Indiana Tribüne, Volume 20, Number 147, Indianapolis, Marion County, 14 February 1897 — Page 7
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An meine Mnttcr.
Von Peker Lohmann. Und ob auch Hunderte mich hassm, Viel einst'ge Freunde mich verlassen. Und ob ich gar verhöhnet bin. Vom Marktgewühl im bunten Flimmer: Ein einzig Lob aus deinem Munde, Nur eine einzige froh Stunde In deiner Nähe läßt vergessen Die ganze bitterernste Schmach. Und ob auch Tausende mich preisen In immer neuen, hohem Weisen, Und ob mein Name golden glänzt Auf Ruhmestafeln der Geschichte: Em cinz'ger Nath aus deinem Munde, Nur eine einzige traute Stunde In deiner Nähe macht mich glücklich. Wie nimmer Eh das vermag. Und ob ich unablässig strebte. Im Sturm bzx SeeKnkämpfe bebe. Und ob seit Jahren lebet Morgen Mir neue, größ're Sorgen brachte: Ein einzige? Trost u deinem Munde, Nur eine riirjige Jriedensstunde In deiner Nähe spendet Ruhe Nach wildMgtnr, wirrem Tag. Jas Kmdcrzimmer. 'Von W. Lilie. I. Mrs. Ämnard hatte Ui ihrer Freundin Mri. Robinson den Thee eingenommen.; und als sie langsam nach Huse zurückkehrte, bemerkte sie auf du andern Seite eine Gruppe von Kindern. Ein Baby von ungefähr zweieinhalb Jahzm .saß auf der Straßenschwelle und ttÄnte. Zwei kleine Mädchen und drei Heine Jungen, von denen der älteste rfaja zehn Jahre alt zu sein schien, hatten sich um ihn herumgestellt, die Klerirsten rissen den Mund und die Aucpm :weit auf und betrachteten den klemm . Heulmeier mit jener stummen und azufmerksamen Neugier, die die encsiffchen Kinder charakterisirt. Der Aelteste überhäufte das Kind nstf Fragen, auf die das Baby keine Antwort gab: 3 heißt Du? Wo wohnst Du? ffiie Heißt Dein Papa? Wie heißt Dome Mama? Und wo ist Deine Stornrer DaZ Baby verstand nur das letzte Wort meines jeden Saes und wiederholre "weinend: " Will nach Hause! Zu PapnZ'Will zu Miner Vonne! Dann steckte das crrme Kleine seine Fäuste in die Augen und trocknete seine schmutzigen Hände an seinem weißen Kleidchen mit rührende? EinfaN ub. Mrs. Varnard wcrr stehen gevlreben; dann 'hatte sie die Straße durchschnitten und sich der Grppe genähert. .Das Kind hat sich wohl verirrt?Ja wohl verschte der Sprecher; Jett 'einer Stunde frage ich es,doch es Will -nicht antworten!Aber es kann nicht antworten. Ihr sehtdoch, es ist ein ganz klemes Kind!" Dann fügte sie, wie zu sich selber sprechend, hinzu: . .Man kann es doch nicht mitten auf der Straße lassen!" Soll ich den PvAceman lufen?" fragte der Junge. Zufällig stand gerade einer an der MrußeneSe, was uls ern halbes Wunde? anzusehen war. Da sitzt ein armes kkeineZ Kind, dns verloren gegangen ist!" sagte Mrs. Barnard zu ihm. Wissen Sie -nicht ein Mittel, seine Eltern auszusuchen?Ohne die Dame anzusehen nndohne den Kopf zu wenden, versetzte 'der Posicrman nach längerem Nachdenken: Wir müssen es auf die Polizeiwache bringen!" Komm!- sagte Mrs. Varnard zu dem Kinde? wir werden Deine Mama aussuchen." Der Zug setzte sich in folgenderOrdntrng in Tenegung: voran gmg'derPoliceman. dann kam Mrs. Varncttd, die das Meine vorsichtig trug, ihr folgte der kleine Mann: von zehn Jahirn, der das Buby entdeckt, und den Beschluß machten die vier andcrn,die, emenFinger hn Munde, hinte?hert!ppelten. II. Mrs. Barnard ließ ihr Gefolge tror der Thur und trat in das Pottznbnreau. Der Wachtmeister hörte sie ernst und aufmerksam an, and meinte: Ein Verloren gegangenes Kind? Schön! Es kann seine Wohnung nicht angeben? Vs hat keine Papiere bei sich. die seine Identität ausweisen? Keine Visitenkarte?" Aber mein Herr, bedenken Sie doch, ein Kind von zwei Jahren!" - Schon! Sie können 3 hier lassen! Man. wird ihm eine Nummer geben. Sie können embesorgt sn wenn die Eltern noch ezistiren, und sie es innerhalb vlerundzwanzig Stünden reklamiren. so wird ihnen das Aind übergeben werdend Mein Gott, mein GotU sagteMrs. Barnard, .soll ich das orime Wurm hier lassen?" Allerdings hatte der Lieutenant versprochen, den Kleinen zu nummeriren; doch die gute Dnne hatte es weit mehr beruhigt, wenn er, anstatt einer Nummer, dem Kinde ein bischen Milch verabreicht hatte. - ----- Wenn Sie das Kind vorläufig übernehmen wollen," sagte er schließlich, so gestatte ich Ihnen, es mit in Ihre Wohnung zu nehmen. Man wird die Eltern zu Ihnen schicken, wenn sie herkommen sollten. Ist es weit?" Zwei Schritt!" Schön!" Nach diesen Worten des Wachtmeisters verließ Mrs. Varnard, das Kind auf dem Arm, die Polizeiwache der Junge erwartete sie bor der Thür! . Man hat mich gebeten, dasKind zu behalten," sagte sie zu ihm, da hast Du sccbs Pence für Dich!"
