Indiana Tribüne, Volume 20, Number 10, Indianapolis, Marion County, 27 September 1896 — Page 7
Ein fürstliches aar. In die Zeit des zweihundertjähvigen Regieiungsjubiläums des montenegrinischen Herrschergeschlechts fällt ein Ereigniß. das aller Voraussicht nach geeignet ist, den Glanz dieses Hauses auch für die Zukunft zu derbürgen und zu erhöhen. Es ist dies die Verlobung der Prinzessin Helene von Montenegro mit dem Kronprinzen Victor Emanuel von Italien, der in dieser Eigenschaft den Titel Prinz von Neapel führt, in welcher Stadt er 1869 geboren wurde und einen großen Theil feiner Jugend verlebte. Die Politik hat mit dem Ehcbund, den der Erbe des italienischen Thrones emgeht, nichts zu schaffen. Er folgte dabei ausschließlich der freien Wahl seines Herzens. Daß er die Erwählte als Gattin heimführt, dankt er in er-
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. ' mm -'.s. f.,t'- X Das Brautpaar, ster Linie der unerschütterlichen Entschlossenheit. mit der er die fast unnbersteigbaren Hindernisse besiegte, die sich der Ausführung seiner Pläne entge?enstell!en. Der jetzt 27jährige Prinz, der in wenigen Jahren vom schwächlichen und schüchternen Jüngling zum vollkräftigen und willensstarken Manne ausreifte, ließ sich weder durch politische noch durch die dringenden Bitten seiner königlichen Eltern zum Abschluß eines Ehebündnisses bestimmen. Das Album mit den Porträts der disponiblen ebenbürtigen Fürstentöchter, das ihm Crispi in nicht zu verkennender Absicht vorlegte, wanderte ungeöffnet in den verstecktest! Winkel der kronprinzlichen Bücherei. Als er im Vorjahr die Prinzessin Helene in Venedig kennen lernte, fühlte er sich in tiefer Neigung zu ihr hingezogen.. Die Kaiserkrönung in Moskau führte die Annäherung und die Entscheidung herbei. König Humbert und die Königin, die einsahen, daß es sich um das Lebensglück ihres einzigen Sohnes handle, gaben ihr Zustimmung zu seiner Wahl. Der 5kaiser von, Rußland, der oberste Schutzherr Montenegros, ertheilte seine Einwilligung zum Uebertritt der Prinzessin in den Schooß der römischFürst Nikolaus. katholischen Kirche. Damit war die letzte Schwierigkeit aus dem Wege geräumt und als der, Prinz in Cettinje von den fürstlichen Eltern die Hand der Prinzessin Helene erbat, wurde ihm dieselbe freudigst zugesagt, denn einen höherstehenden Schwiegersohn als den Erben der italienischen Krone konnte das montenegrinische Fürstenpaar sich nicht wünschen. In der Re sldmz Cettinje und in ganz Montenegro vurde die überraschende Kunde mit Jubel aufgenommen. Die Falkm vom Schwarzen Berge sind stolz darauf, daß eine Tochter ihres Fürsten berufen ist, dereinst das Diadem, einer Königin zu tragen. In Italien aber wurde die Verlobung des Kronprinzen mit gedämpfter Freude begrüßt, denn man hatte gewünscht, daß der dereinstig: König von Italien den Thron mit einer Prinzessin aus kaiserlichem oder königlichem Geblüt theile. ' Die künftige Königin von Italien ist m Cettinje geboren und hat den ersie Unterricht, der sich auf die Erler- ' Für st -in Milena. nung der serbischen und franzosischen Sprache beschränkte, durch ihren Vatcr und eine schweizerische Gouvernanje erhalten. Sie ist das sechste Kind Zhrer Eltern und folgte auf den KrönPrinzen, der zur großen Freude des fürstlichen Paares und des montenegrinischen Volkes zur Welt kam, nachdem ihm vier Schwestern vorangegangen ' waren. Nach vollendetem zwölften Jahre wurde Helene nach Peterkbürg geschickt und gleich den älteren Schvistern einige Jahre in einer Er
