Indiana Tribüne, Volume 18, Number 122, Indianapolis, Marion County, 20 January 1895 — Page 7

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Zlcbcr den Keuchhusten. Jou Tr. nted. Otto Tornblüth.

Uni den Krankheit:, du das zc:?im Kindcsalter bedrohen, ist mit Siecht sefüichtet lcr Keuchhusten, auch Stiel duften od blauer Husten' genannt, ftiit er auch nicht in einer so großen SerhältiuSjat)! zum lödtlichen Aus. aan?e wie zum Beispiel die Diphtherie, so bewirkt er doch häufig verderbliche Lung?n!ran!heiteu, namentlich schwere Lungenentzündungen, oder er schafft eine Anlag: zur Lungenschwindsucht. In noch anderen Fällen führen die Hustenanfälle zu bleibender LungeneMituna. die sich in Kurzathmigkeit und und dergleichen äußert. In allen Fällen aber bringt die Krankheit die Befalten, die meist im Alter von eins bis sechs Iahren, seltener bis zu zehn Iahren, am seltensten schon erwachsen stno, körperlich außerordentlich herunter. Der Keuchhusten ist recht ansteckend, und zwar haftet der Ansteckungsstoff cn dem beim Keuchhusten entleerten Auswurf. Höchst wahrscheinlich ist darin der Bacillus enthalten, der die Krankbeit bervorruft. Man darf daZ nach den allgemeinen' Kenntnissen annehmen, obwohl der Bacillus bisher noch nicht sicher nachgewiesen ist; die dahin gehenden Forschunzen von Letzerieh und anderen, zuletzt von Ritter, $aben noch keine genügende Bestätigung ott'unden. Thatsache ist, daß Kinder cn Keuchhusten erkranken können, nachdem sie ein einzigesmal in einem Zim7ner gewesen sind, wo vorher ein keuchhustenkrankes Kind seinen Auswurf entleert hat. Andererseits gelingt es. durch große Vorsicht die Krankheit zum Leispiel auf einen Theil eines von mehv:xen Familien bewohnten Hauses zu beschränken. Man hat dabei zu beachten, daß außer der Ausathmungsum der Kranken Alles die Ueberraauna vermitteln kann, woran Ausirnintbeile tosten können, zum Beispiel Taschentücher und Kleidungsstücke, Eßqeschirre und Spielzeug, wenn es auch zum Beispiel nur mit den Fingern anqefaßt ist. womit das hustende Kind sich den Mund abgewischt hat. Für die Eltern und die Pfleger der Keuchbustenkranken erwächst daraus die Pflicht, in dieser Richtung die strengste Saubcrkeid eintreten zu lassen. Alle beschmutzten Theile müssen sofort auf feuchtem Wege gesäubert werden, und diedbn b:nützt:n Tücher dürfen nicht einfach getrocknet und dann wieder benützt werden, wie es vielfach geschieht, sondern man soll sie sogleich in Seifennasser legen und bis zur Wäsche darin aufheben. Bei allen Infektionskrankheiten muß außer dem Ansteckungssioff auch eine Empfänalichkeit des Betreffenden vorbanden sein, damit die Krankheit zu Stande komme. Diese EmpfänglichZeit ist für den Keuchhasien im Kindesalter sehr verbreitet. Ganz besonders leicht bekommen ihn Kinder, die an Masern leiden oder vor Kurzem daran gelitten, haben, aber auch ganz gesunde und kräftige Kinde? sind ihm ausgesetzt. Es wäre verfehlt, wollte man diese zur Zeit einer Epidemie ganz im Hause behalten, um sie der Möglichkeit einer Ansteckung zu entziehen, wohl aber vermeidet man es. sie in Häuser zu bringen, wo die Krankheit herrscht, und schwächliche Kinder sucht man ganz besonders vor dieser Schadlichkeit zu bewahren. Wer einmal den Keuchhusten gehabt hat, ist fast sicher, ihn nicht wieder zu bekommen, infolge einer wunderbaren! Veränderung, die die Bacillen des Keuchhustens in dem Blute des Erkrankten bewirken. Eine ähnliche schützende Kraft der Blutflüssiakeit diphtheriegermpfter Thiere benützt man bekanntlich in neuester Zeit acb der Entdeckung des Professors Behrina. um die Diphtherie zu behandeln und während einer DiphtherieEpidemie zum Beispiel die Geschwister eines Erkrankten vor dieser gefährlichen Krankheit zu bewahren. Der Keuchhusten beginnt mit einem elewöhnlichen. Katarrh, mit Schnupfen und Husten, wobei gewöhnlich leichtes Lieber besteht und das Allgemeinbefinden aestört ist. Nach acht bis vierzehn Taaen. manchmal schon früher, manchmal auch später, treten der Schnuvfen und die b:aleitende Röthung der Auenbindehaut zurück, dagegen wird der Husten stärker und der Auswurf wird leichlick,, von eigenthümlich klebriger, leimrtiger Beschaffenheit. Zugleich treten die bezeichnenden Hustenanfälle euf, die der Krankheit ihren Namen gea:b:n haben: nach eine? tiefen, keuchenden Einathmung erfolgt eine ganze Anzahl von kurzen, abgebrochenen Hustenstoßen un-d dann wieder eine keuchende Einathmuna. und dieser Wechsel setzt sich fort, bis der beschriebene Schleim Qusc,ehust:t oder sehr häufig mit gleichzeitigem Erbrechen entleert wird. Die Athembehinderung durch die Hustenanfälle macht das Gesicht der Kranken d-abei ganz blau und gedunsen, so daß si: oft dem Ersticken nahe scheinen. Si? selbst fürchten die Anfälle auch sehr und sehen sie mit allen Zeichen der Angst herannahen. Trotzdem bringen die Hustenanfälle selbst nur sehr selten wirkliche G:sahr. Auf der Höhe der Krankheit treten sie durchschnittlich fünfzehn- bis dreißigmal auf, nach einigen Wochen werden sie seltener und verlieren allmälig den krampfhaften Charakter. In weiten Kreisen ist die Ausfassung verbreitet, daß die ärztliche Kunst geacn den Keuchhusten machtlos sei, daß man die Krankheit ruhig austoben, lassen müsse. Nichts ist verkehrter. Die ärztliche Aufsicht ist schon deshalb nöthig, um die hinzutretenden Lungenentzündungen und die so leicht sich anschließende Tuberkulose in ihren Ansängen zu bekämpfen, um einzugreifen, wenn allzu häufige Hustenanfälle mit

