Indiana Tribüne, Volume 20, Number 106, Indianapolis, Marion County, 3 January 1897 — Page 7
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'" tMWff!S7ZIMTijfai Der Streik der Klempner. Von Korq Tawska. Unter den Firmen, welche aus Anlaß der Berliner GeWerbeausstellung 1896 mit Aufträgen derartig üöerhäuft waren, daß sie sich nicht zu helsen wußten, befand sich auch die ReZlameschilderfabrik von Richard Löhnicke in der Stralauerstraße zu Berlin. Man schrieb den 26. April, und nur noch vier oder fünf Tage trennten das fieberhaft erregte Berlin von der feierlichen Eröffnung seiner prächtigen Ausstellung. Sechs Monteure der Firma Löh niese arbeiteten unausgesetzt vom frühesienMorgen bis in die sinkende Nacht hinein draußen in Treptow. Trotzdem war es ausgemacht, das Hunderte von Schränken und Pavillons ihre Schilder, Wappen und Medaillen am Eröffnungstage nicht haben würden. Die Telephonsignale rissen bei Löhnicke nicht mehr ab, so daß die Teleplonistinnen in Verzweiflung waren. Loten über Boten aus allen Stadtgegendcn stürmten herbei und versprachen Hrrn Löhmicke ein Königreich für in paar Goldbuchstaben zu dem Narr.in Meyer. Die saugroben Briefe prasselten hageldicht auf den unglücklichen Fabrikanten nieder. Herr Löhmicke war täglich schon vor sechs Uhr Morgens in der Ausstellung und verließ seine Fabrik nie vor Mitternacht. Er verlor jedoch keineswegs d:n Kopf. Er war kein aufgeregter Mensch. Nichtsdestoweniger verwünschte er diese unvernünftige Hetzjagd und meinte, es werde ihm wohl sein, wenn er vier Wochen älter sein werde. Am 26. April traf ein Brief von der Firma Sally Samueli ein, welche, am 1. Mai ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen feiern würde, und welche sür ihre Jubiläums - Cognacmarken" Blanc et Noir", Rol de Prusse", Bille de Berlin" ein Barocktempelchen in Treptow aufgebaut hatte. Sie verlangte ihre drei Schilder binnen 2ri Stunden. Kommen Ihre Arbeiter" so hieß es weiter nachdiesem Termin, so werden wir selbige mit Hunden aus dem Tempel jagen lassen und auf einen Schadenersatz von jährlich 10.000 Mark klagbar werden. Hochachtungsvoll Sally Samueli u. Cie., 'Deutsches Cognachaus, Marken Blanc et Noir", Roi de Prusse". Stile de Berlin". Nachdem Herr Löhmicke diesen Brief gelesen hatte, faßte er in seine Westentasche und holte etwas daraus hervor. Er besah es mit nachdenklicher Miene und reichte es schweigend seinem ihm vis-il-v! arbeitenden Buchhalter. Es war ein Zehnpfennigstück. Der Buchhalter beeilte sich, aus der Stehbierhalle an der Ecke eine kleine Weiße" zu holen. Er war ein intelligenter Jüngling, welcher bei Firma Löhmicke an Salair monatlich die Summe von 25 Mark bezog. In seiuen Mußestunden bekleidete er das Amt eines Vorsitzenden in der Privottheatergesellschaft Gelbe Schleife". Nachdem Herr Löhmicke die kleine Weiße ausgetrunken hatten, öffnete er die gepolsterte Thür, welche sein Buicau von dem Arbeitssaal trennte, und schrie mit seiner Stentorstimme in den höllischen Lärm der Schmiede, Schlosser, Schleifer, in den Höllengestank der Lackirer. Maler und Vergolder hinein: Heda, Jansen!" Herr Löhmicke?" brüllte es zurück. Hören Sie mal ! . Sally Samueli verlangt seine Schilder bis morgen Geht das?" Gar nicht daran zu denken, Herr Löhmicke! Soll froh sein, wenn er sie zu Ultimo kriegt!" Au verflucht! Na, lassen Sie morgen die Haken am Cognactempel einschlagen, verstanden?" Schön. Herr Löhmicke!" schrie der Zeichner und Werkfilhrer Jansen zurück. Wir werden heute Nacht bis ein Uhr arbeiten!" rief Herr Löhmicke. Machen wir!" tönte es zurück. Die Polsterthür fiel m's Schloß. Es war wieder still im Comtor. Herr Löhmicke beschloß, die kurze Stille zu benutzen, um a Sally Samueli zu schreiben. Aber was? Das war die Frage. Alles, was eine kecke Phantasie zu erfinden vermag, hatte er dem Deutschen Cognachause schon vorgespiegelt. Sein Vorrath an gesunden Ausreden war zu Ende, er hatte sich ausgegeben. Streik der Schmiede, ptz Tischler, der Bildhauer nach einQnder. Hochzeit des Vergolders, Drillinge bei der Frau des Malers, ein Beinbruch in der Glashütte in Schlesien, ja sogar ein Erdbeben in Chile und eine Revolution in Honolulu. - .'