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ziehungZanstalt ausgebildet, wo sie das Russische und Deutsche lernte. Sie lernte vortrefflich zeichnen und aquarelliren und zeigte viel Sinn für die Kunst, so daß sie auf Reisen in Westeuropa vornehmlich den Kunstsammlungen ihre Aufmerksamkeit schenkte. Sie hat z. B. die Dresdener Gallerie gründlich studirt und die Reise nach Venedig vornehmlich der dortigen Kunstausstellung wegen mitgemacht. Ihre Federzeichnungen sollen mitKupferstichen wetteifern. Schlank, hochgewachsen, von gesunder Farbe, mit schwarzen Haaren und dunklen Augen, ist sie eine wahre orientalische Schönheit. Sie liebt auch die Literatur und körperliche Uebungen, spielt gerne Lawn-Tennis und nimmt durch offenes, ungezwungenes Wesen füv sich ein. Das Denkmal für den Fürsten Danilo. ein Sarkophag unter einer von vier Säulen getragenen Kuppel, ist von ihr entworfen; auch die Zeichnung der neuen montenegrinischenOr-dens-Jnsignien rührt von der kunstverständigen Prinzessin her. Nclson's Flaggschiff. Das alte englische Linienschiff Foudroyant", welches im Jahre 1800 dem berühmten Seehelden Nelson als Flaggschiff gedient hat, ist einer vollständigen Renovation unterzogen worden und wird zur Zeit in Woolwich für eine lange Kreuzerfahrt auscerüstet. Das Schiff wird auch verschiedene Häfen unseres Landes besuchen, wie Boston. New York u. f.w. Es ist ein dreideckiges Kriegsfahrzeug, das nach dem vor einem Jahrhundert üblichen Typ im Jahre 1799 gebaut
Foudroyant. wurde und ursprünglich zur Bekampfung Napoleons bestimmt war, als dieser seinen Zug nach Egypten unternahm. Nachdem das Schiff außer Dienst gestellt war. wurde es an eine deutsche F:rma verkaust, spater jedoch von den patriotischen Engländern wieder erworben. Jetzt ist der Foudrorjani" vollständig wiederhergestellt und führt sogar dieselben Geschütze, als in jenen Tagen, da er Jagd auf franz'ösische Fregatten machte. Verschnappt. Hausfrau: Weißt Du. Eduard, das, neue Dienstmädchen hat sich sehr gut bewahrt. Und wie nett sie lst; ich habe ue, offen gestanden, recht lieb. Gatte (herausplatzend): Ich auch. nebe Anna! Ein Wunderkind. Nachbarm: .Nun. Frau Nathan söhn, wie macht sich der kleine Salomon?" Frau Nathanshn: Er ist ä wahres Wunderkind, kaum 2 Jahre alt, sagt er schon, Gott der Gerechte.Belohnung. Unterofficier Weil heute MorZen AlleS .so jut je klappt hat. wollen wir die Freiübun gen mit der Front nach der Wurstfa brik machen!" Blumen spräche. Soldat .üerr Feldwebel, kann ick Urlaub be kommen? Wir schlachten daheim!Feldwebel: Ja. Wenn Du emen Tag länger bleiben willst, so schick' nur Nachricht wickel's aber gut ein!" SckonerTrost. .Was me! nen Sie, Herr Collega, der Huber hat mich den größten Schasskops deSJahr SundertS aenannt! Soll ick ibn for dem?" Wam nickt aar! DaS Jahrhundert dauert ja nicht mehr lang!'
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Yazin's ollschiff. Dem Bestreben, die Schnelligkeit der Dampfschiffe durch immer größereMaschinenleistung und schlankeren Bau zu erhöhen, stellt sich als em wesentliches Hinderniß entgegen, daß mit Vergrößerung der Geschwindigkeit auch der durch Widerstand und Reibung verursachte Krastverlust wachst, so daß die gegenwärtigen Kielfahrzeuge schon an der Grenze des Erreichbaren angelangt sind. Um dem Wasserwiderstand gegen die Vorwärtsbewegung zu beseitigen. wodurch nicht nur die Geschwindigkeit erhöht wird, sondern auch eine große Ersparung an Triebkraft sich erguot, hat nun der Franzoft Bazin einFahrzeug construirt, das aus einer flachen rechteckigen Plattform besteht, welche auf' sechs hohlen Rollen gleich Rädern ruht. Das Princip, auf das Bazin sein Rollschiff basirt, hat er bereits vor zwanzig Jahren erfunden und im Der E r n e st Bazin." Kleinen erprobt. Bazin suchte ein Schiff zu bauen, das über das Wasser hinrollt, statt es zu schneiden, und kam dabei auf den Gedanken, das erträumte Fahrzeug mit großen, wasserdichten Hohlrädern zu versehen, die es über Wasser halten. Wird dann diesen Hohlrädern einerseits eine drehende Bewegung gegeben und andererseits durch eine