Indiana Tribüne, Volume 19, Number 254, Indianapolis, Marion County, 31 May 1896 — Page 7

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'Zlatmßeirmetyode. VonM. Stahl. i Ada krankt an einem stillen Weh", schrieb die Reaierungsräthin Sternau ov. ibre Jugendfreundin, die Frau Oberamtmann Beerbaum. Die diesjährige Wintersaison mit den vielen Bällen hat sie auch etwas mitgenommen, ich schicke sie zu Dir aufs Land, damit sie in Eurer lieblichen Idylle Ruhe und Erholung finde." Und so traf an einem der ersten Frühlwgötage Ada mit dem stillen Weh. ctrTe achtzehnjährige junge Dame, Zehr mod:rn. nach dem neuesten Chic gekleidet, auf dem großen Pachthof in Kiekebusch ein. Das Landleben erweckte ihr stets die LorsteUung von Fliederlauben, Nachti gallen und Mondschein, von weinlaubumsponnenen Hütten mit Schwalben f.ezwitscber unter dem Dachfirst und malerischen Heerden auf blühenden Wiesen. Wie schön würde es sich dem Sehnen ihrer heimlichen Liebe nachträumen lassen, allein, bn Sonnenauf gang auf stiller Flur, oder bei dem Läuten der Abendglockcn an derKirchIiofimauer, während der Duft der ers!en Veilchen aus dem Friedhofsgras aufstieg. Adas beimliches Sehnen galt dein lavierviriucsen, der unter dem .,. m c. off.'r unoen Klaviervir interessanten Namen Henry Lafleur im Winter in den Gesellschaftskreisen der Residenz geglänzt hatte. Man beZ?auptete, er hieße Heinrich Löffler und siamme aus Perleberg. Die Männer fanden den hochaufgeschossenen Jung ling mit den langen dünnen Fingern und der gewaltigen Haarmähne gräßaber es war unglaublich, welche Verheerungen er in Frauenherzen mit der Macht seiner Töne anrichtete und elleicht auch mit der ungewöhnlichen Akt. seinen Kravattenknoten zu schlinLeu. Auch Adas Herz war seinen düsteren Schwärmeraugen und Chopinschen Nocturnos erlegen und nachdem er ihr auf dem letzten Diner beim Bankier Kühnemann, zwischen dem Stangenspargel und dem Hammelrücken mit Musserons, anvertraut hatte, er wäre von dem berühmten Stamme Aßra, die da sterben, weixi sie lieben," seitdem war sie überzeugt, daß ihr das Leben nun weiter nichts mehr bieten könne, daß sie das höchste Glück und den tiefsten Schmerz erfabren habe und moralisch verpflichtet sei, Jugend undHoffnung zu begraben. Am ersten Abend in Kiekebusch holie sie aus der Tiefe ihres Koffers ein legant gebundenes Buch mit leeren Seiten hervor und nun schrieb sie jeden Abend, sobald sie allein war auf ihrem Logirsttibchen. Notizen über ihre Erlebnisse hinein. Kiekebusch, den 5. April. Da bin ich auf dem Dorf, fern vom Getümmel der Welt. Fern von ihm! Onkel Beerbaum, holte mich von der Bahn ab. Außer mir noch fünf Centner Rapskuchen für die Kühe, die mit auf den Wagen geladen wurden. Wir konnten nur langsam fahren und fielen auf der Landstraße von einem Schmutzloch in das andere. Nie in meinem Leben habe ich soviel Schmutz gesehen. Auf dem Wege Pfützen und auf den unabsehbaren Aeckern Pfützen.Lauter Rübenacker", erklärte Onsei Beerbaum, was Schöneres hastDu nie gesehen, der Boden zieht Dir die Stiefel aus." Ich muß gestehen, ich kann mir etwas Schöneres denken. Der Märzwind wehte recht scharf über die Ebene, die Ääume und Wege waren noch kahl wie Besenreiser und außer Krähen und Raben scheint es hier keine Vögel zu geben. Der Pcbthof ist gar nicht malerisch, sondern ganz gepflastert; alle Gebäude sind aus rothenBacksteinen und schnürcerade gebaut; eine Brennerei und eine Stärkefabrik machen gräulichen Spe! takel. Onkel nahm mich gleich mit in die Wirthschaft. Ich kann jetztOldenburger vonWestFriesländer Kühen unterscheiden und Kambouillet von outli downBöcken. Ich weiß, daß Schlempe mit Rapskucken das beste Kuhfutter ist und daß Milchverkauf vortheilbafter ist als Buttern und Käsemachen. ' Ich kenne die Milch-, die Spiritusund die Kartoffelpreise und könnte die Construction des neuen Dampfpflugs und der Sämaschine genau beschreiben. Ich habe sogar Verständniß für Schweinezucht gewonnen! Unter einem Schweinestall stellte ich mir immer etwas Fürchterliches vor. aber hier sind sie so sauber, daß man mit Tanzschuhen darin gehen könnte, und die kleinen Ferkel sind ordeutlich herzig. Der erste Wirthschafts - Inspektor keißt Berger. Außerdem ist ein junger Eleve da. Herr Schlieper. Natürlich uninteressant. Groß, robust und blond mit einem unalaublichen Appetit. Er soll aus reicher Familie sein und schon ein eigenes Gut haben. Als Onkel mich frei gab, nahm mich Tante in Beschlag. Sie hatte kurz ...vorher aroßes SchlaKtsest aebabt und ich mutzte bei fen Würste sortiren und Wurstkisten packen für ihre Söhne und verheiratheten Kinder. Sie war sehr lieb, sagte, sie könne gerade solch ein Töchterchen wie mich gebrauchen, und sie ließe mich Nicht wieder fort. Das sei alles Unsinn, angegriffene Nerven und Herzenskummer. Das käme blos von Bällen und Müßiaaanq. Ein Mädchen in meinem Alter sei zu ganz etwas Anderem auf . . I m f 5er Welt. s:e wouie es mir icyon oei bringen. Und rothe Backen und gesun 'den Appetit sollte ich bald bekommen.

