Indiana Tribüne, Volume 19, Number 88, Indianapolis, Marion County, 15 December 1895 — Page 7
S?t Kamin
Von Johanna Ambrosius. Ich liebe die Därmneistunde, Dann sitz' ich am trauten Kamm' Und seh' wie dem Flammenmunde Aiel lust'ge Gestalten entfliehn. Sie winden wie Blumenleiber Sich aus. dem purpurnen Scho Und schmücken wie lustige Weiber Den Busen mit güldener Ros'. Die Locken schillernde Schlangen Züngeln herüber zu mir, Sie hauchen auf meine Wangen Erlosch'ne Jugendzier. Und höher strecken im Glänze Die Arme sie auf in die Nacht, Im winden dämonischen Tanze Im Busen die Lust erwacht. Unter versengenden Küssen, Des Tanzes wildjagendem Lauf, Der Sehnsucht nie stillendem Grüßen Zehren sie selber sich auf. Ach lege den Kopf in die Hände Und blick' in den schwarzen Kamin Ach. könnten die tobenden Brände Im Herzen so schnell verglühn! i Strafen als Erziehungsmittel Von Marie zur Megede. Bei der großen Rolle, welche tcr Strafe im Leben des Kindes zueriheilt ist, drängt sich dem denkenden Erzieher seh? bald die Frage auf: Wofür und wie soll man strafen?" Viele betrachten den .Stab Wehe" als eine Flöte, die !n der Kinderstube möglichst oft und möglichst nachdrücklich gespielt werden muß. Viele sind aber auch entgegengesetzter Ansicht und halten dafür, 'daß ohne jedwede Züchtigung das Erziehungswerk sich am ersprießlichsten vollenden läßt. Mir scheint, die einen haben recht und die andern nicht unrecht. Das beste Erziehungsmittel ist und bleibt das Beispiel, die beste Methode die Eonsequenz, die beste Gehilfin die Liebe, das heißt eine verständige, scharfsinnige, die Zukunft mit in Rech nung ziehende Liebe, die mit elterlich Affenzartlichkeit nur noch eine ganz geringe Verwandtschaft besitzt. Wofür ich meine Kinder nicht oder doch nur in 'dem besonderen Falle des Ungehorsams strafen würde, sind: beschmutzte Kleider, zerrissene Hosen, verunglückte Puppenköpfe, Milchtassen u. s. w. Kinder sollten so angezogen werden, daß ihre Kleider ohne all-, zugroßen Schaden die Bekanntschaft" mit dem Erdboden und gelegentlich auch mit einem Baumast unterhalten können. Zu verlangen, daß sie beim Spielen an ihren Staat denken sollen, ist unbillig und unvernünftig. Ja, treffen wir einmal auf solch einen Hei nen Pedanten, so finden wir ihn unnatürlich und widerwärtig. Haben wir aber uns selbst, nicht unsern Kin dern das Vergnügen gemacht, sie aus zuputzen, so müssen wir doch auch auf die Kehrseite der Medaille gefaßt sein und Flecken, Löcher und Risse mit Gebuld und Humor hinnehmen. Wer seine eigene Jugend noch nicht vergessen hat, kennt außerdem die wunderbare Anziehungskraft, die weiße Hosen und grünes Gras, neue BatistZleider und Dornenhecken, Sonntagshüte und Rege?.pfützen aufeinander ausüben. Auch wird er sich sehr wohl entsinnen, daß er in den meisten Fällen nichts dafür konnte" und daß eZ gar nicht angenehm war, wenn irgend ein Gemüthsmensch ihn aus seiner zuversichtlichen Stimmung mit den Worien aufschreckte: Na, waS wird aber nun deine Mutter sagen!" Kleine Kinder haben unsichere und ungeschickte Finger. Werden diese etwa vor der Zeit geschickt" werden, wenn wir bei jeder Gelegenheit darauf klopfen? Ernstlicher Schade durch Zerschlagen und Beschmutzen wird überdies auch meist von schlecht erzögev.tn Kindern verursacht, nämlich von solchen, denen man von früh an gestattet hat, alle möglichen und unm'öglichen Gegenstände anzufassen oder gar als Spielzeug zu benutzen. Da sollte man doch lieber böse werden", wenn die kleinen Leute zu den Mahlzeiten zu spät bei Tische erscheinen und so ihre Neigung zur UnPünktlichkeit bekunden. Sehr energisch aber muß eingeschritten werden, wenn Kinder sich Lügen, Naschen, Ungehorsam und Unbotmäßigseit oder irgend eine Thierauälerei zu schulden kommen lassen! Man hüte sich ängstlich, Kinder zum' Stillschweigen zu verpflichten, sie an Heimlichkeiten vorzeitig theilnehmen zu lassen. Lieber setze man sich schon einer Unanneilichkeit aus, die durÄ die ahnungslose Indiskretion herbeigeführt werden könnte. Denn schwerlich wird sich ein Kind mehr als zweimal sagen dürfen: Daß du das aber nicht dem Vater, oder der Mutter, oder sonst Jemandem erzählst!" ohne für seine eignen kleinen Angelegenheiten eine Nutzanwendung zu ziehen. . Und nun. wie soll rnsn strafen? Mit vollkommener Gemüthsruhe und ohne alle Heftigkeit! Niemals darf sich dem Kinde der Argwohn aufdrängen, daß es gescholten oder geschlagen wird, weil die Großen sich ärgern, sondern weil sein Betragen Sichelte oder Schläge verdient. Gerechte Strenge wird niemals schädlich wirken, Willkür und Laune dagegen machen scheu und derstockt! Viele Eltern werden achselzuckend sagen, daß . sie sich so nicht in der Gewalt haben. Nun, dann müssen sie eZ eben, außer mit der Erziehung derKinder, auch noch einmal mit ihrer eigenen versuchen. Ein wenig muß das ja dei verständige Erwachsene überhaupt,