SchHaube die Vorwärtsbewegung verliehen, so schießen die Hohl rüder mit einer rasenden Schnelligkeit nahezu an der Oberfläche des WasserS dahin. Das Problem, den Fahrzeugen eine bedeutend höhere Geschwindigkeit zu verleiben,ohne darum dieDimensionen desselben bis ins Ungeheuerliche zu vergrößern, war gelöst, allein es fragte sich noch immer, ob die Erfindung auch für Seefahrten practisch verwendbar sein würde. Einer Gruppe amerikanischer Unternehmer hatte Bazin es zu verdanken, daß er die für den Bau des ersten Fahrzeuges nöthige Million erhielt. Das Gerüst des Ernest Bazin" wurde zu SamtDenis hergestellt und dort erfolgte der Stapellauf des erst halbfertigen Schiffes, das nicht weniger als 160.000 Kilogramm wiegt und eher emem nesigen sechsräderigen Karren gleicht. Zu dem Stapellauf hatten sich mehrere Ik Ciir'?3 tk r?-- I Vorderansicht. Admiräle, zahlreiche Ingenieure und Journalisten emgesunden, die das tu ferne Ungeheuer auf dem Gerüst etwas mißtrauisch ansahen. Allein die Stimmung schlug um.als derErnestBazinauf das vom Erfinder gegebene Zeichen die schiefe Ebene hinab in den Sei ne-Canal glitt. Die Marseillaisewurde von einer Musikkapelle angestimmt und unter enthusiastischenHochrufen wurde das erste geglückte Ezperiment der Stabilität des Rollschiffes im Wasser constatirt. Am nächsten Tage wurde dieses von einem Schleppdampfer aus Saint-Denis die Seine abwärts geführt, um in Rouen mit dem Dampfkessel und dem oberen Gerüst, dem Verdeck u. s. w. ausgestattet zu werden. Nach Beendigung dieser Arbeiten wird der Eniest Bazin- nach Havre und Dieppe und von dort nach London gehen, wo auf der Themse die endgiltigen Versuche vor den Mitgliedem des amerikanischen Syndikats stattfinden sollen. Nach der Berech nung des Erfinders muß sein Roll schiff, daö theoretisch eine Jahrge schwindigkeit von 40 Knoten per Stunde, in der Praxis aber zum minbesten eine solche von 30 Knoten hat, die Fahrt nach New Fork in vier Ta gen zurücklegen. . ' Nur. es Es ist wohl schon Jemand d'rin bei der gnädigen Frau?" .Nein nur ihr. Mann!Es gibt Menschen, denen die Wahrheit immer wie eine Grobheit vorkommt. . Praktisch. Frau: Du solltest Dir doch endlich einen Schirm kau--fen, wo es jetzt alle Tage regnet!" Mann: Ach wo; ich bringe morgen den Professor Meier mit? der läßt den seinigen gewiß wieder 14 Tage bei uns stehen.
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Japan als modernes" Cultur-
land? Lon Tr. Max Levy. Die Ereignisse im letzten Jah?e haben die öffentliche Aufmerlsammkeit mehr und mehr auf Japan gelenkt. Man sah zu seinem Erstaunen, wie ein Volk, das von den handeltreibenden Nationen bis dahin als melkende Kuh betrachtet worden war, plötzlich Miene machte, sich diese Rolle nicht länger gefallen zu lassen. . Es wollte gleich Leporello nicht länger Diener sein. Vor zwei Jahren hat es im Kampfe mit China eine Probe seines Könnens abgelegt, die diesen Bestrebungen Beachtung fchaffen mußte. Heute sitzt es fest im Sattel. In der Weltpolitik stellt es bereits einen wichtigen Factor dar. im Welthandel macht es stetige Fortschritte, und auch auf wissenschaftlichem Gebiete haben einzelne Vertreter Erfolge errungen. . Dem gegenüber mag die Frage etwas verwunderlich klingen, ob Japan wirklich ein Culturland im modernen Sinne des Wortes ist. Aber ich glaube. Jeder, der einmal einen Blick in dies wunderbare Land der Gegensätze geworfen hat, ist oft genug in Lagen gewesen, in denen sich ihm diese Frage aufdrängte. Für das Verständniß der jetzigen Verhältnisse Japans ist die Kenntniß einiger Daten aus seiner Vergangenheit erforderlich. Die Erschließung Japans datirt erst aus dem Jahre 1853, in welchem amerikanische Kanonen die Freigebung einiger Häfen für den Handelsverkehr erzwängen. Was weiter zurückliegt, kommt für die moderne Entwickelung