Indiana Tribüne, Volume 20, Number 196, Indianapolis, Marion County, 4 April 1897 — Page 2
Warum aus der Warihiö llichts ward. Xeutjvij amerikanische Skizze von 23. Cchicrbrand. Freiherr von Branke langte etneZ Tages in Milwaukee an und fuhr direct nach dem eleganten Heim des be rühmten" Bierbrauers Bischoff. wo schon mancher europäische Aristokrat gastfrei aufgenommen worden war. Selbstverständlich trug der Vnlömm--ling Civil, obwohl er sich insgeheim sagen mußte, ixijj dies eine bedauernswerthe Nothwendigkeit sei. denn in .der prächtigen, kleidsamen Uniform der Gardedragoner machte man doch einen viel überwältigenderen Eindruck bei den Tamen. Na, er -war auch se kein häßlicher Kerl, gestand er sich, inhtm er den breiten, seidenweichen Schnurrbart kunstgerecht kräuselte inrt) dabei neugierige Blicke auf das ihn fremdartig anmuthendeGetriebe in den Straßen warf. Denn vor 5 Tagen erst war er in New Aork gelandet, und üf der langen Eisenbahnfahrt hierher fjcitt er nur wenig Gelegenheit gehabt, Land und Leute zu ftudiren. Der junge Officier kam als eingelaEbener Gast der FamUie Bischoff, mit Zer er letztes Jak??, während sie eine 5uropareise absolvirte, am Rhein bekannt geworden toar und der gegenLber er dann später, als er sie in BerIm wieder traf, den liebenswürdigen Cicerone gespielt hatte. Und das hatte seine guten Gründe, daß er das that. Denn erstens einmal war Miß Amy, die älteste Tochter, ein sehr hübsches Mädchen, mit dem es sich schon verlohnte, etwas zu coquettiren; dann ber war die Familie sehr reich und er sehr arm. Beide Thatsachen zusaminen standen in einer gewissen Wechselbeziehung, über deren Tragweite er sich in ruhigen Stunden auch schon ganz klar geworden war. Denn Leo von Branke zählte bald 30 und mußte ernstlich an's Heirathen denken, wennschon er davon immer nur bildlich und etwas wegweifend als in den sauren Upfel beißen" sprach, denn sein Jung--gesellenleben behagte ihm eigentlich am besten. Aber einmal mußte es doch geschehen, das verhehlte' er sich nicht. Mit den väterlichen Finanzen stand's schlecht und schlechter, seitdem es mit der Landwirthschaft in Deutschland überhaupt bergab ging, und nachdem im Vorjahre noch eine dritte und letzte Hypothek hatte aufgenommen werden müssen auf die Stammgüter am Harz, um die drückenden Verbindlichkeiten einzulösen, da war auf die Dauer kein Heil mehr für ihn zu erblicken, als in einer reichen Heirath. Und der Gold fisch", den er sich angeln wollte für diesen Zweck, das war ja eben Miß Amy. Das war immer noch besser, dachte er, ols eine Kugel vor den Kopf oder die etwas schiefgewachsene Tochter des Commercienraths Würzburger von der Wehrenstraße, die sich beim letzten Cotillon ihm förmlich an den Hals ge warfen hatte. Gott. Miß Amy hatte ja etwas verrückte Ideen in manchen Dingen, wie er bemerkt hatte, aber das würde sich bei längerem Aufenthalte in Deutschland schon geben, glaubte er, und im Uebrigen war sie ganz erträg lies) ein ganz -netter Käfer", wie er schmunzelnd zu sich bemerkte. Da hielt der Wagen vor dem Bischoffschen Hause, oben im hügeligen Theile der Stadt, und der dicke HausHerr kam alsbald herausgeschossen, um seinen vornehmen Gast zu begrüßen. An den Fenstern der Nachbarhäuser lugten verschiedene Augenpaare hinter den Gardinen hervor, um den aristo kratischen Besuch, von dessen Ankunft schon im Voraus viel von Miß Amy ihren Freunden erzählt worden war, u erspähen. Händeschütteln kam nun in orthodoxer amerikanischer Manier, bis die schwere goldene Uhrkette des reichen Vrauherrn ihm wild vor dem runden Bauche tanzte, und dann verschwand man im Innern des Hauses, wo die Damen ebenfalls mit großer 5)erzlichkeit den Gast begrüßten. Die Damen, um es frei heraus zu sagen, wußten sich eigentlich vor innerer Freude laum zu fassen, denn sie mußür., welchen -Nimbus ihnen fürder der Besuch des jungen stattlichen Aristokraten in gesellschaftlichen Kreisen verleihen würde. So freuten sie sich auch schon auf das große Diner, das dem Gast zu Ehren am Donnerstag Abend gegeben werden sollte und zu dem die auserlesensten Personen aus ihrem großen Cirkel von Freunden und Bekannten geladen waren. Amy und der Lieutenarü verkehrten sofort mit einer gewissen Wärme der Empfindung unter einander, denn ihr waren ja die Pläne des Freiers ebenso wenig ein Geheimniß geblieb?n, wie ihren Eltern, und sie mochte den jungen Officier ganz gern, wennschon ihre Ansichten mit den seinen m manchen Punkten durchaus nicht überemstimmUn. In der Uniform hatte sie ihn -sogar unwiderstehlich gefunden, aber uch in seinem schneidigen" CZvil.aus dem Atelier eines der theuersten und xclusivsten Schneider in Berlin hervorgegangen, fand sie ihn nett. So wurden denn die ersten zwei Tage nach der Ankunft des jungen Barons von der gesammten Famllre Bischofs in Znem wohligen Gefühl des höchsten Wehagens verbracht, und Spazierfahritn und Ritte in die herrliche Umgebung waren bei dem prächtigen Weiter dazu angethan, -diesen angenehmen Zustand noch intensiver zu gestalten. Bei einer Segelpartie auf dem See erwies sich Leo von Branke auch als tüchtiger Sportsmann, was Miß Amy ganz speciell imponirte. Die Vorbereitungen für das große Diner am Abend waren nun endlich beendet, und Amy's dicke Mama athinete wieder auf. denn sie hatte bis dahin ein leises Mißtrauen in ihre eigeVen Fähigkeiten, dies Alles richtig zu
