Indiana Tribüne, Volume 20, Number 300, Indianapolis, Marion County, 18 July 1897 — Page 2

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'Wörtlich genommen.

Humoreske von K. R. Der Hinzpcter- von Pömmelte schaute so dumm darein, als ob er nicht bis fünf zählen könnte; aber faustdick hatte er es hinter den Ohren und wer ihn für dumm verkauft hätte, der würde baarcS Geld verloren haben. Zu der Zeit, da die Geschichte beginnt, war Hinzpeter Nachtwächter von Pömmelte. Tas war ein guter Posten, da hatte er tagsüber nichis zu thun und Nachts konnte er schlafe::, denn die Bauern in pömmelte legten fich zeitig auf's Ohr und schliefen auch. Ta kam ein neuer Küster in das Torf, der machte oft die Nacht zum .aae, das geint, er ging erst nach Mit lernacht zu Bett und stand zuweilen schon vor dem Morgengrauen au?. Ter merkte endlich, das; Pömmelte des Nachts ohne Wächter war und nun wollten die Bauern plöt,l:ch von dein braven Hinzpcter früh geweckt werden, der eine um Drei, der andere um Bier, der dritte gar um Fünf erst, natürlich ! blos; UM zu sehen, ob der NachtWächter am Platze sei. Mex-fcio ! Ter machte dem Jüitcr eine Faust in der Tasche und sann auf Rache. Jn-.wi-scheu stand er um 3 Uhr auf und weckte seine Bauern der Reihe nach, wie sie es bestellt hatten, ein paar Wochen lang. Tann wurde ihm der Cpzs; zu langweilig und er trommelte sie sammt und sonders um 3 Uhr aus den Federn. Bist Tu denn verrückt, Hinzpetcr !" schrieen die zu srüh im Schlummer gestörten, es ist ja noch stockrabenschwarze Nacht !" (5H, was ! ich will auch ein Bischen schlafen!" gab Hinzpetcr mit dem dümmsten Gesicht zurück. Ta war es freilich mit dem Nachtwächterposten bald vorbei und Hinzpetcr wurde Amtsbote beim Schulzen, denn er gehörte einmal zur Gemeinde ; fortjagen konnte man ihn nicht. Tcr Votcnposten war auch nicht übel. Viel zu thun gab es nicht ; aber auch das Wenige machte sich der Hinzpetcr noch bequem. Sollte er den Bauern irgend etwas ansagen oder ein Schriftstück circuliren und unterschreiben las sen, dann ging er cinfach in die Gemeiudcschcnke und wartete dort bei einem Glase Schnaps, bis die Leute einer nach Dem andern vorbei kamen. Tann ris; er den Fensterflügel auf l:nd rief hinaus: He, Hanues Müller oder Jochen V!öbes, komm mal rein, sollst mal was unterschreiben !" und die braven Bauern sahen dies nicht ungern, denn einen Schnaps oder einen Schoppcn Bier trank Jeder gern, und HinzPeter stand sich doppelt gut dabei, da für ihn jedesmal eine gute Frcizeche abfiel. Aber den Bauernfrauen gefiel die Geschichte nicht, die wollten ihre Ehe v f v S i tu C 4 - I iyiin.ii tivuiu-j im -yuuc ucijuiiui lluu deshalb war es auch mit dem Botenl)0ttn hcilh ünrüher. .CSinifofrr mm-ft t " p - - - - - jrvv v wieder eine Faust in der Tasche, die galt den Weibern, und dann wurde er zum Kirchendiener und Balgentrctcr ernannt. (5s ging aber schon am ersten Sonntag recht haperig mit dem Orgelspiel, die Pfeifen quietschten wie junge Ferkel, der Küster schwitzte große Angsttropfcn auf seiner Bank und die Vauernfraucn schauten ganz entsetzt nach der Orgel hinauf als ob der Böse darinnen hauscte. Er muß es erst lernen", meinte der Schulze. Aber Hinzpcter lernte es nicht. (5h was !" rief er. Tcr Küster spielt blos verkehrt ; wenn ich Befiehl Tu Tcine Wege" trete, dann spielt er: ?lch bleib mit Deiner Gnade", das kann nicht stimmen." Natürlich, darin hatte ja der HinzPeter Recht. Tas wollten aber weder Küster noch Bauern einsehen und deshalb wurde er auch diesen Posten los. Nun war guter Rath theuer ; man "wußte wirklich nichts mehr, wozu man den alten Burschen gebrauchen könnte. Ta erbarmte sich der Herr Pastor seiner. Tcr bekam nämlich zu jener Zeit noch einen Theil seines Pfarrrgehaltes in Form von Eiern, Würsten. Butter und dergleichen. Tiefe Naturalien sollte lhm der Hinzpcter einsammeln, denn die wakercn Bauern vergaßen die Lieferung zuweilen. Tcr Posten war nun zwar nicht, so leicht, wie die ersten drei: dem der Hinzpeter mußte manche Stunde Weges lausen und zuweilen ganz beträchtlich schleppen; aber er war ihm doch der liebste, denn der Herr Pastor