Indiana Tribüne, Volume 20, Number 106, Indianapolis, Marion County, 3 January 1897 — Page 2

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Einst und Jrh Von Helene v. Hülsen. Jn's Dorf bin ich ttnTt Bis zum Hollunderbaum, Als dort die Vögel sangen, Kam mir ein alter Traum.

1 Entschwundenes Juge:idlcbe. ! Vielfach beweintes Glück, : Auch manche Wonnestunde Gab e: mir treu zurück. So zogen Menschen, Dinge An meinem Blick vorbei. Bis ich mich endlich fragte. Ob ich es selber .sei. Vräuligamsthräncn. Von Jane ui). ! AUes blinkt in dein kleinen SpeiseZimmer, wo sie ihr Diner einnelimcn. Alles blinkt und blitzt, Alles hat den Anschein des Neuen. Und llcs ist wirtlich neu, selbst das junge Paar, die Neuvermählten von sechs Wochen. Sie befinden sich also roch im vollen Genuß der Honigmonde. Aber bei lhrem Anblick würde man dies kaum glauben: Ersitzt mit. weit von sich gestuckten -Beinen und aufgepflanzten Ellbogen da, in die'Lectüre snius Journals versunken. Sie lehnt traumerisch und .traurig .am Kamwe. mit tierschleiertm Augen und ihre Lippen zUtern, als)b sie. weinen wolle. Und wirklich bemüht, sirsich mit aller Krast, die Thränen, zurückzuhzlten, cit bei den bittern Gedanken, -die sie bewegen, ihr in's Auge treten. Denn sie ist sehr :nttäuscht, die rme Kleine. Wie unsagbar Hai sie m diesen .sechs Wochen gelitten! Die schmeichelhafte Meinung, .die sie ttch Don Um liebenswürdigen jungen Mann, -der nun . ihr &attt geworden, gebildet hatte, war.nach und nach rö lig zerstört worden. Auf der Hochzeit .ihrer Cousine Alanche , hatten sie sich kennen gelernt. Sie war Brautjungfer und er ihr Kavalier gewesen. Wie herrlich war diese. Hochzeit, welch ein wunderbares Fest! Und den ganzen 2g über, auf dem Standesamt, in der Kirche und Abends. beim Balle haite er sich ihr gegenüber.so liebenswürdig, so aufmerksam,.so zart und .discret zuvorkammend gezeigt, daß er sogleich ihre Sympathie gewann. Beim Tanz war sie schon halb erobert. Die Klänge der Musik, die Wohlgerüche, der Glanz der-Lichter und nicht zum wenigsten die zärtlichen Worte,'d!eerihr in's Ohr flüsterte, hatten das Ihrige, gethan. Aber als sie ihn in .der Morgenoämmerun.i. im Moment des Aufbruchs, beimAbschicdnehmen in Thränen ausbrcchen joh. da war sein Sieg vollkommen. .Und von ganzem Herzen ermächtigte sie ikn. auf sein. inständiges Bitten, bei den Eltein :am ihre Hand anzuhalten. 'O,.diese Thränen! Di'seThränen, die.um ihretwillen flössen! 'Das batte sie liief bewegt, sie, die niemals e'.r.en Mann? weinen gesehen. Sie hätte sie trinken mögen. dieseThiänen, die ihr das Herz umgekehrt hatten, diese Thränen, die einen solchen Schatz, von Liebe- öffenbarten, eine.fo. selt:n':Wcichizeit.des Gemüths. Als er acht Tage später' forniell um ihre Hard anhielt, gab . sie ;m sofort '.das Jawort, obgleich die Aussicht, in iner. kleinen abgelegenen'.P:?vmzs.'adt zu wohnen, wo der junge s Mann, als Anwalt, fungirte, für sie, )ie cch!eLatiserin, nicht eben verlockend gewesen Ware, hätte sie sich nicht !fo unaus-sprechlich--geliebt gefühlt. 'Würde e? doch 'gewiß der zärtlichste, 'der fmi sinnigste Gatte sein, der ihr das' monotone kleine Städtchen in ein .Paradies verhandelte. Wie glücklich :oüide' sie sein! Wie wunderbar "mürde ihr Leben -neben einem so gütigen,! so 'fcirfce saitetenso - zuvorkommenden Elitemenschen' hinfließen, der ans Liebe, zu weinen vermochte! Die Hochzeit war genau zweilNsnäle nach Blanche's "Hochzeit -gefeiert worden. Ach, ach über die -grausame Täuschung! Mit hatte sie sich geirrt, und' welch' nagenden Schmerz empfand sie bei dem Gedanken an diesen Irrthuet! "Der junge E(ema?rnei:.ner!e nur 'noch ganz von ferne an en saufien, weinenden Ccwalier von cbedem, und Zeit'sechs Wochen bemühte 'sich der Eliwmettsch", sich e.l,s das gu ent pupp?.s.'w.as!'tt in Wirklichlett -war: txn schlecht -erzogener, grober .xoist, der nach Gutdünken lebte, sich bei Ti sch die besten Stücke nah: und toibtc im Geringem zuvorkom,.iend, nicch im Mindern -'feinfühlig Kar. Der "jungen Frau- wollte das Mes ar nicht 'in den Kopf. ioi sie wieder so dasaß nd über ihr'Säicksal brnlcte. Endlich Mt sie nicht läne? cn sichi Wie lomntt es' wohl," cagte sie Zhri ia$ Du sei! unserer Heirth so ganz anders bist. ccÄsDu . auf ncm Vs7lcfond warst, wo Dn weinkst, als ich' ton Dir Mchnd uch? -uh Türänen haben mich bewzcpn. Dich SN hei-, rathen, diese Thiänen. dieo .roß Liebr, so große Zärtlichkeit verriethen, und die doch ccht'waren 'So, habe ich .geweint V, frrgte er lässig und ohne serat Llrqen vrn der Zeitung zu erheben, -Denn mus; das die Wirkung des ChavaZne:5 gewcsen sein . . . 'Tenn, siehst, Du. 5lino. ich weine invier, wenn !ch :n S?itz hab? Kleines MißöeiKändn i fj. . , . , Sie wollen also meine Tochter heirathen! Können S aber euch eine Frau ernähren?". .Wenn sie nicht gerade zu argen Appetit hat.. ja Noch gethaner Arbeit. Wie, Herr Äumrnel schläft noch imner? Ja, der arme Kerl wird euch mvKt sein; er hat nämlich diesen Morgen den Reifen ton seinem Äels, 5ipd neu. aufgeblasen!"

