Indiana Tribüne, Volume 18, Number 246, Indianapolis, Marion County, 26 May 1895 — Page 7

(Original. ?!ackrnik verboten) Jack. Skizze ai dem deutschamerttanischen Leben. Von 23. v. Schierbrand. G.r wurde allgemein Jack genannt, l?igmtlich hieß aber Jakob und war der Sohn cin7S biederen, etwas streng fcenf f nden Tcutsch.Amcrikaners Namens Lcbcrccht Göttler. Letzterer war ein strenggläubiger, lutherischer Pfarrer in Württemberg gewesen, bis ihn wie viele Taufend anderer nüchtern gearteter Männer die grcße, feurige Bewegung von 1S4S 1849 mit in ihrem Strudel fortriß, wobei der junge Theologe die Kanzel mit dem Schlachtfeld vertauschte, bei Wag')äusel im lIcfecüt mit rcgulä rcn Truppen schlimm verwundet ward, über die schweizerische Grenze gebracht feinte, und dort bei gutmüthigen, tlzeiluchmenden Bürgern der helvetischen Republik genas. Was thun? Mit seinem Prcdigcramt war's für' immer vorbei, soviel wußte er. Tie legten Schaarcn der Aufständischen warcn versprengt, und . die Ncaction herrschte mit Pulver und Blei und dumpfen Fcttungökasematten. Soent schloß sich cbereckt Göttler, nach Ame rifa auszuwandern, wohin ihm seine Zzrau bald darauf nachfolgte. Erst in 'cnnsqlvanin, später in Jndiana und Chiu wollte es dem jungen deutschen Revolutionär nicht glücken. Aber im Herbst 1852 langte die Familie in Chi cago an Jack war mittlerweile geborcn und dort lächelte ihnen das Glück. Ein Jugendfreund hatte dort eine Apotheke angefangen, die stark florirte und woselbst Leberecht als Clerk eintrat, die Familie wohnte über dem Laden. Binnen zwei Jahren war ein ganz tüchtiger Apotheker aus dem ehe maligen Geistlichen geworden. Kurze Zeit darauf packte den Eigenthümer des Geschäfts eben jenen guten Freund aus dem Schwabenlande a.bermals die Wanderlust, und für geringes Geld brachte Lcbcrecht Göttlcr die Apotheke käuflich an sich. Von da an ging's aufwärts mit der Familie, und ein ge sicherte?, wenn auch bescheidener Wohlstand kehrte dauernd bei ihr ein. Tic Göttler'sche Apotheke war in dem Theile der Westseite von Chicago gele gen, die namentlich stark von Jrlün'dcrn und von Böhmen besiedelt ist, sodaß Jacks Jugcndgespielen und Schulkamc radcn fast durchweg Eltern jener beiden NatSralitäten hatten, und der Knabe auch fast nur Englisch, untermischt mit etwas Ezcchisch, zu hören bekam in Straße und Schule. Freilich bemühten sich Batcr und Mutter redlich, dem Jungen das Teutsche ordentlich beizu bringen, aber bei den ungünstigen VerHältnissen wollte ihnen das nicht gelin gen. Allerdings hielten Beide auf strenge deutsche' Zucht, und bei Tisch und sonst im Hause wurde nur deutsch geduldet. Aber wenn auch Jack Pflicht schuldig deutsch radebrechte, und jedes mal streng getadelt wurde, wenn er seine Eltern englisch anredete, so war dies doch nur leidiger Zwang, und natürlich" war's für den Knaben, sich in englischer Sprache auszudrücken, denn in ihr dachte und empfand er. Alle Strafen und alle Worte änderten nichts hieran, und da Jack dazu auch noch ein wilder Junge war und. da der Vater von Früh bis Spät in der Apo theke sich aufzuhalten hatte, so fiel der sanften Mütter seine Erziehung zumeist zu, und die war nicht im Stande, mit ihm fertig zu werden. Ohne daß es den Eltern klar gcwor den war. ohne daß Jack es eigentlich selbst wußte, trat allmälig eine geistige Entfremdung zwischen ihm und seinen Eltern ein. mit denen er sich in ihrem sunny" Teutsch auch nicht recht ver ständlich machen konnte und die ihn in seiner Jcedcwcise auch wieder nicht ordentlich verstanden. In den öffentlichen Schulen wurde damals noch kein deut scher Unterricht ertheilt in Ehicago, und Privatschulcn. wo dies hätte geschehen können, gab's nicht, wenigstens nicht in jener Nachbarschaft. So wuchs dann Jack heran, wie so viele deutsch amcri tanischcn Kinder, ohne auch nur die Sprache feiner Mutter zu verstehen. Mit dem 15. Jahre wurde er nach einem Busineß Eollege geschickt, und dort lernte er Manches, was ihm im Geschäft für die Zukunft von Werth wurde, aber deutsch lernte er auch dort nicht. Was eigentlich Tcutschland sei, und welche Berechtigung die nach Amerika ausgewanderten Teutschen hätten, ihre Sprache und ihre Art, ihre Sitten und ihre Cultur auch in der neuen Hei rnath weiter zu pflegen, davon hatte Jack natürlich auch keine Ahnung. Im Gegentheil, im Grunde seines Herzens dachte er, daß die Tcutsch-Amcrikancr eigentlich gar kein Recht hätten, nicht sofort und völlig zu Vollblut-Amcri-tancrn zu werden. "What did they corne liere for, if they don't want to be Americans?" frug er einst als junger Bcngel in Gegenwart