Indiana Tribüne, Volume 18, Number 164, Indianapolis, Marion County, 3 March 1895 — Page 7
Auf der Kegelbahn. Nicht nur der ausübende Kegc!fpottsmann, sondern auch der Beobachter kann auf der Kegelbahn sehr genußreiche Stunden verleben. In welch drastischer und origineller Weise zeigen sich nicht bei dem Spiel die verschiedenen Temperamente, die Charaktereigenthümlichkeiten, die Talente der Mitwirkenden. Wie verschiedenartig verhalten sich t die einzelnen Spieler, schon wenn sie an das Vret! herantreten und die Kugel aus dem Kasten nehmen! Der eine ruhig, die Kugel zielbewußt in der Hand wäo.end; der andere nervös erregt, mit der Kugel ein Dutzend Mal Fangball spielend, bis er sie herausschleudert. Wieder einer, höchstwahrscheinlich ein Nörgler, prüft erst sorgfältig jede einzelne der Kugeln, die in dem Kasten liegen; er wägt sie in der Hand, er betrachtet sie daraus, ob sie auch keine Spuren der Beschädigung haben, die ihrer Rundung und Lauffähigkeit Eintrag thun könnten! Noch verschiedenartiger ist das Verhalten der Kegler von dem Augenblicke an, da die Kugel ihre Hand verlassen hat. Der Eine steht ruhig und blickt der Kugel mit demselben Gleichmuthe nach, als habe nicht er, sondern einer der andern Mitspielenden sie geworfen. Gleichmütig dreht er sich
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: Alle Neun! rm, wenn die Kegel gefallen sind, und xnelDct dem notirenden Mitspieler den Schub. Der Zweite bleibt auf seinem Platze stehen, nachdem die Kugel in die Bahn gekommen ist, aber er dreht und windet den Oberkörper, die Arme und Beine, als könne er durch irgendwelchen magnetischen oder vierdimensionalen Einfluß die Kugel dirigiren und zu einem andern Laufe zwingen. Der Dritte, der sich beim Schieben auf die rohe Gewalt" verläßt und die Kugel mit einer Verve hinausschleudert, daß die getroffenen Kegel bis zur Decke der 5egelbahn fliegen und der Kegeljunge sich jedesmal schreiend in Sicherheit bringt, stürzt der davonrollenden Kugel einige Schritte nach, und dann beginnt er ihr zuzuschreien, als wäre sie ein lebendes Wesen. Durch Worte. Bitten und Drohungen sucht er sie zu lenken; er sendet ihr Gerändelt. Schimpfworie und Flüche nach, wenn sie nicht gut gerändelt" ist, oier versucht, sich als Bandenball" auszubilden. Der Vierte widmet sich unmittelbar nach dem Wurfe der Auffüh:ung eines wilden Tanzes. Auch dieser Tanz mit seiner eigenthümlichen Gesticulation hat den Zweck, die Kugel zu dirigiren und gleichzeitig der Erregung des Schiebenden Luft zu verschaffen. Wie verschieden sind die Naturen in der Art und Weise der Selbstkritik und dem Verhalten unmittelbar nach dem Schub! Nur besondere Phlegmatiker haben keine Freude bei einem gut gelungenen Schub. Gewisse Eharakter: allerdings unterdrücken die leohafteste Freude und thun so, als wären sie an die Alle Neune" 'und Ach! um den König" gewöhnt. Das sind Heuchler, die den Glauben erwecken wollen, sie seien vorzügliche Schieber und ließen sich mit den andern Schiebenden gewissermaßen nur aus purer Herablassung ein. Am deutlichsten aber treten die verschieden:n Charaktereigenschaften der Spielenden heraus, wenn eine Kugel ganz und a.a? verpfuscht ist, und wenn sich er Stelle der erhofften Neune" die verfluchte Ratze" ergibt. Ein rabiates Woit, selbst ein Fluch ist das Mindeste, was bei dem Schieber eine solche Kugel verursacht. Nur die ruhiaen Naturen mit Selbstdisciplin und Fatalismus begnügen sich mit einem Kernwort; die Aufgeregtem geberden sich wie rasend.- sie schlagen gern dazu um sich, sie springen hoch in die Höhe, sie belegen sich selbst mit den vollsaftigsten Injurien, und es dauert lange, ehe sie ihre gute Laune wiedergewinn:n. Weit unangenehmer als diese xaltirten sind die Krakehler, die bei