ÄiNlNgiren, doch Nicht unterdrücken rönnen. Aber am Tage zuvor war das neu: Silbergeschirr.das ihr Mann kürzlich durch einen überaus günstigen Gelegenheitskauf erworben hatte, aus New Jork richtig und rechtzeitig angelangt, und damit fiel der beleibten Dame ein großer Stein vom Herzen. Auch die neue Münzsammlung, die bei derselben Gelegenheit erstanden war, traf ungeschmälert mit derselben Sendung ein, und sie stellte sich schon im Voraus den Neid und die Ueberraschung ihrer Gäste vor. wenn sie ilnen nicht bloß einen so stattlichen Schwiegeisohn in spe, sondern auch ein so prachtvolles Silbergeschirr und sogar noch eine werthvolle und seltene Münzsammlung vorstellen würde. Als gute Hausfrau ergötzte sie sich besonders an dem neucnSilbergeschirr, in dessen Glanz sie sich förmlich sonnte. Vor Allem imponirte ihr das Wappen darauf es sah so riesig nobel aus. Und das gehörte jetzt Alles ihr! Die geladenen Gäste erschienen ausnehmend pünktlich, denn sie brannten darauf, alle diese Herrlichkeiten zu beaugenscheinigen und die holdeWeiblichkeit unter ihnen war beinahe so intercssirt, ds neue Silbergeschirr zu sehen, wie den voraussichtlichen Bräutigam aus der deutschen Armee, von dem sie schon so viel gehört hatten. Man setzte sich, und ein Chor von bewundernden )h's" und .Ah's" erhob sich allsogleich. Auch ihnen schien das eingravirte Wappen auf dem Silber ganz besonders zu gefallen, denn sie prüften es mit eingehender Aufmerksamteit. Sogar der Bräutigam in spe that dies, aber merkwürdigerweise schien er gar nicht von dem Ergebniß dieser Prüfung befriedigt zu sein. Im Gegentheil seine Miene verfinsterte sich sichtlich, und er aß sein Diner m merkwürdiger Zerstreutheit. Beim Kaffee, als man sich in das Musikzimmer zurückgezogen hatte, wo Miß Amy mit einem brillanten Strauß schen Walzer sofort debutirte, da naherte sich der junge Freiherr der Mama und frug sie leise und in einem Tone, der Befangenheit verrieth: lim Vergebung, gnädige Frau, wenn meine Frage etwas unbescheiden klingen sollte, aber darf ich mich erkundigen, woher dieses Silbergeschirr auf Ihrem Tische stammt?" Er wurde darüber aufgegärt, aber das schien seine Mißstimmung nur noch zu vermehren. Und als jetzt der Hauswirth seine Gäste aufforderte, ihn m seine Bibliothek zu begleiten und dort seine soeben erworbene prächtige Münzsammlung zu beaugenscheinigen, da wurde seine Bestürzung und sein Aerger noch intensiver, nachdem er an den Schränken und Kästen dasselbige Wappen wiedererkannte, das auf dem Silbergeschirr prangte. Es kam am nächsten Tage zu einer Aussprache zwischen dem Freiherrn fco Branke und Herrn Bischoff. Das LZesultat derselben konnte nicht sehr zur Zufriedenheit ausgefallen sein, denn am Abend reiste der Officier fort zurück nach New Aork und von dort weiter nach Europa. Vorigen Monat hat Leo von Branke dort die bucklige Tochter des Commercienraths Win burger geheirathet, denn seine Gläubiger drängten ihn schon ganz unmenschlich. Natürlich hat der scharfsinnige Leser längst den Schluß zu obiger Erzählung gefunden. Papa Bischoff hatte einen Gelegenheitskauf, der sich ihm bei seinem letzim Aufenthalt in New Jork geboten, nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Sowohl das silberne Tafelgeschirr wie auch dieMünzsammlung stammten aus dem Hause der freiherrlich Bra7i?e'schen Familie am Harz. Der alte Freiherr hatte sich kurz vorher genöthigt gesehen, beide werthvollen Dinge an einen Händler für Jaargeld zu veräußern, und durch Zufall waren sie später nach New Vork in die Hände des steinreichen Milwaukeer Brauers gelangt. In reiferen Jahren. Das war ein Abend wetterschwlll, Da wir zum letzten Mal Hinab vom hohen Lindenbühl Geblickt in's stille Thal. Ein Regenbogen spannte hold Sich weit am Himmel aus, Und d'runter lag im Abendgold Dein liebes Vaterhaus. Und wie die Sonne endlich wich Vom hohen Vergessaum, Da küßte ich noch einmal Dich, Dann schied ich wie im Traum. Nun kam nach langer Wanderung Ich wiederum hieher. Mein Herz ist noch wie damals jung. Dich finde ich nicht mehr. Es steht Gebirg und Haus und Thal Noch auf dem alten Vlatz, Es ist derselbe Sonnenstrahl, Du aber fehlst, mein Schatz! Sie sagten mir. Du sei'st vermählt Mit einem reichen Mann, Und was mir sonst noch ward erzählt, Ich lauschte lang und sann. Vom Waldessaume pflückt' ich mir Ein frisches grünes Blatt. ' lieber Gott, wie dank' ich Dir, Daß sie ein Andrer hat!" Schlecht vertheidigt. Mann (liest einen Brief): Mein Studienfreund Arthur Meiev kommt morgen und wird unser Gast sein! Doch Du wirst ja ganz roth, Minna. Was soll das? Frau: Rege Dich nicht unnöthig auf, . ich kenne den Namen Meier gar nicht und höre ihn, heute um ersten Mal aus Deinem Minde!
