Indiana Tribüne, Volume 18, Number 12, Indianapolis, Marion County, 30 September 1894 — Page 3

Vie Srapie öc Mciis. Noman von ZZ. llrtcs-jlljrcns. (8. Fortschung.) Ihr waren die letzten Tage soweit ereignislos vergangen, die Damen befanden sich allein, da Nomano die Einladung seines Freundes, desMarquis Celso Nodrigues, angenommen und eine Kalbe Wockie auf dessen Bestfcung bei Rovo Friburgo verlebte. Hkute war Sonnabend, Daniela hatte sich vorgenommen, Rombecks zu besuckien; langsam schritt sie den Weg, der in anmuthigen Windungen den Berg von Santa Theresa hinabführte, dahin, in den sonnenhellen, farbenfnschen Morgen hinein, das Kleid mit der Rechten leicht gehoben, über dem Kopf einen weißen Spitzensonnenschirm. Im Kloster auf dem Hügel seitwärts läutete die Glocke friedlich zum Gebet und Daniela wünschte, abgeschlossen von der Welt, dort hinter jenen vergitterten Fenstern in denReihen der Schwestern knieen zu dürfen. Weshalb war sie denn eigentlich geboren. nur zum Schmerze, zu Enttäuschungen und seelischen Leiden? Sie hatte eben den Fuß des Hügels erreickt und trat in eine kleine, aus niedrigen Häusern bestehende Straße, als aus kurzer Entfernung eine weioZiche, ziemlich rauhe Stimme vernehmbar wurde: Fräulein Daniela!" Diese sah hinter sich zur Seite und bemerkte aus der Thürschwelle eines der Häuschen die nachlässige Erscheinung einer Frau in mittleren Iahren; sie trug ein dürftiges grauesKleid, das pechschwarze Haar saß noch ungekämmt um das magere Gesicht, welches trotz der stark kzervortreienden Nase und den spitzen Backenknochen Spuren einer Schönheit verrieth, die keine gewöhnliche gewesen sein mochte, ehe das unverkennbare Laster des Truntes die Haut geröthet, und Elend und Irrfahrten des Lebens den Stempel der Gesunkenheit aus das Antlitz gepreßt hatten. Fräulein Daniela, bitie, auf ein Wort Verzeihung, aber möchten Sie nicht auf einen Augenblick zu mir hereinkommen?" bat dieselbe Stimme in reinstem Deutsch. Halb mechanisch folgte sie der Aufforderung, worauf die Frau geschäftig voraneilte und die Thüre zu einem Zimmerchen öffnete, welches den Eindruck der guten Stube" eines kleinen Handwerkers hervorrief; ein widerlicher Dunst von heißem Grog und Zigarettendampf schlug dem jungen Mädchen entgegen, es schien, als huldige die Fremde der Gewohnheit des Rauchens, die hier in den unteren Klassen auch der weiblichen Bevölkerung herrscht. Sie -drückte Daniela sanft auf das Roßhaarsopha, ließ fii dann an ihrer Seite nieder und betrachtete sie mit einem sonderbaren Ausdruck von Spannung. Freude und Gerührtheit. Sie haben natürlich keine Ahnung wer ich bin, können es ja auch nicht wissen das ist alles so trauTig " Sie brach ab, ?og hastig ein unsauteres Taschentuch hervor und drückte es, aufschluchzend, gegen ihre Augen. Fassen Sie sich, liebe Frau, mit wem habe ich denn die Ehre?" fragke Daniela beklommen. Ich bin Rosalie Degen, geborene Blume Sie sollen alles erfahren, nur eine Frage möchte ich mir zuvor erlauben nicht wahr, Sie wohnen nicht mehr im Hause des Herrn Oberst von Weddingen?" Ich befinde mich seit einiger Zeit bei Dona Angela, Gräfin Montsanto, doch weshalb Fragen Sie?" ergänzte Rosalie Degen, das wollten Sie sagen, nicht wahr, und mit vollem Recht! Was kümmert es mich, die Fremde, wo Sie wohnen oder wo Sie sich aufhalten, Sie sind erstaunt, daß ich mir herauZnahm, Sie hereinzurufen, natürlich. Ich habe jedoch ein diel