Indiana Tribüne, Volume 19, Number 142, Indianapolis, Marion County, 9 February 1896 — Page 6
Es liegt im ZZlut. ' Von Alfred Pappcnhcim. Die feuchten Nebelschlangen ringet kn sich durch die Luft, sie klammerten sich an Allem fest, was sich ihnen entgegenstellte. Es schneite und regnete toll durcheinander. . Oede lagen die Straßen. Der Donaukanal floß rasch einher. Auf den schwarzbraunen Wellen tanzten im Dunkel der Nacht röthliche Lichter, d'e Spiegelung der Gasflammen, die von einem dichten Nebelhof umgeben waren. Herr Gstreiner strebte von der Stadt über die Ferdinandsbrücke heimwärts, der Leopold zu. Den Kragen aufgestülpt, brummte er ärgerlich Flüche über das Hundewetter in den vereisten Bart. Da auf der Brücke. . . er steht neben einem jungen Weibe. In die schwarze, murmelnde Wassertiese hinab ist ihr Blick gerichtet. . . ein schwerer Seufzer dringt an sein Ohr... Teufel auch! Ein nettes Abenteuer! Das Weib schwingt sich über die Vrüstung. Er faßt sie an. Lassen Sie mich!" ruft sie ihm wie verzweifelt zu. Mir wird da unten wohl!..." Nichts da! Hilfe!" ruft er. denn er fürchtet, das Weib in der Kraft der Verzweiflung könnte sich losreißen und ihren unglückseligen Vorsatz verwirklichen. Sie aber wendet ihm jetzt das Antlitz zu. Ein Paar großer, grauer, schreckenssiarrer Augen blicken ihn an. Rufen Sie nicht die Polizei!" kommt es bebend von ihren Lippcn. Was wollten Sie thun!" sagt der Mann vorwurfsvoll. Einein verfehlten Leben ein Ende ma chen!" klingt es leise zurck. Das Weib scheint wie gebrochen, ein paar Tropfen rollen die Backen hernieder. Gstreiner faßt die Willenlose unter dem Arm und führt sie fort. Dort an der Ecke ist ein kleines Gasthaus. Das Weitere findet sich; zu einer Ausspräche unter freiem Himmel ist, weiß Gott! der Decembergraus gar nicht einladend. Sie fragt nichts, sie scheint jedes Gefühl verloren zu haben. Sie schleppt sich an dem Arme des ihr Fremden fort.nur der keuchende Athem ist hörbar. . . Jetzt sind sie Beide in das kleine Lokal eingetreten. Im Nebenstübchen sitzen sie wortlos einander gegenüber. -Der schläfrige Kellner hat'mit verwundertem Gesicht den bestellten Thee gebracht. Er hatte sie fast zwingen müssen, ein Glas zu leeren. Dann war sie feuerroth geworden. Sie hatte den Kopf zwischen die Hände geborgen und weinte leise vor sich hin. Ueber Gstreiner war es eigenthümlich gekommen. War das Weib schön! Um das bleiche, jugendliche Gesicht ringelten sich röthlich blonde Haarflechten. Eine Schönheit. Sie war jung. Die Knospe war im Schwellen begriffen. Er, alter Junggesell; daß ihm das Passiren mußte. Fast ärgerte er sich, daß er eine edle That' verübt, das Menschenleben gerettet hatte. Sie sagte ihm dann leise ihren Namen. Anna hieß sie. Er erschrak, als er ihren Familiennamen hörte. Sie gehörte einer Patrizierfamilie an. Dann erzählte sie ihm, schlicht, ohne Comödie, eine traurige Geschichte, alt und doch neu. Vom Lumpen, der sie verführt, von der Schmach und Erniedrigung, von der Flucht aus dem Elternhaus, bis sie der Elende verließ. Wohin? Jn's Wasser! Dann ist's aus. O, warum haben Sie mich zurückgehalten!" klang es unsagbar schmerzlich. Hier muß man helfen! Aber wie? Sie heimführen zu den Ihren? Die haben sie ja hinausgejagt. Was khun? Sie solle ihm versprechen, leben zu wollen, drang er in sie. Anna schwieg. Ueber ihn, den stillen, linkischen Menschen, den Mann, der Frauen gegenüber nie das richtige Wort finden konnte.kam es wie Gotteseingebung. Er fand Worte des Trostes, flammende Mahnworte und auch Rath. Gut, ich ergebe mich darin! Ich will leben, um zu büßen," hatte sie gesagt. Aber helfen Sie mir, den rechten Weg finden!" Wenige Tage darauf trat sie bei ihm als Haushälterin ein. Fünf Jahre hatte sie ihn gepflegt und gehegt, just wie eine Schwester. Dem alternden Manne, der sich durch Arbeit