Aer ampulirtc Arm. ÄuS efcsr LebeN5aeschichte vacherzöb'.t von W. . Schierbrand. ' Bei dem letzten Nationalconvent von Eivilingenieuren und Electrotechnikem in St. Louis konnte man einen noch jungen Mann bemerken, dessen rechter Nockärmel schlaff und leer herabhing. 'Obgleich äußerst bescheiden .in seinem Auftreten utfD obgleich er nur sprach, wenn er dazu aufgefordert wurde, dann aber nur kurz und to tiie point", wurde diesem jungen Manne doch von allen Anwesenden die größte Aufmerkfamkeit erwiesen und seine Meinung über alle schwebenden Fragen wog offenbar schwerer als die manches würdigen Graubartes. Der Name dieses jungen Mannes war, wie das Protokoll aufwies, Carl Wachs. Er war ein Deutsch'-Amerikaner.dessrn Vater, einer jener unglücklichen Menschen Hon außerordentlichem Ideenreichthum, aber mangelndem praktischen Verstand, das harte Loos so mancher Erfinder getheilt hatte. Eines Morgens hatte man ihn todt in seiner klein? Werkstatt, d erstarrten Züge noch über sem letztes Modell gebeugt, aufgefunden. Er hatte eine Wittwe und fünf unerwachsene Kinder zurückgelassen. Aber sein Universalerbe, der Erbe seines Genies für alles Technische, war Carl, der Jüngste, geworden. Das Schicksal indeß wollte dem Knaden roohl. und im Laufe seines jungen Lebens hatte er schon die Lorbeeren reichlich gepslückt.die seinem Vater dersagt gewesen waren. Zugleich darf man .sagen. )aß Carl Wachs ein lebender Beweis dafür ist, daß auch heute noch das große Llws in Amerika gezogen werden kann, vorausgesetzt man hat .etwas Glück und viel BegabunZ. Vor zwanzig Jahren stand ein 13jähriger, blasser Lnabe an einer neuerfundenen Webemaschine in der Fabrik des Herrn Trowbridge'in South Manchester, Conn. Um seiner Mutter nicht .'länger lästig zu fallen, war Carl Wachs schon mit 12 Jahren in dieser Fabrik beschäftigt, wo er sich ernährte, ja sogar von seinem kargen Wochenlohn der Mutter noch regelmäßig einen Theil sandte. In diesen 3 Jahren hatte der Knabe schon so deutliche Beweise seines Verstandes, seiner frührei fen Charakterstärke und seines besonderen Talentes für die Mechanik und das Maschinenwesen gegeben, daß er wiederholt befördert worden war und jetzt, mit 15 Jahren, die Besorgung der neuen, sehr kostspieligen und äußerst complicirten Maschine erhalten hatte. Seine Arbeit nahm sein ungetheiltet Interesse in Anspruch, und so vertieft war er thatsächlich in dieselbe, daß er nicht einmal den Eintritt der schönen und vielbewunderten Miß Trowbridge, der einzigen Tochter und Erbin seines Arbeitgebers, bemerkt hatte, bt jetzt von dem Superintendenten'der Fabrik, Herrn Fell, umhergeführt wurde in den Räumen, wo das Surren nnd Schnurren der Maschinen die menschliche Stimme fast erstickte. Carl wnr ein Liebling des Superintendenten, dem sein ruhiges, bescheidenes Wesen und seine außerordentliche Tüchtigkit äußerst sympathisch waren, und jetzt trat dieser Herr, an seiner Seite die anmuthige junge Dame, an seine Webmaschine, und ihr Begleiter erklärte in kurzen Mnrn. i,-

j sammensetzung und die Funktionen vieles keisterwerkes mechanischer Geschicklichkeit. Dann standen die Beiden noch eine Weile dicht neben dem Knabeir und beobachteten, in welcher mustergikigen Weise derselbe diesen stummen Diener menschlicher Intelligenz bemusterte. Miß Trowbridge führte unterdessen .eine Unterhaltung mit Herrn Fell,den Bedeutung dem Knaben verborgen bleiben mußte bei dem Lärmen ringsumher. Aber dann wandte sich j)ie junge Dame dem Knaben im ärmlichen Gewände zu ' und sagte mit herzgewinnender Freundlichkeit zu ihm: .Carl. Herr Fell hat mir 'soviel Gutes über Dich erzählt, daß ich wünsche. Dir oei Deinem Fortkommen behilflich zu ftm. Von jetzt an darfst Du jeden Tay in der Bibliothek meines Vaters soviel lesen und stlldiren, wie Du willst. Du wirst dort manches Buch fmdcn. tos Dich interessiren und Dir in Deinem Fortkommen von Vortheil sein tihh. Also ich rechne .darauf, mein Jange, daß Du uns beisuchst so oft Du Willst merte Dir .das." Und Herr Fell stand dabei und -nickte zustimmend nd ermuthigerÄ. "Dem schüchternen KrHben stieg tte 'Röthe hf s bleiche Antlitz. Er fühlte Zich -tief bewegt und