eines kernigen Tcutsch-Amcrikancrs, der dem Jungen für die naseweise Bemerkung einen tüchtigen Klaps gab. Mit 17 trat Jack in einen großen Hardware Store" als Elcrk ein, und sein gewandtes Wesen, seine kaufman nische Tüchtigkeit brachte ihn rasch vorwärts. so daß er wenige Jahre später schon auf Reisen gehen konnte für die Firma. Illinois und Wisconsin wurden sein Gcschäftsfcld. Mit 20 ver diente Jack ungefähr sovielwie ein deut scher Gchcimrath nach langen Studien und nach vieler Jahren ernstem Staatsdienst. Als einst sein Vater die Bemcrkung fallen ließ, daß das so zeitige ausreichende Verdienst für junge Leute in seinem Alter gar nicht gut sei, imir mclte der , junge Mensch etwas von old fashioned ideas" und hielt seinen Vater nun erst recht für einen beschränkten Kopf, der nichts von Amerika verstehe. Tie Mutter die treue. sanfte, sorgende Mutter hielt ihn noch allein ab. sonst hätte er stch schon damals gänzlich vom Elternhaus losgesagt, denn es dünkte ihm dort alles M(iueer" und unamcrikanisch. Sein

Umgang bluten nach wie vor die Jr länder, und mit seinen ehemaligen Schulkameraden aus der Nachbarschaft, die c$t gleich ihm selstständige junge Leute geworden waren, pflog er nach wie vor intime Beziehungen. Dauernd sollte auch der Conflict heranwachsen, der es schließlich zum offenen Bruche mit dem Vater bringen sollte. Billy Fitzgerald nämlich, sein liebster Busenfreund, mit dem er als Knabe manchen verwogcnen Streich ausgcführt, hatte eine hübsche Schwester, Kitty. Diese, mit jenem Reiz der kel tischen Mädchen dem schwarzen, leicht gelockten haar, den tiefblauen Augen, der zarten, rosigen Haut und dem kecken Stumpfnäschen, dazu der schlanken, biegsamen Gestalt verschwenderisch von der Natur ausgcstattct, hatte es Jack angethan. Schon lange, schon als sie mit ihm in dieselbe Schule ging, nur eine Klasse tiefer. Mit ihr war er schon als Knabe häufig in die irifch-katholifche Kirche in der Nähe, zu Vater" McMullen gegangen, hatte mit ihr verstohlen manches Pic nic der ClannaGaels mitgemacht, hatte sich auch im Tanze mit ihr geschwingt. Und die beiden waren ncy unverändert zugethan geblieben. Der alte Iitzgerald war ein Eontraktor, der bei einer Reihe von großen Leuten, na mentlich jeht nach dem großen Feuer, viel Geld verdient hatte und zum reichen Manne geworden war. Und der Alte sah den Umgang seiner Tochter mit dem jungen Jack Göttlcr ganz gern, denn Jack war ein hochaufgeschossener, ansehnlicher Bursche, der selbst im Kampfe mit rauflustigen jungen Jrläadern seiner Bekanntschaft seinen Mann zu stellen pflegte und der auch ganz nett Geld verdiente. Um den Vater, den alten Göttlcr, hatte sich Niemand gekümmert. Unter den Jrländern der Nachbarschaft war er nur als the old doctor" bekannt, und daß er früher einmal proteftantischer Pfarrer gewesen und noch jetzt ein streng bibelgläubiger Lutheraner war. davon wußte man nichts. Eines Tages meldete nun Jack seinen Eltern ganz kurz und bündig, daß er sich mit Kitty Fitzgerald verlobt hatte und sich übernächsten Sonntag in Vater" McMullens Kirche werde mit ihr trauen lassen, zu welcher Ecremonie er Vater und Mutter zugleich einlade. Jack war nie erstaunlicher gewesen in seinem Leben als jetzt, wo sein Vater auf einmal Feuer und Flamme wurde und seine Mutter in einen Thränen ström ausbrach. Was denn eigentlich los sei? wollte er wissen, und ob Kitty nicht ein ganz nettes Mädchen und ihr Vater nicht ein angesehener, wohlhabender Mann sei. Ten Zornausbruch seines Vaters verstand er nicht, und die Hinweise darauf, daß er, Jack, der Sprosseiner altgläubigen, lutherischen Familie', der Sohn eines dereinst ordinirtcn protestantischen Geistlichen sei und als solcher doch unmöglich ein katholischcS Mädchen heirathen, in eine Familie hineinkommen dürfe, wo der deutsche Mann verachtet sei. die protestantische Religion verpönt sei AllcS dies war Jack einfach unverständlich, sah er nur für albernen Eigensinn seiner Eltern an. Und als nach einer sehr heftigen und langen Auseinandersetzung sein Vater ihm schließlich die Verbindung mit Kitty streng untersagte, da antwortete Jack nur mit einem Hohngelächter und der Bemerkung, daß er im freien Amerika sei und heirathen könne, wenn es ihm beliebe. Tie Mutter versuchte vergeblich, den Sohn umzustimmen und ihn von der geplanten Hcirath abzuhalten, und als sie sah. daß sie auf diesem Wege nichts ausrichten könne, versuchte sie ebenfalls ganz vergeblich, die Einwilligung ihres Mannes zu der Verbindung mit Kitty zu erwirken. ES kam zum offenen Bruch zwischen Sohn und Eltern. Tie Eochzeit fand zur anberaumten