einem mißlungenenSchub ein Opfer suchen und dabei egoistisch genug sind, die Schuld an dem Mißlingen nicht sich selbst zuzuschreiben. Diese Kra-
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Ein? Ratze. kehler schieben die Schuld an dem mißrathenen Schub auf den Nachbar, sie behaupten, gestoßen oder angerufen zu sein, und durch ihre Heftigkeit und ihre unmotivirten Behauptungen kommt es manchmal zu sehr unangenehmen Scenen. Ist es nicht der Ob sie faßt? Nachbar oder der Mitspieler, der sich als Opfer gefunden hat, so entladet sich die Schale ihres Zornes auf den Kegeljungen, der die Kegel nicht richtig aufsetzt, mit dem sie über die Art und Weise, wie der Vorderkegel" Hingesekt werden muß. in einem beständigen Kampfe liegen. Ist der Wirth in der Nähe, dann suchen sie ihn verantwortlich zu machen, weil er seine Bahn nicht in Ordnung hält, Abrechnung. und weil die Kugeln entweder zu leicht oder zu schwer oder nicht richtig rund gedreht sind, oder weil die Kegelbahn sich in einem höchst miserabeln Zustand befindet und eigentlich nicht werth ist, daß ein anständiger Mensch auf ihr schiebt. Die nächst Schlimmern nach diesen Krakehlern sind die Redner. Das sind diejenigen Schieber, die, unmittelbar nachdem ihre Kugel hinausgeworfen ist, anfangen, langathmige Erklärungen abzugeben, warum sie so und nicht anders geschoben haben, und warum die Kugel eigentlich ganz anders hätte gehen müssen. Sie können sich gewöhnlich nicht über den Schub beruhigen, selbst wenn er ihnen geglückt ist; sie suchen unter den Mitspielenden immer Opser. Triumphgeschrei. denen sie ihre Weisheit predigen können, und selbst den Schiebenden belästigen sie, indem sie, noch bevor er die Kugel aus der Hand läßt, ihm rasch klar zu machen suchen, warum ihnen die vorige Kugel mißglückt sei. Selbst wenn sie die Kugel zum nächsten Schub in der Hand haben, reden sie noch über den vorigen Schub. Sie werden in manchen Fällen unaussteh licher als die Krakehler, und der Kegelclub ist sroh. wenn er diese Redner" los wird. Ach im gewöhnlichen Leben sind sie höchst langweilige Umstandscommissariusse", die es lieben, aus einer Mücke einen Elephanten zu machen und die einfachsten Sachen so verkehrt anzufangen sder so umständlich in Scene zu setzen, daß daraus Staatsactionen werden. Bisher war die Kegelbahn die unbestrittenc Domäne des männlichen Geschlechts; in den letzten Jahren Hz ben aber auch die Frauen sie für sich in Anspruch genommen. Das Kegelschieben ist zwar eine rabiate Bemegunz. die viel Muskelkräsie und KörPeranstrengung erfordert; wenn aber die Kgeln kleiner gemacht werden und die Bahn verkürzt wird, können auch Damen sich .diesem Vergnügen widmen, und es gibt unter ihnen En thusiastinnen des edeln Kegelschubs. Warum sollen auch die Frauen von
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er Kegelbahn geschlossen sein? In Rußland dürscn sie ja sogar Schornsteinfeger werden.
