Indiana Tribüne, Volume 20, Number 38, Indianapolis, Marion County, 25 October 1896 — Page 7

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Eine Marotte. Humoreske von Wilhelm Teschea.

GottfriedLampert wohnte seit einem halben Jahr in Hamburg und zwar an dem vornehmen Jungfernstieg. Bis zu seinem Umzug hatte er in dem kleinen Bergedorf an der Elbe gewohnt. Er war ein reicher Mann, ohne Beraf, Wittwer und Vater einer reizenden, heirathsfähigen Tochter, welche vor wenigen Wochen ihr neunzehntes Lebensjahr vollendet hatte. Vater und Tochter, bildeten in ihrer äußeren Erscheinung einen beinahe komischen Gegensatz. Der Vater war kurz, dick, mit etwas nach außen gebogenen Beinen, sein glattes, volles Geficht hatte eine bordeauxrothe Farbe. Die Tochter hatte eine hohe Figur von seltenem Ebenmaß, und ein entzücken des Madonnenantlitz. Seit vier Monaten kannte ganz Hamburg den Vater Lampert, der kleinere Theil der Bürgerschaft hielt ihn für ein Original, die größere Hälfte für einen Verrückten. Diese etwas anrüchige Classifizirung verdankte Lampert seiner auffälligen Lebensweise. Seit seiner Ankunft in Hamburg betrieb er nämlich alle denkbaren LeibesÜbungen. Punkt sechs Uhr Morgens siand er auf, trank seinen Kaffee und trieb dann von halb sieben bis acht Uhr Zimmergymnastik. Dann stürzte er in die Badeanstalt, zur Schwimmstunde, und, kaum aus demWasser heraus und eiligste angekleidet, begann er einen Dauerlauf von einer ganzen Stunde durch die Straßen der Stadt. Damit schloß der Vormittag. Nachmittags von drei bis fünf Uhr machte er die Uebungen der Feuerwehr mit, besonders diejenigen, welche zurNettung von Menschenleben dienten. In der Republik.Hamburg konnte es ihm damals noch gelingen, durch Geld und gute Worte als Freiwilliger bei den Uebungen geduldet zu werden. Die Sache ging auch monatelang ganz gut und glatt, bis er eines Tages es war sein fünfzigster Geburtstag die ganze Mannschaft so flott mit Wein und Bowle traktirte. daß sie bald gänzlich betrunken war. Zank, Gesang und Freudengeheul wechselten so lange ab, bis der Feuerwehr-Direktor anlangte und dem Unfug ein Ende machte. Nun war es mit der Würde unseres Melden als Feuerwehrmann vorbei. Doch er tröstete sich, er hatte genug gelernt, und wenn einmal Feuer ausöraÄ, dann konnte und wollte er auch als Helfer und Retter an der Unglückstätte erscheinen. Tag für Tag trieb er sich in den Abendstunden ,in den Straßen Hamburgs umher, um im Falle eines Unglücks bei der Hand zu sein. Zu seinem größten Schmerze war ihm das Glück nicht hold; brannte es im Norden der Stadt, dann war er sicher im Süden derselben, fiel Jemand in eins der vielen Flethe. welche die Stadt durchziehen, so war er bestimmt draußen an der Elbe, und ertrank ein Mensch im Hafen, dann war er an der Alster. Das nagte an ihm, er hatte Augenblicke der Verzweiflung, seine Gesichtsfarbe wurde um einen Ton heller und seine Taille um einen Zoll schmächtiger. Auffallend war es, daß Klara, seine kluge Tochter, ihn nicht wegen feines excentrischen Gebahrens tadelte, sondern ihn im Stillen bemitleidete. Es schlug drei Uhr, und Lampert machte sich, wie immer, auf den Weg zum Uebungsplatze der Feuerwehr; d:nn durfte er auch die Uebungen zu seinem größten Leidwesen nicht mehr mitmachen, so mußte er denselben doch als Zuschauer und Kritiker beiwohnen. Kaum war er um die nächste Ecke verschwunden, so betrat ein junger, reicher Hamburger, Karl Petersen mit Namen, das stattliche Haus Lamperts und ließ sich bei der Tochter des Hauses melden. Klara empfing den junaen Herrn fofort, und kaum hatte die Dienerin die Thür hinter ihm geschlossen, so eilten '.die beiden jungen Leute freudestrah lend auf einander zu, herzten und küßten sich wie ein echtes und rechtes Liebespaar. ' '. Endlich befreite sie sich aus den Armen des Geliebten und fragte zwischen Lachen und Staunen: Woher kommst Du denn so plötzlich und unerwartet? . Du hattest Deine Reise um die Welt doch schon vor zehn Tagen begonnen! Du mußtest also heute etwa in Rio de Janeiro oder Buenos-Ayres sein!" , Ich komme von Wyk auf der Insel " Fohr!". : Das nennst Du eine Reise um die Welt?" ' Sie lachte von'Herzen. " Ja, weiter ging es nicht mehr! Es zog mich mit Gewalt zu Dir zurück! Ich hatte eine Ahnung, 'als ob Dein Vater einen hinterlistigen Gedanken hegte, da er mir so dringend eine Reise um die Welt anempfahl!Klaras Gesicht wurde ein wenig ernst. Da hat Deine Ahnung Dich nicht getäuscht!" ' 'Was ist geschehen?!". . ' ; Papa hat über meineHand verfügt, gleich nach Deiner Abreise." Na. so eine Tücke!" " Ich soll einen Berliner heirathen,' einen älterenHerrn, den Papa als einen tüchtigen und fleißigen Geschäftsmann kennen gelernt hat. Von einer Heirath Dir will er absolut nichts wissen!" ' '!t also immer noch auf sei- . - s'ine Tochter' keinem Üu." - :.. :er nicht irgend einen bestimm.: , "?..-.?s erwählt hat?" ,.5eu!e me - ls jemals!" Daö ist ja lächerlich! Ich, einer der reichsten jungen ' Männer Ham- - r v i .? eine Sünde wäre, wollte ich denenEon currenz auf irgend einemFelde mz&vs Nimm es mir nicht übel, aberDein Vater ist wirklich in letzter Zeit nehr als l sonderbar geworden!"