Der Kalögott. Von Franz Herrzeg. : In größter Aufregung eilte der Di'rektor Rienzi von der Manage in den Circus. Er hatte einen unglücklichen Tag. Die Vorstellung war schon bis zur fünften Pi-ce des SpttlplanS gedicln, aber das Publikum war doch nicht aus seiner kalten Gleichgültigkeit aufzurütteln; kein Applaus, kein Beifallsgemurmel gab sich kund. Wenn die Premiere nicht zog dann war die ganze Saison verloren! Brennende Reifen, die auf der Nase des Clowns tanzenden Pfauenfedern, den gelehrten Hund alle diese Nummern hatte das Publikum schon hundertmal gesehen, zum hundert und ersten Male begegnete es den Darbictungen mit ausgesprochenem Hohn. Aujust" strengte sich vergebens an; scve Witze verfehlten die Wirkung; der Kautschukmann Harrison kratzte sich umsonst mit dem Fuß am Ohr selbst die Gallerie, die sonst diese Intermezzi mit Jubel aufzunehmen pflegte, zeichnete sich diesmal durch vornehme Reserve aus. Dem Director trat der Angstschweiß auf die Stirn. Nur eine einzige .Hoffnung hatte er: den Voltigeur Brown. Ob aber dieser im Stande sein würde, eine so verwöhnte Menge zu befried!gen? Einem Concurrenten hatte er ihn für schwere Geld weggekapert; seitdem hat er den Künstler jedoch immer nur betrunken gesehen. Aber es ist eine alte Praxis: die bekneipten Circusmitglieder sind nicht die schlechtesten ... Es folgte im Programm: Brown. der König der Voltigeure, welker auf einem m den patagonischen Pampas ergriffenen wilden Mustang den Löwensprung zeigen werde. Fanfaren der Musikkapelle zeigten die Ankunft des Helden des Tages an; als hätte ein neuer Luftstrom die.Sitzreihen belebt, wurde das Publikum aufmerksam. Alle Operngucker richteten sich nach dem Eingang schon im nächsten Moment sprengte' auf ei nem prächtigen Schimmel der König der Voltigeure herein. Eine prächtige Gestalt, ein Rinaldini im Jockey-Jacket! Auf seinem kühnen Haupte flattern bläulichschwarze Locken; aus seinen blitzenden Augen sprüht überschäumende Lebenslust, und sein schlanker Körper zeigt eiserne Muskeln. Jetzt gleitet er plötzlich von seinem Pferde und nähert sich der eisernen Säule in der Mitte der Rotunde. Der Director berührt mit seiner Peitsche die Hintersüße des Schimmels, der mit schwindelnder Schnelligkeit im Kreise rennt. Brown zieht seine breiten Schultern zusammen, wie ein Leopard, der sich zum Sprunge anschickt, und mit einem einzigen riesigen Satze ist er aus dem Rücken des Rosses. Das Eis war gebrochen! Ein ohrenbetäubender Beifallssturm erhob sich. Der Voltigeur galopvirt, mit seinen Fußspitzen kaum sein Pferd berührend, mit ausgelassener Frohlaune im Kreise umher, seinen schlanken Körper wiegt er kokett in seinen Schuhen, seine Jockey-Mütze läßt er hochflattern und seine weißen Elfenbeinzähne zeigt er triumphirend die Verkörperung der ungezügelten Kraft und der an Gefahren Wohlgefallen findenden Jugendlust. Der Beifallssturm ward zum Orkan. Director Rienzi hatte gern diesen Menschen geküßt der Erfolg des Abends und der Saison war gesichert. Der Voltigeur arbeitete, um in der Circussprache zu reden, sicher und sauber. Seinen Produktionen, welche die bisher gesehenen weit überflügelten, folgte das Publikum mit immer regerem Interesse. In einer Loge saß eine auffallend junge und schöne Frau an der Seite eines abgelebten Greises. Es war Graf Zaitay, der gewesene spanische Gesandte, und seine Frau. Ein distinguirt aussehender, schielender junger Mann auf der G ilerie bemerkte: Sie ist die Tochter eines Bankerotteurs, die ihren Mann nur wegen seines dielen Geldes genommen; er könnte ihr Vater sein. Sie leben sehr Unglücklich. die junge Frau beklagt sich immer." Der Graf gab seiner Frau den Mantel, und beide schickten sich zum Geben an, als sich die Dame wieder setzte. Wollen wir nicht aufbrechen, meine Liebe?" fragte er. Nein." Wollen Sie noch verweilen?"