dem nachfolgenden Erbrechen die Ernährung gefährden und so weiter. Es ist außerdem ganz sicher, daß der Arzt durch seine Eingriffe zumal das Höhe stadium, das sonst nicht selten ein Bierteljahr dauert, auf drei bis vier Wochert einschränken kann,. Wieviel das für den Kräftezustand des kranken Kindes bedeutet, ist ohne weiteres klar. Auch kann nur der Arzt entscheiden, ob und nxinn es rathsam ist, denKranken an die Luft gehen, an einen andern Ort bringen zu lassen und dergleichen. Endlich aber gelingt es bei rechtzeitigem Eingreifen in allen Fällen, die Hustenanfälle gelinder und seltener zu machen, in vielen Fällen die ganze Krankheit in zwei bis drei Wochen zum günstigen Ausgang zu bringen. Die wichtigsten Mittel dazu sind Chinin, Antipyrin und das seit einigen Iahren verwendete Bromoform. Welches davon genommen werden soll, ob noch andere zur Unterstützung herangezogen werden sollen, kann wiederum nur der Arzt entschieden. Im Allgemeinen dürfte das Chinin das beste und wirksamste sein leider theilt es mit vielen anderen werthvollen Arzneimitteln den sehr übltn Geschmack. Im Uebrigen ist es sehr wichtig, daß die äußer! Verhältnisse wohl geordnet werden. Bei kaum einer Krankheit ist es so werthvoll.daß dasKrankenzimmer immer gleichmäßig (68 Grad Fahrenheit) warm und stets sehr gut gelüftet sei. was man womöglich durch abnxchselnde Benützung zweier Räume erzielen soll. Lauwarme Bäder mit der nöthigen Vorsicht beim Abtrocknen, wollenes Unterzeug, reichlick: warme Getränke (heiße Milch mit Selters und dergleichen) sind beliebte und hilfreiche Verordnungen. Da Gemüthsbewegungen die Anfälle bervorrusen. soll man sanft und geduldig mit den Kranken umgehen; gelingt es. sie durch Zuspruch zu bewegen, den Hustenreiz möglichst zu unterdrücken, so ist damit viel gewonnen. Beachtenswertb ist endlich, daß man zum Essen und Trinken namentlich die ruhige Zeit nach den Anfällen benutzen lasse.

Aus dem Kalzcnlcbcn. TO ie war die kleine Mary stolz auf ihre schöne Mama! Wenn an Winterabenden, das Kind im Bettchen lag und seine unbeholfenen V:r!ein zumSchutzengel emporgeschickt hatte,dann rauschte sie oft noch rrein, in knisternde Seide gehüllt, wundersam funkelnde Steine um den weißen Nacken und im dunklen Haar. Ein feiner Duft ging von ihr aus. wenn sie sich übe? Mädis" weiße Kissen beugte und den Mund küßte. Die hohe Gestalt im Ballschmuck kam dann wohl eine Viertelstunde später im ersten Traum des Kindes vor und ver wob sich mit Enzelgestchtern und Feenerscheinungen. Zum Dessert durste die Kleine in den Speisesaal kommen und bekam süße Dinge aus der Konfektschale. Hin und wieder durfte sie auch mit Mama aussah n. Und jeden Abend kam Mama zum Gutenachtkuß an Mädis Bett. Sonst freilich sonst war Mary immer mit ihrem":äulein allein; das nfiäulern war gut und freundlich, aber auch alt und nichts weniger als schön. Das Kind träumte gar oft davon, wie schön es wäre, hin und wieder einmal mit Mama zu spielen, mit ihr zu essen und sie um so vieles zu fragen! Was alles hätte Main zu fragen gewußt! Die klügste Mama der Welt hätte es in einem Jahre nicht beantworten können. Aber die schöne Frau gehörte einer andern Welt als der des Kindes. Reich, glänzend begabt, bildete sie den Mittelpunkt eines Kreises von Männern, die sie bewunderten, und von Frauen, die sie beneideten, und beides kam ihr gleich hübsch vor. Und es gab so viel Vergnügen in ihrer Welt! Die Abende dauerten bis zum Morgen.und bis man denn so recht ausgeschlafen hatte, ging schon wieder die Sorge für das nächste Vergnügen los. Und nur zwischen hinein, in gewiss! kurzen Generalpausen ihres in flottem Allegro dahineilenden Lebens, war sie auch Mutter. Es war ja auch recht nett. Marys Vater war ein stiller, ernster Mann; er hätte freilich ein behagliches Familienleben viel m:hr begehrt als die rauschenden und leeren Unterhalhingen, die sein Weib vorzog. Aber er liebte sie abgöttisch und brachte ihr das schweb Opser. ihr buntes Leben zu theilen. Eine Schwäche aber sie nicht haben, hieß beinahe auf ein eheliches Glück ein für allemal verzichten. Die klägliche Roll: eines häuslichen Ehemannes, der seine Penaten hütet, indes alle Wett seiner Frau den Hof cnacht. wollte er 'doch nicht spielen. Ihrem Schmollen und Bitten aber etwas abzuschlagen, vermochte er nicht. Und wenn er sie auf das Kind hinwies. ,dann war sie gar verwundert: Brn ich denn eine schlecht: Mutter? Du weißt ja gzr nicht, wie lieb ich Mary habe. Ich thue alles, was ich ihr an den Augen absehen kann!" Dann redete er ihr wohl eindringlicher zu, und schließlich gipfelte die Weisheit ihrer Widersprüche in den Worten: Ich bin nun einmal jung, faß mich mein Leben genießen !" Dann seufzte er und schwieg. Und so kam's, daß die kleine Mary wohl eine schöne Mama hatte, aber keine Mutter. Es war ein warmer, heiterer Frühlinastag. Marys Vater stand an einem Fenster, das in den Hof hinabführte, und sah hinaus und zwar lange und ernsthaft. Was hast du da draußen, mein Lieber?" fragte die Baronin Komm einmal- her, Frau, ich will dir etwaA sehr Hübsches zeigen!"

