Indiana Tribüne, Volume 18, Number 61, Indianapolis, Marion County, 18 November 1894 — Page 7

Das Himmelbett

Von R. (SeorgcS. Kurz vor dcr Zeit, wo die französi fche Regierung die Spielhäuser unter drückte, hielt ich mich mit meinem Freunde in Paris auf. Wir waren Vcide jung und führten in der Stadt des Uebermuths und Leichtsinns kein allzu exemplarisches Leben. Eines Abend fiel es uns ein, spielcn" zu wollen, und zwar war ich darauf erpicht, mir eine richtige SpielHölle anzusehen, keinen langweilig cleyantcn Spiclsalon. Wir fanden auch dald was wir suchten, in einer der Seitcnstraßcn des Lurcmbourgartcns. Im Hauptspiclzimmcr, in das man uns Einlaß gewährte, befanden sich nicht gerade sehr viele Leute, die wemycn aber intercssirten mich ungcmein. Für gewöhnlich trägt das Lumpenthum ein komisches Element in sich die Verkommenheit, die ich hier in den vcrschiedensten Gestalten antraf, hatte jedoch etwas Tragisches etwas stumm verzaubert Drohendes. Tic Stille, die im Zimmer herrschte, war schon bedrückend. Die Spieler redeten nicht, dezu waren sie viel zu leidenschaftlich in den Anblies ihrer Karten vertieft, und selbst die Stimme des Kroupiers klang in der Atmosphäre dieses Raumes cigenthümlich dumpf und belegt. Ich hatte den Ort aufgesucht, um einmal gründlich zu lachen, aber ich sagte mir, daß ich vielleicht in Thränen eusbrcchcn würde, wenn ich mich mei Iren stillen Betrachtungen weiter hingäbe. Um also meine Lebensgeister anzufrischcn, ixat ich an den Tisch und sing zu spielen an, leider und unglücklicher Weise gewann ich. aber wie gewann ich? Gegen dieses Spiclcrglück kamen keine Künste auf, jede Karte schlug für mich. Ich gewann dcrmasen, daß die Gewohnhcitsspieler von ihren Plänen aufstanden und sich um mich drängten. Zum ersten Mal in meinem Leitn empfand ich, was die Leidenschaft für Spiel bedeute. Anfangs wagten einige dcr Leute, ihren Einsatz auf meine Farbe zu sehen, aber immer verzogener wurde mein Spiel, immer höher mein Einsatz. , Einer nach dem Andern hörte auf zu spielen, um athcmlos erregt meinem Spiel zuzuschauen. Ein einzigcr unter sämmtlichen Anwesenden bcwahrte seine Selbstbeherrschung. Tas war mein Freund. Er trat zu mir heran und bat mich, fortzugehen und mich mit meinem bisherigen Gewinn zu begnügen. Ich war aber bereits allzu besinnungslos vom Spielteufel erfaßt, um auf vernünftige Vorstellungen zu hören und nach einem kurzen und heftigen Wortwechsel verließ mein Freund das Lokal. Ein hochgewachsener alter Mann von militärischer Haltung, dcr mir aber durchaus kcin Vertrauen einflößte, stand neben mir und feuerte mich zu immer größeren Einsätzen an. So leidenschaftlich erregt, so unsinnig ich bcreits auch ioar, fühlte ich doch, daß er mich bceinflusie und zu gleicher Zeit abstieß. Mein phänomenales Glück hielt an. Nach Verlauf einer weiteren Viertelstunde rief dcr Croupier: Meine Herren, das Spicl ist für beute aus, die Bank ist gesprengt." Alles Gold und Banknoten lagen vor mir. Binden Sie doch das Geld in Ihr Taschentuch ein. werther Herr", sagte der alte Soldat. Binden Sie es ein, so da,- so " und er schürzte cö selbst geschickt in zwei Toppclknoten meines TuchcS zusammen. Und nun erlaub' ich, mir, Monsieur zu einer Flasche Ehampagner einzuladen, um auf das Wahl Fortunas anzustoßen, bevor wir auscinandcrgehcn." Na, aus der einen Flasche wurden fünf oder sechs, dann bestellte der Vcteran Kaffcc. Wir befanden uns jetzt allein im Zimmer und von dcr lärmen'den Lustigkeit, in dcr er sich noch vor wenigen Minuten gefallen hatte, ging der alte Soldat auf einmal zu einer fast furchterregenden Feierlichkeit des Benehmens über. Hören Sie zu mein werther Herr", sagte er in flüsternd vertraulichem Ton. Ich hab, einen crtrastarken Kaffee bestellt, den müssen Sie noch trinken, bcvor Sie sich mit all' dcm Gelde auf den Heimweg begeben. Tann kommen Sie wohlgcborgrn niit Ihren Schätzen nach Haus, sonst nicht." Ebcn wurde dcr Kaffee gebracht. Er war bereits in zwei Tassen eingeschänkt und mein zuvorkommender Freund reichte mir die eine derselben mit einer Verncigung hin. Meine Kehle war wie ausgedörrt vor .Turst und gierig stürzte ich das Getränk in großen Schlücken hinab. Fast unmittelbar darauf überfiel mich ein