emporarunacn, der einsam ein Jungesellenleben geführt hatte, w das Leben erst werth geworden. Es war in ihm zu dem Weibe eine tiefe 'Neigung emporgewachsen und eines Tages trat er vor sie hin und sagte gerade, ohne Umschweife: Anna, willst Du mein Weib werden?" Guter Gstreiner, Du warst kein Menschenkenner, da Du das jähe Zusammenzucken des Weibes als Ausdruck der freudigen Ueberraschung nahmst. Sie war zu Tode erschrocken! Was sollte sie thun? Ehrlich sein und sagen: Ich liebe Sie nicht!" Es war ihr nicht möglich. Er hatte sie auch überrumpelt. Wenn sie Nein" sagte, in seinem Hause konnte sie dann nicht bleiben. Sie mußte fort, hinaus. Sie schauderte zusammen; das endete dort, wo er sie aufgelesen hatte! Und dann... was wollte sie auch? Ein Mädchen, das von ihren Angehörigen verstoßen war, das den dunklen Fleck ihrer Bergangenheit hatte, war für sie dieser Antrag nicht eine Ehre? Sie würde eine anständige Frau, eine reiche Frau, um deren Leben sie so Manche, Bessere beneiden konnte!... Nein, nein! Es geht nicht! Mach' den edlen Mann nicht unglücklich!" tönte es leise. Es wird unglücklicher, wenn Du ihn zurückweisest!" zischelte es wieder... Sie schwieg. Er nahm das Alles für Freude, die sie wortlos machte und umarmte sie. z Anna duldete seinen Kuß. Es über
lief sie kalt. Dann sagte sie ein mii des Ja!" Sie sind ein Paar! Das stiüe Weib ist seitdem wie verändert. Wie wenn sie sich scheute, mit dem Gatten allein zu sein, stürzte sie sich in den Strudel der Unterhaltungen. Gäste, Besuche, Theater, Välle, Unterhaltung gen im tollen Wirbel. Ihn amüsirte es, dcijz er ihr Freude machen konnte. Er liebte sie ja so innig. Sie wat sanft und gut. Etwas kühl! Mein Gott! Das ist ihr Temperament!" hatte er sie entschuldigt. Dann hatte sie auf einem Balle den' Mann ihrer Liebe wieder getroffen. Wie von einer Schlange gebissen, war sie am Arme des Gatten zusammengezuckt. Bist Du unwohl?" Nichts! Ein plötzlicher Frost!" hatte sie erwidert. Der Oberlieutenant war auf das Paar zugetreten und hatte sich als Cousin galaut nach dem Befinden der Cousine erkundigt. Der Gatte war sehr erfreut, den Verwandten kennen zu lernen. Der Blinde sah nicht, wie todtenbleich sie wurde. Der Herr Oberlieutenant erweist uns doch die Ehre seines Besuches?" Anna stößt einen unartikulirten Laut aus. Es ist zu viel. Sie sinkt zusammen. Die Hitze!" entschuldigt sie der Gatte. . . .Natürlich ist der Oberlieutenant so freundlich, sich Tags darauf nach dem Befinden der gnädigen Frau zu erkundigen. Sie ist wohlauf und freut sich, ihn zu sehen. Sie liebt ihn noch, sie fühlt es; die Leidenschaft wird obsiegen. Ihre Pflicht ist es zu fagen: Hinaus mit Dir!" Aber sie kann es nicht. Eines Tages ist sie verschwun den, der Herr Cousin aleichfalls. Es liegt im Blut! Monate verstrichen. Gstreiner ist ein Greis geworden. Der gesellige Mensch ist heute ein Menschenfeind! Was Wunder auch, hat er doch gelit ten, wie kein Zweiter. Er sitzt an einem Deccmber-Nachmittag in dem Heim, das er ihr geschaffen! Es ist Alles unverändert geblieben. Die Kohlen im Kamin brennen mit knisternden Flammen. Ist es ihm doch, als ob er sie sähe! Ihre goldigen Locken, die tiefen, grauen Augen. Das elastische Schreiten hört er. Und er weint. Es läutet. Ein Amtsdiener. Herr Gstreiner?- Jawohl! Was wünschen Sie?" Ich bin Diener im Krankenhaus; Ihre Frau liegt bei uns drinn. Sie will Sie noch einmal sehen, ehe sie stirbt! Kommen Sie noch heute, der Professor meint, es geht zu Ende. . ." Mit verglasten Augen starrt Gstreiner dem Manne entgegen. Sie!... und im Spital i Es wirbelt ihm im Kopfe. Ich komme!" bringt er mühsam hervor. Der Diener geht. . Sie im Elend? Er ist schwer gerächt. O, Bestie! Bestie!" So mußte es kommen! Ob er wo!