Japans nicht in Betracht. Denn die Periode im 16. Jahrhundert, in welcher die Holländer und Portugiesen lebhafte Handelsbeziehungen unterhielten, hatte einen blutigen Abschluß gefunden und kaum Spuren ihres Daseins hinterlassen. Um die Mitte unseres Jahrhunderts bestand in Japan ein eigenthümliches Regierungssystem. Legitimer Herrscher und gleichzeitig Oberhaupt der nationalen Kirche war der Mikado. Dieser hielt in Kioto. umgeben von einer großen Zahl von Sumarais, Vertretern des hohen Adels, eine glänzende HofHaltung, der nichts weiter fehlte, als die wirkliche Macht. Diese war in den Händen des Schogun, eines Usurpators, und wurde gestützt durch eine Prätorianertruppe, die Hatamotos, deren Sold in Landschenkungen bestand. Außerdem gab es noch, eine große Anzahl von Daimios. Fürsten, die sich großer Selbständigkeit erfreuten und eine mehr oder minder große Zahl von Samurais in ihren Diensten hatten. Nach der Schätzung eines Autors gab es 260 Fürsten. 80.000 Mitglieder des Erbadels und mehrere Hunderttausend des Schwertadels. Dies waren die Herrscher und Besitzer von Japan. Ihnen gehörte jeder Zoll Erde im ganzen Reich der aufgehenden Sonne. Die Masse des Volkes, die Bauern, die Handwerker, das heißt alle Diejenigen, deren Arbeit dem Boden erst seinen Werth verleiht, waren besitzlos und mußten die Last der ungeheuren Zahl von Adelswirthschaften und Hofhaltungen trugen. Wir finden also in Japan ein Sysiem herrschend, das mit-, dem Mittelaltcrlichen Feudalstaat viel Aehnlichkeit zeigt und nur bei weitem schärfere Formen angenommen hat. Die Folgen dieser Verhältnisse zeigen sich dem Beobachter heute noch, sobald man nur auf das Land kommt. Von der Ausnutzung des Grund und Bodens in Japan kann man sich eine annähernde Vorstellung machen, wenn man die Weinberge am Rhein gesehen hat. Einem Landwirth muß das Herz lachen bei der Besichtigung dieses kunstvollen Berieselungssystems. dieser Reis-, Hirse-, Baumwollfelder und Gemüsebeete, aber einem Volksfreund erweckt dieser Anblick traurige Vorstellungen. Ist doch solche intensive Bodencultur im Allgemeinen identisch mit hohen Ladenpreisen und niedrigster Jewerthung der menschlichen Arbeitskraft. Eine Bestätigung dieser Annahme wird man in folgenden wenigen Ziffern finden: Die Größe eines aus Reisland bestehenden Pachtgutes von Durchschnittsgröße beträgt etwa 1 Tscho gleich 99 Ar (ca. 2.45 Acres). Dasselbe stellt einen Capitalwerth von etwa 4400 Mark dar und giebt einen jährlichen Ertrag im Werthe von 1600 Mark. Der Pachtzins beträgt 50 Procent des Gesammtertrages, giebt also eine Verzinsung des in Grund und Boden angelegten 'Capitals von ,13 Procent. Für den Pächter bleiben 800 Mark, von denen er den gezahlten Tagelohn, die Betriebsunkosten und die eigenen Bedürfnisse decken muß. Der Druck, der auf den Vächtem ästete, wurde in früheren Zeiten, als die Gesetzgebung noch nicht beschränkend eingriff. durch den Uebermuth der Grundherren noch vielfach verfchärft. Diese hatten nämlich die Macht, in Form von Vorschüssen noch weitere Ävgaven zu erpressen, deren Ruckzahlung ratenweise binnen zehn bis zwan,ig Jahren oder auch gar nicht erfolgte. Ein gesetzliches Mittel gegen diese Ausbeutung ab es nickt, doch ließ ein gewisses Noblesse oblise die hohen Herren gewöhnlich ein bestimm' tes Maß nicht überschreiten. Manchmal aber kam es vor, daß die ganze Schaar der Pächter in elendem Auszug vor dem Hause ihres hartherzigen Gutspatrons erschien, um ihn durch ihren Jammer zu erweichen und gleichzeitig vor seinen Standesgenossen bloßzustellen ein kidlicheö Unterfan