Forscher Wurf. Gewöhnlich bleibt es nicht bei einem Stamm", wenn erst die passionirten Kegler zusammenkommen. Die Entscheidung des Abends aber bildet gewöhnlich der letzte Stamm und die dann folgende Schlußabrechnung. Es gibt unter den Schiebern Genies in der Berechnung und absolute Jgnoranten. Die Genies, von denen ja immer nur eins den Schreiber machen kann, bilven die Controle und die A e n g st l i ch. Revisionscommission und sehen beim Abrechnen dem Schreiber sehr scharf auf die Finger; die Ignoranten bilden das bewundernde Publikum und drängen gewöhnlich dem Abrechne: beim Zusehen so auf den Leib, daß er sich energisch Luft schaffen muß. Die Partei aber, die am Schlüsse gewonsien hat. bricht gewöhnlich ein Triumphgeschrei aus, als habe sie mindestens eine Schlacht gewonnen ode? eine That verübt, die Anspruch auf die Bewunderung der Nachwelt hat. Die unterliegende Partei aber leistet sich im Geheimen einen Schwur, beim nächsten Mal die Gegner energisch hineinzulegen". Der Tiegcr vott Custozza. Zu Arco im südlichen Tirol ist der Erzherzog Albrecht von Oesterreich zur großen Armee abberufen. Der Verstorbene, welcher das 77. Lebensjahr überschritten hatte, war der älteste Sohn des Erzherzogs Karl, des Sie gers von Aspern, und ein Oheim des xtirVi. W W Erzherzog Albrecht. Kaisers Franz Josef. Seit seiner frühesten Jugend derArmee angehörend, hat er sich in verschiedenen Eommandostellen ausgezeichnet'seine größte Waffenthat war derSieg.den er am 24. Juni 1866 bei Custozza über die Jtallerer erfocht. Auch als Militärschriftsieller hat ter verstorbene Erzherzog sich einen Namen gemacht. Ter Dal. si Melodie: Verlassen, verlassen ?c. zc. I bin halt a Dackl, A Dackl bin i, Krummboani', schwarznasi', A sonderbar's Vieh! Koa Dirn ko' mi leid'n, Koa Bursch schaugt mi' o'! , I beiß' All's in d' Wadcl Und stiehl, a?as i ko'! Tort drüb'n is a Laderl, A Metzger wohnt d'rin! Zu dem führt mei' Weg mi', Zu dem tracht't mei' Sinn! Und wer' i dort gar z' frech Und Zagt er mi' 'naus. Na' steh' Z auf d' Straßen Und heul' mi' brav aus! Die unglückliche Gart i n. Journalisten - Gattin (zu einer jungen Freundin): Jda, Eins kann ich Dir sagen: Heirathe unter keinen Umständen einen Journalisten." Frl. Jda: Aber warum denn nicht, liebe Freundin? Du hast doch selbst" Journaliste:: - Gattin: Jawohl. Und jeden Abend bringt er ein riefengroßes Aündel Zeitungen aus aller Herren Länder mit. Das macht mich fast wahnsinnig' Frl. Jda: Was? Das Bündel Zeitungen?" Journalisten - Gattin: Nein, aber die Baraarn" - Anzeigen in Städten, die vielleicht ein paar tausend Meilen entlernt sind!" .
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Ueber Ventilation.
Von Tr. I. Neinharöt. I heftiger der rauhe Nordwind an des Hauses Pforte pocht, um so stär ter wird in uns das Verlangen, in dem behaglich durchwärmten ZimmerSchutz und Erholung zu suchen, nachdem wir ie winddurchpcitschten, naßkalten Straßen durcheilt haben. Tritt in der wärmeren Jahreszeit die behagliche cesundheitsmäige Ausgestaltung unserer Wohnräume bei dem ausg:dehnlen Aufenthalt in Frem etwas mehr zurück, so drängt sich im Winter die Sorg: um ein gemMiches und allen hygienischen Anforderungen entsprechendes Heim mit voller Berechtigung in den Vordergrund. Die gesundheitliebe Grundlage unserer Wohnungseinrichtung ist cin den modernen Errungenschaften entsprechende Ventilation. Die außerordentliche Nothwendigkeit des Luftwechsels ergibt sich ohne Schwierigkeit beim Jnbetrachtziehm der Thatsache, daß wir ohn: Unterbrechung Sau-rst.iff aus der uns umge-: benden Luft einathmen und Kohlensäure durch unsere Lungen in diese wieder abg:ben. Nun wissen wir. daß die Kohlensäure giftige Eigenschaften besitzt. In mäßiger Beimengung zur Athmungsluft