i Die oute Tante! sie ist tznz not

trefflich. Ader sie weiß nichts von denen, die da sterben,, wenn sie lieden! Den 8. April. Ich komme überhaupt gar nicht zur Besinnung. Ganz früh muß ich aufstehen und in den Kuhstall gehen, um frisch gemolkene Milch zu trinken. Dann nimmt mich Onkel mit auf eine Fahrt über die Felder und nach den Vorwerken. Zu Hause wartet Tante schon mit unzähligen Aufträgen und häuslichen Arbeiten auf mich, und so geht es fort den ganzen Tag. Kirche, Hühnerstall. Garten. Landwirthschaft. Bald steige ich mit der Wirthschaften in die Räucherkammer, bald mit Tante in den Keller zu den Pökelfässern. Ich helfe in der Brütestube Hennen setzen, schleppe ausgekrcchene Küken in meine? Schürze herum und lerne buttern im Milchkeller. Man arbeitet und ißt hier den ganzen Tag. Abends fällt man todtmüde in sein Bett und schläft Den 10. April. Ich möchte hingehn wie dasAbendroth" Aber es ist merkwürdig, was für Appetit und Schlaf die Landluft macht. Ich glaube, ich werde dicker. Den 15. April. Herr Schlicper begegnet mir über

cll. ich weiß nicht, ob absichtlich oder Zunabn. Im . Kuhstall, auf dem & m den Feldern im Garten und außerdem im vause bei den Mahlzcißerdem im Hause bei den Mahlzei ten. Am besten sieht er m semen hohen Stiefeln mit der Jagdjoppe aus. Er hat hübsche blaue Augen und stark ist wie ein Riese. Den 17. April. Gestern pflückte ich Veilchen hinter der Gartenmauer es war Sonntag ungestört wollte ich meinem Sehnen und Träumen nachhängen. Da störte mich Herr Schlieper, natürlich sehr un uebsam. Er kann so lustig sein, mir war garnicht danach zu Muth, aber ich mußte lachen, es war auch ein herrlicher Frühlingsmorgen. Wir spielten hernach stundenlang Croquet zusammen. Er spielt brillant. Den 24. April. Lange habe ich nicht geschrieben. Schreckliches hat sich ereignet. Ich muß fort! ich will fort, aber Tante will nichts davon wissen. Sie sagt, ich soll erst ruhig werden und mir die Sache überlegen. Sie weiß eben nicht, die gute Tante Ach! Gestern war Onkels Geburtstag unZ er gab all seinen Arbeitern ein Fest, ein Frühlingsfest. Es war ein Früh lmgstag, wie ich ihn noch nie erlebt, so warm und weich die Luft und so blaugolden der Himmel. Die Dorfmustk spielte aus dem großen Rasenplatz im Garten und Alles tanzte, selbst die alten Weiber und die Kinder. Onkel eröffnete den Reigen mitTante. Alles jauchzte und lachte und drehte sich um die alte Linde, die in ihrem herrlichen Frühlingsschmuck prangte: Knospen hatte. Ich weiß nicht, wie es kam, es lag ein solcher Frühlingsjubel in der Luft, es war wie em Rausch, ich vergaß Alles und tanzte und scherzte mit denAn deren. Aber wie er auch tanzte! Es war. als flögen wir und er tanzte immer nur mit mir. Ich meine natürlich Herrn Schlieper. I, wenn ich nur wüßte, wie es kam! Hinter der Schlehdornhecke war's. Die war wie beschneit mit Blüthen, und Primeln und Aurikeln standen in Büscheln im Grase. Da hielt er mich plötzlich in seinen riesenstarken Armen, an seiner breiten Brust und ich ich ließ mich küssen. Erst später, als er mich seine Frau nannte und mit Onkel sprechen wollte, fiel mir ein, daß ich ihn ja nicht heirathen konnte, weil mein Herz einem Andern gehörte, weil es eigentlich längst todt ist. Ich sagte ihm Alles von Henri und unserer todten Liebe vom Stamme Aßra, und nun ist das Unglück da. Nie habe ich einen solchen Kummer gesehen ganz anders wie bei Henri er sagt gar nichts, aber er geht umher wie verstört. Onkel ist böse und Tante meint, das sei alles Unsinn. So lange ein Mensch jung und gesund ist, brauche er sich nicht übermäßig zu grämen. Den 26. April. Welch eine Wendung das Schicksal genommen hat! Heut kam ein Brief von Mama mit der Nachricht, daß Herr Lafleur sich verlobt ljct mit Frau Agnes Hübner! Sie ist Wittwe, zehn Jahre älter als er, wiegt zwei Centner und schielt mit einem Auge. Aber ihr verstorbener Gatte hinterlieg ihr eme halbe Mll lion Vermögen. Vom Stamme Aßra! Er wollte von dem Stamme sein derer, die da sterven. wenn sie lieben! Ich konnte mich nicht mehr um ihn gramen, ich wußt: mit einem Mal, was Comodle und was echter Herzens kummer ist. Ich saß imGarten mit meinemBrief. noch ganz versteinert über diese unerhörte Neuigkeit, da kam Her? Schlieper. Er sah ganz verändert aus, gar rnrM rnf r s,,k? V cr.ijt ..v,. .ivy. tuiij unu iUltj UiCUj. Ich komme Abschied zu nehmen. sagte er, ich will verreisen, aber ehe :a .t c : j-. i' . ' . ' iu k",r. iuijc iuj nocn em vjcai, wollen Sie wirklich Ihre Jugend und Ihr ganzes Leben vertrauern um einer hossnungsloien Liebe willen? Ich sah ihn an und plölich kam mir der Gedanke an diese hoffnungslose Liebe wegen der zwe. Centner schwe ren Wittwe so komisch vor, daß ich la chen mußte. Ich zeigte ihm den Brief und dann lachte er auch, es klang wie em Jubel schrei, wir lachten beide so fröhlich und dann und dann Die Amsel sang wieder in der Blüthenhecke. um uns duftete und rauschte und leuchtete der Frühling

Jtx Mhnerknochen. i Eine Tuell-Eeschichte von Frhrn. v. Völdcm dorff.