Zeit itt, und es ging hoch her im Hause der Fitzgerald's. T:e Mac's und die O's waren in stattlicher Zahl erschienen, und auch Vater" McMullen schlte nicht und brachte einen ganz launigen und höchst beifällig aufgenomme nen Toast auf das junge Paar aus, in welchen: er erwähnte, wie die Tutchmen" vor Kurzem Frankreich erobert hätten und nun auch sich an die Eroberung Irlands, wenigstens der Töchter Irlands, machten. Vor der Trauung hatte natürlich Jack dem Vater" ver sprechen müssen, seine Kinder gutkatholisch erziehen zu lassen. So war denn Jack mit Haut und Haaren zum Jrlündcrthum übcrgcgan gen, aber ihm selbst erschien dies als etwas ganz Natürliches, Sclbstvcrständ lichcs. Tas Teutsche nun sah er als etwas Fremdes, etwas Unberechtigtes an, und als Anmaaßung erschien es ihm, daß die Tcutsch-Ämerikaner in Ehicago, namentlich seitdem sich ihr Nationalgcfühl in Folge des großen, siegreichen deutsch-französischcn Krieges bedeutend gehoben hatte, soviel Wesens mit ihrer Abstammung aus Teutsch, land machten. Tie Sprache trennte ihn von dem Söhnen seines eigenen Stammlandes, von den Blutsgenossen seiner Eltern und seiner selbst. Ihr durch llngo" wie er 's nannte, klang ihm fremd und schwerverständlich. Toch es sollten andere Zeiten kommen für ihn. Jack ward nämlich Politiker. Und als er das erste Mal als Eandidat für das Aldcrmansamt auftrat, da merkte er zu seinem Erstaunen, von welchem Vortheil ihm seine deutsche Abstammung war. Tcnn die Ward, wo er wohnte, war mittlerweile stark deutsch geworden, und ohne die Stimmen derselben war seine Niederlage gewiß. So bemühte er sich dann um das deutsche Votum. Er erwähnte seine deutschen Eltern, deren Rechtlichkeit und Unbcscholtcnhcit nick)! zu bezweifeln waren. Er besuchte deutsche Picnics, anstatt wie bisher irische, und lernte zu seiner Ueberraschung einsehen, daß daselbst doch ein ganz anderer Ton, ein viel gemüthlicherer und anständigerer, herrschte, daß die Teutschen sich genite

ier betrugen und sich nicht so viel' betrunken und prügelten wie die Jrlän der. Er lernte sogar eine deutsche Rede, die ihm der deutsche Kneipen Wirth an der Ecke ausarbeitete, auswendig, und erzielte damit einen riesi gen Erfolg in der Turnhalle. Und als er nun erwählt worden war, und aus der genauen Durchsicht der Wahllisten ersah, daß ihn die deutschen Stimmen in den Stadtrath gebracht hatten, da fing er an Respekt zu bekommen vor den bisher vernachlässigten Teutsch-Ameri-kanern. Sein alter Vater starb um diese Zeit, und da derselbe auf seinem Todtendette als einen seiner letzten Wünsche es ausgesprochen hatte, daß Jack einmal nach Teutschland reisen und das Land seiner Vorfahren besuchen solle, so machte sich Jack auch einige Monate später nit Weib und Kindern auf zur Reise. Natürlich stiegen sie in Queenstown aus und machten erst einmal eine Rundreise durch Jrlano, dann aber ging's weiter nach Teutschland. Jack 'staunte. Er kam gar nickt aus der Verwunderung heraus, und seine irische Frau auch nicht. Tiese hellen, freundlichen Städte am Rhein, diese Sauberkeit und Ord nung überall, diese prächtigen Berge mit den n?alerischen Ruinen, und dieser Aufschwung und solide Reichthum in den Großstädten tiefer im Land er sowohl wie sein irisches Weibchen könnten sich nicht genug wundern. Und der Vergleich mit Irland nun erst gar, der fiel zu Gunsten von Tcutschland aus. Auch das Teutsche, wie er's nun überall hörte, kam ihm gar nicht mehr funny" vor. Im Gegentheil, sein Ohr gewöhnte sich mehr und mehr daran. Und als er nun in Berlin vor der mächtigen Siegessäule stand und an der riesigen Victoria mit den goldenen Fittigen heraussah, als er den Glanz und die Pracht des neugceinigten deutschen Reiches erblickte und seine großen Männer den alten Kaisei und seine Paladine, da ging Jack daS Herz auf und stolz fühlte auch er sich als der Sproß demselben tüchtigen Volksstammes, dessen Erreichtes und Er strcbtcs er um sich erblickte. So ging Jack zurück mit seiner Fnmitte nach Chicago, und eine Wano. luna batte sich in seinem Innern voll, wgen. AuS dem Saulus war em Paulus geworden. Nicht länger er chien es ihm ein unberechtigtes Stre den der TcutschAmerikaner, auf neuem Loden ihre alte gediegene Art fortzu pflanzen und zu erneuern. Als fremd ten Teutschen gegenüber, beinahe feind selig war er aus dem Elternhaus in's öeben, in's rasch vulsircndc, fieberhaft öröhncnde Leben seines Heimathlandcs zctreten. Als ein ernster, überzeugter freund des deutschen Wesens wirkt er .iun weiter fort im öffentlichen Leben, keine Augen, seine Ohren sind nun ch'en. DerVogel-Josepy.