zvoll von heißer 'Dankbarkit aber vermochte nur, ctirr-'linkische Verbeugung zu machen vor dieser Erscheinung -ans einer andere.i, froheren Welt, womit er seinen 'DcniZ aus sprechen woWe. Dann derIchwsnden ie Zwei wieder und die rassereiden Maschinen tsnienweiter wie zuvor. Und och nicht tütt zuvor. . . . Etwas war jetzt dazu gekommen, mZ'Mie chimm7lsche Musik Uanz, etwas ws in ,in junges Leben einen neuen Jnhcclt brachte. Aber Carl Wachs beherrschte ch tt axUxltit werter, emvttdeofsen. bis dk Glocke um 6 Uhr Abends erscholl. Tnd um 8 Uhr stoiU) er. in plumpen, greöen Schuhen, aber mir rernem ragen und in pemlich sauberer Kleidung, vor dem hohen Thor des m Grün und Blumen versteckten Hauses des Herrn Trowbridge. Itnh 'nrtfflli "u,"lu, Kvg üiz ntingei. Carl Wachs las und las Abend für Abend, und Sonnwgs studirte er in der Bibliothek seines Arbeitgebers mit verdoppeltem Eifer. Tagsüber aber besorgte er in derselben i tadellosen Weise kine grobe Arbeit So trieb er' rastkoS über ein Jahr bis sein noch zu jugecidlicher Körper Einhalt

sebot. Er erkrankte. Ein hitziges ervenfiebcr hatte ihn gepackt, und in seinem Delirium erblickte er die schöne Miß Trowbridge über sein Kissen gebeugt und ihm tröstende, liebevolle Worte zuflüsternd. So lag er sechs Wochen lang, und eines Tages draußen blitzte der Sonnenschein auf reinem, krystallenem Schnee erwachte er aus seinen Phantasien. Er fand sich in einem schönen, weichen Bette, im Hause des Herrn Trowbridge, schwach aber genesen. Die Krankenwärterin erzählte ihm Alles wie krank er gewesen, wie der Arzt eine Zeitlang on seinem Wiederaufkommen gezweifelt habe, wie Miß Trowbridge das regste Interesse und die zarteste Theilnahme für ihn empfunden habe, wie sie den Hochzeitstag verschoben, mehrmals, nur um des kleinen Patieni:n willen. Und wo ist sie jetzt?- flüsterte der bleiche 'Knabe mit kaum hörbarer Stimme. Auf der Hochzeitsreise mit Herrn Fell. Sie sind nach Europa gereist den Winter wollen sie in Jtalien verdrillen, und erst in einigen Jahren woucn sie wiederkehren." So berichtete die gutmüthige alte Frau, die den Kranken gepflegt hatte. Eine Wolke aber war während ihrer Erzählung über das magere, spitze Gesicht des Genesenden gehuscht. Sein Kopf sank wieder in die Kissen. Seine Lippen murmelten nur: Fort fort ist sie. Ach!" Zehn Jabre waren seitdem verflossen.. Carl Wachs war jetzt der Nachfolger des Herrn Fell, und trotz feiner Jugend wurde allgemein zugestanden, daß er für den verantwortungsrcichen Posten ausgezeichnet passe. Er hatte zwei Jahre zuvor eine Erfindung gemacht, die den ganzen Betrieb der Fabrik vereinfacht und den Gewinn derselben um das Doppelte erhöht hatte. Und jetzt ging er nicht mehr umher in schäbiger Kleidung, und ein Befehl von ihm brachte Leben in einen Haufen von 2000 Arbeitern. Aber Carl Wachs war im Uebrigen derselbe geblieben anspruchslos, rührend bescheiden und von tiefer Dankbarkeit gegen seine Wohlthäterin Miß Trowbridge, wie er sie noch immer nannte erfüllt. Seine Thätigkeit nahm ihn voll und ganz in Anspruch. Mrs. Fell war längst zurück von ihrer Europareise. Ihr Vater ruhte in einem Grab im fernen Neapel, und sie selbst begrüßte ihren Schützling nach ihrer Heimkehr an der Hand hielt sie ein kleines Mädchen, dessen goldene Locken sofort ein neues Band um das Herz des einsamen, arbeitsfreudigen jungen Mannes spannen. Dora hieß die Kleine, wie ihre Mutter, und bald kannte Carl Wachs nichts auf der Welt.das ihm so theuer, so lieb erschien wie dieses Kind. Und das Kind wuchs und erblühte allmälig zur Jungfrau. Oft ruhten die blauen, sinnenden Augen des jungen Mannes auf ihrer liebreizenden Gestalt, ganz das Ebenbild der Mutter. Aber sie ruhten auf ihr so wie der gläubige Katholik das Muttergottesbild betrachtet voll Verehrung und ohne einen Schimmer von irdischem Sehnen. Das bescheidene Gemüth dieses schweigsamen Mannes getraute sich nie, das Mädchen anders anzuschauen, als etwas, das allen persönlichen Wünschen entrückt ist. Was Carl Wachs seit drei Jahren unermüdlicher, tiefsinniger Arbeit erdacht, das stand nun fertig da in seinem Arbeitszimmer das Modell eines wunderbar einfachen