Indiana Tribüne, Volume 19, Number 170, Indianapolis, Marion County, 8 March 1896 — Page 6
Das Turnen der Mädchen. Von Dr. Fr. Tornlilüht.
Aerzte und Pädagogen, die ihren Beruf wissenschaftlich und gewissenhaft betreiben, sind heutzutage nicht mehr zweifelhaft, daß das Turnen den Knaben und Jünglingen nothwendig, den Mädchen nützlich ist. Widerstand findet die Neuerung" nur bei solchen, die bewußt cttv unbewußt allem Neuen widerstreben, und bei vielen Müttern, die mit dem Turnen den Gedanken an unweibliche Kraftstücke und halsbrecherischeKunststücke verbinden und deshalb Alles aufbieten, um ihre Töchter von so unweiblichem und gefährlichem Treiben fern zu halten. Und wenn sie nicht so weit gehen, so fürchten sie wenigstens große Hände und Füße nebst breiter, ungefügiger Taille", die nicht einmal durch das Corsett corrigirt" werden könne. Solche Gefahren bringt das Turnen der Mädchen, wie es betrieben werden soll, thatsächlich nicht. Kraft undKunststücke werden überhaupt nicht geübt; Hände und Füße werden dadurch nicht breit und ungeschlacht, was eher von ungeschicktem und kraftlosem Gebrauch der Gliedmaßen herrühren kann, und die Schlankheit des Wuchses wie die anmuthige Beweglichkeit in den Hüften wird eher dadurch befördert. Zierliche Hände und schlanke, schöngewölöte Füße, sowie überhaupt tadelloser Wuchs und leichte, anmuthige Bewegungen werden gerade bei guten Turnerinnen vorzugsweise gefunden. Das Corsett und die vom Schneider gemachte Taille verträgt sich allerdings nicht mit dem Turnen: jenes hindert die freien und anmuthigen Bewegungen und wird von denen, welche die freie Beweglichkeit kennen und lieben gelernt haben, verschmäht und verachtet. Sie brauchen der künstlichen Stütze und Formung nicht, weil die geübten Muskeln den Körper schöner tragen und entstellendenFettansatz hindern; sie entgehen aber auch den Schädigungen. welche die Einschnürung des Mittelleibes durch Verschiebung wichtiger Organe, durch Beengung der Herzbewegungen und des Athmens, wie durch Störungen der Verdauung und Blutbereitung und anderer wichib.er Vorgänge den Korsettträgerinnen nothwendig bereiten. Die verständige turnerische Uebung und Ausbildung der Muskeln erzeugt aber nicht allein Kraft und Gewandtbeit nebst der daraus erwachsenden Leichtigkeit und Anmuth der Bewegungen. sondern übt den wohlthätigsten Einfluß auf die wichtigsten Lebensvorgänge. Denn in den geübten Muskeln wird ganz vorzugsweise jene Wärme gebildet, die uns von äußeren Temperatureinflüssen in hohem Grade unabhängig macht; ihre Uebung, mit ihrem mächtigen und unersetzlichen Einfluß auf Athmen und Blutbewegung verbessert Blutbildung. Ernährung und Ausscheidung verbrauchter Stoffe, hindert übermäßige WasserFettansammlungen und macht alle Gewebe des Körpers die durch Unthätigkeit so leicht schwammig und welk werden straff und kernig. Die turnerische Uebung der Muskeln macht ferner den Körper dem Geiste unterthan, da alle diese Bewegungen durch das Gehirn geregelt und den gewollten Zielen und Zwecken genau angepaßt werden; übt also das Gehirn selbst und fördert Entschlossenheit. Willenskraft und Muth: Tugenden, die dem weiblichen Geschlechte nicht weniger nützlich sind, als dem männlichen. Und während solchergestalt die Leistungsfähigkeit und Genußfreudigkeit erhöht werden, wächst zugleich die geistige und körperlich: Widerstandskraft gegen vielerlei schädliche Einflüsse, deren wir durch Vorsicht und andere Schutzmittel, wirkliche und vermeintliche, nur unvollständig und unsicher uns zu erwehren vermögen. Den Mädchen das Turnen und die turnerischen Spiele vorenthalten, heißt deshalb ihnen eine Wohlthat entziehen und vielfach ihrer Zukunft Hemmung und Schaden bereiten. Denn die Gesundheit ist dem weiblichen Geschlechte ein nicht minder