Ich habe Einen gekannt, der h?.t keine Fische essen wollen aus Angst, eine Gräte zu schlucken. Schließlich st er an emem Huhnerknochen erstickt. der ihm im Halse stecken geblieben ist", agts Kaufmann Ulrod zu semem Sohn. Ich verstehe nicht, wie das. was Du sagst, sich auf meine Bitte bezieYen soll , erwiderte der junge Mann. Vielleicht verstehst Du es, wenn es zu spät ist", war die Antwort. Alio Du lehnst es endailtiq und UNabänderlich ab. Fräulein Gertrud zu errathen, ich frage Dich zum letzten Mal." Aber Vater, ich habe Dir ja meine Gründe so oft auseinandergesetzt. Solche reiche Mädchen, wie Gertrud Mayer eines ist, sind schon von Jugend aus verwohnt; sie sind weder hauslich noch haushälterisch erzogen, von jeher durch die Männer umworben und fetirt. können sie die Courmacherei auch in der Ehe nicht entbehren und wer so wie ich zur Eifersucht geneigt ist, wird ingluckllch." " Und damit dies nicht geschieht". warf der Vater ein, heirathest Du eine Kellnerin." Mariechen ist keine Kellnerin", fuhr der junge Ulrod heftig auf. Sie ist allerdings Buffetdame. aber ich finde das nur ehrenwerth, daß sie sich ihr Brod felbst verdient. Mariechen ist ein einfach erzogenes, m kleinen VerHältnissen aufgewachsenes Mädchen, sie ist glücklich, daß ich sie zu meiner Frau mache, wird nur für mich leben und mich auf den Händen tragen. Wollens abwarten, wollens abwarten", meinte der Vater trocken, und nun: Schluß! Du bist mehr als fünfundzwanzig Jahre alt. bedarfst also zu Deiner Verehelichung meiner Zustimmüng nicht; Du hast das Vermöen TemerMuttcr. bist ub:rdi:s Amtsrichte? und beziehst einen hübschen Gehalt. Da wirst Du von mir tan Helrathsgut erwarten, ein Hochzeitsgeschenk natürlich sollst Du erhalten. Apropos, was wünscht Ihr Euch denn? Etwas Praktisches wohl?" Freilich, erwiderte der Sohn, Mariechen meinte silberne Tafelöestecke." So, silberne?" schaltete VaterUlrod em. Ja, Mariechen sagt. Silber sei nicht viel theurer als Christosle und habe dann doch einen dauernden Werth". Gut, gut, soll Silber haben, für sechs Personen. Lieber Vater , brachte nun der junge Ulrod etwas zögernd hervor. Mariechen meint, ein Dutzend müsse man doch haben, wegen des Wechfelns." ... Ach so, wegen des Wechselns. Auch recht, soll ein Dutzend haben. Ich sehe schon den Huhnerknochen von weitem . Der Amtsrichter sah etwas verlegen darein; er begriff, tozjf der Vater meinte und das genirte ihn. Man hörte den Galopp eines Pferdes auf der Straße. Rasch legte Frau Amtsrichter Ulrod den Roman, in welchem ue gelesen, aus der Hand und grüßte mit wiederholtem freundlichen Kopfnicken den vorübersprengenden Ofsicier. Wie oft muß ich mir noch verbitten. daß Du mit dem Rittmeister in folch schamloser Weise kokettirst!" rief Ulrod. vom Schreibtische aufspringend. vor dem emsig rechnend gesessen. Du compromittirst Dich und mich." Da dürfte ich schließlich gar nichts mehr thun, war die gereizte Antwort, denn was ich thue, das verbittest Du Dir. Ich wüßte nicht, warum ich Baron Te Brun nicht grüßen sollte. Er zeichnet mich auf jedem Balle aus. und auch sonst.wo er mich sieht. Eine Frau, die zu Hause so wenig hat wie ich, muß für solche Liebenswürdigkeit doppelt dankbar sein." Nein, da hört Alles auf", sagte der Amtsrichter in schmerzlichem Tone, Du beschwerst Dich über mein Verhalten gegen Dich. Erfülle ich nicht Deine Wünsche? Ich weiß ja kaum mefcj, wo ich das Geld hernehmen soll, um den Haushalt, um den Du Dich gar nicht kümmerst und der deshalb colossal theuer ist. Deine Toilette, die täglich verschwenderischer wird, Deine immer wachsende Vergnügungssucht zu bestreiten?" , Weil Du die spießbürgerliche Ansucht nicht aufgeben willst, daß man mit seinen Einnahmen unter allen Umständen auskommen müsse. Nimm eben einstweilen vom Capital. Dein Vater kann doch nicht ewig leben, und dann fällt Dir ja ein hübscher Brocken zu." O Gott", rief der Maun, welch bodenloser Leichtsinn! Und wenn ich meine aufopfernde Liebe wenigstens belohnt sähe! Aber nein, kaltes, rücksichtsloses Benehmen, ein frivoles fortwährendes mit Füßen Treten meiner innigen Gefühle. Tu weißt, wie grcnzenlos ich an Dir hänge, wie mir Deine Cocetteric, Dein Entgegenkommen gegen jede Courmacherei wehe thut. Allein mein Bitten, ein anderes Benehmen zu beobachten, ist umsonst." 