M wo Wie Sie befehlen, meine Liebe." Die Gräfin lehnte sich in ihrer Loge zurück und zupfte nervös an den Spltzen ihres duftenden Taschentuches. Ihre Augen brannten vom Glanz der Gaslichter. Der Kopf schmerzte sie von der geräuschvollen Musik der Kapelle, und der mit seinem Leben spielende Reiter hatte sie mit magischer Gewalt gefangen genommen. Sie bemerkte mit Genugthuung, daß die blitzenden Augen des Voltigeurs sie aufsuchten, und daß er, so oft er an ihr vorübersausie ihr sein siegreiches, herausforderndes Lächeln zeigte. Ihre halbgeschlossenen Augen ruhten mit Wonne auf der frischen Gestalt des jungen Mannes, und wenn sie dann und wann verstohlen auf den neben ihr sitzenden abgelebten Rou6 blickte, umspielte ein bitteres Lächeln ihre Lippen. Es passirte ihr zum ersten Male in ihrem Leben, daß sie mit dem Aristo kraten mit glänzendem Namen und dem Sohne des Volkes Vergleiche an stellte der hohe Magnat wurde zur Pygmäe im Vergleich zu dem unbekannten Gaukler. Im Gehirn der Zunaen Gräfin trieben die revolutionärsten Gedanken ihr Wesen. . . - Sie vergaß Alles um sich und sah
nur ihn. der 'lachend allen 'Gefzien spottete und seinen schlenkert Leib mit brausende? Lust in die Lüfte schleuderte wie ein Halbgott. Fühlen Sie sich nicht wohl, liebe Ad:ienne?" fragte sie der Gatte mit verletzendem Nasalton. .Mir fehlt nichts," entgegnete sie trotzig. Sie erwachte erst dann aus ihren Grübeleien, als außerordentliche Beifallskundgebungen den Voltigeur hervorriefen. Die dunklen AugenBrown's suchten die Gräfin, und obschon sie ruhig, wie ein Marmordenkmal, dasaß, verbeugte er sich doch gegen ihre Loge, wie der Gladiator vor der Cäsarin. . . Graf Zaitay. schon daran gewöhnt, seine Frau wie ein verzogenes Kind zu behandeln, nahm mit Betrübniß wahr, daß die Gräfin, seitdem sie den Circus besuchte, von Tag zu Tag immer nervöser und aufgeregter wurde. Ihr kleiner Mund zuckte oft schmerzhaft zusammen, und ihre Augen ruhten manchmal auf dem Gatten mit dem Ausdruck unendlicher Verachtung; zuw:ilen schloß sie sich sogar ohne Ursache stundenlang in ihr Zimmer ein. Auf die zärtlichsten Fragen ihres Gemahls gab sie spitze, heftige Antworten. und der herbeigerufene Hausarzt, welcher durch das Benehmen der Gräfin auf ein herannahendes glückliches Familicnereigniß schließen wollte, hörte in fünf Minuten aus demMunde Adrienne's mehr Grobheiten, als er an einem Tage den Patienten seiner Poli klinik zu appliciren Pflegte was nicht wenig bedeuten will. Sie war unendlich verbittert; sie fand Alles erbärmlich, kleinlich und verächtlich. Sie haderte mit ihrem Gatten, mit sich selbst und mit der ganzen W'elt. Sie haßte ihren Mann welcher, die Unerfahrenheit des jungen Mädchens mißbrauchend, sie für's ganze Leben an sich gekettet hatte, ohne daß sie die Kraft gefunden, die drückenden Fesseln zu sprengen. Dabei klang fortwährend die ausgelassene Fröhlichkeit des Voltigeurs in ihr Ohr, immer sah sie seine slatternden Locken, seine blitzenden, dunklen Augen, die Perlenzähne, er erschien ihrer Phantasie wie ein Halbgott Es war an einem sonnigen Herbsttag. als die Gräfin wider ihre sonstige Gewohnheit am Schreibtische saß. Nachdem sie von dem Briefbogen ihr Monogramm ausgeschnitten hatte, schrieb sie mit zitternder Hand: Wenn Sie mit einer Dame, die von Ihrer Kunst hingerissen ist, zusammentreffen wollen, seien Sie morgen Nachmittag um 4 Uhr am Ufer des Stadtwäldchen-Sees, rechts von der SÄlittschuhhalle." Die Adresse lautete: Mr. Edgar Brown, Mitglied des Rienzischen Circus." Sie schickte den Brief ab, schlug dann die Thüre zu, und auf ihrer Stirn thronte dunkle Entschlossenheit. Als sie in den Spiegel blickte, blitzten ihre Augen, und um ihre Lippen spielte ein dämonisches Lächeln. Am anderen Tage erklärte die Gräfin, daß sie um 3 Uhr aus längere Zeit ausfahren wolle, welcher Entschluß den lebhaften Beifall des Grafen fand, der frische Luft für die beste Medicin der kranken Nerven hielt. Adrienne drückte sich zitternd in den Fond ihrer Equipage. Sie hatte die Empfindung, als ob die Passanten mit Fingern auf sie