ü. hingeht?' Nein!... Nein! Und doch.". . Sie bittet ihn ja darum. Es ist die Bitte einer Sterbenden, seines Weibes. Er eilt hin. Er erkennt sie fast nicht. Das ist nicht die Jugendblüthe.von der er geträumt. Sie röchelt leise. Die zerrissene Lunge athmet schwer. Er ist an das Bett getreten; sie schlägt : die Augen auf, blickt ihn lange an. Karl. . klingt es rauh und voll wilden Schmerz. Er sinkt weinend an dem Bette nieder. Vergib mir!" Erstreichelt leise ihre Hand. Mir wird so wohl!" Ein Seufzer. Sie hat gebüßt. Es ist der Tag. da er ihr das Leben gerettet hatte, da stand Gstreiner als einziger ' Leidtragender vor der Grube, in der sie schlafen wird fürder. Die Sonne küßt die nackten, gefrörenen Erdbällen, sie küßt den Zarg. Sie verzeiht der Sünderin, wie er ihr öer ziehen! Zukunflsehen. yon Paul v. Cchönthan. Im Züricher?lageblatt" war dieser Tage folgendes Heirathsgesuch zu lesen: Eine junge, hübsch akademisch gebildete Dame, welche im Stande ist, einen Mann zu ernähren, wünscht mit einem jungen Manne, nicht .unter zwanzig Jahren (Abstinent), m Verbindung zu treten behufs späterer Verehelichung. Er muß in allen Zweigen des Hauswesens bewandert sein, Liebe zu Kindern und ein bescheidenes, sanftes Wesen haben. Etwas Vermögen erwünscht. Nur ernstgemeinte Offerte unter Chiffre M. S. 2931 mit Photographie und Sittenzeugnissen poste restante Hottingen." Das Inserat hat mächtig eingeschlagen. Das Fach für postlagernde Briefe war täglich überfüllt mit Vriefen von Heiraths-Candidaten, die ihre Hand zu vergeben wünschten. Ich habe selbst sofort an meine eigene Versorgung gedacht und bereits den Text eines telegraphischen Gegenantrages mit dem Schlußsatz Drahtliebe bezahlt" überlegt. Die Bedingungen stimmen zur Noth. Im Hauswesen bin ich bewandert, wie nur Jemand, der mit einem unanstelligen Diener wirthschaftet mit dem Kochen hapert's noch meine Liebe zu Kindern ist derart entwickelt, daß ich der An--sicht bin, wer feine Kinder wirklich lieb hat, soll sie gar nicht in die Welt setzen; mein bescheidenes, sanftcs Wesen ist sprüchwörtlich also 5Z stimmt Alles. Der gesuchte Mann soll, wie ich bei nochmaliger Durchlesung der Annonce finde, Abstinent" sein. Da ich nicht genau weiß, was ein Abstinent ist, schlage ich in der 16, Auflage von I. Christ. Aug. Heyse's Fremdwörterbuch nach und finde Abstinenten,' die Enthaltsamen, eine
christlicheSelte des III. Jahrhunderts, die sich u. s. w. Ach nein, mein akademisch gebildctes Fräulein in Hottingen, so haben wir nicht gewettet! Nur zum Koch?n. Staubwischen, und zum Warten der Kinder, die Sie offenbar aus einer früheren Verbindung mit einem NichtAbstinenten in die Ehe bringen wollen. wird sich kein Mann, der auf seine Mädchenwürde etwas hält, hergeben. Wenn man schon heirathet, will man geliebt sein und wieder lieben, ohne Abstinenz, und die Rechte und Pflichten wie die Frau genießen. Wer uns heimführt, soll uns nicht nur ernähren können, wie jene junge Ehestands-Candidatin im Inserat es verspricht, vermuthlich, um so und so viel Männern durch diese Zustcherung den Kopf zu verdrehen, sondern wir wollen auch um unserer selbst willen geliebt werden, wie wir es verdienen. Wir wollen dafür die treuen Genossen unserer Frauen sein, ihre Leiden und Freuden, besonders letztere, redlich theilen und die Falten des Unmuthes, die der gemeine Kampf um's Brot nun einmal auf jedes Antlitz zeichnet, mit unserem Frohsinn und unter Schäckern und Lächeln von ihrer Stirn scheuchen. Wir sind am Ende doch etwas mehr als cigarrenrauchende Puppen, denen man einen Schlafrock anzieht und ein .Hauskäppchen aufstülpt und die man dann auf einen Stuhl in die Ecke postirt: da bleib' ruhig sitzen. Herr der Schöpfung. Gebieter. Gatte! Wir wollen auch genießen, wie Ihr! Das Inserat der Züricher Zeitung ist von der Herrenwelt, weit über die Schweizer Gauen hinaus, mit Jubel und Rührung begrüßt worden. Es war die höchste