Schwindclgesuhl und mein Rausch schien sich gesteigert zu haben. Wild drehte sich der Raum vor meinen Blicken. Ich stand auf, hielt mich am Tisch fest, um nicht zu fallen und stammelte, mir sei furchtbar übel und ich wüßte nicht, wie ich nach Hause kommen solle. In Ihrem Zustande nach Hause zu wollen, wäre ein Werk des Wahnsinns", sagte dcr alte Soldat. .Man könnte Sie ja mit dcr größten Leichtig kcit berauben und morden. Ich schlage hier mein Nachtquartier auf. Tas können Sie gleichfalls thun. Sie vcrschlafen Ihren kleinen Rausch und gehcn morgen mit Ihrem Gewinn in aller Sicherheit nach Hause. Ein vortreffliches Bctt bekommen Sie hier schon." Zum Tcnkcn reichte mein Kopf nicht mehr aus ich hatte nur den einen Wunsch, mich augenblicklich niederzulcgen, gleichviel wo cs war. Ich stimmte also dem Vorschlage bei und der alte Soldlt sowohl wie der Kroupie? waren sosort zur Hand, um mich zu führen. Ich nahm ihren Arm und sie geleiteten mich einige Gänge entlang und eine kurze Trcppcnflucht hinauf zu dem für mich bestimmten Zimmer. Tort überließen sie mich mir selbst für die Nacht. Ich lief zum Waschtisch, trank aus

dem Wasser vom Kruge, goß das übrige aus. tauchte mein Gesicht hinein und dann setzte ich mich hin und versuchte zu mir zu kommen. Bald wurde mir des ser. Ter Schwindel wich und ich sing wieder an, mich als vernünftiges Wesen zu fühlen. Mein erster Gedanke richtete sich auf die Gefahr, die ganze Nacht in einer Spielhölle zu schlafen. Ich entschloß mich demnach mich einzuschließen, die Thür zu verriegeln und verbarrikadircn. Uuvörderst also sicherte ich mich gegcn einen Ücbcrfall und erst nachdem ich alle mir zur Verfügung stehenden Sichcrhcitsmaßrcgeln getroffen hatte, entledigte ich mich meiner Oberkleider und ging in's Bctt. Tas Geld legte ich unter das Kopfkissen. Das Licht ließ ich brennen. Aber ich konnte nicht slafcn. Wenn lch nicht meinen Gedanken irgendwelche Zerstreuung zuzuführen wußte, war ich aa in dcr Verfassung, mir alle mögllchcn Schrccknisse heraufzubeschwören. Ich sah mich im Zimmer um. Erst "lustccte ich das Bctt, in welchem ich g. Ein vierpfostiges Ungcthüm,' wie man cs sonst nur in verschollenen alten Schlössern auffindet, mitten im elcganten Paris wenn auch in einem seincr Scitenschlupfwinkcl! Vom Bctt wanderte mcin Blick auf ein dunkles altes Gemälde, welches von der dünnen Kerze matt beleuchtet wurde. Es stellte einen Menschen mit einem hohen spanischcn, von einem gewaltigen Federdusch überschatteten Hut vor. Mit den Blicken fingen auch meine Gedanken an zu wandern. Ich durchlebte innerlich nochmals alle Gcschehniffe des Abends und wieder beschließen mich düstere Ahnungen. Plötzlich blieden meine Augen, ich weiß selbst nicht wieso, an dcm Bilde Hüngen. An dem Bilde? Großer Gott! Tas Bild war fort. Wo war cs hingeschwunden? Bewcgte sich etwa das Bctt ! Ich legte mich auf den Rücken und sah hinauf. War ich wahnsinnig? betrunken? träumte ich ? oder bewegte sich das Bcttdach wirklich herunter? Es sank langsam, stetig, still herab gerade auf mich herab, dcr darunter lag. Mcin Blutlauf schien zu stocken, eine tödtliche lähmende Kälte übersiel mich, als die furchtbare Thatsache, daß sich die Tccke auf mich herabließ, mir immcr klarer wurde. Tann rcgtc sich dcr Selbsterhaltungstrieb und stählte mich zu Maßrcgcln, die mcin Leben retten konnten, so lange es noch Zeit war. . Sehr leise schlüpfte ich aus dcm Bctt und zog mich eilends an. Tann setzte ich mich auf einen nahestehenden Lehnstuhl und sah zu, wie das Bcttdach langsam hcruntcrkam. Ich war buchstäblich wie gebannt von dcm Anblick. Ich hätte mich nicht einmal umgedreht, wenn ich Schritte hinter mir gehört hätte, ja wenn sich mir wunderbarer weise ein Mittel zur Flucht gezeigt Hütte, würden meine erstarrten Gliedmaßen nicht erlaubt haben. Gebrauch davon zu machen. Mcin ganzcs Leben konccntrirte sich in diesen Momenten in meinen Augen. Es stieg immer tiefer herab das ganze bcfranzte Zelt senkte sich tiefer immer tiefer so tief, daß ich zwischen Tach und Bettrand nicht den kleinen Finger Hütte quetschen können. Ich bctastete die Scitenwünde und nahm wahr, daß die von mir von unten aus für die leichte Tckoration eines Bcttzel tcs gehaltene Trapcrie in