Indiana Tribüne, Volume 18, Number 61, Indianapolis, Marion County, 18 November 1894 — Page 6
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Ein U'.icdcrschtt. Erzählung von M. von T'e'oni.
Heller Lichte?sch:in strahlte aus den Fenstern d:r hübschen Villa des Zirectors der Hamburger Pulverfabrik Bruno Schmidt und fiel weit hinaus in die dunkle Sommernacht. Die kleine Gesellschaft, die sich be. dem Fadrikdirector zusammengefunden zurAbschiedsfeier seines Bruders Erich, eines jungen Marineofficiers. der am nachsten Tage seine große Reise um die Welt antreten sollte, stand noch theils plaudernd, theils mit dem Anlegen der Garderobe beschäftigt, im Vestibül des Hauses. Vor der Thür wartete mit einer Laterne der Schiffer, der die Herrschaften über die Elbe zurückrudern sollte. Endlich kam's zum Aufbruch. Der junge Marrnelieutenant trat als erster heraus und bedeutete den Schiffer voranzuleuchten; dann bot er seinen Arm einem jungen Mädchen, das ihm gefolgt war und schlug den Weg, der f.ux Elbe herunterführte, ein. Er beschleunigte seine Schritte etwas, so daß zwischen ihnen und den Nachfolgeaden ein klein:? Zwischenraum blieb. Ein leiser Wind hatte sich erhoben, cr jagte die Wolken am Himmel hin und her, den Mond ost verdeckend; doch siegreich brach er bald wieder hervor, die Waldlandschaft umher in einen zauberhaften Silberschimmer tauchend. Das Paar schwieg noch immer, doch beiden klopfte fast hörbar das Herz. ZNarga Richter wußte genau.daß etwas Entscheidendes kommen würde, kommen mußte, und fürchtet es fast. Ihm raubte die Erregung der Stunde fast den Athm. Fräulein Marga", sagte e: plötzlich. Sie hob' das reizende Gesicht, das, vom weißen Gazeschleier umrahmt, durch den Mondenglanz einen fast märchenhaften Ausdruck erhielt, zu ihm emP07. nfräuletit Marga," fuhr er leidenschaftlich fort, Sie wissen ganz genau, wie mir das Herz voll ist, wissen es, wie ich Sie liebe! Sagen Sie mir ein Wort soll ich darf ich zu Ihren Eltern sprechen?" Und in athemloser Unruh: beugte er sich zu ihr hercb. Jetzt hielt sie den Kopf tief gesenkt. Sie gehen ja fort", murmelte sie fast tonlos. Ja, ich geh: fort, Marga, aber wir sind beide noch so jung wir können warten und wenn ich wiederkomme in zwei Jahren Marga, sehen Sie mich an " Sie hob das todtenblaß gewordene Antlitz mit einem Ausdruck ruhiger Entschloß enheit in den schimmernden ixenaug'.n empor. Ja," sagte sie dann schnell und kurz. Er preßte ihre Hand in dem Jubel seines Herzens überhörte er, wie seltsam rauh ihre Stimme geklungen. Die anderen kamen näher nur Sekunden des Alleinseins blieben ihnen noch. Sie sagen es Niemandem, bitte, jetzt noch nicht," flüsterte sie ihm schnell und eindringlich zu. Niemandem!" gab er leise und innig zurück. Die Ihrigen waren herangekommen, man trennte sich vom Director und seiner lustigen, kleinen Frau Lilli, die Marga mit überschwenglicher ZärtlichZeit in ihre Arme schloß und küßte; dann löste der Schiffer die Kette des Kahnes, sie stiegen ein, er stieß vom Ufer ab Marga wußt: kaum, wie sie auf ihren Platz am Steuer gelangt war. So schnell und plötzlich war alles ' gekommen; der Schein der Laterne war noch einmal auf sein offenes Männercntlitz gefallen, noch - einmal hatten seine blauen Augen sie aufleuchtend gegrüßt. Auf Wiedersehen!" rief er ihnen nach mit einer Stimme, aus der so diel kioffnungZvolle Freudigkeit klang Marga wußte, nur ihr allein galt der Gruß. Die andern gaben lachend den Ruf zurück sie nur schwieg und lenkte das Boot hinein in den Nebel der Nacht, der bald alles verschlang. Als Marga eine Stunde später in ihrem Zimmer mit sich allein war, öffuete sie ein geheimes Fach ihresSchreibtisches und entnahm ihm ein Bild, das sie lange betrachtete aber es trug nicht