Der Junge betrachtete einen Aun. blick die weiße Münze in seiner schwarzen Hand, rief ein rasches: .Danke schön!" und vschwand mit seiner ganzen Gefolgschaft in einem Zuckerladen. Mrs. Barnard stand bereits vor ihrem Hause. in. Als die Köchin ihrer Herrin die Thur offnere, folgte eineSintfluth von Ausrufen, die sich noch verdoppelten, als Mrs Barnard ihr Abenteuer erzahlte. Und Madame hat es ganz allein uf der Straße gefunden? Und Madame weiß, woher es kommt? Ach Gott, wie schön er ist! Der bleibt gleich hier!" lber. Jessie. was fällt Dir ein? Wft können es doch nicht behalten!" Warum denn nicht? Madame sagt toch, die Polizei hat es ihr gegeben?" Bis seine Eltern wiedergefunden find! Aber denke doch! Das Kind hier behalten! Was würde Herr Barnard dazu sagen?" Ah, bah! Der Herr würde zuerst ein bischen knurren, und dann . . Anstatt zu schwatzen, Jessie, sollten wir uns lieber mit dem Kleinen beschäftiFen; wo bringen wir ihn unter?" Im Eßzimmer; dort ist Feuer." Das Eßzimmer war ein kleiner behaglich eingerichteter Raum, in dem die Barnards sich gewöhnlich aufhielten. Im Winter nahmen sie ihre Mahlzeiten hier ein. Nachmittags arbeitete Mrs. Barnard hier mit Nancy. der Näherin, welche die Hemden des Herrn Barnard ausbesserte. In diesemZimmer wurde der Kleine tqs 'den Teppich gesetzt. Jessie schürte das Feuer, und sofort schwieg daö Kind, das bisher geweint hatte und betrachtete den Kamin mit nachdenklicher Miene. Man möchte alauben. er kennt sich
ans, sagte Jessie. Er muß unaer baben. Was wol5en wir ihm denn zu essen geben? Was gibt man Kindern. Jessie?" bei uns aiit man ibnen Qaierffuppe, aber so ein Londoner Kind mag 'das vielleicht nicht. Lauf schnell zu Mrs. Diron und Tratte sie. Sie muk es dock wissen. denn sie hat sechs Mädchen und vier Jungen. Ich gehe hinaus in das Kmderzimmer und hole ihm Spielzeug.Madame will es allein lassen?" Nur einen Augenblick!" Und wenn ihm die Katze nun die Augen auskratzt ?" Wir werden die Katze in die Speisekammer einsperren!" Fürchten Madame nicht, daß er ins Feuer fällt?" Das werden wir gleich in Ordnung bringen!" Mit Iessses öilfe bildete Mrs. Barnard aus Fauteuils, Stühlen und Tabourets eine fürchterliche Barrikade! Dann verließen beide das Zimmer. IV. Das Kinderzimmer befa-d sich im dritten Stock des Hauses. Es war groß, hübsch, hell und luftig und mit bunter Tapete beklebt. Es fehlte nichts darin als ein Kind! In der Mitte standen zweiSchränke. Der eine enthielt Windeln,. Hemden, kleine Häubchen für jebes Alter, die in wunderbarer Ordnung aufgestapelt lagen und so mit Kampfer durchsetzt waren, daß der Geruch einem schon auf der Schwelle in die Nase drang. Der andere Schrank enthielt Spielsachen für die erste Kindheit: Hampelmänner. Pfeifen, Peitschen, Gewehre. Windmühlen, Eimer aus Weißblech, HolzPferde und anderes Spielwerk aller Art. Gar oft stieg Mrs. Baimard in das Kinderzimmer hinauf. Sie stäubte und reinigte alle diese Sachen lange Zeit, betrachtete sie gerührt und ließ manchmal eine Thräne auf den Czako eines Soldaten oder auf eine Kinderklapper fallen, die sie gerade in da Hand hielt. V. .Als sie an diesem denkwürdigen Tage wieder hmunterkam, wen fand sie im Eßzimmer? Mr. Varnard in höchsteigener Person. Mit gekreuzten Armen nnd sarkastischem Lächeln betrachtete er das Kind und die lächerliche Barrikade, die es umgab. Was ist denn das," sagte er. auf das Wurm deutend. Ich habe das kleine Wesen, das Hilflos auf der Straße saß, für ein paar Stunden aufgenommen; und wenn Du dagewesen wärest. Dn hattest c3 ebenso gemacht!" Herr Barnard pntestirte lachend. . Jawohl, mein Herr, das hätten Sie gethan. Aber Charles, mach' Dich doch nicht schlechter als Du bist!" Der. Kleine hatte sich zu Herrn Barnard hingeschleppt und rief, sich an sein Beinkleid klammernd: Papa!" Ich scheine Deinem Vater ähnlich zn schen. Hast Du denn wenigstens ine Hände, Du kleiner Taugenichts!" Wie hartDu mit dem kleinen Herz chen sprichtst! Komm, mein Engelchen!" Aber das Engelchen" klammerte sich mit der Energie seiner kleinen Finger an die Hose des 'Herrn Barnard. Laß doch dem Jungen sein V'rgnügen," sagte Herr Barnard, innerlich geschmeichelt; aber möchtest. Du mir nicht erklären, was Du morgen und in den folgenden Tagen mit ihm anfangen willst, wenn man ihn nicht abholt?" . Man wird ihn schon abholen!" Ja. wenn man ihn' nun aber" nicht abholt?Mrs. Barnard schwieg, und Jessie. die eben mit einem heißen Süppchen eintrat, hielt es für angemessen, .sich einzumischen. Auf die Straße wird ihn. Madame gewiß nicht werfen!" ri.'f sie und warf ihrem Herrn einen entrüsteten Blick zu.