größeres 5nteresse an Ihrem Wohlergehen, als Sie ahnen. Daniela, Kind." fügte sie mit gesteigertem Patho) hinzu, spricht die Stimme Deines Herzens nicht ein bischen für mich? Ich Vin Deine Mutter." Bei diesen Worten sank die Frau auf den Boden in ihre Knie und verbarg das Gesicht in den Schooß der Tochter. ..Meine Mutter!" wiederholte Daniela wie im Traum, erschüttert, enttäuscht, angezogen und zugleich auch abgestoßen, dazwischen bestrebt, die aufrührerischen Gefühle als sündhaft zu ersticken. Wie anders hatte sie sich deren Bild gedacht! Ja, Deine leibliche Mutter", betheuerte Rosalie, indem sie sich gefaßter aufrichtete, und daß Du nicht so besonders erfreut darüber bist, nehme ich Dir weiter nicht übel; es wäre euch gewiß niemals zu diesem Geständniß meinerseits gekommen, wenn nicht besondere Umstände mich dazu veranlaßt hätten." Das alles kam so schnell, ich kann mich kaum fassen," bemerkte Daniela, eine Beute unbeschreibliche Berwir--rang. Selbstverständlich kannst Du mein Benehmen nicht gleich veauifen, ich werde Dir alles erzählen, armes Kin. Ja, ja ich war rneM immer solch' ein jammervolles Wrack wie heute, Elend. Roth und Mi.yandlungen brachten mich so weit; ir'in erster Mann, ein Portugiese Rasens Ricardo, hat mich geschlagen, u;io zweimal stand ich im Begriff, inig zu vergiften. Ra. das mag ruhen, sprechen wir von Dir; Kind, ich totft m?br, als Du denkst, und kenne die B:rHältnisse im Hause des Oberen van Weddingen ganz genau, wen es in meinem Interesse liegt, stets ton dem

Laufenden unterrichtet zu fern. So erfuhr ich auch, daß Frau von Hasselbach immer festeren Fuß in der Zuneigung des Onkels faßt und Du gezwungen wurdest, ihren Berdächtigungen zu weichen, die scheußliche Person. Leider ist der Oberst vurch sein Leiden ein willenloses Werkzeug in den Händen der ränkesüchtigen Frau geworden, Du aber brauchst Dir das nicht gefallen zu lassen. Du darfst gegen sie auftreten, weil Daniela, weil der Oberst von Weddingen nicht Dein Pflegevater, sondern Dein wirklicher Vater ist." Mein wirklicher Vater, ist das wahr? O, wie dankbar bin ich dafür! So täuschte ich mich also doch nicht, als die innere Stimme mich mit so unendlicher Kindesliebe zu dem vornehmen Mann zog, wirklich mein Vater!" rief Daniela, plötzlich belebt, voll tiefer Bewegung. Ja, so ist es. Ich handle gegen den strengen Befehl Deines Vaters und unserem Abkommen zuwider, indem ich Dir die Wahrheit erzähle, aber wer vermag dem Muttcrherzen zu gebieten, wo es die Rechte des Kindes so geschmälert sieht, wie in diesem Falle? Ich lebte bis vor einer Woche in St. Paulo, schleppte mich mühsam durch; denn mein zweiter Mann, ein liederlicher Lump, hat mich verlassen, er " Sorgte denn Papa nicht ?" Ach ja. Kind, das hat er gethan und reichlich, aber eö traten Verhältnisse ein, das Geld wurde ausgegeben davon später. Ich habe hier eine gute Bekannte, die mich gelegentlich von den Vorgängen in Eurem Hause benachrichtigt, und da erfuhr ich denn, daß man Dich sozusagen forigeschoben hatte. Rein, dachte ich, nun ist's Zeit, handelnd einzugreifen, hat die Person, die 5asselbach, erst, den kranken Mann für sich allein, da wird sie ihn schon stempeln, das Testament zu ihrem Vortheil zu machen; da wollen und müssen wir aber einen Riegel vorschieben." Daniela ösfncte die Lippen zu einer Einwendung, doch die redselige Frau ließ sie nicht zu Worte kommen. Laß Dir erzählen, mein gute Deern, wie