gendenn dem Rädelsführer kostete das gewöhnlich den Kopf. Tagelöhner erhalten in Japan emen Lohn, der Zwischen 35 und 160 Mark für das Jahr variirt, außerdem Kleidung und Nahrung. Diese besteht an den Wochentagen ausschließlich aus Hirse, an den Festtagen aus Gerste oder Buchweizen. Reis ist ihnen ein unbekannter Genuß. Afterpächter giebt es vielfach. Sie führen den charakteristischen Namen der wassertrinkcnden Pächter". Die Organisation der Gemeinden ist ganz darauf berechnet, eine 'Pachthinterziehung unmöglich zu machen. Je fünf Männer wählen einen Bevollmächtigten, je fünf Familien einen Vorsteher. Das Oberhaupt des Dorfes ist der Schulze. Jeder von diesen Beamten hat den Ernteertrag und damit die Pachtsumme in seinem Bezirk festzustellen und bekommt dafür fünf Procent des Ertrages als Gehalt. Es liegt in der Natur dieser Einrichtung, daß die Pachtsumme eher zu hoch als zu niedrig angesetzt wird. In Jahre 1868 hat der Mikado, nachdem er den Schogun gestürzt, die Vorrechte des Adels abgeschafft. An den Agrarverhältnissen ist dadurch indeß nichts geändert worden. Nur hat das sociale Unrecht dadurch, daß es in
ein strenges System gebracht und von den früheren Ausschreitungen befreit worden ist, den Schein des Unabänderlichen gewonnen. Eine einfache Ueberlegung führt uns ohne Weiteres zu dem Schlüsse, daß die Verhältnisse m den Städten denen auf dem Lande analog sn müssen, und die Wirklichkeit entspricht durchaus dieser Annahme. Der japanische Arbeiter ist bekannt wegen seiner Nüchternheit, Bescheidenheit, Gewandtheit und Ausdauer. Wir befinden uns in Kioto in einer Töpferwerkstatt. Da hocken zwanzig halbnackte Männer in offenem Holzfchuppen, jeder einen Thonkrug in der linken, einen Pinsel in der rechten Hand. Mit unglaublicher Geschwindigkeit werfen sie anscheinend planlos der eine blaue, der andere rothe Klexe auf die Oberfläche des Kruges, der erst in der fünsten oder sechsten Hand zur Vollendung gelangt. So sitzen die Sklaven der Arbeit von Morgens bis Abends, einen Tag wie den anderen denn einen Sonntag kennt der Japaner nicht und pinseln Strich um Strich. Krug um Krug. Die Löhne sind hinreichend für ihre Bedürfnisse.diese aber sind die Bedürfnisse von Sklaven, nicht von Culturmenschen. Das Bild, das sich uns in den verschiedenen Werkstätten bietet. 'ist stets mit geringen Nllancen dasselbe, in den Porcellanfabriken, Metallwaarenwerkstätten, Seidenstickereien. Ein Theil der kunstgewerblichen Erzeugnisse ist sicher von Niemandem sonst herzustellen als von den geduldigen Händen eines Japaners und verdient unsere Bewunderung. Aber es graut Einem fast vor diesen Arbeiten, in denen manchmal einige Jahre Arbeit und ein gut Theil Gesundheit stecken. cv. rrs..xr t,.ii s.. w Ä ffCn h i iift?,h r , n SÄ? ?S i;fflnnel 3?' fUC " r.:: mVjkn-rir. v.. lAVJL Ll uil . "l Vr tenden Klassen. Man wird kaum sagen können, daß ihnen die westliche Cultur Segnungen gebracht hat. Allerdings beweist das nichts für die Frage.ob Japan ein moderner Culturstaat ist. Finden wir doch auch in Deutschland stellenweise ähnliche Zustände. Es dürfte schwer sein, nachzuweisen, inwiefern der masurischeBauer aus der Anwendung der Dampfkraft und der Elektrität VortheU gezogen hat. Mir liegt es deshalb auch sehr fern. Japan den Titel eines CulturVolkes abzusprechen. Es hat eine Cultur, eine alte, hochentwickelte Cultur. Seine Kunst, seine Literatur, seine Philosophie zeigen einen hohen Grad von Vollendung. Es fragt sich nur: ist Japan ein modernes Culturland? Japan hat eine gut functionirende Verwaltung, eine strenge Polizei, ein geregeltes Sanitätswesen. Es hat eine Universität nach deutschem Muster. ein disciplinirtes Heer. Es . hat Fabriken. Eisenbahnen, elektrisches Licht gerade wie wir , aber trotzdem beantworte ich die Frage, ob Japan ein Culturland im europäischen Sinne ist. mit einem entschiedenen Nein. Ich glaube nicht daran, daß man eine Cultur gegen eine andere vertäuschen kann, wie man einen Rock auszieht und einen anderen anzieht. Die Cultur ist nicht ein Kleidungsstück.das der nackte Wilde umgeworfen hat, um zum Culturmenschen u. weiden. Se ist' sin Theil, ein Organ unseres Selbst, mit uns entstanden, mit uns gewachsen , und untrennbar mit unseren übrigen Organen verbunden. . Der Proceß, aber, der sich im Laufe der letzten 28 Jahre in Japan abgespielt hat, ist derselbe, den eine Zofe an sich vornimmt, indem sie sich mit den Kleidern ihrer gnädigen.