. Ach, Herr Löhmicke fühlte, daß sein Stern ihn im Stiche ließ! Und noch niemals vielleicht hatte er es so tief empfunden, daß er im Grunde doch nur ein einfacher Arbeiter war, ein Schlosser, der es durch Fleiß und Schicksalsqunft bis zum Fabrikherrn gebracht hatte. " Indessen erwogen die Arbeiter den Ernst der Läge. Nu man 'ran an' Baß!" schrie Jansen. Da hilft keen Beten: Sally muß seine Schilder kriegen!" Mir soll et recht sind." meinte der Schriftmaler, se mehr Ueberstunden, desto mehr Pinke." Wäre der Meester man een paar Dage früher so schlau jewesen, im? bis Eensen hier zu lassen, denn waren wir nu fertig!" rief der kleine Selcholo, der Lackirer . , Uebrigens waren alle Löhmickeschen Arbeiter darin einig. . r Und wenn man sagt: Löhmickesche Arbeiter". ' so bezeichnet man , damit patriarchalische Gestalten und rüstige Junglinge, Männer einer untergehenden Weltanschauung ' und Söhne des hereinbrechenden socialen GedankeüZ. Die Politik ist eine nützliche Sache. Aber man muß ohne. Zweifel n jede?
Zeit im Jahre essen. Wenn man ganz allein dastünde, würde man gewiß nicht zurückbleiben, wenn die Genossen für ihre Rechte kämpfen. Man hat jedoch Weib und Kind. Und wenn man sie'noch nicht hat, fo wird man sie demnächst haben. Man hat mindestens eine Braut. Manchmal auch zwei. Franz Selchow, der kleine Laöirer, besaß deren sogar vier oder fünf. Sie wimmelten auf der Straße, wenn das schneidige Karlchen auf seiner hohen Leiter stand, um aus geschliffenen Spiegelscheiben und riesigen Goldbuchstaben ein neues Wunder der modernen Reklameindustrie zu vollbringen. Dann stießen sich die Mädels mit den Ellbogen an und lispelten verliebt: Da is Er! Da is Sel-, chow;" Und sie waren in der Leipzigerstraße so gut wie am Gesundbrunnen hinterher, an Velleallianceatz so gut wie in Moabit. Herr Löhmicke verwarf in seinem Geschäftsbetrieb den socialistischen Grundsatz der Arbeitseintheilung. Ob in jedem Falle zum Vortheil seines Geschäfts, war fraglich. Jedenfalls war es seine Ueberzeugung. Er bekämpfte den Kastengeist und züchtete Universalgenies. Der Lackirer montirte, und die Monteure machten Schlosserarbeit. Der Schlosser, mit Namen Mariaberg, genannt der sanfte Heinrich", führte die Bücher, und der Buchhalter holte die kleinen Weißen" für den Chef. Zickendraht, der Klempner, hatte nur eine einzige Braut. Sie hieß Cäcilie Wiesengrund und war Spulmädel in der Shawl- und Tücherfabrik von Schott und Spitz am Grünen Weg. Cilly war ein intelligentes Mädchen, in allen Stücken, auch darin, daß sie sich einen so confusen Kopf wie Hugo Zickendraht ausgesucht hatte. Alle klugen Frauen lieben dumme Männer, zu denen sie in schwachen Stunden sagen können: Na laß man jut sind, oller Esel!" : Es gab bei Löhmicke wenig Klemperarbeit. Nichtsdestoweniger saß Zickendraht dort seit sieben Jahren. Ein Löhmickescher Klempner mußte von allen Arbeiten sjwas verstehen. Und daß Zickendraht beinahe von nichts verstand, das war Herrn Löhmickes persönliches Pech und Zickendrahts persönliche Dämlichkeit. Sally muß seine Schilder kriegen!" Während dies der Gedanke war, welcher die Firma Löhmicke beschäftigte, angefangen vom Principal und seinem Buchhalter mit der Denkerstirn bis herab zum sanften Heinrich mit dem Athletenbiceps und der Proletarierfaust, nahm Hugo Zickendraht dazu das Wort. Er dachte langsam, aber um so sichere. Als er mit seinen Erwägungen im