das Unglück mich all mein Lebtag verfolgt hat, dann wirst Du sehen, daß ich gar nicht so leichtfertig gewesen bin, wie es den Anschein hat. Ich bin guter Leute Kind, mein Vater war Zahnarzt in Stettin, und ich kam hierher, weil der Baron von Hohenburg, von der deutschen Gesandtschaft, für seine bejahrte Mutter so ein Zwischending von Pflegerin und Gesellschafterin wünschte. Ich erhielt die Stellung und es gefiel mir gut. Im Hause verkehrten viele vornehme Herren, darunter auch der Herr Hauptmann Karl von Weddingen, aus der kaiserlichen Garde, ein hübscher, stattlicher Mann, so was nobles, offenes hatte er; und auch ich war damals wie man mir sagte, eine schöne Erschei-

nung. Wir sahen uns öfters und wie das so kommt, nach einem Jahre erklärte mir eines Tages der Hauptmann, ich gefiele ihm ausnehmend, fei so häuslich und verständig, ob ich seine Frau werden wolle; überglücklich denn wie hatte ich solche Ehre erwarten können verlobten wir uns und kaum war das geschehen, da traf uns wie ein Donnerschlag die Nachricht von dem Krieg mit Paraguay, er hegte düstere Ahnungen und glaubte, wir würden einander nicht wiedersehen und ich gerieth vor Schmerz außer mir. Doch was half es, wir mußten uns fügen und erhofften eine baldige Rückkehr, um unsere Hochzeit feiern zu können. Das war nun allerdings nicht der Fall, und für mich begann ein schreckliches Leben; ich erhielt keine Briefe von Weddingen, sie mußten in der Verwirrung eines blutigen Krieges in den Wildnissen von Paraguay verloren gegangen sein, dazu nahte der Zeitpunkt Deiner Geburt heran Gott noch mal, ich kam mir vor wie verrathen und verkauft. Zum Glück war meine alte Baronin eine Engelsseele, sie verdammte mich nicht, sondern stand mir noch obendrein helfend zur Seite, als ich schließlich ein Stübchen miethete und von meinen Ersparnissen zu leben begann. Da gar keine Nackricht von Deinem Vater eintraf, glaubte ich bestimmt, er sei todt; und diese Vermuthung wurde mir fast zur Gewißheit, als eines Tages sein Name auf der Liste der Verwundeten standz man hatte ihn blutend und bewußtlos vom Schlachtfeld getragen; viel zu snät erfuhr ick, daß diese erste Verwundung eine leichtere gewesen. ,die zweite, viel schwerere, traf ihn später während des blutigen Gemetzels bei Jpiranga." Wie sehr mufct Du damals gelitten habn!" sagte Daniela bewegt, als die Erzählerin einen Augenblick schwieg, um die von neuem fließenden Thränen zu trocknen. 'Ja, ich habe viel durchgemacht. Kind; schreckliches. Ra, Du wurdest dann geboren, ich beweinte DeinenVater aufrichtig. aber ich war jung, das Leben mit seinen Ansprüchen trat hart an mich heran wir wollten beide essen und trinken. Da lernte ich den Portugiesen Ricardo kennen, er erklärte sich bereit, mich zu heirathen und Dir seinen Namen zu geben. Was thun er besaß einen kleinen Kramladen, der seinen Mann nährte große Ansprüche konnte ich nicht mehr erheben, ich willigte ein. Doch kaum waren tfoü Jahre nach dieser unseligen Ehe vergangen, als mein Mann starb. und wenige Tage daraus, wer stano plötzlich vor mir? Dein Vater! Zurückgekehrt als Sieger, zum Oberst, ernannt! Das gab Stunden, Kind, die den Menschen alt werden lassen vor der Zeit, jawohl. Wir hatten einen furchtbaren Auftritt, er nannte mich leichtfertig, reulos, Dich aber nahm er kurze Zeit darauf in sein HauZ, nachdem er mir eine Summe Geldes gegeben, woI für ich auf immer den Ansprüchen an