-Frau busstaffirt. " So getreu sie auch alle Bewegungen nachahmen maa,, eme Dame wird sie darum doch nicht. Ich will mit diesem Vergleich Japan nicht herabsetzen. Seine Cultur ist in ihrer Art ebenso hoch entwickelt wie die unsere. Aber wenn man glaubt, eine tausendjährige Bergangenheit verleugnen zu können, so ist das einfach absurd. Ich will gern zugeben, daß einzelne auserlesene Geister, die in Europa an. der Quelle getrunken haben, wahrhaft moderne Menschen sind, aber ihre Zahl: verschwmdet in der Masse. - ; Augenblicklich ist Japan damit be schaftigt, einen, weiteren Schritt auf, dem eingeschlagenen Wege zu thun, ln dem es ein büraerlicbes Gelekbuck nach
europäischem Muster' verfassen läßt. Der Erfolg bleibt abzuwarten. Die
Skepsis hat aber auch hier ihre volle Berechtigung. Was ich vorhm von der Cultur im Allgemeinen fagte. gilt in gleichem Maße vom Recht. Es foll aus den Tiefen der Volksseele heraus organisch sich entwickeln und demgemäß auch mit dem Rechtsbewußtsein des Volkes möglichst in Einklang stehen. Entspricht nun ein Recht, das dem franzvsischen nachgebildet ist, diesen Anspruchen m emem Lande, dessen Adel bis dahin das HarLari als sein rühmvolles Privileg betrachtete? Als diesem Grunde' betrachte ich es als eine betrübende Erscheinung, daß die Regierungen sämmtlicher großen Handelsvölker der Erde sich beeilt haben. ihreConsulargerichtsbarkeit gegen einige elende Tarifvergünstigungen zu verschachern, ohne abzuwarten, wie sich das japanisckie Recht in der Praxis bewähren wird, ein Beispiel mehr, wie der Concurrenzkampf zur Schleuderconcurrenz führen kann. Wird Japan mit feinen Culturbestrebungen schließlich zum Zle kommen? Eine präcise Antwort auf diese Frage zu geben, wird sich wohl Niemand getrauen. Ein Zweifel ist jedenfalls einstweilen noch gestattet. Stellt man doch auch im Einzelleben Kindern, die durch frühe geistige EntWickelung auffallen, häufig keine gute Prognose. Einstweilen ist ja noch alles gut. In Japan , herrscht jetzt nach dem Krieg der Freudentaumel, wie seinerzeit in Deutschland nach dem Krieg von 1870. Aber wenn erst die Ernüchterung kommt, wenn die Segnungen der Äftercultur deutlicher in die Erscheinung treten, wenn die reactionäre fremdenfeindliche Partei, die jetzt, durch Kriegsruhm geTättigt, schweigt, wieder drohend ihr Haupt erhebt, so können Wirrungen in dem schönen Lande des Ostens entstehen, deren Ausgang sich der Berechnung entzieht. Der Zar auf Reisen. Nicht von dem gegenwärtigen Zaren Nikolaus II. und seiner Reconnais-sance-Reise soll die Rede sein, sondern von seinem berühmtesten Ahnherrn Peter I., der, wie man weiß, zu wiederholten Malen die europäischen Staaten bereist hat. In einem soeben erschienenen Buche Zur Knaben- und Jünglingszeit Theodor von Schön's", nach dessen Papieren zusammengestellt von seinem Sohne (Berlin 1896. Leonhard Simion) finden wir die beiden folgenden Geschichten verzeichnet, die gerade unter den gegenwärtigen Umständen von Interesse sein dürften: I. Der Zar auf der Reisenach Hollandund inParis. Dieser Monarch trunk auf seiner Reise nach Holland einen berühmten Brunnen. Der Fürst des Landes hatte sich nebst seinen Verwandten und Hof dahin begeben, um die Honneurs zu machen. Zweimal wurde der Czaar zu Gast zu ihm gebeten, bis er endlich das dritte Mal kam und ein Zimmer mit so viel Speisen antraf, wovon die Tafel hätte brechn mögen! Peter, der nichts weniger als leckerha t war, araerte sich über den Ueberfluß. Er gerte sich über den Ueberfluß fragte den Fürsten: Wie groß ist Euer Land?