Indiana Tribüne, Volume 20, Number 328, Indianapolis, Marion County, 15 August 1897 — Page 7
ü
t i l
Sm cgyptischm Larem. Von Paul Pasig. Das Leben in einem Harem aus eigener Anschauung zu schildern, ist für einen Vertreter des sogenannten starken" Geschlechts, wenn er nicht twa als Muselmann selbst Besitzer eines solchen ist, eh Ding der Unmöglichkeit. Denn jedem Manne, außer eben dem Eigenthümer, ist der Zutritt zu diesem Allerheiligsten der mohammedanischen Familie Haröm, arabisch Harim. heißt das Heilige, das Unnahbare und Verbotene bei Todesstrafe verboten. Wenn daher Berichte über das Treiben der Frauen im Harem an die Öffentlichkeit dringen, so darf man sicher sein, daß in der Schilderung die Phantasie des eifrigen Berichterstatters eine Hauptrolle spielt. Allerdings sollte es einigemale vorgekommen sein, daß Männer in FrauenkleidungZutritt zu einemHarem gefunden haben. Verfasser hat aber guten Grund, auch diesen Erzählungen überus skeptisch gegenüberzustehen. Authentisches über das Haremsleben können wir einzig aus dem Munde glaub würdiger Frauen erfahren, welchen jederzeit, vorausgesetzt, daß sie in Folge ihrer socialen Stellung die nöthigen Beziehungen zu den in Frage kommenden Kreisen haben, der Zutritt zu deren Harems offen steht, gleichviel welchen Glaubens sie sind. Wenigstens gilt das von den Egyptern, deren Toleranz Andersgläubigen gegenüber geradezu vorbildlich ist. Während meines mehrjährigen Aufenthalts im Pharaonenlande habe ich von letzterwähnter Gelegenheit, mich authentisch über das Haremsleben zu unterrichten, um so gewissenhafter Gebrauch gemacht, als mein: Gewährsmännin man verzeihe diese Wortbildung als die Gattin eines hochstehenden egyp tischen Beamten selbst zu dem viceköniglichen Harem Zutritt hatte. Ji.der, der aufmerksamen Blicks die völkerwimmelnden Straßen der Chalifenstadt durchpilgert, bemerkt sofort äußerlich den für die Frauen bestimmitn Raum des Hauses, den Harem: er ist an seinen durchbrochenen, mittelst gedrehter Arbeit hergestellten Holzsenstern, sog. Muschrebien, sofort zu erkennen. Diese Fenster, die übrigens äußerst kunstvoll und zierlich sich darstellen und häufig auch eine Art kleinen Vorbaus oder Erkers bilden, ermöglichen jederzeit den ungehinderten Zutritt frischer Lust, während sie das Hineinblicken in den abgeschlossenen Raum, ohne Vorsetzer, Gardinen usw. nothig zu machen, nicht gestatten. Meist im ersten Stockwerk befindlich, nimmt der Harem den bevorzugtesten Theil des Hauses ein und ist. je nach Stand und Reichthum seines Besitzers, aus das eleganteste eingerichtet. Natürlich ist es, selbst wenn man die Erlaubniß zum Besuch des Harems besitzt, unmöglich, ohne das Geleit eines der Haremswächter, meist schwarzer Eunuchen, bis in denselben vorzudringen. Aber an der Schwelle des Heiligthums hört auch dieses sonst Allmächtigen Machtherrlichkeit auf und drin waltet außer des Besitzers Willen neben den zahlreichen weiblichen dienstbaren Geistern die Laune und Willkür der schönen Gebieterinnen .... Der Koran gestattet den Gläubigen vier Frauen zu gleicher Zeit sich zu halten, wovon jedoch nur Wenige und auch dann nur die Reichsten, schon der Kosten wegen. Gebrauch machen. Es ist selbstverständlich, daß unter den Bewoynerinnen des Harems diejenige, die sich am meisten der Gunst ihres Gebieters erfreut und das ist in der Regel die durch äußere Vorzüge besonders Ausgezeichnete füglich als dessen Gemahlin gelten kann, während die übrigen mehr eine untergeordneteStellung einnehmen, die in gewissem Sinn an die der Kebsweiber" der Patriarchen erinnert. Einen entscheidenden Einfluß aber auf den Harem und dessen Bewohnerinnen übt stets die Mutter seines Besikers aus. deren Ansichten und Vorschläge für letzeren maßgebend zu sein pflegen. Die Ausstattung des Harems entspricht natürlich der orientali-" pflogenheit. An drei ffiu r ; niedrige Divans herum, dere - lende Polster mit den kostbar-!? : cubischen Teppichen, in dunkeln l-n gehalten, bedeckt sind. Gleic - I.- '-" sind aus dem Fußboden aus'Von Mobiliar erblickt das An ;; y:: einigen eleganten Wandschrä! tv.t Anzahl kunstvoll geschnitzter, "-!-fenbein eingelegter Taboure: , weise mit mächtigen, kreisrunl ' '' singplatten bedeckt, welche in . : Arbeit allerlei Episoden aus ' logie, Geschichte u. s. w. zur : - ung bringen. Ferner lernt:.:: am Fußboden mehrere ftci; i'V (Wasserpfeifen), während eil' vu:: finirbares Parfüm den Raun- r:t'::i. Meist liegen auch einige MutUr,?' :u mente, darunter ein Tambou"? dt Glöckchen, Rekk" genannt, tht i. saitige Violine, deren Schallkör.' j . ; einer Kokosnußschale besteht, V.e , menge", und das Kamin". ibt Ti Zither mit Saiten aus Say ,'rn, ordnungslos auf dem Divan Eine Ampel inmitten des Zimmer , rosaseidener oder blauer Üm;;u3ri:. fließt ein aeheimnißvolles Dan:n:?r!Ii Über den Raum aus. Hier bringen die vielbespro'ir, , .- Haremsfrauen, türlisch Odal: i?;nannt, den bei weitem größt?:: ZU'A des Tages zu, abgeschlossen ',:; Außenwelt, der sie nur buficlVe Blicke durch die vergitterter. 7T - t - -gönnen dürfen, unzugänglich ;;::t ;i- iT; streng behütet vor jedem irgend.-.':? dächtigen geselligen Verkehr i selbst, da ihr Herr, zumal r. -fnn er Beamter oder Geschäftsmann tcj über höchstens zu einem flllch.' :n such Zeit findet. .Zwar we:;-e.l jiir die Haremsdamen alltäglich, ir.eiu .u