und es ist durchaus keine Phrase, daß Eltern nicht nur ihre Kinder erziehen, sondern die Kinder ebenfalls ihre El, tern. Ich kenne sehr heftige, ja soga, launenhafte Menschen, die in diese? Beziehung einen bewundernswerthen Grad von Selbstbeherrschung erreicht haben. Und ist es denn eigentlich nicht ganz natürlich, ixiß wir uns den gewöhnlichen Unthaten" so kleiner, dummer Geschöpfe gegenüber ein bißchen auf den Standpunkt des lieben Gottes stellen, der wahrscheinlich auch mit einem halben Lächeln auf die vielen strafeverdienenden und strafeempfanaenden Sünden der armen, schwachen. thörichten Menschheit herabblicki. Ist aber die Strafe vollzogen ohne Zirn, aber auch ohne Sentimentalität, dann auf keinen Fall noch ein Nachzür n?n oder ein verletzendes, entehrendes, erbitterndes Aufwärmen alter Ge schichten Die leidige Manier, das bereuende, weinende, abbittende Kind zehn Mal von sich zu weisen, um ihm Keim elften Mal Verzeihung zu gewähren, ihm immer von Neuem sein Vergehen vorzuhalten, dient höchsten? dazu, die peinliche und aufregend Scene zu verlängern und zu erneuern. Das heftige Kind stampft zuletzt mW den Füßen auf. das zartbesaitete fühlt sich so todt unglücklich, wie die Großen es nicht im entferntesten ahnen, und der sogenannte schwierige Charakter wird um so störrischer und verschlössener. je mehr er sich berechbiat fühlt, an der Gerechtigkeit seiner Erzieher zu zweifeln. Selbst der verltändigeHun. debesitzer ruft sein kleines Thier zu sich, nachdem er es abgestraft hat. Sein Zureden und Streicheln soll demHundt beweisen, daß die Strafe seiner Unart galt und nicht seiner vierfüßigen Per. sönlichkeit. Hunde- und Kindererziehung aber stehen in diesem Punkte genau auf demselben Blatt, und gleiche Fehlgriffe erzielen gleiche Resultate. Wer aber soll strafen? Nach de, herrschenden Ansicht besitzen fcie Eltern das Prügelmonopol. Sie halten ti für einen unerhörten Eingriff in ihr, heiligen Nechte, wenn ein anderer sich verleiten laßt, einmal kurzer Hand den verdienten Lohn selbst auszuzahlen: Und dieser andere ist doch gewöhnlich mit der Beaufsichtigung der Kinder oder mit ihrer Erziehung betraut und wird dafür verantwortlich gemacht Ich habe von jeher mit Tanten, Leh rerinnen. Kindergärtnerinnen, j? Dienstmädchen gefühlt, die dazu ver, dämmt waren, nicht nur kindische Ungezogenheit, sondern auch Böswilligkeit zu ertragen, ohne ihnen mit allen vcrständigen Mitteln wehren zu können. Und darin allein scheint mir der Grund zu liegen, daß in vielen Häufern nicht nur kein liebevolles, sondern ein geradezu feindliches Verhältniß zwischen Kindern, Wärterinnen und Erzieherinnen besteht! Eine Person, der wir unser Kind mit Leib und Seele
anvertrauen, muß doch von vornherein gewisse Garantien für ihren Charakter geboten haben. Wir müssen zu der Annahme berechtigt sein, daß es weder ein rohes, noch ein jäh-zorniges, noch ein heimtückisches Geschöpf ist. Wenn nach dieser Richtung Irrthümer vorkommen, so werden aufmerksame Eltern sie sicher bald erkannt haben. Im Allgemeinen ist die Frau auch dem fremden Kinde von vornherein liebevoll gesinnt. Alle guten Gefühle müssen jedoch welken, absterben, ja sich in's Gegentheil verkehren, wenn die Kinder Gehorsam und Achtung verweigern dürfen, ohne daß sie dazu gezwungen werden können. Welchen erwachsenen Menschen würde es nicht empören, wenn er sich demüthig vor einem Kinde beugen sollte, und nun gar vor einem, für dessen Wohl und Wehe er verantwortlich gemacht wird und das ihm mit wüthenden oder verächtlichen Blicken entgegenschreit: Du darfst mich nicht schlagen, du hast mir überhaupt garnichts zu sagen!" Das Nichtstrafendürfen" ist die alleinigeUrsache, weshalb in vielen Hausern z. B. die Kindergärtnerinnen alle Augenblicke wechseln. Man sagt dann von ihnen, daß sie mit den Kindern nicht umzugehen , verstehen, verdirbt das Renommee dieser beklagenswerthen jungen Mädchen und macht sie zu Märtyrerinnen ihres ebmso schweren wie hohen Berufs. Und ebenso verhält es sich mit dem anständigen Dienstmädchen. Wie kann man verlangen, daß es sich von einer ungezogenen, kleinen Range ttoßen, ja anspeien