vur-5, oa mir ourcyaus einen Beruf erwählen! Mein Gott, es sind ja so viele mittellose junge Leute da. dan eS

Urtheile nictzt allzu strenge! MeZ begreifen, heißt alles verzeihen!" Ja, aber ich begreise und verzeihe nichts!" Höre zu, was tz mir gleich nach Deiner Abreise mittheilte und wie er sein Verlangen begründete." Sie nahmen Beide auf einem Sopha Platz, und sie berichtete nachfolgende Thatsachen aus dem Leben ihres Vaters:. Frühzeitig war sein Vater gestorben, und dieMutter erzog den Knaben nicht, sondern sie verzog ihn in des Wortes schlimmster Bedeutung. So besaß er, zum Manne herangereift, weder Lust noch Thatkraft genug, irgend einen Beruf zu erwählen. Die Noth trieb ihn auch nicht, denn er hatte ein sehr großes Vermögen von seinen Eltern geerbt. So verging ein Jahr nach dem andern, und die Marter der Langeweile wurde immer größer und unerträglicher. Immer wieder nahm er sich vor, eine Thätigkeit zu ergreifen, um das nagende Gefühl der Unzufriedenheit und der Langeweile zu vertreiben, doch vergebens; er kam zu keinem Ergebniß, es war zu fpät, die Thatkraft mangelte ihm. Der Garten seines Hauses in Bergedorf grenzte direkt an die Elbe, und ein tadelloser Nachen lag stets am Ufer. Einen Monat etwa vor seinem Weggang von Bergedorf ging er in seinem großen Garten spazieren, als plötzlich klägliche Hilferufe vom Wasser her an sein Ohr schlugen. Er eilte dem Flusse zu und sah, wie mitten auf demselben neben einem umgeschlagenen Kahn ein Knabe mit den Wellen kämpfte. Erst als er seinen eigenen Kahn ins Wasser schieben wollte, bemerkte er, daß der gekenterte Kahn sein eigener war. Sonst kein Mensch und kein Kahn in der Nähe, und er war des Schwimmens unkundig. So mußte er mit ansehen wie der Knabe nach kurzem Kampfe für immer in den Wellen versank. Obwohl der Verunglückte einer der nichtsnutzigsten Jungen des Ortes war und sein Unglück verschuldet hatte, so nahm sich Lampert dessenTod so sehr zu Herzen, als trüge er mit Schuld an dem Unglück. Seit jener Stunde verfolgte ihn der starre hilfesuchende Btfck des Knaben, und es duldete ihn nicht länger in seinem Geburtsorte. Er zog nach Hamburg, und hier begannen die sonderbaren Leibesübungen. Seit jenerStunde sucht er sich um die Menschheit verdient zu machen, womöglich ein Menschenleben aus Feuers- oder Wassersnoth zu retten. Als Klara soweit mit ihrem Bericht gekommen war, sprang Petersen erregt auf und rief: Das ist ja eine Verrückthei" Aber Karl!?" Nun ja, so sagen wir eine Marotte! Und um einer solchen willen soll ich auf mein ganzes Lebensglück verzichten? Niemals!" Der Vater roiid seine Ruhe und sein seelisches Gleichgewicht erst wiederfinden, wenn es ihm gelingt, einen Menschen von dem sicherenTode zu retten. Aber wann wird das geschehen? Sie seufzte tief und traurig. " Petersen schaute einen Augenblick sinnend zu Boden, dann huschte ein Lächeln über sein energisches Gesicht, und sich wieder neben Klara niederlassend, sagte er: Bald wird es geschehen!" Was willst Du thun?" Ich will Deinem Vater die Ruhe wiedergeben und mir mein Glück erobern." Sie blickte vertrauend und fragend auf den Geliebten, dieser aber antwortete, ihre Gedanken errathend: Ich kann Dir jetzt noch nichts sagen, aber ich bitte Dich, mir zu vertrauen und mir zu helfen. Ich werde Dir für morgen eine Einladung Deiner Freundin und meiner Base Franziska Petersen zukommen lassen; ich bitte Dich dringend, dafür zu forgen, daß Dein VaterDich begleitet, das Andere soll dann meine Sorge sein." Ich bitte Dich, sage mir, was Du vor hast! Wenn eö mißlingt, ist unsere Lage schlimmer als je zuvor!" Frage licht weiter, vertraue mir!" Warum soll ich Dir mehr vertrauen als Du mir?" . Ich werde Deinem Vater ein guter Arzt sein, das lasse Dir genügen!" Er blieb.standhast, trotz aller Bitten und er verließ das Haus, ohne seinen Plan enthüllt zu haben. Die Villa der Base Petersen, wohin die Familie Lampert geladen werden söllte. war ein schönes und werthvolles Besitzthum, an drei Seiten mit den herrlichsten Gartenanlagen umgeben, während die vierte', die Rückseite, unmittelbar von der Alster bespült wurde. In einem Zimmer der Villa Petersen, im ersten Stock, nach der Alster hinaus gelegen, trafen am Nachmittag des anderen Tages Gottfried Lampert und KarlPetersen zusammen, während Klara mit ihrir Freundin erregt im Garten auf und nieder, wanderte. Petersen , hatte versucht,, m Güte Lampert von seiner Weigerung abzubringen; aber jede Mühe war vergeblich. . Sie wollen mir also Ihre Tochter absolut nicht zur Frau geben?" rief Petersen. anscheinend des langen Hin- und Herredens müde, in sehr erregtem Tone. Niemals, niemals!" erwiderteLampert ganz entschieden. Herr, nehmen Sie Vernunft an!" Das ist. ganz unmöglich!" Das wäre ein großes Unglück!" Das leuchtet mir nicht ein!" Sie sind erregt; wenn Sie ruhiger sein werden, dann . . ." Dann wiederhole ich nochmals: Niemals, niemals!" Ist das Ihr letztes Wort?" DaS klang so ernst und drohend, daß Lampert nur mit Mühe die Festigkeit des Tones behielt, als er. antwortete: .Mein letztes Wort!"