hohes Gut als dem männlichen, wird aber durch die VerHältnisse, in denen es aufwächst mehr als bei letzterem beeinträchtigt. Denn Sitten und Erziehung halten dieMädchen von kraftübenden Spielen und Uebungen zurück, indem solche für unschicklich gelten, und sie dafür mit Puppen und Küchen, später mit Handarbeiten und Klavierspielen in der Stube gehalten und schon früh durch ihreKleiduno an vielen kräftigenden Bewegungen gehindert werden. Andererseits bringt das rasche Wachsen, besonders der unteren Wirbelsäule, im Beginn des zweiten Jahrzehnts und wenig später die geschlechtliche Entwickelung der Gesundheit mancherlei Gefahren, wie die häufigen Rückgratverbiegungen, Bleichsucht. Nervosität, u. a. m. beweisen. Mag an die Schule vorwiegende Beschäftigung in derWirthschaft, meist in dienender Stellung, mit Kinderwarten. Nähen oder schwerzr Hausarbeit, oder die Vorbereitung zur Lehrerinnen - Prüfung und diese selbst mit ihren Anstrengungen und Aufregungen. und dann alsbald der sckwere Beruf einer Lehrerin und Erzieherin, oder einer Hausfrau und Mutter, in einem Alter, wo geistige und körperl!che Ausbildung noch keineswegs zu einiger Reife und Ruhe gelangt sind, sich anschließen, so ist es kein Wunder, daß gar viele körperlich und geistig zusammenbrechen oder ein geknicktes Leben weiterschleppen. Das soll und kann geregelte LeibesÜbung, selbstverständlich in Verbindung mit einer auch im Uebrigen Zweckmäßigen Lebensweise, verhüten, und statt dessen kräftigend und gesundheitsfördernd auf Leib und Seele einwirken. Dazu sind nicht die großen
Kraft- und Kunststücke nothwendig oder auch nur nützlich, sondern nur eine regelmäßig von leichteren zu schwereren Uebungen fortschreitende EntWickelung, die weder den Geist, der sich dabei von den Schulanstrengungen ausruhen soll, unausgesetzt inAnspruch nimmt, noch den 5Zörper übermäßig, das heißt bis zu bedeutender und anhaltender Ermüdung anstrengt. Dadurch werden die zusammengesetzten Frei- und Ordnungsübungen nebst den oft viel zu hoch geschätzten Ringen auf kurze Zeit zu Anfang und Ende der Turnstunden eingeschränkt, leichtere Geräthübungen mit Stäben, Hanteln, Springschnur und Schwungseil, Schwebekante und Schwebebaum, Reck, Leiter und Ringe in ihr Recht gestellt; denn die Mädchen verlangen so gut wie die Knaben Abwechslung und Anspannung ihrer Kräfte, damit ihre Theilnahme gefesselt und wachgehalten und eine wirkliche Uebung derMuskeln eruelt wird. Auch die turnerischen Bewegungsspiele im Freien mit Laufen und Fangen, mit Ball und Reifen, auch Rasenball, Grenzball u. a. m. sind zur Ergänzung des eigentlichen Turnens für Mädchens gerade so nöthig und nützlich wie für Knaben, natürlich mit noch sorgfältigerer Aus schließung alles Unschönen, Gewaltsamen. Maß und Ordnung Ueberschreitenden. Wenn aus diesen Betrachtungen Einrichtung und Ausstattung der Turnhallen und Turnplätze für jeden einigermaßen Sachkundigen sich von selbst verstehen und hier keiner weiteren Erörterung bedürfen, so muß mit Entschiedenheit ausgesprochen werden, daß Turnlehrerinnen bei allen Mädchen den Lehrern vorzuziehen, bei mehr als zwölfjährigen unbedingt erforderlich sind. Sie müssen natürlich mit dem Turnen in den für Mädchen gezogenen Grenzen theoretisch und praktisch vertraut, auch mit der allgemeinen Gesundheitslehre besonders in Bezug auf Luft, Athmen, Wärme und Blutbewegung, sowie mit der Hilfeleistung bei den auf dem Turnplatze allenfalls vorkommenden Unfällen bekannt sein, am wichtigsten aber ist Lehrtalent und Verufsfreudigkeit, ohne die alle Fertigkeiten und Kenntnisse wenig nützen. Die Kinder sollen, und das ist die erste Sorge und Pflicht des Elternbauses. wie überhaupt in die Schule, fo auch zum Turnen mit Freude und Eifer hingehen; nicht es als leider nicht