Da bin ich neugierig!" Sie trat u ihm. Er schlang den Arm um ihre schlanke Hüfte und deutete hinab in den Hof. auf eine große, schwarzgestreifte Katze, die behutsam über die Klinker des Pflasters lief. Si: trug ein wenige Tage altes Kätzchen im Maul, behutsam, crls wäre es von Glas, und eilte dem offenen Thor der Wagenremise zu, wo sie ihr Junges in einer niedrigen, mit Heu gefüllten Kiste absetzte. Dann lief sie in viel schnellerem Tempo wieder zurück, einem Seitengebäude zu, aus dessen Dachraum Hammer- und Aztschläge ertönten. Wie niedlich!" Weißt du. was unsere Katze macht? Sie zieht aus! Drüben auf dem Speicher, wo bisher ihr Quartier war, wird eine Wand durchgebrochen. Da hat nun ihre Brüt nicht genügend Ruhe, sie glaubt sie auch wohl gefährdet und trägt nun ihre Jungen in das neue Nest, das sie ausgekundschaftet hat. Siehst du, da kommt sie wieder!" Richtig, sie kam wieder, ein zweites Junges im Maul. Mit leisem Piepsen begrüßte der erste Ankömmling sein Ge.scbwister. .Wie niedlich!" sagte wieder die Varonin. Das Schauspiel unten im Hose wiederholte sich viemal. Nicht ohne Zwischenfall. Einmal kam des Barons Hühnerhund kazu und ging mit lautem Gekläff auf die Erbfeindin los. Blitzschnell jagte die Katze mit dem Kleinen nach der Remise, setzte es hastig nieder, und dann ging sie so wild und ungestüm gegen den Friedensstörer vor. daß dieser in schmachvoller Flucht sein Heil suchte. JSrsvo!" rief dre schöne Frau, die ganz erhitzt dem Ausgang des Kampfes gefolgt war. Die Katze holte das letzte ihrer Jungen vom Speicher, dann machte sie das Nest wohnlich, und bald lag sie schnurrend mit den putzigen Kleinen im Heu. Die elegante Dame oben im Fenster batte auch immer unverwandt zugesehen. an ihren hochgewachsenen Mann gelehnt. Jetzt sagte er: Wie die Thiere ihre Jungen lieb haben!" Dunkelroth wurde sie und wiederholte anz leise: Wie die Thiere ihre Jungen lieb hab.'n. . . Sie drehte sich rasch um und ging in's Zimmer zurück. Da ging die Thüre auf. und Mary kam eben, sich ihre täglichen Dessertbonbons zu holen. Das Kind war nicht wenig erschrocken, als die schöne Mama plötzlich neben ihm niederkniete, es an sich drückte und ungestüm fragte: Hast du mich auch wirklich ein wenig lieb? Ich will dir eine recht, recht gute Mama sein! Und heute gehen wir zusammen aus! Und dann alle Tage! Willst du?" Mary wußte nicht recht, was sie sagen sollte. Die Augen wurden ihr naß. und dann bot sie der Frau, die vor ihr kniete, das rothe Mäulchen zum Kuß. Am Abend dieses Tages war im Hause alles zufrieden: Mary, denn die Mama war den ganzen Nachmittag

bei ihr gewesen. Die Mama, denn das Geplauder des Kindes und ihr von dem reizenden Geschöpfchen voll befriediater Mutterstolz hatten ihr sehr wohl gethan. Der Baron, denn sein: schöne ftrau blieb den Abend einmal zu Hause. Die Katze denn der Hausherr hatte ihr eine alte, warme Wagendecke in ihr Nest breiten lassen, eine Stunde später sandte die Baronin ein schönes, warmes Kissen. Ob's nachhielt bei der schönen Mama. ist uns nicht bekannt, aber es mag wohl sein. Gefühle, die so tief begründer sind wieMutterliebe. welken so leicht nicht, wenn sie einmal das Licht gefunden haben! Ter stürmische Mond. Jetzt steht Cupido weichbepelzt Auf sturmdurchwühlten Gassen. Kein Mägdelein, das ungefreit. Will unser Schelm verpassen. Er bläst den Wind an, daß er hebt Das Kleid vom zierlichsten Füßchen; Ja. daß selbst von der Wadenpracht Das Auge erhascht ein bischen. Er bläst dem Mädchen in's Gesicht. Daß ihre Wangen brennen. Wenn just ein Herr vorübergeht, Den diese holden kennen. Ob Wind, obSturm, ob Rcgen,Schnee, Ob's schön und sonnig heiter. Das ist Cupido ganz egal. Der Arge kuppelt weiter. Ja dann. Bräutigam: Ich kann die Stunde, die mich mit meiner heiß geliebten Braut vereinen soll, kaum mehr erwart:n, schon seit Wochen zähle ich jede Minute, die mich noch von der Erfüllunq meines höchsten Wunsches trennt. Schwiegervater (in sp): Und gerade heute wollte ich Ihnen den Borschlag machen, die Hochzeit noch drei Monate hinaus zu schieben, ich wäre dann in der Lage, die Mitgift um tausend Mark erhöhen zu können' Sie werden aber natürlich nicht so lange warten wollen? Bräutigam: Warum werd' ich nicht warten wollen, freilich werd' ich warten mit dem größten Vergnügen werd' ich warten! Natürliche Folgen. Erste Köchin: Warum ist denn die Nosel von ihrem Liebhaber im Stich gelassen worden?" Zweite Köchin: Ach. das war ein Maler, da war sie eben bald die Lackirte; jetzt hat sie einen Tischler, nun ist sie erst recht ge-leimt."