war ein herzensguter Herr, der lieber ein Auge zudrückte, ehe er den Mund zum Tadel aufthat, und die Vauernfraucn gaben nicht nur ihrem Pfarrherrn gern mehr, sondern sie traktirten auch seinen Boten, den Hinzpcter waidlich. Eines Tagcs hatte Hinzpeter auf einein solchen Rundgange außer den schuldigen Emolumenten von einer Bauernfrau eine prachtvolle fette Gans für den Herrn Pfarrer erhalten. W, rief dieser vcrgnüzt, das ist ja ein wahrer Gottesscgen, so eine prachtvolle Gans!" und schenkte dcm Hinzpetcr ertra eine Mark, dann entließ er ihn. wie gewöhnlich mit den frommen Worten: Nimm Gottesscgen mit Tir, Hinzpetcr!" Was that Hinzpcter? Er nahm die fette Gans mit. Tas war denn auch dem gutherzigen Pfarrherrn zu arg, er entließ den Schlingel und damit ist die Geschichte aus. Ein Etikettekundiger. Nichter (zum Stromer): Setzen Sie sich!" Stromer (für sich): Un' des will im' 'n iebildeter Menses) sein ? Man sagt doch: Bitte nehmen Sie Platz"!" Vertrauenswürdig. Freund: Wie, alle möglichen Professcren hast Du consultirt. und jetzt läßt Du Dich von dem simplen Docior Neuntödter behandeln?" Vatient: Ja, das ist der einzige gewesen, Ux mir's Bier nicht verboten hat!" ,

Aer Schnitter. Von C. E. Ries. Der Mond war eben fertig geworden mit seiner Arbeit; er hatte einen schönen, warmen Sommertag gemäht. Nun ruhte er aus. Er wischte den Schweiß von der Stirn, rieb und putzte die goldene Sichel und hängte sie blitzend und blank an den dunkelblauen Abendhimmel. Dabei sah er hinab zuv Erde. Gerade in dem Augenblick trat unten die schöne Suse aus ihrer Thür, und der Mond sah hin und ließ nun den Blick nicht mehr von ihr. So schön war sie.

Er kam alle Tage früher, um sie sich anzuschauen, und freute sich,, daß sich das mit seinen Jahresgeschästen so gut vertrug. Endlich im Spätsommer er war schon sehr früh fertig geworden sprach er zu sich: Das geht so nicht länger, heute will ich hinab auf die Erde; die schöne Suse gefällt mir gar zu gut. Er zog also einen Wolkenvorhang über den Himmel, daß niemand seine Abwesenheit merkte, und ließ sich auf die Erde hinab. Hier traf er zuerst auf eine Lerche, die kerzengerade aus dem Korn in die Luft aufschoß und trillerte. Die fragte er: Kennst du die schöne Suse?" Ei, freilich", zwitscherte sie, sie ist fast so früh auf wie wiv!" Ich will um sie werben", sagte der Mond. . Wie wirst du das machen?" fragte erstaunt die Lerche. Wir verstehen ja die Menschen wohl, sie uns aber nicht, weil wir die Menschensprache nicht sprechen!" Ließe sich das nicht lernm?" fragte der Mond. Ich weiß nicht," meinte die Lerche. Doch höre, mir fällt etwas ein. Da ist ein Star meiner Bekanntschaft. Der ist in der Jugend viel unter den Menschen gewesen und hat ihre Sprache gelernt. Viel weiß er wohl nicht mehr, er ist alt und hat kein Gedächtniß. Aber fragen könntest du ihn." Da ging der Mond zu dem Star und fragte ihn: Kannst du mich wohl -die Sprache der Menschen lehren?" Der nickte geschmeichelt und rief immerzu: Für dich! Für dich ! Für dich!" Weiter wußte er nichts mehr. Ueber und über genug!" dachte der Mond; wenn sie mich lieb hat, versteht fr's." Er machte sich auf und suchte die schöne Suse. Da fand er denn freilich heraus, daß sie bereits viele BeWerber hatte. Die faßen im Kretscham und zechten und praßten und warteten drauf, wen sie wählen würde; denn das Bauerngut von dev Suse stach ihnen gerade so in die Augen wie die Bäuerin selber. Aber dieSuse wollte von allen nichts wissen. Sie mochte nur einen, den Jörgen. Und der mochte sie auch, doch er war arm und wagte es nicht, um st zu werben. Nun ließen aber die Freier nicht nach und baten und drängten. i um Schönsuse wußte sich keinen Nath rnehv in ihrer Noth. Da verfiel sie auf etwas. Sie sprach: Ihr müßt mir dreierlei thun, und wer die drei Stücke zuwege bringt, den will ich nehmen!" Da jauchzten die Freier und waren guter Dinge., Sie aber dachte: Was ich will, das kann niemand, da bin ich sie los!" Und sie sagte: .An meinem Weae vorbei fließt ein Bach, und an dem acy liegt eine Wiese, und es ist Zeit zum Grummet. Wer mir moraen nacht kann allein die Wiese mähen, der oü yosbauer werden!" Oho!" riefen die Freier. Da such erst nach einem, der's kann!" Und sie praßten weiter, und auch der arme sorgen stand am Ofen und schüttelte traurig den Kopf. Der Mond aber batte jedes Wörtlein gehört, und am Abend, als nock. die Freier im Wirthhaus zechten und lärmten und der Moraen betrübt auf der Ofenbank saß und den Kopf in die Hände stützte, da ging er hinaus auf die Weise, nahm seine goldene Sichel zur nd und schnitt das Gras. Schönsuse sab durck das Kammerfenster und sah einen Sckiein auf der Wiese wie vom Mondlicht; aber kein Mono stand am Himmel. Das wird wohl der .