Von Ferd. Avenarius. Noch zuckt kein Blitz, noch fällt kein Tropfen, noch regt sich kein Lufthauch. Aber die rothzelbe Spätnachmittagssonne haben schwarz geballte Wolken vergraben und sie wachsen immer noch düster weiter herauf ringsum. Komm trotzdem mit mir! Gehen wir den Weg. der aus dem Dorf über die Wiesen in den 5tteferntvald führt, so siehst Du drüben ganz abseits am Waldrand etwas Seltsames stehen: aus morschen Brettern ist es zusammengelehnt, für eine HundeHütte, scheint es zu groß, selbst für die kleinste Menschenhütte zu klein, und lange Stangen stehen darum gerade infgerichtet im Kreise, schwarz und dünn. Gehst, Du näher .hin., so hallt Dir Lärm von Vögeln entgegen. Die fliegen aus und ein durchLöcher in dem Stück Pappe, das statt der Scheibe im Lichtloch steckt, und suchen Futter. Man hat ihre Käfige geöffnet, sie sind frei. 'Denn feit heute Morgen haust kein Mensch mehr hier; sie haben den Logel-Joseph weggebracht. Hast Du ihn gekannt? Noch vorgesiern ist er. wie. all die Jahre her Tag um Tag. von Gehöft zu Gehöft gehinkt, der zwergenhafte blödsinnige Krüppel, seine paar Brocken Essen in den Topfscherben mit heiser gurgelnden Mißtönen zusammenzubetteln, Sem Vater, ein Brandstifter, war in irgend einem Zuchthaus, als der Joseph geboren ward, seine Mutter, eine Metz:, starb drei Monate darauf im Säuferwahnsinn. Der Idiot wurde als Ortsarmer aufgefüttert, er blieb ein Halbvieh. Jetzt war er dreißig Jahre alt. Wie ein Sechziger sah er aus. dabei zum Grausen häßlich, zum Ekeln verwachsen, fast 'taub und. bis auf die paar thierischen Laute, stumm. Aber er ließ sich auch behandeln wie ein Hund, ließ sich schlechter behandeln als ein Hund, denn er wehrte sich nicht, wenn sie ihn quälten, er kauerte sich dann nur hin, hielt sich die Hände zum Schutz um den Kopf und heulte. Er war ungefährlich. Sah er eine Frau, das spürte man zwar, so ging es durch seinen blöden Kopf, wie der Duft von etwas ganz Köstlichem, es war vielleicht, möcht' ich denken: wie Geruch von warmem Essen, das er nur gelegentlich bei einer Bauernhochzeit einmal bekommen, erst schier erschrocken bestaunt und dann geifernd verschlungen hatte. Ließ sich's ein Weib gefallen. so streichelte er ihm dann den Aermcl und machte dazu: Ei, ei. Doch zu Schlimmerem kam's nicht. Er war ungefährlich. Aber es schien, als wenn an einer Stelle, an einer einzigen kleinen Stelle in der todten Wüste, der dieses Narren Seele glich.' ein kleines Wässerchen Lebens aufrieselte. Er liebte die Vö-. gel wie eine Aeffin ihre Jungen, und von Dem, was mit den Vögeln zusammenhing, erdämmerte ihm sogar ein Sckiein von Verständniß. Er. machte

sich 'aus Reisig und Draht selber ttne Art von Käfigen zurecht, die er im merhin brauchen konnte. In dem Schuppen, den ein gutherziger Zimmermann dem Ortsarmen aus den verkohlten Brettern einer Brandstät5: zusammengenagelt hatte, hing Käfig an Käfig, so daß der Vo-gel-Joseph sich kaum darin wenden konnte. Gab man ihm. wenn er bettelte. Draht oder Körner oder sonst Etwas für Vogelunterhalt oder Vogelfang, so zeigte er (so äußerte sich stets seine Freude) mit seltsamem Blecken die Zähne. Wa er von Nahrung erhielt, das brachte er zunächst Stück für Stück seinen Thieren; wenn die gefressen hatten, klaubte er sich die Ueberbleibsel zur eigenen Mahlzeit brockenweise aus den Käsigen zusammen. Bei den Vögeln hockte er halbe Tage lang. Seine lahme Zunge brachte dann blöde Laute hervor, in denen man eine Nachahmung der Vogelstimmen vermuthen konnte, als wollte er mit den Thieren sprechen. Wies man ihm Geld, so zeigte sich, daß er wußte, was es war, und er tappte danach; aber wie vielemmer man ihm davon mit der einen Hand bot: griff man mit der anderen

nach einem Vogel, so. brüllte er auf in plötzlicher Angst, umklammerte mit beiden Händen das Bauer und schlug die Lumpen seiner Kleidung darum. Das Vogelfangen ist verboten. Man hatte lange durch die Finger gesehen, ehe man dem armen Tölpel, der that, was in dieser Gegend Alle thaten, doch nichts verbergen konnte, den Landjager schickte. Der Vogel-Joseph stierte diesen verständnißlos an, da er sich seine Vögel besah. Aber als er sie dann wegnehmen wollte, kam er in ein Rasen, bis' der- Beamte die Achseln zuckte und in der Stadt berichtete, es sei Alles in Ordnung denkend: hier herauf kommt von den Herren doch Niemand. Seitdem ließ, der Vogel-Joseph keinen Menschen mehr in seine Hütte. Mußte er betteln gehen, so häufte er jedesmal Steine, Balken, Pflöcke zwei, drei Stunden lang, mühselig stöhnend, um den Eingang. Man hätte ja doch