abzuschüttelnde Last ansehen, sondern als etwas für sie selber Erfreuliches und Nützliches. Daß sie bei diesen Gefühlen bleiben, ist Sache der Lehrerin, die deshalb gerade beim Turnen einer hohen Geistes- und Herzensbildung wie der richtigen Herzznswärme bedarf. Ein tieferes Verständniß für den Bau und die Verrichtungen des Körpers ist mindestens überflüssig, oft mehr schädlich als nützlich, weil es in dem Umfange, wie es durch Bücher und kurze Turnlehrer - Bildungskurse allein erreicht werden kann, unendlich oft zu falschen Vorstellungen und schiefen Urtheilen Anlaß giebt. Wo es sich um die Grenzen der Leistungsfähigkeit schwächerer oder mit irgend einein Fehler behafteter Kinder handelt, kann nur ein auch in dieser Beziehung bewanderter Arzt ein richtiges Urtheil abgeben. Auch die Frage ob und wie von kranken oder mit Fehlern beHafteten Kindern (z. B. bei Anlage zu Brustkrankheiten, beginnender Schiefheit, Bleichsucht u. a. m., wo sachgemäße Uebungen oft von allergrößtem Vortheil sind) geturnt werden soll, kann ebenfalls nur ein sachkundiger und selbständiger Arzt entscheiden, nicht jeder beliebige Hausarzt, der nur zu oft den häufig wenig berechtigten Befürchtungen und Wünschen zärtlicher Mütter nachgiebt, statt ihnen klar zu machen, daß sie durch Zurückhaltung ihrer Töchter vom Turnen diese nicht vor Schädlichem bewahren, sondern ihnen etwas Nützliches vorenthalten. Verständiges Turnen macht mitKrankheitsanlagen behaftete gesunder, alle Mädchen aber leistungsfähiger und widerstandskräftiger in dem auch ihrer harrenden Kampf ums Dasein, es macht sie zur Erfüllung ihrer weiblichen Pflichten geschickter und deshalb sollten alle Mädchen turnen. Das Glück. ' Ein Märchen von Dr. Th. Kirchner.
Es war in den Tagen, da der Flieder blühte und das war eine fröhliche, herrliche Zeit. Jung Jochen aber kam weinend aus der Schule nach Hause. Was gibt's denn. Jochen?- fragte die Großmutter und strich ihm das Flachshaar aus der Stirn, bist Du unartig gewesen?" Ach nein. Großmutter!" heulte Jochen, nein!" Nun also, was gab es denn?" O, alle die schönen Märchen, die Du mir erzählt hast, sind nicht wahr, der Lehrer sagte es!" Dabei blickte Jochen mit seinen feuchten Kinderäugen zur Großmutter empor und setzte traurig hinzu: und der muß es doch am besten wissen, nicht wahr?" Ja wohl, Jochen, der weiß es am besten. Aber was liegt daran, daß die Märchen nicht wahr sind?" Ja sagte Jochen und die Thränen rannen ihm wieder an den Wan gen herab, dann kann ich ja auch keine Prinzessin bekommen, wie der Schneidergeselle, der Sieben auf einen Schlag erschlug, und kann nicht glücklich werden!" O du närrischer Junge, Du!" rief die Großmutter, Du kannst deshalb doch glücklich werden auch ohne Prin zessin, nur mußt Du das Glück sin den!" Wirklich?" Ja gewiß!" Und wo ist daZ Glück, Großmut-
ter?" fragte Jochen, indem er sich die Thränen mit dem Aermel aus d:n Augen wischte. Die Großmutter aber blickte wehmüthig lächelnd zu ihm hinab und meinte: Ja, wo ist es wohl, Jochen? Nicht hier und nicht dort und doch überall, wo es einer zu finden weiß! Mußt es eben suchen!" Das will ich!" sagte Jung Jochen das will ich; ist es vielleicht dort im Walde, weißt Du. wo Du gesagt hast, daß das Märchen wohnt?" Kann sein, Jochen, kann sein!" versetzte die Großmutter, aber jetzt trockne Deine Thränen und komm', das Mittagbrot wartet!" Ja, es war in den Tagen, da der Flieder blühte, und Jung Jochen ging das Glück suchen. Selbstredend suchte er es in dem Walde: denn die Großmutter hatte ja gesagt, daß es da wohl zu finden sei. O, wie schön war es hier! Das helle, frische Laub leuchtete im Sonnenscheine. und überall ringsum waren Blüthen an Blüthen: Blüthen auf den Bäumen, Blüthen im Grase, Blüthen selbst auf den Weg gestreut den er ging. In