Indiana Tribüne, Volume 20, Number 59, Indianapolis, Marion County, 15 November 1896 — Page 2
Die Kleine Vussy. VuZ dem Tagebuch eines TctectivrS, ror; W. von Scbierbrand.
1 Ein altes Weib fcatie den Brief. wenn man ihn so nennen darf, auf dem Hauptquartier für mich abgegeben, und jetzt drehte und wendete ich den gelblichen Zettel rastlos und etwas bestürzt zwischen den Fingern. Von wem kam die Botschaft nur? Es waren nur wenige Zeilen: An den Detectiv im Hauptquartier Rudolph Wendt. In vier Monaten ist meine Zeit hier um. Ich habe Dich nicht vergessen, mein Lieber, And wenn ich herauskomme, so weißt Du, was Dich erwartet." Darunter war, ebenfalls -mit einem Stück rother Kreide oder Farbstoff, in Todtenkopf gezeichnet, in rohen Umrissen zwar, aber deutlich erkennbar. Und als Unterschrift war in die Ecke gekritzelt: Jackson", Das war die Botschaft. Ich sann und sann, aber von den dielen Namen, mit denen ich während der letzten Jahre in meiner ausreibenden Thätigkeit zu thun gehabt hatte, war dieser Name, Jackson, gerade von so vielen getragen worden, entweder als Alias oder mit Recht, daß ich mich erst gar nicht auf denjenigen entsinnen konnte, von dem diese Todesdrohung ausgehen konnte. Zudem erhält ein Detectiv in einer Stadt wie Chicago, wo es der verzweifelten Cbaractere so diele gibt, fast täglich ähnliche Zuschriften, sodaß man zuletzt ganz stumpf dagegen wird. Mein Borgesetzte?, Capt. Zumpe, ebenfalls ein Deutscher, klopfte mich in diesem Augenblick lachend auf die Schulter, jffielchea Räthsel ist es denn, das Sie beschäftigt. Rudolph?" frug er. Aber ich gab eine ausweichende Antwort und begab mich bald darauf an meine Belufsgeschäfte. Doch die Geschichte mit dem Zettel ging mir im Kopfe herum und ließ mich keine Ruhe finden. Meiner Frau sagte ich nichts davon, um sie nicht zu beunruhigen. War sie doch schon so wie so geneigt, sich häufig wegen meiner gefahrvollen Thätigkeit Sorgen zu machen. Mitten in der Nacht wachte ich auf. und konnte nicht wieder einschlafen. Ich dachte an die geheimnißvolle Botschaft. Plötzlich ficht mir's durch den Sinn: Roswell Jackson ist's. Ja. der mußte es sein. Die dramatische Scene bei seiner Berurtheilung siel mir ein. Jackson war von mir als das Haupt einer Falschmünzerbande entdeckt und durch einen Kniff, den ich ihm vorgespiegelt hatte, indem ich ihm -ein? angeblich von einem Mitschuldigeil verfaßte Nachricht zugehen ließ, auch verhaftet worden. Wie furchtbar hatte er mich angeblickt, als es ihm klar wurde, daß ich ihn überlistet. Und wie l'öwcnkühn "hatte er sich bei der Berhaftung gewehrt, sodaß drei handfeste Polizisten kaum genügt hatten, um ihn zu meistern. Als er aber gefesselt am Boden lag, da flehte er plötzlich in einem Tone des tiefsten Schmerzes, der mir zu Herzen gegangen war, ich mochte ihn doch erst einmal nach Hause führen, damit er Abschied von seinem sterbenden Weibe nehmen und seinem Kinde Lebewohl sagen könne. Ich war genöthigt gewesen, ihm die. Bitte abzuschlagen, so leid es mir that. Der Dienst geht vor. Und dann vor Gericht, als er zu drei ! Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde, da hatte er nicht mit der Wimper gezuckt. Aber, gerade als er abgeführt werden sollte, wandte er sich blitzschnell zu mir um. hob seine gefesselten Hände wie beschwörend gegen mich und rief, indem seine dunklen Augen grimmen, unversöhnlichen Haß sprühten: Du entgehst meiner Rache nicht. So sicher wie ich jetzt machtlos bin, so sicher stirbst Du von meiner Hand!" Ja. das waren jetzt schon nahezu drei Jahre her. ich erinnerte mich deutlich. Er mußte mir den Warnbrief geschickt habcn, gewissermaßen um sich als ehrlicher Feind zu erweisen und mir eine Chance zu geben, mein Leben so theuer wie möglich zu verkaufen. Ein Frösteln überlief mich, wenn ich an seine glühenden, haßerfüllten Augen dachte er war der Mann dazu, um seine Drohung wahr zu machen. Aber was konnte ich thun? Wie konnte ich seine Pläne vereiteln? Ich grübelte nach, aber es wollte mir kern rettender Gedanke einfallen. Dazu hatte ich auch gerade um jene Zeit viel ernste Arbeit, so daß mir Brief endlich aus dem Gedächtniß entschwand Einige Tage später, als ich spät Abends auf dem Wege nach Hause war. mußte ich einige enge, schmutzige Gassen auf laer Westseite passiren. Das Pflaster war schlüpfrig vom cmfgeweichten Schnee, und der Wind ging stark, sodaß x$ den Kragen meines Mantels über die Ohren geschlagen hatte. Plötzlich hörte ich dicht neben znir eine KinderPimme schluchzen urrd Pö'hnen. Sie kam aus der Alley, in die ich einlenkte. Segen den Prellstein gelehnt, zitternd fcrr Frost und Kälte, erblickte ich da ein kleines Madchen. Ich blieb vor ihm stehen. Das Kmd blickte mich mit großen, erschreckten Augen an, aus denen das ganze Weh des Lerlassenseins henursah. SKt heißt Du, Kleine?" frug ich. Pafft, Herr so hat mich Mama immer genannt." W find Deine Eltern?" Ich habe keine mehr Mama liegt nter der Erde, und Papa ist weit fort." Kümmert sich Niemand mehr um Dich?" Sie schüttelte den Kopf stumm und resignirt. Ich überlegte. Willst Du mit mir kommen, Pussy?- frug ich dann. j