TU Musik der Alten.

Von Richard Wintzer. Allgemein leitete man im Alterthum den Ursprung der Musik von den Göttern her, in Folge dessen sie auch als veredelnd und bildend, oft sogar als wundcrwirkcnd angesehen wurde. Schon die Inder verehrten in ihrem c bersten Gott Brahma" zugleich den Schöpfer der Musik und 'in seinem Sohn ..Narcd" den Erfinder des natioiiclcn Musikinstrumentes, der Vina". Ihrer göttlichen Herkunft gemäß schrieb man der Musik die wunderbarsten Wirkungcn zu; cinc Weise zum Beispiel hatte zur Folge, daß der, welcher sie anstimmte, vom Feuer verzehrt wurde; eine andere vermochte die Sonne zu verfinstern, eine dritte Regen hervorzubringen u. s. w. Diese Phantastik der Anschauung bcwirkte auch, daß cs die Inder nie zu einem abgeschlossenen, für musikalische Production ausreichenden System brachicn, das der weiteren Entwicklung fähig gewesen wäre. Hingegen schwelgten sie in cincm Mcer von Intervallen und Tonarten, welche sich nach Mitthcilun gcn dcö Musikgclchrtm ..Soma" auf ca. 9(0, der Sage nach sogar 16,000 leiteten! Eine stattliche Zahl, wobei allerdings erwähnt werden muß, daß man im Alterthum alle durch Berticsung oder Erhöhung von Tönen cntstandcncn Varianten als Tonarten" bezeichnete. Eine Eigenthümlichkeit, die unserem modernen Ohre unverständlich, besaß die Musik sämmtlicher alten Völker, nämlich in der Verwendung von Bier tcttöncn. Wie unsere heutige Oktave aus 12 Halbtönen besteht, so theilte man diese im Alterthum noch fast alle, so daß bei den Indern an 22 Halbtöne auf die Oktave kamen. Erzielten sie einerseits dadurch einen großen Ncichthum an melodischem Material, so vermochte sich anderseits, wie erwähnt, aus Dieser in kleinliche Theile aufgehenden Masse kein System zu entwickeln, auf dem logisch hätte wcitcrgcbaut werden können. Auch den sonst klugen Ehinescn gelang cs nicht, die Musik auf eine ihrer hohen Eultur angemessene Stufe zu heden. Tazu fehlte ihnen namentlich die Phantasie, das wichtigste Erfordcrniß sör künstlerische Entwickelung. Tio. dem aber nahm die Musik im öffcntli chen Leben eine hervorragende Stellung ein. ja man betrachtete sie geradezu als Förderin der Sittlichkeit. Ter weise Eonfuzius (500 v. Ehr.) selbst bchauptcte, um zu erfahren, ob ein Land ge sittct und gut regiert sei, müsse man seine Musik hören. Ter ganze konscr vativc Geist der Ehinescn, der sich aus allen Gebieten als Hindcrungsgrund für höchste Entfaltung unangenehm bemerkbar machte, war auch dem Auf. schwung ihrer Musik in hohem Grade entgegen. Jeder Fortschritt galt als schlimmstes Vergehen, nd ein Aufgc den hergebrachter Formen glich in den Augen der Richter cincm Abfall vom Äah"cn". So war cö bis in's 10. Jahrhundert (n. Ehr.) hinein z. B. nicht möglich, die uralte chinesisch nur aus fünf Tönen bestehende Scala zu ergänzen und die fehlende Ouarte und Ecptime hinzuzufügen. Selbst dem im nämlichen Jahrhundert an der Spihe der musikalischen Fortschrittspartei stchcnden chinesischen Prinzen TsaiÄn, der als Musikgelchrter anerkannt ist, gelang es nicht, den Widerstand zu brechen. In ganz ähnlicher Weise gestaltete sich auch das Geschick der Musik bei den künstlerisch noch weit begabteren Egyp kern. Hier war cs eine Jahrtausende hindurch im Geheimen wirkende Pricsterkaste. welche der Kunst die Wege verzeichnete, die sie unbedingt zu gchcn hatte: d. h. mit anderen Worten': sie aufhielt. Gewisse, stets zu wicderho lendc Typen waren geboten. Niemand durfte wagen, daran zu ändern. So berichtet Platon im 4. Jahrhundert vor Ehristi von den Egyptcrn, daß man dort gute Musik und schöne Formen wohl zu schäp.en wisse, daß aber diese Formen von ihren Priestern bc stimmt würden, und daß cs weder Ma. lern, noch Akusikcrn oder irgend wel' chen anderen Künstlern gestattet sei, von den einmal als schön erkannten Mustern im Geringsten abzuweichen. Natürlich hätte dieser Zwang zur Folge, daß die vor 10,000 Jahren geschaffenen Kunstwerke nicht im Mindesten in ihrem Vcrthe oder in Art und Weise ihrer Auffassung von den zu seiner Zeit cnt standcncn abwichen." Und doch hatte die Musik bei den Egyptcrn viel zu bedeuten, man ersieht es noch heute aus den zahlreichen bildlichcn Darstellungen von Sängern und Spielern, oft auch ganzen Ehörcn und Orchestern. Tazu war die Verschiedenartigkcit der Instrumente eine