öraen sein" meinte sie. und bat eine Laterne und haut das Gras." Sie stand auf und aina binaus auf die Weise. Da war aber kein Moraen. Es stand ein bleichen Mann auf der Wiese und schnitt das Gras mit goldener Sichel, und von der kam der Lichtschem. Die Suse ersckrak bis in's en hm ein; jetzt war doch einer da, der's versuchte. Sie trat m dem bleicben Schnitter heran und fragte scheu: Wer jj 141 " Vltt 0U 5 Dev Mond aber schwieg und sah sie nur an. Deine Auaen seben aus. als ob sie nicht schlafen könnten", sagte sie angstucy. Wer bist du?" Aber der Mond aab nickt Antwort. at) it an und mayte dann schwelgend weiter. Da versuchte d.as Mädchen es noch einmal und fragte: Für wen mähst du die Wiese?" Jetzt erhob er die Augen und sprach leise: Für dich!" Ach!" seufzte die Suse. Das kann mir nichts helfen. Ja. wenn's noch der Jörgen wäre!" Und sie ging fort. Der Jörgen!" dachte der Mond betroffen. Ist das der Bursch, der am Ofen stand?" Aber er sagte nichts mehr, sondern sah nur traurig dem Mägdlein nach. Dann mähte ev weiter, 1

still und emsig, und lange vor Morgengrauen war der Grummet gemäht und in Haufen. Frühmorgens kamen die Zecher vom Wirthshaus und wollten schien ihren Augen nicht trauen, als sie das Gras gemäht und in Haufen fanden. Wer hat das gethan?" Ihr nicht", sprach Schönsuse. was ficht es euch an?" Sie ließen aber nicht nach und hör ten herum und fragten die Leute. Die erzählten von einem mit bleichem Gesicht und hoher Gestalt, der mit einer goldenen Sichel das Gras in der Nacht gemäht, und sie zeigten auf ihn, der gerade des Weges kam. Da wurden die Burschen gelb vor Neid und machten die Arbeit schlecht und sprachen: Das geht nicht mit rechten Dingen zu!" Pfui!" rief der Jörgen, hat er's geschafft, so war's eine wackere Arbeit!". Der Mond hörte alles an. So", sprach er zu sich, das ist also der Jörgen." Was einer kann, dos können wir auch", schrieen die Freier und drangen auf's neue in die Bäuerin, daß sie das zweite Stück sage. Nun wußte sie sich nicht mehr zu helfen und sprach: Hinter fcm Hof, da ist ein rothes Kleefeld, das ist noch einmal so groß als die Wiese. Wenn einer allein in der Nacht mir den rothcn Klee haut, nachher wird er Herr auf dem Hof." Das kann sichev niemand!" dachte sie. Und die Freier dachten dasselbe. Sie versuchten's drum gar nicht, sondern lachten, zogen in's Wirthshaus und schlemmten weiter. Und der Jörgen saß wieder betrübt auf der Osen-f dank, hörte die wilden Reden mit an und stützte den Kopf in die Hände. Doch der Mond ging hinaus, nahm seine goldene Sichel zur Hand und schnitt den rothen Klee. Schönsuse sah wieder den Lichtschein vom Fenster und dachte: Heute ist's gewiß der Jörgen!" Aber, als sie hinauskam, da war es wieder der bleiche Mann von gestern. Der stand und schnitt mit goldener Sichel, und von seiner goldenen Sichel fiel gelbes Licht aus dem rothen Klee. Schönsuse .fragte nicht mehr wer bist du? Sie weinte und sprach: Warum hauest du denn den rothen Klee?" Da hob der Mond wieder die ewigen Augen und sprach: Für dich!" Der Suse rollten die Thränen über die Wangen: Das kann mir nichts helfen; ja, wenn's der Jörgen noch wäre!" Sie wandte sich wieder ab und ließ ihn allein. Er mähte weiter, ganz langsam und traurig, aber lange noch vor. Tagesgrauen, da war der Klee gehauen und in Haufen gebracht. Die Zecher kamen vom Wirthshaus, staunten mit offenem Munde und riesen giftig: Er ist ein Hexenmeister. Man sieht es an seinem Gesicht und an den Augen." . O schämt euch!" rief