Sie stand sofort auf und faßte meine Hand ohne Scheu. Es war ein hübsches Kind, nur sehr bleich, und feine Kleidchen waren ganz akgerissen und durchnäßt vom Regen. Ich nahm sie mit nach Hause. Meine Frau, die gute, liebe Seele, hatte nichts Eiligeres zu thun, nachdem ich ihr die Geschichte erzählt, als die Kleine in ihre Arme zu nehmen und in's Kinderzimmer oben zu tragen, wo sie sie entkleidete und zu Bett brachte. Dann kam sie wieder hinunter zu mir. Weißt Du," sagte sie. das arme Kind behalten wir vorläufig bei uns. Sie ist ganz ausgehungert. Sie ist so hübsch mit ihrem langen, lockigen Haar und den tiefdunklen Augen. Und hier, sieh' mal, was sie um den Hals hatte." Sie überreichte mir ein kleines goldenes Medaillon, und als ich es auf klappte, da war eine Locke seidenweichen. braunen Haares und das Bift einer hübschen, jungen Frau wohl ihrer Mutter darin. Aber sonst nichts, was die Identität des Kindes verrathen hätte, außer draußen, ganz verschnörkelt, das Wort Pussy". Natürlich geschah's nach dem Willen meiner Frau. Wir behielten dasKind, das wir von Tag zu Tag lieber gewannen. Meine Frau behauptete, Pussy habe so große Aehnlichkeit mit unserem eigenen, leider verstorbenen Töchterchen, und obgleich ich das gerade nicht finden konnte, widersprach ich doch nicht. Soviel war sicher das kleine Mädchen war wie ein Sonnenschein in unserem Hause, und meine beiden Knaben, trotzdln sie viel älter und sehr wild waren, vertrugen sich prächtig mit ihr. . Auf alle unsere Fragen, wer ihre Eltern gewesen seien, wie lange sie schon todt, wie sie geheißen und wo sie seitdem sich aufgehalten, konnten wir von dem kleinen Wesen keine vernünftigen Antworten erhalten. Jedenfalls war sie unser kleiner Liebling geworden. Um jene Zeit erhielt ich den Auftrag, einen bedeutenden Juwelcndiebstahl, der in einem der größten Läden an der State Str. am helllichten Tage verübt worden war, zu ermitteln, und ich war in fieberhafter Thätigkeit, denn es galt nicht nur, meine Reputation zu bewahren, sondern auch eine bedeutende Belohnung einzuheimsen. Ich hatte zwei andere, etwas jüngere und unerfahrenere Detectivs zu meiner Hilfe erhalten. Es war mittlerweile schon Lenz geworden und die Tage waren länger. Kurz vor Abend erhielt ich eine Depesche, die mit dem Namen des einen meiner Partner" unterzeichnet war und mich nach dem zweiten Stockwerk in einem Hause sofort berief, welches nahe der Scene des Diebstahls gelegen war und wo ich wichtige Auskunft erhalten sollte. Eilig machte ich - mich auf den Weg und stieg die knarrenden Stufen der Treppe hinauf. Oben angelangt, bemerkte ich, daß das ganze Stockwerk scheinbar leer stand, aber aus einem kleinen Zimmer ganz im Hintergrunde des Corridors drang der Schein einer Kerze. Ich ging dorthin und blickte hinein. Indem ich es betrat, rief ich den Namen meines Partners", aber keine Antwort erfolgte. Ich schritt vorwärts in das Zimmer. Im selben Moment hörte ich hinter mir die Thür zuschlagen und den Schlüssel im Schloß drehen. Ich wandte mich, und mein Blut erstarrte zu Eis. An der Thür, mit einem blinkenden Messer in der Hand, stand Roswell Jackson der Blick, den er mir zuwarf, war derselbe, mit dem er mich damals schon im Gerichtssaale gemessen. Was nun folgte, das zu beschreiben würde keine Feder vermögen. Er stürzte sich auf mich, ohne ein Wort zu sagen, ohne einen Schrei auszustoßen, und es begann einer jener fürchterlichen Kämpfe auf Leben und Tod, bei denen der Mensch zur reißenden Bestie wird. An Korperkraft war mirJackson jedenfalls überlegen, aber meine Erfahrung und frühere Abenteuer ähnlicher Art in meinem Beruf hatten mir eine Gewandtheit gegeben, die mir hier gut zu statten kam. Es gelang mir. mich seiner wüthenden Angriffe eine Zeitlang zu erwehren, aber da stolperte ich über einen harten Gegenstand am Boden und stürzte. Wie der Blitz hatte sich mein Todfeind auf mich geworfen, und mit beinahe riesenhafter Stärke packte er meine beiden Hände fest in der seinen und hob das Messer hoch in der Luft, bereit zuzustoßen. Ich schloß die Auqen und yab mich verloren. Plötzlich fühlte ich. wie ein Ruck durch fernen Korper ging, und mit einer eigenthümlichen Stimme hörte ich ihn fragen: .Wo hast Du das Medaillon her?" Das Medaillon?" röchelte ich. denn mir fehlte der Athem. ..das Medaillon laß mich auf und ich will Dir's !sagen." Er ließ mich aber nicht sofort auf.