Reinen war, begann er: Ick habe nischt nich jejen Jberstunden. Aber wat heeßt Jberstunden? Wenn schon, denn schon. Ick bin for den Achtstundendag." Mensch," rief der Lackirer. is det Dein neuestet Blechfabrikat?" Der Schlosser Mariaberg wälzte sich vor Lachen. Zickendraht wollte sich nicht auslachen lassen. Wenn Ihr keenen Verufsjeist nich in' Leibe habt, denn is det traurig for Euch!" schrie er. So'ne Arbeeter ezistiren for mich nich!" Nun hielt sich Alles den Bauch. Wenn Du det Stücke Blech verarbeeten willst. Hujo, denn kommste aber mit den Achtstundentag nich zurcchte!" rief der kleine Selchow. Alle kannten Zickendrahts Unglückliche Liebe für die Politik, mit welcher er seine College in confuser Weise anzuöden pflegte. Ick kann nich mehr!" heulte der Schlosser Mar:ab:rg. Nun wurde Zickendraht wüthend. Ihr nich! mir nich! mir uzt Ihr alle noch nich!" schrie er. - Ihr denkt woll, det Ihr mehr seid als ick, weil Ihr 40 Fennig die Stunde verdient? Ick lege hier meinen Löthkolben hin und nehme ihn nich wieder uff, bevor ick nich 40 Fennig bewilligt kriege!" Jeh 'doch rin," antwortete- der Schriftmaler phlegmatisch, und erzähle det Herrn Löhmicke!" . Zickendraht wischte sich die Hände an seiner Bluse ab und ging in's Comtor. Er hatte noch lange nicht ausgesprochen, als er wieder draußen lag. Langsam stand er auf und rieb sich nachdenklich das Hintertheil. Sein Gesich sah nicht sehr schlau dabei aus. Offenbar war Herrn Löhmicke Hand rascher als Zickendrahts Begriffsvermögen. Seine College halfen ihm mitleidig auf die Füße. Der kleine Selchow bürstete ihn ab und verkniff sich eine Bemerkung. Alle außer Zickendraht gingen wieder an die Arbeit. . Nachdem Zictendraht schließlich begriffen hatte, daß Herr Löhmicke nicht auf seine Forderungen eingegangen war. wußte er sofort, was er zu thun hatte. . Ick schtreikeerklärte er und machte mit dieser Beschäftigung sofort den Ansang. Er begann damit.' daß er die Hände in die Hosentaschen steckte und einer Ahle, wclche auf der Erde lag. einen Stoß mit dem Fuße gab. ' Dabei dackte er nicht daran, die Fabrik zu verlassen, sondern trieb sich hii zum Abend darin umher. Er beschäftigte sich damit, seinen Collegen auf die Finger zu gucken und ihre Arbeit zu kritisiren. Zuerst fing er mit dem Schriftmaler an. - .. Mensch. Du verbumfiedelst ja dei janze Schild in.Jrund und Boden ! Du hast ja keenen blauen Dunst nich von Jeometrie!" .Der Schriftmaler, ein Phlegmatiker. zuckte die Achseln. Quatsch mir nich an!" meinte er ruhig. 'Aber Zickendraht wünschte seine Kenntnisse , an den Mann zu bringen. Kiek doch den Fassaden - Nafael!" bahnte er. .Nu kann der nich mal
richtig Deutsch schreiben! Seit wann heeßt et denn Jub i läums-Ausstel-lung? Jub e läum heeßt et doch!" Uff eenmal heeßt det Jubeläum!" Na jewiß. Du sagst doch ooch Jubel!". Du bist woll bei Pfeifern in die Abendschule jejangen?" meinte der Schriftmaler, während die Anderen lachten. Zickendraht merlte, daß er sich blamirt hatte. Nanu." murmelte er. ick bin ich ooch mal in Schule jejanjen, ick habe doch ooch mal Schtcnojraphie un so'n Zeugs jelernt . . ." Denn laß Dir Dein Schuljeld wiederjeben!" Hier abgeblitzt, ging Zickendraht zu dem Schlosser Mariaberg, dem fanften Heinrich. . Verbeule doch det' Blech nich fo!" Der Schlosser tippte ihm mit dem Hammer auf die Stirn und pfiff: Du bist verrückt, mein Kind!" Det kann ick nich mit ansehen," nörgelte Zickendraht. Entweder oder! Der Mensch macht seine Arbeet orntlich oder jar nich. Det is meine Jberzeijung." Meine ooch, indem ick meine Arbeet orntlich mache, und Du Deine jar nich. Un nu mach, det De hier 'n bisken dünne wirst, sonst wer' ick Dir den sanften Heinrich" zeigen, verstehste?" Zickendraht verschwand für- eine Weile vom Schauplatz feiner Thätigkeit. Er ging