Quasi-Vraut" eine tüchtige Ohrfeige u&b sagte: Dumme Jungens verlobensich noch nicht so früh'" So endete meine erste Verlobung, die übrigens, außer der Narbe, noch die Folge gehabt, daß ich mich nie 'habe verstehen wollen, tanzen zu lernen. Der Zweifel ist der Wahrheit Anfang

s. Zu einem wahren Zauberwort 5aben die ungeheuer reichen Goldlager, welche in den arktischen Oeden am Klondike gefunden sind, diesen Namen gemacht und, wie von einer magischen Gewalt angezogen, strömen aus allen Richtungen der Windrose Schaaren von Goldsuchern nach dem neuen Dorado. Daß Alaska reich an Gold ist, weiß man seit Jahren, allein die Natur hat der Gewinnung des gleißenden Metalles schier unüberwindliche Schwierigkeiten entgegengesetzt und nur sehr schwer läßt dasselbe sich der Erde wie dem Wasser abringen. Unter Anwendung aller Hilfsmittel der modernen Technik und deshalb mit bedeutendem Erfolg wird die Goldgewinnung in geringer Entfernung von der Küstenstadt Juneau seitens großer Capitalisten, wie die Rothschilds. D. O. Mills, die Noewells aus Boston, die Beoners Bay Mining vj'a BlockkircheinJuneau. nd Milling Company u. a. m., betrieben und die um Seward City belegenen Minen dieser Firmen haben im verflossenen Jahr einen Ertrag von 2.500.000 ergeben, so viel wie alle Placerdistricte im ganzen Territorium. ötuhne Prospectoren sind, indem sie allen Schrecknissen der arktischen Natur Trotz boten, in das Innere vorgedrungen und einzelne von ihnen sind nach furchtbaren Strapazen undEntbehrungen mit Gold beladen zurückgekehrt, die Mehrzahl aber ist in den Eiswüsten elend umgekommen. Die bedeutendsten Funde wurden bisher an den.Forty Mile, Davis, Cannon Creek und anderen Nebenflüssen des Fukon gemacht, erst im verflossenen August führte ein Zufall zu der Entdeckung der reichen Lager an der Einmündung des KlondiZe in den Jukon, wo seitdem Dawson City entstanden ist. Ein Squawmann" und ein Indianer machten die Funde und ihnen folgten bald andere Prospectoren. Die Boden- und KlimaVerhaltnisse gestatteten erst im folgenden December dieBeclrbeitunq derGoldlager, von deren Ergiebigkeit dieThatAufdemYukon. sache spricht, daß die Ausbeute am Klondike allein sich auf $1,500,000 beläuft, während die Goldwäscher am Bonanza Creek an $500,000 gewonnen haben sollen. Die Art und Weise, wie das edle Metall zu Tage gefördert, ist ebenso einfach wie schwierig. Das Gold findet sich im Flußsand und diesen kann man auch im Winter ausgraben, wenn der Boden fest gefroren ist. Dann wird letzterer mittels großer Feuer aufgethaut. Schächte von 6 bis 20 Fuß Tiefe werden hinabgetrieben und aus diesen der goldhaltige Sand an die Oberfläche gebracht, um auf großeHaufen geworfen zu werden. Im Frühjahr bauen die Miner hölzerne Gerinne und sobald die Bäche eisfrei werden, beginnen sie mit dem eigentlichenAuswaschen des Sandes. Der Goldgehalt desselben variirt selbstverständlich sehr und während man stellenweise, aus der Pfanne Sand nur $5 gewann, belief sich die Ausbeute an besonders ergiebigen Plätzen auf $500. Jeder Claim" ist 400 bis 500 Fuß lang. JmSheep-Camp. Das nordische Dorado kann zurZeit auf zwei Routen erreicht werden. Die kürzeste führt von Juneau über den Chilkootpaß, die längere ceht von St. Michael's den Iukcn hinauf. Hat die Route von Juneau den Vorzug der at ringeren Entfernung (über 700 Meilen), so bereitet der Wea über den mit ewigem Eis und Schnee bedeckten Chilkootpaß, der über 3500 Fuß hoch ist. dem Wanderer ungeheuere Schwierigkeiten. Stellenweise sind fast senkrechte Felswände auf eingehauenen Stufen zu erklimmen und dabei noch die Lasten der Ausrüstung in die Höhe zu schlcppen. Die bequemere Route beginnt in St. Michael's an der Mündung der Nukon. wohin man vonSeattle, Wash., per Dampfer durch den Pugetsund, den Aleutenarchipel und dieBeyrmgsiet gelangt. In St. Michael's wird der Reisende auf einen der über 2000 Meilen langen Yukon beahrendenFlußdampser transferirt und gelangt auf diesem bis GArdt Citn. von wo aus seiner ein Fußmarsch von 300 Meilen Läng nach ..TfUM 0nV ftrrt TffVftmtt Utlll üvlUUUU CUUVfc u. ist nur sehr kurze Zeit offen, da schon Mitte September dasEis unüberwindT?rf Hindernisse entaeaenstellt. Bei dem arktischen Klima und der ungeheueren Entfernung des Klondikedistricts ist es selbstverständlich nothwendi. dan die Goldsucher, welche sich dorthin wagen, mit warmer Kleidung und ausreichendem Proviant woyl ver sehen sind; sicherer Untergang steht ih