Zeit für den Eintritt dieser Wandlung. Wie viele unter uns, die jetzt ihre schönen Jugendtage im Wirthshaus versitzen und ihre einsamen Abende in einem Nachtcaf6 vertrauern, könnten ruhig einen Hausstand gründen, wenn sie eine Frau fänden, die im Stande ist, einen Mann standesgemäß zu erhalten. Aber wie wenig Frauen können das. ES ist wahr: ein Mann ist kostspielig. Da heißt es alle Augenblicke: Weibchen, ich brauche einen neuen Hut, mein Cylinder wird schon schäbig!" dann wieder: Weibchen, was dächtest Du, wenn ich meinen Winterrock wenden ließe?" Dann diese Kravatten! Es gibt Männer, die ein kleines BermL' gen dafür ausgeben. Und was sie nur an stinkenden Cigarren verrau' chen! Bleibt die Ehe, wie die meisten akademisch gebildeten, kinderlos, so wird der Mann leicht einen Vorwand fmdfü sich, während die Frau ihrem Beruf nachgeht, vom Hause zu entfernen und das Kaffeehaus aufzusuchen. wo er im Villard- oder Kartenspiel in einer halben Stunde sein ganzes Taschengeld verlieren kann. Die Langweile wird überhaupt das Glück dieser Ehen in hohem Grade bedroheN. Was thut so ein Mannsbild, wenn das Haus bestellt ist? Mit den Stiefeln auf dem Divan liegen und qualmen. Ist das .Dienstmädchen sauber, wird er länger als es seine Pflicht erfordert, in der Küche stecken oder vielleicht gar außer dem Hause galante Zerstreuungen suchen. . Es wird nichts daran ändern, wenn sich auch alle Frauen dazu Verbünden, solch ehrvergessene Männer Knall und Fall aus dem Hause zu jagen und zu ihrer Mutter heimzuschicken; die Männer sind all ihre bekannten und hohen Vorzüge und ihren berückenden Lieb"eiz in Ehren schwach, flatterhaft und unberechenbar, selbst die besten und treuesten. Nicht umsonst nennt man sie die holden Räthsel der Schöpfung". Die Frauen werden gut daran thun, vorsichtig zu sein, und sich den Mann, dessen Hand sie verlangen, und den sie zum Vater ihrer Kinder machen wollen, gut anzusehen, ebe sie ihn heimführen. Aber heimführen sollen sie ihn. Das meist unfreiwillige Loos einer alten Jungfer ist oft in trübseligen Farben geschildert worden, und selbst der tüchtigste weibliche Arzt, der mcistbeschäftigte weibliche Advokat, die genialste Ingenieurin, sie Alle werden wenn der Wangen Pracht verflogen ist, wenn ihre Reize zu verblühen beginnen mit Wehmuth an ihr versäumtes Liebes- und Eheglück denkcn! Man stelle sich so einen wabtt chen Advokaten im vorgeschrittenen Frauenalter vor. Das Embonpoint meldet sich an; die Taille wird fast unförmlich, die Büste hat die zarten Rundungen aus der Studentenzeit längst eingebüßt, und all das geschah während eines liebeleeren Berufslebens! Und nun blickt Ihr mit be- ! greiflicher Sehnsucht nach dem Manne aus, aber die Reizendsten unter uns -haben sich längst gut versorgt, sie ha ben in einen lohnenden weiblichen Be'ruf hincingeheirathet und sind .die ,' treue, unentbehrliche Stütze ihrer Gajün und Ernährerin geworden. ' Darum, Ihr Frauen und Mütter. ; denkt bei Zeiten daran. Eure Töchter . zu tüchtigen Berufsmenschen heranzubilden, erzieht sie zum redlichen Er werb, zu praktischen Geschöpfen, .die ihren Mann ernähren können, Ihr werdet sie beglücken und jene zahlrei chen alten Junggesellen, die als freiwillige Mauerblümchen .vertrocknen, weil sie sich den Luxus einer die Hände in den Schoß legenden Lebensgefährtin nicht gestatten können, vor dem Schicksal der Vereinsamung bewahren. . Und Ihr die Ihr bereits eine LeberVstellung erreicht habt und einen häuslichen Herd begründen könnt, gebt die Zurückhaltung diese ZwangsVerkleidung Eurer , mußigen Schwestcrn, die vom blinden Zufall einen Gatten erhoffen, kurz entschlossen auf