wieder dev Jörgen. Das leide ich nicht; er sieht nur traurig aus. Hat er's geschasst, so ist er ein ganzer Mann." Brav ist der Jörgen und rechtschafsen", dachte dev Mond. Kein Wunder, daß die Suse ihn mag!" Aber die Freier wurden nur wilder und schalten und drängten die Suse, daß sie das dritte Stück sage. Wie finde ich nur. was keiner kann?" klagte das Mädchen. Endlich sprach sie: ' Hinter dem Haus ist ein Kornfeld. Solchen Weizen wie den hat niemand im Dorf, auch nicht der Herr Pfarrer. Da kann ein Mann durchgehen und ist nicht zu sehen darin. Den sollt ihr mir schneiden in einer Nacht." Aber sie wußte wohl, das Kornfeld war noch größer als Kleefeld und Wiese zusammen, und das brauchte niemand zuwege. Und sie war froh, als die Freiev lachten und höhnten: Fmd einen, der's thut!" Bon neuem gingen sie ins Wirthhaus und tranken. Aber der Jörgen ging nicht mit. Dies ist das letzte Stück, dann ist alles vorbei", sagte er; man kann ja nicht mehr als versuchen." Er ging in die Hütte, nahm seine Sense vom Nagel und dengelte sie, daß es durchs Dorf klang. Am Abend, als es schon dunkelte, schritt er hinaus auf das Feld und machte sich an die Arbeit und mähte das Korn. Der Schweiß floß in Strömen von seiner Stirn, und Stunde auf Stunde verrann aber er kam nicht viel weiter. Das Feld war zu groß. Was hilft es, daß ich mich mühe", sagte er traurig, ich bringe es nimmer fertig. Es ist ganz umsonst." Er stand und stützte den Arm auf di Er stand und stützte den Arm auf. die Sense. Da fielen plötzlich die goldenen Aeh ren in weitem Umkreis zu feinen Füßen nieder, und staunend sah er das Kornfeld gehauen und sah den bleichen Fremden, dev mit gewaltigem Arm über dem letzten Stück die goldene Sichel schwang. Bewundernd sah er ihm zu. Du bist ein Ordentlicher", sagte er. Darüber kam die Suse aufs Feld. Sie hatte wieder den Lichtschein bemerkt und bei sich gemeint: Vielleicht ist's diesmal der Jörgen!" Sie strahlte vov Freude, als sie ihn nun wirklich sah. Er aber hatte die Augen voll Thränen und sagte bekümmert: Ich bringe es nicht. Ich bin auch zu schlecht für dich!" Die Suse seufzte aus Herzensgründ, sie wandte sich ab von dem fremden Mann und fragte nichts mehr. Sie faßte nur still ihres Jörgen Hand und stand und weinte. Der. Mann blickte ihn auf die beiden. . Der Jörgen, der hatte ihm Gutes

gethan und war für ihn eingetreten, brav und neidlos, da die, andern ihn schlecht machten, und die Suse, die mochte ihn nicht. ' Er seufzte auf. Die beiden hörten's und wandten sich zu zu ihm. Was nur mähst du das Koni?" rief die Suse verzweifelt. Da sah derMond sie lange und wehmüthig' an, wie einer, der Abschied nimmt von dem Glück. Dann hob er sich auf zu gewaltiger Höhe, berührte mit seiner Sichel Jörgens Sense und sprach mit fester Stimme zu ihm: Für dich!" Laut auf schrieen die beiden vor Glück, jauchzten und lachten und sieken sich in die Arme und küßten einandev und fahen im Morgengrauen, daß Jörgens Sense zu Gold geworden war. i Wo,ist Warna? AuZ dcm Holländischen des I. van Woude. Die Uhr hatte kaum Zwölf geschlagen. da kamen schon die ersten Schuljungen angestürmt die Größten, darunter auch mein Aeltester ... da ist er, erhitzt, außer Athem und jeden Angreiser mit seiner Ledertasche abwehrend, die er an einem Riemen herumschwenkt. Dann kommt er triumpirend die Treppe herauf und schellt. Ich kann sein herrlich verbranntes Gesicht gerade im Spiegel sehen. Die Mütze schief, die Haare verwirrt, seiss blaue Bluse aller Frischheit beraubt, ach ! Aber immerhin lieber einen kleinen Straßenräuber als einen Mode-Af-fen! Das Mädchen öffnet ihm die Vorderthür. Wo ist Mama?" so klingt seine helle Knabenstimme und aus ihre Antwort scheint er in dem Zimmer, wo ich beschäftigt bin, meine Näharbeit zusammenzulegen. Guten Tag, Mama!" Unsere Augen begegnen sich. Sollten die meinen nicht jeden Tag von Neuem mit unaussprechlicher Liebe auf ihm ruh'n? Was ihn betrifft, so spricht seine Herzlichkeit mehr aus seinen Augen als aus seinem Tone; er ist in dem Alter, in dem ein Junge sich über äußerliche Zärtlichkeiten ansängt zu schämen. Guten Tag, mein Junge!" Mehr