große, und die rcichbcsaitcte Harse läßt auf üppige Klangwirkungen der cgvptischcn Musik schließen. Zu der Vielseitigkeit ihrer Tarstcllungsmittel stand aber der geistige Inhalt keineswegs im Verhält niß, was eben in dem starr konservativcn Sinn der bestimmenden Priester käste seinen hinreichenden Grund hatte. Wenn Egyptcn in der Musik, durch ein ungünstiges Geschick gehindert, auf dem halben Wege der Entwickelung stehen blieb, so gebührt ihm doch das Verdienst, dcn großen Kulturvölkern des Alterthums, dcn Hebräern und dcn Griechen, die Wege zum höchsten Ziel gewiesen zu haben. Leider besitzen wir lcincrlci Ueberlieferungen, weder schrift lichc, noch etwa solche auf Monumenten bcr alten Hebräer, und fb.d daher lediglich auf Vermuthungen über ihre Musik angewiesen. Selbst die im alten Testament verzeichneten Angaben über musikalische Einrichtungen und Jnstru mente bieten hier keinen genüaendcn Ersaz. Toch aber läßt sich mit Sicherl'cit eine hohe Bedeutung der hcbräischcn Musik annehmen, sprechen doch auch die Psalmen Tavid's dafür, von denen Herder sagt: ..sie sind vom Geist ter Tonkunst so innig durchdrungen

daß sie in jedem ihrer Glieder Jubel und Klang gleichsam mit sich führen." Um so mehr ist zu bedauern, daß cs dem Historiker nicht gelingen will, das Tunkcl zu lichten, die Hilfsmittel sind eben zu geringe. Anders ist es dagegen bei dcn Gricchcn, deren musikalische Praxis und Theorie durch eine große Anzahl von Tocumcntcn zur Kenntniß der Nachwelt klangt sind. Schon im frühesten Stadium der Entwickelung Griechenlands wirkte die Berührung mit dcn Egyptcrn und dcn kleinasiatischcn Völ kern bclcbcnd. Von Egypten her, wo die Musik in enger Verbindung mit Astronomie und Mathematik erfaßt wurde, bekam JungGriechenland die erste Anregung zu tdcorctischcn Spekulationen, während aus Kleinasien, von Phrygien hcr dic Leidenschaft einer wilden Musik, die bcsonders in dem später auch nach HcllaS rerpflanztcn Tionvfoskultus ihren Austtiick fand (mit starken, weittönenden lasinstrumentcn), auf die Phantasie befruchtend wirkte. Nachdem die attische Tragödie sich zur sclbstständigcn Kunstgattung entwickelt hatte, erschien in ihr als wichtiges dramatischcS Mitkcl die Verschmelzung der phrygischcn (dionysischen) mit der strengen, durch Apollon perscnifizirtcn dori schen Tonkunst. Es ist sogar mit Vestimmthcit anzunehmen, daß in der an tikcn Tragödie nicht nur die Ehöre, sondern auch dic Einzclrcden gesungen wurden. Wie diese Musik beschaffen gcwcscn ist. läßt sich allerdings nicht bcantworten, obwohl im 16. Jahrhundert einige Fragmente altgrichischer Musik aufge funden worden sind, deren Entzifferung in neuerer Zeit zwar vollständig gclungen ist, bt aber doch keinen genauen Aufschluß über die besondere Art der Musik zu geben im Stande sind. Nichtsdcstowcnigcr weiß man, daß sie der heutigen an Mannigfaltigkeit der Intervalle und Ausdrucksmittel bei Weitem nachstand, ja nicht einmal ihren Hauptvorzug, die Mehrstimmigkeit, bcfaß. Ter wichtigste Plalj war ihr im lyrischen Theil des Tramas angewiescn, in dcn Ehörcn, die von Männerund Knabenstimmen in Octavcn gesungcn wurden, dazu gelegentlich von Instrumenten (Lyra, Kithara, Aulos) wohl auch einige mclodicfremde Jntervallc kamen, wodurch eine Art Polyphonie (Viclstimmigkcit) crzrclt ward. Jedenfalls stand die Musik im alten Trama völlig abhängig von der Tichtung da, so hoch auch ihre Stellung war, so daß wir in dieser, vor Jahr taufenden schon gcpflgtcn Kunst die Vorläufer unseres modernen, durch Richard Wagner neugeschaffenen Musikdramas erkennen müssen. Tie Lyra und Kithara, Saitcnin. strumente, deren Gestalt noch heute als Symbol für die Musik gilt, und die Flöte (AuloS) waren Nationalinstrumente der Griechen, wozu noch Apollos Phorminr gehörte, eigentlich nur eine wuchtigere Kithara, die, gegen die Brust gedrückt, mit dem Finger oder Schlägel IOtrum) gerührt wurde. Sie findet sich schon auf sehr alten Bildwerken, und zwar in dien Händen von Silenen und Satyrn bei bacchisch! Gelagen (zu Ehren des Dionysos oder Bacchus, des Gottes des Natursegcns, besonders des Weines). Die Flöte gehörte ursprünglich dem Tionysoscultus und seiner melancholischen Klage um dcn gestorbenen Gott an, galt also für elegisch. Noch mehr war sie lydisch (asiatisch), und Midas mußte sich sogar