bestimmter Stunde, Ausfahrten veranstaltet. Aber das will was heißen? Die Fenster der verschlossenen Equipage sind mit braungelben Holzläden verdeckt, in deren Mitte sich nur eine einzige, kreisrunde Oefsnung befindet, mehr um einen Lichtstrahl in das dunkle Innere .einzulassen, als um den schönen Fahrgästen einen Blick in Gottes freie Natur zu gestatten. Es ist daher die tödtlichste Langeweile, unter der jene bedauernswerten Geschöpfe vor Allem zu leiden haben. Dieselben suchen sie sich allerdings in der mannigfachstenWeise zu vertreiben. Freilich nicht in dem Sinne, wie etwa unsere deutschen Frauen dies thun würden, indem sie nützliche HausarVeiten fertigen, dem Hauswesen und der Kindererziehung vorstehen, anregende und veredelnde Lektüre treiben u. a. m. Von alledem ist bei der Orientalin, zumal wenn sie zum Haremsleben verurtheilt wurde, nicht die Rede. Das ist ihr Sklavenarbeit, und ihr ganzes Leben geht in der Sorge für ihre äußeren Vorzüge auf, weil sie weiß, daß sie nur dadurch die Gunst ihres Gebieters sich erwerben und erhalten kann. Kleider und Toilettenfragen, Gesang und Tanz in dieser Sphäre bewegen sich ihre Gedanken, und da dies Gedankenspiel bei jeder dasselbe eine Ziel kennt, so ist es erklärlich, daß Neid und Zank, häßliche Intriguen und schließlich auch erbittertste Feindschaft unter den meisten Haremsbewohnerinnen zu Hause sind. Wir traten einmal, so wurde mir erzählt, in einen Harem ein. der uns besonders wegen seiner einzigartigen Schönheiten gerühmt worden war. In der That ein Anblick ohne gleichen ! In malerischer Stellung hingegossen, lehnten auf dem Divan drei Frauengestalten, mit bronzenerHautfarbe. dunklem, wenig gekräuseltem Haupthaar, das ungezwungen auf den glänzenden Nacken herabfiel, Hals und Stirne mit inGold gefaßten leuchtenden Steinen geschmückt, deren Glanz durch den magischen Zauber schwarzer Gluthäugen verdunkelt wurde. Die über oie Nasenwurzel fast zusammenschließenden Brauen waren offenbar mit Kohle gefärbt, wodurch der höllische Glänz der Augen noch erhöht wurde. Sofort bei unserem Anblick erhoben sich die Damen und luden uns unter lebhafter Begrüßung zum Sitzen ein. Gleich darauf erschien eine schwarze Dienerin, welche auf kostbarer Platte Kaffee in den bekannten fingerhutgroßen Tassen, die in kunstvollen A!etallständern ruhten und denen süßer Mokkaduft entströmte. Cigaretten und Nargilehs brachte. Während wir den Genuß des Tabaks mit Dank aus Gesundheitsrücksichten" ablehnten, begannen zwei der schönen Fremdlinge Cigaretten. die dritte Nargileh zu rauchen, alle drei mit einer Grazie und Kunstfertigkeit und zugleich einem unverkennbaren Wohlbehagen, daß sich deren der geübteste männliche Raucher nicht zu schamen gebraucht hätte. Bald erschien eine zweite Dienerin die erste ward nach der nöthigen Handreichung entlassen mit verschiedenen silbernen Schalen voll allerlei Süßigkeiten : zähes Lokum, gesponnener Zucker, Fruchtsäfte und Eingemachtes, verschiedene Sorten süßer Liköre, selbst derber Branntwein befand sich darunter. Zu unserem höchsten Erstaunen griffen die Damen, ohne sich im Geringsten in unserer Gegenwart einen Zwang anzuthun, nach Herzenslust, wie es ihnen beliebte, zu und hatten bald eine ansehnliche Menge nicht nur der Süßigkeiten, deren häufiger Genuß die oft unschön zu nennende Wohlbeleibtheit der Orientalinnen erklärt, sondern auch der Spiritussen vertilgt, während wir, nur um nicht anzustoßen, an unsern Gläsern ein wenig nippten und etwasLokum naschten. Nunmehr wurde die Unterhaltung lebhaft, und wir hatten Gelegenheit. das beredte Spiel der Augen, die ausdrucksvolle Gestikulation, kurz, die vollendetste Verkörperung dessen, was den Inhalt der Unterhaltung bildete, zu bewundern. Natürlich währte es nicht lange, so schlug auch diese UnterHaltung die gewohnten Bahnen ein. Von der Dienerschaft kam man auf das Bekleidungsthema, wobei die eine nicht zögerte, ihre Büste preiszugeben, und von hier war es nur ein kleiner Schritt zu den Herzensangelegenheiten, dem Mittelpunkt