wiesen und murmelten: Seht doch, diese Frau geht jetzt, um ihren Gatten zu betrügen... Sie irrte sich, höchstens flüsterte der eine dem andern zu: Dort fährt die schöne und tugendhafte Gräfin v. Zaitay. Der Wagen bog in eine enge Vorsiadtstraße. als er im Schritt fahren und schließlich sogar halten mußte, zum großen Aerger der ungeduldigen jungen Frau. Sie blickte verdrießlich hinaus und gewahrte eine sich stauende, große Menschenmenge, damit beschäftigt, eine magere, häßliche, alte Frau aus den Fäusten eines Trunkenboldes zu befreien. Der Spektakelmacher hatte arobes Tuchzeug an, auf dem Kopf saß ihm ein breitkrampiger Hut, und um seinen Hals war ein rothes Tuch geschlungen. Schurke! Schuft!" kreischte die Alte, hast Du denn nicht lange genug im Wirthshaus gesessen? Komm nur erst nach Hause, ich werde Dir Schwefel in Deine Suppe mengen!" Der Trunkenbold antwortete mit einem Faustschlag, welcher der Frau die Haube vom Kopfe schleuderte. Die Umstehenden packten ihn. und er wurde schließlich mit Hilfe einiger Polizisten mit großer Mühe bezwungen. Wahrend man seine Hände fesselte, gebrauchte er gegen ' seine Bändiger die unfläthigsten Schimpfwörter. Adrienne zog sich erröthend und angeekelt in ihren Wagen zurück. Die Diener des Gesetzes schleppten den Excedenten zur Polizei; der Troß der Straßenjugend gab ihnen das Geleite. ' Die Frau des Gefangenen, welche ihre Haube zu befestigen suchte, räsonnirte auf die Polizisten, indem sie mit gellender Stimme verlangte, man solle doch ihren Mann freilassen, sich nicht um ihn bekümmern; sie würde ihren häuslichen Zwist allein mit ihm zum Austrag bringen. Der Transport ging an der gräflichen Kutsche vorbei, und Adrienne blickte mit kindlicher-Neugierde hinaus. , .. Der Arretirte blickte sie mit großen Augen erstarrt an; sie verspürte einen widerwärtigen Schnapsgeruch, dann zuckte sie zusammen dieser blutige, mit Straßenkoth bespritzte Mann war Niemand anders, als er, der Voltigeur ihr . . . Halbgott. Nur eine Minute sah sie sein Gesicht, aber sie erkannte sofort seine theuren Züge. Vielleicht irrte sie sich aber doch? Sie beugte sich daher aus ihrer Kutsche und fernste einen' Polizisten zu' sich heran.'
Wissen Sie "vielleicht, wer der Spektakelmacher ist, den man hier arre-
im hat?' .Ein Künstler aus dem CircuT Rienzi, der uns diel zu schaffen macht. Diese Gaukler sind manchmal ein unbändiges, rauflustiges Volk." Adrienne druckte dem Slcherhenswachtmann ein Bündel Banknoten in die Hand mit den Worten: Geben Sie dies seiner armen Frau!" Dann rief sie dem Kutscher zu: Nach Hause!" Merkwürdig! Ihre Stimme klang so heiter, als sie dies sagte, wie die eines Schulkindes, welches aus der Pension in die Ferien nach Hause reist. Sie machte die Wahrnehmung, daß sie sich förmlich freue, ihre guten Alten wiederzusehen. Noch nie war sie mit solcher Leichtigkeit die Treppe hinaufgeeilt. Er war gerade im Ausgehen begrif sen und nicht wenig erstaunt, als ihm im Corridor seine schöne, junge Frau entgegenkam, ihn umhalste und ihn gründlich abküßte. Er war geradezu baff, als ihm seine Frau schmeichelnd sagte: Nicht wahr, mein lieber Alter, Du bleibst heute Abend mir zu Gefallen zu Hause. Ich werde selbst den Thee in meinem Zimmer zubereiten und Dir dann die Abendblätter vorlesen; ich gestatte auch, daß Du rauchen darfst. In den Circus aber gehen wir nicht, weder heute, noch morgen überhaupt nie mehr!" Modern. Won Alfred Klaar. Stanislaus und Hedda waren zwei junge Menschen, die das seltene Glück genossen hatten, völlig im Geiste der Moderne erzogen zu werden. Schon die befreundeten Elternpaare waren ausschließlich dem Geist des Neuen zugewendet und nach dem frühen Tode der Erzeuger fanden die Verwaisten, die durch ausgiebige Erbschaft über die gemeinen Sorgen des Daseins hinausgehoben waren, ihren gemeinsamen Halt in den leitenden Gedanken der neueren Literatur. Beide, der vierundzwanzigjährige Stanislaus und die achtzehnjährige Hedda, lächelten ganz eigenthümlich, wenn man von Schiller sprach, und ein großes, tiefes Mitleid beschlich ihre Herzen, wenn sie einem