Indiana Tribüne, Volume 20, Number 127, Indianapolis, Marion County, 24 January 1897 — Page 2
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Zwei Fcttcrn. Und was aus ihnen Word. ErzöylÄTi'voV W. v. Cch.erbrand. ' Ronald Reyburn und Axel Melville waren Vettern, richtige Vettern, Niewand würde das indeß verniurhet haben. Weder körperlich noch geistig war Zdie geringsteAehnlichkeit zwischen ihnen zu entdeckm. Reyburn war der Sohn eines Contractors, der in feinem Leben viel Unglück gehabt hatt und jung gestorben war, so daß seine Wittwe mit drei Kindern, Ronald snd dessen zwei jüngeren Schwestern, mittellos zurückgelassen worden war. Schon als Knabe war es ihm klar, daß er die Stütze der Familie sein rnüsse, 'und das war er auch geworden. Nachdem er die nothdürftigsten Schulkenntnisse sich in der öffentlichen Schale -erworben hatte, war er mit 12 Jahren in ein großes kaufmännisches Geschäft eingetreten als Laufbursche, einer von ungefähr 100, die für die große DrygoodsFirma Bellows & Co.-beschäftigt wurden. Zwei Jahre später chatte er so viel gelernt von den Kunden des Geschäfts, von der Stadt und ihrem Treiben, vom Preise und der Beschaffenheit der Waaren etc., daß der Principal ihn in'3 Comptoir nahm und ihn zu schwierigeren Arbeiten verwandte. Mit 18 Jahren verdiente der junge Mensch so viel, 'daß Mutter und Schwestern mit emigerSparsamkeit bequem davon leben konnten.' Mit 24 Jahren war er von Bellows & Co. als einer der tüchtigsten und zuverlässigsten ihrer Angestellten anerkannt und außer einem festen Gehalt waren Ihm noch Procente von dem, was durch seine Bemühungen verkauft wurde, zuerkannt worden, so daß tx im Stande wareine hübsche kleine Cottage in der Vorstadt Cerro Mark auf Abschlagszahlung zu erwerben, wo seine Mutter für ihn den Haushalt führte und ein gemächliches, pngenehmes Dasein hatte. Die beiden Schwestern waren schon glücklich verheirathet. In fernem Aeutzeren war Ronald Reyburn ganz das Urbild eines jungen, strebsamen Kaufmannes immer bedächtig, -elegant aber unauffällig gekleidet, ruhig und leidenschaftslos in ferner Sprache. Aber sein Herz schlug, wenn auch für gewohnlich mit ganz regelmäßigem Ticktack, doch wahr und tief für seine Mutttx, und die Firma, die ihm in jungen Jahren schon eine geachtete und einträgliche Lebensstellung gewährt, liebte er mit fast gleicher Wärme der Empfmdung. Ganz anders geartet war Axel Melville, fein Vetter. Er war eine Waise, ober seine Eltern tzattm ihm ein großes Besitzthum zurückgelassen, und so verstrichen seine Knabenjahre auf die denkbar angenehmste Weise. In einer seinen Privatschule, m die sein Vormund ihn gethan, wurden ihm die Anfangsgründe der Wissenschaften gelehrt und seine Talente, die ihn auf die künstlerische Laufbahn wiesen, wurden nach Möglichkeit gefördert durch compeiente Lehrer. Seme Feiertage und Ferien verbrachte er regelmäßig im komfortablen Heim seines Onkels und Vormundes, eines Bruders seiner versiorbenen Mutter, 'des Herrn Lesley. Als er in die Jünglingsjahre kam, sandte man ihn nach der Kunstakadernie in St. Louis, wo sein keimendes Talent neue Nahrung und Anregung fand. Mit 21 Jahren ging er behufs eines dreijährigen Kunststudiums in Paris und München, sowie zu Studienreisen in Italien und Spanien, hinüber über's Wasser. Und als er, zum Mann gereift, zurückkehrte, da sah er aus und geberdete sich wie ein sloUer Künstler. Sein kleiner, schwarzer Schnurrbart und die wallende Lockenfülle gaben ihm, im Verein mit seinem breitkrempigen Hut und dem Rembrandt - Wams, ganz das Air eines Correggio. und die Mädchen, mit denen der stattliche, reiche junge Mann in Berührung kam. vergötterten ihn insgeheim und mühten sich ab, ihn in ihre Netze zu verstricken. Er hätte nur zuzugreifen brauchen, und an jedem Finger hätte ahm eine schöne junge Erbin gehangen. Aber merkwürdig. Axel fühlte sich mcht hingezogen zu irgend einer dieser Schönheiten in der großen Gesellschaft. Man erzählte sich von ihm. daß tz in seinem Atelier eine wahre Auslese der reizendsten Modelle habe, mit denen er Orgien feiere und dls zur Bewußtlosigkeit sein Lieblingsgetränt den Absmth, vertilge, und anstatt der Cigarren rauche er Haschisch so hieß es. 'Es mußte wohl etwas Wahres cm diesen Gerüchten sein, denn man wußte, daß Axel Melöille schon mehrmals uzn der Polizei aufgegriffen worden 'war in verdächtigen Spelunken TicrtArlich hatte er.em nächsten Morgen seine Geldstrafe vrompt bezahlt, un die'Behörden waren einem reichen jungen Manne der eleganten Gesellschaft gegenüberon der 'üblichen Discretion. 5 Im Hause des Herrn Lesley war mittlerweile dessen einzige! Kind zur llühend'n Jungfrau hergewa'chsen. Jues Leslsy war ein redendes Geschöpf. Ihre träumerischen blauen Augen und die goldenen Lockchen un die Stirn verliehen ihr einen ganz absonderlichen Reiz, der auch das Künstlerauge ihres Vetters, des Bildhauers Axel Melville, befriedigt haben mußte, denn er begann dem zeigen Mädchen, das er bis dahin mit Vleichgiltigkeit behanlt hatte, seineHuKigungen darzubringn. Zugleich mit Lhm aber auch der andere Vetter, Ronald Reyburn. Jnes, ganz mädchenhaste Scheu und Zurückhaläng. ließ eine Zeitlang nicht erkennen, welchem von den Beiden sie den Vorzug gebe. Und diese Reserve ihrerseits steigerte nur die Leidenschaft ' Axel'S, dem es etwas Neues war, ein Mädchen ihm widerstreben und nicht wie eine reife Flucht zu seinen Füßen fallen zu sehen. Seine Werbungen
wurden kühner, heftiger. Zu rrn 18.