alles weiblichen Strcbens und Sinnens. Es ist walzr: theilweise wurden meine seitherigen Anschauungen über das eheliche und Liebesleben der Orientalen völlig über den Haufen geworfen! Ich war und bin auch heute nach, wenigstens in der Hauptsache, der. Ansicht, daß. da der Orientale im Weibe eine käufliche Waare sieht, deren er sich entledigen kann, wenn sie seinem Wunsche nicht mehr entspricht und er ihrer überdrüssig geworden ist, von eigentlicher Liebe in unserm Sinne, die eben eine von äußern Zufälligkeiten unabhängige Seelengemcinschaft mit höheren idealen Zwecken darstellen soll, keine Rede sein könne. Aus diesen Gedanken schreckte mich plötzlich die unerwartete Frage meiner gluthäugigen schönen Nachbarin auf: Kannst Du auch lieben?" Eine flüchtige Nöthe färbte meine Wangen; dann faßte ich mich und antwortete scheinbar gleichgültig die Unterhaltung wurde französisch geführt : Warum denn nicht? Ich bin ja verheirathet!" Die Antwort war man verstehe mein Entseßen eine Art Höllengelächter, in dem Schadenfreude. Spott und mitleidiges Bedauern zugleich zum Ausdruck kamen. Da man mir meine Verlegenheit anzumerken.schien. folgte, als das Gelächter sich etwas beruhigt hatte, die weitere Frage: Und Du hast auch Famitte?" Ich bejahte kurz und bemerkte, daß ich meinen beiden Kindern, einem Knaben und einem Mädchen, von Herzen eine sorgende Mutter wäre. Allgemeines Bedauern, ja, die
eine drückte mir in inniger Theilnahme die Hände, und es fthlte nicht viel, so wäre sie mir wehklagend um den Hals gefallen, um mir unter Thränen ob dieses Ungli'cks zu condoliren. - Aber weiter! Ich will Dir einmal zeigen, daß Ihr Ferengi (Franken, so viel als Europäer) nicht so innig und wahr lieben könnt, wie wir!" Ich war gespannt auf solchen Beweis, da ich eher vom Gegentheil überzeugt war. Siehst Du." fuhr die Erzählerin fort, ich meine die Geschichte von dem gelehrten Abdurrachman Effendi. Zu dem kam. als er sich einst im Selamik (Herrengemach) befand, seine Frau und bat ihn, sanft erröthend, um Gehör. Als ihr das gewährt war, begann sie : Siehe, ich will Dir melden, daß Allah unser heißes Gebet erhört hat, und unser innigster Wunsch wird in Erfüllung gehen! Allah sei gelobt! Ich wein, daß Du aus Liebe zu mir nie an eine zweite Frau gedacht hast." Der Effendi schüttelte heftig den Hers. So bitte ich Dich, das Geschenk, das ich Dir bringe, anzunehmen!" Zugleich begab sie sich nach der Thür, offnete dieselbe und rief eine Sclavin von ganz außerordentlicher Schönheit, eine Eirkassierin, herein, die sie für den Gatten in liebevoller Fürsorge selbst ausgesucht hatte."... Sie schwieg, um den Eindruck ihrer Erzählung an unsern Mienen abzulesen. In der That hochherzig und entsagungsvoll gehandelt," brachte ich mit Müh? hervor, während die Genossinnen unerschöpflich waren in ihrem Lobpreis der orientalischen Liebe. Eine kurze Pause trat ein, die Unterhaltung war etwas in's Stocken gerathen. Madame, lieben Sie die Musik?" wandte sich meine Nachbar!,: auf's Neue an mich. O. sehr!" erwiderte ich. Sogleich drückte man mir ein Tambcurin in die Hand, während zwei der Haremsfrauen sich erhoben .und sich zum Tanze anschickten. Ich erklärte sofort, daß ich nicht im Stande sei, ihren Wunsch zu erfüllen, worauf die dritte der Frauen den Tanz der beiden, der bekanntlich eine mimiplastische Bewegung zumeist des Unterkörpers, verbunden mit entsprechenden Gesten und ausdrucksvollem Mienenspiel, ist, mit dem Tambourin zu begleiten begann. Es war mir. als sähe ich eine vollständige Liebestragödie in lebendiger Verkörperung sich vor meinen Augen abspielen Als der Tanz, der übrigens die Frauen sichtlich erschöpft hatte, beendet war. nahmen dieselben eine weitere Stärkung zu sich, um bald das Spiel von Neuem zu beginnen. Es ist erstaunlich, wie zäh und widerstandsfähig die Ortentalinnen in diesen Künsten sind, bis die Kräfte versagen. Es war ein Gesangsconcert, eine Art Duett, wclches sie jetzt zum Besten gaben, begleitet von einer Mandoline, Ud" genannt, und schien, soweit ich den vul-gär-arabischen Tezt verstand, schwermttthigen Inhalts zu sein: auch die orientalische Liebe schwelgt gern in süßer Pein und umfaßt den treulosen Geliebten mit um so heißerer Gluth. um ihn zu vernichten. . . . Doch wehe, wenn Du treulos mich vergessen. Um Deinen Mund auf fremden Quell zu pressen ! Dann bricht mein Herz, und unter den Eyprefscn Versinkt das Glück, noch eh' ich es besessen !" Eine kurze Pause, tiefe Stille! Sie war beredter, als alle Erklärungen : auch in solcher Brust schlägt ein liebewarmes Herz, dachte ich bei mir. dessen Gluthen freilich, da sie gänzlich im Banne der Leidenschaft stehen, nur verzehrend, nicht erwärmend