Menschen begegneten, der Paul Heyse las. Deutsche Autoren pflegten sie überhaupt historisch" zu nennen, und das Historische, sagte Stanislaus, ist das Hemmniß. Das geistige Leben begann für sie bei Bj'örnson, Jbsen war die höhere Stufe und Tolstoi die Krönung. So war der Altar beschaffen, an dem sie beteten, und ein Gebet anderer Art war ihnen unbekannt geblieben. In einer stillen Stunde fragte Stanislaus einmal Hedda: Ob man Wohl noch heirathet?" Das ist die Frage," antwortete Hedda. Wir wollen fragen," sagte Stanislaus und bald waren sie einig, sich an die Lenker ihres Lebens zu wenden und sich Auskunft über einen Punkt zu erbitten, der durch die neueste Literatur noch nicht endgiltig erledigt war. Der erste gemeinsame Brief, der die kurze Frage: Sollen wir heirathen?" enthielt und dessen Unterschrift lautete: Ihre Geisteskinder Stanislaus und Hedda", wurde an Björnstjerne Björnson gerichtet. In den acht Tagen, die bis zum Eintreffen der Antwort verliefen, ließ Hedda Zeichen derUngeduld merken, was Stanislaus als veraltet zu rügen sich nicht enthalten konnte. Ganz konnte er seine Aufregung auch nicht bemeistern, als der erwähnte Brief mit der norwegischen Marke eingetroffen war und er den folgenden Inhalt seiner Genossin vorlas: Meine lieben Kinder! Die Liebe ist das Geheimniß, die Ehe der Verrath des Geheimnisses. Ein verrathenes Geheimniß ist keines mehr. Prüfet Euch ein Jahr, ob Euch das Schweigen der großen Liebe erreichbar ist. Vielleicht bringt Ihr es dann zu Wege, das Geheimniß in die Ehe hinüberzuretten. Väterlich Euer Björnson." Wie wahr!" rief Stanislaus aus. Wie echt!" sagte Hedda. Und sofort war ein Jahr der Prüfung beschlossen, in dem von der Liebe so wenig die Rede sein sollte wie in einem MädchenPensionat oder wie in einer modernen Volksversammlung. Sie sprachen von Vacillen. vom Phonographen, vom Verismus und von der Erbsteuer und auch das mit einer so ausgemachten Verschlossenheit, daß in der Regel die Antwort nicht recht zu der Frage paßte. Von Tag zu Tag wurden sie einander geheimer, und ihr stilles EinVerständniß, einander nicht zu verstehen, war so erfolgreich, daß ihre Unterhaltung mitunter aus herbenSelbstgesprächen. die einander ablösten, 'bestand. 'Ich glaube Vater Björnson wird zufrieden sein," sagie Stanislaus am letzten Tage des Jahres und unterdrückte eine Regung von Zärtlichkeit, um die Sache im letzten Momente nicht zu verpatzen. So schreiben wir gleich heute an Ibsen," sagte Hedda. und sie fügte erklärend hinzu, auf dem Wege zur Wahrheit darf man keinen Augenblick stille stehen." Als die Antwort von Ibsen eintraf, war Stanislaus so aufgeregt, daß er beim Oeffnen des Briefes das Couvert z:?riß; er schämte sich deswegen gewaltig und vergaß sich so weit, zu beHäupten, daß das Papier ein schlechtes sei. Blasphemie," murmelte Hedda, hing aber schon erwartungsvoll an den Lippen des Jugendgenossen, der mit männlicher Fassung den folgenden Brief vorlas: Unmündige Kinder, die Ihr an Euch selbst zu denken scheint! Die Ehe ist die Frage der. Ungeborenen, fraget nicht mich, fraget das Gewissen und
die Wissenschaft! Wandert zu den Pro"pheten der Naturkunde, deren Tiefblick in das Wunder der Vererbung eindringt. Da werdet Ihr erfahren, was
Ihr dürft und waS Euch versagt ist. Ahnungsvoll Euer Ibsen.Groß!" sagte Stanislaus. Allumfassend!" hauchte Hedda, und noch an demselben Tage traten Beide eine Rundreise zu den berühmtesten Aerztcn der Tege?.wart an, auf der sie alle europäischen Metropolen berührten. Nach Jahresfrist kehrten sie befriedigt zurück. Ihre Zeugnisse waren tadellos. Eine sie'iche Zuversicht, die freilich em Theil dem anderen als un modern verwies, roar über Beide gekommen. Im Fluge sandten sie ihren letzten Fragebrief ab. das entscheidend: Schreiben an Leo Tolstoi, und ganz unvermerkt hatte Eines den Arm um den Nacken des Anderen gelegt, als das Antwortschreiben angelangt war und Stanislaus zu lesen begann. Kinder der Gewohnheit, Ihr habt nach Eueren Mittheilungen Einiges gethan, um Euch auf Euch selbst zu besinnen. Einiges, aber nicht