Ach. kttzt mischt sich die andere Närrin auch darein." versetzte Herr Barnard verächtlich. Also das Kind soll adoptirt werden? Das hättet Ihr gleich sagen sollen. In dem Fall wasche man ihm wenigstens die Hände." Doch als Jessie eine Schüssel mit warmem Wasser hereinbrachte und das Baby abzuseifen begann, rief er ärgerlich:Sie verstehen nichts davon!" kauerte sich an die Erde und ergriff die Händchen des kleinen Mannes, der ihm ein augenscheinliches Wohlwollen bezeigte. Ein Adoptivkind!" fuhr er dann fort; das geht doch nicht so schnell. Gieb 'mal die Patsche her, damit ich Dich ordentlich abseifen kann!" Während Herr Varnard dem Kleinen die Hände wusch, hatte sich Mrs. Barnard auf der anderen Seite auf ein Tabouret gesetzt und sich mit einem Löffel vollSuppe bewaffnet.die sie dem Kinde in den Mund steckte. Jessie. die für den Augenblick nichts besseres zu thun hatte, hatte eine Trompete ergriffen, der sie entsetzliche Töne entlockte. Das Baby ließ ein kräftiges Lachen hören, spritzte Herrn Barnard dieSeife ins Gesicht und verschüttete die Suppe auf die Hände und das Kleid der Mrs. Barnard. VI. Alles schwamm in Entzücken, als plötzlich heftig an der Klingel gezogen wurde. Jessie öffnete, und zwei bis drei Sekünden später stürzte ein großes Mädchen athemlos in das Zimmer. Ha! Tommy! Du häßlicher Tommy! Da bist Du ja! Na, Mama ist schön außer sich!" .Damit nahm sie ihn triumphirend auf den Arm. Tommy, der gleichzeitig von seiner Trompete und seiner Suppe getrennt wurde, stieß ein herzzerreißendes Geschrei aus. Doch, ohne sich um dieses Geschrei zu kümmern, verschwand TommyS Bonne eben so schnell wie sie gekommen war. Das Mädchen ist der Wirbelwind!" meinte Mrs. Varnard. Eine wahre Wilde!" bestätigte Herr Varnard und fuhr. alsJessie unbeweglich stehen blieb, in heftigem Tone fort: Schließen Sie die Thür; es zieht ja fürchterlich!" Die beiden Gatten sahen sich wieder allein in dem kleinen Zimmer, allein wie vorher, allein, wie immer, und doch fühlten sie sich jetzt einsamer als je. Und doch war das Zimmer behaglich und freundlich wie sonst, das Feuer hell und klar, das Sopha und die Fauteuils weich und bequem. Doch ein Kind hatte in diesem Zimmer gelacht und geweint. Der Traum ihres Lebens hatte greifbare Gestalt angenommen; dann war er von neuem verflogen, und diesmal für immer. Darum blieben sie schweigsam und nachdenklich sitzen, und keines sprach ein Wort.