und läuternd wirken. Da plötzlich drei heftige Schläge an die Thür von draußen. . . . Erschreckt fuhren die Damen zusammen, während ich unwillkürlich aufgesprungen war. Der Herr, der Herr!" rief es durcheinander, und zugleich vernahmen wir schwere Schritte in dem anstoßenden Privatgemach des Besitzers. Ich verabschiedete mich von meinen liebenswürdigen Wirthinnen, die mich artig bis zur Thür geleiteten. . . . So weit meine Berichterstattern!. Läßt sich nun auch nicht verkennen, daß das Leben der Frauen im Harem für solche, die an eine leichtfertige und oberflächliche Auffassung desselben und seines wahren Zweckes gewöhnt sind und das sind meist alle Orientalinnen im jüngeren Alter nicht aller Neue baar ist. so darf auch die Kehrseite der Medaille nicht unbeachtet bleiben. Was dann, wenn der HausHerr, weil er vielleicht der einen ode: anderen überdrüssig ward, das eine furchtbare Wörtchen ausspricht, das die dreifache Scheidung" bedeutet? Ein Mann kann sich zweimal von seiner Frau oder einer seiner Frauen scheiden lassen und dieselbe ebenso oft ohne alle Förmlichkeiten wieder zurücknehmen. Ist aber jenes Schreckenswort ausgesprochen, vor dem sie Alle zittern, dann ist sie verstoßen für immer! Die Fluthen deS Bosporus rauschen aar erschütternde und schaurige Melodien über jene Unglücklichen, deren feuchtes Grab er einst nächtlicher Weile ward, und wenn die öden Mauern. hinter denen menschliches Elend in der ergreifendsten Gestalt jammert, ihren stummen Mund öffnen könnten. so würden sie vielleicht die 5erzenZgeschiSte mancher einst bochgefeierten.'in Pracht und Ueppigkeit schwelgenden Haremsscbönkeit erjäMen, deren ganzes Verbrechen darin bestand, dan das Auae eines Mannes sie unverschleiert erblickte. Unzuverlässig. A (Audiosus. zu seinem älteren Eollegcn): Die hiesigen Nachtwächter sind doch sehr unzuverlässig!" B: Wieso?" A: Denke Dir, diese Nacht bin ich in einer ganz unrichtigen Wohnung abae2eben worden!
Ver Roman einer ZZcrzogin. Von Paul Elsner. Dort wo der Jlissos, seine hohen, bemoosten Felsufer erhebet, wo der Hymettos seine thälerreichen Höhenzüge aufrichtet, liegt ein marmorprangender, von zwei Thürmen flankirterBau, das Schloß der Herzogin". Währcnd jetzt zu den Balkons des in eine Kaserne verwandelten Gebäudes Trompetensignale und EommandoWorte emporschallen, war das Schloß in der Mitte dieses Jahrhunderts der Wittwensitz einer der vornehmsten und reichsten Frauen Frankreichs. Hie: verlebte die Herzogin von Plaisance, Tochter der Marquise Barbe - Marbcis, den Abend ihres Lebens. Seltsam, daß der einstige Stern am Hofe Napoleons des Ersten, daß die vielgefeicrte Hofdame Marie Louisens. sich gerade ein Land wie Griechenland, dessen Cultur damals eben im ersten Erwachen begriffen war. zu dauerndem Aufenthalt ausersah. Aber die phantastisch veranlagten Naturen jener Zeit standen unter dem Bann der in blutvollen Farben gemalten Schilderungen des Orients mit seinen verlockenden Reizen und Geheimnissen. Diesem, der damaligen vornehmen Gesellschaft charakteristischen Zuge waren ein Byron, ein Chateaubriand gefolgt. Lady Stanhope zeigte in den dunklen Gassen rcnDamaskus den Glanz ihrerSchönheit. Die Prinzessin Belgiojoso begeisterte sich für die herben Reize Ärabiens, Gräfin Thiotoki reichte einem wilden Anführer der Kurden die Hand zum Lebensbunde, und die Herzogin von Plaisance wandte sich nach Griechenland. der Stätte der großen klasfischen Erinnerungen, dem Land ihrer Jugendträume, dem Schauplatz des ruhmreichen Freiheitskampfes. ' Als die Herzogin, welche sich im Jahre 1824 von ihrem Gemahle wegen Unvereinbarkeit ihrer beiderseitigen Charaktere getrennt hatte mit ihrer einzigen Tochter im Frühling des Jahres 1831 den Boden Griechenlands in Nauplia betrat, sah sie sich naturgemäß darauf angewiesen, zunächst dort ihren Aufenthalt zu nehmen; denn Athen war in jener Zeit, in völlige Vergessenheit gerathen, ein großes Trümmerfeld. Alles politische und geistige Leben concentrirte sich auf jene pittoreske Stadt, die mit ihren engen Gassen mit ihren großartig angelegten Festungswerken noch heute den Stempel der einstigen venezianischen Herrschaft zur Schau trägt. Hier richtete die einzige Zeitung Griechenlands zündende Artikel gegen denPräsidenten der griechischen Republik Kapodistria, hier wurde der Sturz dieses Staatsmanne vorbereitet, wie später ebenfalls hier die gegen König Otto gerichtete Verschwörung ihren Centralund Ausgangspunkt hatte. Die Herzogin mußte sich bei ihrer großen geisiigen Regsamkeit und bei ihrer ausgesprochenen Vorliebe für alles Außergewohnliche von diesen Umtrieben angezogen fühlen und gehörte bald zu den eifrigsten' Anhängerinnen der