Wahrheit aus breiter massiver Matratzcnarbcit bestand, welche von dcr mit Franzcn umsäumten Randbort vcrstcckt wurde. In dcr Mitte des Baldachins befand sich eine riesige Holzschraube, die -jedenfalls durch eine Ocsfnung in der Zimmerdecke eingelassen war und nun das Tach herabließ. Ter scheußliche Apparat arbeite vollkommen geräuschlos. Inmitten dcr mich umgebenden grauenvollen Stille sah ich im neunzehnten Iahrbundcrt und in der glänzenden Metropole Frankreich's ein Instrumcnt zu geheimem Morde durch Erstickung, wie es grausamer die schlimmsten Zeiten der Inquisition oder Vchme nicht gekannt haben konnten. Und bewegungslos wie erstarrt sah ich noch immer zu und vermochte kaum Athem zu holen. Aber wieder regte sich meine Tcnk- und Verstandeskraft und ba'lb lag das gegen mich geplante mörderische Lomplot klar vor meinen .Sinnen. Man hatte den Kaffee mit einem Narcotikum gewürzt und zwar zu stark gewürzt. Gerade die zu große Tosis des Narkotikums hatte mich vom Erstickungstode gerettet. Wie viele Männer, die gleich mir gewonnen hatten, mochten sich wie ich in dcm furchtbaren Bett zur Ruhe ausgestreckt ha den, ohne daß man je wieder etwas von ihnen gesehen oder gehört hätte. Bei dcm bloßen Gedanken lief es mir kalt über den Rücken. Aber nochmals wurden meine Betrachtungcn durch den Anblick des Baldachins abgelenkt, der wieder in die Höhe zu steigen begann. Tie Schurken, die ihn von oben bearbeiteten, nahmen entschieden an, daß ihr Zweck erfüllt sei. Langsam und leise, wie cs sich herabgcscnkt hatte, stieg das entsetzliche Bettdach zu seinem vorigen Platze zurück. Jetzt erst richteten sich meine Gcdan. ken auf Flucht. Wcnn ich durch das leiseste Geräusch verrieth, daß man mich mit dcm Mordinstrumente nicht erstickt hatte, so konnte ich sicher sein, daß man mich erschlug. Turch den für die Nachtzeit verschlossenen Hausflur zu gelangen, war unmöglich dcr Ge danke daran war Wahnsinn. Mir blieb nur ein Auscang das Fenster. Mein Schlafzimmer lag , im 'ersten Stockwerk' und sah auf eine Hinterstraßc. Ich hob die Hand, um das Fenster zu öffnen, und- wußte wohl, daß mcin Lcbcn um Haarcsbrcitc von dcr geräuschlosen Ausführung dieser Handlung abhing. Wcnn dcr Rahmen knarrte, wenn die Angeln kreischten, war ich verloren. TaS Werk gelang

mir mit dcr Gewandtheit eines gewerbsmäßigen Einbrechers öffnete ich leise das Fenster und sah auf die Straße. Hinuntcrzuspringen kam einem sicheren Tode gleich! Ich ließ meine Blicke überall hin schweifen. Dicht an der Fcnsterbrüstung draußen lief eine breite Wasserröhre entlang. Noch einmal athmete ich auf ich war gerettet! Ohne einen Augenblick zu verlieren, schwang ich mich mit einem Bein über das Fensterbrett da siel mir das mit Geld gefüllte Taschentuch unter meinem kZopskissen ein. Ein rachsüchtiger Groll bestimmte mich, die Missethäter sowohl um ihren Raub als um ihr Opfer zu betrügen. Ich glitt also zurück, knüpfte mir das schwere Taschentuchbündel vermittelst meiner Halsbinde um den Hals und stand im Augenblicke darauf auf der Brüstung des Fensters. Sekunden verflogen und ich langte auf der Straße an. So schnell mich meine Beine trugen, lief ich spornstreichs auf die nächste Polizeistation zu. Als ich meine Erzählung beendet hatte, beorderte der Polt zeichef eine Schutzmannschaft, sich mit den Dietrichen und Werkzeugen zu vcrsehen, die man zum Ausbrcchcn von Tbürcn und Fußböden benöthigen werde, und befahl mir, die Leute au führen. Wir kamen bald vor dem Hause an. Schildwachcn wurden gesollt und das Gebäude an allen Ausgüngcn nach Hof und Straße umzingelt. Dann klopfte der Sergeant donnernd an die Thür und rief mit dröhnender Stimme: Aufgemacht, im Namen des Ge-sctzcs'.