und doch fo eigenartigen elektrischen Apparats, der bei seinem Erscheinen sofort von der gesummten wissenschaftlichen Welt mit Frohlocken begrüßt ward. Es war eine Erfindung, die den jungen DeutschAmerikaner mit einem Schlag zum berühmten und reichen Manne machte. Aber nichts machte ihn halb so stolz und nichts brachte seinen Gleichmuth so sehr in's Wanken, als wenn am Abend jenes Tages, da der Telegraphendraht dem kühnen Erfinder die Anerkennung der ganzen civilisirten Welt gebracht, Frau Fell und ihr Töchterchen zu ihm in's Zimmer traten und ihn mit warmen, tiefempfundenen Worten beglückwünschten. Carl sah die holde Dora erglühen und ibre Hand zitterte beinahe so stark wie die seine, als sie ihm ihre zarte Rechte bot. Carl mußte an sich halten und alle Willenskraft aufbieten, um dem Mädchen, das er seit Jahren liebte, mit allen Fasern seiner Seele, nicht zu Füßen zu fallen. Aber was kann sie an mir lieben? Welche Gaben des Geistes oder des Körpers habe ich ihr zu bieten? So sprach es im Innern des bescheidenen. blöden Mannes, und. kein Wort, kein Geständniß kam über seine Lippen. Am nächsten Tage mußte er, um seine Erfindung auch an anderen Orten als in der Fabrik, der er vorstand, auszubeuten, verreisen, und so vergingen Monate, ehe er wiederkehrte. Toch endlich war er wieder da.' DoTA jubelte insgeheim. Am Tage nach seiner Rückkunft wurde m 'seiner Gesellschaft die Fabrik deren Wachsen mti Gedeihen fast ausschließlich das Werk des äußerlich so unscheinbären Mannes war und die eben jetzt wieder durch sofortige Verwerthung seiner neuesten Erfindung die Concurrenz aus dem Felde zu schlagen ' im Stande war gründlich besichtigt. Wie ein Herrscher, wie ein Spender des Glücks, so durchschritt Carl dieses mächtige Gebäude mit seinem ameisenhaften Getriehe.Vzur .Seite .Frau Fell und ihr Gatte, die zuerst den armen, unbekannten Jungen aus dem Dunkel gehoben. ' Dicht hinter den Dreien folgte Dora. Von der Masckine. die

er selbst vor einer Reihe von Jahren I M l " veiorgt, vlzed die Vruppe stehen, und

mit innerer Rührung blickten sie alle auf dieselbe, der Vergangenheit gedenkend. Da plötzlich ertönte hinter Carl's Rücken ein Schrei der Schrei einer süßen, geliebten Stimme, die er unter Tausenden herauserkannt hätte, die Stimme Dora's. Blitzschnell drehte sich Carl Wachs um. und ehe Jemand dazwischen kommen konnte, hatte er das Mädchen aus den zereenden. mörderischen Armen der Maschine, der sie zu nahe gekommen war mit ihrem leichten, hellen Kleide, gerettet. Doch dann sank er um und todtliche Blässe deckte sein Antlitz. Gerettet hatte er wohl die, die er liebte, aber seinen' starken rechten Arm hatte er dabei verloren. Zwei Tage später mußte ihm derselbe amputirt werden, um das Leben zu retten, denn die grimmen Zähne der Maschine hatten ihm Fleisch und Sehnen und Muskeln des Armes zerrissen. Aber an seinem Schmerzenslaget kniete jetzt eine anmuihige, junge Gesialt. und ihre seidenweichen Locken fielen ihm in's Gesicht, als sie über ihn gebeugt, mit thränenden Augen murmelte: Carl, mein Retter, mein Geliebter, mein ganzes Leben soll hinfort Dir gewidmet sein." Und üöer das Gesicht des Kranken glitt ein sonniges, glückliches Leuchten und seine linke Hand suchte die ihre. So ist Carl Wachs zum Krüppel geworden. So ist er aber auch zum glücklichsten der Menschen geworden. Aic WcMßr. Humoreske von Erich zu Schirfeld. Den grauen Sommermantel genial nachlässig auf denSchultern, den breitrandigen Filzhut etwas nach hinten geschoben und die linke Hand in die Tasche seiner Pantalons versenkt, während die rechte ein Spazierstöckchen herumwirbelt, so schritt, ganz das Bild ausgesprochener Sorglosigkeit, ein jungerHerr durch die morgendämmernden Straßen der Provinzialstadi M. Die Arbeiter fingen bereits in die Fabriken und musterten den leise fchwankenden Schwärmer mit neidischen Blicken. Offenbar befand er sich in sehr gehobener Stimmung und er hatte auch allen Grund dazu. Hinter ihm lag nämlich ein fröhlicher Polterabend, vor ihm der Hochzeitstag einer Cousine, die heute, seinem prächtigen College und lieben Freunde, dem RegierungsAssessor Walter Birow die Hand zum