lassen soll, ohne sich anders als mit Worten dagegen aufzulehnen. Und geschieht es leider nicht oft genug, daß die zärtliche Mutter auf eine Anklage zur Antwort gibt, daß so etwas nicht vorkommen würde, wenn das Mädchen mit den Kindern die rechte Art hätte! In einem mir. nahebekannten Hause, dessen Kindererziehung für mich mustergiltig ist, hat die bewährte Kindergärtnerin alle Rechte über ihre Schaar, aber auch das Kindermädchen besitzt vollkommene Autorität über ihre kleinen Zöglinge und ebenso würde es Niemand den übrigen Leuten verargen, wenn sie den Kindern, die sie zufällig bei einer groben Unart ertappten, einen .kleinen Klaps verabreichten. Doch von allen diesen Rechten wird ein wun derbar geringer, meist . gar kein Gebrauch gemacht. Einmal, weil es den , wohlerzogenen Kindern gegenüber nur selten nöthig ist, und zweitens, weil alle Bediensteten dieses Hauses die freundlichen und bescheidenen Kinder so lieb haben, daß sie viel eher geneigt sind, ronen eine Strafe zu erlparen als ihnen eine zuzuziehen. Besagte Kinder sind eben gewöhnt, auch in dem Dienstboten nur den Erwachsenen zu erblicken, und der Erwachsene ist für -l!e immer eine Art' Respektperson. Sie .sind serner gewöhnt, 'zu bitten und zu danken und sich nicht im entferntesten als kleine Herrschast" aufzuspielen, ; Von Siandesunterschicden haben sie
kaum e!ne Ahnung; m Gegentheil, sie sind der Ueberzeugung, daß Wagen und Pferde ebensowohl, dem Kutsche, gehören, wie ihrem Vater, und dc dieser Mann sie wahrscheinlich nie wieder spazieren fahren würde, wenn fit sich herausnehmen wollten, ihm unhöflich zu begegnen. Ein vernünftiges Zureden und Auseinandersetzen ist bei Kindern oft von überrafchender Wirkung. Ich meine deshalb, daß man beim Abschlagen einer Bitte, beim Aufgeben eines Vergnügens, bei allem Gebieten und Verbieten überhauptanStelle des herrischen Du sollst!" und Nein!" viel öfter und erfolgreicher die angemessene Er klarung, den Vernunftgrund treten lassen könnte. Es würde dadurch gewiß mancher falschen Auffassung vorgebeugt, die sich in dem beschränkten Köpfchen fo leicht einnistet, und Laune, Willkür, Lieblosigkeit erblickt,' wo der Erwachsene nur Nützlichkeit erkennen würde. Halten wir ferner unsere Kinder von früh an zum Worthalten an, wie wir ihnen streng Wort halten müssen im Guten wie im Bösen! Mit ihrer scharfen Beobachtung, ihrem untrüglichenGefüh sind sie zugleich unsereRichter und un .e Nachahmer. Hüten wir uns also j'ox leichtsinnigen Versprechungen! Kinder müssen auf alle Zusagen der Großen bauen können, sie müssen aber auch Achtung vor ihrem eigenen Worte hegen. Ich erinnere mich noch sehr genau des erstaunten Blickes, den ein liebes, kleines Mädchen mir zuwarf, als ich den Versuch machte, einem unbequemen Versprechen zu entschlüpfen: Aber du hast es doch gesagt!" Und dasselbe liebe, kleine Mädchen unterzog sich bei einer Krankheit willig einer unangenehmen Prozedur mit den schluchzend hervorgebrachten Worten: Ach, ich weiß ja, es hilft nichts zu weinen, was fein muß, muß sein!"
Ist das nicht eine Auffassung, wohlgeeignet manchen Erwachsenen zu beschämen? Wir betrachten die Kinder ja überHaupt viel, viel zu lange als unverständliche Wesen, d-ie nichts hören, nichts sehen, sich über nichts Gedanken machen! Wie früh diese Auffassung gefahrbringend ist, wird nicht fcstzu stellen sein. Daß es aber viel früher damit beginnt, als wir annehmen wollen, bleibt sicher. . Es ist geradezu staunenerregend, welche Naivität sich manche Eltern in dieser Hinsicht bewahrt haben. Ihr achtjähriges Mädchen, ihr zehnjähriger Junge erscheinen ihnen noch als reine" Kinder, deren Gegenwart ihnen für Worte wenigstens keinerlei Zwang auferlegt. Sie 'sind dabei, wenn die Eheleute Aussprachen untereinander haben, wenn Untergebene getadelt werden oder sonstige schmutzige Wäsche" in der Familie zum Waschen, kommt. Sie gehören auch zum Auditorium, wenn Besuch empfangen wird, und arglos läßt man alle Wellen des Gesprächs an ihren Ohren vorüberrauschen: Wissenschaft, Politik, Religion, gewöhnlichen Klatsch, zweideutige Witze und eindeutige Skandalgeschich ten. Und fühlt der Fremde eine kleine Gewissensmahnung, so darf er meistens auf ein überlegenes Lächeln und die Antwort zählen: Ach, ich bitte Sie, wir" sind noch viel zu dumm, um so etwas zu verstehen, ja überhaupt darauf zu achten!" Allerdings, die kleinen Zuhörer sitzen da mit den unschuldigsten Mienen, angelegetlich in ein Buch, ein Strickzeug oder dergl. vertieft. Aber sind