'Weil es lächerlich ist. solch einen Othello zu spielen, wie Tu es thust. Ich bin nun einmal nicht so geartet, das ick mich mit der Anbetuna eines Einzigen, und wenn es auch der Her? Ehegemahl ist. zu begnügen vermöchte. Eine Schönheit, die so viel gefeiert wurde wie ich. ist an allgemein Vewunderung gewöhnt; das hättest Du überlegen müssen, bevor Du mich geheirathet hast." Und alle Opfer, die ich Dir ge-

bracht, die vergissest Du völlig; daß ich Dich zu einer angesehenen und geachteten Frau gemacht, daß ich Dir Stand und Stellung gegeben, das Alles ist nichts in Dnen Augen!" Die junge Frau zuckte verächtlich die Achseln. Das ist auch etwas Rechtes", sagte sie höhnisch, Frau Amtsrichter n einem solchen Neste." Ulrod sprach nichts mehr. Er dachte an das, was seinVater ihm einst vorgestellt hatte. Aus Besorgniß. ein reiches und aus guter Familie stammendes Fräulein würde in der Ehe recht prätentiös und unhäuslich sein, hatte er seine jetzige Frau gewählt. Und siehe da, das ärmlich und in kleinen Verhältnissen aufgewachsene Mädchen glaubte das Versäumte nachholen zu müssen, und war im hächsten Grade anspruchsvoll, verschwenderisch und vergnügungssüchtig geworden. Ulrod fühlte den Hühnernkochen im Halse. Das Gluck seiner Ehe hatte kurze Zeit gedauert. Anfangs allerdings war Marie zufrieden, nicht mehr am Büffet stehen zu müssen, sondern eine Dame spielen zu können; aber bald be gann sie die ihr in ihrer früheren Stellung fortwährend dargebrachten Schmeicheleien zu vermissen, die eifer süchtige Liebe ihres Mannes wurde ihr ermüdend, das stille häusliche Leben langweilig. Von Dankbarkeit dasür, daß er sie geheirathet, war längst keine Spur mehr in ihrem Herzen; sie war zu der Ueberzeugung gelangt, er müsse sich glücklich schätzen, daß sie ihm vor den vielen andern Bewerbern um ihre Gunst den Vorzug gegeben. Vielleicht wäre es besser geworden, wenn die Ehe mit Kiudern gesegnet gewesen wäre. Aber davor hatte sie einen wahren Schrecken. Diese Plage sich auf den Hals laden und dabei vielleicht meine Schönheit einbüßen, da für danke ich", sagte sie stets zu ihrem Manne. Bisher waren ihre Liebeständeleien

wenig ernsthaft mehr unterhaltende Zerstreuung als Neigung gewesen. Das änderte sich, als der hübsche, elegante, als Ton Juan bekannte Baron De Brun als Rittmeister aus der Residenz in die kleine Stadt versetzt wurde. Diöser begnügte sich nicht mit einer oberflächlichen Courmacherei; er belagerte dieFestung ernstlich und diese machte gar keine besonderen Anstalten, sich zu vertheidigen. Nach vielen heftigen Scenen sah Ulrod keine andere Rettung als einen Ortswechsel, er bewarb sich um Versetzung an ein Ge richt auf dem Lande und als diese erfolgt war, kündigte er eines TageS feiner Frau an, daß sie am folgenden Morgen mit ihm an den neuen Wohn ort abzureisen habe. Aber sie kehrte Abends nicht heim und anderen Tages erfuhr der verlassene Ehemann, daß Rittmeister De Brun den Dienst quittirt habe und in Begleitung einer ver schleierten Dame abgereist ist. Die Saison in Kissingen war in diesem Jahre sehr brillant. Den großten Luxus entfaltete der walachische Bojare Fürst Crapaudin; die Pracht. vollsten Toiletten zeigte dessen Freundin" Frau v. Slatowska, der man übrigens trotz ihres polnischen Namens die deutsche Abkunft an den blauen Augen, dem milchweißen Teint und den goldblonden Haaren deutlich an sah. Amtsrichter Ulrod, welcher die Kur gleichfalls gebrauchte, ahnte nicht, daß unter jener Verhüllung seine davongegangene und spater von ihm ge schiedene Frau sich verberge. Der Zu fall hatte gefügt, daß er ihr bisher nie begegnet war, das war indessen be areiflich; denn er gehörte zu den früh zeitigsten Racozytrinkern. suchte stets die einsamsten Spaziergänge auf und an den Vergnügungen, wo sie allein zu finden war. nahm er keinen Antheil. An einem Vormittage ging er. später