Fom Waskenöass. Das Fest der Maskeraden ist gekommen und Prinz Carneval thront lächelnd inmitten der ausgelassenen Schaar seiner Unterthanen und freut sich, daß es noch harmlose Menschen in seinem Reiche giebt, Menschen ohne Egoismus, ohne Berechnung. Denn es giebt noch Mütter, die nicht in jedem Tänzer der Tochter einen Heirathscandidaten sehen und Väter, welche nur ihrem Kinde zu Gefallen in den Geldbeutel greifen, und es giebt noch junge Mädchen, die glücklich sind, nur wcil sie die Jugendlust in sich überschäumen fühlen. Aber auch für älim, lebenslustige Menschen ist der Maskenscherz, imKreise lieber Freunde und Bekannten nicht ansgeschlossen. Macht doch manche Mutter größerer Kinder oder noch lieber ein älteres Madchen, welches sich aber noch jung und lebensfroh fühlt, gern mal ein Tanzchen mik, gerade Letztere hat vielleicht so wenig Gelegenheit gehaot. ihre Jugend voll und ganz zu genießen und die Zeit, wo es einem Mädchen erlaubt ist zu tanzen, entflieht ach nur zu schnell. Hier ist ein Maskenscherz die geeignetste Znt, da kann auch das allernte Mädchen, ohne verlacht zu wer den. sich vergnügt unter die Tanzenden ischen. Weshalb soll nur die Jucjend die Welt und der Tanz gehören? Bei passender Gelegenheit, mit Maß und Ziel ein Vergnügen wie der Tanz genossen geziemt auch noch älteren Personen.' Vor einem Zuviel muß natürlich gewarnt werden, ebenso wie vor einem zu jugendlichen Anzug, tritt dann noco die Natürlichkeit hinzu denn nur nicht jünger erscheinen wollen als man ist, dann wird auch manche ältere Dame Beifall finden, darum ein Hoch" der Carnevalszeit. Schaut dab.r nicht so grämlich drein, wenn Festvorbereitungen in Eurer Nähe getroffen werden, denn wer in den Stunden, die dem Vergnügen gewidmet Sind, Erfrischung für Geist und Körper licht, wer ohne Grauen und Verstimmung an die Lasten denkt, welche der neue Tag auf die Schultern legt, der wird nur Gewinn für sich daraus ziehen.- Tanzet, so lange Euch nur das Leben und die Liebe lacht, so lange ihr Euch fähig dazu fühlt.- Thöricht ist. wer das Lachen aus der Welt verban nen will. Jugend und Frohsinn, Heiterkeit und unbefangene Gemüther werden nie ganz aus der Welt scheiden. Eine fröhliche Menschenmenge hat noch nie Böses ersonnen und die tanzbereiten Menschen sind noch nie vor den Mühen des arbeitsreichen Lebens zurückgeschreckt. Docb weise ist, wer mit Maß genießt, was die Erde Lie benswerthes bietet. Vor einem Zuviel, in allen Dingen sei gewarnt, eö macht übersatt, frühzeitig alt und bringt Erschlaffung. Frauen aber sollen sich so viel als möglich die Elastizität der Jugend bewabren, so lange' sie lehen.
Caroline Nlurat.
Die letzten Jahre haben in Frankreich eine wahre Fluth von Memoiren, Tagebüchern undBiographien gebracht, welche sich mit der Zeit des ersten Kaiserreichs beschäftigen. Fast schien es einen Augenblick, als sollte der BonaParte - Cultus eine neue Blüthezeit erleben. Man durchforschte das Leben des großen. Corsen mit emsiger Gründlichkeit., Fr6d6ric Masson lieferte in seinem Buche Napoleon und die Frauen" eine förmliche Chronik aller, seiner Liebeleien und Liebschaften, und eine Zeit lang stand die Figur des Imperators auf nicht weniger als drei Pariser Bühnen gleichzeitig jeden Abend im Mittelpunkte der Handlung. Eines dieser Stücke, des großen Theater - Hexenmeisters Victorien Sardou Komödie Madame Sans - G'ne", hat vom Vaudeville ' Theater in Paris aus einen erobernden Triumphzug durch alle Länder, selbst bis Amerika, gehalten. In Madame Sans-Gne" spielen die ehrgeizigen, ränkesüchtigen Schwestern Napoleons eine wenig erfreuliche Rolle. Ihre Intriguen. Eifersüchteleien und ihre Herzensrohheit bilden den dunklen Hintergrund, von dem sich die derbe Unverdorbenheit der Marschallin - Wäscherin abhebt. Sardou hat es nie mit der geschichtlichenWahrheit allzu genau genommen, aber das Bild, das er von den napoleonischen Schwestern entwirft, entspricht in der That im Allgemeinen den Ueberlieferungen dev Geschichte und den zeitgenössischen Erinnerungen. Sowohl Pauline Borghese als Elsa Bacchiocchi und Caroline Murat führten einen so sittenlosen Lebenswandel, daß sie selbst an dem wenig prüden Hofe ihres kaiserlichenBruders skandalöses Aufsehen erregten und diesen oft genug zu energischem Einschreiten veranlaßten. Die bedeutendste dieser drei Frauen Napoleon selbst hat es oft ausgesprochen war unstreitig Caroline Murat. Bon ihr hat Joseph Turquan, ein französischer Schriftsteller, der sich vornehmlich mit dem Studium des Lebens am Hofe des ersten Kaiserreichs beschäftigt, ein Lebensbild entworfen, das vov Kurzem er schienen ist. Der Verfasser hat sich seine Aufgabe leicht gemacht. Er trägt aus den Memoirenwerken jener Zeit Alles zusammen, was den Gegenstand seiner Schilderung betrifft, aber ohne irgendwie dasUrtheil und die Angaben seiner Gewährsleute auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen. Für ihn steht fest, daß Caroline ein Ausbund aller Schlechtigkeiten, ein wahres Scheusal in Menschengestalt war, und ihr mißt er den Hauptantheil an dem Untergange seines großen Helden, des Kaisers, bei. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, wie viel Uebertreibung in diesem Urtheil liegt. Aber es erscheint nicht uninteressant, an der Hand der von Turquan zusammengetragenen Documente einen Blick auf den außergewöhnlichen, abenteuerreichen Lebensgang dieser jedenfalls nicht alltäglichen Frau zu werfen. Maria Annunciata Vonaparte wurde im Jahre 1782 in Ajaccio geboren, war also 13 Jahre jünger als ihr großer Bruder. Sie verlebte ihre Kinderjahre von 1795 an in dem ärmlichen Haushalte ihrer aus Corsica verbannten Familie in Marseille. Ohne Erziehung und Unterricht aufwachsend, entwickelte sie sich zu einem reifen, hüb-, schen Mädchen. Ihr Kopf war damals im Verhältniß zu ihrer Figur vielleicht etwas zu groß. Arme und Hände aber schon von plastisch schöner Form, die Füße klein, hochspännig und zierlich, die Haut blendend weiß. Als der junge General Bonaparte die ersten Staffeln seines Ruhmes zu ersteigen begann, änderte sich auch das Schicksal der Seinigen. Nach dem siegreichen italienischen Feldzuge nach Paris zurllckgekehrt. ließ er auch seine Mutter und Annunciata dorthin kommen. Um die vernachlässigte Erziehung dieser seiner jüngsten Schwester auszubessern, gab er sie in das Erziehungs - Institut der Madame Campan, das damals besonders in der Mode war. Madame Campan, die ehemalige Kammerfrau der Königin Marie Antoinette. war darauf bedacht, inmitten der neu entstandenen Gesellschaft auf den Trümmern des ancten rdgime dessen feine und elegante Formen und Manieren wieder auflebm zu lassen, und deshalb fand ihr Institut großen Zuspruch. Außer Annunciata Bonaparte gehörten u. A. Hortense de Beauharnais, die spätere Königin von Holland, die Tochter des .reichen Bankiers HervaS d'Almenara. die nachmals die Gattin des Generals Duroc wurde, und zwei Fräulein AugniS, Töchter einer anderen Kammerfrau Marie Antoinette's, von denen die eine später den Marschall Ney heirathete. zu ihren Zöglingen. Wenn Annunciata hier auch keine großen wissenschaftlichen Kenntnisse erwarb., so lernte sie doch jene gesellschaftliche Gewandtheit, jene Sicherheit des Auftretens, welche Napoleon später von ihr sagen ließ, sie sei eine geborene Regentin. Sie war 18 Jahre alt. Bonaparte hatte nach dem Staatsstreich des 18. Brumaire sich alZ erster Consul im Luxembourg-Pa-lais niedergelassen, als der 33jährige General Murat bei ihm um die Hand seiner Schwester anhielt, in die er stch schon, als sie noch ein 15jähriger Backfisch war. verliebt hatte. . Bonaparte hatte ursprünglich andere Pläne mit Caroline diesen Namen hatte er ihr plötzlich man weiß nicht, aus wel chem Grunde, gegeben im Auge gehabt. Auch Lannes, der spätere Mrschall und Herzog von Montebcllo, bewarb sich um Carolinens Hand, und Napoleon bevorzugte ihn. Aber seine Gemahlin Josephine unterstützte die Bewerbungen Murat's, dem sie selbst I früher nahe gestanden baben soll und
dem außerdem derrsteConsul für sein tapferes Verhalten bei Abukir und fein energisches Eingreifen am 18. Brumaire Dank schuldig war. Carolinen selbst gefiel Murat, ein stattlicher Mann, der etwas ritterlich Verwegenes an sich hatte, besser als Lannes, und so fand Beider, Trauung am 20. Januar 1800 auf der Mairie von Plailly, einen Besitzung Joseph Vonaparte's, statt. Zwei Jahre später, bei der Heirath Louis Vonaparte's mit Hortense Beauharnais, wurde die Ehe auch kirchlich eingesegnet. Der erste Consul gab seiner Schwester als Mitgift 30.000 Livres und schenkte dem jungen Paar den dicht bei Paris gelegenen Landsitz Neuilly als Wohnsitz. Trotz ihrer einfachen Erziehung war Madame Murat bald darauf bedacht, aus ihrer Stellung als Gemahlin eines' berühmten Generals und Schwester des ersten Machthabers in Frankreich Vortheil und Genuß zu ziehen.