wir sicher, daß sie uns nicht eine kleine Komödie vorspielen, daß sie, wenn nicht mehr, so doch verstehen, daß hier etwas zu verstehen ist? Werden auf diese Manier nicht unausrottbare Vorurtheile gegen Personen und Ideen eingeimpft, falsche Bilder geschaffen und eine vorzeitige Neugier erweckt, deren Befriedigung man nicht blos überflüssig" bezeichnen kann? Die körperliche Gesundheit des Kindes läßt sich nur in der reinsten Luft erhalten. - Die geistige und sittliche aber ist nicht minder anspruchsvoll! Und keine Ermahnung, keine Strase in späterer Zeit wird ganz auslöschen können, was die Kinder heimlich an Staub und Miasmen einathmen durfien. wenn sich auch die Eltern mit der Leidensmiene eines unschuldig Bestraften fragen: Aber wie kommen sie bloß auf so etwas? Wo haben sie das bloß her?" Erwachsene Kinder, und das ganz besonders, wenn es Mädchen sind, werden mit großer Wichtizthuerei davor ae-hütet, daß sie durch Bücher oder Theaterstücke etwas erfahren könnten, was sie meistens schon ganz genau wissen und schließlich ja auch wissen können. Auf die Unschuld des wirklichen Kindes aber trauen die Eltern so sehr, daß sie sich nur in Ausnahmefällon die Mühe geben, sie zu behüten! , Man muß sich zu helfen wissen. De? Arzt hat ja, wie ich hörte. Ihrem Herrn Gemahl das Bier strengstens verboten!" Ja! Und in der ersten Aufwallung hat mein Mann sämmtlichen Leuten im Hause bei strenger Strafe eingeschärft, ihm, so lange es der Arzt nicht wieder erlaubt, niemals ein Glas V i er zu holen auch wenn er darum bitten' würde!" So trinkt er also jetzt wirklich kein Bier?" Doch er holt sich's nur selbst!" Modern. Verleger: . . Was. der Gelehrte Meier ist gestorben?! (Zum Redacteur): Erfinden Sie rasch einige Anekdoten aus seinem Leben!" . " '.'v .' . Re ch l'b e'rü oi & e n d.' 'Tounst: ' Sind jetzt in diesem See auch schon Leute ertrunken?" Schiffer: Sell wohl . ... aber blos Fremd tV
Fahrend Volk.
In der uralten Stadt Hameln halt eine steinerne Tafel die Erinnerung fest an den Piper", welcher über hundert Kinder mit seinem Flötenspiel in den Koppenberg gelockt hat. Sage und Dichtung bemühen sich, diese Geschichte aufzuklären und nur Eines scheint fest zustehen, daß der Pfeifer von Hameln, der vielberühmte Rattenfänger, zum fahrenden Volk" gehörte, ein Gaukler" oder wie es heutigen Tages heißt, ein Artist" war. Ein moderner Dichtcr, der von ihm erzählt, läßt ihn vor dem Stadtrathe von Hameln sagen: Auf der Landstraß' bin ich geboren, kannte Vater nicht und Mutter " Seit damals hat sich die Welt in ihren Anschauungen und auch in der Werthschätzung aller Art menschlicher Kunst und Arbeit beträchtlich verändert. Zwar sind auch noch heute die Artisten ein fahrend Volt" aber sie rauben keine Kinder mehr, sie erfreuen sich mit unter eines hohen bürgerlichen Ansehens, sie wissen nicht blos tm Vater und Mutter, sondern auch von Großeltern und Ahnen zu erzähln, in ihren Reihen gibt es Aristokraten" und Dynastien", die ihren Ursprung Jahr Hunderte zurück nachweisen können ja sie haben sogar ihren Almanach. Dieses interessante Buch ist vor Kurzem unter dem bescheidenen Namen Artistenlexicon" erschienen. Signor Saltarino mit seinem bürgerlichen Namen Hermann Waldemar Otto ein Mann, der selbst einmal Artist ge Wesen und seither mit achtenswerthem Erfolge die Manege mit der Schreib stube vertauscht hat, ist der Autor des selben. Nicht allein zahlreiche LebenZ romane, sondern auch eine ganze Menge von interessantem culturhistorischemMaterial findet sich in diesem Buche. Selbstverständlich ist den Artisten dynastien" der größte Raum zugewie sen, und wie sehr das fahrende Volk feine Koryphäen zu ehren weiß, das beweist u. A. .folgende Bemerkung des Autors: Alte Artistenaeschlechter sind ebenso bedeutsam und werthvoll, wie alte Adelsfamilien. Werthvoller sogar: denn bei den Artistenfamilien muß sich jeder Nachkomme stets von Neuem sei nen Namen machen." In dem Artikel über die uralte Banlistenfamilie" Tribolli finden sich diese selbstbewußten Zeilen. Die Tribolli stammen so versichert das Artistenlexicon, und warum sollte man diese Genealogie bezweifeln? von Triboulet, dem Hof narren König Franz I. von Frankreich ab. Jean Pierre Triboulet. der Sohn des Hofnarren, wandte sich nach der Bartholomäusnacht nach Italien, wo er sich Trtbelliani nannte. Später kehrte die Familie nach Frankreich zurück. Ihr Stammträger zu Napoleons I. Zeit, Jean Frcderic, durch seine Riesenkraft bekannt, machte als Lancier den russischen