als gewöhnlich, mit einem Freunde über die Promenade. Plötzlich durch zuckte es ihr. wie ein elektrischer Schlag. Die aroße Ulmen-Allee heraus tarn Baron De Brun. im eifrigen Gespräch mit einiaen jungen Herren begriffen. und bemerkt: ihn nicht früher, als bis er dicht vor ihm stand. Endlich finde ich Sie", rief Ulrod mit heiserer Stimme, und nun sollen Sie mir Rechenschaft geben." Sie irren sich in der Person," erwiderte der Baron, der seine Kaltblütigkeit rasch wiedergefunden. Sie su chen wohl den Liebhaber Ihrer Frau. der bin ich längst nicht mehr. Der da drüben ist es", fuhr er fort, indem er auf den in der Nebenallee mit Frau v. Slatowska vorbeigehenden Crapaudm deutete, wenn Sie Ihre Frau durch aus wiederhaben wollen, so nehmen Sie ihm dieselbe ab. Nein", rief Ulrod. der nur einen flüchtigen Blick auf die beiden Vorbeischreitenden geworfen hatte, nein, ich halte mich an Sie; Sie allem haben die Schuld. Sie haben meine Ehre geschändet. Sie haben die bis dahin zwar flatterhafte und kokette, aber noch nicht gefallene Frau verführt. Sie haben sie m das Verderben ge stürzt, Sie sind mir Genugthuung schuldig." Ich bitte Sie. Herr Amtsrichter erwiderte nun der Baron, sehen Sie fcoch die Sache ruhig und vernünftig n Ei." solchen Frau wie die Ihrige war. der macht man den Hof, man ist verliebt m sie, man entfuhrt sie vielleicht auch, wenn man gerade einen unbesonnenenAugenblick hat, aber man sazlagt sich nicht für sie. Nun, dann schlage ich Sie", rief un Ulrod völlig außer sich und führte Mit dem Handschuh einen Hieb nach dem Genchte des Barons. Dieser wollte sich auf ihn stürzen, aber seine Begleite? hielten ihn mit den Worten zurück: Nur keinen .osscntli chen Skandal!" Ich bitte, mich als Secundanten anzusehen." sagt: UlrodZ Begleiter, ich wohne imHotel de Russie.No.

15." Und damit zoa er lemen vald

besinnungslosen Freund hinweg. Im Salinen-Wäldchen standen noch an demselben Nachmittag die beiden Gegner sich gegenüber. Der Unparteiische zählte langsam: Eins, zwei, drei. Zwei Schusse krachten gleichzeitig. Als der Rauch sich verzogen, stand nur noch der Eine aufrecht, heftig an der Schulter blutend, der Andere lag cm Boden, mit durchschossenem Herzen. wie der Arzt constatirte. Abends war große Reumon im Kurhause. Frau ' von Slatowska machte durch ihre wunderbar extravagante Toilette Furore, der Fürst kam gar nicht von ihrer Seite. Ein junger Russe, der auch zu den Trabanten des blendenden Gestirns gehörte, trat zu dem Paare, das eben eine Pause im Tanzen machte. Wissen Sie schon das Neueste? Baron Te Brun, Sie kennen ihn ja, den eleganten Cavalier. hat sicy heute Nachmittag auf Pistolen geschlagen. mit einem Hrn. Alrad, Ulrod oder so was. Der Eine ist todt, den Andern at man schwer verwundet nach Würzbürg m das Spital gebracht. Aber es gmg alles so geheimnißvoll zu, daß ich gar nicht erfahren konnte, welcher von beiden geblieben ist." . Das ist. mir wenigstens, höchst einerlei". bemerkte Frau v. Slatowska m kühlem Tone, sie mteressiren micn beide gleichwenig. Durchlaucht, wir sind an der Reihe, zu tanzen." Zdlillischc Polizei. Wie vor fünfzig Jahren die Dorfpolizei im Vogtlande gehandhabt wurde, erzählt in der anregenden Halbmonatsschrift Unser Vogtland", 5zerr C. Varucker, der jetzt in Joinville (Brasilien) ansässig ist, aus semen Ermnerunaen, wie folgt: Eme Schmarre am Kopfe, die nun schon über sechzig Jahre alt ist, ermnert mich noch heute an die Einrichtung und Handhabung der Polizei, wie sie in damaliger Zeit in : meinem Heimathsdorfe und wohl auch in anderen Dörfern zu Recht bestanden. Die Ausübung der Ortspolizei ging von Haus zu Haus. Jedes Haus hatte eme Woche lang die Polizei, am Sonntage wurde dann das Zeichen der Würde, eine alte Hellebarde, ins Nachbarshaus getragen und so gmg es das Jahr hmdurch. Als Wächter derSicherheit dienten alte Weiber, arbeitsunfähige Gceise, halbwüchsige verkrüppelte Burschen. überhaupt Personen, die m der Hauswirthschaft oder im Felde nicht zu gebrauchen waren. Da konnte man häufig em a:tes Weib oder emen alten Mann, Strümpfe strickend, auf