Gut! So kommen die Folgen auf Ihr Haupt!" Lamperts Gesicht färbte sich violett vor Schreck ob des drohenden und düsteren Tones, mit. welchem Petersen diese Worte gesprochen hatte. Dieser war zur Balkonthür des Zimmers geeilt, öffnete diese und trat auf den Balkon, unter welchem die Alster leise rauschte. Auf Wiedersehen in einer besseren Welt!" Mit diesen Worten schwang sich Peterfen über die Brüstung des Balkons, und gleich darauf schlugen die Wellen der Alster über ihm zusammen. : Einen Augenblick stand Lampert starr wie ein Steinbild, dann aber strahlte plötzlich sein Antlitz vor Freude; in einer Sekunde hatte er sich seines Rockes und seinerSchuhe entledigt, dann eilte er auf denBalkon und stürzte sich kopfüber in die Fluthen. Im selben Augenblicke tauchte Petersen in seiner Nähe auf. und mit einem freudigen Pusten faßteLampert denSelbstmörder. Anscheinend suchte Petersen sich von seinem Retter ' loszumachen, während er in Wirklichkeit dem Ufer zuschwamm, welches in wenig Minuten auch von Beiden glücklich erreicht wurde. Die zwei Freundinnen waren schon beim ersten schweren Fall in das Wasser erschrocken an das Ufer geeilt, und während Franziska bebend dem unerwarteten Schauspiel zusah, ging über Klaras Gesicht ein freudiges Leuchten der richtigen Erkenntnlß. Triefend vom Wasser, fchaute Lampert mit einem bisher nie gekannten Gefühl deS Glückes und der Zufriedenheit auf seinen Geretteten, den er gar nicht losließ. Karl aber blickte mit finsterer Miene auf seinen Retter und sprach in höchst vorwurfsvollen Tone: Warum haben Sie mich gerettet? DaS hat gar keinen Zweck! Ich mag nicht länger leben. und heute stürze ich mich in die Elbe!" Das werden Sie nicht thun!" schrie Lampert ganz erregt, in der Furcht, sein Rettungswerk könne auf solche Weise aufgehoben werden. So bereuen Sie also Ihre Weigerung?" Hm!" Sie schweigen? Gut, dann kann ich ja gleich wieder ins Wasser gehen!" Halt, halt!" schrie der entsetzte Retter und hielt den anscheinend völligVerzweifelten krampfhaft fest. Um Gottes willen, bleiben Sie! Einmal gerettet ist genug!" '" So bereuen Sie?" Ja ich bereue meine Weigerung!" Sie geben mir Jlre Tochter?" In Gottes Namen ja!" Mit einem Freudenschrei eilte Petersen, pudelnaß, wie er war, auf die Damen zu; doch die ergriffen lachend die Flucht. In Ermangelung eines besseren Gegenstandes umarmte Petersen seinen zukünftigen Schwiegervater, der ihn mit Stolz an die nasse Brust drückte. Von dieser Stunde war Lampert von seiner Marotte, den Lebensretter zu spielen, geheilt, er hatte seine vermeintliche Schuld gesühnt und lebte von NUN ab wie andere vernünftige Menschen. Als Klara später dem Geliebten Vorwürfe machte über dessen frevelhaftes und gefährliches Spiel, da lachte dieser von ganzemHerzen und flüsterte dann leise: OhneSorge, ich bin preisgekrönter Wettfchwimmer! Aber um des Himmels willen still, damit Papa niemals etwas von meiner Kur erfährt!" , Lampert hat auch niemals dieWahrheit erfahren; er liebte Petersen stets mit einer Art. väterlichen GefühlZ, und sein Schwiegersohn wäre der beste aller Menschen gewesen, wenn er sich nur irgend einen Beruf gewählt hätte. Am Hcckcnrainv Ich hab' mein bischen Glück begraben Am Heckenrain, wo ich es fand. Die fremden, kalten Menschen haben Daran gerührt mit rauher Hand. - - 1 Ein welkes Zweiglein dunklen Flieder Und einen Ring mit blauem Stein, Ein paar vergess'ne kleine Lieder, Die leg' ich noch zu ihm hinein. , . Dann ranken wieder Purpurwinden Sich von der Hecke über's Grab. Es soll, kein Mensch die Stätte finden, Wo ich mein Glück begraben hab'. Absichtliches Mitzverstehen. Sie: Ach Paul, ich sehne mich so nach einem Bade!" Er (zum Dienstmädchen): Anna, bringen Sie meiner Frau die Badewanne!" Frappantes Beispiel. Unterossicier: Kerls, auf stillgestanden" müßt ihr so stillstehen, wie das Alter eines neunundzwanzigjäkrigen Mädchens! ':z72." ' O, E in bi l d u n g! Denken Sie sich, Herr Lieutenant, gestern dekam ich auf dem Balle um neun Uhr plötzlich starkes Herzklopfen." Früher haben Gnädigste mich nicht bemerkt?" Reich befähigt.' 