wirkt sie reizend, in starker Coneentration todbringend. Ich erinnere an die gefährliche Höhle in nächster Nähe des Stahlbades Pyrmont, in der den Bodenspalten Kohlensäure entströmt. Ein brennendes Streichholz, ein glimmender Spähn erlöscht sofort, wenn er die Grenze erreicht hat. da die Luft mit der entfprechenden Menge Kohlensäure erfüllt ist; aber ebenso wie die Flamme erlischt das menschliche Leben unter dem Einfluß des erstickenden Gases. Daher würden sich die früheren zahlreichen Todesfälle von unmenschlich zusammengepreßten Unglücklichen auf den Sklavenschiffen und der zum TransPort nach Sibirien Verurtheilten in den Unterkunftshäusern ohne weiteres erklären. Doch es hat sich, wie Du Bois-Reymond gelehrt hat, außerdem lrausgestellt. daß in der Athmungsluft des Menschen ein in größerem Procentsatz übelriechender, dem menschlich:n Organismus äußerst schädlicher Stoff, den er Anthropotoxin genannt hat, mitausgeschieden wird. Dieser bringt noch in viel kleineren Dosen als die Kohlensäure den eng zusammengedrängten Gefangenen den Untergang und unterstützt auch sonst die schädielende Wirkung der kohlensäurehaliigen Luft in menschenangefüllten Räumen. Ferner führt der Aufenthalt des Menschen, seine Thätigkeit im Hausc ein Zuströmen und Aufwirbeln von Staub, ein Hereinfliegen und Herumkreisen, jener gefährlichsten und feindlicklten kleinen Lebewesen herbei. Alle diese feinen, festen Theilchen, die außer auf dem Meere und den Bergeshöhen an sich schon in der gesammten. Einathmungsluft suspendirt sind, werden, plötzlich herumgejagt, bei der Athmung auf den Schleimhäuten der Luftwege abgelagert. Erfahren nun durch mangelhafte Ventilation jene Partikelchen, zu denen, wie gesagt, auch die organisirten Krankheitskeime gehören, eine bedeutende Vermehrung, so wird dadurch leicht ein Reizzustand der Athmungswege und durch Einnisten von besonders 'schädlichen Mikroorganismen ?ine Entzündung derselben herbeigesührt. DieRücksichtahm: auf diese Momente allein schon erfordert einen regelmäßigen Luftwechsel aller der Räume, die zum Aufenthalte des Menschen dienen, gleichviel ob er in ihnen arbeitet, ißt oder schläft. Noch zwingender aber wird die Nothwendigkeit ein:? sorgfältigen Ventilation, wenn durch Verbrennen von Feuerung- und Veleuch tungsmaterialien Kohlensäure und andere giftige Verbrennungsgase erzeugt werden. Denn jede Flamme, jeder Verbrennungsprozeß erfordert, wie die menschliche Athmung. Sauerstoff, um den sie im engen Raume dim Menschen gewissermaßen schädigen, und vermehren du Kohlensäuremenge, die die Athmungsluft verunreinigt, ja vergiftet. Ab:r nicht nur der Mensch trägt schädliche Bestandtheil: in die Atmospäre seiner Behausung, auch die vom Boden des Hauses aufsteigende Luft, Zersetzungsgase organischerSubstanzen, die auf zugänglichen' Flächen in mikroskopischer Feinheit lagern, sowie oft Kanalgase und Gasströmungen aus industriellen Betrieben verringern die Reinheit dieser Binnenluft. Es versteht sich daher von selbst, daß wir den schlechtesten Luftverhältnissen in den engen und menschenerfüllten Behausungen der ärmeren Volksklassen, in Gefängnissen, in stark besetzten Schulen, in Hofbewohnungen und in jenen fensterlosen Zimmern, die das Muster eines unhygienischen Wohnraumes bilden, den sogenannten Alkoven, begegnen. Wie erreichen wir nun eine genügendeVentilztion unserer Wohnräume? Zunächst ohne unser Zuthun durch Luftbewegung infolge elementarer Gewalten. Diese sind die Diffusion der Gase, die Temperaturverschiedenheiten und die Druckschwankungen. Aus dem Physikuntcrricht weiß ein Jeder, daß wir unter Diffusion von Gasen das Bestreben verstehen, sich gegenseitig nach sämmtlichen Richtungen hin zu vereinigen, zu vermischen. Aus diesem Gesetz: erklärt sich die Thatsache, daß die Kohlensäure, obwohl spezifisch schwerer als die anderen Lustbestandtheile, sich in geschlossenem Raume nicht nur am Boden, sondern selbst bei unbewegter Luft ebensowohl an der Zimmerdeck: vorfindet. Die Ungleichheit der Temperatur bewirlt Verschiedenbeit des Druckes und dadurch B-