den Zweigen sangen die Vögel, schillernde Fliegen summten und surrten von Blume zu Blume, über den Weg liefen geschäftige Käfer, ja einmal sogar eine kecke Goldamsel! O, wie schön war es hier! Und was das Bächlein da im Grase alles zu erzählen wußte! Aber das wollte Jung Jochen gar nicht anhören. Was das Vächlein erzählen mochte, waren ohnehin nichts als Märchen, und die waren ja Lügen. Und Jung Jochen ging und ging! Der Wald wurde immer dichter und rauschte geheimnißvoll über seinem Haupte. Ob er wohl heute das Glück finden würde? Und wenn auch heute nicht, dann wird er morgen wieder. . . Aber was ist das? Jung Jochen blieb mit eisern Male wie angewrlelt stehen. Vor ihm saß unter einer mächtigen uralten Eiche eine schöne Frau. Ueber ihrem Haupte glitzerte ein blauschimmernder Stern mid ein schlankes Reh ruhte furchtlos zu ihren Füßen. Beinahe wäre Jung Jochen sofort wieder davon gelaufen, aber die Frau winkte ihn lächelnd zu sich. Er wagte es denn, näher zu treten und sie genauer anzusehen; aus dem schönen Gesichte blickten ihn ein Paar brauner träumerischer Augen so gütig an, daß er sich ein Herz nahm und fragte: Bist Du das Glück?" Ja, so nennt man mich!" sagte daS schone Wesen, aber komm' her zu mir und fürchte Dich nicht!" O, ich fürchte mich nicht vor Dir!" erwiderte Jung Jochen freudig und setzte sich neben sie in's Gras. Du bist ja das Glück; wie könntest Du böse sein!" Sie faßte ihn bei der Hand und blickte sinnend in die Ferne. Aber Jung Jochen konnte nicht lange still sitzen: Sage doch," sprach er lebhaft, ihr in das Gesicht blickend. kannst Du mich glücklich machen?" Dich glücklich machen?" versetzte sie. freilich Aber wie? wie? was soll ich thun, was wirst Du mir geben, damit ich glücklich sei?" Nichts werde ich Dir geben!" sprach das Glück, aber ich will Dir sagen, was Du thun mußt, um es zu werden!" Ach, beginne, bitte!" ' Aber Du darfst nicht an mir zweifeln und mußt alles , glauben, sonst muß ich Dich verlassen!" Ja, ja, alles fange nur an!" Gut denn!" begann das Glück, weit hinter diesem Walde und den fernen Bergen, die in goldigen Dunst getaucht sind, steht auf steilen Felsen ein herrliches Schloß. Hell glitzern und gleißen die goldenen Kreuze und Knäufe weithin über die umgebenden Wälder in das Land hinaus und die Fenster glänzen im Sonnenscheine.als wären sie eitel Feuer!" Jung Jochen hörte aufmerksam zu, und hatte sich um alles in der Welt auch nicht ein einziges Wort entgehen lassen. In diesem Schlosse." fuhr das Glück fort, wohnt eine schöne PrinZessin!" Prinzessin?" fragte Jochen mißtrauisch. Ja, eine Prinzessin, so schön wie es keine zweite gibt. Aber die wird von einem furchtbaren feurigen Löwen bewacht!" Aber das gibt es ja gar nicht!" warf Jung Jochen ein.. " Habe ich Dir nicht gesagt, daß Du mir glauben mußt?" sagte das Glück, aber höre nur weiter: da sollst Du hinwandern und wenn der Löwe wild aufbrüllend auf Dich losfährt, dann vertraue auf mich, rufe mich an und Du wirst ihn tödten und die Prin zessin ist Dein vorher aber " Doch Jung Jochen sprang plötzlich auf, als hätte ihn im Grase eine Schlange gestochen: Was?" rief er, feurige Löwen foll es geben? und ich soll einen tödten und eine Prinzessin soll ich auch' bekommen? Aber das ist ja alles gar nicht wahr, das gibt es ja gar nicht!" Das Glück aber blickte ihn aus seinen schönen Augen erstaunt an: Ja, warum soll es denn das alles nicht geben?" Weil das Lügen sind!" fuhr Jung Jochen auf, nichts als Lügen! Die Großmutter sagt es und der Lehrer sagt es und die sind weit klüger als Du Du " er hielt plötzlich inne und trat ein wenig zurück, aber Du, höre einmal. Du bist ja gar nicht das Glück. Du bist ja " Was soll ich denn sonst sein, Du unartiges Kind!" Das Märchen bist Du ja, Du bist das Märchen!" , .