'Also Fräulein Burger . hat eine Mitgift von mehreren Millionen?" Ja,' die ist mehrfach heirathsfähig." Scheinbarer. Widerspruch. Herr: Was macht denn Ihr Fräulein Tochter?" Dame:, Die ist glücklich verheirathet; - aber leider recht unglücklich!" " Sicheres Anzeichen. Mutter: GlaubstDu. der Docior habe ernstliche Absichten auf Dich?" Tochter: Kein Zweifel, er macht bereits ein ängstliches Gesicht, wenn das Wort Schwiegermutter , fällt." ' . Guter Rath.' Was soll ich nur thun ? Ihr Auge sagt ja", ihr Mund sagt nein"!". Verschließe ihr den Mund durch einen Kuß!" -

Am Valdbrunnen. V.e Erinnerung ' von Peter Rosegger. Das alte Waldhaus aus dem Berge füllt in meinem Kopfe mehr Raum aus, als die übrige Welt. Es gehört aber auch der ganze Berg dazu, mit Allem, was drum und dran ist. Ich versichere Euch, es war eine ganze Welt, und nicht eine von den schlechtesten. Es lebten in ihr keine Philosophen, die sie schlecht machten. Das Haus stand sehr hoch oben, fast am Rande des Himmels, und täglich, sobald die Sonne aufging, beschien sie den Berg lachend von oben bis unten. Ich habe seither keinen goldenen Berg mehr gesehen. Die Mutter hatte ein braun gebundenes Gebetbuch mit Goldschnitt. Wie dieser, so leuchtete nser Berg empor inmitten des dunklen Waldlandes. Das Haus stand aus flacher Hochmatte, vor ihm herab lag steil das erste Riegelfeld, dann kam ei Holzzaun mit etlichen Steinhaufen, weiter herab lag das zweite Riegelfeld, das war noch steiler, böschte sich untenhin aber in einem Ram aus. Unterhalb des Raines begann der Wald, der abwärts ging und immer abwärts bis in's enge, schattige Wiesenthal. ' Gott, wie oft bin ich auf diesem Raine gesessen! Ich habe dort gewacht im Sommer, daß die Kühe nicht aus dem Wrfde heraufstiegen in das Kornselb; ich habe dort gewacht im Herbste, daß die auf dem Stoppelfelde weidenden. Schafe sich nicht verliefen in den Wald hinab. Ich habe dort gewacht im Frühjahr, wenn der Weidknecht mit der Jungmagd Brennholz hackte, daß die Beiden nicht aneinander geriethen, denn sie waren sich wie ich aus Andeutungen meines Vaters zu vernehmen glaubte spinnefeind. Manchmal war es wohl, daß mich der Knecht fortschicken wollte: Du Bub. Du hast schön Zeit, geh' hol' mir mein' Tabakspfeifen vom Haus herab!" Oder die Jungmagd: Du. Bübel geh' zum Steinhaufen hinauf, dort kannst es sehen, ob der Rauchfang dampft und es fchon bald Mittag wird. Wir sind schon hungrig. Geh', Bübel. nachher bist brav!" Ich aber ging nicht, sondern hockte fest und treu auf der Wacht am Rain. Meine Zeit habe ich mir dabei vertrieben mit Sammeln der Tannenzapfen, die von den hohen Bäumen herabgefallen waren, oder mit Hirschenschnitzen aus Baumrinden, wie ein anderer meiner Jugendstandesgenossen, der jetzt weltberühmte Meister Defregger. Der Weidknecht Franzl war kein übles Bürschel, aber diefes mein Hirschenschnitzen mußte ihm höllisch zuwider sein. Eines Tages, als er mit der Jungmagd wieder unterhalb am Raine beim Waldbrunnen einen gefällten Fichtenbaum in Blöcke zerschnitt, dabei durstig wurde, mit seiner Hutkrempe aus dem Brunnen Wasser schöpfte und das Dirndl fragte, ob es auch trinken wolle, legte dieses die Säge in's Moos und antwortete: Ja, Du, Franzl. mir ist es gleich recht, das Trinken, mir ist eh so Viel warm, weißt." Er bog die mit Wasser gefüllte Hutkrempe zu einem Schnabel und hielt ihn: dem Dirndl an die rothen Lippen. Und als sie dann ein wenig so neben einander dastanden, rief der Knecht plötzlich zu mir herauf an den Rain: Lausbub, fauler! Hast denn Du keine Arbeit den ganzen Herrgottstag, daß Du