Geburtstage schien er im Lesley schcn Hi'use und hintec ihm wurde ein Kunstwerk getraZcn eine Marmor Statue. Sie wat sein Angebinde. Die Figur stellte die Erwachende Liebe dar der scylanke, jungfräuliche xtiv halb vorgebeugt, die zart: Hand am Ohr, als ob sie einer fernen, hrmmlifchen Mustk lausche, im ganzen Wesen die Voutfjivung künftigen Glückes und künftigen Sieges ausgedrückt. Das Gesicht Krug täi:schend die Züe der schöner. Jnes. Strahlenden Auges stand ver junge .'Künstler dabei, wie Jnes ihr eigenes Ich in dem Bildwerk bewunderte und sich nicht satt sehen konnte an den geschwungenen, feingemeißelten Linien. Mit holdem Erröthen, dem rosigen Wiederscheine geschmeichelten Srslges und erwachender Zuneigung, reichte ste dem Vetter die Hand, die dieser mit Inbrunst an seine Lippen führte. Was bedeutete dagegen das conventionelle Geschenk des anderen Vetters! And was war dagegen der zierlich ausgesprochene Dank, den sie mit freundllchem Lächeln Ronald Reyburn zu Theil werden ließ! Natürlich war Jnes Weib genug, um die zärtlichen Gefühle ihrer beiden feurigen Anbeter und Vettern errathen zu haben. Ihrem Mädchenehrgeiz gewährte es eine süße Genugthuung, gerade Axel, dem die schönsten und reichsten ihrer Freundinnen umsonst nachgeseufzt hatten, gefesselt zu haben. Zu diesem sehr natürlichen Gefühl aber gesellte sich eine aufrichtige Zuneigung zu vem brillanten, bestrickenden Künstler, dessen Excesse und Ausschreitungen, soweit ihr davon etwas zu Ohren gekommen war. ihr doch nur als Absonderlichkeiten des Genies erschienen. So ließ sie sich denn von jenem Tage an die leidenschaftlichen Huldigungen Azel's gern gefallen. Ihr Vater, dessen Scharfblick unter der glänzenden Außenseite Axel's die dunklen Flecken seines Charakters nicht entgangen waren, begünstigte diese Werbung nicht, im Gegentheil. Aber er mußte sich fügen welcher amerikanische Vater hätte es nicht gethan? um fo mehr, als es gartz unverkennbar war, daß unter dem Einflüsse dieser scheinbar echten Liebe das Wesen des jungen Künstlers sich zu veredlen schien, denn die Gerüchte über dessen tadelnswerthen Lebenswandel verstummten bald. Axel hatte sich resormirt", wie es hieß. Und so war's denn fürRiemand eine Ueberraschung, als bald darauf die formelle Verlobungsanzeige veröffentlicht wurde und einige Monate fpäter die Hochzeit stattfand mit allem Gepränge, das Axel's zu Glanz und Pracht geneigter Sinn für unerläßlich hielt. Die Reihe von tableaux vivants, die am Abend im Atelier des Bräutigams zur Belustigung der zahlreichen Hochzeitsgäste vorgesührt wurden, machten noch auf Jahre hinaus in der Stadt von sich reden denn sie Waren ebenso schamlos und sinnlich verführerisch gewesen, wie sie anPracht und genialer Ausfassung alles bisher Dawesene überflügelt hatten Das junge Paar trat eine Reise nach Italien an, und dann kehrte es nach Jahresfrist zurück zu den heimischen Gestaden. Bald darauf wurde ihnen ein Kind geboren ganz das Ebenbild der Mutter, und Jnes, die das holde Wesen vergötterte, war noch einmal glücklich in ihrer Mutterfreude. Aber dann kam eine lange, fast unun.erbrochene Reihe von bösen Tagen. Die alten Gerüchte betreffs Axel's schändlichen Gebahrens fern von seinem Heim lebten wieder auf, und sie waren jetzt bestimmter in der Form un lauteten noch abscheulicher. Auch das Aussehen Axel's, sein rascher körperlicher Verfall, fein gedunsenes Gesicht und seine zitternde Hand, die nur selten noch den Meißel halten konnte, verriethen ihn. Zwei Safire sväter wurde er. nachdem er in einem Anfall von Sauserwahnsinn, der dem Absinthismus zugeschrieben wurde, feine Familie zu ermorden versucht hatte, vomGencht einem 'Asyl zugewiesen, wo er binnen sechs Monaten dreimal seinem Leben ein Ende machen wollte; das letzte Mal war er erfolareick. Welche furchtbaren Qualen während dieser Jahre sein junges Weib auszustehen hatte, das läßt sich nicht beschreiben. Monate lang war sie stund fich gewärtig, von dem rasenden Wahnwitzigen, dessen Nervensystem durch die granlichsten Ausschweifungen ganzlich zerrüttet war, abgeschlachtet zu werden. Ihr Schlaf war nur noch em halbes Schlummern, von blutigen Traumen aiifgestört. Ihr