Fcldzug mit; für seine Haltung an der Beresina ward er deco rirt, aber nach dem Sturze Napoleons wandte er sich wieder dem Artistenleben zu und aus dem Helden von der Bere sina" ward nun ein Zauberer von der Beresina", der als Taschenspieler in der Rheinprovinz ein auskömmliches Da sein führte. Gewiß eine interessante, wechselvolle Laufbahn, um so romanti scher, als Jean Frederic Tribolli so nannte er sich jetzt einen völlig unaufgeklärten Tod durch Mörderhand gefunden hat, und zwar in seinem 71. Lebensjahre. Die jetzigen Tribolli's. zwei Brüder, haben die zwei Kriege, die zu Teutschlands Einigung führten, mitgemacbt und gehören als Patrone" zu den angesehensten der ' Artistenwelt. Die älteste Familie, von welcher der Artisten-Almanach zu berichten weiß, sind die Würtz-Feron, deren Name schon im 15. Jahrhundert auf den Messen von St. Germain und St. Laurent ge nannt wird. Die Familie steht heute auf den zwei Augen von Heinrich Jo hann Joseph Würtz.Feron, Seiltänzer, Clown und Pantomimist. Aus dem 16. Jahrhundert stammen die Ehiarini, eine ungemein zahlreich verzweigte ita licnische Künstlerfamilie, die Carl v. Holtei, der, wie der jüngere Vacano, selber zum fahrenden Volk" gehörte, in den Vagabunden" verewigt wor den ist. Die von Freiligrath besun gene Landrinette gehörte der Kunstreiterfamilie Hinne" an; sie war mit einem Cinniselli verheirathet und ver band derart zwei berühmte Künstler dynastien. Sie heirathen überhaupt gerne unter einander und so wird die Tradition der Kunst durch eine ganze Reihe von Generationen fortgepflanzt, es sei denn, daß sie es vorziehen, in den andern, den Gothaer Almanach hmem zuheirathcn. Besonders zahlreich sind Vermählun gen letzterer Art in der Kunstreiterfamilie Loisset. Als Emilie Loisset sie wurde das Gretchen zu Pferde ge nannt im Jahre 1832 ineinerMor genprobe im Pariser Cirque d'Ete ver unglückte, las man auf ihrem Parte zcttel unter den Leidtragenden die Namen Baron und Baronin Reichen fels. Gräfin und Comtesse Rossi. Ba ron Reichenfels ist identisch mit dem Prinzen Heinrich XX. Rcuß-Köstritz. welcher auf Helgoland mit Clotilde Loisset getraut wurde, dann den fürst lichcn Stand ablegte und in den Frei Herrnstand überging. Die Trauung vollzog der englische Gouverneur Sir Mazsey, dessen Sohn später die Tochter des Zauberkünstlers Crnst Basch heira thcte. Die Cuzent, die Krembser-Tcl bosq, die Franconi, Goldkette zc; :c. sind gleichfalls uralte Artistengeschlech ter, welche.twas die Ahnenprobe- an belangt, den Renz, Sidoli, Busch und anderen modernen Beherrschern der Manege voranrangiren. . . Von wirklichem Adel, und zwar vom böhmischen Uradel, stammen "die Seil tänzer .Weidmann, .deren ..Familie in den Hussitenkriegen eine große Rolle spielte, und dann nach der Lausig, nach dem Brandenburgischcn und nach Tä nemark auswanderte. Tie in der Lausitz waren vorwiegend Landwirthe,
die in Dänemark- liebten den Degen, j die Brandenburger waren Lehrer und I
Pfarrer. Cm Nachkomme des direkten böhmischen Stammes 'war Franz Ni colaus Weitzmann ans Komotau. wel cher in solcher Weise aus der Art schlug, daß er seinem Stiefvater davonlief und bei dem im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts berühmten Direktor Tourniaire Kunstreiter wurde. Sein Stiefvater, ein Gutsbesitzer, lie& wie derholt nach ihm amtliche Nachforschun gen anstellen, doch blieben dieselben er folgloö, da die Gefellfchast. die den entlaufenen Knaben aufnahm, ihn in der großen Trommel versteckte in dieser Verpackung machte er anfänglich seine Reisen. Als Jüngling entführte er die Toch ter des Nürnberger Oberbürgermei sters Kröppel, welcher Ehe drei 'Söbne entsprossen, die sämmtlich Seiltänzer wurden. Er etablirte sich dann als Circusdirektor und Saltarino erzählt von ihm, daß er die personificirte Eitel keit und das Prototyp eines Kunst reiterdircktors alten Schlages war. Der alte .Bankist" trug stets Stallmeister. Uniform und keines seiner Kinder hat ihn je in Civilkleidern gesehen; unter der Uniform trug er ein Corset, das er nicht einmal in der Nacht ablegte. Er bandagirte sich sogar für den Schlaf die Beine, weil er die Eitelkeit besaß, am Tage die knappsten und elegantesten Reiterstiefel zu tragen. Er war ein passionirter Kartenspieler und hat sich durch das Spiel ruinirt. Einer seiner Söhne heirathete eine Tochter von Wilhelm Kolter, dem berühmtesten Seil tänzer, den Teutschland je besessen und der im Jahre 1818 auf dem Aachener Congreß es producirte sich damals in Aachen der