genug. Ich verstehe Björnson und Ibsen, sie wollten aufhallen, was anscheinend nicht zu hindern war. Ich aber sag: Euch: unterlaßt es! Es bleibt doch immer eine unanständige Geschichte. Naturmenschlich Euer Tolstoi." Herrlich!" riefen Beide in einem Athem und fielen einander aus den Armen. . Fünf Jahre sind seitdem verflossen. Stanislaus und Hedda gehören zu den glücklichsten Menschen ihrer Zeit. Hedda hält eine Schule, in der Mädchen zum Alleinstehen erzogen werden, und Stanislaus in allen Großstädten vielbewunderte Vorträge über das Aussterben der alten Richtung". Aus der Geschichte ihres Glückes aber machten sie ein Buch für die Heranret sende Jugend, von dem sie lächelnd zu sagen Pflegen: Es wird, wie jeder gute Lehrer, sich selbst entbehrlich machen. . Ein drolliger Kauz. Der Schauspieler Toole, der als der beste Komiker Englands gilt, ist, ganz im Gegensatz zu vielen seiner Fachgenossenen, auch im Privatleben ein drolliger Kauz. Wer kennt nicht jene Geschichte, wie Toole Mark Twain empfing? Na, dem Kerl, der stets von seinem Californien schwärmt, dem wollen wir zeigen, daß unser. nebliges England auch nicht so ohne ist." Und er gmg hm und kaufte auf dem Markte Orangen und Mandarinen, Ananassruchte und Pistazien, Plsangs und Bananen und indische Feigen und band sie alle hübsch säuberlich an die Straucher und Baume seines Gar tens, um dem Gaste aus Amerika Ach tung vor der Vegetation Englands einzuflößen. Mark Twain war denn auch höchlichst überrascht. Das über trifft sogar unser üppigstes Vegeta tionsbild", sagte er, solche Früchte wachsen bei uns auf solchen Bäumen nie. und wenn sie es thun, wachsen sie doch stets ohne den seidenen Fa den". Jüngst ging Toole in ein Restaurant, das als ziemlich vornehm gilt. Er verlangt die Speisekarte. Er studirt sie, schüttelt das Haupt und sagt: Das ist nichts für mich. Haben Sie kem Tantmn ercro?" Der Ober kellner, der so was nie gehört, bedau ert unendlich. Aber ein Quos ego kann ick dock haben?" IM werde gleich in der Küche mal nachsehen." Zu seinem Leidwesen ist auch diese Speise nicht vorräthig. Hm . macht Toole. Et habenius papani wer den Sie doch wohl haben?" Der Oberkellner ist außer sich. Der Ruf des ganzen Restaurants ist auf dem Spiele. Ich werde es gleich, frisch machen lassen", sagt er und stürzt eiligst davon. Bestürzt aber kommt er wieder. Die letzte Portion ist gerade weggegeben." So, so. na dann bringen Sie mir ein non possumua oder ein Beefsteak mit Bratkartoffeln. Und nun, nun strahlt das Antlitz des Oberkellners, denn, wenn er auch das andere Teufelszeug Nicht kennt, das Beefsteak, das kann er ganz sicher bringen. Das Gelächter der Gäste aber, die Toole ja kennen, läßt sich denken, zumal wenn man sich .das lost lick .naiv-ernste. Gesicht deö Komikers dazu ausmalen kann. Eine der tollsten Geschichten aber stammt aus den allerletzten Tagen. Geht da unser Toole in eine Austernstube. Das Lokal ist voll. Kem Plätzchen unbesetzt. Hm. das ist fatal. Was thun? He, Aufwärter, bitte geh'n Sie mal raus, und tragen Sie meinem Pferde ein Dutzend Austern " I . . i. . .hrem Pferde?" stotterte der Aufwärter. Na natürlich, was glotzen Sie denn so dumm. . . wem denn sonst als meinem Pferde! Haben Sie noch nie ein Pferd Austern essen sehen?" donnerte Toole. Ja. . . ja. . . ich. . . ich . . .ich gehe schon." Und der Anwarter bestellt die Austern und eilt damit hinaus. Die Gäfie alle die auch noch nie ein Pferd Austern essen sahen drängen nach, um das Wunder zu schauen. Toole nimmt unterdessen schmunzelnd Platz. . Jetzt ist ja daran kein Mangel. Nach einer Weile kommt der Aüfwärter mit den Austern zurück und ein Theil der Gäste hintennach. während die Anderen noch warten. .Herr", sagt, der Kellner,, ich habe Alles versucht, aber das Pferd will ; von den Austern nichts wissen. 1 Nicht?" sagt Toole. Na wissen Sie was. dann geben Sie sie mir", und behaglich fängt er an. seine Allstem zu schlürftn. - ''s . Modernes Examen. Nun, Fräulein Candidat, waZ wissen Sie über daS Herz zu saen? O, ich : bitte, daS meinige ist noch srei. .
Unhoflichkeiten.