jedoch nicht weiter als bis auf den Hof, wo zwei Lackirer damit beschäftigt waren, ein Schild von riesigem Umfang hellgelb anzustreichen. Zickendraht stellte sich nebenSelchow und musterte die Arbeit mit Kennerblicken. Herjott, Franz," meinte er nach einer Weile, Du lackirst ja det Schild uf de umgekehrte Seite!" Aber da kam er an den Rechten. So? na wat jeht Dir denn det an?" Det müßte Herr Löhmicke wissen!" Wat jeht Dir denn Herr Löhmicke an? Der jeht Dir überhaupt mfchj mehr an, verstehste? Wat hast Du denn hier überhaupt noch zu suchen? Du hast hier jar nischt mehr zu suchen, verstehste? Du mußt überhaupt hier runner von den Hof, verstehste?" Zickendraht zog es vor, in den Saal zurückzukehren. Kaum erblickte man ihn hier, so schrieen Alle: Er muß raus aus dem Lokal!" So ging es bis zum Abend. . Als die gewöhnliche Feierabendstunde herannahte, ließ Herr Löhmicke Brod, Knoblauchswürste und Bier holen. Er aß mit den Leuten und machte sich, mit dem letzten Bissen im Munde, als Erster wieder an die Arbeit. Zickendraht schlich noch immer hin und her. Selchow schob ihm ein Seidel hin, und der sanfte Heinrich bot ihm ein Paar Würstchen an. Nimm Mostrich, Hujo, um Dir zu besänftigen!" kalauerte er. Alle saßen mit vollen Backen und baumelten mit den Beinen. Der Vergolder hatte die spaßige Angewohnheit, alle Worte umzudrehen. Ein Witz jagte den anderen. Der Schlosser Mariaberg und der kleine Selchow wälzten sich vor Lachen. Endlich kam Jansen, der Werkführer, aus dem Comptoir und vertheilte die Arbeit für die Nacht. Niemand kümmerte sich weiter um Zickendraht. Es war die Stunde, wo er in ruhigen Geschäftszeiten nach dem Grünen Weg zu gehen pflegte, um seine Braut abzuholen. die um Sieben frei wurde. Es fing an, dunkel zu werden. Zickendraht stand überall im Wege und wurde hin- und hergestoßen. Der Werkführer wurde ärgerlich. Ick an Deine Stelle, Hujo, würde mir lieberst die jroße Parade in'n Lustjarten ankieken!" rief er spöttisch. Zickendraht antwortete trotzig, daß er thun und lassen könne, was er wolle, und ging mit großartiger Miene ab. Mehrere Stunden früher war ein Brief an die Firma Sally Samueli abgegangen, welcher lautete: Höflichst bezugnehmend auf Ihr Geehrtes vom heutigen Tage, beeile ich mich. Ihnen mitzutheilen, daß in meiner Fabrik ein umfangreicher Klempnerstreik ausgebrochen ist. Ich habe andere Arbeiten zurückgestellt. umJhre geschätzte Firma zu bevorzugen, und werde ich Ihre weiteren Schritte tat Ruhe erwarten. Hochachtungsvoll Richard Löhmicke." Die streikenden Klempner" begaben sich nach dem Grünen Weg. Vor dem Thorweg von Schott und Spitz pflegte Hugo auf Cilly zu warten, wobei er sich die Zeit damit vertrieb, politiscke Gespräche zu führen mit den Webern, welche, schwitzend unter der Last mächtiger Ballen, ausund eingingen. Heute wartete Cilly schon ungeduldig auf ihren Bräutiqam, und Beide stiefelten hungrig ihrer Wohnung zu. Cäcilie Wiesengrund war ein großes, knochiges Mädchen. Ihre $aait waren fast ganz ausgegangen,und ihre Nase sah blutroth aus von einer alten Brandwunde. Sie war stark und fleißig. Sie hatte sich Möbel und Wüsche angeschafft und schien in jeder Weise entschlossen zu sein, etwas vor sich zu bringen in der Welt. Zickendraht Pflegte mit allem einverstanden zu sein, was seine Braut beschloß. Er war stolz aus ihre Klughe!t und fühlte sich durch sie geborgen vor den Stürmen des Lebens. Als sie zu Hause angekommen waren, trug er ihr sogleich den Fall vor und befragte sie um ihre Meinung. Cilly sah ihn an wie die Schlange den Vogel, welchen sie mit ihrem Blick allein vergiftet. Sie ging auf ihn zu, rjib er hörte, wie es in ihr kochte. Wat?" zischte sie. von wegen Schtreike? Det wär' so'n Feetz, wat? so'n sojenannter Bullenfeetz, wat? von wegen Schtreike . . . . ..