Während sie die Rückkehr ihres Gemahls abwartete, der schon wenige Monate nach ihrer Verheivathung ein Commando im zweiten italienischen Feldzuge hatte übernehmen müssen, betheiligte sie sich an allen Festlichkeiten und Vergnügungen. Von maßlosem Ehrgeiz getrieben, richtete sie ihr ganzes Streben darauf, sich und ihrem Gatten an dem Glücke ihres Bruders den größten Antheil und die erste Stelle an seiner Seite zu sichern. Napoleon liebte es, wenn seine Verwandten Luxus entfalteten, da er das während der Revolutionöjahre erstorbene, gesellschaftliche Pariser Leben neu erwecken und dadurch außerdem der Industrie wieder aufhelfen wollte. Caroline Murat ging darin Allen mit ihrem Beispiele voran. Jung, schön und gefeiert, war sie bald die Königin aller Feste, tonangebend im Reiche der Mode und ein Vorbild auf dem Gebiete der wieder zur Herrschaft gelangten Etiquette. Ihre damalige Freundin, die Herzogin von Abrantes, die Gattin desMarschalls Junot. der selbst noch einmal im Leben Carolinens eine Rolle spielen sollte, hat uns die Beschreibung einer Toilette hinterlassen, mit welcher sie sich am 17. April 1802. dem Ostersonntage, an dem der katholische Cultus in Frankreich wieder eingeführt wurde, in der Cathedrale Notre - Dame geschmückt hatte und welche das Entzücken aller Anwesenden erweckte. Sie trug einen Hut von rosafarbenem Sammet mit einem Bü--schel Federn von derselben Farbe und ein weißes Mousselinekleid mit reicher Stickerei und mit rosafarbenem Atlas gesäumt. Auf den Schultern war eine shawlartige Mantille von Brüsseler Spitzen befestigt, auch das Kleid hatte denselben Spitzenschmuck. Ich habe sie," so fügt Madame Junot hinzu, in prunkvollerer Toilette gesehen, hübscher aber hat sie nie ausgesehen Im November 1803 wurde Murat zum Militär - Gouverneur von Paris ernannt, und damit war seine Frau nach ihrer Schwägerin Josephine die vornehmste Dame in Paris. Aber mit jeder neuen Stufe wuchs der Ehrgeiz in ihr. und Murat, so tapfer er. im Felde an der Spitze seiner Reiterschwadronen war, ließ sich völlig von ihr leiten. Sie hatte nicht ganz Unrecht, wenn sie bei den Streitigkeiten und Zänkereien, die später zwischen den Gatten an der Tagesordnung waren, ihm vorhielt, daß er Alles, was er sei. ihr verdanke. Es kam der Tag, an dem der erste Consul zum Kaiser der Franzosen proclamirt wurde. Bei dem Galadiner, das am Abend statte fand, verkündete der Palast - Marschall Duroc. daß Joseph und Louis, des Kaisers Brüder, den Titel Prinzen. ihre Gemahlinnen den von Prinzessinnen führen sollten, die Schwestern gingen leer aus. ' Caroline fühlte sich in ihrem Stolze und Ehrgeiz derart verletzt, daß sie dies Gefühl nicht zu verbergen vermochte. Aber sie war nicht die Frau, eine erlittene Zurücksetzung so leichten Kaufes hinzunehmen. Gleich am Tage darauf suchte sie ihren Brudev auf, und unter heftigen Klagen und Vorwürfen setzte sie es bei ihm durch, daß die Schwestern des Kaisers ebenfalls zu Prinzessinnen und Kaiserlichen Hoheiten erklärt wurden. Am 1. Februar 1805 wurde dann auch Murat zum Prinzen erhoben. In dem glanzvollen Leben am Kaiserhofe bewahrte sich die nunmehrige Prinzessin Caroline die Rolle der elegantesten und tonangebendsten unter den jungen Frauen. Im Elys6e-Pa-lais, das dem Ehepaare als Wohnsitz diente, folgte Fest auf Fest, es wurde getanzt. Komödie gespielt. MaskenQuadrillen wurden aufgeführt, es war. ein richtiger kleiner Hof, der an Pracht kaum dem kaiserlichen, nach stand. Und die Siegeszüge ihres Bvuders brachten, ihr bald ein wirkliches Herrscher - Diadem: Murat erhielt das Großherzogthum Berg mit 320.000 Unterthanen und der Hauptstadt Düsseldorf. Das war ein Anfang, aber ein bescheidene?, und es siel dev neuen Ckroßberzogin nicht - ein, Paris mit tam kleinen Düsseldorf zu vertauschen und dort Hof zu halten. Ihr Wunsch ging nach einer Königskrone, und sie ruhte und rastete nicht, bis sie dieses Ziel, erreich. In diese Zeit. alS Murat, mit d'.m Kaiser in Deutschland bei der Armee weile. fällt die erste bekannte Liebesintr.'.gue Carolinens. Ihr Auserwählter war der bereits genannte General. Junot, dcr als Oöercommandirender der Pariser Garnison zurückgeblieben war. Junot war ein sehr stattlicher Mann, groß, blond, ein aufgeweckter Kopf und, obwohl verheirathet, ein liebenswürdiger CourmaciZer, kurz, es dauerte nicht lange, bis man in PariZ. allerlei darüber flüsterte, daß man ihn und die Großherzogin von Berg überall zusammen sah, daß sie täglich zusammen ausritten und da Abends
die Equipage des Gouverneurs, deren auffallende Livree jedes Kind kannte, stundenlang vor dem Elys6e hielt. Carolinens Biograph. . der jeder ihrer Handlungen berechnende Beweggründe unterzulegen weiß, sucht zu beweisen, daß auch diese Liebschaft, die sich vor Aller Augen abspielte, nur ihrem grenzenlosen Ehrgeiz habe dienen sollen. Sie rechnete beständig mit der Möglichkeit, daß Napoleon im Felde getödtet werde, und plante, dann ihren Gatten als Kaiser ausrufen zu lassen. Dazu brauchte sie die Unterstützung der Pariser Garnison, und deshalb verpflichtete sie sich deren Befehlshaber. Napoleon, der überall seine Spione hatte, blieb das Betragen . seiner Schwester nicht lange unbekannt, und sobald er nach Paris zurüLgekehrt war, las er ihr in seiner wenig zarten Weise gehörig den Text. Den General Junot schickte er als commandirenden General der fürPortugal bestimme