sage ich nicht, aber er weiß, daß sein Zuhausekommen mir immer eine Freude ist; er weiß, wenn er in der Schule vielleicht an mich denkt, daß ich mich nach ihm sehne und vor dem Fenster stehe, um nach ihm auszuschauen; er weiß, daß er ein Theil, ein sonniges Theil von meinem Leben ist, daß sein Glück mein Glück, sein Schmerz mein Schmerz ist;, er weiß, daß ich den wärmsten Antheil an seinen Interessen nehme, daß ich leide, wenn er Strafe verdient; er weiß auch, daß, so lange ich lebe, mein Haus das seinige ist und daß, selbst wenn die ganze Welt ihn verließe und verhöhnte, sein Mütterchen immer das Beste von ihm glauben würde. Wenn wir einander in die Augen sehen, vielleicht hastig und scheinbar gleichgiltig, so ist es wie ein Lesen der einen Seele in der andern, und diese Seelen sind voll Zärtlichkeit. Da kommt wieder Jemand die Treppe herauf. Es ist Züs (Name für älteste Schwester). Nett und ruhig kommt sie angegangen, Hut und Mantel in bester Ordnung, ihre Tasche am Arm; sie klingelt leise. Wo ist Mama, Betje?" fragt sie, indem sie ihre Sachen tadellos an den Kleiderstock hängt. Dann kommt sie herein, immer gleich ruhig, mit kleinen zierlichen Schritten, küßt mich und beginnt mir bei den Vorbereitungen zum Frühstück zu helfen. Sie setzt die Stühle zurecht, sieht nach, ob ich eine Fußbank habe, belegt die Butterbrode und zerschneidet sie Alles mit vornehm mütterlichen Bewegungen und unterdessen erzählt sie mit ihrem feinen Lächeln und füßer Stimme. Mit fürstlicher Verachtung wehrt sie die Brodküqelchen ab, die ihr ältester Bruder auf sie abfeuert, und erträgt großmüthig sein unbändiges Lachen, wenn eines seiner Geschosse gut trifft. Ueber Jungens" fühltZüs sich zu hoch erhaben, um sich darüber zu erzürnen. Sie fühlt sich Eins mit Mama, und nimmt langsam alle meine Ruhe und Würde von mir an. Es ist ein stilles Verständniß zwischen uns Beiden, das keinen anderen Grund hat, als daß wir beide Frauen sind; das will in Züs Schätzung bedeuten: sehr verständige Leutchen. Züs ist meine rechte Hand. Ungeachtet ihrer großen Jugend kann sie sehr nett Thee machen, kann auch die Knaben beschäftigen, wenn ich 'mal abwesend oder nicht wohl bin. Ach, und wer sie als Krankenpflegerin kennt, gibt ihr für immer einen Platz in feinem Herzen. Still, über die Liebe zwischen Züs und mir kann ich nicht sprechen, ohne daß mir die Thränen in die Augen kommen! Tingeling, Tingeling! tönt es laut noch lauter; das ist Benjamin. Das Fräulein aus der Fröbelschule, die ihn nach Hause bringt, muß ihn immer aufheben, damit er selbst klingeln kann. Das ist aber noch nicht genug. -nun klappert er noch mit dem Deckel deö Briefkastens. Welch' ein Lärm! Die Thür öffnet sich und mit seiner heiseren, rauhen Stimme ruft er laut: Guten Tag, Bet! Wo ist Mama? Da steckt ein Officier drin!" sagt Großpapa immer. Mütze und Jacke ablegen, das hat der Dicke noch nicht unter seinen Pflichten aufgenommen, ebensowenig wie das Abputzen seiner Füße; geradeaus läuft er in's Zimmer in dem vollen Bewußtsein, daß es sein Recht ist. bei der Mutter zu sein. Da ist er blllkzend, strahlend und lachend. Nein wirklich, man muß ihn küssen, und das weiß er auch wohl; er wartet darauf. Ich kniee bei ihm nieder und küsse seine sammetweichen Bäckchen und er klaminert sich fest an meinen Hals an. Ich möchte wohl wissen, ob es einen Herrlicheren, reineren Genuß gibt, als sol-

che Küsse zu fühlen und durch solche Aermchen liebkost zu werden. O, kleiner Engel! Könntest Du immer so bleiben, so stolz, so Hcldenmüthig, so schelmisch, so sanft, so rein! Wo ist Mama?" Meine Lieblinge, einmal werdet Ihr alle von mir gehen nach fernen Landen, nach einem eigenen Heim, oder dahin, wohin Eure Pflichten Euch rufen werden. Einmal werde auch ich von Euch scheiden, um nie mehr zurückzukehren. O, vergeßt nicht die alteSage, die ich so gern hörte in den sonnigen Tagen, als ich mein Bestes that. Euch Eure Heimath anmuthig zu machen; wissend, daß, wie dunkel manches Menschenleben auch wird, die Erinnerung an ein liebes Zuhause ein Sonnenstrahl auch in der tiefsten Finsterniß bleibt. Erinnert Euch meiner oft und denkt, daß ich Eurer aller nur in Liebe gedenke! Seid Ihr glücklich, krönen Ehre und Nuhm Eure Häupter, sind Eure kühnsten Träume erfüllt, so thut die alte Frage: Wo ist Mama?" und laßt mich Eure Freude theilen. Seid Ihr traurig, habt Ihr Unglück, fühlt Ihr Euch einsam und allein, dann stellt Euch wieder dieselbe Frage und schüttet Euer Herz in das meine aus. Alte Herzen sind noch stark qenug. um das Leid ihrer Lieben tragen zu helfen. Lockt die Versuchung, so erinnert Euch, wie lieb ich Euch hatte und wie ich Euch immer vertraute, als Ihr noch Kinder wäret. Und bin ick einmal hingegangen, dann denkt manchmal an das stille Plätzchen, wo ick ruhe, und glaubt, daß ich Euch nahe bin richt als ein düsterer Geist, sondern als ein Engel, der segnend seine Hände über Eure Häupter ausbreitet. " Tag und Nacht, Tag und Nacht!. . Tic Blume im Thal. Von I. Trojan. 1 Arme Blum' im Thal, Die vom Sonnenstrahl Kaum beachtet ist. Wie so lieb du bist, Wie so hold imt schön. Und mußt bald vergehn, Arme Blum', arme Blum' im Thal! Arme Blum' im Thal, Wenn er käm' einmal. Der dich fänd' und pflückt', Wär' er hochbeglückt; Doch versteckt im Grün, Mußt du still verblühn. Arme Blum', arme Blum' im Thal! Mädchenmarkt in St. Petersburg. Noch zu Anfang der sechziger Jahre herrschte in St. Petersburg eine eigenthümliche Sitte, die noch aus den Zciten Peter's I.. des Gründers derStadt. übernommen zu sein schien eineZurschaustellung der heirathsfähigen jungen Mädchen am Pfingstsonntage beHufs Anknüpfung von Ehebündnissen. Es ging dabei folgendermaßen zu: Sammelplatz war der Sommergarten, wo die Mädchen in ihrem bestenStaate. begleitet von ihren Eltern oder einem andern älteren Mitglied der Familie, erschienen. Sie trugen dabei gewöhnlich Bündel silberner Theelöffel, einen silbernen Kochlöffel oder ein andres luxuriöses Stück aus der Wirthschaft in der Hand, zum Beweise, daß die Betreffenden ihrem Gatten auch etwas an Werthgegenständen mitbringe. Die heirathslustigenJunggesellen schlenderten .nun gemächlich durch die Reihen, prüfend die. Mädchen beguckend. Gefiel dem einen oder andern diese oder jene, so wandte er sich keineswegs direct an dieselbe, sondern zunächst an gewisse älter: Personen, die als Vermittkrinnen dienten, entweder ausFreundschast oder für bestimmte Sporteln. Er erkundigte sich bei ihr nach den Familienverhältnissen. namentlich aber nach der Mitgift seiner Erkorenen, gab ihr über auch zugleich über seine Person und sein Vermögen Auskunft. Entsprachen die Mittheilungen hüben oder drüben nicht den gestellten Ansprüchen, so zuckte man die Achseln und trennte sich wieder; aber auch bei befriedigenden Nachweisen würd: augenblicklich noch nichts entschieden. Es konnte ja sein, daß das Mädchen mehrere Bewunderer anzog. War das der Fall, so wurde am Abend Familienüerathung gehalten, wobei man ruhig und gelassen die Amrbietungen jedes Junggesellen abwog und dann gemeiniglich dem am besten Situirten dasMädchen zusprach. Nur äußerst selten machte das letztere gegen den solcherweise ausgesuchten Bräutigam einen Einwand. Unverfroren... Vater der Braut: Mit den fünfzigtausend, die meine Tochter mitbekommt, bezahlen Sie Ihre Schulden, und dann ?" Bewerber: Na, dann habe ich ja wieder Credit!" Die größte Strafe. Nachtwächter' (eine Gesellschaft Betrunkener arretirend): So. die Unverheiratheten kommen mit zur Wache, und die Verheiratheten gehen nach Hause zur Strafe!" Gründlich. Attackirte Dame: Was wollen Sie denn noch? Ich habe Ihnen doch bereits mein ganzes Geld und meinen sämmtlichen Schmuck gegeben." Strolch: Habt.v Sie wirkiich nichts mehr von Gold oder Sil-der?-Gengen's. lassen's einmal Ihr Gebiß anschau'n!" ' Freuden der Ehe. Sie: Habe ich nicht in tausendfacher Weise gelitten, seitdem ich Deine Frau bin?" Er: Mag sein, aber in einer Weise sicher noch nicht." Sie (empört): In welcher, wenn ich bitten darf?" Er: In stummer Weise." UnerwarteteWendung. Tante Emma: Fritzchen, wenn ich Dir einen schöben, rothen Luftballon kaufe, was thust Du dann?" Fritzchen: Dann verrathoich nicht, daß Vetter Robert Dich gestern Abend in dem Hausflur küßte!"

Ein attcr Junggeselle. Characterskizze auZ dem deutschamerikani schen Leben ron W. v. Schicrbrand. Es herrschte eine gewisse Aufgeregtheit an jenem Abend in der gemüthlichen Stammkneipe an der Jackson Street, der man auf zehn Schritte die klassischen und studentischen Neminiscenzen ansah, denn auf dem großen Schild über der Thür waren nicht nur die Embleme eines rechtschaffenen Vierdurstes angebracht, sondern auch das Conterfei einer Gruppe trinkbarer Männer, die sich am goldgelben Gerstensaft labten und um die sich bandförmig die Devise zog: O alte Burschenherrlichkeit!" Der Wirth nicht allein, der ein im 27. Semester befindlicher alter Heidelberger war. sondern auch das Gros seiner Stammgäste waren alte Studenstn". die sich zu löblichem Thun" allabendlich im traulichen Hinterzimmer zu versammeln pflegten. Und dort erinnerte, in der That Alles an die verflossene Burschcnherrlichkei photographische Gruppenbilder, rostige Schläger, mächtige Trrnkhörner. Festons von Cereviskappen etc., etc. und nicht zum mindesten that dies Spund", der alte Kneipendiener, ein Original. Eine Karte machte die Runde um den langen Biertisch, und Jeder, der sie las, machte dazu seine Bemerkung. Auf der Karte stand, in feinen gravirten Lettern, die Vermählungsanzeige eines Pärchens Willibald Merk und Agathe Lengeseld, so hieß es darauf. Die Commentare, die dazu fielen, ließen die meisten Anwesenden als entschiedene Feinde des löblichen Ehestandes erkennen. Zum Theil waren sie bissig. Wieder 'mal ein Gestrauchelter," brummte Bralitz, der Nestor der Tafelrunde. Ja, eigentlich war er zu alt. um noch solche Dummheiten zu begehen," setzte Alsing, der wohlhabende Apotheker von der Ecke, hinzu. Na, 38 ist doch eigentlich noch ein hübsches Alter." warf Schall, der Advocat. ein. der im Gerüche eines unverbesserlichen Mädchenjägers stand, indem er sich mit einer tragikomischen Geberde über die breite Glatze auf seinem mächtigen Schädel fuhr. In diesem Momente wurde die Thür aufgestoßen, und dann folgte ein betäubendes Getrampel und ein taetgemäßes Trommeln auf der Tischplatte, daß das ganze Zimmer bebte. Durch die Thür schob sich die kleine, untersetzte Gestalt des alten Doctor Mending. dem der mächtig große Cylinder und die straffe Haltung vergeblich das Ansehen eines Goliath zu verleihen suchte. Mächtig prustend, nahm der kleine Herr an dem Tische Platz, und nachdem er mit einem einzigen virtuosen Zug, dem man die langjährige Praxis ansah, den schäumenden Pokal geleert, den. Spund's liebevolle Sorgfalt sofort vor ihm placirte, musterte der alte Doctor stirnrunzelnd und schweigend die Heirathsanzeige. Dann sagte er nur: Na, hätte auch etwas Gescheidteres thun können, der brave Willibald." Nachdem dann rasck einige Clubangelegenheiten auf bündige Weise erle-

; digt worden waren, erscholl der dröhnende Blerbatz des Präses: -Silentium ex! Colloquium!" Und ein heiteres, ja lustiges Gespräch kam alsbald in Fluß. Doch der Abend sollte noch eine Ueberraschung bringen. Von Spund unter allen Anzeichen einer folgenschweren Ceremonie hereingeführt, betrat nämlich ein junger Mann das Zimmer, der bescheiden an der Thür stehen blieb. Spund aber überreichte seine Karte dem alten Doc- , tor Mending. Und kaum hatte der ' einen flüchtigen Blick auf dieselbe geworfen, als er mit jugendlichem Ungestüm aufsprang und dem Ankömmling entgegeneilte. Die Karte ließ er liegen. Es stand nur darauf: Paul Schering, Stud. med., Heidelberg Marburg." Der Fremdling war eine echte Germanengestalt über Mittelgröße, . schlank und doch von mächtiger Brust- . weite: das blonde, lockige Haar hing , ihm frei um die hohe Stirn, die von : zwei tüchtigen Narben geziert war, , und das Bärtchen umschattete einen ! Mund, der halb im Trotz und halb in Schüchternheit verzogen war. Also doch der Sohn meines alten Studienfreundes Schering 'Mutz" war sein Kneipname na, das freut mich, freut mich herzlich. Laß Dich uns anschauen, mein Sohn!" Und der alte Herr blinzelte scharf über seine Brillengläser. Hm, hm, ganz die Mama. Ja ja." Und ein hörbarer Seufzer entrang sich seiner Brust. Ganz die Mama. Und was macht sie denn, die Mama? Immer hübsch munter? Und der Papa auch? Na. freut mich freut mich wirklich. Und nun setze Dich zu mir, mein Sohn. Hast Du schon Quartier genommen in diesem Capitalnest aller Räuber ' und Gauner? Noch nicht gut, kannst bei mir bleiben. Aber bitt' mir aus, mit den Patientinnen nicht zu flirten wenn Du schon weißt, was das ist." Der junge Mann, ob dieses herzlichen, zwanglosen Empfanges etwas verwirrt, zerrte und zog etwas aus der' Tasche, das offenbar ein großes Empfehlungsschreiben war, das er dem kleinen Alten übergeben wollte. Aber der winkte abwehrend. Nein, laß das vorläufig stecken, mein Sohn zu Hause, da will ich mir die Epistel schon ansehen. Hier nicht. Du bist willkommen in diesem Kreise. Laß Dir das vorläufig genügen. Alles andere findet sich später. Und so wurde denn an jenem Abend erst dem Gerstensaft, dann dem Blut der Rebe tüchtig zugesprochen mehr als sonst, und als nach Mitternacht die

Sitzung aufgehoben wurde und Dr. Mending seinen jungen Schützling vertraulich unter den Arm faßte, da hätte ein kundiges Auge ein leichtes Schwanken im Tritte des alten Herrn merken können aber nur ein kundiges, denn stramm schritt er noch immer die Straße entlang nach seiner nur fünf Minuten Weges entfernten Wohnung. z i So, Paul, jetzt wirf mal Deinen Leichnam in die Sofaecke und gieß Dir ein Glas von diesem guten Rüdesheimer ein," rief der Doctor. nachdem die Beiden in seinen vier Pfählen angelangt und die gemüthliche Studierlampe entzündet worden war. Hier sind Cigarren bediene Dich selbst." Und dann ging das Erzählen los. Der junge Mann mußte Alles haarklein auseinandersetzen auch - das letzte Capitel, wie er in Marburg eines etwas sehr losen Studentenstreiches halber relegirt worden war. Dr. Mending begleitete die verschicdenen Phasen der Erzählung nur mit einem gelegentlichen Näuspern, einem kurzen Husten oder einem Nun. und weiter?" Aber seine hellen, scharfen Aeuglein schienen in der Seele des Jünglings zu lesen und darin Alles zu finden, dessen er bedürfte, um sich ein klares Urtheil über den jungen Mann, zu bilden. Na. also." bemerkte er lakonisch am Schluß, und nun haben Deine lieben Eltern an den halbverschollenen alten. Jugendfreund, den Sonderling, den Dr. Mending gedacht in ihrer Noth, nicht? Und haben Dich hierher nach Amerika gesandt, damit Du Dir die Hörner ablaufen solltest, ein vernünftiger, tüchtigerMensch aus Dir würde?' Ist das ungefähr richtig? Ja, na. dann, ist's gut. Nur nicht verzagt wird schon werden. Und jetzt kannst Du mir auch den Brief gßen. So, danke Werde ihn vor'm Schlafengehen noch durchlesen mit Verstand. Morgen sehen wir dann weiter." Damit führte er den jungen Mann in ein Nebenzimmer, wo ein mächtiges Schlafsofa für ihn bereit stand, und nachdem der alte Herr noch für die kleinen Bedürfnisse seines Gastes gesorgt, wünschte er ihm eine gute Nacht in herzlichem Tone und zog sich zurück. Wer den alten Dr. Mending dann beobachtet hätte, wie er beim Scheine seiner Lampe den Brief studirte, wie er das Postscriptum, das augenscheinlich von weiblicher Hand herrührte, rasch an seine bärtigen Lippen führte, der würde sich gewundert haben, denn die hellen Thränen standen dem alten Herrn in den Augen. Es war sonst gar nicht seine Art, sentimental zu sein. Aber die Erinnerung an die goldene Jugendzeit, an jene Tage, die ewig unvergessen bleiben, und um die sich ein mystischer Schleier legte, jetzt, wo er sie in Gedanken zurückrief, hatten alle Tiefen seines Herzens aufgerührt. Ja, das war noch dieselbe Handschrift. die Otto damals, als sie noch Beide flotte Studiosi waren, geschrieben jetzt waren das schon 24 Jahre her. Damals, als sie Beide in der Hechtstraße in Heidelberg auf demselben Flur gewohnt und um dasselbe Mädchen gefreit. Damals Ja, damals Gedankenvoll starrte der alte Herr auf das Papier. Es war sein Verhängniß gewesen; daß er auch so klein und unansehnlich von Gestalt war! Dummes Zeug," brummte er und trat doch rasch auf ein Bild zu, das an der Wand hing und das eine Gruppe junger Leute 'zeigte, Studenten mit Couleurzeichen und jungeMädchen und ältere Frauen und Herren, mitten im Walde. Damals war's gewesen da war die Entscheidung erfolgt. Während als unwissendes Schlachtopfer auf dem Altar der Freundschaft, fortgeschickt worden war in's Dickicht, um den Waldmeister für di: Maibowle zu suchen, da war's geschehen. Als er mit der fertigen Bowle dann sich der Gruppe näherte, da waren sie auf ihn zugetreten, so selbstbewußt und ohne eine Idee, daß mit einem Male die Welt ihren Zauber für ihn verloren. Und hatten ihm lächelnd zugerufen: Als Verlobte empfehlen sich Otto Schering und Magda Wendt." Und nur unermeßliche Anstrengung und das Aufgebot seines ganzen Stolzes hatten ihm die Kraft gegeben, das schwere Gefäß, in dem der würzige Wein duftete, in den Fingern zu halten. Ja, gerade so hatten sie damals gestanden, wie hier auf dem Bilde Magda. seine Magda. wie er sie in seinen Träumen genannt, mit bräutlicher Unbefangenheit gelehnt an die Brust dieses Hünen, dieses stattlichen Mannes. dessen Sohn, gerade so stattlich, jetzt nebenan den Schlaf des Gerechten schlief. Vorbei, vorbei! Der alte Doctor strich sich mit der Hand über die gesurchtete Stirn. Dann ging er, leise seufzend, zu Bett. Wie ein Vater, wie ein gütiger nachsichtiger. opferwillig-rVatcr b:handelte der alte Doctor Mending den Sohn feiner Jugendliebe. Mit der Energie, die er für gute Zwecke immer noch sein eigen nannte, bahnte er dem Zungen Manne seinen Weg . in dem fremden, neuen Lande. Und binnen Jahresfrist war Paul sein Assistent geworden. An der Tafelrunde in der Jackson Street aber hatten sie ihm den , Kneipnamen seines Vaters, Mutz", gegeben. Manche nannten ihn auch .Mending Junior". Kindermund. Tante, ziehe dem Brüderchen doch einmaü Deine Zähne an, damit es auch Kuchen essen kann.