zur Strafe, daß-er sie der Lyra vorgezogen hatte, Eselsohren wachsen sehen. Marsyas aber ward von dem Gotte selbst geschundcn. weil cr den Wcttkampf mit seiner heiligen" Lyra gewagt hatte. Selbst Apollos Trachenkampf wurde auf diesem Flötcninstrumcnt nachgeahmt, bei den pythischen Spielen; und solche theatralische Vorstellung war eine Art sinfonischer Tichtung" oder Programmmusik, die sämmtliche Hauptbcstandthcile des Kampfcs bis zum Zähncknirschcn und Vcrenden des Drachens ausdrückte. Dabei wirkten zugleich Kitharisten mit, und die Panc-pfeifcn (Syringen) ahmten das pfeifende Zischen des sterbenden Ungeheuers nach, wozu dann noch Trompeten einfielen. Selbst Pauken sollen nicht gefehlt haben, so daß schließlich eine Art Zigcuncrmusik entstand, wie sie noch heute durch ihren cigcnartigen Zauber so weltcntfrcmdcnd und gehcimnißvoll zu wirken vermag. Tie Flötcnmusik an und für sich galt aber als die weltliche gegenüber der geweihten der Lyra, die stets zu heiligen Odcn und Hymnen erklang. Deshalb schätzten Philosophen wie Aristoteles und Plato die Flöte nur gering. Toppelflöten, welche auch hier und da vorkamen, waren ein Ucbcrgang von der Eyrinr zur Flöte, das zweite Rohr gab nur einen Ton an. ähnlich wie beim Tudclsack. Bei großen Bacchusfesten wurdm schließlich noch Hörner, Becken (Eymbeln) und Pauken vcrwandt, welch lcntere schon damals zu Effekten der sich entfesselnden ?!atur gcbraucht wurden. Auch Trompeten bcsaß man, wie gesagt, in Griechenland, und Wie in unseren Tagen ertönten sie im Krieg und bei glänzenden Festen. Ein merkwürdiges Instrument, sozusagen der Urahne unserer jetigen Orgcl, war der Hydraiilos", cinc Orgcl, Die ihren Wind durch Wasserkraft er. hielt. Sie bestand schon im zweiten Jahrhundert v. Ehr. zur üppigen Alcrandrincrzeit, galt aber im Gegensak zur heutigen Orgel nur der sinnli. chcn Ergötzung : der schwelgerische Kaiscr Ncro konnte sie selbst nicht entbehren. Hatte sich die griechische Musik (hervorragende Musiker : Jbykos und Pindar 522442, sowie Aristorcnos von Tarent sum 350 V. Eh?., der sich besonders um die Theorie große Verdienste erwarb) immerhin einer für antike Begrisie ziemlichen Vollkommenheit zu erfreuen, und war namentlich ihr Zweck ein hochedler und bildender denn ihrer

Anregung verdankt auch unjcr ycuttger Kirchcnstil seine Entstehung , so vermochte sich die römische Musik, obwohl sie manches von der griechischen überkommen hatte, nicht über ein obcrflächlichcs Mittel zu üppigem Gcnuß zu erheben. Tie letzten Ausläufer der griechischen Musik, dic allerdings nicht die ernstesten waren, gingen unmittclbar auf die Römer über, was diesen bei ihrer angcborcncn Genußsucht gerade rccht kam'. Schon dic Flötenkunststücke bei dcn erwähnten Trachcnkämpfcn hattcn gezeigt, wie auch in Griechenland sich dic Sensationslust auf musikalischem Gebictc einstellte, indem man unbedingt

al!cs in Tönen malen woUte. Später I trat zur Virtuosität auch noch cinc über große Masse von Mitwirkenden, wovon cinc Aufführung Zeugniß ablegt, die Ptolemäus Philadclphos von Älcrandricn bei cincm Fcstc veranstalten ließ. Es wirkten dabei nicht weniger als 000 Musiker mit, darunter allein 300 Zither spielende Sänger ! In solcher Vcrfafsung nun kam die griechische Musik nach Aom, das ja auch nichts weniger suchte als geweihten Ernst, der über das Alliägliche erhebt. Schon zu Eäsars Zeiten waren einmal zu cincm Feste 1:2,000 Sänger und Musiker in Rom versammelt gewesen, und die bescheidenen Hirtenflöten hatten Weges des Unfangs der modernen" Theater anderen lärmenden Jnstrumcntcn weichen müssen, was Horaz sehr bcklagt. Nero nun gar, der in Allem der Größte sein wollte, mußte natürlich auch der größte dcr Virtuosen sein! Obgleich bei seinem ersten Auftreten (60 n.' Ehr.) das Publikum nicht wußtc. ob es weinen oder lachen jollte über die schlechte Stimme sowohl, wie besonders dcn traurigen Vortrag, und scin FiaZko nur Durch eine bestellte Elaquc verhindert wurde, zog er doch im Pomp nach Griechenland, wo cr von dem künstlerisch nunmehr arg heruntergekommenen Volle (wohl seit der Schlacht vci Ehacroncia 338 v. (5 Hr., nach dcr Griechenland seine nationale Sclbststandigkcit verlor) den gleichen Preis erhielt, dcn man einst dort hochbedcutcnden Künstlern hatte zu Theil werden lassen. Tie Kunst war