Kind mußte sie mehrmals vor der brutalen Mordgier UZ Wüthenden schützen mit dem eigenen Leibe. Und eine Nacht, als Axel m rmbeschreiblichem Zustande Heimscnn von einer Orgie, da war sie gezwungen, um daS -nackte Leben zu retten. Zuflucht im Hanse ihres Vaters zu suchen. Nrn war er todt! Gestorben in t nem Alter, wo sich von Rechtswegen sein herrliches Talent, das ihm die Natur in so reichem Maße verliehen batte. erst zur Blüthe hätte entfalten sollen. Gestorben im Delirium de? Irrsinns, der ihn mit teuflischer Faust in den Abgrund des Seelenlebens geschleudert hatte. Und JneS war Wittwe. Mit treuer, beständiger Liebe hatte Ronald Reyburn die ganze Zeit an seine Cousine gedacht. Seine übergroße Ehrenhaftigkeit verbot ihm, sich ihr während der kurzen Zeit ihrer Ehe mit dem glucklicherm wenigstens damals noch glücklicher geglaubten Nebenbuhler zu nähern. Aber mit blutendem Herzen hztte er all' die Geruchte vernommen, die sich bald in der Stadt zu verbreitert begannen, und
torch seine Mutter hatte er mehrmals
dem unseltaen Weibe Trost und Hirn ngedeihen lassen. Aber jetzt war sie wieder frei. Jetzt durfte er. ohne iig-end Jemand ein Unrecht zuzufügen, sich ihr wieder nähern. Und als er zum zweiten Male ihr Auge in Auge gegenüberstand und sie bat. sein Weib zu werden, da sank sie unter Freudenthränen in seine Arme. .Oh. Ronald, wie gut Du bist!" war Alles, was sie stammeln konnte. Heute ist Ronald Reyburn Theilhaber im großen Geschäfte von BellowS & Co. Er ist ein reicher Mann. Aber mehr als das er ist auch ein glücklicher Mann. Daheim, wenn er Abends zurückkehrt von den Sorgen und Mühcn des großen Hauses in den Schooß seiner Familie, da begrüßt ihn eine Frau, der 'man die herzliche, dankbare Liebe zu ihm in den blauen Augen lesen kann, und eine Schaar von dlühendcn Kindern, die alle den ernsten, ruhigen Mann von Herzen lieben. Armer Sann. Von Hermann Halm. Er ist nun lange schon todt. Damals war ich gerade als Landrichter herberuen. In meinem verlorenen westpreußichen Winkel hatten sich die Raubanalle außergewöhnlich vermehrt. Ich entdeckte die Bande, die beinahe schon romantischen Ruf hatte. Und weil es mir gelang, sie ins Zuchthaus zu bringen, kam ich als Richter nach Berlin. So steigt man. Ich hätte lieber dort bleibn sollen. Hannes hätte keine Beföir'.ung erstrebt, wenn Andere dadurch unglücklich wurden. Freilich.was striktes Recht ist und ehernes Gesetz, ist ihm stets etwas unverständlich geblieben. Ein Mensch, den Alle mißbrauchten; der gutmüthig stets den Sündenbock hergab. Schon auf dem Gymnasium in Graudenz. Und dann auf der Universität in Königsberg. Und als ich ihn hier Wieder fand, in dem großen, verzehrenden Berlin, als Hilfslehrer was wollte er hier? Seine Schüler verlachten ihn, feine College zuckten die Achsein, weil er nicht Ordnung halten konnte in der Untertertia, und er war doch stets zufrieden und zuvorkammend. Allen gefällig, zu Allen freundlich. Stolperte durch die Straßen mit seinen kurzsichtigen, kindlichen Augen und freute sich des Lebens ringsum. Der Tag steht mir so lebhaft in Erinnerung, als ich herkam. Das erste Mal zu längerem Aufenthalt. Wie er mich empfing, so glückstrahlend und freudig. Als gehöre ihm Berlin, und er wollte es mir schenken. Dabei merkte er gar nicht, wie ungeschickt er sich benahm, wie man ihn überall übervortheilte und betrog. Und als ich es ihm dann später mal sagte und unwiderleglich. juristisch bewies, da sah er mich fo hilflos an, so gequält und verstört, und sagte nur: .Meine Wirthin betrugt mich? Ach, das hättest Du mir nicht sagen sollen! Gewiß hat die arme Frau eö nöthig ob ich ihr lieber freiwillig mehr zahle? Ich konnte mir ja das Rauchen abgewöhnen . . Seitdem ließ ich ihn in Gottes Namcn laufen. Ich glaube sogar, er ist im Ganzen nicht schlimmer dran gewesen t n jr ?i nrv ais icu mir meinem yiorgan unospuren. Und als er krank lag, hat ihn dieselbe Wirthin mit rührender Aufmerkfamkeit Tag und Nacht gepflegt, als wäre sie seine Mutter. Und geweint hat die Frau nachher geweint Merkwürdige Menschen! Sie lieben die Leute, d sie bestehlen. Ja. Hannes war ein glücklicher Mensch. Niemandem zuLeide leben und den