englische Seiltänzer Jack Bared vom preußischen Minister Hardenburg aufgefordert wurde, vor den Monarchen Oesterreichs, Preußens uud Rußlands Teutschlands Ehre" auf der Höhe des Thurmseils zu be Häupten. Kolter soll damals ein bis heute unübertroffenes Kunststück der Seiltänzerei vollführt haben. Es gelang ihm durch eine kleine In trigue auf das Seil zu kommen, auf welchem gerade der Engländer spazieren ging; er marschirte ihm ohne Balancir stange entgegen, zum großen Entsetzen Barred's. Kolter ruft dem Gegner zu, er möge wenden oder rückwärts gehen. Barred erklärt, dies nicht zu können, und so befiehlt ihm Kolter, niederzu knieen, worauf er selbst über ihn hinüberspringt, glücklich das Seil trifft, und unter dem jubelnden Zurufe der Menge auf das andere Ende des SeileS losgeht. So erzählt wenigstens das Kolter Album" ein Seitenstück zum SandorAlbum" aber selbst Saltarino äußert Zweifel an der Wahrheit dieser Geschichte, denn weder Kolter, noch Holtei, der wahrscheinliche Autor, haben je recht mit der Sprache herausrücken wollen. Viele der jetzt vom Publikum voll ständig vergessenen Artisten haben einen wechselvollen romantischen Lebenslauf hinter sich, so war Alfreds sein bürgerlicher Name lautet Spielmann erst Mediciner, dann Schulreiter und Dresseur, durchzog Europa uud Amerika und wirkt jetzt als Romancier. Giam. bettinaBelzoni war nacheinanderMönch, Techniker und Akrobat und widmete sich später der Altertbumskunde, welcher er durch seine Forschungen in Egypten große Dienste geleistet hat. Ein ande rer italienischer Mönch, Casti, ging aus Jerusalem mit dem Circus Ferroni durch, heirathete eine französische Arti stin und besitzt heute ein Varietetheater in Frankreich, Fabulet, ein großer Circusdirektor aus den Treißigerjahren, hzirathete im Jahre 1842 eine Gräfin Desfours, zog sich dann vom Geschäfte zurück und starb im Jahre 1891 auf seinem Gute bei Eßlingen. Die Kunstreiterin Madame Jenny wnrde in einem französischen Ursulinerinnen'ttoster erzogen und von ihrem Vater, dem Postrathe Over-Holthaus, schon mit 16 Jahren verheirathet. Als ihr Gatte nach dreimonatlicher Ehe 'starb, nahm sie Unterricht bei dem berühmtesten Reiter der Gegenwart James FilliS un& wurde selbst Kunstreiterin. Friedrich Knie sein Name pflanzt sich fort in der Seiltänzerfamilie Knie war -der Sohn eines Militärarztes, studirte dann selbst in Jnnsbrück Medicin!, ging aber dann mit einer Kunstreiterin durch, um eine eigene Kunstreitergesellschaft zu grüniden. In der Sch'lachb von Jena wurde ihm sein ganzes Pferdematerial weggenommen und er wurde Seiltänzer. Nach dem Kriege ging er nach Jnnsbrück zurück, entführte aus einem dortigen Frauenkloster hie schöne Baderstochter Antonie Sdaufer, die er 1807 heirathete. Mit Andreas Hofer kämpfte er 'dann für die Freiheit Tirols, machte auch die Schlacht bei Leipzig mit, doch als die 5dr:ege endgiltig vorüber röhren, wurde er wieder Seiltänzer. Eine de? amüsantesten Artistenerscheinungen der neuesten Zeit war sicherlich der Zauberkünstler Bellachini (Verlach). Er hatte sich solche Popularität erworben, !daß heute noch in Sachsen eine Locomotioe seinen Namm trägt, zum Danke sür eine Wohlthätigkeitsvorstellung, die er in Leipzig gab. Hunderte von Anekdoten existiren über die spaßhafte Unbeholfenheit, die diesem Künstler in der Sprache eigen war. So wird erzählt, daß er einmal in einer Vorstellung bei Hofe 'die anwesenden fürstlichen Zuschauer bei Beginn einer Production fragte: Ob Jemand der erhabenen Zuschauer vlellercht zufällig en reines Taschentuch bei sich , habe?- Gewiß hat die Heiterkeit, die er mit dieser Frage erregte, irgend ein Kunststück mastfrf und man darf auch vermuthen, daß er n'cht ohne Absicht diesen Spatz machte. da er durch einen ähnlichen von Kaiser mir. .r t e:. - r juniycuis x. 'cerc uci emes Hoslunn krs erhielt. Im kaiserlichen PalaiA m Berlrn unterhielt er namllch den
Monarchen mit 'seinm Escamvtagen und bat ihn schlienliS?. mit einer fteW