Ja, so nennt Ihr mich auch!" Wie konntest Du mir denn vorhin sagen, daß Du das Glück seiest?" zürnte Jung Jochen. Ich log Dir nicht!" sagte die schöne Frau und erhob sich unmuthig von ihrem Sitze, was kümmert es mich, daß für Euch das Glück Märchen ist?" und sie verschwand im Dickicht. Ein freundliches Zvort zur rechten Zett. Es ist Mittagzeit; müde und abgespannt kommt der Gatte nach Hause. Frau Marie trägt das Essen auf. Hat Hermann gegrüßt oder es vergessen? Hat sie dem Mann einen Guten Tag geboten? Auf der jugendlichen Stirn thronen finstere Falten, mürrisch und verdrossen sieht die Frau aus nicht ohne Bangen betrachtet sie der Mann. Gewitter im Anzüge? Jedenfalls hatte sie viel Arbeit, wohl gar Wäsche" denkt er, unterdrückt aber eine Frage nach ihrem Befinden, als er bei näherem Betrachten seiner Frau deren blasses Aussehen gewahrt. Ich fürchte mich, sie anzusprechen; sie sieht so finster aus, und wenn die Weiber waschen und backen Marie hat unterdessen die Suppe aufgegeben, die Gatten sitzen sich am Tisch gegenüber keines spricht ein Wort. Wenn er nur etwas zu tadeln finden möchte! Aber, das Mittagbrot ist vorzüglich, das Zimmer nett aufräumt, die Blattpflanzen und Blumen stehen frisch, der Vogel singt munter zwischen den beiden aber will es zu keiner Unterhaltung kommen. Die Frau räumt die Speisereste fort, deckt den Tisch ab, legt eine andere Decke darüber und geht hinaus. Da habe ich mich den ganzen Mor gen geplagt, und er hat nicht ein freundliches Wort für meine Mühe" denkt sie und erinnert sich der Zeit, wo Hermann, als Bräutigamen's elterliche Haus kam. Mariechen nannte er sie damals, und wie aufmerksam und unterhaltend benahm er sich! Fünf Monate waren erst seit der Hochzeit vergangen, und diese Verwandlung? War sie ihm gleichgiltig? Er denkt unterdessen: Sie ist so anspruchslos, besorgt die Wirthschaft allein, andere Frauen arbeiten nicht so viel; sie ist auch nicht vergnügungssüchtig, sitzt daheim und beschäftigt sich mit nützlicher Handarbeit " Die Männer achten Frauenarbeit nicht." spricht sie für sich, indem sie in der Küche aufräumt wird das Leben in der Ehe immer so sein?" Vor sich hinbrütend, die Hand an den Kopf gelegt, sitzt der Mann im Zimmer. Es ist unerträglich!" murmelt er. Man kommt abgespannt nach Hause, verlangt nach einem freundlichen Blick, etwas Unterhaltung, nichts von allem weshalb heirathete ich?" Da fallen ihm Sie Abschiedsworte feiner Mutter ein, als sie nach dem Hochzeitstage fortfuhr: Wenn Deine Frau einmal unfreundlich, vielleicht überarbeitet ist, und Dir kein gutes Wort gönnen will, dann lobe sie ob ihres Fleißes und derMühe, welche sie sich Deinetwegen gibt, und ich wette, der finstere Blick hellt sich auf." War er denn blind? Er fühlte sich abgespannt seine Frau war es nicht minder. Viele Wochen ging er neben ihr her, nahm alle ihre Arbeit als selbstverständlich hin, unterließ es auch, an kleine Aufmerksamkeiten zu denken. Fremden dankte er, seinem Weibe nicht; Fremde behandelte er mit Höflichkeit, seine Frau vernachlässigte er; kein Wort der Anerkennung seit Wochen, und sie sollte freundlich sein? Marie war draußen fertig und setzte sich mit einer Handarbeit an den Nähtisch; nicht wie sonst legte er sich auf's Sosa zur Siesta. Den Stuhl ihr gegenüber rückend, sah er ihrer Arbeit zu. Was machst Du da, Mariechen?" Einen Wandschoner an den Waschtisch." Das arbeitest Du sehr schön und es ist auch praktisch; aber Du siehst bleich au3. es fehlt Dir an frischer Luft wollen wir einen Spaziergang machen? Du hältst das Hauswesen so gut in Ordnuno;, strengst Dich aber, glaube ich, zu viel an; lege Dir doch eine Bedienung zu." Erstaunt blickte Marie auf Hermann; war es sein Ernst? Ihr Gesicht hellte sich auf. Ach. Hermann, wie beglücken mich Deine Worte! Wir Frauen schaffen ja so gern für den Mann, lechzen aber bisweilen nach einem Ausdruck der Anerkennung und fühlen uns durch die geringste Aufmerksamkeit hoch beglückt sei nicht böse, wenn ich unfreundlich war!" Ich hb um Verzeihung zu bitten, und nun geh. Mariechen, und mache Dich fertig!" Wie verwandelt erscheint das eben noch so düstere Antlitz; eitel Sonnenschein lagert darauf, und etwas, das einer Thräne ähnlich sieht, tropft in den Schooß. Wer erkennt die beiden Menschen, die Arm in Arm der Promenade zugehen. wieder? Erst zum Tode betrübt, nun himmelhoch jauchzend und ein paar armselige Worte haben dieses Wunder bewirkt.