Das war das Letzte, was Zickendraht hörte. Er war noch nie dermaßen vermöbelt worden. Ohne Abendbrod, windelweich gewalkt, fiel er endlich in fein Bett, wo sich der Schlaf feiner Leiden erbarmte. Am anderen Morgen früh traf Sally Samuelis Antwort ein. Sie war in sehr sanftem Tone gehalten. Diesmal schien Sally wirklich gerührt zu sein von der geschäftlichen Calamität feines Freundes Löhmicke.. Alles, was er sich erlaubte, war der dringende Rath, man möge Angesichts der Ausstellung ein Opfer bringen. Dagegen erklärte er sich bereit, statt der vereinKarten siebenhundert Mark ohne Werteres taufend Mark zu zahlen, falls seine Schilder am Tage der" feierlichen Eröffnung der Ausstellung durch Se. Majestät den Kaiser am Cognac-Tem-pel leuchten würden. Uebrigens. so fügte er hinzu, widme der Vorwärts" dem offenbar raffinirt eingeleiteten Löhmicke'fchen Klempnerstreik in feiner heutigen Nummer einen fulminanten Leitartikel, worin die streikenden Genossen zum. äußersten Widerstande angefeuert würden. . Als Herr Löhmicke diesen Brief gelesen hatte, fah er aus wie ein Mann, der sich über Verschiedenes wundert. Er trank seine kleine Weiße aus und öffnete dann die Thür zum Fabrikfaal, just in dem Augenblick. woZickendraht die vom Hofe in den Saal führende Thür öffnete. Zickendraht wurde von seinen Kollegen mit lautem Halloh begrüßt. Er war in Gala erschienen und drehte seinen schokoladebraunen Filz vorVerlegenheit mit dem Innersten nach außen. Was wollen Sie," brüllte Herr Löhmicke. Meinen Lohn," stotterte Zickendraht. Rechnen Sie mit Jansen ab!" sagte HerrLöhmicke streng und ließ ihn stehen. Zickendraht betrachtete mit stumpfsinnigem Ausdruck seine Stiefel. Von Zeit zu Zeit warf er einen fcheuen Blick auf Herrn Löhmicke. Herr Löhmicke that ihm jedoch nicht weiter den Gefallen, ihn zu beachten. Die Kollegen kicherten. Sie stießen Zickendraht vorwärts, bis er wieder vor dem Meister stand. Was gibt's?" fragte der Chef. Zickendraht besah sich wieder seine Stiefel. Seine Braut wird ihm woll mächtig verplätt't haben," sagte Selchow zum Chef mit bezeichnender Geberde. Die Kollegen stießen ihn wieder an. Riskir' doch 'ne Lippe!" tuschelte es von rechts und links, frage dochHerrn Löhmicke, ob Du nich wieder eintreten darfst!" Zickendraht sah Herrn Löhmicke an. Na. wenn et nich jeht . . ." stammelte er furchsam. Herr Löhmicke kreuzte dieArme über der Brust und sah seinen ehemaligen Arbeiter mit niedersäbelnden Blicken an. Also wieder eintreten wollen Sie? Gut. Vorher aber will ich Jh. nen mal was sagen, Männeken! Wenn Sie nicht so dämlich wären, wie Sie sind, dann würde ich sagen: Sie sind der gemeinste Lump unter der Sonne und eine ganz gefährliche Kanaille obendrein nu aber raus mit Ihnen! So aber muß man's Ihrer Dämlichkeit zu Gute halten! Die ganzen Jahre sitzen Sie hier bei mir, wo das Geschäft oft unterm Luder war, und wärmen sich den Allerwerthesten'aus, und jetzt wollen Sie streiken? Wollen nicht länger für 37 Vfennig arbeiten? Wenn ich der Principal wäre, den Sie verdienen, dann flögen Sie jetzt von hier bis nach Treptow, aber im Zickzack, Sie Zickendraht, Sie!" Schwapp! flog die Polsterthür hinter ihm ins Schloß. Zickendraht beeilte sich, seinen Gehrock auszuziehen. Und da er keine Bluse hatte, arbeitete er in Hemdärmeln. Die Hämmer dröhnten, und die Feuer prasselten, die Oelfarben stanken, und das Blech kollerte. . Damit war der Klempnerstreik beendigt. Unter den größten Opfern und, Zugeständnissen meinerseits," wie Herr Löhmicke an Sally Samueli schrieb. Du hast Muth bewiesen, . Hujo!" spottete der kleine Selchow. Worauf Zickendraht mit seinerLieblingsphrase antwortete: Wenigstens habe ick eene Spur von Verufsjeist in' Leibe. Ihr aber, wat habt Ihr in' Lcibe?" Eenen Lümmel un jedämpfte Keber," antwortete der Veroolder, der die (Spezialität hatte, alle Worte umzudrehen. ..-. Der Schlosser Mariaberg aber legte seine schwere Hand auf Zickendrahts Schulter und sagte: Ja siehste, Hujo, zu so wat da sind wir zu dämlich." Später kam das Gespräch auf den Artikel des Vorwärts". Da flog zum ersten Mal ein heller Schein über Zickendrahts demüthige Züge. Und mit dem ganzen Stolze des Mannes, welcher von einer klugen Frau geliebt wird, sprach er: ... Dei war sie, Cilly! Nachdem se mir vertobackt hatte, jing se hin un holte sich von der Schtreittasse die Jelder.-