-Tie Riegel und Schlösser waren bald beseitigt und einen Augenblick später drangen wir in 's Haus. Jeder Insasse desselben bekam Handschellen. Allen voran dcr alte Soldat". Tann stellte ich fest, in welchem Bctt man mich hatte schlafen lassen wollen. Als daß geschehen war, stiegen wir in den über diesem Schlafzimmer belegenen Raum hinauf. Tort fiel uns nichts Außergewöhnliches auf. aber dcr Sergcant sah sich aufmerksam um, befahl vollkommene Ruhe, stampfte zwei Mal auf den Fußboden, untersuchte sorgfältig die Stelle, auf die er gestampft hatte, und ließ sofort den Fußboden aufreißen. Tas war schnell geschehen und wir sahen in eine tiefe, mit Sperrwerk versehene Höhlung zwischen dcm Fußboden dieses Zimmers und dcr Zimmerdecke darunter. Turch diese Höhlung lief ein reichlich eingeölter, senkrecht herabsicigcndcr Eiscnbchälter, welcher die mit dcm Baldachin untcn verbundene Schraube enthielt. Tie Insassen der Spielhölle wurden sofort in 's Gefängniß befördert. Es kam bald heraus, daß der alte Soldat dcr Besitzer dcr Spiclhöhle war, und daß mit ihm dcr Kroupicr, noch ein Mitschuldiger, und das Weib, das den Kaffee zubereitet hatte, das Geheimniß dcs Himmelbettes kannten. Mcin böses Abenteuer aber trug zwei, gute Früchte: Erstens bestimmte cs die französische Regierung zu dcm cncrgischcn Maßregeln gegen die Spielhöhlcn, und zweitens hat cs mich von dcm Wahne, daß Kougo et noir ein Vergnügen sei. gründlich kurirt. Ter bloße Anblick eines grünbczogcnen Tisches auf dcm sich Kartcnpackcte und Goldhaufcn ausbreiten, zieht mir eine Gänschaut über den 'Rücken. Tenn sofort ersteht vor mcincm Augc dcr Baldachin, dcr sich in dcr Finsterniß und Stille der Nacht hcrabsenkt, um mich zu ersti-

:en. Ter Bettler vom Sptclyaus. Äus Älenö alten Tagen. Wie viele Leute (in Wien) wissen eS, raß man einst auch dort ein Monte Carlo gehabt hat. ein berühmtes Spiclhaus, in dem die Tucatcn rollten, in dem glänzende Existenzen zu Grunde gingen, in dem die größten Vermögen wie Seifenschaum in goldene Atome zerplatzten. In dcr Plankcngasse waren im Jahre 1S09 zur Franzoscnzeit glänzend einge richtete Spiclsalons, in denen die Generäle und Officicre Napoleon's die Nacht zubrachten: es fehlte auch nicht an Wiencrn. welche hierher kamen, um sich Geld zubholcn, jedoch zumeist ihr Geld hicr ließen. Tie ganze Gasse, wie die Treppen des- Hauses waren mit Bettlern angcfüllt, die dcs Abends von den Vorstädten kamen und bis zum Morgen gcdul dig in der Plankengassc harrten', linier ihnen befand .sich auch der alte Anastasius Zwicker aus Hernals, dem die Franzosen .im Fünser-Jahre sein Anwesen zerstört hatten, so daß er vollstündig verarmt war. Mit seinem Töchterchcn, dcr Anna, wohnte er in einem klemen Hüuschen am Fuße des Ganscrlbcrges. Vom Schottcnfcld fuhren oft lustige Gesellschaften nach Hernals. um dort den rühmlichst bekannten echten Hcrnalser zu trinken, und mit den jungen Leuten kamen auch zu jener Zeit gern französische Offiziere hinaus, denen das Wiener Leben, das in seiner Heiterkeit, seinem Leichtsinn so vielfach an Paris erinnerte.- außerordentlich gefiel. Ter junge Andreas Winkelmann, dcr Sohn des kurz vorher verstorbenen reichen Ehawlfabrikantcn in dcr Zicglergasse, gehörte ebenfalls zu dieser Gesellschaft. Und er erzählte den Freunden eines Tages das folgende Erledniß: Vor einigen Tagen sei er allein, von I dummen Gedanken geplagt, gegen , citmng über o:e Felder und Wemf berge gegangen, als vlckzlich. wie aus dcm Boden heraudgesprungen, ein Mädchen vor ihm stand, wie er es j schöner nie r.nd nimmer gesehen habe. Es blickte mit seinen blauen, großen Augen keck und ungenirt dem Fremden in 's Gesicht. Eben hatte er ein Gesprüch mit dem reizenden Kinde begonnen. als eine r.ulhe Stimme Anna" rief. Tie Kleine machte einen aller-

liebsten Knix und lief gegen ein cinsames Haus, dem Winkclmann gleichfalls feine Schritte zuwendete. ES war Abend geworden, tiefe Stille herrschte ringsum Alsdann pfirt Di Gott Netterl! Pfirt Ti Gott! Spirr gut zua und stell Tir'n Sessel vordieThül. Schlaf guat, mei' Katzerl!" ' Vater! Kümmern 's Jhna net um mi! I fürcht mi' net! Mit Zwa nimm' i 's auf und is a Tritter do, so hab' i ja dls große Brodmcsser!" Dcr Alte ging, die Anna verschloß die Thür, man hörte, wie ein Riegel vorgeschoben, ein . schwerer Gegenstand an die Thüre gerückt wurde und dann Alles ruhig war. Seitdem war Winkelmann alltäglich hinausgekommen nach dcm Häuschen und hatte dort mit der Anna geplaudert, bis die Stunde kam, da sie sich in die Hütte einsperren mußte. Und jetzt bist Du verliebt bis über die Ohren!" sagte dcr schmucke Straß burgcr Lieutenant zu Winkelmann. Ich kann'S nicht lcugncn! Und um Euch AlleS zu sagen, ich habe bei dcm Alten sogar um die Hand dcs Mädchens angehalten!"