Eine Examen-Antwort Der Herr Professor fragt: Wie groß ist die Entfernung von der Sonne zur Erde?" Candidat: Etwa siebenund dreißig Millionen Stunden." Professor: Wie finden Sie diese Zahl?" Candidat: Kolossal, Herr Professor." - Aucheine Hypnose. Richter: Sie behaupten in Ihrer Scheidungsklage, Ihre nunmehrige Frau habe hypnotisch Ihre Zuneigung zu er ringen gewußt! Wie aina das zu? I Ehemann: Sie sagte, sie hatt' $203, 000 Vermögen.
?ic Mode der ZZcstaurations-Zeit.
as Kaiserreich war zu Ende. Auf St. Helena, fern dem Getriebe der Welt, vertrauerte Napoleon den Rest seines - eoens. In ranlreiA fcpnnnn KZ?,it 7 r " vj oer nenaurallon. LudwiaXVIII.be. stieg den Thron und suchte die gewaltigen Spuren auszutilgen, welche die Geschichte seit 1789 hinterlassen hatte. Auch sein Bruder und Nachfolger, Karl X., der im Jahre 1824 den Thron bestieg und ihn bis zur Julirevolution desJahres 1830 inne hatte, um alsdann seinem Vetter Ludwig Philipp, Herzog von Orleans, zu weichen. hatte nichts gelernt und nichts vergessen". Emsig war man in den Kreisen des Hofes beflissen, die Zustände vor 1789 mehr und mehr wiederherzustellen. Literatur und Kunst waren ansanglich diesen Anstrengungen des Ancien Regime günstig. Den veränderten Geschmack in Poesie und Kunst schildert Victor Hugo mit den Worten: Diese Revolution in allen Künsten ist nur eine allgemeine Rückkehr zu der Natur und Wahrheit, sie'ist die Ausrottung des falschen Geschmacks, der seit nahezu drei Jahrhunderten dadurch, daß er an die Stelle aller Realitäten unaufhörlich konventionelle Willkür setzte, so viele gute Köpfe ver dorben hat. Das neue Zeitalter hat den klassischen Lappen, den philosophischen Lumpen und das mythologische Flittergold entschieden abgestreift." Promenadetrachten. Nun, auch die Mode streifte den klassischen Lappen" allmälig ab der Classicismus in der Kleidung, das Griechenthum in der Toilette der Damen, die hohe Gürtung der Roben unter der Büste, die Vorliebe für die leichtesten, schier durchsichtigen Florstoffe, die Sucht antiker Drapirung schwanden. Zugleich nahm die während der Revolution und des Kaiserreichs vielfach geübte Sitte ab. seinen Patriotismus durch Schärpen, seltsamen Kopfputz und eigenartige Hüie zu kennzeichnen, die in Farbe, Form und Schmuck auf irgendwelche politische Begebenheiten und Personen hinwiesen. Die bewegenden Elemente für die Mode wurden mehr in den Erscheinungen auf dem Gebiet der Kunst und Literatur gesucht. Unermüdlich waren die Modekünstler beflissen, diese Quellen auszubeuten, wie denn überHaupt ihre Beweglichkeit eher zu- als abgenommen hatte. Romane. Bühnenaufführungen, Launen beliebter Schauspielerinnen, neue Bilder,, die im Salon Aufsehen erregten, und hin und wieder ein politisches Ereigniß. wurden gleichsam in die Toilette übertragen. Girodet-Trioson und Gros, die als Vorläufer der Romantik in der französischen Malerei gegen denZwang des Davidschen Classicismus zuerst Front machten, boten anfänglich besonders reiche Anregung: als jener ein fchönes Bild mit der Gestalt der Galathea gemalt hatte, trugen die Damen eine Weile nur !a coiffure a la 6alate", eine Verbindung der Haarfrisur der antiken Statuen mit jener Krone, welche von den erfinderischen Haarkünstlern lange Zeit als Kronen a la Terpsiclicre" bezeichnet wurden. Nach dem Eongreß von Verona wurden toques a la Vdronfcse beFrisurenundHüte. liebt, nach den ersten' Aufführungen des Freischütz" Hüte a la ltobin des Ilois". . Auch minderwerthige Gaben der Muse hatten Einfluß, trug man doch auch nach . dem seit 1825 an der Porte-Saint-Martin gegebenen Theaterstück: Jocko. oder.der Affe von Brasilien" Hüte a la Jocko". Und als im Jahre 1827 die erste Giraffe im Jardin des Plantes erschien und findige Autoren eine Vaudeville La Girafe" verfaßten, huldigte man selbstverständlich Hüten und Eoiffüren
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a la sirafe". Das sind Varianten aus der Modeströmung damaliger Zeit, die zur Genüge darthun, was für augenblicklichen Einflüssen man sich in dem lebenslustigen, neuerungssüchtigen Paris hingab.