und bewerbt Euch keck um die Hand des Mannes, den Ihr als Patienten. Klienten, Geschäftsfreund oder sonst etwa in Eurem Beruf kennen gelernt habt, und der Euch würdig erscheint, Eurem Hause in Ehren vorzustehen. Ihr werdet in den seltensten Fällen einen Korb bekommen, und so wird beiden Parteien gedient sein, während jetzt ach. D lieber Gott! Wie viele reizende, unverdorbene, gemüthvolle und häusliche, ja sogar schöne Junggesllen von imposanter Figur, aus gutem Hause u. s. w. verblühen in stillen Wirthshauswinkeln, ungenossen, ungeliebt, ohne die Aussicht auf sichere Versorgung für die Tage des Alters. Da muß etwas geschehen. Die Schweizerin hat mit ihrem Inserat den löblichen Anfang gemacht. Vivat sequena ! Alcllfur im Zkallfaal. Der Probirstein für das Gelingen eines Balles ist und bleibt der Cotillon; ist dieser langweilig, so wird das Urtheil auf den ganzen Ball ausgedehnt, ist er interessant", so wird mancher andere Uebelstand gern mit in den Kauf genommen. Aber interessant heißt hier so viel wie: neu, und es ist über alle Maßen schwer, aus dem Gebiete der Cotillonüberraschungen", das von ingeniösen Köpfen nun schon seit vielen Jahren studirt wird, etwas Neues zu finden. Umsomehr wird es beim Beginn der Saison alle Freunde und Freundinnen des Cotillontanzes zu hören freuen, daß aus Frankreich soeben eine ganz nagelneue und ebenso elegante wie amüsante Cotillontour gekommen ist. Die Tour trägt den Namen Mensur im Ballsaal". X Ihr Princip ist im Grunde wie das vieler, älterer Nummern" die Wahl, welche eine Dame zwischen zwei ihr präsentirten Tänzern zu machen hat. Während 'aber sonst entweder der Zufall oder der freie Wille der schönen Richtcrin die Entscheidung zu treffen hatte, kommt es bei der neuen Tour aus die Tüchtigkeit und Gewandtheit der beiden Tanzbewerber an, denn es handelt sich um einen Waffengang mit Stoßdegen. Die Requisiten bestehen ganz ordnungsgemäß in zwei FechtHauben, zwei Handschuhen und zwei Fleurets. an deren Spitzen sich je ein mit Puder gefülltes Kissen befindet. Die Hauben sind zierlich, mit dünnem Drahtgeflecht versehen, und wenn sie auch nur Galanteriearbcit sind, so macht doch das Ganze einen ganz kriegerischen Eindruck, zumal da die Fleurcts zwar besonders leichte, aber doch immerhin reguläre Vertreter ihrer Art sind. Der Verlauf, den diese Tour zu nehmen hat. ist folgender: Der Tanzordner führt zwei Herren an eine Xamt heran, vor welcher zu gleicher Zeit das Fechtzeug" deponirt wird, und beide Herren bitten die Begehrenswerthe zugleich um einen Tanz. Sie ! zuckt aber die schönen Schultern und ; weist mit dem Fächer auf die Waffen !und sonstigen Festrequisiten, mit denen dann die beiden Feinde" sofort von cherbeieilenden, mit Fuchsschwänzen geschmückten Schleppfüchsen" bekleidet werden. An die . Seite jedes ;. der Paukanten" stellt sich ein Sekundant", in einiger Entfernung steht der Unparteiische", der auf. das förmlich ! vorgebrachte Ersuchen: Herr Unpartciischer, wir bitten um Silentium für seinen Gang Stoßdegen, siebzehn und leine halbe Minute, eventuell bis zur .Abfuhr" feierlich verkündet: Silen!tium für die Mensur." Dann erschalllen die übrigen vorbereitenden Com!mandos, und auf den Ruf los!" bei ginnt ein mehr oder weniger regelrech.ter Gang Fleurets, bis der eine, der ?Paukanten die durch das Puderkissen !kla? bezeichnete weiße Todeswunde" lauf der Brust des Fracks auszuweisen ,hat. Nun ruft der Sekundant des Siegers: Halt!... Herr UnparteiÄscher, ich bitte, drüben einen Vlutigen" zu konstatiren." Der Unparteiische" betrachtet die Wunde, und der Sekundant des Besiegten erklärt Abfuhr". Nun tritt die Dame, der holde Kampfpreis.wieder in Aktion. Mit einer Cotillonschleife verbindet sie graciös die Wunde" des Blessirten. mit dem Sieger jedoch walzt sie ebenso graciös gleich darauf davon. Das ist die neueste Cotillontour: Mensur im Vallsaal. Der schönste Roman. Von Richard Zoozmann. Es liest aus vergilbtem Buche ' Andächtig die Mutter vor. Die Tochter sitzt am Fenster Und hört