Dich entsagen sollte. Ich war dazu bereit, weil es mir das Utt für Dich schien und auf die Weise auch für mich gesorgt war; denn die Verwandten m:ines Mannes hatten mir alles genommen. So weit wäre denn auch alles gut gewesen, hätte ich mich nicht verleiten lassen, zum zweiten Mal zu heirathen. den Photographen Hermann Degen; sobald er alles, was ich besaß, durchgebracht, ließ der verbummelte Lump mich schmählich mit den Schulden sitzen. Der hat mich auf dem Gewissen, der Gauner! Damals half Dein Vater mir noch einmal, ich gründete ein Ver miethungsbureau in St. Paulo, es ging nicht. Jetzt schreibt man mir, daß Du aus dem Hause vertrieben seiest; es hielt mich nicht länger, Du mußtest alles erfahren und daß niemand das Recht besitzt. Dich crus dem Hause Deines Vaters zu verjagen." Es lag etwas zerfahrenes und oberflächliches auf dem Wesen der Frau, wovon Daniela sich abgestoßen fühlte; es war ihr unmöglich, Liebe zu empfinden, um so dringender hielt sie es jedoch für ihre Pflicht, Mitleid mit der Verkommenen, vom Sturm des Lebens haltlos hin und her Geworfenen zu haben. Ich bin auch nicht verjagt worden äußerte sie in dem Bewußtsein, als sei es nothwendig, den Vater dieser Mutter gegenüber in Schutz zu nehmen, Papa wollte mich auf ein Jahr in Pension geben, ich wünschte vorher ein paar Wochen bei Dona Angela, dh ich lieb Habe, verbringen zu dürfen, das ist alles." So, so, das klingt freilich anders, drum auch, ich konnte mir die Sache gar nicht erklären; weißt Du, Kind, dann erwähne lieber noch nichts davon, daß wir zusammen gesprochen haben; ich verliere ja nichts dabei, aber Dir könnte es schaden; der Papa kann nämlich mächtig böse werden. Gern hätte ich ihn wohl um etwas Geld gebeten, die Courage fehlt mir jedoch, ich habe nämlich das Stübchen hier gemiethet, um Dir aufzufassen und meine Mittel sind zu Ende. Könntest Du mir nicht mit einer Kleinigkeit aushelfen, Kind?" Gewiß!" Daniela zog ihr Portemonnaie hervor, schüttete den Inhalt aus und reichte ihn der Mutter. Nächstens bekomme ich mein Taschengeld von Papa, da erhältst Du mehr." Jetzt wurde Frau Rosalie Degen gerührt. Ich danke Dir, mein gutes Kind; Gott bist Du eine vornehme junge Dame geworden, und so ein süßes, liebes Gesichtchen, ganz der hochgeborene Papa! Nur die schwarzen Augen und das krause Haar hast. Du Dir von mir ausgesucht, Du kleiner Schelm!" Daniela erhob sich. Ich muß jetzt gehen, Mutter," das Wort kam widerstrebend von ihren Lippen. Nach einigen Tagen komme ich wieder und bringe das versprochene." Tbue das, Kind, und nur hübsch dreist aufgetreten gegen die Hasselbach! Macht auch der Papa kein Testament, um so besser, dann fällt Dir alles zu und daß Du mich in dem Fall nicht

vergißt, das weiß ich.. Adieu, mein süße Deern, adieu!" ' Als Daniela endlich das kleine Haus hinter sich hatte, athmete sie, still stehend, befreit auf; und aus dem beschämeden Gefühl des Fleckens auf ihrer Geburt und der gesunkenen Mutter rang sich das freudige Bewußtsem: Er ist Dein Vater! Du hast ein Anrecht auf seine Zärtlichkeit, auf feinen Schutz. Heißer noch erzchloß sich der Quell unendlicher Kindesliebe für den verehrten alten Herrn und nichts sollte sie fortan mehr hindern, ihm dieseLiebe zu beweisen. Als Romano, der gegen Abend von seinem Ausfluge hermgekehrt, später auf dem Balkon des Eßzimmers stand. näherte sich ihm Daniela. Ich werde Ihr gastfreies Haus vielleicht schon nach einigen