hinein gekonnt, aber so boshaft war man nicht. Etwas muß der Mensch halt haben." sagten die Bauern, lachten über den Narren und ließen ihn in Ruhe. Aber auf einem Ausfluge kam doch einmal einer der Herren vom Amte ih:?auf. Der hörte im Wirthshaus vom Vogel-Joseph, sah sich die Sache von Weitem an und erklärte: Das sei ein Skandal, eine Gesetzesvcrhöhnung. Nun bekam in der Stadt der Leibjäger einen strammen Rüffel und den gemessenen Befehl, am nächsten Tage Ordnung zu schaffen. Dieser nächste Tag war vorgestern. Da hat der Vogel-Joseph den Landjäger mit einem dicken Aste todtgeschlagen. Und gestern hat ein Trupp bewaffneter Männer den Vogel-Joseph abgeholt in's Irrenhaus. Der hat da-' bei wie ein Wolf geheult und gebissen, daß sie sich nicht gleich zu helfen wußten. Da kam Einem ein guter Einfall. Sie packten dem Joseph so viel Käfige auf. wie er nur tragen konnte. Nun ließ er sich wegbrizgen. MövclstattsttkT" Jeder neu gewählte Präsident der französischen Republik hat das Recht, für seine Wohnräume neue Einrich tungsstücke zu verlangen. Diese blei ben dann so lange in Verwendung, bis ein Nachfolger kommt, der nun fctncrfeits auf eine Erneuerung Anspruch hat. Der bescheidenste unter allen bis herigcn Präsidenten war Aiolf Thiers. Tieser verlangte, daß man Alles beim Alten lasse und stellte die einzige Forderung, die Thürschlösser zu ändern, die mit einem X und einem kaiserlichen Adler verziert waren. Als man ihm mittheilte, daß diese kleine Reparatur 80,000 Francs kosten werde, indem das Elysce 1200 Thüren habe, verzichtete er auch daraus. Marschall MacMahon stellte die For. derung, daß man, so weit dies angehe, für ihn und seine Gemahlin die Möbel aus den Appartements der Er-Kaiserin Eugenic verwenden möge. Grcvy vcrlangte, daß man in seinen Zimmern Spieltische aufstelle, ferner einen riesi gen Schreibtisch, ein Topf mit Kleister und eine Sammlung von Federn mit dicken Stielen. . In das Schlafzimmez der Ex Kaiserin Eugcnie wurde ein Billard postirt, das von der Mar schallin MacMahon herrührte. Tie Lchtcre hatte einen todtkrankcn Sohn, der niemals das Zimmer verlassen durfte und welchen man damit amü sirte, daß Andere vor seinen Augen Billard spielten. Madame Earnot hatte die Idee, sämmtliche Apparte mcnts, die ihr zur Verfügung standen, im Style Louis XIV., des königliche stcn aller Könige, möbliren zu lassen. Tie meisten Veränderungen brachte der kurze Aufenthalt von Mmc. EasimirPcricr mit sich, welche die Tapeten des Speiscsaalcs und des Kaffecsalons in der allcrlururiösesten Weise herstellen ließ. So bedeutend waren diese Vcr änderungcn, daß es zum Mindesten sünf Monate dauern wird, bis die vcr langten Objekte fertiggestellt sind. Matame Faure soll, wie man hört, den völligsten Eontrast zu ihrer Vorgän gerin bilden; sie soll dem Tapezierer einsach gesagt haben: Ich vertraue ganz Ihrem Geschmack, bitte daher mir Alles einfach und bequem einzu richten." Kleines Mißverstandn iß. Professor (bei der Vorlesung im Hörsaal): Ich fühle, daß ich trocken werde, darum... (sich unterbrechend) warum nicken Sie so lebhaft, Herr Studiosus?" Student: Ich habe auch Durst, Herr Professor!"

k Die Nlodernc Ztalicncrm. i

, ?o.l Fli) Eberharlt. In der Anidemia delle belle arti in Venedig wo so manche kostliehe Leinwand eines Tizian und Veronese untergebracht ist, findet man eine verwirrende Menge von Frauenbildnissen, die uns einen in Italien aasgestorbencn! Schönheitstypus schildern: den psirsichfarbenen Teint, das rothblonde Haar und das dunkle, heiße Jtalienerauge die beautö de diable. In der That suchen wir in der LomKarde! heute fast vergeblich nach dem Urbild der schönen Mailänderin, wie es sich inGoethe's Tageblättern abspiegelt, nur in Venetien, speciell in der Lazunenstadt, liefern die unternVolks. schichten noch Fraucngestalten von diesem natürlichen Faröcnreiz. Ueberwiegend in zahlreichen Spielarten bleibt das von den Deutschen so bewunderte blauschwarze Rabenhaar, und darunter der matte, elfenbcinfarbene Teint, der namentlich bei jungen Mädchen noch ganz den süßen Zauber einer frisch erschlossenen Mar6chal Niel-Rose besitzt. Das Blut erscheint selten, und dann nur in feinen Äeder. chen, transparent, wodurch das Gesicht den Ausdruck der Träumerei erhält, der durch die Haltung des Körpers zumeist wieder g:stört wird. Denn so verschieden auch Mailänderin und Venezianerin, Römerin, Neapolitänerin sein mögen, in der zugleich vornehmen und doch leichten KörperHaltung finden sich alle Töchter des Landes unterschiedslos zusammen. Diese Thatsache löst auch die