mit halbem Ohr. Die Mutter schlägt Seite um Seite, Es rührt sie der Liebenden Los; Der Tochter sinken die Hände Lässig in den Schoß. Sie schließt die großen Augen Und hört auf die Mutter nicht Es huscht ein seliges Lächeln Ueber ihr stilles Gesicht. -V Sie denkt an jene Stunde: Da wir zuerst uns sahn Und träumt nun im Herzen tiefinnen Den allerschönsten Roman. Zwei glückliche Väter. Ich hab' diesen Sommer wieder eine Tochter unter die Haube bekommen. Ich hab' vor vierzehn Tagen inen Sohn unter den Pantoffel gebracht. Unbegreiflich. Ihre Gedichte kann ich nicht verwerthen! Ich habe dieselben gelesen sie haben mich aber ganz kalt gelassen!" Dich ter: Und ich habe doch beim Dichten so viel geschwitzt!"
Valicrische Volkstrachten. Je mehr in dem alten Vaterlande
trie straffe Gliederung der einzelnen Stande nachlaßt und die verschiedenen Berufsklassen mit einander verschmelzen, hier aus dem Bürger ein Beamter wird, dort der Bauer zum Fabrikarbeiter herabsinkt, desto rascher verwischen sich diealtererbten Eigenthümlichkeiten in Tracht und Sitte. Schon stehen die Städter sammt und sonders unter der Herrschaft einer Mode, die der Sammettoilette der Fürstin denselben Schnitt wie dem Kattunkleid des Küchenmädchens vorschreibt, und auch bereits auf dem Lande hat man in weiten Kreisen angefangen, die angestammte Tracht mit moderner Kleidung zu vertauschen. Das Bestreben, dem Volke seine traditionellen Trachten zu erhalten, wird dem nivellirenden Einfluß der moderneu Erwerbsverhältnisse auf, die Dauer keinen Widerstand zu leisten vermögen, und über kurz oder lang werden auch in den abgelegensten Gauen Deutschlands Volkstrachten Nüdlinger Bäuerinnen. nur noch der Tradition angehören. Besonders reich an meistens pittoresken Trachten ist das bierfröhliche Bayernland. Ueberaus stattlich nehmen sich die oberbayerischen Gebirgsbauern aus, wenn sie in ihrer Schützentracht, die aus langen, grünen Röcken und hohen, cylinderartigen Hüten mit breitem, hellgrünem Band und feingearbeiteter Silberfiligranschließe besteht, erscheinen. Aus diesem langschößigen Rock hat sich durch Nachahmung des Lodenhemds der tyroler Floßknechte die jetzt überall gebräuchliche Juppe herausgebildet. Das ursprünglich naturfarbene, vorne offene, glatte und kragenlose Lodenhemd wurde allmälig mit Knöpfen, Halsund Aermelaufschlägen ausgeschmückt und bis zur gegenwärtigen Salonfähigkeit ausgestaltet. Der Aufputz war grün, das von jeher als Lieblingsfarbe der Gebirgler gilt. Im ganzen Gebirge sieht man die Miesbacher Tracht. Die Dirndln mit dem grünen, edel-weiß-und goldschnurgefchmückten äF& Brautpaar und Jungfer , a u s R e u st a d t a. S. Filzhütchen, dem schwarzen, weißausgenähten Mieder, das ein reiches Silbergeschnür, Schauthaler und etwa ein schwerer Silberlöffel ziert, dem seidenen Fürtuch" (Schürze) und dem schillerndenRock, und die Buam" mit dem kleinen, von Adlerflaum und Spielhahnstoß verschönten Hut auf dem linken Ohr. der grüngrauen Joppe, der buntgestiöten kurzen Lederhose. den., Wadenstrümpfen lind Bandelschuhen sind Prachtgestalten. Rein alemannisch ist die Tracht der Dachauerinnen mit den dreißig Ellen weiten Bollenröcken, welche die Taille fast bis zur Halsgrube hinaufrücken, und den niedlichen schwarzen SpitzenHauben und großen Florschnallen aus Silberfiligran unter dem Kinn; diefelöe findet sich im Schwarzwalde wieder. Der Dachauer Bauer trägt einen langen schwarzen Tuchrock und rothe Weste. Die größte Fülle und Mannigfaltigkeit an alten Trachten weist noch Franken auf, besonders am unteren' Main. Die Männer fallen durch ihre eigenthümlichen Kopsbedeckungen auf. Am . meisten vertreten ist der schwarze Filzhut mit dem niedrigen Kopf und der ungeheuren, breiten, an den SeiSennfelder Bauersleute. ten heraufgeschlagenenKrempe; er findet eine zweifache Verwendung: entweder er dient zum Schutze gegen die Sonne, wenn der wagerecht stehende Theil der Krempe das Gesicht beschattet, oder gegen den Regen, wenn er verkehrt, die Spitze nach vorn aufgesetzt, das auf dem Hut gesammelte Regenwasser rückwärts herablaufen läßt. Der Rock der Franken ist von dunkelblauem Tuch mit schmalem auf-