eine Hetäre geworden, die der Lust diente; darum klagt auch Ovid über die verweichlichende Musik seiner Zeit, und der heilige Hicronymus später (329 420) feuert sogar mit Wucht seine Gcißclhicbe ab gegen das heid nisch-sinnliche" Treiben dieser Kunst", indem er sagt, eine christliche Jung, srau solle gar nicht wissen, was Lyren und Flöten seien und wozu sie gebraucht würdezs." Etwas haben aber dic Römer wenigstcns für die Musikwissenschaft geleistet: Bcctius (45: 524) überlieferte in seiner fünf Bücher umfassenden Schrift do musica" (über die Musik) der Nachwelt die Hauptthcoricn dcs Pythagoras, Aristoxcnos, Ptolcmüus und anderer griechischen Schriftsteller, aus denen dann das Mittclalter die gcordncte Lehre dcr Musik wiederherstellte. Ferner hat der Alexandriner Alypius (um 300 n. Ehr.) die Notenschrift der Griechen denn si, allein hatten eine solche uns vollständig überliefert. Sie besteht aus Theilen dcs Alphabcts oder eigentlich aus den Zeichen der Planeten, dic schon seit Pythagoras Zcitcn in engsten Zusammenhang mit der Musik gebracht werden. Es wurde aber mit den Äuchstabcn, dic in ihrer Reihenfolge das Aufsteigen der Tonlcitcr bedeuteten, nur immer dic Tonhöbe bezeichnet, nicht aber Metrum (Zeitmaß) und Rhythmus (Takt). Leteres beides deutete man nur ausnahmsweise an. Auf jeden Fall haben wir cs in dcr altgriechischen Notenschrift mit der Urquelle unseres heutigen, zwar komplicirtcn. aber raffinirt feinen und sicheren Notensystems zu thun, und es dürfte immerhin interessant sein, diesbezügliche Vergleiche anzustellen, die manche Achnlichkcit beider Systeme ergeben würden. Alles in Allem muß über die gesammte Musik gesagt werden, daß sie einzig und allein wenige Ausnahme können kaum in Betracht kommen dcr Melodie diente, während die Viel stimmigkeit so gut wie gänzlich unbckannt war. Erst unserer modernen Zeit blieb cs vorbehalten, die tiefsten Schätze dcr göttlichen Kunst Musik" zu heben, die ja gerade in dcr von dcn Altcn unge kannten Viclstimmigkcit beruhen, vcr-1 mittelst derer dic Musik, gefördert durch unvergleichliche Meister, Jahrhunderte hindurch sich zu einer so gewaltigen Höhe erheben konnte, daß man mit Recht sagen darf: sie ist dic höchste und im edelsten Sinne populärste aller Künste! Vor hundert Jahren. Im Jahre 1795 brachte dcr Gothai. schc Hoskalcnder zum Nupcn und Vcrgnügcn", welchen Titel damals dcr Genealogische Kalender führte, außer dem Kalcndarium nicht nur ein über 100 Seiten starkes Verzeichniß dcr jct lcbendcn vornchmstcn hohcn Pcrsoncr. in Europa", sondern auch eine große Zahl von Aufsähen wisscnschast'lichcn Jndalts. Ein Aufsatz mit d.-r Ucbcrschrift Politische Rechenkunst" b.-schäf-tigt sich lediglich mit Bcvölkerungs' statistik und ist ziemlich dilettantisch gehalten. Eine istc enthält die Einwolmcrzahl von 180 Städten. Vcrlin hatte 151.000, Breslau 60.0, München 48,000, Trcsdcn 50.000, Köln 50,500, Leipzig 32.000. Auch cinc Tabelle über Größe, Volksmenge, Einfünfte und Kriegsmacht dcr Hauptstaatcn ist vorhanden. Ter preußische Staat hatte damals 7.000.000 Einwohncr; die Einkünfte betrugen 28i Millionen Thaler, während sie sich jetzt dcr zweiten Milliarde nähern und allein Berlin ein Budget von 8 j Millionen hat. Sehr erheblich war die Kriegsmacht Preußens mit 213.000 . Mann oder

nahezu 3 Proccnt der Einwohnerzahl. Auch cinc kurze Viotiz über den europä ifchcn Handel wird gebracht. -'Tarnach bclief sich dcr Handel von England mit Asien, Afrika und Amerika aus einen Werth von 330 Millionen französische Livrcö (Franken), dcr französische übersccische Handel wird auf 310, dcr hol ländische auf 225, dcr schwedische und dänische auf 180, dcr spanische auf 150, der deutsche auf 120 und dcr ruf sischc auf 118 Millionen Livrcs angegeben. Nicht sehr verführerisch ist die Beschreibung eines Gastmahls zu Ja maiea, das augenscheinlich in einer sehr wohlhabenden und epikuräisch gebüde ten Familie cingcnommcn sein muß. Tie unglaublichen Gerichte, bei denen dic Fische eine, große Rolle spielen, in tcrcfsircn weniger als die Gctrünkc. Tie Herren stießen den ersten Gang mit Branntwein an, den sie altcn Madeira nennen. Hierauf folgte cinc Art von Sättigungsschlummer,' und dann kam der zweite Gang, aus Kalbsbrust, Sagouts, Hühnern, Enten und Krebsen bestehend, zu dem man ciu Glas