wegüng der Luft. Warme Luft ist leichter als kalte. Letztere hat das ununterbrochene Bestreben, sich auszudehnen und nach aufwärts zu strömen, während die kühlere Lust ihrerseits das Gleichgewicht herstellen will. Die Gewalt, die in der Natur jede Bewegung hervorruft: die Sonnenwärme veranlaßt durch ungleichmäßige Erwärmung erst Temperaturdisferenzen und dadurch naturgemäß die Schwankungen des Luftdrucks. Die Folge der DruckVerschiedenheit ist dann das Entstehen von Winden. Die elementaren Gewalten führen, wenn ihnen keine unüberwindlicke Schwierigkeiten entgegengestellt werden. eine fortwährende Luftbewegung in unsern Wohnräumen herbei. Unter den Strahlen der Sonne und dem Weh:n des Wmdes geschieht diese natürliche Ventilation durch die Ritzen. Fugen, kleine Poren, die auch das bestgefügte, nicht geölte Gemäuer besitzt. Die Sonne ruft, wie gesagt, Temperaturdifferenzen und somit einen muntern Austausch der Außen- und Binnenlufi hervor. Der Wind erzeugt Druckschwankungen durch eine doppelte Thätigkeit. Einmal wirkt er verstärkend, wie der termiiius teclinicus lautet, pulsirend, indem er senkrecht an jene kleinsten Spalten herantritt und wie ein Luftstempel die Luft von Außen hineintreibt, sodaß die comprimirte Zimmerluft zur anderen Oeffnung hinausgedrängt wird. Im andern Fall wirkt er druckvermindernd, wenn er an den Spalten vorbeistreicht. Dann reißt er wie eine Saugpumpe die hie? in Ruhe befindlichen Lufttheilchen mit sich. Da den leeren Raum sofort andere Luftmoleküle ausfüllen, so ist wiederum das Moment der Lufterneuerung gegeben. Es ist nun erstes hygienisches Gesetz, seine Häuser dieser natürlichen Ventilation nicht zu verschließen. Die Mauern sind aus porösem Material zu gestalten, die Fenstersugen nicht in übermäßiger Aengstlichkeit mit Filz- oder Gummistreifen zu verkleben. Aber diese natürliche Lufterneuerung wird nur selten völlig ausreichen, zumal Zhäufig der Temperaturunterschied gering und die Stärke des Windes äußerst mäßig ist. Vor allen Dingen, jedoch hat sie nicht die Fähigkeit, uns von jenen Luftverunreinigungen zu be freien. Die streng durchgeführte wissenschaftliche Untersuchung hat gelehrt, daß nur Zug in der Lage ist, dieses zu erreichen. Mindestens Morgens und Abends müssen wir unsere Räume durch kräftigen Zug (Oeffnen von Fenstern und Thüren) ventiliren. Empfindliche und wenig abgehärtete Personen können ja dabei das Zimmer verlassen. Sowie dem Eindringen der Außenluft so Thor und Fenster geöffnet ist, treibt sie die schlechte Binnenluft und mit ihr die Staub genannten festen Partikelchen hinaus. Infolge dieser kräftigen Luftströmung werden, wie mit den für wissenschaftliche Beobcchtung ingeniös construirten Jnstrumenten nachgewiesen ist, alletlheile des Zimmers, auch die sogenannten todten Winkel, mit guter Luft versehen. Auch alle unangenehmen Riechstoffe, die an Möbeln. Betten Gardinen bekanntlich so außerordentlich fest haften, lassen sich nur durch kräftige Zugluft entfernen. In unsern Wohnräumen werden wir unter normalen Verhältnissen stets, mit einer derartigen Luftverbesserung auskommen. Ist es doch nachgewiesen, daß. wenn die Luft durch Fenster und Thüren mit einer Geschwindigkeit von nur 1 Meter pro Sekunde (meist ist die Geschwindigkeit bedeuten stärker) in das Zimmer strömt, in 10 Minuten durch ein zweifenstriges mittelgroßes Zimmer 500 600 Kubikmeter frische Außenlust streicht. Nur für Wohnräume, die ganz besonders 'ungünstig