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nen sonst bevor. Das Thermometer fällt im Winter nicht selten auf 70 Grad unter Null und um solche furchtbare Kälte ertragen zu können, bedarf

I m C a nrp bei D y e a. eö eines schützenden Obdachs ad sehr warmer Kleider. Wohl dem Miner. der sich bei Zeiten ein rohes Blockbaus gezimmert hat, und Wehe dem Aermsten, der den langen Winter hindurch im Zelt campiren muß. Und ein Zelt cm Klondike ist von dem, was man gewohnlich darunter versteht, himmelweit verschieden. Es besteht aus zusammengenähten und mit starkem Drillich überzogenen Stiersellen, die über Pfssien gespannt werden; der den FuHoden bildende Schnee wird mit Moo& bedeckt und darüber werden Bärenund Wolfsfelle gebreitet.. Alle Lebensmitlel sind in Folge der weiten Entfernungen und der Schwierigiat des Transports fabelhaft theuer. Eine Mahlzeit Bohnen mit einigen Speckschnitten kommt aus 1.50 zu Ueyen und wer sich dazu den Luxus von zwei Eiern nebst einem Drink" gestattet, bezahlt die Kleinigkeit von $3.5. Ein Sack Mehl kostet $25, 5ptd 75 Cents. Bohnen 50 Cents, gedörrte Aepfel 50 Cents. Zucker 25 Cents pro Pfund u. Auf dem Chilkootpaß. s. w. Condensirte Milch. Conserven so wie ähnliche Luxusartikel" bringen unerhörte Preise und frisches Rind fleisch ist nur sehr selten zu haben. In Betracht dieser Verhältnisse würde es sich nun für die Goldsucher empfehlen, so viel Provisionen als irgend möglich, mitzunehmen, allein dadurch würde natürlich dem Geschäft der Handelscompagnien bedeutender Abbruch gethan werden und deshalb beordern sie einfach auf den Flußdampfern kein Passagiergut. Aus diesem Grunde wird vielfach die Landroute über Juneau bevorzugt, trotzdem auf dieser jede Last über den Chilkootpaß getragen werden muß. Wer Geld genug hat, kann sich freilich auch dieserMühe entheben und Indianer miethen, die gegen eine Entlohnung von $15 für ihn 100 Pfund Lasten über den Paß schaffen. Bei dem starken Andränge der Goldsucher. welche alle Warnungen von mit dem Lande und seinen Schrecknissen genau vertrauten Männern in den Wind schlagen und jetzt gen Norden In der Cometmine. ziehen,' erscheint eine Hungersnoth in dem Dorado am Klondike während dcS kommenden Winters unausbleiblich, denn die Transportgesellschaften sind, ihrer eigenen Erklärung nach, außer Stande, genügende Quantitäten von Provisionen an Ort und Stelle schaffen zu können. Anfänglich waltete die Ansicht ob. daß der Klondike - District zu demGebiete der Vereinigten Staaten gehöre, doch ist dies durchaus nicht der Fall, derselbe befindet sich vielmehr auf canadischem Territorium. Die Grenze bildet der 141. Längenyrad und die Goldfelder liegen ungefähr 35 Meilen östlich von demselben. Ob die canadische Regierung dieGoldsucher durch Abgaben auf die Claims u. s. w. in erheblichem Maße besteuern wird, bleibt abzuwarten, zedensalls wird sie wohl den Andrang durch keine Schranken erschweren. Gute Ehe. Was, Du hast geheirathet?- Ja. aber ich bin so glücklich, daß ich mir wie ledig vorkomme. Aus der guten alten Zeit. Bürgerwehrmann : Herr Hauptmann. Ihr Gaul hat ja 'en Knopf am Schwanz!" Hauptmann : Freile. daß i's net vergeh; für's Vögele daheim soll ! vom Exercierplatz Sand mitbringen. Idealer Traum. Lieu tenant A.: Aeh. Herr Kamerad, sage Ihnen, hatte heute wunderschönen Traum!" Lieutenant B.: So, was träumte Ihnen?" Lieutenant A.: Dem Obersten meine Meinung ge sagt!" Der passende Hinter grund. Photograph (im Garten des Commerzienraths): Welchen Hin tergrund wünschen Sie für die Aufnähme Ihrer Fraulem Tochter ? Commerzienrath: Nu, lassen S' se sitzen vor dem Goldregen! Stoßseufzer eines Ehemannes. Erst hat man die Wahl, und dann behält man die Qual. K om m t darauf an. GeHort Scat auch zu den 'verbotenen Spielen? Kommt nur darauf an. wie man verheiratbet ist!