sondern riß mir mit schnellem Griff tl n jc n . i , , ouÄ ucinc vsujrnuajiua von ozx uni 'kette, wo ich's seither getragen, und hielt es gegen das Licht. Dann erhob er lich. und ich erzählte ihm in fliegenden Worten, ganz ohne Zusammenhang, denn derSchreck lahmte mir noch immer die Zunge, von Pussy und wie ich sie gefunden. Und wo ist sie jetzt?" frug er. Bei meiner Frau und den Kmdern zu Hause." Oh, so bitte ich. flehe ich, fshre mich zu ihr." Wir trafen die Kleine im Wohnzimmer bei meiner Frau, glücklich mit 'einer neuen Puppe spielend, die ich ihr wenige Tage zuvor gekauft. Als sie den Fremden eintreten fah, da schreckte sie einen Moment zusammen. Jackson Nicb an' der Schwelle stehen, fein Gesicht war wie verwandelt. Alle Mordlust, aller Haß war daraus verschwun
den. Mit strahlenden Augen blickte er das Kind an und rief nur, ganz leise, das eine Wort: Pussy !" Da breitete die Kleine die Arme nach ihm aus und lief schnell zu ihm mit dem Rufe: Papa, lieber Papa!" Und dann sah ich. wie dieser Mann, der mir soeben noch das Leben hatte nehmen wollen, zärtlich sich über sein Kind beugte und wie ihm die hellen Thränen die Wangen hinabliefen. Schon in mancher eigenthümlichen Situation hatte ich während meiner vieljährigen Thätigkeit als Detectiv mich befinden, aber noch in keiner wie an jenem Abend, wo Roswell Jackson friedlich an meinem Tische saß und sich nicht satt hören konnte an Erzählungen. die meine Frau ihm über sein Kind mittheilte. Ich will mich kurz fassen. Jackson icar, wie ich seitdem erfahren, ursprünglich in einer geachteten Lebensstellung und glücklich verheirathet geWesen. Da hatte ihn der Teufel des Spiels gepackt, der ihn abwärts und immer tiefer zog, ihn schließlich dem Verbrechen und dem Trunke in die Arme warf. So war er in die Gesellschaft jener Falschmünzer gerathen, deren Haupt er vermöge seiner höheren Intelligenz binnen Kurzem wurde. Als er damals verhaftet wurde von mir. da lag sein Weib, durch Gram und Sorgen aufgerieben, thatsächlich auf dem Sterbebett. Schon vor seiner Berurtheilung war sie gestorben. Das Kind war seitdem aus einer Hand in die andere gekommen, bis es der Zufall oder eine gütige Vorsehung, wie meine Frau es nannte mir in das Haus gebracht. Mit meiner Hilfe ist ihr Vater seitdem ein neuer, besserer Mensch geworden, der sich redlich ernährt und der schon seit Jahren genug verdient, um seinem Töchterchen ein behagliches Heim zu verschaffen. Niemand würde heute in ihm den ehcmaligen Verbrecher vermuthen, und wenn wir uns in der Straße treffen, so schüttelt er mir jedesmal kräftig die Hand und ein glückliches Lächeln keuchtet ihm aus den Augen. Das kleine Medaillon habe ich aber bebakten. Es ist mein Mascotte" wer weiß wozu es noch einmal gut ist. Kcwittcrnacht. Ton 23. Stahl.