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rechtstehendem Kragen, die Weste vc grünem Sammet oder hochrothem Tuch. Die Knöpfe bestehen meistens aus Münzen, deren Oesen angelöthet
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Bäuerinnen aus RiederBayern. wurden, und wenn es im Wirthshause einmal lustia hergeht und die Taschen des flottenTänzers leer geworden sind, hilft das Messer: die Knöpfe fliegen vom Rock und durchwandern wieder, ihrer Bestimmung gemäß, die Welt. Die malerische Tracht der unterfränkischen Bauern kann man noch bei Hochzeiten in ihrer ganzen Original!tät bewundern. Eine Braut trägt die cylinderförmige, hohe, mit Gold- und Silberflittern. Glasperlen. Zitternadeln undMünzen aufgeputzte Krone". Das Halstuch ist, wie an vielen unterfränkischen Orten, nach rückwärts geschlungen und liegt über der entweder dicht den Hals umrahmenden, oder in herzförmigem Ausschnitt herabfallenBauern aus Hahnenkamm. den Spitze". Den Rand des Mützle". eines Mieders mit Acrmeln, schmückt eine bunte Borte, wie eine ähnliche stets zur Grundfarbe passende den ziemlich weiten dunklen Rock umfäumt. Die Schürze ist in der-vorde-ren Mitte durch eine lange Himmelblaue Schleife gebunden. Die Hände stecken in zierlich gemusterten PerlHalbhandschuhen und halten feierlich den Rosmarinbüschel, das Abzeichen hochzeitlicher Würde. Auch den Hut des Bräutigams schmückt der Rosmarinsicngel. Neben dem Sträußele" aber trägt der breite Wolkenstecher" des Hochzeiters noch einen Wust goldbefranzter Bänder und glitzernder Flitterblumen. Der. lange blaue Tuchrock hat sich die städtische Weste und den modernen Hemdkragen gefallen lassen müssen, während die kurze Kniehose Schuhe und Strümpfe noch zur Geltung kommen läßt. Die Schmulmad" (Brautjungfer) zeichnet sich durch den Marienthaler auf der Brust aus und trägt die aufgestellte" fränkische Haube. Einfach, doch keineswegs reizlos, erscheint das Hochzeitspaar aus Nüdlinqen, Kinder der armen Rhön. Das schlichte weiße Maschentuch" vertritt BrautpaarauZRLdlingen. die reiche Brautkrone, und das uralte Bernsteinpaterl" (Halsgehänge von großen Kugeln) ist der Braut einziger Schmuck. Auch bei dem Liebsten, der sich ihr in der Lichtstube (Spinnstube) verlobt hat, reicht es nich! zu dem langen Bratenrock des Gauländers. Der dürftige Rhöner muß sich mit einem kurzen, kaum bis zur Hüfte gehenden Kittel begnügen und mit dem Tubacksbeutel" im Knopfloch statt der Silberknöpfe. Ein süberbeschlagencs Pfeiflein aber hat er doch in der Hosentasche, und auch zu einer Goldrose" und Goldtroddel auf dem Dreimaster mußten die Spargroschen herhalten. In Mittelfranken tragen dieFrauen bei besonderen Gelegenheiten noch die goldene Bödeleshaube", wie die niederbayerischen Mädchen die Passauer Goldhaube nebst den Schupfärmeln" und der seidenen himmelblauen Schürze.' Der stämmige Bursche Niederbayerns macht in dem geblümten Sammetwcstenleibl", dem münzenbesekten Janker, dem Lendengurt aus gesticktem Leder und der in hohen Röhrenstiefeln steckenden schwarzen Manchesterhose einen famosen Eindruck. Höchst charakteristisch sind ferner die Trachten älterer Bäuerinnen in Niederbayern. Gravitätisch ist die Erscheinung einer Alten aus Kchlheim in Pelzhaube, mit dem miederähnlich geschnürten, langärmeligen Atlasspenserl" und dem buntgestickten Strohzegerer", der als Vorrathssack beim Ausgang stets üblich, und eine Abensbergerin mit dem spitz zulaufenden weißen Häubchen, dem silbernen Gschnür" und der geblümten Seiden-schürze.