- Der. Fürst beantwortete es. Der Czaar fragte weiter: Wie viel zieht Ihr jährlich davon?" Dieses wurde gleichmäßig beantwortet. Der Czaar versetzte darauf: Davor ist die Tafel viel zu groß. Sind Eure Unterthanen mit Euch zufrieden?" Der Fürst antwortete ganz demüthig :Ja". Der Czaar erwiderte: Wie nun, wenn Sie mir anders gesagt hätten." Hierauf folgte ein nachdrücklicher Vortrag, von. den Pflichten der Regenten mit untermengter Anwendung auf die besonderen Umstände des gastirenden Fürsten, daß selbiger den Czaar in dieser Stunde lieber in Sibirien, als an seiner Tafel gewußt hätte. Der Czaar wandte sich darauf zu dem Erbprinzen, einemHerrn von 12 Jahren, sehr muntern Geistes und glücklicher Bildung, hob ihn in die Höhe, küßte und drückte ihn mit den Worten: Du bist ein braver Bub, folge aber nicht Deines Vaters Exempel, sonst wirst Du bald fertig werden, liebe Deine Unterthanen und schone sie, so wirst Du ein guter Fürst werden. Ihr Teutsche habt leicht gut zu regieren, und thuts doch nicht, ich aber habe aus Beester erst Menschen machen müssen." Die Prophezeiung des Czaars traf zwar, in . dem . ersten Stücklein ein, nicht aber dem letzten, indem der Prinz in derBlüthe seiner Jahre mit derTod abging.' Wie wärs, wmn viele unserer teutschen' Regenten dergleichen OberHofmeister hätten? ' Als dieser Monarch einst zu Paris ankam und im Louvre an eine Tafel, wozu achthundert Gerichte bestimmt waren, geführt wurde, forderte er statt aller Leckerbissen einen Krug Bier nebst einem Schluck Brandtewein. II. Der Zar in Karlsbad. Weil Ihr. Zzaar. Mayt. die vorige Woche noch in der Bad und Brunnen Cur begriffen waren, so wurde auf Dero Verlangen das Festin von dem Kayserl. Commißario Grafen Wratislaw bis auf den 6. Nov. ausgesetzt, an welchem Tage dann derselbe alle die von Drstmction sich hier befindenden Herrn eine halbe Stunde nochmalen einladen, und anbey bitten ließ, um 10z sich einzustellen, weiln Ihr. Mavt. um solche Zeit gerne speisen wollen. Wie der Chur-Hannöversche Gesandte mit dem Baron Losen um bestimmte Einkam, fand er Jhro Czaar. Mayt. .und alle übrigen schon an der Tafel -sizen. Es waren solches die beiden Grafen Goloskin. die beiden Grafen
Wilscheck. Wratislaw und !arijcykm, noch ein böhmischer. Graf der Gen.-Feld-Zeugmeister Bruce, der Gen. Adj. Jagozinsky. der Hof-Marschall, der Gen. Maj. und 'Knese Gallowin. der Dänische Le'gations-Secretarius Falke, ein Moscow. Priester. 2 Doctores. der Leib Chirurgus und ein lustiger Rath, zusammen an der Zahl 19. Nachdem Ihr. , Mayt. ohngefähr. Stunde gespeiset, fingen Sie an. aus einem Dcckelglase die Gesundheit Jhro Kaiser!. Mayt. unter Trompeten und Paukenschall zu trinken, wobey sie das Haupt so lange entblößt hielten, bis das Glaß. ausgeleeret. Und wie Sie nachhero wahrnahmen. daßSie nur allein von der ganzen Gesellschaft bedeckt waren, legten Sie Dero rauhe Müze, die Sie beständig tragen, bey Seite, nahmen des Gen. Adj. Jagozinsky Laquayen, der eben hinter ihm stand, seine blonde Perüke vom Kopf, fezten sich selbige auf und behielten sie bis zu Ende der Tafel. Welches denn wegen unterschiedener Couleur und der n allen Orten sich zeigenden eigenen schwarzen Haare auch des negligenten Aufsatzes halber Jhro ein eigenes. Ansehen gab. , Es wurde nächstdem auf die glücklichen Progreße der Groß Czaarischen Waffen und wiederum von Ihr. Mayt. aller Compagnie, wie Sie sagten, und zuletzt der ganzen Kayserl. Familie und des Erzherzoglichen Hauses Gesundheit getrunken auch sonsten die übrige Zeit bei der Tasel mit verschiedenen Discursen possiret. Nach gehobener Tafel und die Zeit über, da alles aus dem Saale geräumt wurden, hielten Jhro Mayt. mit