Eine interessante alte Dame nannten sie die Einen und die Anderen nannten sie wunderlich. Alt war sie, sehr alt, aber sie ging noch ungebeugt, sie verwaltete ihr Vermögen selbst und obgleich sie in der Stadt wohnte, leitete sie von dort die Vewirthschaftung ihrer Güter und hielt alljährlich strenge Abrechnung mit ihren Beamten. Sie machte auch noch in jedem Jahr große Reisen und wav eine muthige Bergsteigerin. In einem der großen Verghotels in den Alpen lernte sie einmal ein junger Künstler kennen und er verliebte sich in die fast achtzigjährige Frau. Das heißt, er verliebte sich, wie sich ein Künstler in einen interessanten Stoff für seine Kunst verliebt. Der silberhaavige Charakterkopf der Greisin fesselte ihn mehr als die jungen, schönen Frauen und Mädchen der internationalen Hotelgäste; er füllte heimlich ein ganzes Skizzenbuch mit Zeichnungen dieses Kopfes, dessen Geheimniß er zu ergründen fuchte das Geheimniß feiner jugendlich fonnenheißen Augen und des fchweigsamen Ernstes, der zuweilen das intensive Seelenleben dieses Gesichtes förmlich versteinerte. Eines Tages kam er hintev das Geheimniß. In einer Gewitternacht passirte ihm etwas Seltsames. Es war ihm gelungen, die Bekanntschaft der alten Dame zu machen, die sich im Fremdenbuch: Alma Schmiedeck nannte und doch eigentlich aussah wie eine hohe Aristokratin. Bald war er der Einzige, mit dem sie ausschließlich verkehrte, und sie zeigte ihm ein fast mütterliches Wohlwollen. Sie hatten am Tage eine schwierige Bergtour zusammen gemacht und de junge Mann staunte über die Beweise von Muth, Energie und Ausdauer, die sie ihm gegeben. In der Nacht, als man sich kaum in die Schlafgemächer zurückgezogen hatte, brach unerwartet ein schweres Gewitter los, dessen Donner und Sturm in den Felfenthälern schaungen Wiederhall fand. Hilmar, der junge Künstler, wollte sich eben auf die Veranda des Hotels begeben, um das großartige Naturschauspiel zu genießen, als es laut an seine Thür pochte. Mit aschfahlem, verzerrtem Gesicht und zitternden Händen, die die Kerze kaum zu halten vermochten, stand Frau Schmiedeck vor ihm. Kommen Sie, bleiben Sie bei mir, ich kann nicht allein sein ich ertrage es nicht " stammelte sie, und in ihren sonst so klaren, muthigen Augen war ein fast wildes Entsetzen zu lesen. Er blieb bei ihr, ; Ms das Gewitter vorüber war. Er fragte nicht und äußerte kein Erstaunen, aber er beobachtete sie mit dem tiefsten Interesse, indem er sie zu beruhigen suchte. Nachdem das Gewitter vorüber war, kam es wie eine vollständige Erschöpfung über sie. Der junge Mann trug sie auf ihr Bett und verließ sie erst, nachdem sie fest eingeschlafen war. Lange Zeit sprach er nicht mit ihr über die Ereignisse der Gewitternacht. Erst nachdem sie ihn liebgewonnen batte wie ihren eiaenen Soün. tndhltt sie ihm das Geheimniß einer Gewitter j
nachtdas ihm das Räthsel ihres Wesens löste. Sie saßen zuscmmen auf einem der kleinen, hohen Battone des Hotels, über ihnen die Majestät der Gletscherfirnen und der ewigen Sterne. .Es war eine Nacht wie diese," erzählte die Greisin, nur daß im Flachland meiner norddeutschen Heimath die Luft drückender ist. , , Ich war ein junges Weib und hatte einen ungeliebten Mann. Ich hatte einmal Einen lieb gehabt ich war fast noch ein Kind einen prächtigen Burschen und man hatte uns scherzend wie ein Liebespaar behandelt. Als er in die Welt ging, um sein Glück zu machen denn er war nichts und hatte nichts habe ich bitterlich geweint, aber, es waren Kinderthränen und sie trockneten bald. Ehe ich wußte, was die Liebe und was das Leben sei, verheirathete man mich an einen Mann, der mir ein harter und strengerHerr wurde. Ich fürchtcte mich vor ihm. In einer Nacht wie diese waren wir zu einem Feste bei einem Nachbar, dem Grafen Werneck, geladen. Und da sah ich ihn wieder, meinen Jugendfreund. In all dem Glanz und Festjubel vergaß ich die Ketten, die mich wund drückten, ich vergaß die Tyrannei und fühlte mich jung und froh. Man fagte mir. ich sei die Schönste, und es waren viele schöne Frauen und Mädchen in dem glänzenven Reigen Ich sah in den deckenhohen Wandspiegeln mein Bild im weißen Atlaskleid mit Rosen im Haar und ein Wonneschauer machte mich erbeben. Gehörte mir nicht die Welt mit aller Herrlichkeit? Da stand er plötzlich vor mir Oswald Schmiedeck ein