angelegt und dem leichten Zutritt frischer Außenluft entzogen sind, und für Gebäude, die durch ihre Bestimmung für industriellen Betrieb und für die Ansammlung großer Menschenmassen eine Verstärkung des angegebenen LuftWechsels verlangen, wird eine künstliche Ventilation in Frag: kommen. Die einfachste künstliche Ventilation ist die Heizung. Jeder weiß aus Erfahrung, wie schnell sich häufig in einem dunstigen Zimmer die Luft verbessert, wenn Ofen oder Kamin geheizt werden. Durch diese wird nämlich eine große Menge Zimmerluft herangez?gen, und fortgeleitet, die gleich große Menge von Aubenluft herangezogen und fomit ein sehr bedeutender LustWechsel erzeugt. Welche Dimension er annehmen kann, zeigt das unangenehme Zuggefühl, das wir häufig an der dem Ofen (besonders Kanonenöfen ui'd Kaminen) abgewandten Seite empsinden. Die Messung des Luftaustausches hat gelehrt, daß ein gewöhnlicher Kamin innerhalb einer Stunde die Luft eines mittelgroßen Zimmers ca. 20 Mal zu erneuern im Stande ist. Die Ventilation durch besondere Eingangs- und Abzugsöffnungen und durch Luftsauer, Fächer, Flügel oder Schrauben-
Ventilatoren wird für unsere PrivatWohnungen so gut wie nie in Betracht kommen und daher auch an dieser Stelle nicht zur Erörterung geeignet erscheinen. Feuerfresser. In Paris werden zur Zeit zwei Feuerfresser angestaunt, die alles aus
diesem Gebiete bisher Dagewesene Welt hinter sich lassen. Sie verschlingen nicht nur Flammen?, sie lassen auch welche aus ihren Fingern hervorsprühen. Es sind zwei junge Amerikaner, 'die bei der Vorführung ihrer Experimente zur Erhöhung der Wirkung mit einemCostüm angethan sind, wie es die Zt'M in de.- Siaaßüto. iu t:ac.n
pflegen. Sie erscheinen auf der Bühne, die. so lange sie auf ihr verteilen, in einem geheimnißvollen Halbdunkel verbleibt. Im Hintergrund der Bühne stellt sich den Blicken der Zuschauer die Hinteransicht einer Art von Arbeitspult dar, an dem sich jedoch nichts Genaues unterscheiden läßt. Die Teusel treten hinter dieses Pult, wo sie wahrscheinlich besondere Vorbereitungen mit ihren Händen vornehmen; sie erscheinen dann wieder aus der Bühne, und ihren Fingern entsprühen hell leuchtende flammen. Sie nähern diese dem Munde; sie scheinen sie zu verschlingen. und die flammen verlöschen zwischen ihren Zähnen. Wenn die Teufel sich die Hände reichen, vernimmt man ein Knistern, und lange Flammen sprühen einige Secunden lang aus ähren'Fingerspitzen, die sie fortwährend hin und her bewegen. Bei einem anderen Experiment athmen sie kräftig, ohne etwas in den Mund zu legen, und eine helle Flamme schlägt aus ihrem Munde hervor. was über eine halbe Minute dauert. Während diese Experimente vor sich gehen, vermag der Zuschauer auch nicht den geringsten Geruch wahrzunehmen. Es ist wahrscheinlich, daß es sich um die Verbrennung sehr flüchtiger Essenzen handelt, über deren Natur sich jedoch nichts sagen läßt, da die Teufel ihr Geheimniß bewahren und, wenn sie gefragt werden, stumm bleiben. Wir fügen noch hinzu, daß die menschliche Haut durch wiederholtes Einreiben mit
schwefeliger Säure und einer Alauilösung gegen Feuer, sowie gegen glühendes Eisen unempfindlich gemacht werden kann; andererseits aber ist bekannt daß seh: flüchtige Flüssigkeiten, wie Aether, auf einem Gegenstände brennen können, ohne den letzteren zu beschädigen. Hier bietet sich dem Chemike: ein interessantes Studienseld. Der barfüßige Männcrgcsang. Verein. Eine wahre Geschichte von Victor Na'ofi. Zur Zeit der letzten Gewerbe - Ausstcllung fuhr ich von Budapest nach Wien und stieg im Hotel zur Nordbahn" ab. Eines Tages wurde ich aus meinem üblichen Mittagsschlafe aufgescheucht; es war der Oberkellner, der an mein Bcti mit der Meldung trat, daß mich Landsleute zu sprechen wünschen. So