unterschiedlichen von Deio Suite Unterredung, da indeßen etliche Jungfern von diesem Orte ausgesuchet und zum tanzen hingenöthigt wurden, welches nach 1 Uhr seinen Anfang ncchm. Ihr. Czaar. Mayt. wohnten zwar denselben sofort nicht bey. weilen Sie in Dero Cabinet von Drechselarbett etwas verfertigen ließen und dabey selbst mit Hand anlegten. Sie fanden sich aber doch bei der Gesellschaft bald wiederum ein. fingen auch, nachdem sie der Luftbarkeit eine Zeitlang zugesehen, etliche Englische Tänze an, und weilen Sie dabey nicht die geringste Unordnung leiden konnten, nahmen' Sie sich die Mühe, den Tänzern dieTours so lange zu zeigen, bis alles ordentlich zuging. Nach verschiedenen Englischen und Deutschen Tänzen wurden Jhro Cz. Mayt. etliche kalte Braten vorgesezt, von welchen Sie etwas zu sich nahmen und sich darauf gegen 7 Uhr durch die durchbrochenen Wände in Dero Logement begaben, woselbst Sie dem Marionettenspiel über eine . halbe Stunde zusahen, nach deßen Erledigung Sie dem Kayserl. Commißario eine gute Nacht wünschten und in Dero Schlafzimmer sich verfügten. Von denen mit Gewalt nach hiesiger Böhmischer Lassen oder Sclaven Art zusammengebrachten Maurer- und Zimmerleuten, welche nach St. Petersbürg geschickt werden sollten, sind unterschiedliche schon wiederum entlaufen, an derer Stelle man Muhe haben wird, in der Eyle so. viel wiederum zusamrnen zu bringen.
Die Münzensammlung Wadding ton. Wie aus Paris berichtet wird, ist auf Antrag des Unterrichtsministers in das Budget von 1897 ein Posten von 500.000 Francs eingestellt worden. um die Münzensammlung des verstorbenen Ministers des Aeußeren und Botschafters in London Waddington für den Staat aezukaufen. Waodingen hatte von frühester Jugend an begonnen, ausschließlich kleinasiatische Münzen anzukaufen und fein ganzes Leben hindurch keine Mühe und Opfer gescheut, um seltene Stücke zu erwerben. In fast allen Städten Kleinasiens. und auf allen Inseln zwischen Griechenland und Asien hatte er Correspondenten, die für ihn nach Münzen fahndeten und aus seine Rechnung die hervorragendsten ankauften. Da es von vornherein Waddington's Absicht war, seine Sammlung dem Staate zu vermachen, so ließ er es sich angelegen sein, nur Stücke zu erwerben, die sich noch nicht in den Sammlungen des Louvre, die bekanntlich in dieser Hinsicht die reichsten der Welt sind, vertreten finden. Durch seinen rastlosen Sammeleifer und durch seine Aufwendungen für Erwerbung seltener Münzen, die eine erhebliche Bresche in sein Vermögen legten, ist es ihm gelungen, 7000 Münzen zusammenzubringen, von denen zwei Drittel noch in keiner europäischen Sammlung vertreten sind. Die Sammlung befindet sich zur Zeit in den Gewölben des Cr&lit: Lyonnais, wo sie bis zur Erlegung d vom Staate geforderten 500.000 Francs verbleiben soll. Die Münzen vertheilen sich auf 400 Städte, abgesehen von den von Königen geprägten, und umfassen die Perioden von ungefähr 600 vor bis 300 nach Christi Geburt. Die schönste und vollstandigste Gruppe in dieser Sammlung ist eine Serie von Tetradrachmen des Königs Mithridates. Auf sammtlichen 7000 Münzen, sind nicht nur die Namen der Städte, in welchen sie geprägt wurden, sondern auch die Aböildüngen der in ihnen verehrten Gotthciten und hier und da auch die von gewissen in den klassischen Werken erwähnten Standbildern deutlich erkennbar. Man findet auf ihnen auch Namen von Beamten, die die Städte verwalteten, und die Münzen werden somit den Archäologen Anhaltspunkte für historische Studien und Richtigstellungen gewahren. Man hofft in wissenschaftlichen und auch künstlerischen Kreisen, daß das Parlament j keine Schwierigkeiten machen werde, j die für die Sammlung von den Erben Waddingtons geforderten 500,000 Francs zu bewilligen, da dieselbe einen Werth von mehreren Millionen hat.