ewigen Bunde reichen wollte. Da hatte nun Kurt Schindler den verschiedenen Weinsorten weidlich zugesprochen. Doch mehr als aller Wein berauschten ihn ein paar dunkle Augen, deren Blicke er trank, ein rosiger Mund, dessen Lächeln ihn entzückte, und eine kleine Hand, die er zu ergreifen und festzuhalten seit drei Stunden fest beschlossen hatte. Charlotte von Wittingen. seine Angebetete, war ein Engel mit goldenen Flügeln. Mit ihrer Mitgift von einer halben Million mußte sie jedem Manne voneinigermaßen bescheidenen Ansprüchen den Himmel auf Erden bereiten. Das Alles wußte er von seiner Cousine, der glücklichen Braut, zu deren Hochzeit die Pensionsgenossin vom schönen Rhein herbeigeeilt war. Ob er hoffen durfte? Welch' eine Frage! Ihm hatte bisher noch keine widerstanden! Aus ihren lachenden Augen las er, daß er bereits Eindruck auf sie gemacht hatte und morgen an der Hochzeitstafel sollte der Sturm vorbereitet werden, der unbedingt zum Siege führen mußte. Sein Herz jubelte. Als er in seine Wohnung trat, kochte seine Wirthin in der Küche bereits den Morgenkaffee. Es war gut. daß er sie traf. Frau Wachtel", sagte er pathetisch, sorgt, daß mich Niemand stört! Ich denke einen langen Schlaf zu thun." ' Schön. Herr Assessor. Und wann wünschen der Herr Assessor aufzustehen?" Bitte! Das hat Zeit, bis mein Wecker trommelt". Damit schob er sich in sein Zimmer, zog gewissenhaft die Uhr und den Wecker auf, dessen Zeiger er auf die zweite Stunde stellte, und entledigte sich nicht ohne Mühe feiner Kleider. Schwer sank er dann in die Kissen und schlief bald den Schlaf des Gerechten. Und das konnte er, denn auf seinen Wecker durfte er sich verlassen! Drei Uhr Nachmittags. Charlotte von Wittingen, ganz in weiße Spitzen gehüllt, Rosen im Haar und auf den Wangen, schaut zornglänzenden Blicks durch die Scheiben des Erkerfensters auf die Straße hinaus. .Man hat mich vergessen. Tantchen", ruft sie. Ei wie Du nur so etwas denken kannst", erwidert die alte Dame beruhigend. Dich vergessen! " Es ist fünf Minuten nach drei Uhr. Die Trauung muß bereits begonnen haben und kein Wagen ist zu seHrn." Beruhige Dich. Kind, so pünktlich ist man nicht." Charlotte schweigt und blickt starr hinaus. In ihren Augen glänzen Thränen. Ich reise ab. auf der Stelle", ruft sie und wirft ihren Fächer auf den Tisch. Habe ich die weite Reise gemacht, um mich beleidigen zu lassen ? Unerhört!,Das wirst Du nicht thun, liebes Kind.", sagte die Tante. Majorin sanft aber bestimmt. Was würde die

Braut, Deine beste Freundin, dazu sa k gen! Eme so unüberlegte Handlung würde ihr nicht nur den heutigen Tag. sondern selbst ie Erinnerung daran erbittern."

Charlotte sann nach und fand, daß die Tanie recht hatte. Gut", sagte sie mit raschem Entschluß, so fahre ick allein". In demselben Augenblick llang auch schon die Glocke. Sie war sehr energisch, die eine Charlotte, und an's Befehlen gewohnt. Man scheint vergessen zu haben, mir einen Wagen zu senden", rief sie dem eintretenden Mädchen zu. Besorgen Sie mir. bitte, eine Droschke." Fahren Sie mit der Straßenbahn zum Fuhrherrn Mahrenholz. Er soll sofort den vergenen Wagen senden", corrigirte die Tante ruhig. Wird jemacht, jnäje Frau", sagte Marie und verschwand. Wenige Minuten später trat sie in das Comptoir des F.uhrherrn. Det is ja 'ne nette Wirthschaft", fuhr sie ihn an. Warum haben Se den Wagen nich geschickt? Wie?" Ja, wohin denn? Zu was denn?" Jott, duhn Se doch nich so neujeboren! Sollten Se nich 'ne Hochzeitskutsche nach Aujusta - Straße vierundfünfzig eine Treppe zu Frau Majorin von Altern schicken? Nu beelen Se sich 'mal jesälligst 'n bisken." In diesem Augenblick bog eine Coupee in den Thorweg ein. Im nächsten Augenblick war Marie draußen. Sie. Onkel", rief sie den Kutscher an, spannen Se man jarnicht erst aus. Wir fahren nach Aujusta-Straße vierundfünfzig eine Treppe un denn mit unser Frailein in die Kirche." Damit kletterte sie behende zum Kutscher auf den Bock. Erlauben Sie mal", intervenirte der Fuhrherr, so ohne Weiteres geht denn das doch nicht. Wir haben heute verschiedene Trauungen, die bestellten Wagen sind aber richtig gestellt worden. Also für