auf dem Rain herumkugelst, dieweil die Kühe auf dem oberen Felde das Korn fressen?!" Die Kühe auf dem oberen Feld das Korn! Mir ging die Kunde durch Mark und Bein, denn es oblag mir. auch das obere Feld, auf dem junges Korn grünte, vor feindlichen Ueberfällen zu bewachen. Ich lief eilends hinan zu den Steinhaufen, über den Zaun, über den Riegel. Da lag weit und still das grüne Feld, aber keine Kuh war darin zu sehen, nur ein Lerchenpaar flog munter drüber hin und her und dann, einander lustig verfolgend, hoch auf in den blauen Himmel. Beruhigt gmg ich wieder hinab zum Rain. Die beiden Holzschneidersleute mußten sich auch selbst umgesehen haben nach Kühen und Kornfeld, sie waren nicht da. Erst nach 'einer Weile kam die' Jungmagd zwischen den Lärchen herüber und sagte ganz laut: Wenn auf den Halterbuben kein Verlaß ist, so muß Unsereins selber nachschauen gehen.' Na, Franzl. wo bist denn?" Jetzt kam von den Lärchen auch der Knecht' her. Hast auch Du Dich nach den Kühen umgeschaut?" fragte sie ihm hell entgegen. Ich hab' mich nach den Kühen umgeschaut,", antwortete der Franzl, und dann gingen sie langsam wieder an's Holzschneiden. Der Waldbrunnen stand in einem Kreise von ruppigen Tannen und Fichten auf moorigem Angerlein, wo im Erdreich Fußlöcher waren von den Kühen. sie standen der 'Reihe' nach ' am Troge, so viele ihrer auf einmal dort Platz hatten und fchlürften mit' Beha-' gen das kalte Wasser. 'ein Winterdurst, den ich gar nicht .begreifen konnte. Hatten sie getrunken, so hing manchmal, wenn wir wieder auf den kalten Rain hinaufkamen, von den Schnauzen ein Eiszäpflein hinab, was aber gar nicht hinderte, daß unterwegs die munteren Stierlein schallten mit den Kälbern und dabei trotz meiner Winke mit der Gerte nicht vom Flecke wollten. Mein innerer Schmerz bestand in der Fürcht vor den Geistern. Denn an den Winterabenden war es beim Wassern" zumeist schon koblrabenfinst-r. Pfiff in. den Bäumen der Wind, so war eö unheimlich, und rührte sich kein Zweiglein, kein Luf!hauch, so war es noch unheimlicher. Ueberall lugte etwas hervor, zwischen den Stämmen, auö den Büschen, manchmal sogar ein funkelndes Aeuglein unter dem Brunnentroae. Wenn der kalte blasse Mond

zwischen den schwarzen Wipfeln herniederblickte auf den finsteren Äug, da war es schauerlich zum Vergehen. Die heiße Angst vor den Geistern hatte nur ein Gutes, sie jagte mir das Blut tüchtig durch die Glieder und schützte mich vor dem Erfrieren. Wie viele erfrorene Zehen und Finger hätte ich heute noch, wenn die Geister am Waldbrunnen nicht dagewesen waren! Man weiß nun , wenigstens, woher , die Unverfrorenheit kommt. Und fo wie ich mit den Thieren, gingen Andere mit den Wasserbutten zum Waldhrunnen hinab, um den Hausbedarf zu holen. Einmal hatte der Knecht so eine gefüllte Wasserbutten" im Vorgelaß des Hauses stehen lassen, in 'itx Nacht darauf gab es einen Knall und am nächsten Morgen lagen die Taufeln des Gefäßes auf der Erde und das gute Waldbrunnenwasser stand in Gestalt der Butten da, es war zu einem Eisklumpen geworden. Daraus erhellt, daß es in unserem Hause auf dem Berge manchmal kälter war, als unten im Freien beim Waldbrunnen, dessen Trogspiegel nie eine Eiskruste aufwies" Einmal hatte ich am Waldbrunnen ein großes Herzeleid. Im Herbst war's, ich hatte unten im Wiesenthal aus dem Fresenbach ein Forellchen gestohlen. Es war ohnehin selten genug, daß es mir gelang, mit den Händen so ein Schwänzlein unter einem Stein oder Rasen hervorzufangen. Nun hielt, ich das Thier noch im Wasser fest, daß es in seiner Art athmen konnte, und dachte nach, wie man das schöne Fischlein lebendig hinaufbringen könnte zum Haus auf dem Berge, um es dort im Hofbrunnen zu hegen und zu pflegen ßu meiner und der jüngeren Geschwister Ergötzung. Es muß nur Wasser haden unterwegs, sonst braucht es nichts. Und