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Ebenso verschieden wie die Trachten in den einzelnen Gauen sind die Nationaltänze. In wilden Sprüngen tummeln sich die Berchentänzer". In muthwilligcm Hüpfen und Stampfen, lärmend und jauchzend, tanzen die Schuhplattler", daß die Dielen dröhnen. Zierlich schwingen sich die Unterfranken im Winneweh", der Tanz der
Mädchen und Bursch aus D i n g o l f i n g. Murnauer ist der Leutascher", während die Pfälzei den Siebensprung", die Laufener den Vandeltanz" und die Oberbayern den Tetscher" culti viren. Der Berchentanz" war ehedem der glänzenden Wodansfraue" geweiht, und der Schuhplattler", seit JahrHunderten im bayerischen Oberlande üblich, ist einer der ältesten Dörpertänze" (Bauerntänze), während der Vandeltanz" aus dem Mittelalter stammt; dagegen ist der Winniweh" Hochzeiter aus Ochsenfurt. im Grunde ein französisches Menuett, das mit manch' Anderem in der Pfalz sich eingebürgert hat. Das ?lntiKcttterboot. Es giebt schon viele Vorrichtungen, die das Kentern von Fahrzeugen auf dem Wasser verhüten sollen. Die jüngste wird auf unserem Bilde den Lesern vorgeführt. Im-Boot ist ein Hebel angebracht, vermittelst dessen ein Pendel mit runder eiserner Scheibe senkrecht in das Wasser nach unten gedrückt wird. Der Pendel ruht bei stillem Wasser oder wenn das Boot an Land geht und keine genügende Wassertiefe vorhanden ist, unten am Kiel. Dem Steuermann ist der Hebel leicht' erreichbar. Der Erfinder des Anti-Kenterbootes, Herr Vien, hat dasselbe auf dem Wannsee bei Berlin einem Kreise von Fachmännern und Sportsleuten vorgeführt. Durch ein Versuch mitdem Boot. aufgenageltes Brett wurde die eine Ruderbank des Bootes um eine 2)cud über Bordkante hinaus verlängert. Herr Bien trat auf dieselbe hinaus und wippte so. lange, bis das Boot ganz schräg lag und er fast bis zu den Knieen im Wasser war. Sein Begleiter trat ockj aufdie niedergedrückte Bordkante. : Trotzdem schlug das Boot nicht .Um, da der Pendel unten als Gegengewicht wirkte. Das Boot lief zwar infolge des Wippens voll Wäsfer, aber vor dem Sinken schützten es die unter den Ruderbänken angebrachten luftdicht verschließbaren Luftkästen. Protzenthum. Herr: Gnädiges Fräulein Tochter sehen recht angegriffen aus?" Bankiersgattin: Das arme Kind hat gestern wieder mehrere Heirathsanträge erlitten." Mit Vorbehalt. Der Bankier Tausendmeier zeigt einem Freunde seine neue Wohnung; beim Eßzimmer angelangt, erklärt er: Meine Frau hat schon ausgemessen: hier können, Gott behüt', vierzig Personen speisen." Nichts zu machen. Versicherungsagent: Mein Herr, wer seine Habe nicht gegen Feuersgefahr versichert, den nennt man leichtsinnig. Unverantwortlich ist es aber.sein Leben nicht zu versichern, denn, mein Herr. Güter sind noch zu ersetzen, ein Ernährer aber nicht. Wenn Sie z. B. stürben ." Herr: Würde meine Frau sofort wieder hcirathen!Aufmerksam. Frau (zu ihrem vom Spaziergang heimkehrenden Gatten) :Da ist eine Todesanzeige vom Finanzrath Knopf aus Leipzig angekommen. .Kanntest Du den?" Mann: Ein liebenswürdiger Mensch! Bin nur einen halben Tag mit ihm auf Helgoland zusammen' gewesen und hat die Aufmerksamkeit, mir seine Todesanzelo zu schlcken!" . .
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