Beim alten Zwicker?" lachte Ma 1 1 thiaS Stcinlcchncr, wie dcr Weinbauer von Hernals sich richtig schreibt. Ter Narr hat natürlich Na" asagt!" Errathen, lieber Freund! Wissen Sie, was dcr Manu zu mir sagte? Mei' lieber Freund! Sie san mer zu reich. Kommen's zu mir. wann 's ka Geld hab.'n." Und damit ließ mich der Alte steh'n." In den Abendstunden fuhr die Gescllschaft in die Stadt zurück. Andreas!" sagte der Lieutenant zu seinem Freunde und Landsmann, schlag' Tir die dumme Liebe aus dcm Kopfe und komm' mit mir. Ich hab' ein Mittel, um die Fee von den Weinbergen vergessen zu machen!" Und das wäre ?" fragte Winkelmann lachend. Das Spiel! Komm' in die Plankcngasse. Es sind die schönsten Müd chen dort, lautcr Pariserinnen.'' Winkelmann willigte ein und betrat mit dcm Lieutenant die Salons in der Plankcngasse. Winkelmann hatte kein Geld bei sich. Aber dcr alte Marcher war da, der jeden Menschen in Wien kannte und der dcm reichen Hausherrnsöhne gern 1000 Tucatcn vorstreckte gegen einen kleinen Wisch, worin er sich verpflichtete, morgen 1200 Tueaten zurückzuzahlcn. Winkclmann unterschrieb und als dcr Morgcn heraufbümmcrte und die EroupicrS das Spiel für be endigt erklärten, war er 1200 Tucaten schuldig und hatte die Anna nicht vergesscn. Ter alte Zwicker kam des Morgens in seine Hütte und fand sein liebes Mädchen mit rothgcwcintcn Augen am Tische sitzen, das' Bett dcr Anna war unberührt. Tcr Bettler vom SpielHaus lccrtc seine Tasche aus. Er hatte ein gutes Geschäft gemacht; mehr als 150 Tncaten brachte er mit. Tu, Ncttl!" sagte er: Im Vertrauen kann i Tir's sag'n, daß Tu Tcin' Andreas bald kricgcn wirst. Ter Herr von Winkclmann wird bald arm sein!" Gott soll'S geben!" lispelte Anna und faltete die Hände. Nach acht Tagen stürmte Andreas Winkclmann cincm Wahnsinnigen gleich aus dcm Hause in der Plankengasse. Alles verloren," stöhnte er, draußen angelangt. Ich bin ein Bettler!" Alles ist gewonnen! Sie haben die Tochter deS Bettlers!" sprach jetzt eine Stimme neben ihm. Winkelmann schaute auf. Ein alter Mann stand bei ihm der alte Zwicker. Er hatte ihn nie unter der Schaar dcr Bettler bemerkt. Ich bin arm!" sagte Andreas und ein bitteres Lächeln umspielte seine blutleeren Lippen. 9 Sie sind glücklich! Auf diese Stunde hab' ich mich gefreut! Kommen's. Herr Winkclmann." Anna schlief, als der Vater heim kehrte. Winkelmann mußte draußen vor dcr Hütte stehen bleiben. Als der Alte Licht schlug, erwachte das Mädchen. Vater! Ist dcr Andreas schon arm?" fragte sie. BcUeltuti is er!", erwiderte der Alte. Traußcn steht er." Andreas hatte jedes Wort gehört. Nach einigen Minuten wurde die Thüre geöffnet und Anna lag an feinem Halse. Tcr alte Zwicker führte den jnngcn Mann zu einer Truhe und öffnete sie. Sie war voll mit Tukatcn. Tas is die Aussteuer von meiner Nctt'l!" Mei Madl is das Kind von an Bettler, aber kan Bcttclkind, und So werden sich der Anna nct z'schämen brauchen." Andreas Winkelmann rettete mit den Tukaten Zwicker's noch zwei sei ner Häuser in dcr Zieglergasse. Er starb, ein angesehener Bürger von Schottcnfcld. in den Oktobcrtagen des Jahres 185K F ü r s.o r g l i ch. Bäuerin (zum Theaterkassirer): Gewe Se mir zwei Stehplatz, awer neweenanner, denn ich hunit mei Enkelch: bei mir! Im Gcschäftseifer. Sie: Hast Te gelesen, Moritz, der Baron Goldstcin hat gegeben 100 Mark für Obdachlose?" Er: Wie haißt 100 Ä?ark! Hab' Ich gestern erst gegeben 5000 Mark für Tatenlose!" Schneidige Wendung. Bataillonsadjutant (vor dcr Vcrcidigung dcr ncucn Einjährigen): Wenn Sie den Hahnencid brechen, so werden Sie nach Spandau gebracht. Tas ist hier untcn, in der Zeitlichkcit. Außer fccm aber sctzcn Sie sich auch im ewigen Lcbcn ganz kolossalen Unannchmlichkeiten aus!" Kathederblüthe. Professor (vortragend): Diese wilden Neaervölker sind noch so wenig ciöilisirt, daß sie nicht die geringste Kleidung besitzen, sondern völlig nackt gehen; hingegen sind sie so gastfrei, daß sie für jhtt Gäste im Stande sind, das letzte Hemd vom Leibe herzugeben!"

Der PellergeZster Lache. In des Kellers tiefem Dunkel, ', Hinter Fässern klein und groß. Tummelt sich im Uebermuthe Kellergeister wilder Troß. . . Süß benebelt von dem Dufte, Der vom Traubensaft steigt auf.

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Springt die Schaar der MännchenAusgelassen ab und auf. Oeffnet sich die Kellerthllre, ' Treten durst'ge Gäste ein Hui! da flüchten sie voll Ingrimm, Und voll Neid um ihren" Wein. Faß um Faß wird angestochen; Glas um Glas voll edlem Saft' Durch der Zecher Gurgel rieselt Mit Gejohle lasterhaft! Und die Geister ach! die armen! Nicht zu mucksen sie sich trau'n, Keiner wagt es mehr, zu springen. Alle sitzen still und schau'n. Doch verlassen dann die Gaste Arm in Arm den Kellerraum, Zwingen unsichtbar die Zwerglein Sie zu manchem Purzelbaum. ' Hängen sich an ihre Schöße, Treiben tollen Schabernack, Zerren rechts und links mit Kichern Das bezechte Lumpenpack". Und fällt Einer nach dem Andern, Dem ein Bein gestellt .ein Zwerg, Hei! dann ruft der Chorus jubelnde Das ist unser Rächewerk!" Anatomischer Irrthum., Regimentsarzt: Was wollen Sie Sie sind za ganz gesund! Soldat: Herr Doctor, ick habe jehört, wenn det Trommelfell jeplatzt is, denn konnte man sich krank melden! Im Zweifel. "-rvtd Gast: Kathi Sie sind doch die schmuckste Kellnerin, die ich je gesehen habe. Kathi: Meinen Sie's wirkli. Herr Pumphuber. oder wollen's heut' nur die Zech' schuldig bleib'n?! Scharfe Kritik. Madame: Na, Mina, was thäten wenn (bie so Klavier spielen konn ten. wie ick?" Dienstmädchen: Dann würde ich Unterricht nehmen. Leidlich. Vater (ärgerlich): Kaum ist man zu Hause, beginnt die Else mit ihrem Claviergekllmper! - Mutter: Was' du nur immer hast! Das Kind, spielt doch schon ganz leid lich! Vater: Ja, andere leiden darunter!

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Zlever die Ernährung dcsZ'äug-

lings. Von Tr. Otto Gotlhil?. " Es ist von der allerhöchsten Tragweite für die Heranbildung eines gefunden Menschengeschlechtes, daß die rationelle, vernünftige Ernährung, des Neuaeborenen zum Gemeingut aller Stände werde, von den höchsten bis in die tiefsten Schichten der Bevölkerung dringe und dadurch die Krankheitsund Sterblichkeitsziffer der Kinder im ersten Lebensjahre möglichst weit herabgedrückt werde. Sollen die künftigen Generationen nicht verkümmern. fo dürfen gerade m den ersten Lebensmonaten des Kindes keine Verstöße in der Ernährung gemacht werden, denn in dieser Zeit wird der Keim gekgt für später: Gesundheit oder späteres Sicchthum. Namentlich bei künstlich fast möchte man sagen unnatürlich" ernährten Kindern ist die Sterblichkeit noch erschreckend hoch. Nach Dr. Albrecht starben in Straßburg von' den durch die eigene Mutter Ernährten 19 Procent, von den in fremde Pflege Gegebenen 87 Procent. In München starben von den natürlich Ernährten 15 Proeent, von den kunstlich Ernährten 85 Procent. Während der Belagerung von Paris 187071 wurden in dieser Weltstadt nur 17 Procent Kinder dahingerafft, dagegen vor der Belagerung 33 Procent, weil die Mütter aus Mangel an Surrogaten gezwungen waren, ihre Kinder selbst zu nähren. Der Hauptgrundsatz für die Ernährung der Neugeborenen wird also sein und bleiben: Die erste Nahrung sei Muttermilch! Kann aber die Mutter aus Gründen, die hier nickt dargelegt werden können, ihr Kind nicht selbst stillen, so ist der Nächstliegende Ersatz eine andere Mutter, die Amme. Wohl sträuben sich viele Eltern aus pecuniaren und moralischen Gründen gegen, dieses Aushilssmittel, zumal eine Amme keineswegs zu den Annehmlichkeiten eines Haushaltes gehört. Aber sehr, oft ist dieselbe die einzige Rettung des Kindes, und dann müssen dieser Thatsache gegenüber alle anderen Rücksichten in den Hintergrund treten, ja selbst wenn das Stammseidel des Hausherrn 'darüber leer stehen und seine Cigarre erlöschen sollte. Man nimmt doch wahrlich gern Unannehmlichkeiten mit in den Kauf, wenn es gilt, sein Kindlein am Leben zu erhalten. Stets aber soll die Amme vor der Annahme vom Hausarzte genau untersucht werden. Die rein natürliche Nahrung soll unter 'normalen Verhältnissen ungefähr bis zum zehnten Lebensmona! beibehalten werden. Dann möge der Säugling ganz allmählich durch Zugäbe von künstlicher Kost entwöhnt werden. Jedoch ist hierüber der Haus arzt zu Rathe zu ziehen. Mitten in einer Zahnperiode oder im Hochsom mer darf man nicht entwöhnen. Auch die künstliche Nahrung soll das Kind nur mit der Saugflasce erhalten, deren Gummihütchen nicht groe, sondern nur kleine Löcher hat. Dadurch wird die Nahrung dem Munde ganz allmählich einverleibt und besser verbaut, als bei einer loffelwelsen Auf nähme. Auch regt der Akt des Saugens die Darmbewegungen und die Absonderung von Verdauungsflüssigleiten an, trägt also viel zur Ausnutz ung der Nahrung bei. Saugflafche und Saughlltchen müssen vor und unmittelbar nach dem Gebrauch aründlich gereinigt werden und m der Zwi schenzeit in reinem Wasser liegen. Wird nicht die peinlichste Reinlichkeit innegehalten, so entstehen leicht Magen- und Mundkrankheiten. Auch besichtige und reinige man bei Gelegenheit der täglichen Waschungen den Mund des Kindes mit einem nassen Läppchen bis tief nach hinten. Die Wärme der künstlichen Nahrung soll stets dieselbe fein wie jene der Muttermilch, nämlich 33 Grad Celsius. Auf ein Ungefähr", abgeschätzt durch Probiren, darf man sich durchaus nicht verlassen. Der beste Ersatz für die natürliche Nahrung ist, wenn entsprechend zubereitet, di: Kuhmilch. Da diese aber im Magen zu massigen Klumpen qerinnt und dadurch schwer verdaulich wird, so empfiehlt sich eine Vermengung mit Gerstenschleim. Diesen bereite man sich selbst aus ganzen Gerstenkörnern (Graupen), und nicht aus bereits gemahlenem, sehr oft unreifem. Gerstenmehl. Professor Jakobi gibt .hierfür folgende Anweisung: Koch: einen Theelöffel voll gepulverter, in der Kaffeemühle gemahlener Gerste und eine Tasse Wasser mit etwas Salz 13 Minuten lang, seihe es durch und mische es mit Milch und einem Stück Zucker." Für ganz kleine Kinder soll diese Nahrung bestehen aus einem Theile Milch und drei Theilen Gerstenschleim, sür Kinder von zwei bis fünf Monaten aus einem Theil-: Milch und zwei Theilen Gerstenschleim. für ältere Kinder aus gleichen Theilen. Wenn Kinder an Verstopfung leiden, soll man Haferschleim statt Gerstenschleim nehmen. bei Neigung zum Durchfall aber (auch im Hochsommer) nur Gerstenschleim, vermischt mit Milch. Im Sommer möge man, um vor sauer gewordener Nahrung ganz sicher zu sein, die Mischun mit einem Streiken von blauem Lackmuspapier prüfen) wenn dasselbe intensiv roth wird, so muß die Nahrung frisck zubereitet werden. Ein vorzüglicher Zusatz, aber etwas theurer, ist dünne Brühe aus Kalbsknochen. Sie hat vor dcm Gerstenoder Haferschleim den Vorzug, dem kindlichen Körper eine c:roße Menge öon phosphorsauren Salze zuzuführen, was bei schwächlich gebauten Kindern sür di: Festigung der Knochen

großen Werth hat. Besonders ist die?

in Familien wichtig, wo die Kinder Anlaag zur Rhachitis (Knochenerweichung) zeigen. Hat man nun die Kuhmilch ie nach dem Alter des Kindes verdünnt und etwas gezuckert, so wartet ihrer noch eine wichtige Procedur und zwar die wichtigste von cllen zum richtigen Gelingen der künstlichen Ernährung: das Kochen. Kleinen Kindern darf nur gehörig durchgekochte Milch verabreicht werden, nicht bloß aufgekochte. Es kommen nämlich beim Melken aus der umgebenden Luft, von den Milchgefaßen. den Händen deS Melkers, dem Euter selbst in die Milch nn: Unmenge von Gährungserregern (Bakterien). Diese Missethäter gelangen dann mit der Milch in den Magen und Darmkana! und erzeugen dort mehr oder weniger gefährliche Verdauungsstöruni w w t or aen. nas ve :e wuxui zu ihrer Ver nichtung -bietet, ein längeres Durchkochen. Nun noch ein Wort zu dcr Frage, ob kleine Kinder am Tische mit den Eltern und Geschwistern beim Essen zusammen fein dürfen. Ich sage entschieden: Nem!" Denn immer ist man versucht, den kleinen Lieblingen von den auf dem Tische stehenden Speisen zu verabreichen. Ein Kind langt eben nach allem, was es sieht, und die meisten Eltern sind dann so schwach, diesem Haschen nachzugeben zum größten Nachtheil für das Kind. Grobes Brot,.ungekochtes Obst, geröstete Kar toffeln, grüner Salat, süße und fette Speisen sind aber selbst einem zwei Jahre alten Kinde noch nicht zuträgZich. Ebenso darf man die Kleinen nicht an erregende Getränke wie Wein, Bier. Kaffee oder Thee gewöhnen. Im Kindesalter ist vollständige Abstinenz geboten. Das Nervensystem wird für das spätere Leben aus dieser Maßregel nur den größten Nutzen ziehen! Wohl gibt es noch mehrere internere Rathschläge für die Ernährung des Säuglings, welche von hoher Wichtigkeit sind, jedoch hier nicht gut öffentlich erörtert werden können. Lord Nelson und Lad!) Hamilton. Die berühmte Seeschlacht von Abukir, welche am 3. August 1793 stattfand, bereitete der französischen Flotte eine großartige Niederlage. Die viel kleinere Zahl der englischen Linienschiffe wurde durch den kühnen Angriffsplan ihresBefehlshabcrs in wahrhaft glänzender Weise zum vollständigen Siege geführt. Aus dem verzweiselten Kampfe schien Anfangs der französische Admiral als Sieger hervorzugehen, eS entstand jedoch eine große Verwirrung durch eine Feuersbrunst auf den 'Schiffen, eine Pulverkammer ezplodirte und sprengte die herrlichsten Schiffe in die Luft. Der Sieger von Abukir hieß Horatio Nelson; er wurde weltberühmt und erhielt den Baronstitel nebst einer reichen Dotation. Er war eben vierzig Jahre alt geworden und hatt: bereits ein Auge sowie einen Arm in der Schlacht verloren. Obgleich zum Krüppel geschössen, wurde er von den Frauen vergötte.rt und hegte selbst eine leiden'schaftliche Liebe für die berühmteste Schönheit jener Tage, die vielbesprochene Lady Emma Hamilton. Die Lebensgeschichte dieser Dame ist ein sehr bunter Roman. Sie war nicht wie Venus aus dem Schaum des Meeres geboren, sondern aus dem Schlamm der Sünde entstanden. Ihre Mutter war ein armes Dienstmädchen, Namens Harte, welches das dreizehnjährige Kind an einen reichen Mann verkaufte. Er ließ sie unterrichten und freute sich über ihren lebhaften Geist. Sie ias eifrig alte Romane und wollte sich sür das Theater ausbilden. Doch gelang ihr dies nicht, und sie gerieth in so große Noth, daß sie als Bettlerin ihren Unterhalt verdienen mußte. Ihre Schönheit fiel dabei einem Arzt auf, der sie als Göttin der Gesundheit bei seinen Kunden einführte. Ihre Herrlich: Gestalt soll an fleischgewordenen Marmor erinnert haben, und ihr Talent. anmuthige Stellungen auszuführen, entwickelte sich alsbald. Die Weihe der Kunst fehlte zwar Anfangs, jedoch fand sic sich b:i zunehmender Bildung in überraschender Weise ein. Attitüden" nannte man ihre Darstellungen, die allgemeines Aussehen erregten. Der englische Gesandte Sir William Hamilton sah sie in Neapel und ward von denselben so bezaubert, daß er die Dame zu seiner Gemahlin erhob. Als solche erlernte sie sehr schnell die Manieren der vornehmen Welt, und ihr Haus galt sogar bald sür die Krone derselben Sir William Hamilton sagte, daß seine Gemahlin die schönsten Kunstwerke der Antike nachzubilden verstehe, und daß sie ihn mehr entzückte als diese. Als Lord Nelson in ihren Salons erschien, suchte Lady Hamilton ihn zu erobern, indem sie ihn als Sieger von Abukir feierte. Es entstand ein Liebesverhältniß daraus. L??d Nelson, der berühmte Held, wurde ein tadelnswerther Schwächling, ließ sich von seiner trefflichenGattin scheiden und ging mit der schöne Emma, deren Gemahl mit feinen Kunstschätzcn auf einer Seereise trunken war. nach Deutschland. In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts durchzog Lady Hamilton ganz Europa als alte, häßliche Frau und versuchte ti, Geld zu erwerben durch Darstellungen ihres Shawltanzes und ihrer Attidüden, aber Niemand wollte ihr glauben, daß sie wirklich einst schön gewesen sei. Das Alter ohn: Wunde ist ein Schrcckbild! Als Nachahmerinnen ihrer Attitüden und des Shawltanzes traten die Händel-Schütz und die Recamier auf, do.ch sind Beide in dcr Jetztzeit ganz vergessen.