ten Jnvasions - Armee von Paris fort. Sie wußte indessen bald den Kaiser, welcher ihre Repräsentationskunst an seinem Hofe nicht entbehren wollte, und welchem sie geistig entschieden näher stand, als seine übrigen Geschwister, bald wieder zu ihren Gunsten umzustimmen, und auch der eifersüchtigen Anwandlungen Murat's,' der, wie Napoleon ihm einmal schrieb, : seiner Frau gegenüber energielos wie ein altes Weib war. wurde sie ohne sonderliche Mühe Herrin. Nicht daß sie sich nun in ihren Lieblingsintriguen kjüger und vorsichtiger zeigte, derartige ängstliche Rücksicht lag ganz und gar nicht in ihrem dem ihres Bruders in mancher Beziehung nicht unähnlichen Naturell. Ganz Paris wußte um ihre Beziehungen zu dem damaligen österreichischen Gesandten Metternich, dem späteren Staatskanzler. Aber man gewöhnte sich, darüber hinwegzusehen und wer an diesem Hofe hätte Wohl das Recht gehabt, den ersten Stein gegen sie aufzuheben! . Endlich sollte sich nun auch der Traum, den sie längst gehegt, verwirklichen, ihr die ersehnte Königskrone zu Theil werden! Am 1. August 1803 ernannte Napoleon seinen Schwager Murat an Stelle seines Bruders Joseph, den er wie einen simplen Beamten nach Spanien versetzte, zum König von Neapel, und der ehemalige Ladendiener, der Schankwirthssohn. bestieg unter dem Namen Joachim I. den Königsthron der Bourbonen. Madame Junot, die, wie man zugeben wird, allerdings wenig Veranlassung hatte, sich freundlich über ihre Rivalin zu äußern, schreibt in ihren Lebenserinnerungen: Wer Caroline so genau wie ich kannte, der wird mir glauben, daß sie nach Empfang der Nachricht während mehrerer. Stunden vor Freude den Verstand verloren hat." Den neugebackenen Majestäten wurde in Neapel ein überaus herzlicher Empfang zu Theil. Murat's theatralisches Wesen, das ein Gemisch von Circusreiter und Husarengeneral bot und sich schon in seinem sonderbaren Anzug kundgab, entzückte die heißblütigen Italiener, und Caroline verstand es vortrefflich das müssen ihr ihre erbittertsten Feinde zugestehen durch Liebenswürdigkeit und Güte die Herzen für sich zu gewinnen. Die Zwistigkeiten, welche schon öfters in Paris zwischen den Gatten geherrscht hatten, kamen indeß in Neapel weit häufiger und viel heftiger zum Ausbruch. Carolinens Hang zur Intrigue hatte zur Folge, daß sich bald eine Partei des Königs und eine Parte! der Königin bildeten, und sie gab sich kaum mehr Mühe, die immer häu-. figer werdenden Fälle ihrer ehelichen Untreue zu verbergen. Aber immer wieder gelang es ihr, sei es durchTrotz, sei es durch Thränen, den schwachen Gatten zu versöhnen. Das Ende, welches das kurzlebige Murat'sche Königthum in Neapel nahm, ist bekannt und geHort der Geschichte an. Als Napoleon's Stern unterzugehen begann, zögerte Caroline nicht einen Augenblick, den Bruder, dem sie Alles verdankte, zu verrathen, und ihrem Einflusse nachgebend, schloß Murat mit Oesterreich ein Bündniß. Aber auf die Nachricht von der Landung des aus Elba entwichenenKaisers in Frankreich begab auch Murat, in dem im Grunde doch ein braves Soldatenhevz schlug, sich dahin. Während dessen landete eine englische Flotte vor Neapel, und die Königin Caroline sah sich gezwunz gen, ein englisches Kriegsschiff zu besteigen, das sie nach Oesterreich brachte. Hier empfing sie die Nachricht von dem Tode d:s Gatten, der bei dem tollkühnen Versuche, sein Reich wieder zu erobern, gefangen und nach dem Urtheil eines von seinen eigenen ehemaligen Officteren gebildeten Kriegsgerichts erschossen wurde. Der Abschiedsbrief, den er in den wenigen Minuten zwischen dem Fällen und der Vollstreckung des Urtbeilsspruchs an Caroline richte!e. zeigt, daß er ihr bis zum. Tode die Liebe bewahrt Hai. , Seiner Wittwe ' wurde Trieft als Wohnsitz angewiesen. Sie nahm den Namen einer Gräfin Lipona an ein Anagramm aus dem Worte Napoli , und es begann nun für sie ein traunges, an Entbehrungen reiches Dasein. Ihre Geldmittel waren sehr beschränkt, ihre Söhne, zu denen ihr Verhältniß nie ein besonders herzliches war, wanderten rch Amerika aus und nur ab und zu, wenn irgend eine Persönlichkeit, die sie im Glänze ihrer früheren Herrlichkit gesehen, durch Trieft durchreiste und sie besuchte, kam einige Abwechslung in diese Einförmigkeit. Gewiß kein leichtes Loos für eine Frau, der Festes glänz, Luxus und Herrschermacht Lebensbedürfnisse geworden waren. Erst als die Regierung Ludwig Philipp'S ihr eine Jahresrente von 100.000 Francs aussetzte, war sse wenigstens vor materiellen
Sorgen geschützt. Aber diese Leidenszeit hat sie nicht zu läutern vermocht. Der Beamte, der beauftragt wurde, ihr die Nachricht von der Bewilligung dieser Jahresrente zu überbringen, wurde alsbald mehr als ein Freund