wen. . . " Marie war entrüstet. ' Is Ihnen eine Frau Majorin von Altern noch nicht jut genug? Wir sind sichere Leute." Zum Kukuk ja doch. Aber der Kutscher muß doch wenigstens wissen,' nach welcher Kirche er fahren soll." Marie begriff und ward auf eine Sekunde verlegen. Doch sie überlegte schnell. Nach'n Dom natürlich", sagte sie stolz. Wir jehen blos nach'n Dom, wo wir hinjehören. Immer 't Nobelste!" Der Fuhrherr gab dem Kutscher einen Wink und ging in's Comptoir zurück. Hier blätterte er in seinen Büchern. Sankt Katharinen: Ingenieur Wollschläger und Fräulein Glaser", murmelte er. Sankt Ulrich: Assessor Birow und Fräulein Wächter. Dom: aha Kommerzienrath Stein's Jrmgard mit dem Baron Minsseben. Hm. da also! Die Herrschaften haben eigene Wagen, nur drei sind bestellt, wird aber doch wohl stimmen." Er setzte dem Konto des Herrn Kommerzienraths einen Wagen zu. Charlotte von Wittingen betrat das Innere des Doms in dem Augenblick, als das Paar vor dem Altar bereits die Ringe wechselte. Sie blieb unwillkürlich stehen und wäre am liebsten davon gelaufen. Aber aus der Gruppe der Trauzeugen näherte sich ihr mit raschen leisen Schritten ein HusarenOfficier, der ihr den Arm bot und sie dem Kreise der Gesellschaft, für deren Mitglied er sie hielt, zuführte. Welch eine neue Ueberraschung: das war nicht ihre süße Elfriede, die da vor dem Altar kniete, sie sah überhaupt nicht eine der ihr vom Polterabend her bekannten Personen. Jetzt ward es ihr klar: sie war in eine unrechte Kirche, in eine ihr völlig fremde Gesellschaft gerathen. Der Pastor hatte den Segen gesprochen, die Orgel brauste und paarweis schritt man zu der Kapelle am Ausgang, wo den Neuvermählten die ersten Glückwünsche dargebracht werden sollte. Der Officier blieb mit Charlotte ein wenig zurück. Gnädiges Fräulein gestatten", sagte er, Eugen von Subritz." Ueberrascht und erfreut sah Charlotte zu ihm empor. O", sagte sie. dann sind Sie ja ein Freund meines Bruders Hans Hans von Wittinggen. Er hat zu Hause von Ihnen erZählt." Und nun war Herr von Sobritz freudig überrascht, der sich glücklich schätzte, die liebreizende Schwester seines besten Freundes und Kameraden kennen gelernt zu haben. Charlotte hatte ihre Unbefangenheit und frohe Laune wieder gefunden. Sie berichtete mit Humor über ihre Irrfahrt und suchte möglichst schnell fort zu kommen. Innerlich aber bedauerte sie, ihren Tafelherrn" nicht durch ihre Abwesenheit strafen zu können. . Herrn von Sobritz sch'en die Wendung der Sache gar nicht zu gefallen. Mit Bedauern führte er sie zu ihrem Wagen, empfing aber die Erlaubniß, sich am folgenden Tage nach ihrem Befinden zu erkundigen und ihr ein wenig von dem geliebten Bruder zu erzählen. I Herr Assessor! Herr Assessor!" ' Was denn, mein Engel?" Der Wagen ist da. Er knallt vor der Thür nach Ihnen." - Ach, das ist ja Unsinn. Mein Wecker hat noch nicht geklingelt, also..." Aber der Wagen, Herr Assessor!" Jetzt hörte auch Kurt das Knallen der Peitsche, richtete sich auf und sah nach dem Zifferblatt. Drei - Uhr." Seine Augen wurden weit, derSchweiß trat ihm auf die Stirne und mit einem Ruck sprang er aus dem Bette. Einen Augenblick! Komme sofort!" schrie er dem harrenden Rosselenker durch das schnell aufgerissene Fenster

lu. Kramvibaft durckwü'blte er dann

den Kleiderschrank. Endlich war Alles beisammen. ' Er wusch sich nur halb trotz des Aufwandes einer doppellen Gewalt. Zum Ueberfluß entglitt ihm der Kragenknopf. Kurt warf die Stühle um, rückte das Sspha weg und suchte in allen Winkeln Zum Schluß trat er auf den bis in die Mitte des Zimmers gekollertenAusreißer, der darüber natürlich in die Brüche ging. FrauWachtel! Sofort einen Knopf, kinen Knagenknopf, Sie sollen fürstlich belohnt werden!" Während Frau Wachtel in ihrem Raritätenkästlein kramte, sah sich Kurt seinen Wecker an. Er war richtig nicht abgelaufen, und er konnte es auch nicht, denn die kleine Hemmvorrichhing unter der Glocke hielt den Hammer fest, das hatte Kurt übersehen, als er das Kunstwerk aufzog. Endlich kam der ersehnte Knopf und wenige Minuten später saß unser Freund im Wagen. Es war vier Uhr. Der Wagen sauste nach Augustastraße 64. Das