Noshaft. Jüngling: Mein Fräulein, wenn Sie mich nicht erhören wollen so erschieße ich mich!" Fräulein: Um Gottcswillen, wenn Sie nun einen Anderen. träfen!" ... Verdächtig. A.: Ich glaube. der Graf Laskow ist gar kein wirkli cher Graf." B.: Warum den nicht?" A.: Er bat immer Gelb!4 Schwäbische Frage. Bauer (auf dem Bahnhöfe): Verzei-, het Se, Herrle, kennet Se mir nit sage, wo der Zahradbahfahrpla ag'schlage isch?" . . . .
Arauen als Advocaten.
m -t it .t t r ein-.-JUAlAf MbVVilVIUVUM 4 114 ÜUV . W" urtheile und Beseitigung nicht geringer Hindernisse hat sich die Frau in fast allen Staaten der Union den Weg zur Ausübung der Advocatenpraxis ge-' bahnt und heute dürfte es in unserem Lande an 1000 Advocaien weiblichen Geschlechts geben, nachdem bei der Censusaufnahme im Jahre 1890 ihrer bereits 208 gezählt waren. Noch vor einem Viertel - Jahrhundert verhielten sich die Gerichte gegenüber dem Verlangen, Frauen zur Advocatur zuzuii nni i v n.TmTTi rniTTn rnnnnwr ' v m r ClaraFoltz. lassen, durchaus ablehnend und als im Jahre 1870 die inzwischen verstorbene Myra Bradwell um die Erlaubniß nachsuchte, im Staate Illinois die Advocatenprazis ausüben zu dürfen, wurde sie vom Ober - Gericht abschläglich beschieden. Dieser ablehnende Bescheid wurde vomOber - Bundesgericht mit allen Stimmen gegen diejenige des Ober - Richters Chase bestätigt. Drei Jahre später wurde von der Legislatur von Illinois ein Gesetz angenommen, dem zufolge das Geschlecht nicht als Grund für die Ausschließung irgend einer Person von irgend einem Berufe (den Militärdienst ausgenommen) angesehen werden sollte, und mit der Annähme dieses Gesetzes war den Frauen der Weg zur Advocatur frei gegeben. BlancheFeaving. Heute nehmen die meisten juristischen Facultäten weibliche Schüler auf und nur die angesehenstenUniversitäten wie Aale, Harvard und Columbia bleiben der alten Gepflogenheit, das weibliche Geschlecht aus deren Hörsälen fernzuhalten, treu. Die Mehrzahl der weiblichen Juristen hat auf den Universitäten von New York und Michigan ihreAusbildung erhalten. Die Erste, welche das juristische Examen bestand, war Frau Ada H. Kcpley. die im Jahre 1870 als Studentin der Northwestern University in Chicago graduirte. Von den Schwierigkeiten, welche in früheren Jahren den Frauen, die sich der Advocatur widmen wollten, in den Weg gelegt wurden, geben die Erfahrungen der Frau Clara Foltz in New York eine gute Illustration. Nach dem Tode Kate Pier. ihres Gatten beschloß sie in California die Advocatenprazis auszuüben, trotzdem der Codex dieses Staates dies nicht gestattete. Nachdem sie unter manchen Schwierigkeiten dieses Hinderniß beseitigt hatte, suchte sie um Aufnahme in das Hastings College zu San Francisco nach, allein die Facultät lehnte ihr Gesuch ab und darauf strengte Frau Foltz ein Gerichtsverfahren an. In diesem erstrjtt sie ein Erkenntniß zu ihren Gunsten, so daß sie ohne weitere Hindernisse ihre Studien vollenden konnte.Frau Foltz wurde anfänglich zur Ausübung der Advocatur in dem Districtsgericht von California. dann in dem Ober - Gericht dieses Staates und schließlich auch im " Wi ? Ada H. Kevleh. Ober - Bundesgericht zugelassen. Eine andere Frau, welche zu den ersten Advocatinnen, die das Recht zur AusÜbung der Praxis in den Bundesgerichten erwarb, ist Frau Emma H. Haddock. welche zur Zeit der Facultät der Jowa'er Universität angehört. Die größte Anzahl weiblicher Advokaten dürfte Chicago besitzen und unter ihnen gehört Ellen A. Martin, die vor 19 Jahren zur Praxis zugelassen wurde, zu den angesehensten. BeachtenZwerth ist auch Frl. Blanche Fearing,'die vollständig blind ist und trotz dieses Gebrechens sowohl alsAdvocatin wie als Dichterin Hervorragendes ge-