einem teme am Eingang des Dorfes coer vor dem Hause sitzend erblicken; die Hellebarde lag zur Seite am Boden, um das Bettelvolk zu schrecken, mige bissige Gänseriche pflegten die Polizei zu unterstützen, indem sie mit lautun Geschrei auf jede ihnen unbekannteP:rsönlichkeit losfuhren. In einem Bauernhofe befand sich damals ein blödsinNiger etwa achtzehnjähriger Bursche, der auch zeitweilig alsSicherheitswächter mit dem Spieße" amtirte. Wir Jungen pflegten ihn weidlich zu necken und stießen mit Bohnenstangen noch ihm. Bei einer solchen Gelegenheit drehte er sich aber unversehens um, ich war der nächste und erhielt von ihm einen wuchtigen Hieb mit der Hell.'birde in den Kopf, so daß ich zusammenstürzte und für todt ins Haus getragen wurde. Der Bursche warf den Spieß weg und entfloh. Die Schmarre ist mir geblieben, und ich habe seit dieser Zeit die Polizei nicht wieder geneckt. Bei Nacht, die Polizei war zugleich 5.achtWächter, war der Dienst viel leichter, als bei Tage. In dem mit der Polizei betrauten Hause blies man auf eiiitm alten Kuhhorne in beliebigen Zeitraumen zum Fenster der Schlaftammer heraus und gab damit dem schnarchenden Drfe den Beweis, daß das Auge des Gesetzes wache. Mehr war auch nicht nöthig, denn bei Nacht wurde die Polizei besser als bei Tage besorgt, und zwar durch die Hunde. Bei einbrechender Dunkelheit wurden die Kettenhunde von ihren Fesseln befreit, sie schaarten sich auf der Straße zusammen und besetzten die Dorfeingänge, jedes verdächtige Geräusch aufmerksam belauschend und sich durch Bellen zur Wachsamkeit anreizend Wehe dem Fremdling, der in der Nacht em so be Wichtes Dorf passirte; wenn er nur mit zerrissenen Kleidern davon kam, konnte er von Glück sagen. Allwöchentlich erschien auch die qrößte RespectsPerson, der Schandarm", im Dirfe und fahndete auf Raucher mit brennenden Pfeifen ohne Deckel und solche in den Höfen und Scheunen. Die ertapp ten Sünder wurden mit 8 Groschen Strafe und dem Verluste der Pfeife b straft. Trotz dieser urwüchsigen poll zeilichen Zustände war die Sicherheit des Eigenthums wenig gefährdet. Wir hatten zwar eine professionelle Diebsfamilie im Dorfe, diese entwendete aber im Dorfe selbst keine Stecknadel. Desto schlimmer aber mußten es ihre Glieder auswärts aetrieben haben - sie standen nämlich in dem woh'begründeten Rufe. sog. Weißkäufer d. h. Marktdiebe zu sein , denn in einer rjs." iYi rj.c . Iconen cacyk Jemen ot enoarnicrie, umstellte das Haus und führte sämmtliche Insassen geschlossen ab. In den Proceß wurden mehrere wohlhabende Bauern der Umgehend verv'.ckelt, welche der weitverzweigtenBande als Hehler und Wiederverkäufer der gestohlenen Waaren gedient hatten und nun ihre Beihilfe mit Zuchthausstrafe büßten. Mehr Gelegenheit als Diebstähle. um strafend einzugreifen, roten der Gerechtiakeit die TanzdZden keilereien, welche, da man dabei mit Schlageisen und kleinen Messern erbettete, gewöhnlich blutig verliefen. Namentlich während der Kirbe (Kirch-

weih) gehörte dies zum Vergnügen, in-

dem sich die Burschen verschiedener Dörfer dabei oft förmlich zum Kampfe herauszufordern pflegten. Da wurde denn nicht eher geruht, als bis der Tanzboden völlig geräumt war 'und die siegende Partei noch allem auf d;m Platze war. Eine solche Räum:rei lief n meinem Heimatbsdorse emmal sehr unglücklich aus. Der Tanzboden befand sich über dem Kuhstalle und zu ihm führte von außen eine hölzerne, schcn etwas morsche Treppe. Die Keilerei bcgann, aber unter der Last der Fliehenden brach die Treppe nieder, zum Ueberfluß lag unten ein großer Haufen gebrochener Stcme. Durch den Wegfall der Treppe trat eine Stauung der Menschen am Ausgange em, die die siegende Partei zu noch großererKraftäußerung anspornte, bis endlich auch der Letzte m den Abgrund befördert war. Sieben bis acht Arm- und Beinbrüche waren das Schlußergebniß, die tapferen Helden aber wurden zumLohn hmter Scglon, und Riegel gesetzt. TieTellTage. Einem historischen Aufsatze in der Wiener Zeitung", der das Material der Tell - Legende, ohne wesentlich Neues zu bringen, sichtet und