Frage: was fesselt uns an der Italienerin zu. erst? Es ist gleichgiltig, ob diese eben erst frisch aus der Campagna importirt, oder, in den Fond ihrer Carozza gelehnt, den täglichen Corso besährt. Die Pariserin gilt hinsichtlich der Eleganz, des Chics als eine ernsthafte Concurrentin, die Italienerin zeigt in dem freien, elastischen Gang, stolz ein herschreitend, daß in ihr die Erinnerungen an das goldene Rom von einst noch lebendig sind. Man beobachte einmal die wundervollen Gestalten, welche auf dem Monte Pincio in Rom um die Abendzeit bisweilen ihre Gefährte verlassen, um zu lustwandeln! Die feste und doch biegsame Linie vo: Nacken, Hals und. Kopf, die weichen, gerundeten Schultern auf dem ebenmäßigen Leibe, so - viel traumhafte Süße, so viel ernste Ruhe Venus und Madonna in eines verschmolzen! Die Französin gibt zu. dem natürlichen Ehic eine gute Dosis Rasfi.iement. das moderne italienische Weib, obgleich ganz und voll eine Evastochter, gibt nur das, was sie von einer gütigen Natur bekommen, nicht weniger und nicht mehr. Die Krone der italienischen Frauen ist immer noch die, welche vom Geschick zur Landesmutter aussehen wurde: Königin Margherita. Die Zeitungen bedienen sich, wenn sie von ihr'sprechen, oft und gern der beiden Epitheta: la dolce ed liicante vole (die Süße und Unsagbare). Keine Schmeichelei, noch heute besitzt die Königin, welche die vierzig schon überschritten, einen unnachahmlichen, weil echten Reiz. Doch nicht nur im Palast, auch in der ärmlichen Hütte steht solche natürliche An muth una sirnpaticone nennen die Italiener ihre Trägerin in vollster Blüthe. Soll denn nun der Reiz dieser Schönheit und Anmuth welken, ehe er sich noch zur vollsten Reife entfaltet? Paris, das den ganzen Reichthum seiner koketten Modethorheiten über das Schwesterland ausschüttet, beeineinflußt namentlich in der Lombardei sehr stark den Putzmarkt. Aber auch wo man sich in Italien frei .von diesem Einfluß hält, in Rom oder im letzten, kleinsten Paese der Campagna, liebt man es leidenschaftlich, sich zu schmücken, und eheliche Dispute über eine zu zahlende Moderechnung sind zu Cicero's Zeiten gewiß nicht seltener gewcscn als heute. Diese Vorliebe für glänzende, äußere Repräsentation ist eine stark hervortretende Schwäche der Jta lienerin! In Neapel zeigt man Schön heilen, deren Robe stets den neuesten Schnitt aufweist, deren Speisetisch aber selten etwas anderes sehen soll als die wohlfeilen Maccheroni. Die großen Jahresfeste sind unverrückbare Termine für die Kauflust, die sich mit Vorliebe auch den Preziosen zuwendet. Ich glaube, daß in Italien noch kein Juwelier bankrott gemacht hat. Freilich verleugnet sich de: angeborene gute Geschmack bei Hoch und Gering auch nicht in der Auswahl der Toiletten, in der Composition der Farben und im Schnitt. Die Mehrzahl, der bürgerl'chen Frauen und Mädchen kennt eine Modeästhetik nicht einmal dem Namen nach, da hilft eben ein rascher Vlik in den Spiegel, nach. Einen harmonischen Eindruck von italienischen Toilettenkünsten habe ich jedesmal 'in den Theatern erhalten. Die gute, stets respectirte Sitte will, daß jede besser situirte Dame hier in Valltoilette erscheint ein wundervoll farbenfreudiges Bild. Eine der vielen übe? Italien verbrciteten Uebertreibungen ist die. daß die Schönheit seiner Frauen leblos sei, daß sie des Fonds von Herz und Gemüth ermangle. Wir Deutschen substituiren sür Gemüth nur zu gern die Empfind lichkeit. für Verstand Skepsis und Ironie. Von allen dreien ist die Jtalienerin frei, doch versteht sie es mel( sterlich, zedes Erelgniß, zede St:m m. . . . . . m . ' ' muna blitzartig lnttllectuc!! zu durch dringen; sie ist lebcnsllug und praktisch. Es liegt im Temperament der Frauenrassen huben und drüben von den Alpen, daß ihre Lebensführung. ihre Btöürfnisse tiefe Unterschiede auf weisen. DaS Unvermeidliche mi! Wür

de tragen, aus de? Noth eine Tugend