reifer Mann in der vollsten Blüthe des Lebens, und er hatte noch den sonnigen. Herzenswarmen Kinderblick. Vergessen war die Welt mit ihrer Eitelkeit, unsere Kindheit blühte empor und schloß uns ein wie mit einer Rosenhecke. Unser Jugendglück wav wieder da, unser übermüthiges, traumseliges Jugcndglück. Ich sah nur noch ihn und er sah nur noch mich. Wir tanzten zusammen. es war. als flögen wir gerade in den Himmel hinein. All der Glanz, das Licht, die süße, trunkene Musik war nur für uns da und die leuchtenden, funkelnden Raketen, die draußen in die warme, dunkelolaue Nachtluft emporstiegen und zerstoben, waren nur für uns da die ganze Welt war nur für uns da, ein blühender. Mhender Traum! Mitten m diesem Rausch faßte eine harte, knöcherne Hand mit eisernem Griff die meine und eine verhaßte Stimme fagte: Du machst Dich krank mit diesem unvernünftigen Tanzen. Wir fahren nach Hause." Wie ein Verbrecher, der vor den Richterstuhl geschleppt wird, lag ich in meiner Wagenecke und nicht ein Wort unterbrach das fürchterliche Schweigen dieser Fahrt. Zitternd, mit wankenden Knieen folgte ich meinem Gatten. Da geschah das Entsetzliche er schlug mich! Er schlug mich unbarmherzig und wies mir die Thür.' Bis in den äußersten Winkel des Hauses floh ich. er hätte feine Thür nicht zu verriegeln brauchen ich wäre nie freiwillig zu ihm zurückgekehrt. In einer entfernten Kammer brach ich unter der Last meiner Schmach zusammen. Da lag ich in meinem weißen Atlaskleid mit den entblätterten Rosen und ich glaubte nie wieder die Augen zum Licht erheben zu können. Haß war in meiner Seele, grenzenloser, glühender Haß. Ein dumpfes, lautes Grollen und gleich darauf ein heftigesKrachen ließ mich aufschrecken. In meiner Betäubung hatte ich das aufziehende Wetter nicht bemerkt. Mit hohlem, unheimlichen Brausen kam es daher, aber ich fürchtete kein Wetter, ich trat an das nächste Fenster und sah, wie die Blitze mit bläulichem Schein das Dunkel zerrissen. Plötzlich ein ohrenbetäubendes Kra chen und Splittern, ein Zischen und Dröhnen, als wolle das Haus über miv zusammenstürzen, und gleich darauf zuckender, auslodernder, verschwindender und grell flammender Feuerschein. '. Wie rasend stürzte ich die Treppe hinunter. Ich mußte an seiner Thür vorbei. Qualm und Rauch drangen mir daraus entgegen mein erster Impuls war zu retten, zu helfen, wo ein Menschenleben in Gefahr war mein zweiter Gedanke, daß dieses Leben zwischen mir und dem Glück, zwischen Kerker und Freiheit stand, und daß er, den ich retten wollte, mich geschlagen entehrt Ich stand wie versteinert. eine Sekunde lang da drang ein Wimmern und ein schwacher Ruf: Hilfe!" an mein Ohr. Der Haß loderte in meiner Seele empor, der furchtbare, tödtliche Haß wie von. Furien gejagt stürzte ich weiter. Am Fuße der nächsten Treppe brach ich schwindelnd zusammen, ein Diener begegnete mir und trug mich aus dem brennenden Hause. Als ich wieder zu mir kam, war mein erster Schrei: rettet ihn! rettet ihn!" Aber es war zu spät. Bis man die verriegelte Thüre eingeschlagen, hatte der Qualm meinen Gatten er-
stickt. Wahrscheinlich hätte ich ihn auch nicht retten können. Die verriegelte
Thue war sein Verhängniß. Der Blitz, der im Nebenzimmer eingeschlagen, mußte ihn halb betäubt haben, so daß er in Dunkelheit und Rauch die Thüre nicht finden konnte. Aber ich weiß, daß ich ihm nicht geholfen haben würde, auch wenn ich gekonnt hätte. Mein Gewissen beruhigte sich. Ich war nicht schuld an seinem "Tode. Die Schmach, die er mir angethan, mich wie einen Hund von seiner Schwelle zu weisen, hatte mir das Leben gerettet. Ich sah das Gericht Gottes in diesen Ereignissen. Jetzt war ich frei und Erbin eines großen Vermögens. Ich war jung, schön und reich. Nun kam das Glück. Ich heirathete Oswald Schmiedeck o, ich war. glücklich! Wir hatten einen Sohn es fehlte uns nichts. Ich hatte die Gewitternacht und den heiseren, gräßlichen Hilferuf vergessen. Aber mein Gatte und Sohn starben vor mir, ich siehe in diesem hohen Alter noch in voller Lebenskraft. Und seitdem ich einsam bin, kam die Erinnerung zurück ich fürchte die Gewitternächte ich fürchte sonst nichts keine Todesgefahr würde mich zittern machen ich fürchte nur