kritisirt, entnehmen wir die folgenden zusammenfassenden Schlußbetrachtungen: Heutzutage halt kem Historiker, der ernstgenommen werden will, die Erzählungen von den Vögten und der Befreiung der Eidgenossen für etwas Anderes als eine Sage. Allem wie konnte es geschehen, daß eme so schone, lebensvolle Sage in einer geschichtlich hell beleuchteten Zeit heranwuchs? Die Antwort lautet: Die Sage ist eben nicht in dieser Zeit entstanden, sondern weit früher, sie ist alter als die Schweiz, alter vielleicht als das deutfche Reich, und das ist eben das Merkwürdige an ihr. Die bezeichneten Züge: der Apfelschuß und die Antwort des Schützen, finden sich m der danischen Ueberlieferung von Toko wieder, deren Geßler König Harald Blauzahn heißt. In Norwegen heißt derSchütze Heming, in Island Eigil, in Holstein Heming Wulf, am Rhein Puncher von Rohrbach, m England William von Cloudesly. Die nordische Sage wird schon von Saxo, emem sehr bekannten Geschichtschreiber des 12. Jahrhunderts, erzählt, und es ist Nicht unmoglich, daß sie auf diesem Wege in die Alpenthäler gekommen, aus der Gelehrtenstube in's Volk gedrungen wäre. Vielleicht ist sie aber eme jener Wandersagen, die von Volk zu Volk, von Land zu Land ziehen und sich niederlassen, wo sie eine geeignete Stätte finden. wie die Sage von den treuen Weibern von Weinsberg, die von mehr als dreißig deutschen, französischen und italienischen Städten erzählt wird. Und noch eine dritte Möglichkeit muß offengelassen werden: vielleicht ist die Gestalt des Schützen uralt gemeinsa mes Besitzthum der germanischen oder gar der indoeuropäischen Völker, vielleicht ist sie, wie von. manchen Gelehrten mit guten Gründen behauptet wor den ist, mythologischen Ursprunges. Wir wollen uns nicht in diese Nebelfernen verlieren, sondern die in ihre Bestandtheile zerlegte Befreiungssage wieder zusammenfügen. Die wahren Ursachen und Anlässe der schweren Kämpfe mitOesterreich, die keineswegs einfacher Natur waren, verwischten sich im Gedächtnisse des schweizerischen Volkes. Indem man eine Erklärung suchte, und zwar eine solche, die den Eidgenossen alles Recht zuschob, verfiel man auf die Bedrückungen der Vögte und glaubte gewiß bei der Wahrheit zu bleiben, denn daß die Vögte sich manchen Uebergriff erlaubten. liegt so sehr in der Natur der Dinge, daß wir es auch ohne ausdrückliches Zeugniß glauben dürfen. Noch Justinger weiß nur allgemein von ihrem Muthwillen zu berichten; allmälig wurde der Grundgedanke weiter ausgesponnen, bis die Sage vom Rütli - Bunde entwickelt war. Die Geschichte von Tell und seinemSchusse steht noch im Tellen - Liede allein und ist auch bei Ruß nur äußerlich, als Beispiel für die Grausamkeit des Vogtes, mit jener anderen verknüpft. Im Weißen Buche vollzieht sich die innere Verschmelzung, und fortan arbeiten Dichtung und Geschichtschreibung einander in die Hände und gestalten mit vereinten Kräften ein wundervolles Gebilde. Noch waren sie nicht völlig am Ziele in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts als sich in dem gelehrien Willimann die ersten Zweifel regten, und noch kein Menschenalter war nach demErscheinen von Tschudi's Chronik vergangen, als im Jahre 1760 der bernische Pfarrer Freudenberger mit seine?Schrift: Guiliauine Teil fable danoise", die ganze Schweiz in zornige Aufregung verfetzte. Die Sage gab der Kritik die Thürklinke in die Hand der patriotische Glaube, schwand vor dem Wissen allmälig, aber völlig dahin." ' Lebensregel. Wer zu tief in's Leben schaut, Leicht ihm vor dem Leben graut; Wer nur seine Fläche streift, Tausend Schönes nie begreift. Glücklich, wem ein Aug' gegeben, Doch zuweilen eine Binde! Glücklich, wessen Herz im Leben Gleichviel hat vom Mann und Kinde! Das Menschenherz. Wie ist die Welt so riesengroß! Und doch wählt selbst der größte Schmerz Zur Heimath sich ein Flecklein blos Ein winziges das Menschenherz! Zu streng. Paukenschläger (zur zweiten Posaune): Sie, der neue Kapellmeister ist ein scharfer! Wenn man nicht auf. die Minute zu haut, wird er gleich unanzerühm!"

Ter Rheinwein m Bremens viathskeller.