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tUllQkil -C4.UUUV.Ult.il UUUUt 1C1U1UIUI frtin rTi a vtftmn V v, rt 4 i' - 3 tuumiu, uiuu niuu nun m . Ellen A. Martin. Pier und ihre drei Töchter sind dort in diesem Berufe thätig.' Auch in vielen anderen Städten gibt es weibliche Advocaten, welche in ihrem Fache tüchtig sind. Freilich gehört es zu den Seltenheiten, daß Frauen vor einer Jury pladiren, allein man muß nicht vergessen, daß die Hauptarbeit des Advocaten nicht im Gerichtszimmer, sondern außerhalb desselben gethan wird. Nach dem Dafürhalten der Frau Cornelia Hood in Brooklyn, der Gründerin der Women's , Legal Education Society", ist der Bedarf an weiblichen Advocaten in stetigem Steigen begriffen und die Advocatur daher für inEmma Haddock. telligente Frauen ein lohnender Beruf. Sie ist überzeugt, daß dieJurisprudenz einer Frau von klarem Verstände keine besondere Schwierigkeiten bereitet, unv daß keine Frau sich durch Scheu vor dem öffentlichen Plädiren von diesem Berufe abhalten zu lassen braucht, da die Officepraxis für einen tüchtigen Advocaten ebenso lohnend ist. Von denjenigen Frauen, welche in den Gerichten selbst practiciren, haben manche bemerkenswerthe Erfolge erzielt und nicht blos von den Geschworenen, sondern auch von den Richtern wird ihnen dieselbe Anerkennung zu Theil wie ihren männlichen Collegen. Erst vor Kurzem wurden von einem New Yorker Richter Advocatinnen zu Massenverwaltern bestellt und da dies die ersten Ernennungen dieser Art waren, bedeuten sie einen weiteren Markstein des Fortschrittes der Frau auf der juristischen Laufbahn. Der Hlola raola. In den Gewässern, welche die Santa Barbara Inselgruppe im Stillen Ocean bespülen, findet sich in großen Mengen ein merkwürdiger Fisch, der von den Insulanern Mola rnola genannt wird. Dieser Bewohner der Tiefe gleicht in seinem Aeußeren mehr einer japanischen Monstrosität, als einem Fisch. Die Gestalt des Fisches ist oval und einen Schwanz hat er nicht, sondern nur eine große RückenFisch und Vögel. und Bauchflosse, so daß seine Bewegun'gen ziemlich langsam sind. Er erreicht eine gewaltige Größe, denn es sind Exemplare, die zwischen Rückenund Bauchflosse elf Fuß maßen.gefangen worden. Mit Vorliebe schwimmen diese merkwürdigen Mische an derOberfläche des Meeres, mdem sie ihre gewaltigen Körper den Strahlen der Sonne aussetzen. Dabei kann man oft Vögel sehen, welche sich auf ihm furchtlos niederlassen. Große Mengen dieses Fisches konnten ohne Mühe gefangen werden, allein er bleibt unbehelligt, da sein Fleisch ungenießbar ist. Dilemma. Junger Arzt.: Fatal, was mache ich 6a nur?! Läßt mich endlich der erste Patient rufen! Lass' ich ihn nun warten, dann nimmt er womöglich einen Ander'n, und komme ich gleich, dann heißt's, ich tauge nichts, weil ich nichts zu thun habe!" Aus der Schule. Lehrer: Müller, bilde mir einen Satz mit der Präposition halber!- Müller: Meiner Faulheit halber bin ich vom Lehrer getadelt worden !" - Lehrer: Gut. Willi, sag' Du mir auch einen!Willi: Um halber acht haben wir Kaffee getrunken! VorGericht. Richter: Wie kam es nur, daß Sie bei Ihrem Einbruch einen Pack minderwertiger Waaren aus demLaden fortschleppten, während Sie die gut gefüllte Lademasse unberührt ließen?" Angeklagter : O. Herr Richter, thun Sie mir desweqen net aucy nocy zuorwurt' macyen. mei Frau hat mich schon g schimpft gnug i"
Präsident Tr. Tcucher.