Wasser hat es doch, wenn ich dem Wässerlein entlang anwärts gehe, das da durch den Wald herabrinnt. Man hält es unterwegs manchmal hinein und läßt es wie in einem Wirthshause trinken. So geschah's. Ich lief mit der in der Hand schwänzelnden Forelle den Berg hinan und hielt sie von Zeit zu Zeit in ein Wsssertümplein. damit sie den Durst löschen konnte. . Anfangs machte sie darin noch das hufeisenförmige Maul auf und zu und bewegte die Ohren, wofür ich die Kiemen hielt. Ich lief dann wieder, was das Zeug hielt, aber der Berg ist hoch und allmälig würd? das Schwänzeln matter, krampfhafter, und wenn ich das Thier in's Wasser hielt, wollte es nicht mehr saufen. Ich versuchte ein anderes Mittel, das Buben bei ohnmächtigen Fischen anzuwenden Pflegten, ich blies ihm in's offene Maul Athem ein, das schien ihm aber gleichgiltig zu sein. Endlich kam ich zum Waldbrunnen. Das ist ein tiefes, klares, frifchs Wafser, das wird ihm schon taugen, da wird es sich bald erholen. Nur um ein Geringes weniger athemlos als der Fisch angekommen, warf ich ihn sofort in's Wasser. Er tauchte langsam in die Tiefe, legte sich dort seitlings auf den grünen Sammet hin, -daß der weiße Bauch mit den rothen Sternlein obenauf war, that Augen und Maul auf und beweate sich nicht. Am Ende ist

er todt? Dann wird er in diesem guten , rrr rr . . ? r. i -1 r.t c 4- ' xuaiici geioiy roicoci icocnoig, wenn man ihm nur Anregung dazu gibt. Ich griff vorsichtig hinein, richtete den Fisch auf, wie Fische stehen, kitzelte ihm die Flossen, schob ihn ein wenig voran, ja machte ihm mit dem Finger sogar das Maul auf und zu, wobei sich richtig die Ohren bewegten. .Aber als ich das liebe Fiscklein wieder losließ, um zu sehen, ob es endlich auf, eigenen Flossen stehen könne, legte es sich neuerdings auf die Seite und war wieder todt. Ich stand vor dem Troge, schaute in's Wasser und fing an. sehr traurig zu werden. Dann riß ich ein herzförmiges Lattichblatt vom Stengel, legte das kalte, weiche Leichlein darauf und trug es vollends . hinan zum WaldHause. Dort hat die Mutter den Fisch ausgeweidet, gewaschen, mit Salz bestreut und in die Gluth des Herdes geworfen. Und siehe, in der lichtgüldenen Holzkohlengluth' ward die Forelle wieder lebendig, wenigstens .begann sie allmählig den Schwanz zu heben und sich zu ringeln. Den Ring aber nahm die Mutter mit der Feuerzange heraus, dann blies sie die Asche weg und legte ihn auf den Teller. Und hernach habe ich aus lauter Traurigkeit um das Fischlein es aufgegessen bis auf das 'zartbegrätete Rückgrat und auf den Kopf, aus welchem mich die, runden, verkalkten Aeuglein ganz, verliebt anblickten. Am Waldbrunnen aber, wo all' diese Ereignisse sich zugetragen, stand einmal die Jungmagd Theresel und wusch sich. Sie wusch die Hände, das Gesicht. Die dunklen Flecklein und Sommersprossen gingen , nicht mehr weg; sie wusch sich die Augm, die blieben roih'und trüb, und dann setzte sie sich auf den Trogrand und hub an zu weinen. , ; . . Freilich hatte er sie heirathen wollen, der Franzl, sie war mit ihm schon zweimal ausgerufen von der Kanzel. , Anstatt des dritten Ausrufes am Sonntag vor der Hochzeit verkündete der, Pfarrer das Folgende: Gestern Nachmittag ,m fünf Uhr ist im 'Ländholz der beim Waldbauern bedienstete Knecht Franz Zeilhofer beim Oraßschnatten verunglückt, in seinem, zweiundzwanzigsten Lebensjahre. Lasset uns . 7 für feine arme Seele ein Vaterunser und ein Avemaria beten." Der Franz lag dieweil! in , der Vorlauben unseres HauseS schlank und blaß auf. dem Brett. .Die Jungmagd stand bei ihm und strählte, mit: einem Kamm sein weiches, nußbraunes Haar quer über die Stirn herab und steckte ihm ein Rosmarinstraußlein zwischen die über der Brust ineinander gelegten, wachsweißen Finger. ...... : Morgen war ja der Hochzeitstag Und wie hat sie sich zugetragen.die !