Zum ersten Male wird der Bremer Rathskeller in einer Urkunde vom Jahre 1343 erwähnt und zwar berichtet dieselbe, daß in diesem Jahre ein Betrüger im Rathskeller eine böse Schuldnerin traf und sie durch Wegnähme ihres Mantels pfändete, wofür er mit zwei Mark gebüßt wurde. Errichtet wurde der städtische Keller in dtt löblichen Absicht, die Bürgerschaft gegen, die Weinschmierer zu schützen. Dem Ausland mochten die Bremer gefälschten Wein verkaufen, darein mischte sich der Rath nicht ; nur zu Hause wurde ans reine Wcarc gehal ten. Kurze Weine, d. h. deutsche Landweine. Frankenweine, französische und spanische Weme, dursten übrigens auch in der Stadt verzapft werden, doch wurde der Preis polizeilich festgestellt und in spaterer Zeit verfugt, daß alle kurzen Weine im städtischen Keller unter Aussicht des Rathes lagern würden. Gute Rheinweine zu bekommen, ließ sich der Rath keine Mühe verdrießen. Hatte er im Frühling vernommen, daß der Weinstock am Rbein wohl verblüthet sei und bis dato nach Wunsch stehe." und war im Herbst die weitere frohe Botschaft eingetroffen, daß nun am Rhein alles von schönem Wein überfließe und man dort nicht Fässer genug habe, um den reichen Segen zu bergen", so wählte man einen Weinmann, kaufte ihm ein Reisekleid, versah ihn mit Pässen, Geleitsdriefen, Empfehlungen und Wechseln und schickte ihn zum Einkauf nach Frankfurt und Mainz. Nicht zum Nutzen des Weines beanspruchte der Bremer Rath für feine Weintransport: Zollfreiheit. In Folge dessen ereignete es sich öfters, daß die Weinfässer unterWegs an Zollstätten angehalten wurden und kaum, daß man sie losgelöst hatte, weiterhin in eine neue Falle geriethen, so daß dem Rathe angst und bange wurde, die schönen Weine möchten im heißen Sommer gährig und stichig werden und zugleich verderben. Um den Weserzöllen zu entgehen, machte der Rath den Versuch, seine Weine über den Unterrhein und das Meer zu beziehen, gerieth aber aus dem Regen in die Traufe, da die Engländer noch mehr Zölle erhoben, als die Uferstaaten der Weser. Man ließ endlich die Weine ganz zu Lande gehen, wobei die Transportko sten ungefähr auf die Hälfte des am Rhein gezahlten Einkaufspreises der Waare zu stehen kamen. Die Fahrt auf dieser großen Weinstraße war so schwierig und gefährlich, daß wie am Ende des 17. Jahrhunderts ein darüber befragter Kellerbeamter aussagte, den Predigern regelmäßig alljährlich drei Stübchen Wein im Namen des Weinkellers verehrt wurden, weil sie auf der Kanzel gebetet hsben, daß die Reise möchte wohl succediren und glücklich in salvo kommen. Ist auch vor diesem Herkommens gewcsen". Auch den Ehrengeschenken, mit de nen der Rath seine Geschäftsfreunde zur Anzeigung eines dankbaren Gemüths" bedachte, drohten unterwegs Gefahren. Anno 1597 wurden dem Bürger und Weinhändler Christoffee Hoherath zu Mentz drei Stück Marschvieh bestimmt, ein schönes Rind und zwei junge Kühe, alle drei schier roth und mit weißen Köpfen. An der ro mantischsten Stelle des Weges, an der Porta Westphalica, wurden die Thiere angehalten und in die Ställe des Bischofs von Minden geführt. Der Rath vermuthete irgend ein Mißverständniß, aber ein bischöflichesSchreiben belehrte ihn, daß das Rind und die Kühe arretirt und confiscirt seien und nicht restituirt werden könnten, weil es nur zu offenbar fei, daß der Bremer Bürger Lüter Hoyer das Vieh allerdings dolose und studiose b:im Zoll habe vorbeitreiben wollen, da ja ein Zollbreit gerade am Wege inmitten des Bergpasses und von Jedermann zu sehen befestigt sei und die prätendirte Jgnorantia mithin überall nur affectirt sein könne". Die Rheinweine kaufte der Rath ausschließlich im Rheingau. Zwischen den einzelnen Weinbergen begann man nicht früher als am Ende des 16. Jahrhunderts zu unterscheiden und zog nun allen anderen Orten den Rüdesheimer vor. In der Güte und Menge wurde er so vorwiegend, daß man das ganze Bremer Lager in der Hauptsache als ein Lager von RüdeS heimer bezeichnen könnte. Der berühmte Rosenwein ist fast immer aus Rüdesheim gewesen und eben daher stammt der älteste Wein des Kellers und der Welt überhaupt, dessen Geburtsjahr 1624 ist. Dem Rüdesheimer, zunächst steht der Hochheimer, zu dem die meisten Apostelweine gehören. Der älteste Hochheimer des Kellers ist um etwa hundert Jahre jünger als der Rüdesheimer. Diesen ältesten Weinen ist die Bürgerschaft immer ungünstig gestimmt gewesen, weil sie dem Staat zur Last seien, und selbst die Weinherren (mit der Aufsicht über den Keller beauftragte Rathsmitglieder) haben vielfach auf Abschaffung derselben angetragen, da sie lediglich zum Flunkern daliegen. Dann hielt aber jedesmal der Rath seine schützende Hand über die alten Burschen und resolvirte, daß sie pro hcmoie civitatis conservirt werden sollen. Das vor allen anderen geschätzte Faß der heutigen Weine ist mit Johannisberger von 1763 gefüllt. ' Vielversprechend. Köchin (mit der Dame des Hauses bezüglich Engagements unterhandelnd): Na, soweit wären wir also im Reinen. Noch Eins, gnädige Frau. Eifersüchteleien wegen des gnädigen Herrn, kann icb vartout nickt vertraaen!