die Stimme die heisere, wimmernde Stimme, die ich stets zwischen Blitz Und Donner höre den Hilferuf, dem ich nicht folgte " Die Greisin schwieg. Hilmar hatte ihre Hand gefaßt, er hielt sie fest. Er gedachte wohl einer hundertjäh ngen Edeltanne, die er in den Bergen gesehen, vom Sturm gebrochen. An ihrem Stamm war eine alte, vernarbte Wunde sichtbar gewesen und an dieser Stelle hatte sie das Wetter gefaßt. ßin Zlrtycik. Künstlerskizze von I. Hayden. Mademoiselle Rachel." meldete der Leibeigene des Fürsten Orlow, als iq an einemHerbstabende die hohe Peters burger Gesellschaft in den Salons die ses Mäcen versammelt hatte. Die lebhafte Unterhaltung stockte. Alle Blicke wandten sich erwartungs voll der mit gelben Brocat-Portieren umhüllten Flügelthüre zu, auf deren Schwelle nun die Künstlerin stand. Fürst Orlow eilte ihr entgegen und an seinem Arme trat sie in den glänzenden Kreis. Die Kunstreise der Rachel nachRußland fiel um den Anfang der 50er Jahre unseres Jahrhunderts. Vom Oriente her drohten damals schwarze Wolken am politischen Horizonte: Mancher unter den Gästen des Fürsten Orlow mochte m dessen gemüthlichem Künftlerheim Zerstreuung. Ruhe und Anregung nach schweren Berufspslichten suchen. Ja, es schien, als ob die geniale Künstlerin die Macht besäße, die Sorgen dieser Großen zu verscheu chen, denn das vorher so finstere Gesicht des Feldmarschalls Menschikow hellte sich ganz merklich auf, als sie zu recüiren begann. Begeisterter Beifall folgte jedem ih rer Vorträge: nach all' den Huldigungen dünkte es der Rachel fast wie eine Erlösung, als sie die Fürstin Orlow bat, mit ihr im intimsten Freundes kreise den Thee einzunehmen.' Dort war die Rachel wieder sie selbst. Vom hohen Kothurn herabgestiegen.trat nun ihr liebenswürdiges, einfaches Wesen, ihr lebhaftes Naturell hervor. Sie that sich so wenig Zwang an, daß als die Fürstin Orlow sie einlud, am nächsten Tage eines ihrer Schlösser mit ihr besuchen zu wollen, Rachel mit dem Bemerken ablehnte, daß sie an diesem Tage einen großen Bußtag zu feiern habe. 6m Bußtag?!" rief die orthodoxe Grafm Straganow. Ein Bußtag meiner Religion! entgegnete die Rachel, ich bin Jüdin! Gräfin Straganow war starr. Die Prinzessin Demidow, eme Franzosin aus dem Hause Bonaparte, mußte lächeln, als sie beobachtete, wie sich die stolze Aristokratin förmlich m die mehr interessanten als schönen Züge der berühmten Judm vertiefte. Ich sah Sie zum ersten Male im Jahre 1836, Mademoiselle," unter brach die geistvolle Demidow die Pause, als Sie im Gymnasetheater Die Vendeerin" spielten!" Und mit Glanz durchfiel!" scherzte die Künstlerin; dann setzte sie ernst hmzu: Aber trotz aller Enttauschun gen und Mitzhelligkeiten strebte ich meinem mir gesetzten Ziele zu; ja selbst das ungünstigste Urtheil emesMcisters der Schauspielkunst über mein Talent konnte mich Nicht abschrecken." Ein ungünstiges Urtheil über Ihr Talent?" frugen Alle aufs Höchste erstaunt. Ein Urtheil, so vernichtend." erzählte Rachel, daß, hätte ich mich einschüchtern lassen, mir heute nicht die Ehre zu Theil geworden wäre, in Ihrem hohen Kreise eine Probe meiner Kunst abzulegen; denn hätte ich dem Rathe jenes Sachverständigen" gefolgt, so wäre ich' vielleicht heute eines jener armen Blumenmädchen, die auf den Pariser Boulevards eher Mitleid als Bewunderung erregen." Erzählen Sie doch, meine liebe Rachel," bat die gutmüthige Fürstin Orlow, cm Ihrer Wiege " Standen sicher die Grazien und die Muse küßte Ihre Stirne!" rief die lebhafte Demidow. Durchlaucht irren," gab die Künstlerin zurück, an meiner Wiege stand Fru Sorge und bittere Armuth! Ich war das Jüngste meiner Eltern, die in Paris kleine Handelsgeschäfte ohne Erfolg betrieben. Bei Tagesan-
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druck lief ick in 5ol?vantoffeln an die I Seine, um Wasser zu holen, das ich sechs Treppen hinaufschleppte. Dann Uand ich am Heerdc, und wie oft erhielt ich Scheltworte, ja Schläge, war nicht Alles in gewünschter Ordnung. Trotzdem blickte ich heiter in die Zu runst und waren Alle zur Ruhe geganaen, dann griff ick auch zu den Tragödien meiner Lieblinge, Racine und Voltaire. Und emes Tages faßte ich Muth und ging zu Provost, einem der bedeutendsten Mitalieder des .Tbeatre Francais", um vor ihm Probe zu spielen. Provott man mich mit strenaem Blick. Meine schmächtige Gestalt, mein für meine 17 Jahre finsterer Gesichtsausdruck und strengen Züge schienen