gnädige Fräulein sei vor einer halben Stünde im eigenen Wagen schon allein zur Kirche gefahren, sagte man ihm. Fort, nach der Ulrichskirche!" Die Trauung war bereits vorüber, Brautpaar und Gäste befanden sich wahrscheinlich längst im Hochzeitshause. Hotel Kaiserhof!" Richtig, da war man schon im Begriff, sich zur Tafel zu setzen. Flüchtig, zerstreut, brachte er bei dem neuvermählten Ehe-, paar seinen Glückwunsch und seineEntschuldigungen an. Seine Blicke irrten suchend im Saale umher. Endlich! Dort entdeckte er sie. Die Angst vor ihrem Zorn quälte ihn. Wie freudig war er überrascht, als ihn ihr fröhlich lachender Blick traf. Nein, sie zürnte ihm nicht, im Gegentheil, sie war lustiger als je und gab ihr Abenteuer mit kindlichem Vergnügen zum Besten. Ach. er hatte es ja gewußt: seinemZauber konnte sie nicht widerstehen, ihm hatte ja noch keine widerstanden! Nur einmal wurde seinSelbstvertrauen ein klein wenig erschüttert, als sie von Herrn von Sobritz sprach. Erstere Folgen hatte das aber Gott sei Dank nicht. Beim Champagner ließ er bereits das schwere Geschütz ernster Liebeswerbung spielen, aber zum eigentlichen Sturmangriff kam er doch nicht, weil ihm der Feind im entscheidenden Augenblick stets auswich oder seine Absicht durch geschickte Manöver durchkreuzte. Wenn er nur eine einzige Viertelstunde mit Charlotte hätte allein sein können! Run denn morgen! Am andern Mittag übergab Kurt Marie seine Visitenkarte, war aber schmerzlich überrascht, als er Charlotte nicht mehr vorfand. Wichtige Fami-lien-Verhältnisse hätten ihre sofortige Abreise dringend nothwendig gemacht. Kurt überlegte, ob er der jungen Dame seine Liebe schriftlich erklären oder zu ihr reisen sollte. Noch bevor er zu einem Entschluß kam, erhielt er einen Brief, der dem Poststempel nach nur von ihr kommen konnte. Er drückte das Couvert an seine Lippen und küßte die Schriftzüge. Dann schnitt er den Umschlag auf. Was er herauszog, war eine Doppelkarte. Auf der einen Hälfte stand: DieVerlobung ihrer Tochter Charlotte mit dem Premierlieutenant etc. Herrn Eugen von Sobritz" u. s. w. Einige Augenblicke später lsorte Kurts Wirthin. Frau Wachtel, einen scharfen Knall. Als sie ins Zimmer stürzte, fand sie Kurt bleich gegen einen Eckschrank lehnend und in der gegenüberliegenden Ecke die zerschmetterte Weckuhr. Die eingebildete Kranke. Frauenarzt (dem eine Patientin in halbstündiger Rede alle erdenklichen Leiden vorklagt): Also das Alles haben Sie, meine Gnädige?! . . Nun, da fehlt Ihnen ja eigentlich gar nichts!" Ein classischer Feldweb:!. Einjähriger: Heut' sind Sie wied:r einmal geistreich!" Feldwebel: Ja, i' bin halt wie der alte Cäsar sagt a 'wem' wieder witzi'!" Verkannt. Ich glaube, lieber Neffe. Du kannst meinen Tod gar nicht abwarten, um zu meinem Gelde zu kommen!" Aber Onkelchen, für wie schlecht hältst Du mich! Mußt Du denn durchaus zuvor sterben?!" V.erschnavvt. Baron: Johann, von meinem Portwein muß Jemand mittrinken! Passen Sie auf, daß ich den Kerl erwische!" Diener: Werd' schon Obdacht geben. Herr Baron das können wir uns nicht gefallenlassen!" . Probat. Wie hast Du es nur gemacht, daß Dein Rechtsanwalt sich so für Deine Sache interessirt?" Ich hab' ihn angepumpt. Verlier' ich nun den Proceß verliert er seinGeld mit!" . Auch ein Benefiz. Herr (zum Regisseur einer Schmierentruppe): Warum spricht denn heute Ihr Souffleur so laut? Man kann ja die Schauspieler kaum mehr verstehen!" Regisseur: Ja, wissen Sie, der hat heute seine Benefiz - Vorstellung!" Schwer glaublich. Erster Student: Du. pump' mir zehnMark". Zweiter Student: Hab' keine." Erster Student: Was? Dein Alter bat Dir doch heut' Morgen fünfzig Mark geschickt!"' Zweiter Student: Ja, aber unter der Bedingung, daß ich sie allein versaufe." Verfänglico.' Herr (zum Dienstmädchen): GehenSie 'mal gleich zum Arzt, er soll zu meinem Vetter kommen; auf dem Rückwege konnenSie auch beim Thierarzt anklingeln!" Dienstmädchen: Soll der auch zu Jhrem Vetter kommen?" Herr: Nein, den gebrauche ich persönlich!" . Ein bedenkliches Exper im ent: Warum nimmst Du Dir denn keine??rau. alter Junge?" Zweiter Freund: JhrMann könnteSchwie- l

rigkenen machen!

Vcugicrdc. Von Anna NitschZe. Wie der Stich 'iner Mücke, wie da5Summen eines lästigen Insektes, so können die Blicke Neugieriger beunruhigen und belästigen. Je ieinfähliger eine Natur ist, um so mehr wird sie durch die Annäherung Neugierig:? gequält, und das stete ZusammcnZem mit ihnen kann zu einer Prin werden die das Leben unerträglich machte Glücklicherweise sind nicht alle Menschen in so hohem Grade feinfühlig; vielleicht deshalb !oeil nicht viele sich ganz frei von Neuzierve wissen. Hie und da etwas zu erfahren vn Leuten und über Leute, die uns intcrcssiren,. das kann freilich kaum Ncugieide ge--nannt werden im Berzlz:ch mit jenem . Triebe, der unruhig und unaufhörlich, späht, fragt, fchaut, forscht, drängt, und quält, und sich bis in die innerste Herzensfalte einzwängt; dem nichtsheilig ist, weder Vergangenheit, noch ' Glück, noch Leid, noch Liebe, wedrr Freude noch Trauer, noch Schuld oder Unschuld. Welcher Mensch könnte je von sich sagen: ich hatte nie das Bcdürfniß nach Einsamkeit? Und welches Herz, kennt nicht Stimmungen, die cs cm liebsten sich selbst verbürge? Wer kennt nicht Stunden nach schwerer, geistiger und seelischer Anstrengung, wo schon die bloße Anwesenheit eines anderen sei es selbst des geliebtcsten Menschen wie eine körperliche Last empfunden wird? Ob wir uns im Verkehr in der Familie noch so sehr, gehen lassen und gehen lassen dürfen: ein Tiefstes, ein JnnerstZs gieb: es doch, das nur uns gehört und sich nicht fremden Blicken stellen will. . Eheleute dürfen keine Geheimnisse vor einander haben," ein schönes Wort, ein klares. Wort, aber das, was neuzi:r:ge Augen erforschen wollen, ist meistens kein Geheimniß, sondern ein rein seelischer Vorgang, der am besten uibachtct bleibt, weil er dann am ehesten überwunden wird. Oder es ist das Geheimniß eines anderen, das sich m dcsGatten Seele birgt. Bringt doch, ras geschäftliche Treiben in jedem Beruf und in jedem Stande so mannigfache Einblicke in das Leben des Nächsten mit sich, daß es ein Segen ist, wenn Jemand fremde Geheimnisse bewahren kann. Ein neugieriges Weib ist dem ernsten Manne eine schwere Last und arge Bürde; denn abgesehen von der Qual des Mittheilens, zu der ihn ihr Drängen und Forschen zwingen will, von der Unsicherheit, ob sie nicht doch ausspionirt, trotz aller Vorsicht und Vorsichtsmaßregeln was ihr verborgen bleiben soll seines Schweigens ist er sicher, aber nicht des ihrigen. Der Mann, der im Frieden seines Hauses auch den Frieden seiner Seele in heiliger Scheu gehütet und gewahrt weiß; der im sicheren Bewußtsein des Vertrauens thun und lassen kann, was er will, ohne ängstlich zu bedenken, ob es Grund zu Verdächtigungen gibt; der, selbst wenn er die Schlüssel seiner Schreibfächer stecken weiß, überzeugt ist, daß kein anderes Auge hineinblickt und neugierig und argwöhnisch in jedes Eckchen späht: ein solcher Mann ist glücklich und weiß, welchen Schatz er an seinem Weibe hat. Ich thu' es aus Liebe," so entschuldigt sich die Mutter, wenn sie der Kinder Thun mit neugierigem Auge ver folgt. Ueber dem jun.n Kinde muß das Mutterauge wachen. Je größer, je selbstständiH.er die Söhne und Töchter sind, um st, Ziehr muß ihnen Freiheit gestattet sein. Es giebt selbst in der Kindesseele Triebe, edle, gute Triebe, Barmherzigkeit, Selbstlosigkeit, Opferwilligkeit, die nur gedeihen, wenn sie unbeachtet bleiben. . Nicht jede Mutter hat den Takt, diese geheimsien Regungen zu schonen; manchmal werden sie, aus Freude über des Kindes Charakteranlage, aus' Eitelkeit wohl gar, laut und lobend genannt. Das macht das Kind davor scheu, so- . daß es selbst edle Regungen unter- - drückt; es will nicht gelobt und erho- ' ben sein. Glücklich diejenige Mtter, die liebend beobachten, aber schweigen kann, die im Gutesthun nur etwas . Selbstverständliches erblickt. Man erziehe seine Kinder so, daß sie auch in späteren Jahren keine eigenen GeHeimnisse vor der Mutter haben, sondern ihr alle Liebe, wohl auch alles Leid, soweit es nicht zu schwer für deren sorgendes Gemüth ist, anoertrauen, nie aber gewöhne man sieb da- ; ran, ihre Scbränke und Sachen zu durchsuchen. Fühlen sich die Binder von neugierigen Augen umgeben und argwöhnisch beobachtet, sodaß selbst ihre Harmlosigkeiten falschen Deutungen unterliegen, so werden aus ihren kleinen Heimlichkeiten große, und aus dem Verstecken kleiner Dinge l':ld?t sich . et rr ,

osl ern vernecrier yaraner. Nur von der Neugierde in der Familie spreche q; sie draußen m der Welt aufzusuchen, ihr, dort zu folarn, das hieße, in ein Wespennest greisen. -In der Welt hat die Neugierde e:ne böse Begleiterin, die sich an ibre Fer- -sen heftet: den Klatsch. Und w'e unheilvoll dessen Erdengang ist, das weiß , Jedermann. ' Warum ich die Neugierde des Mannes gegen die Frau nicht herv?rl)ob? Well die Frau, in Abwesenheit des Gatten, wohl immer ein stilles Stundchen finden wird, in dem sie ihre erregten Empfindungen beruhigen, ihren Einsamkeitsdrang befriedigen, so also ihr Seelenleben ausströmen lassen kann. Und wenn diese Neugierde des Mannes das häusliche Leben umfaßt? Dann wird sie der Frau oft schmeichelhaft, sein; sieht sie doch iyr Schalten und' Walten in der Familie mit Interesse verfolgt. Was . lastig . daran jst, darüber kommt sie wohl mit Geduld hinweg, sich freuend, wenn sein Vertrauen zu ihr diese Neugierve allmählig in schöne Grenzen bannt.