Verstand allein im Herzen. Neckten ihn seine Schüler, so freute er sich über die frische Jugend. Und geschah irgend etwas Großes in der Welt, dann war er so begeistert, als habe er es vollbracht. Nur Krieg und Blutvergießen konnte er nicht leiden. Wenn man das lobte, konnte er ernstlich böse werden ; so zornig wie nur je ein auter Mensch über das Niederträchtige auf der Welt. Kein Thier konnte er tödten sehen und er ist durchs Duell gefallen. Aber es ist begreiflich. Mit seinem phantastischen, schwärmerischen Herzen mußte er sich eigentlich in Jnes verlie ben. Ob sie wirklich Jnes hieß? Spanisch genug sah sie ja aus mit ihren schwarzen Locken und Augen und den spitzen Zähnchen ... ja, Jnes! Und wie sie sang! Wirklich. derWeltruf. den sie hatte, übertrieb nicht. Das war Earmen, wie sie der Eomponist geahnt. Man begriff es, daß die närrischen Männer für sie Ehre und Leben aufs Spiel setzten.' Ich glaube, ich selbst hätte ihretwegen einige Gesetzespara graphen verletzen können. In der Zeit fühlte er sich zum ersten Male nicht ganz glücklich in seinem kleinen, bescheidenen Lebenskreise. Ich habe doch so etwas in feinen Papieren gelesen ach. da ist es ja ... .: .. .. Das ist Poesie. Das is5 Kunst. Und der arme Hannes sitzt im Zuhörerräum, klatscht sich die Hände wund und möchte weinen." Dr. Johann KllZvenbrock und Jnes Moreira . . . vcs is! er, was kann er? Und sie . . . Armer Hannes!" Er hatte so wenig Verkehr. Mußte er gerade in einer der wenigen Fami lien Jnes kennen lernen? Und was mochte sie bewogen haben, die Weltgewandte, Umfeierte. sich mit ihm zu befreunden? Ahnte sie, daß ein unschuldiger, weichherziger Mann ihr daS Jugendfeuer seiner ersten Liebe ent zündete? Schon vor ihrem erstenAnftreten als Carmen war er einige Male bei ibr geWesen. Und wenn wir dann Abends beim Bier zusammen saßen: . . . . . Siebert. das ist ein Mädchen! DaS ist ein Mädchen! So schön und gut und begabt unv kluq. So ein Genie! Gott sei Dank, daß sie Künstlerin ist, her. ausgehoben auö der gewöhnlichen Menge und dem gewöhnlichen Schick,
fall " Mse eine Vesialin Met sie d'äS heilige Feuer der Kunst. Ewig jungsräulich, begnadigend jeden Schächer, de? ihren Weg kreuzt." Wirklich , daß ich damals nicht zllaelte und vorbaute! Ich hätte doch
ahnen müssen, daß solch überschäumendes, taumelndes Gefühl zu nichts Gutem führe. In der Erinnerung bin ich klug. Damals wußte ich nur, daß die Rechte beider Geschlechter einander gleich sind", so stand es im Gesetz. Und erst später habe ich eingesehen, daß mitunter die Frau das Recht hat, einen Mann für sich tödten zu lassen. Und doch durfte ich ihn zurückhalten? So friedlich und innerlich begeistert hatte er nach der Vorstellung hinter feinem Schoppen gesessen, und so vergnügt blinzelte er in das rauchige Lokal hinein, als wollte er Allen mittheilen von seiner Freude. Ab und zu sprach er ein Wort, und ich, beschäftigt mit einem sehr interessanten Falle hörte kaum darauf hin. Nur wenn er hin und wieder ein Carmen - Motiv summte. trat mir flüchtig das Bild der Aufführung wieder vor Augen. Wie die Moreira dagestanden, und wie sie gefungen hatte Herrgott, war das eine Aufregung im Theater gewesen! Und selbst ich. der stets sich vergeblich b?müht hatte, auch nur die NationalHymne zu behalten, bekam so einen musikalischen Schauer, fo etwas Undefinirbares Prickelndes .... Mochte Hannes zu laut gesummt haben, oder sonst wie. ich weiß nicht, wie der Nachbartisch auf larmen zu 1 sprechen kam. Und ich bemerkte auch nicht, daß Hannes verstummt war, daß seine stille sich erinnernde Seligkeit von seinem Gesicht entschwand, und er auf das Gespräch nebenan lauschte. Ich sah ihn nur plötzlich aufrecht siehen dann klang vom Nebentisch eine schneidende, krähende Stimme Die Moreira ... die soupirt jetzt irgendwo mit ihrem Geliebten habt Ihr denn nicht gesehen, wie sie in die Loge hineingröhlte .... wenn ich dich liiiib" V Mir kam es vor, als wirble der Tabaksdampf um mich her in gespenstischen Wolken, war das Hannes, der, ordentlich aufgereckt, mit erhobener Hand vor der Gruppe stand, daß einen Augenblick alles ringsum schweigend auf ihn blickte ..." Und in diese aufmerkende, neugierige