die Worte zu schreiben: Bellachinr versteht nichts." Der Kaiser versuchte zu schreiben, aber die Feder versagte oen dienst; idaraus bat der Zauberkünstle?, der Monarch möge mit derselben ffeder schreiben: Bellachini ist Äoskunstler des deutschen Kaisers" sofort gehorchte die ??eder und der Kaiser sao)e lächelnd: Ein deutscher Kailer pfleat sem Wort zu halten und umsomehr, was er geschrieben, hat." Unfreiwilliger Humor. Vom Allstedter Schöffengericht theilt das. Allstedter Wochenblatt" vom 2. November Folgendes mit: Der Bäcker meister Karl Friedrich Wilhelm Schäfer von Kalbsneth erhielt wegen einer m das Arbeitsbuch seines ihn böswillig verlassenen Lehrlings unzulästtgen (im tragung eine Geldstrafe von 5 Mark. Der Kiesbaggerer Johann Friedrich August Mähnert II. von Oldisleben wurde von der Beschuldigung, zwei Kiesabnehmer übervortheilt zu haben, auf Grund theils falscher und fahrläs-' siger Angaben freigesprochen." Im Berliner Lokal-Anzeiger" liest man: Zwei junge Mädchen, eine Heb amme, die andere hübsch, suchen Her ren-Bekanntschaft zwecks Heirath. Be amte bevorzugt. S. R. Postamt 35." Kann eine Hebamme nicht auch hübsch sein? Auf's Höchste treibt die Devotion die Schaumburg Lippische Landes Zei tung". Sie schreibt in ihrer Nummer 253: Das Höchste Befinden der Durch wuchtigsten Herrschaften ist zur Zeit ein gutes." Die Elbinger Zeitung" (No. 257) schreibt: Jeder Misthaufen stellt eine gewisse Menge von Arbeit und ArbeitS lohn, von Schaffenslust und Sorge für die Zukunft dar. Der Misthaufen ist nicht eine Spekulation von heut auf morgen, er ist die Sparbüchse, in welche unausgesetzt Einlagen gemacht werden." Das Blatt hat durchaus Recht. Leider wird die Bedeutung des Mist's immer noch zu wenig gewürdigt, namentlich auch von unseren Dichtern. Im Frankenthaler Tageblatt" vom 1. November empfiehlt sich Leonhard ti et V, ,, Ksoqe in amosyeini zum VurgerSchlachten und Rindvieh Aushauen." Zur Beruhigung weiterer Kreise sei hinzugefügt, daß Gohe seines Zeichens Metzger ist. Die Gelsenkirchener Zeitung" vom 29. Oktober enthält eine Reklame für Luhns Wasch Extrakt", die mit den Worten beginnt: Interesse zeigt die rechnende Hausfrau, wenn es heißt, billig und gut zu kauen." Das ist sehr begreiflich, aber Luhns Wasch-Extrakt" ist doch nicht zum Kauen bestimmt. Hier gebot", heißt es in einem Ar' tikel der Emscher Zeitung" (No. 260) der ernste Mops Imperator der stil len schaffenden Arbeit ein plötzliches Halt". Zur Einweihung des Reichsgerichts Gebäudes ist eine Festzeitung erschie nen, die auf ihrer ersten Seite ein un gemein weihevolles Gedicht bringt. Die zweite Strophe dieses Meisterwerks lau tet: Willkommen Ihr Würdenträger Bom weiten deutschen Reich! Wir wünschen, daß Eure Stimmung Sei unserer Freude gleich. Daß, wenn Ihr uns kehrt den Rücken Man Euren Reden lausch', Bon Leipzigs Festestagen, Bon seinem Freudenrausch". Im Hamburger Theater-Journal" lesen wir auf dem Theaterzettel des Altonaer Stadt Theaters (Direktion B. Pollini): Montag den.28. Okto. der 1895. Hamlet. Trauerspiel in 5 Akten von Shakespeare." Dann folgt das Personenverzeichniß und da runter steht: Zeit: Gegenwart, Ort der Handlung: 1., 2., 4. Aufzug in Berlin; 3. Aufzug: Ein Rittergut bei Berlin." Es handelt sich offenbar um eine etwas gewagte Bearbeitung des Hamlet." Im Braunschweigcr Stadt-Anzei-ger" (Nr. 250) zählt Karl Bartsch unter den garantirt weichkochmdcn Hülsenfrüchten", die er dem Publikum empfiehlt, auch Pflaumen:: us, Häringe und gelbe Seife auf. 0 e be Seife mag im Nothfall zu effen sein, zu den Hülsenfrüchtcn gehört sie aber noch weniger als das Pflaumenmus und der Härinq. Die Nord Ostsee Zeitung" (Nr. 511) sagt von den Siegclmarkcn der Berliner GewcrbAusstellunq: Ein auf der Spitze stehendes 2 iereck zeigt emen Ausschmtt der Erdkuge ." Osjcn var handelt es sich um das nasse Dreieck", da3 auch bei cii er früheren Ausstellung eme wichtige Rolle spielte. HUSDUS TULT DECiri! Es war in der großen Sommerwirth schalt einer deutschen Universität. Viel Gäste wies das Etabliffement freilich Nicht auf. An der Alma mater herrsch ten Ferien; deßhalb fehlten auch die Hauptbesucher die Studenten. An einigen Tischen faßen Fremde man sah es ihnen an der ganzen Reiseausstattung an, und vor Allem an den vor ihnen liegenden Bädeker"-Buchern. Nicht weit von meinem Platz?, blät terte ein stämmiger, untersetzter Mann von etwa dreißig Jahren lässig in einem illustrirten Blatte umher. Jetzt zog er unruhig die Uhr und blickte dann spähend den chausnrten Weg her unter. Der Herr erwartete allem An scheine Jemanden. Das Antlitz des Gastes trug die kantige Narbe einer Quart. Er war also zweifellos früher auch Un'.verjitätsburger gewesen. ' Nur aus der Kleidung des seltsamen Menschen wurde ich nicht klug. Er trug, soweit ich dies sehen konnte, eng anliegende Beinkleider, lange dunkle Strümpfe und derbe Lederfchuhe. Sein Rock war namentlich in den Schößen ungemein lang, ebenso die Veste. Statt der Knöpfe befanden
sich Silbermünzen an ver letzteren.