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R e i t a n z u g. Aber diese Varianten fallen weniger in's Gewicht, zumal sie ihrer Mehrzahl nach mehr auf die Löwinnen der Pariser Gesellschaft beschränkt blieben. Die Hauptströmung ging unter dem Einfluß des solideren englischen Geschmacks. dem sich selbst die Pariser Mode nicht entziehen konnte, vornehmlich dahin, in der Kleidung den naiürlichen Formen des Körpers und den Anforderungen der Schicklichkeit mehr Rechnung zu tragen. So gelangte die natürliche Taille, welche durch die früher beliebte hohe Gürtung fast unsichtbar geblieben war. wieder zu ihrem Recht. Den ungeheuer langenSchleppen entsagte man selbst bei Gesellschaftstoiletten zu Gunsten der kurzen und fußfreien Kleider. Oben wurden die Kleider geschlossen getragen, vielfach auch mit stuartartigen Kragen, die aus England herübergekommen waren.und mit Umbildungen der früher so beliebten Fichus. Nur in der Gesellschaftstoilette huldigte man dem Decolletiren. Gegen das Decolletiren anzukämpfen, versuchte zwar die zum Altmodischen neigende Herzogin von Angouleme, die eigentliche Rückschrittlerin am französischen Hofe, aber einen Erfolg trug sie nicht davon. Höchstens konnte sich die Herzogin rühmen, daß ans ihr Verlangen die Röckchen der Tänzerinnen an der Großen Oper etwas verlängert wurden. Selbst am englischen Hofe, der doch stets das Muster der Prüderie gewesen ist. hat sich das Decolletiren noch bis auf unsere Tage erhalten. Gesellschaftscostüm. Besonderheiten, die sich im Laufe der Zeit in der Damenmode einstellen, haben vielfach ihren Grund wiederum im Polentum. Man begeistert sich für die polnischen Patrioten, welche die Wiederherstellung ihres Vaterlandes erstreben, man weint bei der Lektüre der kühnen und gewaltigen Lieder der polnischen' Freiheitsfänger, und man trägt fehlt doch der Tragik niemals die Komik polnisch verschnürte Kleider. Auch polnisch schwärmende Herren, voll von sentimentalen und romantischen Gefühlen, legen sich den polnisch verschnürten Rock zu. Dieser wird geradezu zu einem Symbol der nach Freiheit dürstenden Völker. Von dieser Besonderheit abgesehen, ist aber die Herrentracht aus den Verrücktheiten der Jncroyables glücklich herausgekommen. Endgiltig ist das lange, unten durch die Stege festgehaltene Beinkleid, das feitlich nicht mehr durch Knöpfe verunziert ist. zur Herrschaft gelangt. Der Frack ist im gewöhnlichen Lben dem Taillenrock gewichen, der als Erinnerung an die ältere M-v nur k""b den hohen Kragen mit breiten Aufschlägen in Sammet aufweist. Und auch ihm entsteht in der Folgezeit ein gewaltiger Nebenbubler in dem bequemen Jackett, zu dessen bürgerlichem Aussehen als Bekrieger des steifen Cylinders die neuen Hüte in weichem und steifem Filz vortrefflich passen. Wer demokratisch denkt, verzichtet auf den aristokratischen Cylinder und setzt sich den großen Schlapphut auf das lockige Haupt. Was die Damen in der Zeit des Bürqerkönigs Louis Philipp fo vorzüglich kleidet, ist die Haarfrisur. Modern ist jene Frisur geworden, die an beiden Seiten des Gesichts mehrere Reiben horizontal oder senkrecht gelegter. kurzer Locken und auf dem Haupte fas ?wi!chcn w'i Steln zurückgekämmte Haar in einem nach hinten hoch aufgenommenen, von einem kostbaren Ring umfaßten Aufbau zeigt. Selten hat wohl eine reizvollere, besser zu Gesicht stehende Haarfrisur besianden als diese. Wer an größeren Bildnissen ?iudien " tch! hat. wird den Reiz dieser Frisur bestätigen. Und es hat denn auch geraume Zeit gedauert, bis sie durch eine andere entthront wurde. Sollen wir nock von den Mantlllen. . von den Shawls, von den Beduine