Stille rief, nein brüllte er hnlein: Was Sie da sagen, ist eine Niedertracht, ist eine Gemeinheit!" Nie habe ich ihn so erregt vorher gesehen. Noch auf der Straße war der ganze Mensch eine zitternde Wuth und Empörung. Man hatte sie getrennt, kaum konnte ich ihn aber dann hinausbringen; es war, als ob er seinen hünenhaften Gegner zerschlagen wollte. Und der hätte ihn niedergeschlagen mit einem Stoße. Nein, ich konnte ihm nicht abreden. Der rohe tölpelhafte Bursche hatte ja sein Bestes und Heiligstes verletzt. Es wa: nicht die Beschimpfung, die ihn kränkte, es war mehr, viel mehr. Die nörgelnde, kalte, gemeine Welt, die nichts kannte als Schlechtigkeit und ekle Gesinnungen, die ich täglich mir entgegendrohen sah aus den Strafakten, aus den leidenschastsdurchwühlten Zügen der um das Mein und Dein Kämpfenden, die hatte ihn angefallen. Er war fo hilfreich und gut, so selig im Glauben an das Edle und Schöne das durfte nicht geduldet werden. daS mußte heruntergerissen und beschmutzt werden und wenn er kämpfte, war es ein heiliger Krieg. Er ist unterlegen. Körperlich wenigstens. So überzeugt war er von der Güte seiner Sache, daß er meine Aufforderung. sich im Schießen zu üben, ablehnte. Wozu? Ich will nicht morden. Was ich sagen mußte.'chabe ich gesagt. Fallen werde ich nicht, denn dann gäbe es gar keine Gerechtigkeit in der Welt. Und erschieße ich ihn so ist es Schickung, die ich tragen werde." Der Reservelieutenant und Regierungsassessor Ölten war gar kein Mensch für ihn; es war eineJdee, gegen die er anfocht, die er zerstören mußte, damit sie kein Unheil weiter anrichte. Aber dlese Mensch gewordene Idee hat ihn getödtet. Er starb nicht gleich. Der Arzt gab sogar nochHoffnung. obwohl die Lunge verletzt sei. Ich aber hatte keine Hoffnung mehr, als ich in sein Auge sah. Es war nichtSchmerz oder Verzweiflung nur Verwunderung . . . Wi! ist es denn möglich, daß die Ungerechtigkeit triumphirt?" Der Gegner wollte ihm die Hand reichen Hans sah sie wott gar nicht. Er müßte ja staunen; was sollte er auch seinem Gegner verzeihen? Daß er, Johannes Klövenbrock, als Schwärmer und Thor geboren war? Denn an diesem Fehler ging er zu Grunde. Im Delirium rief er so verzweifelt und jammernd noch nes, daß ich es nicht länger ertrug. Ich ging zu ihr sie aß Confect. Und vor ihr lag ein großer Haufen Zeitungen ich erkannte die blau angestrichenen Artikel. Es waren die Berichte über das Duell und seine Ursachen; ihr Name war genannt, man sprach viel davon, und als ich mich als einen Freund von Hans vorstellte, rief sie mir fast weinend entgegen: Oh er hat mich geliebt! Und ich. liebe ihn mehr als alle die Narren, ich habe ihn immer geliebt .... er stirbt für mich . .' denken Sie. wie entsetzlich ich bin völlig krank! Ich habe schon die Oper aufschieben lassen .... der arme, arme Mensch! Wenn ich gewußt hätte ich hätte mit Znnem Gegner gesprochen ich hätte es verhindert, ich hätte ihn gebeten! Man hätte es berichten können, daß sie sich versöhnten eS ist entsetzlich!" Ja, das war Jnes Moreira. Gewiß, gehen wir zu ihm! Er will mich seh'n? Ich hasse Krankenlust, aber was wäre mir für ihn zu hoch meinen Freund, meinen einzigen Freund . . . ach. mein ....?" . . . Hannes!
Ja. ja . . . gehen wir zu ilsm! " Und sie packte das Confect schnell ein, legte die Zeitungen sorgsam zusammen, und wir gingen. 'Aber an seinemBett war es wirkliche tiefe Rührung, die Thräne auf Thräne ihren großen schwarzen Augen entlockte. Ohne Brille, mit den fieberglänzenden Augen, sah er ordentlich schon aus. Und was er sprach nie vom Duell wirre, irre, aber edle Gedanken; Verse, die ich theils später in seinemNachlaß fand.theils nie wieder vernahm. Was hatte dieser kleine, unpraktische, verspottete Lehrer für ein großes, heiliges, sieghaftes Herz! Seine Wirthin weinte still in sich hinein, Jnes ängstete sich wohl, der Arzt beobachtete den kranken, sterbenden Körper ich aber lernte den großen, ewigen Geist erst jetzt kennen, der hier in Verborgenheit gewirkt hatte, und ich glaube, ich habe geweint. Ganz zum Schluß kam sein Gedankengang auf Carmen immer wiederholte er, er schrie nach Musik, bis der Arzt kurz sagte: Singen Sie!"