die Züge des Mannes, dem sie soeben ihr Wort gegeben, und aus ihrcm Auge fielen ein paar heiße Tropfen darauf. Dann richtete sie sich noch auf, warf es von sich, wischte mit einer Gebärde des Unmuths die letzten Thränenspuren fort, und mit demselben entschlossenen Ausdruck wie vorher sprach sie laut vor sich hin: Ich will!" Fünf Monate später. In Hellem Sonnenlicht liegt der Hafen von Auckland. Leise klatschen 'die. Wellen an den Bug der Schiffe, und während sie kleinere Fahrzeug: lustig tanzen machen, vermögen sie dem großen deutschen Kanonenboot, das gestern hier eingelaufen, nichts anzuhaben. Wie eine schwere, bewegungslose Masse liegt der Noloß da. Es ist still an Bord; die Mannschaft hat zum größten Theil Urlaub und auch die Officiere mit lvenigen Ausnahmen sind u den Hafenort gewandert, froh, einmal wieder festes Land unter den Füßen zu fühlen. Wer in der Heimath Liebes hinterließ, stürmt in froher Hast dem Postamt zu, auf dem er Grüße ron Weib und Kind, der Mutter oder Geliebten zu finden hofft; die Jüngeren schlendern in der unbekannten Stadt umher, hier und da einer braunen, Insulanerin neugierig
ins tättowirte Gestcht schaucnd. in ce: Hoffnung aus ein lustiges Abenteuer. Nur ein Offieicr ist an Deck. Erich Schmidt blieb freiwillig zurück es ist ihm lieb, mit seinen Gedanken allein sein zu können. Abenteuer locken ihn nicht, und so gar eilig hat er's auch nicht mit seinen Briefen; ein Kamerad wird ihm bringen, was für ihn angelangt ist. Von ihr, an die er denkt bei Tag und Nacht, ist ja doch kein Brief dabei sie hatte es so bestimmt damals damals. . . . und die ganze Zeit steigt mit diesem Wort wieder vor ihm auf. Er hatte ihr am nächsten Morgen doch noch ein paar Zeilen gesandt heimlich durch den Schifferknaben ihr noch einmal von seiner Liebe, seiner Hoffnung gesprochen und um noch ein Wort von ihr gebettelt. Die Antwort war auch gekommen, ruhiger zwar als er gehofft, aber es war doch ein festes Ja", das sie ihm gab, mit der Bitte freilich, die zwei Jahre der Trennung gleichsam als eine Prüfung für sie beide zu betrachten. Wir wollen uns nicht schreiben", so schloß sie. sondern sehen, ob unser Gefühl stark genug ist, auch ohne äußere Nahrung die Zeit zu überdauern." Und er hatte es recht und gut gesunden, weil sie es so gewollt, so schwer es ihm auch wurde und so oft er sich auch bei dem brnnenden Wunsche ertappte, dem Papier all' seine Sehnsucht anzuvertrauen; doch er bezwäng sich, er wollte nicht schwächer sein als sie. Und dennoch klopfte ihm stets das Herz, wenn er die Briefe seiner Schwägerin öffnete es konnte doch von ihr die Rede darin sein, Lilli konnte sie gesehen, gesprochen haben, obwohl er sich sagen mußte, daß sie jetzt, im Winter, nicht mehr mit den Ihrigen in dem Landhause an der Elbe, sondern in der Residenz wohnte. Da schlägt ihn mitten in all' seinem Träumen plötzlich eine Hand etwas derb auf die Schulter; erschrocken fährt er in die Höhe. Na, Mensch", sagt sein Freund, der Officier vom Deck, sei doch nicht 1 so verbiestert, woran denkst du denn da" und er schiebt ihm ein Packet Briefe in die Hand, da hast du deine Liebesbriefe viel Vergnügen!" Und sich auf den ' Hacken herumdrehend, läßt er den Freund diskret allein, im nöthig", wie Erich lächelnd meint. Er sieht die Briefe durch, von dem Bruder der eine, der da vom Schulfreund da! Was ist das? Täuschen ihn seine Augen nicht? Ist das nicht ihre Hand? Er reißt das Couvert auf leichenfahl starrt er auf das Blatt ist er wahnsinnig? Marga Richter Hans Henning von Retzow" steht das wirklich da? Und dann flüchtig hingeworfene Worte von ihrer Hand Worte es tanzt ihm alles vor den Augen: Verzeihung. Verzeihung ich weiß, ich thue Ihnen weh, aber ich konnte, ich kann nicht anders! Ich