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reden, die allmälig modern wurden? Oder von den niedlichen Sonnenknickern in weißer Seide, befetzt mit Fransen, und mit weißem, hübsch geschnitztem Stab und Griff in Elfendein?. Oder von den reich geschmückten Berthen, die mehr und mehr als glänzender Aufputz des Ballkleides beliebt wurden? Oder gar von der Crinoline? Wir denken: besser ist es zu schweigen, denn mit der Einführung der Crinoline beginnt eine Periode des Geschmacks, die vom ästhetischen Standpunkt aus entschieden als. eine solche des Verfalls zu bezeichnen ist. Eine Besserung tritt erst ein, nachdem sich die Erkenntniß von der Unnatur dieses Monstrums Bahn gebrochen hat und die Crinoline in das große Meer vergangener Moden zurücksinkt.
Ein fürstliches Paar. In Brüssel hat die Vermählung des Prinzen Philipp Emanuel Maximilian von Orleans mit Prinzeß Henriette Marie Charlotte Antoinette stattgefunden. Die Prinzessin wurde am 30. November 1870 als älteste Tochter des Grafen Philipp von Flandern und Prinz Philipp. seiner Gemahlin Maria Prinzessin von Hohenzollern geboren. Der Graf von Flandern ist ein Bruder des belgischen Königs Leopold II. Der Bräutigam, der einzige Sohn des .Herzogs Ferdlnand von Alenon aus dessen Ehe mit der Prinzeß Marie von Bayern, erblickte das Licht der Welt am 18. Januar 1872 in der Villa Azwang bei Meran. Es ist eine vollkommene NeiPrinzeß Henriette. i gungsheirath. die hier geschlossen wird'. Das Paar lernte, sich in der Schweiz kennen und lieben, und dann brachte der Prinz seine Werbung bei den Eltern vor. Bis jetzt stand der Prinz in Graz bei dem 5. österreichischen Dragoner - Regiment Nikolaus I., Kaiser von Rußland. Das Haupt des Hauses Orleans, Herzog Philipp, verlieh ihm auö Anlaß der Verlobung den 2itel eines Herzogs von Vendome. Anzüglich. ' 1. Nestaurant-Gast (mit dem Mes ser essend): Wissen Sie auch, mein Herr, daß Nichts, so sehr den Appetit verdirbt, als wenn man während des Essens eine Zeitung vor sich hat? 2. Restaurant-Gast (hinter der Zeitung hervor): O. es giebt noch andere Dinge auf der Welt, die Einem den Appetit noch viel schlimmer verderben. Daß die Dummen nicht alle werden ist erträglicher, als wenn alle gescheid würden. Empfehlend. Hausfrau (zum stellesuchenden Dienstmädchen): Haben Sie Liebe zu Kindern?Außerordentlich mein Schatz ist ja eigentlich auch noch ein großes Kind!" Schoner Trost. Herr (zu einem älteren Fräulein): Fräulein werden doch auch unseren Ball besuchen? Fräulein: Wahrscheinlich nicht. Herr:, O. kommen Sie nur. Fräulein, diesmal hat sich ja das Comite zur Aufgabe gemacht, nur mit denjenigen Damen zu tanzen, welche sitzen bleiben. Der Paß. Herr Haseabalg. Fabrikant in einer kleinen sächsischen Stadt, wünscht eine Geschäft'.7cise nach England zu unternehinm und meldet sich bei dem Bürgermeister zur Ausfertigung eines Passes. Wo wol. len Se denn Hinreisen. Herr Hasenbfllg? Hach Queensborough. Wohin' wollen Se? Nach QueenZborough. Heren Se, mei gutester Herr Hasenbalg, da weeß ich Se gar nich. wie sich das schreibt. . . . Kannten Se. nich vielleicht wo andersch hinreisen?
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