Umsturzbestrebungen. Das tragische Ende jenes vozüglichen, nur zur Neuorganisation eines Landes nicht geschasfenen Diplomaten, welcher der Blutrache der ' Brüder Mavromichalis zumOpfer fiel, scheint ihr Interesse an den Fragen der Politik stark beeinträchtigt zu haben. Dazu trugen wohl auch ihre während des folgenden fturmbewegten Jahres gewonnenen Eindrücke bei, als die Staatsregierung unter dem Schutze fremder Bajonette ganz ohnmächtig den Parteikämpfen gegenüberstand, welche das Land zerrissen und mit einer Bitterkeit ausgefochten wurden, wie sie in solchemGrade selbst die Türken hervorzurufen nicht vermocht hatten. Deshalb wird auch gewiß sie die Ankunft des Königs Otto, der am 30. Januar 1833 unter dem Jubel derBevölkerung in Nauplia seinen Einzug hielt, mit Genugthuung begrüßt haben. Durfte man davon wenigstens den Beginn erträglicherer Zustände im Lande erhoffen. Bei der Verlegung der königlichen Residenz nach Athen am 23. December 1834 übersiedelte auch die Herzogin in die neue Hauptstadt, wo sie in einem jetzt als Waisenhaus dienenden Gebäude eine zwar geräumige, aber immerhin bescheidene Wohnung fand. Denn in den wenigen Straßen des damaligen Athen standen nur ganz unscheinbare Häuser, und das einzige italienischeHotel, das Albergo Nuvo", sowie das einzige französische Restaurant der Stadt vermochten den an sie gestellten Ansprüchen nicht zu genügen, da mit König Otto an 15.000 Personen nach Athen gekommen waren. Und die Beschaffenheit dieser wenigenStraßen ließ viel zu wünschen übrig. So mußten die zu einem Fest beim russischen Gesandten geladenen Gäste mit Fackeln in den Händen von Stein zu Stein springen, um nicht in die allenthalben sich aufthuenden Löcher und Sümpfe der Straßen zu fallen. Dementsprechend konnte der vom Königthum ausgehende Glanz nur sehr mäßig sein. Der junge Monarch sah sich auf das Buleuterion, wo vom November 1853 an die berühmten, die Constitution in Griechenland einführenden Sitzungen der Nationalversammlung stattfanden, als eine fast bürgerliche Residenz angewiesen. Erst bei seiner Vermählung im Jahre 1837 erfolgte seine Übersiedelung in die jetzige PolizeidZrektion, einen langgestreckten, düsteren Bau. Graf Armansperg hnte in dem alten Polytechnikum und in dem heutigen zveion befanden sich die Bureaux dieses Ministers. Die Aeußerungen geistigen Lebens beschränkten sich ausschließlich auf die in griechischer und französischer Ausgabe erscheinende Zeitung Sotir", und die Armuth war allgemein und groß, Gelds war nur gegen 20 und 30Prozent aufzutreiben. Man wird sicb denken können, wel-
ches Aufsehen 'unter solchen ÄerhäliNissen die Herzogin von Plaisance erregen mußte, der eine Jahresrente von 300.000 Franken, ein Drittheil der gesammten Civilliste des Königs zur Verfügung stand. Und die Herzogin war es, welche der von Staunen gefesselten Stadt zuerst das grandiose Schauspiel einer im Privatbesitz befindlichen Equipage bereitete. Sie legte ihr Vermögen in großen Terrains auf dem Pentelikon und in bizarren Neubauten an, die sie jedoch wegen einer Prophezeiung, daß nach der gänzlichen Vollendung eines von ihr begonnenen Baues ihr Tod eintreten werde, nie ganz beendigen ließ. Die Herzogin führte im Gegensatz zu der ersten Periode ihres Lebens auf griechischem Boden, welche sie gern als diejenige der Verfolgung bezeichnete, während des ersten Jahrzehnts ihres Aufenthalts in Athen ein ausschließlich ihrer Tochter gewidmetes Leben. Sie
hatte mit ihr den ganzen Orient be-. reist und das anmuthige Haupt lm Geiste mindestens mit einer Königskröne geschmückt gesehen. Aber die äußerst zarte Gesundheit der jvgendlichen Prinzessin machte diese stolzen Zukunftspläne zunichte. Eine unglückliche Liebe zu dem schönen Maniaten" Katsakos Mavromichalis machte die zarte Blüthe noch schneller welken, als das bangende Mutterherz befürchtet hatte. Auch Mavromichalis starb kurz darauf in München an der Cholera. Noch lebt in der Man! ein Volkslied, das den Tod des in de: Fremde Gestorbenen beklagt, so wie dort noch immer der Glaube besteht, daß Mavromichalis im königlichen Schlosse vergiftet worden fei, weil er die Niederlage der zur Unterwerfung in die Mani gesandten königlichen Truppen herbeigeführt hatte. Die unglücklicheMutter vermochte sich von den sterblichen Ueberresten ihrer Tochter nicht zu trennen, ließ sie einbalsamiren und in einem Saz mit Glasdeckel in den Kellergewölben ihres Hauses aufbahren. Jeden Vormittag weilte sie dann an der Bahre ihres Kindes, um beim Schein der brennenden Wachskerzen, von der tiefsten Stille umgeben, jene ergreifenden Gedi)te des Engländers Voung zu lesen, worin dieser den Verlust seiner früh verstorbenen Tochter beweint. Trotz