Bordeaur trank. Zur Verdauung wurden dann wieder einige Becher Branntwein zu Hülfe genommen, der in diesem Lande buchstäblich Lcbcnsbalsam genannt wird". Nack dcm Tcsscrt folg. tcn die schönsten europäischen Weine, Elaret, Madeira r.nd Rhcinwcin. Ueber Tisch" wurde Porter, .Ale und Punsch getrunken. , Man sieht,, daß vor hundert Jahrcn selbst in den heißen Gegenden die geistigen Getränke eine viel größere Nolle spielten als heute. Alles' Getränk war, wie der Bericht sagt, erfrischend kühl, weil man cs in nasse Tücher hüllte; oft stellte man cs auch nur in den Wind oder scte das Wasser in Wasscr. in das man itrum (?!atron) warf. Ter nächste Aufsap ist, dcm damaligen von Frankreich aus bccinflußtcn Geschmack entsprechend, etwas galanter Natur. Er behandelt die Jungscrnprobe in dcr Trachcnhöhlc zu aunvium. Es fei nur angedeutet, daß dcr im Hciligthum dcr Juno , vor chrtc Trachc (cinc Schlange) cincn un trüglichen Instinkt für junge Mädchen ,'.cigtc. die ihre Ehre verloren hatten. Er nahm aus ihren Händen keine Speise, umwickelte sie und biß sie. Für Naturforscher interessant ist ein Aufsah über die maledivische Nuß. eine Art lsocosnuß. von der man früher immer geglaubt halte, daß stc im Meere wüchse, ia sie gewöhnlich nur an die iüstcn der maledivischen Inseln bei Madagac-ho (Madagaskar) und Zangncbar (Zanzibar) angeschwemmt wurden. Man cntdeckte dann aber eine Jnscl (wo, sagt Artikel nicht), auf der Palmen, die diese Nüsse trugen, in großer Menge wuch sen." m Wenn Damen radeln. Ein drolliges Mißgeschick traf kürzlich einen italienischen Spitzbuben, der als Moderner" das Zweirad zu seinen Strcifzügcn bcnuytc. Ging da nculich eine junge Tamc, eine Französin. Frl. Jcannc Dupont au Bordcaur, Abcnds nicht weit von dcm Hause ihres Onkels, bei dcm sie sich zu Besuch aushielt, zwi schcn Vcntimiglia und Mcntonc an dcr schöncn Nivicra spazicrcn. in der ErWartung, daß ihre Bcrwandtcn bald nachkommen würden. Es war einer von den milden Adcndcn mit sarbcnprächtigem Sonnenuntergang, wie sie in diesem gcscgnctcn Erdenwinkcl so häusig vorkommen. Tie sonst gewöhnlich belebte Landstraße war gerade menschcnlccr und Mademoiselle Jcanne konnte in Ruhe ihren schönen Träumcn nachgehen. Auch ein Radfahrer, der plötzlich dcn Abhang hcrabsauste, lcnlte ihre Aufmerksamkeit nicht ab. In ihrer Hcimath ist das Nadcln ja längst etwas 'Alltägliches geworden. Sie intercssirte sich also nicht für dcn einsamen Nadlcr und schaute sich gar nicht nach ihm um. Abcr cr iutcrcssirtc sich sttr sie. Von )cr Höhe, von dcr cr eben herabkam, mochte cr sich wohl überzeugt haben, daß sür dcn Augenblick weder von vorn lisch von rückwärts eine Störung zu crwarten sei, und so sprang cs von seiner Maschine, unmittelbar vor Fraulcin scanne, lehnte das Nad an die Maucr, die die Straße gegen das Mccr einsaßt, und bat dcn Hut in der Hand, die junge Tame um eine milde Gabe. Fraulcin Jcanne schrack aus ihren Träumcn aus, sah sich dcn (ScU legen aus dcm Nad an und sand, daß er schwcrlich aussah, wie ein Sportsman. Tas veranlaßte sie. ihm ohne langes Parlamcntircn cincn Franc in die Hand zu legen. Dcr Herr Eollcge bedankte sich bestens und bat dann, sie fragen zu dürfen, ob das Alles wäre, was sie entbehren könnte. Fräulein Jcanne konnte nicht lügen und deshalb hatte der liebenswürdige Radler bald 60 Francs, eine Brosche und zulekt ihre Uhr. An dcr Uhr war eine lange, seingcarbeitete Kette. Tie legte sich dcr Nadlcr um den Hals und lnöpste sein geschlossencs Jackct auf, um Uhr und Kcttc darunter als Andenken an Fräulein Jeanne zu verwahren. Tabci drehte er Fräulein Jcannc, dic ncden seinem Nad stand, den Rücken. Tas hätte cr nicht thun sollen, denn cr hatte kaum noch Zeit sich umzudrehen, um zu schcn, wie die schöne und gewandte, junge Tame auf seinem Rad dcn Ab hang vollends hinabsauste und hinter der nächsten Biegung verschwand. Sie hatte eben auch ein Andenken von ihm haben wollen, und da er ihr nichts Anderes anbot, nahm sie sein Rid. In zehn Minuten war sie in Mentone. ließ den Telegraphen spielen und nach einer Stunde hatte man dcn Radler ohne Rad in Vcntimiglia am Wickel. Er war doch noch nicht modern genug, sonst hätte er daran gedacht, daß auch Tamen radcln können.

D i e Männer ohne Egoismus aehören unter die Heiligen, die Frauen unter die Märtyrer.