machen, vernünftiger Genuß ooer Skrupel das sind Dinge, die nur en Töchtern eines Volkes gelingen. dessen günstige Blutmischnng die Vor bedingung für jene glückliche Philosophie liefert. Wenn es bei unserer Pensionswirthin in Neapel einmal frische Kartoffeln gab, wurde aus dieser frugalen Speise zu unserm Erstaunen ein besonderer Gang gemacht mit frischen Tellern und Bestecken. Jedes Wohlbehagen beruht auf Einbildung, die frischen Teller und Bestecke ließen uns die spartanische Speise doch recht wohlschmeckend erscheinen. In unendlich vielen Beziehungen vewährt sich das praktischeCalcül derJtalienerin. Viele, die zum ersten Mal über die Alpen gekommen, konnten es sich nur .schwer erklären, daß die kräftige Lebensluft der Frauenwelt sich so gut mit ihren zahlreichen religiösen Pflichten vertrüge. Wahr ist, daß ihre Andachtsübungen sich oft an der Oberflache halten, doch ist d:eTradition so innig mit dem Tagewerk der Frau verwachsen, daß diese nach Zerstreuungen mannigfachster Art ,doch wieder über die Tempelschwelle getrieben wird. Also auch Gemüth gehtihr nicht ab, wohl aber eine gewisse körperliche Beweglichkeit der Nordländerin, die wir als Frische bezeichnen. Es ist schon viel über diese in Theatern und auf dem Wagencorso stark hervortretende Indolenz geschrieben, wobei aber ein Moment übersehen worden, das jene Schwäche in etwas andcrm Lichte zeigt. Der Süditaliener hält seine weiblichen Familienmitglieder aus ' Fürcht vor Liebesaffairen in ziemlich strenger Haushaft; sind sie nun von Klavierspiel und Romanlesen übersättigt, so verfallen sie bald in ein schlaffes Dahinträumen und Faulenzen, das allmälig in dauernde Indolenz übergeht. Generationen sind so erzogen worden. kern Wunder, wenn die üblen Folgen sich jetzt bemerkbar machen. Und doch tst die herangewachsene Italienerin ganz im Gegensatz zu dem. wie sie auf unsern Operettenbuhnen geschildert wird, dem Manne gegenüber durchaus nicht so impulsiv cntgegenkommend, wie es ihr Rassentemperament erwarten ließe. Sie ist empfänglich für Männerschönheit, als kluge Evastochter aber benutzt sie sehr gern die Waffe ihrer anscheinend unbesiegbaren Reserve, umsomehr als sich der Italiener in der Rolle des stürmisch werbenden Liebhabers sehr gefällt. Wenn sie freilich dann ihre Erwartungen bestätigt, ihre Gefühle erwidert sieht, flammt auch ihr Blut in dem ganzen Feuer fesselloser Hingabe auf. In den mittleren und unteren Schichten sind solche unmoderne Leidenschasten nichts Seltenes, sie treten ost in seltsamen Formen zu Tage. Auf Capri werden, wie man sagt, die Männer, die einem Mädchen Treue gelobt. nicht eher von der Insel fortgelassen. bis sie ihr Versprechen am Altare eingelöst haben. Im Politeama zu Nea pel sah ich selbst ein junges Paar: der Mann hatte nach der Verlobung der Braut mit einem derben Messerschnitt die Wange taiowlrt. Er wollte eben nicht, daß sie noch einem andern ge-' fiele! Die beiden waren nun durch Blut miteinander verbunden, Blut nur hätte sie wieder lösen können, denn ein Abirren von seiner Pflicht hatte dem Burschen den Tod von der Mädchenhand gebracht. Solche Tätowirun gen sind in Neapels interessantestem Viertel, der Santa Lucia, wo man noch unverfälschtes Volksthum sehen kann, öfter anzutreffen, hier greift der Mann zum Revolver, das Weib zum Dolch. In sehr seltenen Fällen nimmt die Italienerin, auch der besseren Klassen, das Gesetz zum Schutz gegen einen Mann in Anspruch, sie schafft sich mit der Waffe selber Recht. Diese Waffe richtet sich zumeist gegen den ungetreuen Geliebten oder Ehemann. War der letztere Familienvater, dann lenkte, außer der Rache für die angethane Schmach, die Hand des Weibes wohl auch die Verzweiflung über die Unmöglichkeit einer legitimen, ehelichen Scheidung, und noch mehr der qualvolle Anblick der vielleicht um ihr Lebensglück betrogenen Kinder. ' Der mütterliche Instinkt der Italienerin fügt sich den gesellschaftlichen Jnstitutionen eben noch weit schwerer als der weibliche Liebestrieb. Dies Moment beweist, daß das mo dcrne italienische Weib, trotz gewisser, starkbetonter Naturempfindungen, seine Messalina oder Poppäa mehr ist. Durch einen Zug von Naivität und UnVerdorbenheit 'werden die dunklen Seiten ihres Charakters wesentlich erhellt. Mitteleuropa mit seinen heißen, socialen Kämpfen zeigt das schwächere Geschlecht, im Ringen um Gleichberechtigung, bisweilen seine wärmeren Neigungen niederkämpfend. Die Jtalienerin beschönigt ihre Fehler und Schwächen nicht, sie fordert nur, daß man sicnach ihren Triebfedern richte und meje. Vielleicht, wenn die politischen und socialen Zustände des Landes sich gebessert haben, wird sie ihren großen Vorbildern, eine? Lucretia, einer Virginia, näher kommen. ' Anknüpfung. Junge? Mann: Erlauben Sie. daß ich Ihnen meinen Freund H:rrn Rolf vorstelle?" Dame: Aber ich kenne Sie ja gar nicht!" Junger Mann: Macht nichts, mein Freund wird nunmehr mich Jhn-i: vorstellen." Glaubhaft. Meister (den Lehrbuben prügelnd): Meinst Du, infamcr Schlingel, es macht mir Spaß, Dich alle Tage zu prügeln?" Lehrjunge: Meinen Sie denn mir?" Also doch! Haben Sie denn beim Kurpfuscher Hilfe gefunden?1 Wie man's nimmt: Helfen konnt' er mir halt nit, aber kurirt bintt- . ..

HUBS.