der Achtung, welche die Athener für diese Aeußerung außerordentlicher Mutterliebe hegten, galt doch die unnatürliche Erhaltung einer Verstorbenen den streng religiösen Gemüthern als eine Ketzerei und erregte allgemeines Befremden. Wer weiß, welche Schwierigkeiten der Herzogin deshalb noch entstanden wären, wenn im Juli 1840 nicht eine Feuersbrunst ihr Wohnhaus eingeäschert hatte. Vergebens versprach sie dem Netter des Körpers ihrer Tochter goldene Berge. Dieser wurde mit dem Uebrigen ein Raub der Flammen? seine pietätvoll gesammelte Asche aber wurde in der herzoglichen Besitzung am Pentelikon beigesetzt. Nun war die Herzogin ganz allem in dem fremden Lande, das sie wohl der für si: theueren Erinnerungen und ihres vorgeschrittenen Alters wegen nicht mehr verlassen wollte. Ihre geistige Regsamkeit jedoch war ungebrochen. Deshalb erschien ihr eine Fortsetzung ihres bisherigen zurückgezogenen Lebens, dem jetzt der Inhalt genommen war, als Unmöglichkeit. Sie bedürfte neuer Anregunaen, neuer Ziele. Und so stellte sie sich die Umbildung der athenischen Gesellschaft nach ihren Anschauungen und Grundsätzen zur letzten Aufgabe ihres zur Neige gehenden Lebens. Solchen Plänen gereichte ihr am Jlissos neuerbautes Schloß, das in Stil und Ausstattung an die vornehmen Landhäuser der 'damaligen französischen Aristokratie gemahnte, zu wesentlicher Förderung. Aber die Fanariotenfamilien, welche den eigentlichen Adel des Landes repräsentirten, fanden sich dort nicht ein. Mit denen hatte sich die Herzogin entzweit, da sie ihre Adelstitel nicht als vollgiltig anerkannte. Die durch Ehrgeiz und Egoismus. Hab- und Herrschsucht charaktcrisirten Fanarioten, nach dem StadttheilKonstantinopel benannt, den die Griechen bei der türkischen Eroberung bewohnten, hatten sich dem Sultan unentbehrlich zu machen gesucht und es zu Ansehen und Einfluß gebracht. Der Glanz des neuen Thrones und dieAussicht auf neue Aemter und Würden in dem freien Königreiche hatten einen großen Theil von ihnen nach Athen geführt. Die 5)erzogin hatte gleich von Anfang an sich nicht zu ihnen zu fiellen vermocht, und die mit großer Erbitterung von beiden Seiten geführten Fehden erreichten ihren 5)öhepunkt. als der damalige fanariotische Minister des Innern Risos die Unterbrechung der von der Herzogin angelegten äußerst nützlichen Fahrstraße von Athen nach dem Pentelikon anordnete. Da ließ sie an diesem Wege eine Säule mit der Inschrift errichten: Die Vollendung dieses Weges wurde von Risos verhindert." Nach der Differenz mit Aikaterini Trikupis. Mutter des früleeren Ministervräsidenten, von der die gekränkte Herzogin einen prachtvollen Oelwald, den sie Uzr in herzliche? AufWallung geschenkt, zurückverlangte, war der Bruch definitiv. Infolgedessen zierte nur das bürgerliche Element der athenischen Gesellschaft die Säle der Herzogin: Die Damen in ihren Nationalkostümen und mit Pantoffeln an den Füßen, durften, falls keiner der großen Hunde der Herzogin auf den Stühlen ruhte, es sich darauf bequem machen, während die Herren, von ihren frischgewaschenen Fustanellen umwallt, an den Wänden entlang Ausstellung genommen hatten. Die Herzogin suchte ihre Gäste nach bestem Vermögen anzuregen und zu bilden. Sie deklamirte ihnen Verse ihres Lieblingsdichters Lamartine und Victor Huao vor: warf religiöse
Fragen auf.dadel sreimlltytg ihre ausgesprochene Hinneigung zu der mosaischen Religion bekennen, und entwickelte bei Allem die ihr eigene unwiderstehliche Liebenswürdigkeit. Die Versammlung lauschte regungslos ihren fesselnden Darlegungen, aber leider ohne das geringste Verständniß. Denn damals, wo es zu den alltäglichen Ereignissen gehörte, daß gefallene Minister auf der Straße die Stöcke ihrer aufgebrachten Parteigenossen zu spüren bekamen, beschränkte sich das geistige Interesse des Griechen ausschließlich auf politische Fragen. Die Herzogin fehlte sich durch diese mehr oder weniger häufig zu Tage tretende Verständnißlosigkeit ihrer Zuhörerschaft nur noch mehr angespornt, und es kam vor, daß der erste Strahl der aufgehenden Sonne durch die Fenster des Schlosses auf ihre vom Eifer der Lehrthätigkeit geröthete Stirn fiel. Trotz dieser unbegehrt und in so reicher Fülle gebotenen geistigen Genüsse drängten sich doch die Athener zu den Gescllschaftsabcden der Herzogin. Denn hier duftete ihnen der bisher vom Hörensagen bekannte goldklare Thee aus zierlichen Tassen entgegen; hier perlte Champagner in den Gläfern, den sie bis dahin nur im Geist mit den Helden der in Übersetzungen gelesenen französischen Romane geschlürft hatten. Die stärkste Anziehungskraft aber übte wohl die Frcigebigkeit der fürstlichen Gastgeberin aus, welche durch