lassen Sie sie eintreten." Sie sind barfüßig." So sollen sie Stiefel anziehen." Sie haben keine." Wieso?" Ich bitte, sich nur zu ihnen zu bcmühen." Was mochte das bedeuten? Barsüßige Magyaren inmitten der Stadt Wien? Nasch warf ich mich in meine Kleider und folgte dem Kellner. Er führte mich in ein großes Zimmer, woselbst auf Stühlen, Ruhebetten und Betten eine Schaar melancholisch dreinblickender Magyaren saß, im schwarzen, rcichverschnürtcn Nationalkleide, den Fokosch in der Hand, auf dem Haupte die mit Waiscnmädchcnhaar - Vüschcn geschmückte Mütze aber barfüßig. Eine? von ihnen, der älter und vornehmer, aber nicht minder barfüßig als die Ucbrigen war, trat mir entgc öcn: Ich habe die Ebre mich vorzustellen. Mein Name ist Esaho, Organist zu Lürgözd." ' Tarauf wies er auf die Ucbrigen: Tics aber ist der Bürgözder Landwirthschastliche Männcrgesangvcrcin." Tie Barfüßigen erhoben sich wie ein Mann und machten eine tiefe Berbeugung. Was soll's, meine lieben Landsleute?" Ich bitte, mit Tcvotion, gnädigster Herr begann Esaho dieser Männcrgcsangvcrein ist die Frucht meiner Bemühung. Ich habe sie auserlesen, ich habe sie ausgebildet, im Glauben, es ließe sich neben der Pflege des edlen Gesanges nebstbei auch Etwas Verdienen, um der durch die Reblaus verursachten Verarmung Bürgözds ein wenig abzuhelfen. Nachdem wir uns zu Hause vor dem hochverehrten Publitum erprob: haben, beschlossen wir. unscrc nationalen Gesänge in der Fremde einzubürgern, und so kamen wir denn nack Wien. . ." .Auf eigenes Risiko?" Nein. Wir schlössen ein Engagcmcnt mit Pertl's Orpheum ab." Nun, und hattet Ihr großen Er folg?" Unbedingt hätten wir großen Er folg gehabt.... wenn wir aufgetreten wären." Unterblieb also das Tcbut?" Zu dienen." Und warum?" Esaho wies mit nner melancholischen Geste auf die Barfüßigen. Wo sind denn Euere Stiefel hingekommen?" fragte ich mit kaum unter drückte? Heiterkeit. Tas ist es eben" erwiderte Esaho gestern Mittags trafen wir hier ein, um noch am Abend aufzutreten. Beliebten unseren Ausmarsch niqi zu sehen?" Ich vcrncmre. War das ein Aufsehen, als wir mit unseren schwarzglänzcndcn, fälligen, ausgenähtcn und sporenbcschlagcnn Stieicln aufmarschirtcn! aum hatten wir unser Mittagbrot verzehrt, da besuchte uns schou ein gemühtlichcr Wiener Herr und hcschwor unsinständigst, daß wir ihm unsere ticfeln leihweise übergeben mögen..." Zu welchem Behufe?" Er sagte, er sei der Direktor der Gcwcrbc-Ausstcllung, der Schah oon Perficn werde Nachmittags die Ausstcllung besuchen, bei welcher Gelegen hcit man Hochdemselben echte, rechte magyarische Stiefeln zeigen möchte... Tas Facit war, daß er uns die Stiefel von den Füßen herunterbettclte... sicbcnzehn Paar in MiMolcz angefer
tigte " Prachtexemplare... und ' nun stehen wir da unter einer Million von Teutschen: eine Echaar verschämter, barfüßiger Magyaren!..." Tabei übersah Pfaho die vierunddrclßig nackten Füßenit einem Blicke voll unbeschreiblicher Schwermut!). Auf diese Wise ist der Herr Tircktor nicht wieder gekommen. Statt seiner kam Abends der andere der Orphcumdircktor mit zwei OmNldusscn ZU uns. Ich zeigte ihm den desperaten Zustand meiner Mannschaft und erklärte ihm, daß wir nicht auftreten können Ter Tircktor wüthete, riß sich die Haare aus und erklärte seincrseits, daß wir magyarische Schwindlcr wären nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, machte cr uns die ProPosition, unsere Füße mit Schuhwichs ausglänzcn zu lassen; das Publikum werd? es nicht bemerken. Ueber diese Zumuthung wurden wir nun wild; ein 29ort gab das andere; cr fluchte deutsch, wir ungarisch, der Vertrag wurde gelöst und nun stchcn wir da ohne einen rothen Heller in der Tasche was soll nun aus uns werden?" Tie sämmtlichen Barfüße formirtcn