Und sie sang, unter Thränen, schluchzend zuweilen, so fuß wie viel leicht nie vorher und nachher, mit hal ber Stimme, nicht spöttisch, übermü thig. wie damals in der Oper, sondern wie em tief gedemuthigtes, flehendes Weib Er wurde ruhig. So sang sie stets die gleiche Weise, unpassend vielleicht im Rhythmus und ein merkwürdiges Todtengebet. Die Liebe von Zigeunern stammet . . . . Wenn ich Dich lieb' .... Und unter diesen Klängen ist er ein geschlafen .... Nun sitze ich hier allein wie ich gelebt habe. Er ist längst todt; Jnes hat, glaube ich, irgend einen reichen Amerikaner geheirathet und erinnert sich wohl kaum noch der Episode, die emem Menschen das Leben nahm. Und er, der so verwundert starb, erstaunt über das schreiende Unrecht - ihm ist wohl. Er hätte ja doch einmal im Leben erfahren müssen, daß ec ein Narr sei, und besser fo ein rascher Heldentod als das Hinsiechen mit den kranken, verkrümmten Gefühlen. Er hat doch bis zu der ersten großen Enttäuschung den Glauben behalten. Er hat sich mcht weiter schleppen mus sen, nachher, und sehen, wie alles abbröckelt, langsam, schmerzend, was man so Lebenswerthes kennt und träumt. Aber ich ich! Ich bin so ein Verfehlte?. Jahr um Jahr die Plage und der rastlose Streit. Und das Verbrechen ist nicht einsam und alt und schwach geworden. Wohl aber ich. Hat es gelohnt hat es gelohnt? Warum ich nur heute mich so leb haft an alles erinnere? Ach, könnte ich noch einmal anfangen! Nun ist es zu spät es dauert wohl nicht mehr lange. Ich habe ihn einmal bedauert, weil er starb, und weil er ein Träumer war der arme Hannes. Mich mich hätte ich bedauern sol len, den Praktiker, den nüchternen Realisten. Ich bin ja gestorben, und er hat gelebt .... Wie einsam und kalt . . .! DaZ Feuer ist erloschen. Armer Hanes! . Tas Mausen. Von Hin? Hoffmann. Wenn auf des Lebens schmalem S!z Ein volles Glas uns steht im Weg, Und wenn der Wein drin perlt und prüht Und dicht schon an den Lippen glüht Ja nun. Was thun? Man roar von je ein Bösewicht: Die Katze läßt das Mausen nicht. Und wenn nun auf des Lebens Pfad Ein hübsches Kind sich wieder naht, Und wenn ihr Mund so rosig blüht Und dicht schon an den Lippen glüht Ja nun. Was thun? Man war von je ein Bösewicht: Die Katze läßt das Mausen nicht. Und wenn auf unsres Lebens Bahn Zugleich sick lockend beide nahn, 5ves schönsten Mädchens Auge glänzt Im Glas, das ihre Hand kredenzt Ja nun. Was thun? Man war von je ein Bösewicht: Die Katze läßt das Mausen nicht Eine beitleraae. .Sa aen Sie mir doch. :rr Vrofessoc. was ist eigentlich für ein Unterschied zwischcn :jt und Ewizk.'it?'' .Das :st ein t?T TCrnfi rtrrt1"?A ftrM Vtilb IVIttV (j . yiluvtvjb ij.t. Wenn ich mir Zeit nehmen wollte, die zu beantworten, so würde ich eine ganze Ewigke-.t dazu brauchen und doch nlzt ferti.i werden!" Probates Mittel. Herr Meier (der seit kurzem verheuathet ist geht zum ersten Mal Abends auö Adieu, Frauchen, ich gehe zum .Rothen Ochsen", wenn icb nickt mm Abend essen komme, schicke ich den Kellner! Frau: Schon; aber nicht wahr, den großen bübschen, mit dem schwarzen Schnurrbart. Herr Meier war zur rechten Zeit zu Hause. Beim Wort genommen Schwiegermutter: Und ich sag' immer man muß mit der Zelt gehen! Söhnchen: Siehst Du, Papa, jetzt hast Du der Großmama Unrecht gethan. Heute früh hast Du zur Mama gesagt, die Großmama scheine nicht zu wissen, daß man mit der Zeit auch wieder geht. Ein Zeitkind. .Bist Du denn auch- immer recht brav, liebe Laura?- .O ja... daS heißt, nicht immer... Weißt Du, Tante, man muß seine Eltern nicht zu sehr der-Lohnen!"