Geldspenden und ZuWeisungen von Terrains ihre Freunde" noch inniger an sich zu fesseln suchte. So gab es noch lange danach in Athen Ehegatten, die besonders in der heißen Jahreszeit ihre Frauen mit dem Vorwurf betrübten, daß sie damals nicht bei der Herzogin Thee tranken. Sonst könnten sie jetzt, wie so viele Andere, in ihrem eigenen OelWald lustwandeln und von seinerKühle sich erquicken lassen. Der Zutritt zu dem gastfreien Schloß der Herzogin aber war an eine Bedingung geknüpft: Der Einlaß Begehrende mußte Handschuhe tragen. Das war natürlich damals ein ganz unbekannter Luxusartikel in Athen, und deshalb machten die Handschuhfabrikanten in Paris gute Geschäfte. Um so mehr als sie bei dieser Gelegenheit ihre ganz aus der Mode gekommene Waare trefflich verwerthen konnten. Die in allen nur erdenklichen FarbenNuancen spielenden Hände der Gäste der Herzogin von Plaisance gewährten dann freilich einen etwas seltsamen Anblick. Außer der handschuhgcschmückten Bürgerschaft aber waren auch die in Athen weilenden Fremden besonders französischer Nationalität in dem Schlosse willkommen. Hier verlebten der erste Bildhauer jener Zeit. David d'Angers, ferner Theophile Gautier und Edmond About. der seiner satirischen Feder in seinem noch immer lesenswerthen Werke La Grcce contemporaine" den freisten Spielraum ließ, unvergeßliche Stunden. Wenn die Herzogin keine Gäste bei sich fah, wandelte sie, deren kleine, schmächtige Gestalt Sommer undWiuter in weiße Stoffe, deren Haupt nach mosaischem Ritus stets in Schleier gchüllt war. durch ihren vcm Jlissos durchströmten Garten, wo sorgfältigst jede Anpflanzung und Entwickelung von Bäumen verhindert wurde. Oder sie suchte den Hundezwinger auf. ron wo ihre Lieblinge beim Nahen der Herrin mit freudigemGebell ihre Köpfe hervorstreckten. Furchtlos dehnte sie ihre Spazierfahrten bis in die weitere Umgebung der Stadt aus. trotz der Räuberbanden, die damals Athen unsicher machten. Sie hatte dabei auch wirklich einmal ein wenig angenehmes Rencontre mit dem berüchtigten Räuber jener Epoche Bibichi, den betrogene Liebe dem Räuberhandwerk zugeführt hatte. Die Herzogin saß allein in ihrem Wagen, das heißt allein mit cinem griechischen Offizier, der wie Espenlaub zitterte und seinen Säbel so gut als möglich zu verbergen suchte. Bibichi's Freude über den glücklichen Fang war so groß, daß er ein zwischen 20,000 Doublonen und 100,000 Pfd. schwankendes Lösegeld forderte. Ab:r das Nahen des herzoglichen Güter-Jn-spektors. an der Spitze eine: Schaac Bewaffneten zwang den freudctrunkenen Räuber zum Weichen, nachdem er zuvor 10 Francs von der Herzogin voller Dankbarkeit entgegengenommen hatte. Er verabschiedete sichdann mit so enttäuschter Miene, daß der Herzogin, wie sie selbst erzählte, die Thränen in die Augen traten. Später verständigte sie sich jedoch mit Bibichi in einer diesen einsichtsvollen Räuber so befriedigenden Weise, daß sie seitdem -knbebelliat ibre Ausflüge nach allen Dichtungen der Umgegend ausführen kennte. Denn eine Promenade in der Stadt selbst bot auch jetzt in den fünfzig:'.Jahren noch sehr wenig Verlockendes. Vor den Häusern, waren Kalkgruben polizeilich gestattet; Wasserlachen und verendete Hunde gereichten dem Straßcnbilde nicht zur Zierde, und das elcgante Quartier der Stadt, deren Beleuchtung für den Fall, daß einmal der Mondschein ausblieb, Oellampen anvertraut war, durchquerte eine breite. offene Kloake. Die GesellschaftAthens gab sich im Sommer von 1 bis 9, im Winter von 3 bis 5 Uhr, Nachmittaq ein Rendezvous auf der nach Patissia führenden Landstraße. Hier bot allerdings, falls der Staub es zuließ, die attische Gebirgslandschaft eins der herrlichsten Panoramen der Welt. Aber weitere Reize hatte das elende Dörfchen Patissia selbst nicht aufzuweisen. Vor der Stadt befand sich an der rechten Seite dieser Landstraße ein Kiosk, wo die einzige Musikkapelle Griechenlands des Sonntags concertirte. Auch das Königspaar pflegte sich den Genuß dieser musikalischen Leistungen nicht zu versagen. Der