ihm gar nicht zu gefallen. Ich begann aus Phädra" zu declamiren, aber meine Stimme war noch zu schwach für diese mächtigen Verse. Als ich geendet hatte, sagte Provost: Du willst Schauspielerin werden? Gieb' diese unglückliche Idee auf. Kleine! Weder Deine Gestalt, noch Deine Stimme eignen sich für die Bühne! Werde Blumenmädchen!" Ich war vernichtet. Thränen umflorten meinen Blick aber mein Stolz bekämpfte sie. Ich eilte nach Hause. Hier ließ ich meinem Schmerz freien Lauf. Ich fchwor mir aber, auch meiner geliebten Kunst treu zu bleiben! St. Aulaire. ein Freund meines Vaters, nahm sich meiner an, und ihm hatte ich es zu danken, daß ich ein Jahr später, nach rastlosem Fleiße im Gymnasetheater mein erstes Debüt feiern durfte aber ausge pfiffen wurde. Zäh, wie ich nun ein mal war. lien mich auch dieser Mißerfolg nicht verzagen. Der damals so berühmte Schauspieler Samson, der sich über mein Talent nicht täuschte, gab mir nun Unterricht, und zwar so vortrefflichen, daß er mich bald darauf für reif hielt, an der vornehmsten Bühne von Paris, im Theatre Jrancais auftreten zu können. Auch damals sah ich Sie spielen, Mademoiselle!" unterbrach die Prinzessin Demidow die Erzählung. Es war im Jahre 1838. Sie begeisterten Alle. Noch nie hatten die Pariser eine edlere Gestalt mit dem antiken Gewände bekleidet gesehen, noch nie horten sie em schöneres Organ. Damals, Mademoiselle, entfalteten Sie zum ersten Male die ganze Majestät Ihres Gemes !" Und errana aucb den ersten Er folg!" rief Rachel. Damals eroberte lcy mir mit eurem Schlage meine Stet lung in der Kunst. Den größten Triumph stierte ich aber dennoch hm ter den Coulissen. Nachdem ick mit Blumen überschüttet vor dem Publi kum erschienen war, nachdem mich die Meinen umarmt und mir zugeflüstert hatten: Endlich, endlich !" sah icy an eme oulijse gelehnt, Provost .jenen Rücksichtslosen, der mir Alles Alles abgesprochen hatte. Seine Blicke ruhten auf mir. Mich aber überkam plötzlich, eingedenk seiner Worte von damals, ein Gefühl füßer Rache! Ich trat auf ihn zu, und in. dem ich ihm eme Fülle herrlicher Blu men entgegenhielt, saate ich fchalkbaft Wünschen Sie Blumen? 5ck würde mich freuen. Ihnen welche überreichen zu Dürfen!" Und Provost, der mein (bptcl den ganzen Abend mit ?lnteress verfolgt hatte, wünschte mir Glück und bereute lein voreiliges Urtheil ja. dieser Meister wurde in der Folge mein treue ter Anhänger. Fürstin Demidow, die sich gleich den anderen Herrschaften erhob, ncf freu dig bewegt: In der That. Sie haben jenes Urtheil zu Schanden gemacht, meine liebe Rachel!" Man muß eben ein wenig Talent viel Fleiß und Herz haben!" erwd derte bescheiden die Künstlerin. Fatal citirt. A.: Wa! hab' ich gehört, Sie wollen ja Schau spieler werden?" B. (mit Pathos): Gewiß, ich werde eines von den Brettern, die die Welt bedeuten." Dev fragt nicht wieder. Aber, mein lieber Freund, sagen Sie mir nur, wozu Sie eine so kurze Nase haben? Damit ich sie nicht in aller andern Leute Angelegenheiten stecken kann! Schlecht herausgezo gen. Wie? Der Herr Rath nicht zu Hause?! Ich sehe ihn ja doch durch diese Thüre! Nein, was mem Herr lügen kann! Zu mir sagte er, er sei ausgegangen! Günstiger Fall. Sepp: I hab seit a paar Tagen a miserables Zahnweh; i muß zum Bader un mir den ausziage lassen. Ambros: Da that i doch die paar Tage no warten; Sunntag is Kirmeß, wird doch e bissel g'rauft, vielleicht schlagen's Dir'n ein! Kindlicher Stolz. Elsa: Du weißt doch, seitdem sich Papa zur Ruhe gesetzt, wohnen wir in unserer Villa. Und jetzt' haben wir auch einen Portier bekommen. Rebekchen: Oh. mein Täte hat gestern auch zugemacht 's Geschäft und wir kriegen sogar einen Concursverwalter. Täte hat auch gesagt, mer thäte jetzt reicher werde wie vorher! Theorie und Praxis. Arthur: Ich habe Vk Wahl zwischen einem armen Mädchen, welches ich liebe, und einer reichen Wittwe, welche ich nicht liebe. Wozu würdest Du mir rathen. Fritz? Fritz: Die Liebe ist das Salz des Lebens, Freund. Ohne sie ist alles Andere ein Quark. Die Liebe macht die Armuth zum Reich thum. die Mühe zum Genuß, die Erde zum Himmelreich. Arthur: Genug, genug, ich werde das arme Mädchen heirathen, das ich liebe. Fritz: Brav gesprochen. Bei der Gelegenheit gieb mir doch die Adresse der reichen Wittwe, die Du nicht liebst.
Zwang und Arang.