Geschichte seines frühen Todes? Der Ländbauer im Thale hatte meinen. Vater gebeten: Gelt, Nachbar, Du bist so gut und borgest einen Knecht, daß er mir Graß (Reisig) von den Fichten schnattet, ich bin schon alt und kann nit mehr hinauf und meine Weibsleut' wollen nit hinauf. Und. im Stall brauch' ich schon die Streu." Sagte mein Vater zum Weidknecht: Franzl, Du bist ein flinker Steiger. Kannst Dir für Deinen kommenden Ehestand ein Vergeltsgott erwerben, wenn Du . am - Samstag - Feiebend dem alten Ländhofer ein Paar Graßbäume fchnattest." Sell will ich schon thun," antwor-! tete der Franzl, der immer ein. williger Mensch war und der hoch auf dem Fichtenwipfel Eins zu jauchzen gedach- j te. so lange er noch Junggeselle thäte sein auf der Welt im sonnigen Abendschein. Und als der Feierabend kam, ging er hinab in das Ländholz. schnallte die doppelzackigen Steigeisen an die Füße und stieg an. Und als er hoch auf einem schlanken Fichtenbaume war und munter die längen Aeste abhackte, daß sie rauschend niederfielen ouf's zarte Haidekraut,-da kam der Machbar Knirpler mit einem Beil dher und schrie hinauf: Wer hat Dir's geschafft, in meinem Wald Graß zu'schnatten?"- - Das ist demLändhofer sein Wald!" rief der Franzl herab. . '' ' Du Lügenmaul. Du verdammtes!" darauf der Knirpler. Dort drenten ist die Grenze und dieser Baum gehört mein. Wirst herabsteigen?" Na." antwortete der Franzl, schnattete weiter und begann zu pfeifen. Wart, ich will Dir herabhelfen, Du Froschkeule, Du! Ich komm' Dir hinauf!" Komm' nur herauf." sagte der Franzl. auf dem Wipfel da haben zwei Vögel Platz." Und pfiff wieder. Da hat ben Knirpler, der ein wilder, halbverrückter Mensch war. die Wuth gepackt. Hinauf stieg er nicht, weil er sich nicht getraute, aber etwas Anderes begann er. Wart' nur!" keuchte er und hub an. den Fichtenstamm zu behacken mit dem Beil. Wart' nur. Dir will ich das Herabsteigen ersparen. Hängen wirst nit bleiben in der Luft, das weiß ich." Bei jedem Hiebe, den er dem Stamm versetzte mit dem scharfen Stahl, ging ein leises Zittern hinan den Schaft. Ein Kreuzschnabelpaar, das zu höchst im Wipfel genistet hatte, flatterte auf und umkreiste kreischend die Krone. Der Narr wird doch den Baum nicht fällen wollen, mag der Franzl sich gedacht haben. Und als er sah, daß der Knirpler ernst machte, begann er sich auf seinem Wipfel zu schaukeln, so daß der Bogen immer größer wurde, den der schlanke federige Baum durch die Lüfte schnitt. Der Franzl hatte die Absicht, durch das Schaukeln einen Wipfel der nebenstehenden Bäume zu erreichen und sich auf diesen hinüber zu schwingen, wie es die Eichkätzlein machen. Aber die Entfernung bis zum nächsten Wipfel war immer noch zu groß. Es währte eine Stunde und länger, der Kniler hieb eifrig los. die Späne flogen, der Stamm hatte bereits eine, riesige Scharte. Das hohle Dröhnen im Stamm , zeigte, dem Franzl oben wohl an, , daß das Beil schon an den Kern kam. Da würde er still und dachte vielleicht nach, was jetzt zu thun sei: ob er um Gnade bitten solle oder das Aeußerste abwarten. Für Ersteres wars vielleicht auch schon zu. spät, denn im Schafte begann es zu knistern. Aber es ist doch nicht zu. glauben, daß der Knirpler Einem an's Leben gebt wegen der paar Aeste da! Das ist ein wilder Mensch! Und jetzt haut er den Baum um! Jesus, Maria und Josef, verlaßt mich nit! Schaukeln that er nicht mehr, derFranzl; aber sachte, ganz sachte fing der Baum mit ihm an. sich nach einer Seite zu neigen; zuerst stoßweise, ruckweise, dann ein schmetterndes Schnalzen und ein Hinsausen durch die Luft Wild fchwirren die Vögel um den fallenden Stamm. Dieser streift eine alte Lärche, der Franzl hascht hin, er fangt sich am Lärchenast, aber die Steigeisen des Burschen sind tiefen's Fichtenholz gehackt, so daß der Franzl einen Augenblick an beiden Bäumen hängt. Da bricht der Lärchenast, und nieder mit dem krachenden Baum stürzt der Franzl. Mit dumpfem Schall schlägt sein Körper auf den steinigen Boden, wo er regungslos liegen bleibt. , .. . Am späten Abend, als es schon dunkette, kam der Knirpler langsam an unser Haus herangeschlichen .und brachte in weinerlicher Art die Nachricht vor. unser Weidknecht - sei' beim Graßschnatten im Ländholz', vom Baume gefallen;, er habe ihn dort gefunden Wir gingen gleich mit Laternen hinab; da waren fchon Leute dort, sie zeigten auf den Todten, auf den umaehauenen Baum und fraaten den Knirpler eindringlich, wie das habe gtschehen können?! So!" begehrte der Bauer überlaut auf. glaubt's etwan, ich hätt' die Fichten- umgehäckt?" . So hatte er sich zum guteir. Theil in jener Nacht fchon selbst verrathen. Das Geständniß legte er am zweiten Tage ab, vor dem Crucifix, im Gerichtssaale zu Leoben. Und den Franzl haben sie auf 'einem großen Reisigaste., .den er selbst vom

Baume gehackt, heraufgetragen ' durch den Wald. . Keme Wunde war zu smden an seinem Körper, nur aus dem Munde war Blut gekommen. . Als die Manner zum Waldbrunnen kamen, sedten fie dort die Babre auf das feuchte Moos und wuschen ihm mit ei nem weißen Tuche die Blutkrusten von Gesicht und Hals, so daß das kalk weiße Gesicht mit dem dunklen Schnurrbärtlein und den schwarzen .Augenbrauen volllg . schon anzueym

war. Und so ist der Franzl gestorben. An; diesem Brunnen hat , einst sein Blut geblüht und. an diesem Brunnen ist eS ihm abgewaschen worden.