öiönig im Nanonalkostüm, der ser? Roß nicht ohne Anmuth lenkte, dermochte von weitem mit seiner hohen schlanken Gestalt und dem leidenden Ausdruck im Gesicht Sympathien zu erwecken. In der Nähe aber mußten die schlaffe Haltung und die glanzlosen Augen des vonFiebern Heimgesuchten und angeblich durch den dauernden Gebrauch von Chinin taub gewordenen Monarchen befremdend ausfallen. Die Königin, eine vorzügliche Reiterin, bot ganz im Gegensatz zu ihrem Gemahl ein vollendetes Bild körperlicher Frische. Auf ihrem vollen, in gesunder Röthe erglänzenden Gesicht ließen Spuren ehemaliger Schönheit sich noch verfolgen. Die Herzogin liebte es um so weniger, sich bei solchen Gelegenheiten sehen zu lassen, als sie den Hof mied. Nur einmal hatte ihr der König, die Abwesenheit seiner gestrengen Gattin zweckmäßig ausnutzend, einen Besuch abgestattet. Die Herzogin besaß nämlich am Pentelikon ein nach ihrer Gewöhnheit nicht ganz vollendetes Landhaus. Nun hatte der Besitz gerade eines solchen Landhauses stets zu den Lieblingswünschen des Königs gehört. Aber der pompöse Bau des Residenzschlosscs in der Stadt, welches 10 Millionen kostete, hatte dieKassen erschöpft. Deshalb wild die im Herzen des Konigs leise keimende Hoffnung, eine darauf hinzielende Anspielung werde bei der Herzogin vielleicht nicht erfolglos bleiben, verständlich erscheinen. Und die Herzogin brachte auch wirklich dem Anliegen desKönigs das liebreichste Entgegenkommen und ein Verständniß entgegen, das nichts zu wün--schen übrig ließ. Sire," erwiderte sie mit warmem Tonfall in der Stimme, nehmen Sie mein Schloß, beenden Sie den Ausbau. möbliren Sie es ganz nach Ihrem Geschmack es wird Sie das nicht mehr als 50.000 Fcancs kosten und wenn Sie es zehn Jahre hindurch benutzt haben, geben Sie es mir in der Gestalt und Ausstattung, die Sie ihm zu aeben beliebten, zurück." Diese Antwort dürfte ihren feinen., durchdringenden Verstand hinreichendkennzeichnen. Ebenso bewunderungswürdig war die ungeschwächt erhalteneKraft 'ihres Gedächtnisses, sodaß sie all die heiteren Histörchen, die sie in ihrer Jugend am Pariser Kaiserhof gehörthatte, bis an ihr Lebensende in ihrer launigen Art wiederzugeben vermochte.. Mit ihrer zielbewußten, unbeugsamen Energie ging die Beständigkeit ihrer Sympathieen Hand in Hand. Die moralische Unantastöarkeit .ihres E!zaraktcrs war während ihres ganzen Sltbens selbst für ihre Feinde eine unbestreitbare Thatsache. Aber es fehlte ihr auch nicht an Eigenthümlichkeiten. So wollte sie ein und für allema! Frau Herzogin" angeredet sein. ..Denn." pflegte sie zu sagen, was bleibt mir. einer alten, kranken Frau, außer meinem Titel?" Ferner war ihre Vorliebe für jugendfrische Gesichter so groß, das; ihre ganze Dienerschaft ausschließlich aus jungen Leuten bestehen mußte. Ihre erste Gesellschafterin war ein Fräulein Photini Mavromichalis. eine außergewöhnlich anmuthige Erscheinung. Sie hatte sich unter ihrer Leitung zu einer vollendeten Weltdame herangebildet, die durch ihr vornehmes Auftreten, ihr geistreiches Geplauder in der glänzend beherrschten französischen Sprache die Bürgerschaft AthenL in Erstaunen versetzte. Auf Fräulein Mavromickalis, welche Hosdame der Königin wurde, folgte die Tochter des bekannten Mis solöngiten Cristos Kapsas als Gesell schaft'erin der Herzogin, welche auch bei ihr eine ähnliche überraschende Wand lung des äußeren und inneren Men-. schen bewirkte. Nachdem sie die Zukunft des von ihr mütterlich geliebtenjungen Mädchens durch eine Heirath mit dem Bankier Georg Skouzes sichergestcllt hatte, trug sie sich in ihrcrr letzten Lebensjahren mit dem Plan, eU nen griechischen Lehnsadcl zu begründen. Zur großen Enttäuschung all derjenigen, welche schon mit freudiger Unruhe" erneuten Schenkungen von Grundstücken entgegengesehen hatten, gab sie aber schließlich diesen Plan auf. da sich ihr Vermögen dazu denn doch nicht als groß genug erwies. Seit 1S54 verließ sie ihr Schloss nickt mcbr und konnte auch nicht mehr die ihr lieb gewordenen Abendgesel7schasten um sich versammeln. Ein Jahr lang war sie, um die es ganz einsam geworden war, an das Bett gefcv,klt. Nur Frau Skouzes wurde dann unb wann zu ihr gelassen. Sie mußte der Sterbenden Verse aus ihrem Lieb- , lingsdichter Lamartine vorlesen, von deren Wohllaut emgewicgt sie die Augen für immer schloß.' Lei der Furcht vor dem lebend. Begrabcnwerden, die sie ihr Leben lang bchcrrscht.hatte sie ausführlicheWeisnngen hinterlassen, die jeden Zweifel über ihr wirklich crfolgtes Abscheiden beheben mußten. Ihre Besitzungen sielen ihrem Neffen zu. der sie an die griechische Regierung und Georg Skouzes verkaufte. Ihr Gemahl, der als InHaber des Großkrcuzes und Ceremonienmeister der Ehrenlegion in Paris lebte, soll ihren Tod aufrichtig betruert yaben. Sie fand ihre letzte Ntthestatte aus ihrer Besitzung am äPenlelikon, neben dem Grabe ihrer Tochter. So endete die ehemalige hochgepricseae Schönheit eines der glänzendsten ZlaZserhöfe der Welt. In der Fremde der liebevollen Fürsorge ihrer Verwandten ferngerückt, starb sie vergessen in einem melancholischen Zimmer ihres Schlosses am Jlissos. Das war der Abschluß des inWahrheit unglücklichen Lebens einer außerordentlichen Frau, die mehr Geist, mehr äußere Glücksgu terlnd Tugenden besaß, als erforderlich sein müßten, um das Glück in dieser Welt dauernd zu begründen. .