Die kurirte Köchln Sei! drei Tagen waren bei Geheimrath Borke die Suppen versalzen, eine klanz außergewöhnliche Erscheinung, kenn man in Betracht zieht, daß L?ine. die Köchin, sich ein solches Attentat auf den geheimräthlichen Geschmack noch niemals hatte zu Schulden kommen lassen, auch da mals nicht, vor sieben und emem halben Jahre, als sie in einen richtigen Öusaren - Wachtmeister verliebt war. Die Geheimräthin nahm das StubenMädchen in Verhör, und es stellte sich heraus, daß Mine vor drei Tagen cm letzten Sonntag im VolksTheater" gewesen und Schillers Räuber" gesehen hatte. Jedir. der einmal eine B:oaraph:e Schillers gelesen und den richtigen Eindruck von dem durchaus edlen Charakter Schillers empfangen hat, wird zugeben, daß der große Dichter niemals die Räuber" geschrieben hätte, wenn er hätte ahnen können, welche Wirkung dieselben auf Geheimrath Borkes Mine hervorbrach ien. Die Geheimräthin ihr Gatte war geheimer Justizrath, ehemaliger Untersuchungsrichter setzte mit ungeschwächten Kräften das. Verhör fort, und es ergab sich, daß Karls und Amaliens Unglück in den Räubern Mines weiches Gemüth aufs Gewaliigste erregt hatte. Sie konnte es nicht fassen, daß die tugendhafte und treue Amalia eines schmählichen Todes sterbett, der hochherzige, edle Narl vom Gericht abgeurtheilt werden sollte wie der erste beste Raubmörder. Der Geheimräthin schien dieses allzuweit getriebene Mitgefühl so herzlos sind die Vornehmen ja in der Regel lächerlich, und sie dachte, da wird sich bald geben. Aber keine Ahnung! Die Suppen wurden immer ve:salz:ner und der Herr Geheimrath zog dieStirne immer krauser. Schließlich konnte die Gattin nicht umhin, ihm die Ursache des ungeheuren Attentats auf die Bergwerke von Wiliczka mitzutheilen. Der Geheimrath Borke war erst am vorigen Tage auf dem Commers alter Burschenschafter gewesen, und es war vielleicht noch ein Rest studentischer Laune, welche ihn veranlaßte, sich an den Schreibtisch zu setzen und folgen den Brief zu schreiben: Geehrtes Fräulein! Sämmtlichen Zuschauern, die am legten Sonntag in meinem VolksTheater die Räuber" gesehen haben, also auch Ihnen, sühle ich mich derpflichtet. Folgendes mitzutheilen: Als Sie das Theater verlassen hatten. war der Souffleur gerade im Veariff, das Gas auszuschrauben, da hörte er plötzlich ein seltsames Stöh nen. Er eilte auf die Bühne und fand die von uns bereits als todt ausgegebene Amalia noch einmal zum Leben zurückgekehrt. Der rasch herbeigeholte Theaterarzt ordnete die Ueberführung nach dem Krankenhause an. und bereits gestern wurde Amalia als vollständig geheilt entlassen. Die Freude war um so großer, als Graf Karl Moor gleichzeitig vom König begnadiat worden ist. Die Hochzeit findet sehr bald in der gräflichen Kapelle statt. Genehmigen Sie u. s. w. Semmel, Direktor des Volks-Theatcrs." Diesen Brief adressirte der Geheimrath an seine Köchin, bei der er vollkommen seinen Zweck erreichte. Die Suppen waren wieder normal gerathen. Fortan wurde aber strenz darauf gesehen, daß Mine nur zu solchen Dramen ging, bei welchem sie sich am Ende kriegten". Tte Musik vei den Souveränen. Fast an allen Hosen Europas wird viel Musik getrieben und viele Mitglieder der Fürstenhäuser sind Meister auf irgend einem Instrument. Die Köniain von Belgien ist eine hervorragende Harfenistin. Ebenso spielt die Königin von Rumänien meisterlich dieHarfe und Klavier. Die Königin von Jta lien ist Sängerin und Pianistin und spielt außerdem Mandoline. Die Königin von England und ihre Tochter Lucy spielen Orgel, und die- Prinzessin Beatrix ist geradezu Meisterin auf dem Harmonium. Die Prinzessin von Wales ist eine Pianistin ersten Ranges. Ihr Gatte, der Prinz von Wales, hat eine nicht gewöhnliche Fertigkeit auf dem Banjo erlangt. Das Banjo spielte auch der kürzlich verstorbene Zar aller Reußen, während der. gegenwärtige junge Zar ein guter Klavier- und Geigenspieler ist. Diese beiden Instrumente spielt auch Prinz Heinrich von Preußen, der ja auch für beide Instrumente componirt. Ein trefflicher Geiger ist auch der Herzog von Edwburg. Der Herzog von Connaugh! bläst in seinen Mußestunden die Flöte. Der König Georg von Griechenland ist ein geübter Zimbelschläger, vo? allem aber ist er im Spiel mit abgestimmten Gläsern undGlocken geschickt und weiß seinen Glocken und Gläsern die außerordentlichsten Wirkungen zu entlocken. Selbst am Hofe von' Japan ist man musikalisch: die Kaiserin von Japan ist eine Virtuosin auf dem Kolo, dem harfenäbnlichen Nationalinstrument ihres Volkes. Wie sehr im Reiche des Mikado die Musik in Ansehen steht, das beweist die kürzlich mitten unter den Wirren und Sorgen des Krieges erfolgte Gründung ein:? Akademie für europäische Musik in der Hauptstadt Tokio, in der übrigens seit längerer Zeit schon eine Schubert-Gesellschaft besteht, die viel besuchte Concerte n europäischem Stil veranstaltet.