Höflich sein mit Höflichen. daS ist kein Verdienst; aber den Ungezogenheiten Anderer mit Ruhe und Würde entgegenzutreten, das ist das Zeichen eines großen und edlen Charakters, der m sich gefestet ist. Es ist nicht selten, daß wir Unqezogenheiten begegnen. Wissen und Bildung sind weit vorgeschritten, aber nicht soweit Herzensgüte und Takt. Daß Jemand lesen und schreiben und rechnen kann, ohne besondere Fehler zu machen, das bürgt noch nicht dasür. daß er das Alphabet der Gesittung und das Rechenexempel guter Lebensart in sich aufnahm. Wir werden oft von Menschen verletzt, von denen wir es Nicht erwarten, und begegnen UnHöflichkeiten dort, wo wir mit Fug und Recht eine vo?nehme Gesinnung voraussetzen durften: kein Wunder, das uns dann der Zorn übermannt. und auch wir das seelisheGleichgewicht verlieren! Wir verlieren es vornehmlich, weil wir in der Unhöslichkeit eine Geringschatzung unserer Person sehen. Gegen andere wurde er sich so etwas mcht erlauben", argumentiren wir und sind innerlich empört darüber. Unter Stolz bäumt sich auf, er Verleitet uns, diesem Menschen mit gleicher Art oder Unart zu begegnen. Wie du mir, so ich dir." Möglich, daß sich der andere darüber erbost; möglich auch, daß er es nicht bemerkt, im letzteren Falle dürfen wir uns sagen: er versteht es nicht! Und damit muß die Sache für uns abgethan sein. Wäre es so! Aber in den meisten Fällen tragen wir eine UnHöflichkeit lange nach, ja, wir 'vergessen sie nie mehr und die Bitterkeit taucht immer wieder auf, sobald wir dem andern begegnen. Und immer wieder reizen wir ihn aus der Stimmung jener Stunde. Das ist kleinlich, engherzig, das ist selbst eine Unhöflichst. Und hier treffen wir auf den Kern der Sache: die Ungezogenheiten anderer sollten uns nie zu gleichen Ungezogenheiten verleiten, denn wir treten dann mit jen?n anderen auf die gleiche, niedere Stufe. Thun wir, als ob wir sie nicht bemerkten! Lassen wir uns an einem verwunderten Blicke, einem etwas zögernden Ton im weiteren Gespräche und einer gemessenen Zurückhaltung genügen, ohne doch die Grenzen der Höflichkeit zu übertreten, so treiben wir dem Gegner nicht selten die Rothe der Beschämung in's Gesicht, und er nimmt sich im weiteren Laufe der Unterhaltung sehr zusammen. Vor seinen Ungezogenheiten sind wir sicher. Und ist das nicht der Fall, begegnen wir auch fürderhin einem protzenden Unverstand, so läßt sich der Umgang auf die eine oder andere Weise unauffällig und allmälig abbrechen. Erst auf hundert unabsichtliche UnHöflichkeiten kommt eine absichtliche ; denn in der Absicht liegt Bosheit, und boshafte Menschen verstecken ihre Empfindungen, geben sie selten im Worte preis, sondern warten gleich auf die schädigende Handlung hierzu. Die alltäglichen UnHöflichkeiten, jene, denen wir auf Schritt und Tritt begegnen, entspringen meistens einer man-gelhaften-Erziehung; einer Erziehung, die nur Buchstabe blieb und nicht durch die Gewohnheit in Fleisch und Blut überging. Oft sind sie auch Gedankenlosigkeit. Oberflächlichkeit. Egoismus. Rücksichtslosigkeit' und wie all die Untugenden unserer hastenden Zeit heißen. Das Eine bleibt gewiß: so lange man die' UnHöflichkeiten Anderev nicht ruhig und gelassen, nicht mit weiser Ueberlegenheit und lächelndem Verzeihen hinnimmt, so lange hat man eine edle Selbstbeherrschung nicht erreicht. Wie sich auch die anderen zu dir stellen ob unhöflich, ob schmeichlerisch, lasse dich davon innerlich nicht beunruhigen, nicht aus den schönen Grenzen deinesWesens bringen: bleibe di- selbst getreu! Tie Ncnaissance des Kusses. Die gewöhnlichen Durchschnittsmenschen 'sind der Ansicht, daß in dieser Welt noch immer leidlich genug geküßt wird. Anderer Meinung ist der berühmte englische Novellist Si? Walter Besant, der jetzt einen Feldzug zuGunsten der Verallaemeineruna des Küssens eingeleitet hat. Zu Ende des17. Jabrbunderts war e2 üblich, so erzählt Sir Walter, daß jeder Herr, der ewer Dame vorgestellt wurde, dieselbe ohne Weiteres umarmte. In den Theaterstücken jener Zeit wird fast, bei jeder Begegnung zwischen Herren und Damen ein Kuß vorgeschrieben. Ja, sogar wenn eine eifersüchtige Gattm ihren etwas allzu lebenslustigen Gemahl einer jungen Dame vors.cllt. fordert diese selbst ihn auf. ja nicht die übliche Höflichkeit zu unterlassen und der Herr Gemahl läßt es natürlich nicht an Gehorsam fehlen. Wenn ein Fräulein zum Altar trat, wurde eö von der ganzen anwesenden Herrengesellschaft, vom Pfarrer abwärts, abgekükt.' Wann diese schöne Sitte abkam. ist nicht genau festzustellen. Aber schon das 13. Jahrhundert war mit Küssen nicht mehr so freigebig. Uebrigens galt in England das Küssen unter Männern schon zu jenen schönen eiten als nicht mehr modern. Gleichwobl sind Fälle verzeichnet, in denen Parlamentsmitglieder nach besonders zündenden Reden von ihren Freunden herzdaft abgeschmatzt wurden. Warum r.iin," fragt' Sir Walter, sollen wir, den Kuß als Gruß zwischen Herren und Damen nicht wieder emsübren?" 3. warum nicht? dürsten viele mit im fragen. '
0 : o $ i g t x Reichthum ist halber ttr.-V..-n, stolze Armuth dopseit: rr.u;V .