sich zu einem Fragezeichen: ilas soll nun aus uns werden? Ta sprach ich zu ihnen: Landslcute! Ich besitze nicht so viel Geld, um Euch sicbcnzchn Paar Stiefel anfertigen zu lassen. Aber ich bcsine auch nicht Geld genug, um Euch vic Kosten für die Heimreise vorstrecken zu können." Weh uns! Tann sitzen wir hier bis zum jüngsten Gericht " Nur Geduld! Eines aber kann ich für Euch thun, falls Ihr kein Geld habet...." Wir haben keines!" unterbrach mich im Ehore der Männergefangverein. Taß ich dem Hotelier gegenüber für Euch die Gutstehung übernehme." Eins zwei," sprach Esaho, den Takt schlcgend. tausend Tank!" brüllte im Ehore der Männergesangrerein. Und nun depcschire ich nach BürqSzd, daß man Euch -die Rciscspcscn sende." Sehr gut!" sprach Esaho und drückte mir mit Wärme die Hand, wir müssen zusammenhalten, gnädiger Herr, namentlich im Auslande." Ich that, wie ich sagte. Drei Tage darauf traf vom Bürgözder Torfrichtcr, an den ich die Tepcsche gesandt hatte, ein sehr vorsichtiger Brief an Esaho ein. Ter Richter gab dem Verdachte Ausdruck, daß in Oestcrrcichisch-Wicn Na. mens des chrcnwerthen Herrn Organisten ein Betrug versucht werde. Er mache Esaho auf den Schwindel aufmcrtsam und lege ihm die äußerste Bor ficht an 's Herz. Hierauf dcpeschirte ich im Namen Esaho's in energischen Worten, betonte den bislang unbcmakcltcn Ruf Bürgözd's im Auslande woraus dann cnlich das Geld in Wien eintraf. Ich' lud nun den Landwirthschastlichcn Männcrgesangvcrcin aus einen Omnibus und cxpcdirte ihn barfüßig auf die Bahn. Nur Esaho laufte sich ein Paar Zugtopankcn. Belieben zu verstehen" sagte cr, zu mir gewendet es ist nur von wegen der Tistinction damit das Publikum wenigstens wisse, welcher von uns Kapellmeister ist." Kreuze und Diebe.
In einer stürmischen Sitzung der Pariser Deputirtenkammer sprach der boulangistische Abgeordnete Marcel Habert den Wunsch aus, man solle schnell für die Reinigung der Ehrenlegion sorgen, damit ein Spottlied auf das Austheilen von Ordmskreuzen: endlich einmal aufhöre, gesungen zu werden, welches immer wieder ertöne. Wie man aus dem Parlamentsbericht des Observateur Francais" ersehen kann, hat das witzige, aber ungemein boshafte Lied, folgenden Wortlaut: Die alte Zeit bot wenig Reize: Man hing die Diebe an Kreuze. Jetzt gilt mehr Menschenliebe: Man hängt die Kreuze an Diebe. Die Kammer war wüthend auf Habert: sie wünschte ihm kein Kreuz an den Hals, wohl altr sie Censur. Man rief ihm zu: Sie beleidigen d:5 Kammer!" Höhnisch grinsend entgcgnete cr: Nein, nur einen Theil!" ?lujust, hast 'nc Plötze? Das ist ein historischer Aufruf, welcher folgenden Ursprung hat: Bei dem Handstreich auf die Insel Fehmarn im Jahre 1864, den Regimenter des dritten preußischen Corps ausführten, war es finstere, stürmische Nacht, so daß selbst die alten Spaßmacher in den mit Brandenburgers besetzten, Nußschalen gleichenden Kähnen den Huinor verloren. um so mehr, als das salzige Wasser fortwährend vom Sturm auf die Soldaten gepeitscht wurde. Da ertönt plötzlich aus zwei Kähnen das folgende, in echt Berlinischer Munöart geführte Gespräch: Aujust, haste 'nt Plötze?" Warum, Jule?" Stech' sie in det Wasser hier, denn hasten Hering!" Die Wirkung war durchschlagend. Alles wutde wieder munter. Dr Alp. der die Krieger bedrückt hatte, verschwand. Fester wurden die Ruder eingesetzt, scharf und gespannt ausgelugt und ohne Schuß die Insel Fehmarn gestürmt und genommen. Erklärung. Sohn: Vater, was sind' denn lebende Bilder?" Voter: Lebende Bilder? Das sind Bilder: tan de Leit' so still stehen, als oö sie todt wär'n!" Schlechter Trost. Du, ich hab' dem Spund zwanzig Mark aelieben! Ob ich das Geld wob! iemalS wiederkriege?" O, der Spund ist ein ebrlicber Kerl und Ihr seid ja Beide noch jung!