Auf dem Kopfe trug der sonderbare Mann einen ZZilzhut mit mächtiger Krempe. Ter F"-mde war aufgestanden. Plötzlich stürzte er unter dem Freuden ausruf: Carl, da bist Du ja!" einem daherschreuenden Herrn entgegen. Die Männer umarmten und küßten einander. Nach allerlei sich fast über stürzenden gegenseitigen Fragen nahmen sie wieder in meiner Nähe Platz. Der Kellner mußte Wein bringen. Wie erinnert das hier Alles an alte. glücklich verlebte Stunden!" rief beim ersten Glase der sehnlichst Erwartete dem Freunde zu. Hoch die Liberias academica!" Hoch, hoch!" Nun sag' aber 'mal, lieber Bert hold", lenkte der zweite Cast in einruhiges Fahrwasser ein. Was für eine seltsame Kleidung hast Du Dir denn zugelegt? Tu siehst ja aus wie wie na. wie denn?" Wie ein Schäfer aus der Lünebur ger Heide!" erklärte der Gefragte. Ja, ja!" nickte Earl. Gesehen hab' ich diese Leute auch schon. Es war auf der Reise nach Hamburg. Du hast doch aber nicht gar umgesattelt? Ter Standeswechsel wäre denn doch ein zu merkwürdiger; erst Mediziner " Wie man 's nehmen will!" lachte der Arzt. Mundus vult decipü" Ich verstehe Dich nicht!" erwiderte kopsschüttelnd der Eommilitone. Sei nur froh, daß keine Studenten hier sind. Du würdest sicher in Deinem seit amen Kostüm angeulkt!" Ich besitze gar kein anderes Zeug !" versetzte Berthold in größter Seelen ruhe Gerade diese Kleidung hat mir riesigen Verdienst und großes Re nommee verschafft!" Das begreife ein Anderer!" Ich will Dir die Geschichte erzäh len!" sprach der Mediziner uud nahm einen Schluck des goldigen Weins. Sie ist nicht sehr lang!" Dann schieß' 'mal los!" Tu weißt, ich hatte bei'm Abgange von der Universität ein brillantes Staats-Examen gemacht. Mit magischer Gewalt zog eS mich nach dem lebendigen Berlin, und .bort ließ ich mich auch bald darauf als praktischer Arzt nieder. Aber mit der Praxis war es in der großen Stadt für mich ein heikel Ting: ich kannte Niemand und war von Keinem gekannt. Ein paar Mal empfahl ich mich in den großen Zeitungen der Residenzstadt. Es fan den sich ja auch infolgedessen einige Pa tienten bei mir ein, die aber schließlich selber nichts hatten, und für die ich noch aus purem Mitleid die , Medizin bezahlte. Schließlich war der Rest meines kleinen Vermögens ausgezehrt, und nun trat die Sorge um meine weitere Existenz bitter und ernst an mich heran. So viel sah ich ein, daß in Berlin meines Bleibens nicht war. Ich verließ nach Ablauf eines Iah. res die deutsche Metropole und siedelte nach einem norddeutschen Landstüdtchen über. Etwas ging's ja dort; aber die Medizinalpfuscherei grassirte, nament lich in den Dörfern, in einer geradezu tollen Weise. Schäfer, Junker, sogar Schmiede curirten feste darauf loS, mochte es sich um eine Krankheit han dein, welche es wolle. Ter Polizei fiel es nicht ein, gegen diesen offenbaren Unfug vorzugehen. Da sagte mir der Apotheker des Oertchens eines Tages, ich müsse die Sache anders anfangen. Ziehen Sie auf das nächste Torf!" ncth der er fahrene Mann. Hängen Sie den Toctor ganz an den Nagel und nennen Sie sich einfach Schäfer". Sie sollen 'mal sehen: das zieht!" Vergeblich sträubte ich mich gegen ein solch' Vcr fahren; mein Rathgeber aber sagte: Sie können ja 'mal den Versuch ma chen! Gefällt Ihnen die Geschichte nicht, so ziehen Sie einfach wieder in die Stadt zurück!" Nach vielem Hin und Herreden ging ich auf den Streich ein. Schon nach einigen Tagen hatte ich einen Zulauf, wie ich ihn mir nie erträumte. Natür lich schrieb ich nur fachgemäße Rezepte und brachte auch glückliche Euren zu wege. Um mir noch mehr.Vertraucn bei meinen Patienten zu verschaffen, legte ich mir diesen Schäfer-Anzug zu!" Und Tu erfreust Tich einer großen Praxis?" fragte Carl nach geraumer Pause des Schweigens. Kaum Rath zu schassen weiß ich!" versetzte der Toctor. Hätte ich es' Dir nicht fest versprochen, heute nach so langer Trennung hier zu erscheinen, ich wäre nicht 'gekommen!" Und was sagt die Polizei zu Tei nem merkwürdigen Gebahrcn?" sprach der Freund, außer sich vor Erstaunen. O, ich wurde sogar zur Verneh mung vorgeladen, weil ich wegen Medi zinalpfuscherei angezeigt war. Das kam infolge meines Rezeptschreibens!" nd was wurde daraus?" Ich Zeigte dem Eommissar einfach mein Approbations-Zeugniß vor. Sie sind ja wirklich Arzt!" sagte dieser nach Musterung meiner Papiere. Allerdings bin ich das!" erwiderte ich.Und warum treten Sie denn nicht offen als solcher auf?" meinte der Le amte. Es geht so besser!" gab ich Bescheid. Und wollen Sie mir einen Gefallen thun. Herr Eommissar, so sagen Sie Niemandem, daß ich wirklich Ant bin! Da) könnte mich in meiner Praxis schädigen!" Einäugige gesucht! In einem Berliner Blatt war jüngst fol gendcs Inserat zu lesen: Lebensgefähr im gesucht, am liebsten einäugige. Offerten unter M. :c. Wahr'ch?in lich bedarf der Heirathslustige eine Lebensgefährtin, die immer ein Äuae zudrückt. Berufsbeschränkung. Dichter : TcL. jfm4i An f4VA4lffi .tn.nt
) p Ul(UllU, U,llUllU. (9 UU4 HUUll gar nichts tv.i - bei ie: 2cncu:rc:.il"