der schon 57jährigen Frau, und als sie kurz darauf, am 18. Mai 1839, an einem Magenübel starb, sahen sich ihre Kinder genöthigt, diesem Ehrenmanne compromittirende Briefe ihrer Mutter für die Summe von 60.000 Francs abzukaufen. So endete diese Frau, die das Leben aus den kleinbürgerlichen Verhältnisscn hinaus auf die Höhe eines Konigsthrones berief, um sie dann in der Vergessenheit und Einsamkeit enden zu lassen. So hochmutrng und undank bar sie sich im Glück zeigte, ebenso schwach und wurdelos erwles sie sich im Unglück. Aber auch stärke. Cha, raktere als Caroline Murat. vor deren Willensstärke selbst ein Napoleon oft genug Respect hatte, waren so zähem Schicksalswechsel vielleicht nicht gewachsen gewesen. Die letzten Stunden clneS ernr At- 1 1 A. -m. itiMtn. Von Harold Feld. Mein Schicksal ist besiegelt-, sagte er, .und für mich gibt es keine Hoffnuna mehr, ich muß abschließen mit meinem Leben. In wenigen Stunden ist Alles vorüber, aber seld versichert, meine Freunde, daß ich niemals geglaubt hatte, es könne so weit mit mir kommen." .Wir haben ja auch nie an Deiner Unschuld gezweifelt-, sagten wir,und Du siehst, es verlaßt Dich Kemer von uns in dieser schweren Stunde, darum zeige Dich als ein Mann . . Oh," unterbrach er uns, ich fürchte mich ja nicht. Ob früher oder später, einmal muß es ja doch sein, und auf das Wie" kommt es nicht an! Nein, es ist also nicht Furcht, aber ein seltsames Gefühl, eine schauernde Frage, wie wird es dort sein, in dem anderen Leben?" Und er fiel in dumpfes Brüten. Wir thaten alles Mögliche, um unseren Freund, der so jäh und auf so grausame Art uns entrissen werden sollte, wieder aufzurichten. Jeden Wunsch suchten wir ihm förmlich von den Augen abzulesen. Komm," sagten wir, sieh', wir haben Dir das Beste gegeben, was wir Dir bieten können," und wir zeigten auf die Speisen, die zu ihm hereingebracht worden waren und die seine Lieblingsspeisen waren. Er schauerte zusammen. Die Henkersmahlzeit!" flüsterte er. Dann setzte er sich, seine Muth- und Hoffnungslosigkeit gewaltsam abschüttelnd zu ims und aß. Aß, wie Einer, der nicht weiß, was er thut. Maschinenmäßig fast. Dann schob er die Teller zurück und holte em Ding aus der Tasche, ein Ding sag ich Euch . . . doch warum soll ich Euch's nicht sagen: seine Pfeife. Wehmüthig betrachtete er sie. Seht Ihr, Jungens", sagte er, nichts wird nur so schwer, als der Abschied von dieser meiner Freundin, die mir so oft in schweren Stunden eine Trösterin gewesen. Meine letzte Pfeife!" Und es war, als zitterten Thränen in seiner Stimme nach. Die letztenRauchwolken, die ich ihr entlocke! Die letzten!" Mit feierlicher Wehmuth steckte er seine Pfeife in Brand, mit feierlicher Andacht zog er den Rauch in stch ein und stieß die Wolken langsam von sich, als könne er sich nur zögernd davon trennen. Er wurde bleich und seine Lippen zitterten. Die letzte Pfeife!" kam es stöhnend aus seiner Brust und plötzlich ... wie es kam, ich weiß es nicht . . . aber plötzlich entglitt die Pfeife seinen Lippen sie fiel, und in Scherben lag sie auf dem Boden! Er aber starrte auf diese Scherben mit einem Blick, den ich nie vergessen werde. Dann stand er auf. Mit einer Hand fuhr er sich glättend über die Stirne und durch das wirre Haar. Das ist der Ansang vom Ende." flüsterte er und streckte uns seine Hände entgegen, die wir erschüttert ergriffen und drückten ... Am nächsten Morgen trat er den schweren Gang an. Er war blaß und gefaßt. Der Richter ging ihm zur Seite und redete liebevoll auf ihn ein. Wir folgten. - Noch einen beredten Blick warf er uns zu . . . den Abschied für ewig, dann stieg er die Stufen hinan und ließ sich mit Miß Meredith trauen Geistesgegenwart. Der etwas brummige Oberst eines Regiments, der bei seinen jüngeren Officieren mehr auf innere Tüchtigkeit, als auf allzu großen Schneid Werth legte, hatte denselben schon wiederholt angedeutet, daß er das bekannte Aeh!. Aeh!" durchaus nicht liebe. Lieutenant von Schneidewitz aber konnte es trotzdem nicht lassen. Als er iinst die Tumübungen der neueingestellten Rekruten leitete, rief er bei Gelegenheit den etwas steifen und schwerfälligen Rekruten Müller zu sich heran. Dieser beeilte sich nicht gerade in - der Ausübung des Befehles, und als von Schneidewitz ihm ärgerlich zurief: So kommen Sie doch! Aeh!" da bog plötzlich der Oberst um die Ecke und Lieute. nant v. Schneidewitz, der ahnte, daß ihm jetzt nichts Gutes bevorstand, wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er. sein Aeh!", das er im kritischen Augenblicke glücklicherweise noch auf den Lippen hatte, in ein schneidig klingendes ä ä ändlich" vervollständigte. . , .... Erklärte Zärtltcykert. Wie zärtlich der Adolf mit seiner Araut ist.- Wahrscheinlich hat er schon einen Vorschuß auf die Mitgift klommen."