liebte ihn schon lange, lange, eh' ich Sie sah, aber ich glaubte mich verschmäht, verrathen, seine eigene Schwester ließ mich's glauben! Da verzweifelte ich und meinte es nicht zu tragen. Als Sie nun kamen ich hatte Sie gern ich wollte vergessen, wollte wieder leben, für Sie, mit nen ach! Ich wußte nicht, daß Liebe sich nicht tödten läßt! Und als er nun doch vor mir stand und mich beaehrte da konnte ich nicht anders! Zürnen Sie mir nicht ich zürne mir ja selbst, aber mein Herz ist willenlos vor ihm! Verzeihen Sie alles Glück, allen Frieden fleht auf Sie herab Marga." - Der Deckofficier sieht mit Verwunderung. wie Erich den Brief, in dem er eben gelesen, plötzlich zu einem Knäuel zusammenballt .-und ihn, gellend auflachend, in weitem Bogen über Bord des Schiffes schleudert. Nanu, was ist denn los?" sragt er herantretend, schlechte Nachricht erhalten?" Gute, mein Junge, gute!" ruft Erich, convulsivisch lustig. Alles lebt herrlich und in Freuden im lieben Vaterland warum wir hier. nicht auch? Komm mit an's Land, mein Sohn, wir wollen uns mal einen vergnügten Tag machen heut, ich hab's satt, immer nur an die bretternc Schiffswand mein träumend Haupt zu legen. Sekt will ich trinken, lachen " Der andere faßt ihn besorgt am Arm. Ruhig, ruhig, mein Junge, sieh, ich will ja nicht fragen, aber so gefällst du mir nicht!" Laß mich",- fährt dieser ihn an, und wenn du nicht willst, so gehe ich allein." Damit stürzt er fort. Der junge Officier pfeift leise vor sich hin. Die Wellen schäumen die glitzernde. Sonne vergoldet ihren weißcnGischt, und sie spülen weit hinaus in den Ocean ein Blatt Papier, auf dem wieder einmal das alte Lied steht von ver rathener Liebe, gebrochener Treue! Jahre waren vergangen. Ihre Wege hatten sich nicht wieder gekreuzt. Nur flüchtig hatten sie voneinander gehört. Er vermied es, die Seinen nach ihr zu fragen, und diese schwiegen aus Scho-. nung für ihn. Durch dritte aber, die nichts von ihren Beziehungen ahnten, erfuhr er. daß bald nach ihrer Vermählung ihr Mann vom Pferde gestürzt war. in einer Heilanstalt untergebracht werden mußte, wo er verstarb, nachdem sie sechs Wochen vorher einem Knaben das Leben gegeben. Er fühlte kaum etwas bei dieser Nachricht und wunderte sich selbst, mit welcher Ruhe und Gleickailtiakeit er
von ihr reden hören konnte. Sie sei sehr schön geworden, erzählte man wei ter, als geistreiche, graziöse Frau in den literarisch-ästbetischen Kreisen der Hauptstadt eine gefeierte Persönlich-
keit. Auch das ließ ihn kalt. Sein Beruf, dem er sich mit ganzer Seele hingegeben, füllte ihn jetzt völlig aus. Marga hatte die Verbindung' mit den Seinen nie ganz erlöschen lassen. Briefe gingen zwischen Lilli und ihr, wenn auch nicht häufig, so doch zweibis dreimal jährlich hin und her. Lilli, trotz der großen Enttäuschung, daß ihr Lieblingsplan, die Vereinigung des Schwagers mit der Freundin, so jäh gescheitert, konnte sich dem Zauber von Margas Persönlichkeit nicht ganz entziehen. Nachdem der erste Groll überwunden, brach in ihr die alte Neigung für die Jugendfreundin wieder hervor, und das schwere Geschick, das Marga in ihrer kurzen, unglücklichen Ehe getroffen, söhnte sie vollends mit ihr aus. Durch Lilli erfuhr denn Marga auch, daß Erich sich vier Jahre nach seiner Rückkehr mit einem jungen MLdchen verheirathet habe, einem lieben, bescheidenen Geschöpf, in dessen Besitz er glücklich und zufrieden sei. Etwas Wie ein leiser Unmuth lag zwischen den Zeilen oder schien es Marga nur so? Ein unmerkliches Zucken ihres Herzens machte sie stutzig. Sie hatte sich gewöhnt, ihre Empfindungen streng zu, seciren war's möglich? War sie eifersüchtig, sie? Und mit ' welchem Recht? That er nicht wohl daran, Trost zu suchen für die bittere Täuschung, die ihm von ihr geworden? Und sie, was wollte sie denn war sie nicht fertig mit alledem? Sie hatte ja doch in den entsetzlichen Monaten ihrer trüben Ehe kennen aelernt, wie wenig die Wirklichkeit von allem bietet, was ein' thörichte's Menschenherz sich vorgaukelt von Liebe und Glück! Sie hatte ihr Kind für sie mußte alles andere vorbei sein Thorheit, auch nur darüber nachzusinnen! Aber sie blieb doch stiller und nachdenklicher als gewöhnlich, und die Schaar ihrer Verehrer, die ihr wie sonst ihre Huldigungen darbrachten, was sie früher stets lächelnd geduldet, beklagte sich bitter an dem Tage ob ihrer Zerstreutheit und Wortkargheit. Marga war Vormund ihres Knaben; der Gegenvormund, ein Verwandter und Jurist, wohnte in det Kreisstadt, die unweit der Pulverfabrik des Directors Schmidt lag. Alljährlich pflegte sie zur Berathung mit dem Vormunde nach der Kreisstadt zu fahren, hatte es aber stets bisher vermieden, Lilli aufzusuchen, obwohl sie jedesmal dringend dazu aufgefordert war. Nun aber ließ, sich Lilli nicht wieder zurückweisen; sie schrieb, Marga müsse am nächsten Tage schon kommen, sonst werde sie ernstlich böse! So entschloß sich denn Marga, dem Drängen der Freundin nachzugeben und auf einen halben Tag hinüberzufahren. Warum sollte sie auch, nicht? Ein Begegnen war wohl ausgeschlossen Erich lebte mit seiner Frau in Kiel, und wenn auch nicht was that es? Er war ja gebunden, glücklich in seiner Ehe und dachte gewiß nicht mehr an die Vergangenheit! So fuhr sie die halbe Stunde von der Bahn durch den Wald der Behausung Lillis zu. Jubelnd begrüßt mit einem Gott, wie schön bist du geworden." ließ sie lächelnd den Wortschwall der redseligen, kleinen Frau über sich ergehen. Sie bewunderte das Wachsthum der Kinder, besah die zum Theil neue Einrichtung und blieb plötzlich vor einer Photographie stehen, die mit einem schwarzen Flor umrahmt war. Wer ist das?" fragte sie. Die kleine Frau wurde etwas roth. Das. . . das war Erichs Frau.... du weißt doch oder habe ich's dir gar nicht geschrieben, die Aermste ist vor einem Jahre bei der Geburt ihres kleinen Mädchens gestorben. Es war zu traurig!" Du hast mir nichts davon geschrieben", sagte Marqa tonlos und blickte auf das stille, hübsche Gesicht, das durch ein Paar dunkle, sanfte Augen unendlich verschönt wurde. Ja." fuhr Lilli immer etwas unruhig fort, und denke nur. wie merkwürdig gestern früh kommt eine Depesche von Erick. er muß fort, hat ein Commando nach China, und da will er uns heute sein Kind bringen " Und sie blickte nach der Thür. Du bist mir doch nicht böse. Marga, daß ich's dich nicht wissen ließ; aber ich dachte, einmal müßtet ihr euch ja wohl doch wiedersehen und Gott, ich glaube, da sind sie!" Und sie eilte hinaus. Marga stand unbeweglich. Sie fühlte, 'wie ihr Herz plötzlich anfing zu klopfen. Doch es galt, sich zu fassen schnell ging sie von dem Bilde fort und trat an's Fenster. Die Thür öffnet: sich Marga wandte sich um. Erich trat herein, älter geworden, der Zug fester Männlichkeit war noch verschärfter; in den noch vollen. blonden Locken schimmerten einzelne silberne Fäden. Ein Mensch, der gelitten hct", dachte Marga. Mit ruhiger Höflichkeit trat er auf sie zu. Lilli sagte mir schon, daß ich Sie hier begrüßen könne, gnädige Frau welch freundlicher Zufall!" Ich danke Ihnen, Herr Capitän," erwiderte Marga und fuhr dann fort: Darf ich Ihnen sagen, wie traurig es mich qemacht.zu hören, daß solch schweres Leid Sie getroffen?" Und sie streckte ihm die Hand entgegen. Er drückte sie freundlich. Dank!" sagte er einfach. Der Director erschien Begrüßung des Bruders. Besprechen seiner Reise-
vl'äne und der Behandlung des Kindes, das man schlafend in Lillis Zimmer getragen' hatte, folgten. Dann ging man zu T:sch.
Der Director tot Marga den Arm an dem kleinen, für vier -Personen gedeckten Tisch saß Erich ihr gegen über. Er beobachtete sie schweigend, während sie mit einer Lebhaftigkeit, die ihre innere Beklommenheit verdecken sollte, die Unterhaltung führte. Ja, sie war schön geworden, das Gerücht hatte nicht übertrieben. Das fast 'griechisch-regelmäßige Gesicht war jetzt schmaler und hatte einen matten Elfenbeinton, die Augen erschienen noch größer und schillerten wie früher in stets wechselndem Grün-Grau. Die prachtvollen Wellen ihres goldbraunen Haares legten sich wie gebändigte Ranken um den zierlichen Kopf und bedeckten fast die kleinen Ohren.um sich im Nacken zu einem Knoten zu vereinen. Klythia!" so ging's ihm durch den Sinn. - Und so einfach die Haartracht war, so einfach auch das schwarze Kleid, das sie trugdoch allem war der Stempel tadelloer Eleganz aufgeprägt. Eine schöne Frau!" wiederholte er für sich. Der alte Zauber drohte wieder über ihn zu kommen, alte Erinnerungen tauchten auf und ließen sein Herz erheben, heut und damals lag nicht eine Ewigkeit dazwischen? Sie merkte, daß er sie beobachtete, ihre Wangen färbten sich höher, der Wein regte sie an, ihr Ehrgeiz, ihre Eitelkeit wurden angefacht plötzlich fühlte sie's selbst mit freudigem Erschrecken: sie wollte ihm gefallen! Den Kaffee nahm man draußen auf der Veranda, alles wie früher. Da ertönte die Stimme des Kindes, das von der Wärterin gebracht, nach dem Vater rief. Marga ging ihr entgegen, nahm das Kleine auf den Arm und küßte das Eeschöpfchen, unter dessen blondem Lockengewirr die dunklen Augen der Mutter hervorleuchteten, mit inniger Zärtlichkeit. Was für ein süßes, kleines Menschenkind!" sagte sie leise. Da blickten Erichs Augen sie plötzlich warm aufleuchtend an, so daß sie die ihren niederschlug. Hastig gab sie der Frau das Kind zurück. Wie spät mag es sein?" fragte sie fast verlegen, ich muß den Fünsuhrzug erreichen, sonst komme ich vor Nacht nicht nach der Stadt. Der Wagen soll sofort erscheinen," sagte der Director, aber ich bin untröstlich, gnädige Frau, Sie nicht zur Station begleiten zu können. Es sind wieder ein paar Unregelmäßigkeiten in der Fabrik vorgekommen, so daß ich nicht gut abkommen kann. Schade, daß Sie uns Ihren lieben Besuch nicht länger gönnen woll;.:," und er küßte ihr abschiednehmend die Hand, Lilli, du bringst natürlich Frau von Retzow zur Bahn." Damit schlug er, den Hut lüftend, den Weg zur Fabrik ein. Lilli kämpfte augenscheinlich mit einer gewissen Verlegenheit, dann sagte sie bittend: Gelt, Marga, es ist dir recht, wenn mein Schwager dich begleitet? Sieh, das Kind muß zur Nacht besorgt werden, und die Wärterin weiß noch nicht recht Bescheid im Haus. Nicht wahr, Erich.du thust mir den Gefallen?" Wenn die gnädige Frau nichts dagegen hat, selbstverständlich," sagte er sich verbeugend, jetzt wieder ganz formelle Höflichkeit. O bitte!" sagte Marga. Ein peinliches Gefühl überkam sie; es sah ihr wie ein abgekartetes Spiel zwischen den Eheleuten aus, und doch wollte sie nicht ablehnen. Erich hätte es ja als Furcht auslegen können! Der Wagen fuhr vor. Lilli nahm herzlichen Abschied und flüsterte ihr noch beinah' wie schuldbewußt zu: Du bist mir doch nicht böse?" Nein, nein." sagte Marga zerstreut. So schieden sie. Der offene Wagen fuhr schnell durch den Tannenwald kein Laut rührte sich. Beiden war in der Still: beklommen zu Muthe. t Marga sah verstohlen nach der Uhr über eine halbe Stunde mit ihm allein, zum ersten Male nach sechs Jahren, würde diese Stunde eine Berührung des Vergangenen ergeben, eine Anknüpfung für die Zukunft? War das möglich nach alledem? Wollte sie es denn überhaupt? Kopf und Herz waren ihr verwirrt, sie vermochte nicht zu denken, und immer peinlicher wurde das Schweigen. Er saß neben ihr und blickte mit gefurchter Stirn und zusammengepreßiem Munde vor sich nieder cr kämpfte mit gleichen' Empfindungen, das war klar. Ursprünglich sing er an von seiner Frau zu sprechen in Tönen liebevoller Wärme, herzlicher Anerkennung, gleichsam als wolle er sich wappnen durch dies Gespräch vor dem Ansturm des alten Gefühls, das über ihn kam. Marga verstand ihn wohl, und doch schmerzte sie fast jedes herzliche Wort, das er der Todten gab. Schon leuchteten von fern die Mauern des Aahnhofgebäudes durch die Bäume nur wenige Minuten noch da sah auch er erschreckt auf. Schon?" entfuhr es ihm, fast ohne daß er's gewollt. Es schien die höchste Zeit, derSchaffner stürzte heran, riß eine Coupethür des schon zur Abfahrt bereit stehenden Zuges auf. Marga zögerte noch einen Moment, sekundenlang tauchten ihre Augen fragend in die seinen. Schnell, schnell, meine Dame," mahnte der Schaffner und schob sie fast hinein. Zu spät also! Sie neigte leise grüßend ihr $aupt noch einmal zum Fenster hinaus, er legte salutirend die Hand an die Mütze ein gellender Pfiff, dann setzte sich der Zug langsam in Bewegung.
Er starrte ihm nach, wie er nun schneller und schneller dahinbrauste und endlich im Waldesdunkel verschwand;
sie sank in die Kissen des Wagens vm hielt ihre Augen fest geschlossen, sie fühlten es beide: es war vorbei für immer! Wieder einmal hatten zwei Menschen den rechten Augenblick verpaßt das eine Wort blieb ungesprochen" vorbei, vorbei für immer! Ter kleene Barde. sächsische Romanze). Es war ä Mal ä kleener Barde, Mit en' Herzen kald und harde; Manche nannt' er meine Kleene", Aber nehmen wollt' er Keene: Ward?, warde, kleener Barde! In dem Krug zum blanken Schwerde" Sang er einstmals im Konzerde, Wo das hibsche. blonde Jeddchen Bemmchen schmierte am Biffeddchen: Warde. warde, kleener Barde! Feirig ri'f er: Herzenslämmchen, Schmier'n Se mer doch ooch ä Bemmchen!" Und se schmierte fingerdicke. Warf 'n zu verliebte Blicke:Warde, warde, kleener Barde! Kaum das' Bemmchen in dem Magen, Dhad er ihr von Liebe sagen; Doch das Mädchen schbrach gerieben: 's Broddegoll erscht underschrieben!" Wacde. warde, kleener Barde! Und er nahm das nedde Deibchen Auf dem Standesamt zum Weibchen D'rauf ward kälder ihre Minne Und de Budder, ach, so dinne: , Warde, warde, kleener Barde! . Warum." rief er, liebe Jedde, Schmiert'st De frieher denn so fedde?" Schbrach der kleene Schwerenedher: 's fedde Bemmchen war ä Keeder!" Warde, warde, kleener Barde! Eine venetianische Aspasia. Keine geringe Rolle in den künstlerischen und literarischen Kreisen der Renaissance scheint die venetianische Courtisane Veronika Franko gespielt zu haben. Auch war sie keine unbedeutende Dichterin, und machte von ihrem Talente Gebrauch, um höchst beredte und erschütternde Warnungen an alle Jene zu hinterlassen, die ihren Lebenswandel nachahmen möchten. Der Ruf ihrer Schönheit, Anmuth und Gelehrsamkeit ging durch ganz Europa, und wer Italien bereiste, scheute eiuen großen Umweg nicht, nur um einen Blick .von der anbetungswürdigen Nymphe der Adria" aufzufangen. Veronika war im Jahre 1546 geboren, starb verhältnißmäßig jung, und vermachte ihr Vermögen religiösen Stiftungen. Doch schon bevor sie die Irrwege ihres Lebens bereute, gab sie sich klar und deutlich von den sie umringenden Gefahren Rechenschaft, suchte Andere davor zu schützen und scheute vor keinem Geldopfer zu diesem Zweck zurück. So schrieb sie einer Freundin, um deren Tochter sie besorgt war: Erlaube mir. Dich auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen. Du weißt, wie oft ich Dir rieth, auf Deine Tochter zu achten. Als Du mich mit ihr besuchtest, trug sie gelbes (Die Sitte, sich das Haar zu färben, eigentlich nur zu bleichen, war in jener Zeit eine Art Symbol des Courtisanenthums, obwohl die Sitte auch von vielen vornehmen Damen, ganz besonders in Venedig, angenommen wurde.) Haar, und es stand ihr gut. Mir aber machte der Anblick Kummer. Glaube mir, es gibt keine trostlosere und elendere Eristenz. als die der Courtisane. Keine Reichthümer, keine Vergnügungen, keine Vortheile können ihr Ersatz für das bieten, was sie opfert." Veronika gab schließlich mit vierzig Jahren ihren Lebenswandel auf und trua sich sogar eine Zeit lang mit dem Gedanken, einen religiösen Orden in's Leben zu rufen. Sie starb 1591, und noch heutigestags nehmen ihre Gedichte, besonders die zum Ruhme Venedigs, einen hervorragenden Platz in der italienischen Literatur ein. Vom Regen in die Traufe. Schwiegermutter: Sik müssen sich meiner annehmen, Herr Gedatier! Gestern sagte mein Schwiegersöhn: 99 Teufel und eine Schwiegermutter seien 100!" Gevatter (sich besinnend): Da kann i' nix mache'. Frau G'vatterin! 99 und 1 ischt 100 mehr bring' i' au' nit z'weg'!" Immer fein. Portier (zu einem Lieutenant, der rauchend die Räume des Museums betritt): Ich bitte das Plakat zu beachten, dem Publikum ist es verboten, hier zu rauchen. Lieutenant: Ach! Sehe ich etwa aus wie Publikum?! Unter Bedienten. Bedienter A.: Na, hör'. Du greifst gehö-1 c er' . n . rts. ? na. m oie -lgarrenllne meines gerrn, wenn der aber einmal die, Cigarren nachzahlt? Bedienter B.: Wie kannst Du das denken, so gemein ist er nicht! Gefährliche Enthaltsam keit. Stammgast (zu einem andern Gast): Was muß ich sehen. Freund, Du siehst aber schlecht aus. Ja, ich habe drei Tage kein Bier getrunken, und das bekommt mir immer schlecht! Zweierlei. Ah. Herr Assessor, sieht man Sie auch wieder einmal? Wie g?ht's? Immer noch bei gu itx Laune, wie ehedem? Danke, ja!" Und die gnädig: Frau? O, die ist auch imm:r gut bei Lau, nen!
Ermlerconstttion. Dem Einfluß der jeweiligen Moderichtung sind auch die neuesten Erscheinungen in der Trauerconfection unter-' werfen, natürlich nur so weit diese keinen Uebertreibungen huldigt. Solche sollen bei Trauertoiletten unbedingt vermieden und es soll der einfachen, ungesuchten Facon stets der Vorzug gegeben werden. Als Material zu den Toiletten, soweit diese für die erste Zeit, also für tiefe Trauer bestimmt sind, gilt noch immer der englische Crepe, der auf matter, nicht rauschender Seidenunterlage (Grosgrain) verarbeitet wird. In der zweiten Hälfte .der Trauerzeit werden matte Wollstoffe genommen, entweder solche , mit glattem Fond oder mit winzigen Streumustern, die aber immer auf gerippter oder geschnürlter Unterlage auftreten oder Crepes mit kleinen, weit von einander placirten, wie gestickt aussehenden Viereckchen oder Schlangenlinien, die in matter Seide eingewebt sind. Diese wechseln mit in wagerechter Richtung gekreppten Geweben ab; ebenso beliebt sind Cashemire , und für Confections, also Umhüllen oder Paletots, entweder cheviotartige Stosse oder Mohairgewebe mit gleichmäßig gekrepptem oder eus kleinen Vierecken und Zickzacklinien sich zusammensetzendem Fond. Als Besatz von Toiletten und Umhüllen kann nur . englischer Crepe -verwendet werden; an den Röcken tritt ein solcher entweder, was der Mode gar nicht unterliegt, als breites Randbiais auf oder er ist in Form kleiner, parallel angebrachte? Röllchenleisten placirt, die schmalen Vorstoß haben. - HalbtrauerToiletten dürfen schsn mit matten Mohairborden, mattem Seidenbande, ebensolchen Jaisbesätzen etc. garnirt werden, doch besteht auch in. der Wahl dieser verschiedenartigen Ausputzmaterialien je nach der Person, um die man trauert, ein Unterschied. Ist ein nahes
V" sä TM eL tsäAvVS V ruT- X i i v NsX T?jl f.A Vjr 4m S( i x m SMvv vM S M
Für tiefe Trauer. Familienmitglied verschieden, etwa Vater, Mutter oder eines der Geschwister so wird man selbst in- der zweiten Hälfte der Trauerzeit keinen in's Auge stechenden Besatz wählen. Wir sprechen hier von schwarzen Toiletten, da die grauen erst in den allerletzten Wochen in Anwendung kommen dürfen. Trauert man nach entfernteren Verwandten, so können die Toiletten auch aus mattem englischen, etwa gerippten Wollsammet, verfertigt und mit Persianerbesatz versehen sein. Dieses Fell und Astrachan sind die beiden für Trauerzwecke allein zulässigen Pelze. Graue Fellgattungen, wie Feh und Chinchilla, dürfen in gar keinem Abschnitt der Trauerzeit gebraucht werden. Als Besah für graue .Kleider, deren Material Noppe- oder schmal gestreifte Gewebe geben, dienen entweder matte Pailletten in Form schmaler Barden oder matte Strohgcflechte. Unsere erstes Abbildung veranschaulicht eine Toilette aus gekrepptem; Wollstoff für tiefe Trauer. Trauertoilette für junge 'Damen. Der Rock ist in gewöhnlicher Art hergestellt. An seinem Vorderölatte erscheinen zwei Hohlfaltenbahnen aufgesetzt, die scheinbar die Begrenzung eines das Devant einschließenden Doppclrockes bilden und zwischen denen ein breites, spitz zusammengenähtes BiaiÄ aus englischem' Crepe angebracht ist. Dasselbe muß mit geradefadigerMoufseline unterlegt sein, da der Crepe sich stark ausdehnt. ' Die Taille tritt unter den Rock und schließt mit einem glasten Stoffgürtel ab, an den zu beiden Seiten matte Jaisschnallen angebracht sind. Ringsum erscheint der glatk über das Futter gespannte Stoff in Mieder form mit Crepe besetzt, welcher auch noch an den Vordertheilen als spitz angebrachte Passe sichtbar wird. Den Stehkragen deckt Crepebefatz; die Aermel haben anpasserde Futtertheile und große, aus geraden Stoffbahnen gereihte Schoppen, die mit zwei Volants abschließen. Der untere der- . selben ist wesentlich enger als der obere.
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so daß er eine Art Stulpe bildet; er ist aus Crepe geschnitten und doppelt genommen. Das. Material . zu einer eleganten Trauertoilette für junge Damen (Fiaur No. 2) geben indischer Cashemire und englischer grobgerippter Crepe, welch' letzterer als Rollirung der Rock-
Trauerhut. biais, als Stehkragen, Passe und Stul pen auftritt. Den glatten, etwa' vier Fards weiten, rückwärts in zwei Hohlfalten geordneten Rock umgeben fünf schmale Biaisleisten aus doppelt genommenem, schrägem Stoffe, die am oberen Rande mit einem Vorstoß aus Crepe zu versehen , sind. . Die . Innengarnirung des Rockes besteht entweder in einem festonnirten Satinvolant oder einem schwarzen Stickereistreifen;, der obere Rand ist etwa 11-4 Zoll breit mit schrägfadigem Crepe eingefaßt. Rückwärts in der Mitte sitzen in geringen Entfernungen zwei Rosetten aus Crepe. Die Taille tritt unter den Rock und, ist mit einer sich bis zur Achselnaht überhakenden Passe aus Crepe ausgestattet. Die Taille hat anpassend? Futtertheile und glatt überspannten Oberstoff, der an den Vorderbahnen faltig zusammengenommen wird. Den Abschluß der Passe bildet ein Crepeköpschen, aus einem doppelt genommenen, in der Mitte gereihten Streifen hergestellt und an beiden Enden mit kiner Creperosette abschließend. Die Stehkragen - Grundform deckt saltige? Crepe, der seitwärts unter einer der beiden Rosetten schließt. ffürHalbtrauer. Die beiden letzten Illustrationen, veranschaulichen Trauerhüte. Ein runder Crepehut (Figur No. 3) wird auf einer Steiftüllform hergestellt, die mit dem genannten Stoffe ganz bespannt wird. An der Innenseite der Krämpe. da, wo sie sich scheinbar einrollt, sitzt ein: Reihe matter Jaisperlen. Vorne an der mäßig hohen Kappe eine Crepemasche mit breiten, faltigen Schlupfen und Zipfelenden, aus welcher eine matte Jaisfeder aufragt. Eine geschmackvoll: Toqur für Halbtrauer wird aus gouffrirtem Crepe mit weißen Rosetten gefertigt. Die kleine, runde Kappenform aus mattem Jaisgeflccht oder faltig gespanntem Crepe ist mit einem Ansätze . aus gouffrirtem Crepe verfehen, der vorn: und seitwärts so reich gereiht ist, daß er sich fächerförmig aufstellen kann. Zu beiden Seiten dieser seitlichen Fächertheile sitzen Rosetten aus weißem matten Seidencrcpe, hinter denen Zivftlmaschen aus Crepe aufragen; Bindespangen aus ge--saltetem Crepeöande. EinRomanfchluß. (Vonr Redacteur wegen Mangels an Raum zusammengestrichen): Ottokar nahm: einen Schnaps, dann feinen Hut, Reißaus, weiter keine Notiz von seinen Verfolgern, dann einen Revolver aus der Tasche und sich das Leben!" Summarisch. Ihr Sochn hat ja die Tochter des Colonialwaarenhändlers Schlamper geheirathet!" Allerdings von dem beziehen Wir überhaupt Alles!" Ballge sprach. Her? (zu seiner Tänzerin): Für Sie, mein Fräulein, würde ich mein Leben einfetzen au? den tiefsten Wasserschlünden wurde ich Sie retten. Fräulein: Können Sie denn schwimrcc? Herr: O, mein Fraulein, in Ihrer Nähe schwimme ich xr stetö in Glückseligleit! Zeitmangel. Er: So. Geliebt nun habe ich Dir in eine? kleinen halben Stunde, meine ganze Vergangenheit erzählt... nun erzähle, auch Du... Sie: Wo denkst Du hw. Geliebter, es ist schon hoher Ncufr mittag ich werde Märzen, in cM Frühe damit bezinnin!
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