Vcmgcsassm. Humoreske von F. B:!ty Jenkins war brünett seit
der Zeit liebe ich nur noch die Blonden. Als ich sie zum ersten Male sah. es war vorigen Sommer rm Conversatlonszimmer des Oceans-Hotels zu Saratoga, glaubte ich, daß mir fünfzig elekirische Batterien in die Beine gefahren. sah am Klavier und spielte Wagrer. Die neue Kunst wurde mir sofort klar wie die .Wacht am Rhein". Ich kam, sah und war bis über die Ohren verliebt. Ihr wißt, genirt habe 1 1 JT x.v nuo) nie in meinem eoen. cy ging also frisch darauf los, und obwohl ich, wie bereits gesagt, nur soweit musikalisch bin, um die .Wacht am Rhein" pfeifen zu können, drehte ich ihr, um in's Gespräch zu kommen, die Notenblätter um. Da dies regelmäßig an der unrechten Stelle geschah, hörte sie zu spielen auf und lachte. Ich lachte ebenfalls. Als wir genug gelacht, waren wir bereits gute Bekannte, und sie fragte mich, ob ich ihren Papa nicht gesehen. Dann erklärte sie mir. daß ihre Mutter vor Jahren gestorben, daß sie das einzige Kind und der bereits gemeldete Herr Papa der Besitzer der reichen Jenkins Silber - Bergwerke in Jenkinsville sei. Donnerwetter! Du bist ja ein Glückspilz-, sagte ich mir. Na. ich poussirte dann auch mit Dampf darauf los. . Der Vater war wenig im Wege. Er war einer jener langbeinigen, ziegenbockbärtigen, filzhütigen Amerikaner, der mit einer Zeitung in der Hand auf die Welt gekommen schien. Seine ordinären Manieren imponirten mir sehr ich erkannte den echten Millionär. Also kurz und gut, eines Abends, natürlich auf der Mondscheinpromenade, legte ich ihr mein Herz und Portemonnaie zu Füßen. Sie war durchaus nicht erstaunt. Sie hatte es bereits seit drei Tagen erwartet, (es war der vierte Tag, daß ich sie kannte) und sie gestand mir, daß sie beim ersten Anblick wahnsinnig in mich verliebt geWesen und daß sie stets für einen musikalischen Gatten geschwärmt hätte. Nun sollte ich mit Jenkins senior reden. Offen gestanden, der Magen wurde mir etwas flau bei diesem Gedanken. Ich trank mir etwas Kourage an und riskirte es. Er hielt nur eine lange, sehr väterliche Rede mit dem Schlüsse, daß er sich nie in die Privatsachen seiner Betty gemischt und daß, obwohl er nicht begreifen könne. Wie sie sich in ein Gestell wie mich ver. gaffen konnte, er nichts dagegen einzuwenden habe. Und nun folgten vierzehn Tage von Glaube, Liebe und Hoffnung, Paradies. Himmelreich. Poesie etc. Michel", sagte mir eines Tage mein Bergwcrksvater, .Du könntest mir einen kleinen Gefallen thun. Ich hatte mem Reisegeld m Checks mitgebracht, und " .Lieber Papa, wenn 'ich Ihnen irgendwie dienen könnte, ich wäre hoch erfreut." .Nun ja, gib mir einen Tausender, ich werde die Checks inzwischen einkas siren und es Dir am Ende der Wochk zurückgeben. Mit größtem Vergnügen." Und ich geb' meine tausend Dollars, so un gefähr alles, was ich hatte. Er steckte die Banknote achtlos in feine Westentasche und wir tranken gemüthlich noch ein Glas imporhrtes Bairisch. Am Samstag darauf sagte er mir: .Thu' mir doch den Gefallen und gehk Montag für mich nach New York, um diesen Check von $500 einzukassiren.' Solch ein edles Zutrauen haben nur amerikanische Millionare. AmMontag fuhr ich nach New York und prasentirte meinen Check bei Dre zel & Co. .Wer ist Jenkins?" fragte der Kas sirer. .Kennen wir nicht. Hat kein Konto. Micb rührte fast der Schlag. Ich fuhr zurück. Als der HotelPortier meiner ansichtig wurde, fuhr er micö an: .Geben Sie zum Teufel! Sie gehören sicher auch zu der . j . L . . vi l . Schwmvlcroanve. er viue uno oie Junge sind auf und davon. Rechnung natürlich nicht bezahlt. Ueber $350. denn der graubärtige Gauner trän! nur die besten Sorten. Deren Koffer enthielten nur alte Zeitungen und ein ganzes Hundert Backsteine. Hier ist übrigens ein Brief für Sie." Er war von ihr. der Geliebten, der Millionärstochter. .Lieber Herr Michel! Bei unsere: etwas plötzlichen Abreise sagen wir Ihnen ein herzliches Lebewohl. Die 4000 Dollars des Checks überlassen wir Ihnen großmüthigst. Sie können sich damit in der Musik weiter ausbilden. z. B. empfehlen wir Ihnen den Unterricht auf der Flöte. Es istdies ein nettes Instrument. Betty und ich - . m' . ! spielen es vornessttco. am revun 5err und ttrau Jenkins." Mätbend zerrik ick den Brief. Die beiden Gauner waren Mann und Frau. Das hat mich bei der Geschichte am meisten geargerl. SchlechteAnlagen. Frau: Johann, nehmenSie sich etwas zujammen. der Vaverl lernt abscheulich. Ausdrücke durch Sie. Heute hat er l,i Gegenwart eines Besuchers gesagt: 7V.; "Sau! r?d& muk mich ia schämen! l ytz: Gnädiae Nrau. da bin ich ur.sckluldiq. Das Thier hat so garstige Anlazen. Wie ich ihm seinen Käfig geputzt, habe ich allerdings gesagt: Du Schwein, jetzt macht das Vieh gleich eine Sau daraus. Sonderbare Eifersucht. Aeltere Dame: .. Ich rathe Ihnen nicht, heute Abend in's Theater zu gehen ich war über dieses Stück geradezu empört !" Jüngere Dame : .Und da meinen Sie. ich stehe hintu Ihnen zurück? O, ich werde mich auch ernpören!"