Tagen wieder verlassen müssen, Graf Romano, und mochte Ihnen nur noch einmal danken für die liebevolle Aufnahme, welche Sie mir so bereitwillig zu Theil werden ließen. Gefällt es Ihnen nicht bei uns?" gab er zurück, ohne den Blick von dem erleuchteten Stadttheil und dem angrenzenden Meere, das sich in die Schatten sinkender Dämmerung verlor, zu wenden. O doch, ich bin froh und zufrieden hier gewesen, wie könnte das auch anders sein; aber, es sind ganz unerwartete Verhältnisse ingetreten, die ich Ihnen jetzt unmöglich erklären kann, und die mich veranlaßten, bei Papa zu bleiben, wo mein Platz ist." . So plötzlich?" Gras Romano glaubte innerlich nicht recht an diese Verhältnisse, sondern hielt sie für einen Vorwand; Daniela wollte jedenfalls nach der Palmenvill. zurückkehren, weil sie dort ungehinderte? den Verkehr mit Leopold Rombeck betreiben konnte. Es steht Ihnen natürlich frei, zu thun und zu lassen was Ihnen beliebt, Donna Daniela," erwiderte er kühl. Zieht das Herz Sie nach Hause, so wäre es natürlich vergebens, Sie aufhalten zu wollen." Als er allein war. überkam ihn ein unaussprechlich bitteres Gefühl . Was war es nur. daß er mit seinem liebevollen Herzen überall so gar keine Erwiderung fand, keine Liebe, die er so heiß ersehnte? Und verschwommen, wie die Umrisse der hindunnkelnden abendlichen Umgebung. verloren sich sein Gedanken allmählich in die der Kllnstlerseele angesichts der geliebten Natur, deren lebendigen Pulsschlag er in seinem eigenen Innern spürte. . Tie twigkn Gkfkhle Qkdkn mich ti und hkhr i.ui irdischem ütöii&le . Plötzlich zuckte er zusammen. Der . alte, körperliche Schmerz hatte sich ein-

gestellt 'in der Herzgegend, rasch vorübergehend und doch wie ein Mahnruf: Tk5 Tand ttrrinftt, die Ctundk schlägt, Uni cd' ein fcauä die 3?la:: bewegt, iJann schon die leine schlagen. Romano richtete den Blick empor zum funkelnden Sternenhimmel. Mein Gott! Wenn es möglich ist 'und es soll sein dann gib mir einen raschen Tod und erspare mir das langsame Hinsiechen eines krankenKörpers, wenn es möglich sein sollte. Keine Antwort. Nur aus der feierlichen Höhe des dunkelblauen Domes klingt es leise wehend, wie Geistergruß zu dem ringenden Sterblichen hinab. 8. Das rieselnde Sausen des Regens dämpft heute jeden Laut; auf der Natur liegt Schweigen, einer leblosen grauen Fläche gleich streckt sich das Meer. In dem behaglichen Salon, dessen Frontscnster auf den Park gingen, saß ritt) Morgens Oberst von Weddingen, ihm gegenüber am Tische Valeska; es war eine ungestörte Stunde, welche sie vor sich hatten, und Frau von Hasselbach war entschlossen, endlich ein Thema zu berühren, das der Oberst gern vermied. Es ließ ihr indessen länger keine Ruhe; nachdem der Plan eine: Heirath Reginens mit dem Grasen Montsanto zu scheitern drohte, wollte und mußt: sie wenigstens über die Erbschaftsangelegenheit Gewißheit erhalten. Ich habe eine Bitte an Dich, Onkelchen," begann sie, ihm den Kaffee bereitend. Es wird mir zwar recht schwer, den Gegenstand zu erwähnen, allein es gibt gewisse Dinge, zu denen wir aus Pflicht gegen uns selbst gezwungen werden; das siehst Du sicherlich ein und zürnst mir nicht." Oberst von Weddingen, welcher sehr wohl und gut gelaunt aussah, nickte seiner Gewohnheit nach, die Worte der Nichte gleichsam bestätigend. Wenn Du etwas aus dem Herzen hast, so sprich, Valeska; auch unangenehme Dinge müssen ihre Erledigung finden." Ganz recht. