Indiana Tribüne, Volume 20, Number 273, Indianapolis, Marion County, 20 June 1897 — Page 2
ScrostcrKemltmß. " Von Anua Nüschke. ' Gab' es irgend welche Instrumente, "bxt, an Herz und Seele angelegt, die Grade unserer Tugenden und Fehler bestimmten, wie etwa das Barometev den Einfluß der Luft, und das Thers inometer den drr Wärme, wie leicht wär' es dann, sich selbst zu erkennen Wie leicht wäre es dann auch, andere gerecht zu beurtheilen und genau zu wissen, wo Tadel und Rüge einsetzen uiuß. Leid aber hat man solche In. strumente trotz der Nöntgenftrahlen noch nicht construiren können, und leider hat fidf vorerst die Seele nicht unterm Secirmesser finden lassen. Das Erkennen und Selbsterkennen bleibt also immer noch eine schwer zu erlernende Kunst, und ein Feld, darauf der Beste rrren kann. Wenn Winckler sagt: Es ist ein Zei'chen einer großen Vollkommenheit, eines anderen UnVollkommenheiten zu ertragen," so hat er einen Maßstab gegeben, der uns leiten kann, und der nach Beobachtung und Erfahrung auch sicher leitet. Es gehört thatsächlich ein großes Maß von Tugenden, als da heißen: Nachsicht, Milde, Güte, Verstand, dazu, die Fehler der Men schen zu ertragen; wohl gar die Untugenden derjenigen, die uns nahe, die uns am nächsten stehen. Man muß ein solches Zusammensein r.nd Miteinandergehen beobachtet haben; muß selbst in dn Lage g:wesen sein, durch Monde, durch Jahre, durch Jahrzehnte sich an Härten des Gatten, der Eltern, der Geschwister, der Kinder gestoßen haben, um in ganzer Klarheit zu verstehen, wieviel Seelengröße und Gelassenheit dazu gehört, hier ein Zusammensein festzuhalten.das nur ganz, ganz wenig in seiner Harmonie gestört erscheint, so wenig, daß es nach außen gar nicht wahrnehmbar ist, und nur innerlich hie und da sich bemerkbar wacht, wie der Schmerz einer kleinen, unheilbaren Wund:, die immer wieder aufbricht, immev wieder pocht, brennt, blutet, und doch nicht beachtet sein darf. Man muß erfahren haben wie bei wenig vollkommenen Menschen das Nörgeln" bei jedem Morgen neu beginnt', und der unbequeme Fehler des anderen er wiederholt sich tausendmal tausendmal gerügt, getadelt, in heftigen Worten vorgehalten wird. Das wird und wird nicht anders," schließt jeder Seufzer - ja, klänge nur das Echo in der eigenen Brust: und Du wirst auch nicht anders, sonst könntest Du wohl endlich Stille und Friede dort geben, wo doch jedes Wort unnütz ist! Es ist bedauerlich, aber wahr, daß es unverbesserliche" Menschen gibt. Ich denke hiev an jene, die, von derNatur stiefmütterlich behandelt, beim 6m sten Willen zu eigenem Denken und selbstständigem Handeln nicht befähigt sind; an solche, die wir gern etwas blöde" nennen. Noch mer denke ich an ene, deren Fehler so tief gewurzelt sind, daß sie ihnen Gewohnheit wurden) ich habe dann immer das Empsinden, als sähe ich einen Baumstamm, dessen Rinde häßliche Risse und Auswüchse zeigt, für die wohl das . Verhängniß. das fcißt hier Wind und Wetter, verantwortlich zu machen sind. Ich denke hier weiter an Menschen mit 'schwachem Willen und an solche, die in ZindischerEitelkeit auch ihre Fehler xtu end finden und gar nicht einmal den Vorsatz fassen, sich zu bessern. ' Diesen Unverbesserlichen" gegenüber soll nun die echte und edle Tugend dev Vollkommenheit sich bewahren. Es gilt, mit immer gleich bleibender Geinüthsruhe die immer gleich bleibenden Zornesausbrllche oder ärgerlichen Auftritte, zu denen manches Temperament neigt, hinzunehmen; es gilt, dem Unordentlichen unausgesetzt seine Sachen uachzuräumen, dem Geizigen es nicht zu verargen, wenn er heute wie morgen um jeden Pfennig feilscht und trotz der Schätze in seiner Lade jammert, als wb er verhungern müsse; es gilt, dem Leichtfertigen nicht täglich seine alten Streiche aufzuzählen und neue zu prophezeien; dem Vergeßlichen nicht imrner wieder eine Reihe Besorgungen mündlich aufzutragen, sondern sie ihm zu notiren; kurz: mit nie ermüdender Geduld alle Ursachen zu vermeiden, die zum Streit führen könnten. Es heißt schweigen, schweigen, nochmals schweigen! Nicht mürrisch und verdrossen, nein, freundlich und nachsichtig. In diese Nachsicht darf sich nicht einmal die Ueberlegenheit mischen, die den andern wie ein Kind" abtrumpft und ihn reizt; es sei das Schweigen der Er kenntniß. daß wir allzumal Sünder sind und ermangeln des Ruhmes, den wir vov Gott haben sollen. Es gibt Menschen.die mit aller Welt in Zazik und Streit stehen, wieder andere, die hier hadern und dort lieben, und solche, mit denen auch der Unverträglichste gut auskommt. Ich sehe in ihnen drei Stufen zur Vollkommenheit bezeichnet: die letzte Stufe die höchste! O diese Kritiker! Mutier (des kleineiz Fritzchens, zu einem bedeutenden Musik-Kritiker): Ich glaube, in unserem Fritzchen steckt ein großes musikalisches Talent. Wenn er einmal eine .Medie gehört hat, vergißt e? sie in seinem Leben nicht mehr." Musik-Kritiker: Hm da mag er allerdings 'mal ein bedeutenderOperet-tm-Componist werden." Das Schwerste. A.: . . . Sag' 'mal. was ist beim Studium ei gentlich am schwersten?" Studiosus: .Die Nüchternheit!"
Siegesgewiß. Liebe Ella, ich bin mit dem Doctor schon so viel wie verheirathet!" Ja, wieso? Nun, er hat sich bereits nach meiner Mitgift erkundigt!" Modern. Fräulein, ist Ihr Serz tien nein, aber rneme Sand!" ....
Acr Lieöling des Lagers. Erzöhlung aus dem fernen Westen, von W. v. Schierbrand. Es war zur Zeit als die Gegend am Cimarron - Fluß besiedelt ward. Das ist schwerer Weizenboden dort und -s war kein Wunder, daß die Squatters schon vereinzelt Niederlassungen daselbst hatten, ehe noch Onkel Sam auf Grund des Traktats mit den Jndianerstämmen jener Gegend, den Cherokees und Chockaws, im Jahre 1889 diese fruchtbaren Ländereien, deren jungfräuliche Erde seit ungezählten Jahrhunderten des Säemanns harrte, dem Weißen Mann überließ. Natürlich gab es damals heiße Kämpfe um den endgültigen Besitz dieses fetten Landes, denn diese Squatters waren ein zähes, kampflustiges Völkchen, die nur der Gewalt wichen und auch dann häufig nur nach vielem Blutvergießen. In dem District. wo heute Äcklogee sieht, war Jim Brandon. ein riesiger Kentucky'er, dessen Büchse niemals fehlte, zum Anführer der Squatters ernannt worden, der mit den Eindringlingen, die jetzt schaarenweise aus den Staaten" hereingeströmt kamen, unterhandeln muß te, um von denselben so günstige Bedingungen wie möglich zu erlangen. Und in weitaus den meisten Fällen gelang ihm dies. Entweder wurden die, Squatters auf dem von ihnen mit Beschlag gelegtem Boden gelassen oder sie erhielten eine angemessene Entschädign g. Ärandon, der sich seit jener Zeit mit Stolz den Titel Captain" beilegen tfeß, blieb auf seinem eigenen Grud und Boden, wo er es schon zu mäßigem Wohlstand gebracht hatte innerhalb fünf Jahren, und sein Nachbar wurde ein geborener Deutscher, Carl Spieler, der sein kleines Anwesen in Muskogee County, Ohio, aufgegeben hatte, um hier auf neuem Land mit feinen bescheidenen Mitteln mehr zu erreichen, wie es damals als Oklahoma eröffnet ward, Tausende anderer Farmer in den West- und Mittelstaaten gethan haben. Spieler war mit einer Schottin verheirathet, die ihm einen reichen Kindersegen bescheert hatte und mit der er in glücklichster Ehe lebte. Die Familie indeß kam erst einige Wochen später nach, als die Zustände, die Anfangs etwas lebensgefährlich waren, sich in etwas gebessert hatten. Dann kamen sie, Frau und acht Kinder, mit einer größeren Anzahl anderer Nachzügler an. Gebäude, selbst die bescheidensten Blockhäuser, standen selbstverständlich dort noch nicht, und die circa 50 Familien, die um Acklogee herum sich-ansiedelten, campirten zusammen in einem Zeltlager, was auch bei dem herrlichen, mildenWetter eher einLuxus als eine Entbehrung zu nennen war. Im Lager aber war Martha, das jüngste Töchterchen Carl Spieker's, der anerkannte Liebling. Sie war ein reizendes Kind; vom Vater hatte sie das goldene Haar und die tiefölauen Augen, und von der Mutter die schlanke, anmuthige Gestalt und das herrliche Wesen. Ihr selbst aanz eigenthümlich indeß war das silberhelle Stimmchen und der Frohsinn, sodaß sie überall wohin sie kam, wie ein Sonnenstrahl wirkte, erheiternd und ermunternd. Wenn Martha nicht gewesen wäre, so würde wohl ihr Vater, den Capt."
Äranoon zuerst ouch nur alsElnd?:ngling mit scheelen Augen ansah, an dem rauhen Kentucky'er nicht einen so bereitwilligen, treuen Freund gefunden haben. Aber der Captain" hatte die Kleine in's Herz geschlossen, seit dem ersten Tage, da sie ihm ihre PatschHändchen so zutraulich gegeben hatte bei der Begrüßung. So konnte es denn der Familie Spieler nicht fehlen. Der 'baumstarke Kentucky'er, dessen Einfluß auf zehn Meilen in der Runde sich erstreckte, hielt gute Nachbarschaft mit ihnen, und bei dem Bau der Farmgebäude und der ganzen Einrichtung half er ihnen mit Nath und That. Als der Winter kam. war die Familie Spieler unter Dach und Fach und im folgenden Frühjahr war eine reichliche Weizenernte auf der neuen Farm zu erwarten. Doch es kam anders. Denn es ereignete sich eine furchtbare Ueberschwemmung im April des nächsten, Jahres. Der' Cimarron trat aus seinen Ufern und erreichte eine Höhe wie feit Langem nicht. Die ganze Gegend glich einem ungeheuren See, in dem todtes Vieh. Menschenleichen, Balken, Dächer, ganze Häuser herumschwammen. Und unter denen, die hierbei um's Leben kamen, war auch die Familie Spieler. Ihr Land lag im tiefen Flußthal, dicht am Wasser, und da sie noch nicht die Eigenthümlichkeit des Cimarron kannte, über Nacht riesig anzuschwellen und aus seinenUfern zu treten, fo hatte sie ihr Verhängniß unvorbereitet getroffen. Als sie sich schlafen gelegt hatten, war scheinbar noch keine Gefahr im Anzug gewesen. Aber mitten aus tiefem Schlaf wurden sie geweckt durch einen Stoß es war das Wasser, das die Stützen des Hauses umriß. Und so waren ihre Leichen fortgeschwemmt worden mit sammt dem Hause. Es kamen damals entsetzliche Scenen im Flußthal des Cimarron vor. Einzelne Körper von Ertrunkenen, zerschunden und bis zur Unkenntlichkeit entstellt, wurden meilenweit in's Innere gespült, und andere wurden von dem reißenden Strom mitgeführt auf Nimmerwiedersehen.' Die .blühende, fruchtbare Landschaf! war in ein Bild d?s Grauens verwandelt. Hunderte von Wohnstätten waren von der Fluth mitgerissen, und die Felder und Wiesen waren verschlammt und - verwüstet. Nachdem jedoch der Fluß einige Tage später wieder gesunken war. stellte es sich heraus, daß viele gerettet waren, die man schon für todt aufgegeben. Manche von ihnen wurden erschöpft und schlimm zugerichtet in Bäumen gefunden, auf die sie'pch rasch gerettet,
während andere auf denGipfeln kleiner Hügel angetroffen wurden, die Tagelange von einem Meer gelben, gurgelnden Wassers umgeben gewesen waren. Und eines der geretteten Wesen war .die kleine Martha. Sie war in ihrem kleinen Bettchen in jener Nacht von den Wogen fortgerissen worden, und dann hatte sie sich, als dasselbe umgestülpt worden war in der rauschenden Fluth, dem. Jnstinct der Selbsterhaltung folgend, auf die schwimmende Thür eines Häuschens gerettet, die dicht bei ihr vorbeikam. So war sie langsam fortgetrieben die ganze Nacht durch; oftmals stieß sie mit ihren kleinen, halberfrorenen Händchen ein Hinderniß aus dem Wege, das drohte, ihr Floß umzustoßen. Als der Tag graute, da trieb sie auf ihrem wunderbaren Gefährt gerade gegen das Haus des Mike Vaughan, eines.Jrländers, das 10 Meilen unterhalb der Farm ihres Vaters stand. Mit Hülfe eines langen Bootshakens wurde sie auf's Trockene gezogen, und so war sie denn gerettet. Einige Tage später, als das Wasser wieder abgelaufen war und man Ruhe für solche Dinge gewann, wurde auch die Frage aufgeworfen, was man jetzt mit der Kleinen anfangen sollte. Schließlich kam man überein, das Schicksal Marthas einer Lotterie zu überlassen. Es wurde ein Pool" gebildet, in dem jeder der Ansiedler der Nachbarschaft, der nicht zu sehr von der Ueberschwemmung gelitten hatte, eine Summe je nach dem Vermögen und Willen jedes Einzelnen zahlte, und wer bei der Ausloosung gewann, der sollte nicht allein das ganze Geld sondern auch den Liebling des Lagers". wie die kleine Martha Spicker noch immer hieß, erhalten, um sie an Kindesstatt aufzuziehen. Doch ehe dies noch eingeführt werden konnte, traf Capt. Brandon von seiner Farm, die ihrer höheren Lage wegen nur wenig gelitten hatte, auf Vaughan's Anwesen ein und machte den Plan zu Schande. .Was ist das hier?" schrie er. indem er schweren Schrittes und von seinem ältesten Sohne Dixie begleitet, in das Zimmer trat. Ich bin der Erbe und Vertreter des Vaters dieses Kindes und Niemand wage es, mir dies strcitig zu machen. Ich habe sie lieb wie mein eigenes Kind, und meine Frau auch. Nicht wahr, Martha, Du kommst zu mir?" Und dabei bückte er sich und hob das rosige Gesichtchen der Kleinen :n die Höhe. Martha schmiegte sich sofort zärtlich an ihn an. Nun, und so wurde es denn auch. Gegen Capt. Brandon's Wünsche wollte Niemand ankämpfen. Sie wurde von dem rauhen, aber sehr gutherzigen Kentucky'er einige Monate später gesetzlich adcptirt. und unter seiner und der Seinigcn Fürsorge und Liebe wächst jetzt die kleine Martha heran. . Zwei Zlrtßeike. Aus dem Ungarischen des Ludwig Bodrogi. Aller Phantasie bar, mit einfachem, grünem Tuch überzogen, steht lanaaestreckt der Gerichtstisch da; vor dem Crucifix flackern kleine dicke Wachskerzen mit ihrem gelben Schein; mit ihm rauchigen Flamme beleuchten sie das gleichgiltige Gesicht des Staatsanwalts und das Lächeln des zu lärmender Reclame sich anschickenden dürren Vertheidigers. Zwischen zwei Justizsoldaten sitzt der Angeklagte. Sein Gegenüber ist der Gerichtspräsident. Ein hochragender, stolzer Mann. Bekennen Sie sich schuldig?" Der Angeklagte, ein Bauer im Leinenkittel. mit ehrbarem Gesicht, sieht manierlich auf, streicht sich mit seiner gewichtigen Hand das ergrauende Haar aus der vor der Sonne geschützten weißen Stinne und spricht: . Gnädiger Gerichtshof! Alle zeugten gegen mich, die dort waren, ich selbst leugnete es auch nicht. Ich ermordete den Burschen, ich schlug ihn mit jener Axt todt, die dort auf dem Tische des Gesetzes liegt. Ich habe es wohl bedacht, ich lauerte ihm auf und hieb ihm tief in den Schädelknochen hinein. Dann fiel ich über meine junge Frau her. Möge denn ihr Blut zusammenfließen, wenn ich schon mit meinen eigenen Augen hatte sehen müssen, wie ihre Küsse sich vereinten, wie ihr Atbem ineinanderfloß. Es wäre auch so am besten gewesen! Was soll nun jetzt dieses junge Weib anfangen dieses schöne Weib, dieses böse Weib? Es wäre das Beste für sie gewe-. sen, mit dem Geliebten in einem Grabe zu sein, wenn sie mich schon mit ihm betrogen hat. Mich hat sie betrogen, obwohl ich sie mit meiner beiden Hände schwerer Arbeit erhalten habe, . sie in theueren Kleidern einhergehen ließ, sie mit seidenen Schürzen aufputzte, diese Niemandstochter. dieses muthwillige Feenkind der Kleinhäuslerin vom Dorfesende. Ich schlug ihren Geliebten todt ich wollte, ich wünschte seinen Tod; ich .hätte auch die Frau erschlagen denn ich liebte sie. ich liebte sie sehr. Ich liebe sie auch jetzt noch und befände sich nicht diese Kette an meiner 5and, ständen nicht die Wachtleute neben mir, wüßte ich nicht, was ich den Richtern schuldig bin und er wendete sich dahin um, wo sich aufschreiend zwischen der Menge ein feutig blickendes, frech aussehendes Weib verbarg so würde ich sie jetzt auch noch mit jener Axt erschlagen und das wäre sehr recht und ich wüßte selbst dann sehr wohl, daß ich mich nicht schuldig sühlen würde." Der Präsident ließ ihn reden. Nicht einmal bei der Drohung winkte er ihm ab. Voll gieriger Hast sprach er ihm in seiner Seele nach: Ich schlug ihren Geliebten todt ich wollte, ich wünschte seinen Tod, ich hätte auch die Frau erschlagen denn ich liebte sie. ich liebte sie, ich liebe sie auch jetzt noch sehr " .
Und wie er die Worte anhörte, die er in seiner Seele nachsprach, langte er mit einer Art fieberhafter Begierde nach der vor ihm liegenden blutigen Axt, hob sie leicht auf, riß sie dann krampfhaft empor und rief mit schmetternder Stimme: Mit dieser?" ' Jawohl, mit der, gnädiger Herr Präsident!" lautete die dumpfe Antwort. Und in der Spanne Zeit der kurzen Antwort durchblickte das Erinnerungsvermögen des hochwohlgeborenen Herrn Präsidenten mit Wahnsinn!ger Eile die ganze Idylle, die ganze Komödie. Sie war eine arme Gerberstochter. Ihre Bildung bestand in einer Bibliothek schlechter Romane, dann dem lästigen Stickrahmen und der Häkelnadel. Doch der Kleidung nach eine Lilie, der Stimme nach eine Rosen erweckende Nymphe, in ihrem sorglosen Liede ahnungsvoll finster, und dennoch, ach! in ihrem leuchtenden Blicke die geheimnißvolle Psyche, während sie ihn ansah, den würdevollen, ernsten, stolzen Mann, als ob sie. Gefahr bergend, fragen wollte: Gefalle ich Dir? Da bin ich. ich blühe, ich strahle pflücke mich! Du feierlicher, besonnener, ernster, strenger Mann! Ah, nicht wahr, ich gefalle Dir? Nun,, so pflücke mich, ich werde Dein sein, nimm mich hin! Du wirst mich nehmen, mußt mich nehmen, denn ich bin schön schön, sehr schön, und Du starker, mächtiger, hochwohlgeborener Herr bist schwach, bist dumm, bist verliebt bist ein Narr! Und er heirathete sie Und er war glücklich mit ihr, wie glücklich! Glücklich in markverzehrender Liebe, glücklich ohne Eifersucht! Sie ist ja ein solches Kind, solch' eine Frau ohne Falsch! Sie wollte keine Vergnügungen, keine Unterhaltungen, keine Liebesabenteuer keinen Tanz, keine Musik, keine Ritter; nur ihn den fünfzehn Jahre älteren Mann Und heute Morgen, ehe er in das Haus der Gerechtigkeit kam, um über den entsetzlichen Verbrecher zu Gericht ZU sitzen, der laut der unerbittlichen Anklage und nach der wissenschaftlichen Meinung unbestechlicher Aerzte gemordet hatte gemordet mit Vorbedacht, mit Berechnung, auflauernd, mit nüchternem Verstände heute Morgen hatte er bei einem unerwarteten Oeffnen der Thür die Mutter seines Kindes, die hochgewachsene Juno mit einem Kerl, mit einem'unbedeutenden Gerichtsreferenten kosen sehen müssen! Er legte die Axt wieder auf den Tisch und rief die Frau des Bauern auf. Ist es wahr, daß er Dein Geliebter war?" fragte er sie strenge. Aus dem Blicke seines Auges spricht die Ermunterung: Sage es, gestehe es ein, hilf damit Deinem Gatten, Du ehrloses Weib." Meiner niemals!" antwortet das Weibsbild. Wenn er es nicht war, warum hätte es Dem Mann denn gethan?" spricht der Präsident. 1 Weil er ein Narr war, weil er mit
'seinem grauen Kopfe eifersüchtig zu werden anfing; weil er auch vas aq, was nicht ist," polterte die Frau antwortend. Eva. bei Deinem Glauben, bei Dciner Seligkeit, bei Deinem Gotte, gestehe es ein. daß der Bursche Dein Geliebter war nicht wahr, er war es?" Befremdet blickte der Staatsanwalt den leidenschaftlich redenden Präsidenten an. Der Vertheidiger sah mit saurem Lächeln seine eigene Kreuzfrage sich entschlüpfen, die er sicherlich nicht in so unglaublich leidenschaftlichem Tone ausgesprochen hätte, wie der Präsident. Nun wird es nicht mehr sein Verdienst sein, wenn die Frau gesteht; es wird rein das Verdienst des Präsidenten sein, wenn sie gesteht, daß der Bursche ihr Geliebter war. Welch' mächtiger mildernder Umstand und nicht er hat ihn herausgepreßt! Mit diesem mildernden Umstarrt) sind es blos fünfzehn Jahre ohne denselben vielleicht der Galgen. Um dem Präsidenten den Ruhm des mildernden Umstandes vor der Nase abzujagen, ruft er mit scharfer Stimme der Frau zu: Sie wollen also nicht anerkennen, daß es Ihr Geliebter war, Sie wollen Ihren Mann also an den Galgen bringen?" Das kümmert mich wenig!" Es siel etwas hart auf. Der Wachtmeister beeilte sich, die blutige Axt aufzuheben, welche aus der fest zusammengepreßten Faust des Präsidenten bei leichter Lockerung auf einmal herausfiel. Ein spöttisches, fast erfreutes Lächeln, das erfreute Lächeln einer neuen Ueberzeugung spielte um seine Lippen. Er wendete sich zu dem Bauer, der mit blödem Staunen die Frau anstarrte, und sagte mit fast heiterer Stimme: Es war schade, daß Ihr das um dieses Weibes willen thatet, Stephan Bodo; Ihr hättet sie lieber davonjagen sollen." Dann flüsterte er dem Wachtmeister in's Ohr: Sie gehen zu der gnädigen Frau; ihre Mutter ist schwer erkrankt. Sie soll sofort, verstehen Sie, sofort zu ihr Hinreisen. Dies Geld aber bringen Sie ihr als Reisespesen!" Sprach's und lehnte sich in seinen Sessel zurück und urtheilte nach dem Gesetze und nach seinem Gewissen. Zug d e s H e r z e n s. Du solltest nicht nur nach Gold heirathen, auch nach Neigung!" Aber -schau! sür's Gold hab' ich ja immer 'ne ausgesprochene Neigung gehabt!" Boshaft. Der Hikki hat ja Ausverkauf wegen Todesfall! Wer ist denn bei ihm gestorben?" .Sein ein zicer Kunde!"
Aas Stauötuch.
Von Bertha Framholz. Bei uns gab's Großreinmachen. Minna war um $6, ich um 1 Uhr aufgestanden, die Reinmachefrau war um 8 Uhr angetreten. Eine halbe Stunde später erschien mein Mann, um sofort empört in das übliche Gestöhn auszubrechen. daß man in seinen eigenen vier Pfählen keine Ruhe mehr habe, daß Alles schon wieder einmal zu oberst und zu unterst gekehrt werden müsse, und daß wir Frauen das Wasserplantschen und Manischen einmal nicht lassen könnten. Dann ging er in das Speisezimmer, um seinen Thee zu trinken und die Zeitung zu lesen. Als ich nach einer Weile zu ihm trat, meinte er sehr ernst: Das muß ich mir aber ausbitten, daß mir mit den Sachen auf meinem Schreibtisch nicht wieder umgegangen wird, als sei das . Trödelkram ... Und dann," fügte er in freundlicherem Tone hinzu, da muß ich wohl heute Mittag außer dem Hause speisen? Und am Abend auch, wie?" Ach bewahre, Männchen," fiel ich ihm lebhaft in's Wort, weil ich sofort merkte, daß er einen plausiblen Grund suchte, um in seine Junggesellenthorheiten zurückzufallen, Du kannst ruhig zu Tisch kommen. BiS dahin sind wir mit der Hauptsache fertig und ich habe Dir Dein Mittagessen zur rechten Zeit hergerichtet, und das Abendbrot wird fogar heut am Waschtage ganz besonders opulent ausfallen . . . ." So," feufztr er, na meinetwegen, da muß ich wohl oder übel rechtzeitig antreten. Vergiß aber heut um Gottes willen nicht die so heilsame Wirkung von LZebig's Fleischextract, der Deinen Suppen und Saucen oft sehr nöthig ist; vor de.r Nghe der Reinmacherei habe ich allen Respect..." Diese Wirthshaus-Attaque hatte ich also gewandt parirt, nun hieß es aber, sich tüchtig tummeln, denn was es beim Großreinmachen zu thun gibt, dafür hat ja leider kein Mann das richtige Verständniß. Ich commandirte die Reinmachefrau in's Speisezimmer,, das Dienstmädchen in den Salon, und ich legte in meines Mannes Zimmer wacker Hand an. Nach einer halben Stunde schon war im Speisezimmer ein Wandteller kaput geschlagen, im Salon waren zwei Nippesfiguren die Hälse gebrochen, und ich hatte qus Versehen das Tintenfaß aus dem Schreibzeug genommen und etwas dicht an den Rand des Schreibtisches gestellt. .Plötzlich polterte es aus dieser allzu luftigen Höhe, herab auf das weiße Fell und spritzte das über und über mit Tintenflecken voll. Wie das Malheur eigentlich passirt, weiß ich wirklich nicht, aber es war gut, daß es dem Dienstmädchen nicht zugestoßen, die hätte tüchtige Schelte von mir gekriegt . . . Bis gegen Mittag war die Arbeit schon ein gut Theil gefördert und ich ging daran, den Schreibtisch mit einem (Staubtuch zu säubern. Es war ein Staubtuch wie alle anderen auch: weiß, viereckig, gar nicht einmal groß. Und da der Schreibtisch dicht am Fenster stand und dieses geöffnet war, that ich, was jede andere Hausfrau auch thun würde: ich schüttelte das Staubtüchlein zum Fenster hinaus. Da plötzlich hörte ich eine rauhe Stimme unten auf der Straße im Commandoton etwas ausrufen, ich sah neugierig auf die Straße hinunter. Ach herrjeh da stand ein pickelhaubengeschmückter Schutzmann und rief mir, sobald er mich erblickt hatte, zu: Sie. das gibt's hier nicht!' Staubtücher dürfen nicht auf die Straße geschüttelt werden. Warten Sie. ich werde gleich hinaufkommen . . ." Ich war sprachlos. In den Nachbarhäusern wurden die Fenster ge'öffnet. Neugierige gafften auf den Schutzmann und auf mich, sie meinten sicher, meine Verhaftung solle erfolgen. Der Schutzmann verschwand in der Hausthüre. und wenige Minuten später klingelte es. Ich ging selbst, um zu öffnen so etwas war mir doch in meinem 'Leben noch nicht vorgekommcn! Und wirklich, der Schutzmann stand draußen. Sie haben ein Staubtuch aus dem Fenster geschüttelt. Fräulein," begann "'Ich bin kein Fräulein," fiel ich ihm ärgerlich in's Wort, ich bin die Frau des Hauses." Das ändert an der Sache Nichts." entgegnete er gleichmüthig, die Thatfache bleibt bestehen; Sie haben sich gegen das Straßenpolizei-Reglement vergangen. Sie dürfen den Vorübergehenden nicht den Staub auf die Köpfe schütten, ich werde Sie anzeigen, dann kriegen Sie ein Strafmandat." Meinetwegen," antwortete ich wllthend, denken Sie denn, ich habe centnerschwere Steine in meinem ! Staubtuch? So lange ich in dem Dorfe Schoneberg wohne, werbe icv immer mein Staubtuch - zum Fenstn hinausschütteln." Dann zeige ich Sie regelmäßig an, und Sie erhalten regelmäßig ein Strafmandat," ertönte gereizt die Entgegnung. Ist mir ganz gleich," rief ich em. pört, schicken S:e mir gefälligst Dutzende von Strafmandaten!" damit warf ich die Thür in's Schloß. Die Reinmachefrau und das Dienstmädchett waren, durch den Wortwechsel angelockt,, im Corridor erschienen, auch mein Töchterchen war hereinekommen. Es wurden sehr kräftige Worte gewechselt, die Reinmachefrau schwang sogar drohend den Schrubber, so daß ich alle Mühe hatte, die Aufgeregten zu beruhigen. In diesen paar Minuten ist sicher gegen ein halbes Dutzend Paragraphen des ReichsStrafgesetzbuchs verstoßen worden, glücklicherweise war kein Denunziant b dtr Nähe, sonst wäre uns allen
Dreien Plötzensee sicher gewesen. Mein Töchterchen hatte sich ängstlich in eine Ecke gedrückt und fragte unter Thränen: Mama, wollte Dich der Schutz, mann holen?" Ich gab mir alle Mühe, das verängstigte Kind zu beruhigen, aber Klein-Lieschen ließ sich ihre einmal gefaßte Meinung nicht so leicht ausreden, das Kind blieb still und gedrückt, und bemerkte wiederholt, daß es nur schwer die immer wieder hervorbrechenden Thränen zurückzuhalten vermochte. Als später der kleine Bruder aus der Schule kam. war ihr erstes Wort: Paul, ein Schutzmann war da. der wollte Mama holen," und sie schluchzte zum Herzbrechen. Der Junge sah sie verblüfft an. Hatte denn Mama gestöhlen? Hatte sie betrogen? Der Lehrer hatte doch in der Schule gesagt: Ihr dürft nicht stehlen und nicht betrügen, wer stiehlt oder betrügt, den holt der Schutzmann. Der Junge war einen Augenblick unschlüssig, dann war ihm ein Gedanke gekommen. Sei nur wieder ruhig, Lieschen," meinte er, ich weiß schon, was wir machen. Sobald Papa nach Hause kommt, sagen wir ihm das, der leidet nicht, daß der Schutzmann Mama holt." Das schien der Kleinen einzuleuchten, denn sie trocknete rasch ihre Thränen und sagte zuversichtlichen Tones: Das leidet der Papa nicht!" Kaum war Der gekommen und hatte Hut und Ueberrock abgelegt, als die Kinder auf ihn zueilten. Sie nahmen sich kaum Zeit, guten Tag" zu sagen, da fing der Junge auch fchon an: Du Papa, ein Schutzmann war hier, der wollte .Mama holen." Seht ihr," lachte mein Mann. Mama hat wahrscheinlich heute die die Suppe zu dünn werden lassen, dafür wird sie in's Loch gesteckt."' Da ich nicht wollte, daß die Kinder noch mehr verängstigt wurden, erzählte ich die ganze Geschichte haarklein von A bis Z. Sapperlot," meinte mein Mann und zwang sein Gesicht in ernste Falten, das ist 'ne tolle Sache. So viel ich weiß, ist für Capitalverbrechen das Schwurgericht zuständig, und Du wirst wahrscheinlich..." Ach, höre," unterbrach ich ihn, ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt. Antworte mir kurz und bündig auf meine Fragen. Ich kriege also das Strafmandat über 1 Mark, 3 Mark, 5 Mark oder so was. Muß ich das bezahlen, oder gibt es eine höhere Inta?" Natürlich," erklärte mir mein Mann, Du mußt Widerspruch erheben. dann kommt die Sache vor das Schöffengericht, und in öffentlicher Sitzung wird entschieden, ob das Strafmandat zu bestätigen ist, oder ob Du freizusprechen bist." Aber denke Dir doch mal, Mann." betheuerte ich, aus einem Fenster der zweiten Etage schüttle ich ein Staubtuch auf die Straße, mit dem ich eben die Ränder Deines Schreibtisches abgewischt hatte, das Tuch war noch so rein . . ." Das schadet Nichts." erwiderte er, der Schutzmann wird schon Recht haben. Es wird eine ortspolizeiliche Bestimmung existiren, nach der in dem Dorfe Schöneberg bei Berlin, weder Staub- noch andere Tücher aus den nach den Gassenfronten gelegenen Fenstern geschüttelt werden dürfen. Ich halte solche Polizeiverordnung im Interesse der Sicherheit der Passanten für durchaus geboten," fuhr er fort, und er lächelte mich spöttisch an. denn sieh mal. Du kannst leicht unabsehbares Unheil anrichten. Du erwisch'st zum Beispiel mit Deinem Tuch die abgeschnittene Spitze einer meiner schweren Cigarren. Die schüttelst Du zwei Stockwerk hinunter. Die Schwere der Cigarren und die Höhe darfst .Du nicht unterschätzen. Wenn die Spitze einem ahnungslosen Spaziergänger auf den Kopf fällt, dann zertrümmert sie unweigerlich die Schädeldecke. Oder weiter: Du in Deiner Reinmachcwuth packst mit einem kühnen Griff den ganzen Schreibtisch in das Staubtuch 'und schüttelst das sammt Inhalt steifen Armes zum Fenster hinaus. die 17 Bände des Conversations-Lexi-
kons, die Du mit hinunter wirfst, lonnen allein je einen Menschen todten. . . Du kannst Deine schlechten Witze nun einmal nicht lassen." sagte ich ärgerlich, selbst die ernsteste Sache ist Dir nicht heilig." Das die Sache ernst, sehr ernst ist."lächelte er. verhehle ich mir keinen Augenblick. Man redet zwar immer davon, daß die kostbare Zeit der Gerichte sehr oft von den allergrößten Lappalien in Anspruch genommen würde, aber in diesem, die ganzeHausfraucnwelt interessrenden Fall, in diesem echten und rechten fin le iIo-Fall würde icr doch Aus der Seele hast Du mir gesprochen. Männchen," frohlockte ich. es freut Dich also, wenn ich für die Rechte der unterdrückten Menschheit eintrete. Nun. ich werde es thun, ich . werde mir vor Gericht die StaubtuchAusschüttelungs - Freiheit erkämpfen, koste es was es wolle!" Inzwischen hatte Klein-Lieschen das vielbesprochene Staubtuch aus der Küche geholt und brachte es an den Tisch. Die Kleine mußte sich wohl bei der Reinmacherei einen tüchtigen Schnupfen geholt haben, denn noch hatte sie mich nicht erreicht, da hatzi, hatzi! und sie drückte das Tuch unwillkürlich vor den Mund und wollte die Nase..'. -. Aber Kind," rief ich empört, Du hast doch ein Taschentuch. Das Staubtuch gieb mir sofort her, das brauche ich vor Gericht, als quod - erat de monstrandurn." - Wie oft habe ich in den nächsten Tagen des Staubtuches denken müs sen'! Es lag herrenlos - im Wäschespind etwas abgesondert von den übrigen. Ich konnte eö ja jeden Au
enHick brauchen, und wenn ich'S vor Gericht vorzeigte, mußte es noch so aussehen, wie im Moment de? ' furch terlichen That. Ob es aber genügen würde, das Tuch vor Gericht als Entlastungsbeweis vorzuzeigen? Ob ich überhaupt im Stande sein würde, meine Sache allein zu führen? Der Schutzmann würde seine Angaben unter seinem Eide aufrecht'erhalten. Das Gericht würde dem Glauben schenken. Es kam da eigentlich nur auf die Schöffen an. Das sind ja durchweg, verheiratete Herren. Wenn die Je: mand zu überzeugen vermochte, daß. die Hausfrauen Schönebergs in ihren Rechten ungebührlich eingeschränkt würden, wenn sie nicht das Staubtuch auf die Straße schütteln dürften Die Namen aller berühmten Bertheidiger schwirrten mir durch den Kopf; doch die hatte ich in der Zeitung immer nur gelesen, wenn es sich um große politische Prozesse gehandelt hatte. Aber trotzdem hatte ich nicht auch eine große Sache zu vertheidigen? Jawohl, es war eine große Sache, diese Staubtuchausschütkelei.... Aus der Einsamkeit Schönebergs wollte ich mich hinausflüchten in die Oeffentlichkeit Moabits. Da fiel mir ein, daß ich mich doch an den Rechtsanwalt Bernhard wenden konnte; das war ein Bekannter meines ZNannes, und auch ich hatte fchon seine Bekanntschaft gemacht. Gedacht, gethan. In halbstündiger Rede trug ich ihm die entsetzliche Geschichte meines Staubtuches vor. Nun ja. gnädige Frau," sagte er sehr höflich, wenn Sie mir Ihre Vertretung übertragen, dann werde ich dieselbe annehmen. Aber eigentlich, 's ist doch eine ganz große Lappalie . . ." Ich schüttelte energisch meinen neuen Sommerhut. Es steht da eine Prinzipienfrage vor Gericht," meinte ich, die will ich allfällig durchkämpfen." Wenn Sie durchaus wollen," antwortete der Anwalt, dann unterfchreiben Sie mir, bitte, draußen bei dem Bureauvorsteher eine Vollmacht." Ich las mir den Text aufmerksam durch, dann unterschrieb ich Ort, Datum und meinen Namen. Als ich dem Rechtsanwalt das For--mular hinreichte, warf er einen prü--senden Blick darauf und sagte hastig: Ack. Sie wohnen in Schöneberg. Ja, das wußte ich nicht, das hätten Sie mir gleich sagen sollen. Schöneberg, ist Vorort, und die Vororte gehören zum Landgericht II. Ich bin aber nur beim Landgericht I zuständig. Da muß ich Sie an einen Collegen verweisen bitte, hier ist seine Adresse." Etwas enttäuscht ging ich ab bisher waren mir Landgericht I und Landgericht II böhmische Dörfer geWesen. Rechtsanwalt Dr. Bauer, Landsberger Allee," las ich auf dem Zettel. Ich nahm eine Droschke und fuhr hinaus nach dieser mir nur dem Namen nach bekannten Gegend. Im Vorzimmer mußte ich eine Stunde warten, es ging da aus und ein. wie in einem Bienenkorb im Hochsommer. Endlich kam ich an die Reihe. Ich betete mit Ernst und Eifer meine Staubtuch - Litanei herunter. Der Rechtsanwalt hörte nur mit halbem Ohre zu, er blätterte bald in diesen. bald in jenen Acten, unterschrieb Schriftstücke, las in allerhand Büchern . . . Ach." sagte er schließlich, als ich meine Leidensgeschichte zu Ende erzählt hatte, das Beste ist. Sie bezahlen die paar Mark, die in dem Strafmandat verzeichnet sid. Die ganze Sache ist doch nichts Welterschütterndes " '"Bltte sehr." antwortete ich. das dürfen Sie nicht auf die leicbte Achsel nehmen. Davon hängt das Wohl und Wehe der Hausfrauen ' Schönebergs ab." Gut. wie Sie wünschen," meinte der Anwalt, das Weitere besorgt mein Bureauvorsteher." Bei dem mußte ich wieder eine Vollmacht unterschreiben, zugleich wurde mir eine Quittung über 40 Mark Vorschuß vorgelegt.- Wir kennen gnädige Fru leider nicht . . erklärte der Bureauvorsteher. Ich zahlte seufzcnd die 40 Mark, unterschrieb und gab Vollmacht und Quittung dem Anwalt. Alles in Ordnung!" memte der, nun geben Sie mir auch das Strafmandat." Strafmandat?" stotterte ich err'öthend, Strafmandat? Ich habe ja noch gar keins ich denke, ich werde erst eins kriegen!" Herr Bureauvorsteher." rief da der Rechtsanwalt und schleuderte mir nnen vernichtenden Blick zu. geben Sie der Dame den Vorschuß zurück und zerreißen Sie die Vollmacht.... Unglaublich, was diese Frauen für Dummheiten anstiften." hörte ich ihn noch raisonniren. als ich. geknickt wie zwei Lilien, die Bureauthür von außen zumachte.
s Es sind nun sechö Monate berganqen. Ein Strafmandat ist nicht gekommen. Für morgen habe ich' die Reinemachefrau besZeZt, die Wohnung ist wieder reif für eine gründliche Säuberung. Ich w?rde wahrscheinlich wieder in den: Arbeitszimmer meines Mannes beschäsüot sein, ich werde mit demselben Staubtuch die Ränder des Schreibtisches . n Zwischen. DaS Fenster wird wie,., .fen stehen. Nun frage ich. nicht nur die Hausfrauen Sch'önebergs. scndcrn auch die der umliegenden Städtchen und die des ganzen Reiches: Scll ich es wieder riskiren. das Staubtuch zum Fenster hinauszuschütteln? Aus einem modernen Roman... .Da schlug die-Uhr acht,, und dir Beginn dcr Sonntagsruhe zwang den sch'älierr.N'äuber, die Oersolgunz auf ',vi Urzeit war: c:i:i!:tr ' : .
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