Als nach all' diesen Geschichten mehr als 40 Jahre pergangen waren, da ist aus der Ferne ein ältlicher Mann gekommen und hat gerastet am Waldbrunnen. Vieles hat sich in der Gegend geändert, Haus um Haus war zur Erde gesunken und die Leute m sie hinein.- .Nur diese, alten,, knorrigen Tannen lind ",bie, Lärchen standen noch 0 wie einst und die Germen und Wildarren wucherten auf moorigem Bozen. Der Brunnentrog war noch immer nicht ganz vermodert, nur hatte er sich noch enger -auf den Boden hingeschmiegt, noch dichter in den grünen Mantel des Mooses gehüllt. Die Quelle aber rann so aus dem Gestein w:e ehedem, in ewiger Jugendfrische. Der Mann saß auf dem Rande des Troges und sein Denken versank in vergangene Zeiten. In jene wundersame Zeiten, als dort beim Feldrande n barfüßiger Knabe faß zur Wacht am Ram. als derselbe Knabe schauernd vor Kälte und Geistern die Rinder zur Tränke trieb in kalten Winterabenden, als er am Brunnen das Fischlem laben wollte an jenem geruhsamen Sommertage, als eine verlassene Magd sich die rothen Augen wusch und als ein junger Leichnam auf dem grünen Baumast ausgestreckt lag am Waldbrunnen Nach langem Träumen erhob er sich, fuhr mit der Hand über die Stirn und murmelte: O Menschenleben! O Menschenleben! Lehmann, wolltest du noch was? Der Bauer Lehmann war gestorben und wurde im Beitsein der ganzen Gemcinde, von ihrem würdiaen Ober Haupte geführt, beerdigt. Während der Rede des Pastors trat ein Junge an den Lehrer heran und raunte ihm ganz entsetzt zu: Herr Lehrer, am Sarae hat et gekloppt!" Ach Unsinn, Junge!" war die Antwort. Aber schon hatten es die Umstehenden gehört. Allgemeines Gemurmel und Kopfschüt teln. ' Was wird da gesprochen?" sprach der Pastor laut und ungnädig. Herr Pastor!" sagte der Lehrer bescheiden, der Junge behauptet, am Sarge hätte es geklopft!" So?Z Was ist das zu thun, Herr K.", Svendete er sich an den Ortsvorstand. Dieser war fast rathlos; er rückte mit den Schultern hin und her, sich hilfesuchend nach seiner in schwierigen Fällen immer Bescheid wissenden besseren Hälfte umsehend; endlich faßte er einen Beschluß. Er trat an den Sarg heran, während die Anwesenden sich so ruhig verhielten, daß man eine Nadel hätte fallen hören, klopfte an den Sarg und' sagte laut vernehmlich: Lehmann! ? Wolltest du noch was?" 'Lehmann antwortete nicht, also würde er begraben. Mädle, trau' koi'm Buaba net. Mädle, trau koi'm Buaba vet, Mädle. hör' me' a'; D' Buaba, guck, an alle ist Koi guat's Härle dra'!" ? .So und des saist Du zu mir, Ei der tausendnei'! Witt an Ausnahm' Du vielleicht Von der Regel sei'?!' IHM .Des g'rad net! Knütz bin i au, Aber no g'rad so, . Daß dös doch mit mir zur Noth Kannst riskier uoh!" An den entferntenGelieb ten. Frei nach Heine. Selten hat er mich verstanden. Selten nur verstand ich ihn; Denn er war auS Böhmisch-Czaslau, Und ich bin aus Neu-Stettin. Ein tragisches Duell fand in SavigNano bei Turin statt. Der Lieutenant Zemos vom 17. Cavallerie - Regiment Caserta fühlte sich durch einen Zeitungsartikel, den der Journalist Vinardi in der in Turin erscheinenden Luna" veröffentlichte, beleidigt. Die Folge war ein Zweikämpf auf Säbel. Beim ersten Gage erhielt der Officier einen Stich in die Brust und war nach wenigen Augenblicken eine Leiche. BeiRamaccainder Provinz Catania hatten jüngst die Karabinieri einen Zusammenstoß mit Briganten. Den Anlaß dazu bot eine hohe Geldforderung, die von den Briganten an einen reichen Grundbesitzer von Centuripe gerichtet war. - Statt das Geld an die im Briefe angegebene Stelle zu senden, schickte der Herr die Karabinieri, die am Orte angelangt, auch nicht lange auf die Bande zu warten brauchten. Es entbrannte natürlich ein heftiger Kampf, ein Karabiniere wurde verwundet, ein Raubgeselle getödtet und die beiden anderen entkamen unter dem Schutz der Nacht. Ein heiteres Mißverst ä n d n i ß ist aus einer Schöffenge-richts-Sitzung zu Danzig zu berichten. In der Strafsache gegen B. und Genosscn wegen Körperverletzung berief sich die Mitangeklagte Ehefrau auf das Zeugniß einer Nachbarin. Wissen Sie, wie die Frau heißt", fragte der Richter.- - Nein", lautete die Antwort. Ja, aber dann können wir die Zeugin doch nicht laden lassen, wenn Sie nicht einmal wissen, wie sie heißt." Nein, Herr Rath, jch bitte, die Frau zu vernehmen." Aber ich sage Ihnen doch,- daß wir Niemand laden können, den wir nicht kennen. Sie sagen ja selbst, daß Sie nicht wissen, wie Ihre Zeugin heißt." Herr Rath, die Frau beißt Nein" unb steht draußen auf dem Eorridor." Ach so!"