Aic Stiesmulter. f- . Von cn;e Schrat. Jch las oder hörte einmal den Ausspruch: Zu einer richtigen Stiefmutter gehört entweder ein grenzenloser Leichtsinn oder die Liebe und SelbstÜberwindung eines Engels," und mir will scheinen, daß in diesem Ausspruch unendlich vielWahrheit verborgen liegt. Ganz gewiß gehört zu dem Entschluß, eine .Stiefmutter" zu werden, ein fclbstloser Sinn, der sich um das Urtheil der Welt in keiner Weise kümmert und sich durch nichts in der AusÜbung der übernommenen ich möchte sagen .heiligen" Pflicht beeinflussen und wankend machen läßt. Um eine aute Stiefmutter zu sein. muß eine Frau in hohem Grade von Tuaenden erfüllt sein, eine durchaus uneigennützige Liebe und Selbstverlaugnung besitzen, von tiefemBerstanvniß für Recht und Gerechtigkeit durchdrungen fem und einen festen, energischen Willen ihr eigen nennen, der nie in der Ausdauer wankend wird und von Herzlichkeit und Güte geadelt ist. Nie darf eine Frau, welche die verant wortungsvolle Stelle einer Stiefmutter übernimmt, empfindlich für daS Urtheil der Welt fein, sondern stets nur ihr gutes Gewissen befragen. Sie muß von vornherein auf Anerkennung Verzicht leisten und sich klar bewußt sein, daß sie stets mit anderem Maße gemessen wird, als die rechte Mutter, die auf ihrem Gebiete unbehindert schaltet, waltet und herrscht, wo die Stiefmutter erst mühsam Schritt um Schritt im Vertrauen des Gatten, in der Liebe der Kinder vordringen und sich einen festen Standpunkt erkämpfen muß. Ist die Stiefmutter allzu nachsichtig und sanft bei derErziehung, wird sie oft theilnahmlos oder Pflichtvergessen genannt, waltet sie mit Strenge, so zeiht man sie gar leicht der Härte oder Lieblosigkeit, und es bedarf eines großen Vorrathes an Großmuth, um all' den falschen Beurtheilungen festen Sinnes entgegenzutreten, in treuer Pflichterfüllung unentwegt vorwärts zu schreiten und über alle kleinlichen Verdächtigungen, Gehässigkeiten und Anschuldigungen hinweg mit ruhigem Herzen dem großen Ziele des schweren Berufes zuzustreben. Wenn der leiblichen Mutter selten Jemand in der Erziehung und Gemüthsbildung ihrer Kinder etwas einzureden wagt und ihr unumschränkte Macht zu strafen, oder nachzugeben zugestanden wird, glaubt alle Welt sich dagegen berechtigt, die Handlungsweise der Stiefmutter genau zu beobachten und zu kritisiren. Hat sie es gar mit kränkelnden oder verwöhnten Kindern zu thun, so wird ihre Geduld und Liebe auf harte Proben gestellt, aber das schwerste wird dennoch erst dann an sie herantreten, wenn der Himmel ihr felberKinder schenkt; dann muß sie wachen über ihr Herz, damit nicht der selige Jubel des Muttergefühls über den eigenen Liebling sie die Pflichten vergessen läßt, die sie übernommen hat. Und dennoch ein gutes, edles Weib wird ohne Straucheln diese gefahrlichen Klippen umschiffen, wenn in ihrem Herzen eines wohnt: die echte, wahre Liebe zu dem erwählten Manne, dem Vater ihrer Stiefkinder, wenn sie in ihnen die theueren Unterpfänder sieht, die er. ihrem hohen Sinn vertrauend, in ihre Hand gegeben, an ihr Herz gelegt hat. um ihnen das köstlichste, höchste irdische Gut. das ein grausames Geschick ihnen genommen, zu ersetzen: die Mutterliebe. Dann wird auch der Gatte ihr ' treu und dankbar zur Seite stehen, sein Lob sie ermuthigen und kräftigen, und die Stiefmutter wird in dieser dankcrfüllten Liebe des Gatten, in dem Zutrauen und der herzlichen Liebe der ihr anvertrauten Kinder den schönsten Lohn finden für ihr selbstloses, opferfreudiges Wirken. : V Taö Gehen des Kindes. Eine jede Mutter beobachtet die ersten Schritte ihres Kindes mit zartlicher Sorge. Mit welch inniger Freude sieht sie die ersten, ungeschickten Versuche zum selbstsiändigen Fortbewegen, wie stolz ist sie,loenn ihr Liebling den ängstlich sich ausbreitenden Armen der Mutter zum ersten Male entflieht! Ist das Kind alsdann kräftiger geworden, steht es sicherer auf den Füßchen, läuft es gar schon auf derStraße, dann erkaltet auch gewöhnlich bald das Interesse der Mutter am Geien des Kindes. Und doch, wieviel böse Folgen könnten vermieden, wievielHäßliche Mißbildungen gehemmt werden, bei ständiger Aufmerksamkeit auf die Haltung der Beine und der Füße beim Gehen. Noch nachträglich stellen sich oft genug Krümmungen der zu fchwachen 5wochen ein, die nur sehr langsam auswachsen. oder erst nach Anlegen und langem Tragen von peinigen den Schienen beseitigt werden; auch liegt eine große Gefahr in den häufig recht schwachen Kniebändern der Kinder; die Kniee richten sich dann nach innen, die Beine bilden ein X,' und nun müssen langwierige Proceduren vorgenommen werden, die oft genug wenig, ja, auch wohl gar keinen Erfolg haben. Alles dies ist durch einige Aufmerkfamkeit zu vermeiden. Ein Kind, selbst wenn es schon sicher schreitet, soll niemals bis zur Uebermüdung laufen. Beim Gehen felbst achte eine sorgsame Mutter streng darauf, daß die Füße auswärts gesetzt werden; merkt sie einen Hang zum EinwärtS-Gehen, so soll sie die Mühe nicht scheuen, täglich eine halbe Stunde mit dem Kinde Nebungen vorzunehmen, ihm zu zeigen, wie es die Füße setzen soll, und unter stetem Aufpassen langsam im Zimmer Ziil ihm auf- u?.v niederzuschreiten.