Von Anna Nitschke. Eine unendliche Fülle des DrangeZ r- t n' tl guui ViUltu, yvm, uviv iv unter dem Zwange der Verhältnisse. .tm luitt.n rtfr rnnnrn mrrr Könnte sich jede edle Regung oskendaren. iede Herzensneiauna entfalten. jeder liebe Wunsch die Erfüllung sehen. dann würde nicht nur sehr viel Gute zur That, die jetzt als sehnender Gedanke dahinstirbt wie ein vertrocknender Keim, sondern die Menschenkinder wären alle glücklicher, weil sie nicht um das zu trauern brauchten, was in ihrer Seele verkümmert. Wie oft bricht sich der Seufzer Bahn: Ja, wenn ich könnte, wie ich wollte!" und fast immer ist's ein edler Drang, der dem Zwange unterliegt, fast immer ein gutes Sehnen, das ungestillt zurücktreten muß. Man preist die Willenskraft. Man feuert den Willen an, daß er schier Unmögliches erreicht, und ist er erst mit ganzer Energie auf ein Ziel gerichtet, dann erfüllt sich meistens die poetische Hyperbel: die Sterne reißt's vom Himmel, das eine Wort: ich will! Aber wenige Menschen sind solche Willenshelden; wenigen ist die starke Fähigkeit gegeben, sich in genialer Weise zu concentriren. Wir Alltagsmenschen haben den Drang, den Wunsch, das Sehnen, aber selten ist unsere Kraft so groß, daß sie den Zwang überwindet. Seien wir ganz ehrlich: meistens ist dieser Zwang derart, daß uns d einfachste Vernunft eine Auflehnung dagegen verbietet. Mit dem Kopfe durch die Wand rennen," das versucht nur blinder Eifer, und ein gelähmter Arm wird es nimmer vermögen, einen Balken zu rücken. So ist es, trotz einzelner Ausnahmen, in Bezug auf die Willenskraft nur natürlich und nur menschlich, daß sehr viel guter Drang am bösen Zwange zu Grunde geht. Wer hat nicht schon in sich selbst die innigste Hilfswilligkeit mit Thränen und Trauer sterben sehen? Wer mußte nicht schon den Ausdruck feinsinnigen Entgegenkommens und zarter Aufmerksamkeiten ersticken, weil derZwang es gebot? Es vergeht wohl kein Tag, an dem nicht der Mittellose Gelegenheit zu helfen fände. All sein guter Wille, all sein inniger Drang, zu spenden, zaubern ihm keinen Pfennig in die Tasche, und die lieben Worte, dieihm der Augenblick eingibt er weiß es sind nicht im Stande, zu trösten, denn das Herz des Armen ist mit der Zeit gegen Worte verhärtet, er traut ihnen nicht mehr. So eilt der Hilfswillige schweigend vorüber und muß es dulden, daß er der Herzlosigkeit geziehen wird, wo doch seine ganze Seeledrängt, zu retten, zu helfen. Mit dem Zwange müssen wir in allen Verhältnissen und Lebenslagen rechnen; wir müssen ihn auch in dieKritik einschließen, die sich dem Thun und Lassen des lieben Nächsten zuwendet. Wenn eine unserer Schwestern geizig erscheint, dürfen wir ohne Noth behaupten, daß diese Untugend in ihrem Charakter liegt? Ist es nicht richtiger, anzunehmen, daß sie unter dem Zwange verheimlichter Verhältnisse steht? Oder sie erscheint herzlos. Auch das ist vielleicht nur die Maske, unter der die Stolze das Leid über ihre gebundenen Hände verbirgt. So wenig aufmerksam," lautet das Urtheil, wenn die erwarteten Blumen an einem' Geburtstage, das erhoffte Geschenk an einem Hochzeitstage ausbleiben. Könnten wir der also Beurtheilten m's Herz sehen, wir fänden darin vielleicht die innigsten und ehrlichsten Wünsche, Wünsche, lebhafter empfunden als die, welche sich mit hochtrabeudem Pathos in großartigen Blüthenfpenden und Silbersachen Herandrängen. Aber die Sorge, von der Niemand etwas weiß, lehrt mit dem Pfennig rechnen, und ehe man sich durch ein unbedeutendes Kärtchen in Erinnerung bringt, vergißt" man den Tag lieber, d. h. man denkt seiner sehr viel, ladet aber den Schein der Unaufmerksamkeit auf sich, um dem Zugeständniß der Aermlichkeit zu entg:h:n: ich konnte nicht handeln, wie es das Herz wollte! Wer nie in dieser Lage war, der mag sich glücklich schätzen. Der ungerechte Mammon" übt den meisten Zwang aus und - ist zugleich derjenige, gegen den selbst die stärkste Willenskraft am wenigsten aufkommt. Anders dort, wo der Zwang von Persönlichkeiten auf die Persönlichkeit ausgeübt wird. Mache Dich frei!" das ist leicht gesagt, aber tausend innige Fäden verknüpfen sich. Liebe, Achtung. Verehrung sind gar starke Fesseln, gegen die der Drang des eigenen Herzens matt zusammenbricht. Jener Sohn möchte Techniker werden, im freien Forschungsdrange sich fremde Länder anschauen: der Vater drängt zu seinem eigenen Berufe und die Mutterliebe hält ihn fest am heimischen Herde. Die Tochter möchte sich in thätiger Menschenliebe ihr weites Feld erobern, in einem selbssständigen Berufe walten, oder als Arzt wirken; jeder Ncrv ihres Wesens drängt zu' solch kräftigem, Menschenfreund!!chem Schaffen. Aber die Familie bält sie fest in ihrem Bann, das Vorurtheil des Standes tritt knechtend dazu, und Kindesliebe lehrt: sich fügen! ,-, Es gehen aus solchem Zwange nicht immer verfehlte Existenzen hervor; die meisten Herzen finden ja überall dort Befried!gung, wo sie erfüllter Pflicht leben. Aber wenn ich Menschen begegne, die, trotz aller Pflichterfüllung und Bescheidenheit in ihren Ansprüchen, dann und wann in Ungeduld auflodern oder in Bitterkeit schweigen, dann sag' ich mir entschuldigend: das sind Herzen, enen durch das ganze Leben nicht der tigene Drang, sondern fremder Zwang ,ben Weg wies. .,Richtemilde!
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