Für das Jahr 1897 hat die vereinigte Schweizer Bundes - Regierung den bisherigen Vice-Prasidenten des Vundesraths, Dr.. Adolf DeucherThurgau, Departementschef für Handel. Industrie und Landwlrthschast. zum Bundespräsidenten gewählt. Dr. Adolf Deucher. welcöer zu den Radikalen gehört, wurde im Jahre 1831 in Steckborn (Thurgau) csrc: und stdirte an den Universitäten Heidelbe??. Zürich, Prag und Wien Medizin. 1856 wurde er Mitglied des Thurgaulschen Großen Rathes und war m der v- V--i ' : life i''!Ü-! nmm m " Dr. Deucher. Folge dreimal Präsident dieser Behörde. Im Jahre 1868 berief ihn das Volk in den Verfassungsrath und 1879 in den Regierungsrath. Von 1869 bis 1873 war Deucher Mitglied des Nationalrathes, worauf er dann zurücktrat. Im Jahre 1879 wurde er abermals in diese Behörde gewählt und 188293 zum Präsidenten des Nationalrathes berufen, von welche? Stelle weg er dann in den Vundesrath trat. Deucher hat bereits im Jahre 1886 die Stelle des Bundes-Präsiden-ten bekleidet. Mit comprimittcr Luft. Auf der Hochbahn der 6. Avenue in New Fork werden demnächst Experi mente mit einer Locomotive begonnen werden, welcher nicht Dampf, sondern comprimirte Luft als Betriebskraft dient. Die Locomotive gleicht in ihrem Aussehen den gewöhnlichen Dampflocomotiven. nur fehlen der Schornstein, die verschiedenenDampfröhren, Ventile und der Tender. Zur Aufnahme der für den Betrieb der Locomotive nothwendigen comprimirten Luft dient ein aus Stahl gefertigtes Reservoir, welches an der zu diesem Zwecke vorderHand an Greenwich Str. in der Einrichtung befindlichen temporären Station gefüllt werden wird. Bewährt sich die neue Locomotive und erfolgt alsdann die allgemeine Einführung Die Luftlocomotive. derselben auf der 6. Ave.-Hochbahn und deren Abzweigungen, so beabsichtigt man, eine permanente Station von verschiedenem Umfange behufs Speisung der Locomotiven mit comprimirter Luft am Harlem River anzulegen. Die Zeitdauer zur Speisung einer Locomotive sfo eine auf 10 bis zu 20 Meilen berechnete Fahrt wird mit etwa zwei Minuten angegeben, und mag hierbei bemerkt werden, daß mittelst der comprimirten Luft durch Anlage geeigneter Vorrichtungen gegebenen Falles gleichzeitig auch die Bremsvorrichtungen manipulirt werden. Zu Gunsten des Betriebes mit comprimirterLuf wird geltend gemacht, daß dasselbe sich nicht nur bedeutend wohlfeiler stellt, als der jetzige Dampfbetrieb, fondern daß auch bei jenem Betrieb: vielfache Uebelstände, wie das Ausströmen vonDampf und Rauch, sowie das Umherfliegen von Aschetheilen gänzlich in Wegfall kommen. Schwacher Trost. i Herr: Ich würde gerne heirathen. aber 'jetzt stehe ich schon im Herbste des Lebens!" Fräulein: Ach. der Herbst hat ja auch seine schönen Seiten!" Selbstverständlich. Was studiren Sie eigentlich, Herr Lehmann? Sie können noch fragen, Fräulein Sophie? Was sonst als Philosophie?-. Unmilitärisch. Feldwebel: Na, Einjähriger. Sie wollen doch die Blüthe der Intelligenz sein warum werden denn bei der Heimkehr von militärischen Leichenbegängnissen stets lustiae Weisen gespielt? (Keine Antwort.) ! . . . Na. oanz einfach: weil es vollstänI big unmilitärisch ist. langereZeit trau- ! ria zu sein!"
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