Hransvaar in WerNn. In unserer an Ausstellungen so reichen Zeit haben sich die Vorführungen exotischer Cultur schnell eine gewisse Bedeutung verschafft. Bewegten sich diese früher stets in einem bescheidenen Rahmen, schon wegen der Nothwendigkeit, bei geringer werdendem Interesse des Publikums oder wegen der beschränken, einer Entfaltung ungünstigen Räumlichkeiten sich nach einem anderen Ort wenden zu müssen, so ist jetzt infolge der Weltaussiellungen ein ganz neuer, großer Zug m dieselben hineingekommen. Die Darbietungen suchen den Eindruck einer gewissen Vollständigkeit zu erwecken durch getreue Nachahmung von Gebäuden. durch Sammlungen ethnowgischer Natur, gewöhnlich in Verbin--dung mit hervorragenden Industrien, und sollen nicht nur die Schaulust befriedigen, sondern auch zu ernsten Uniersuchungen anregen. Ein Unternch-

Goldbergwerk. men dieser Art ist die, Ausstellimz amKurfürstendamm" m Berlin, welche den Zwöck verfolgt, das große Pubukam mit dem Wesen und den CulturVerhältnissen fremver Völker aus allen WelttheÄen durch direkte Anschauung vertraut zu machen.. Der Anfang ist mit Transvaal ge macht, das infolge der bekannten Vorgänge in den Vordergrund des Jrne resses oeruckt ist: hierbei stand aoer von vornherein fest, daß daZ Malerischc, das den exotischen Ausstelluigen einen eigenen Reiz verleiht, weniger zur Geltung kommen würde. Durch das Zusammenstellen verschiedener Typen ist es gelungen, einen befriedigenden Gesammteindruck zu erzielen, und das Goldgräberviertel .nit sei nen Baracken in fast unmöglichenConstructlonen, an einer sandigen Straße qelegen, sieht ganz naturwahr cus. Die verschiedenen Baustile sind leicht zu erkennen; neben den massiven Stembauten der Hollander m n.cderStraßenbild. ländischem Geschmack stehen die modernen Holzbauten mit Veranden, die man in heißen Ländern überall fwdet, schnell aufgeschlagen, aber auch schnell, verbrannt. In dieser Straße und auf dem Marktplatz von Johannesburg entfaltet sich ein reges Treiben, da außer Buren. Bastards und Indern vor allem das schwarze Element reichlich vertreten ist. Christliche Jasuto führen die verschiedenen Handwerke vor. während die Vavenda, Swasi und die heidnischen Basuto ihre grotesken Tänze mit unermüdlicher Ausdauer unter Gesang, Gebrüll und Musikbegleitung zum Besten geben. Ein mit dem Kopfputz aus Straußfedern geschmückter, mit Fellen und Perlenketten behängter Basuto sieht sehr heraussordernd und grimmig aus, ist aber ein viel gutmüthigerer Kerl als der Swasi, der im Kriegstanz Kunststücke wie ein Ballettänzer vollführt. Der BergWerksindustrie ist im Verhältniß zu der Bedeutung, die sie im Transvaal hat. vor allem ein weites Feld eingeräumt, und es war ein glücklicher Gedanke, außer einem Bergwerk auch ein Pochwerk zu errichten und eine reiche Auswahl von Quarzen und Conglomeraten des Uitwatersrand auszustellen. deren unscheinbares Aeußeres nicht ahnen läßt, welche Reichthümer sie bergen. Raube r'galanterie. r. mi wm Strolch (im Walde eine junge Dame beraubend): Mein Fräulein, darf ich Sie versichern, daß an einem so reizenden Händchen ein Brillantring gänzlich überflüssig ist?!Die verrätherischen Knödel. Bräutigam (zu ' fernes Braut, die ihn immer, sobald ff sie be sucht, zu Tisch ladet): Berttza. warum kochst Du mir nie Knodes?" Braut: Ach. Paul, ich muß'eZ"Dir nur geste hen. ich kochte einmal Einem Knödel und der wurde mir sofort untreu!" -

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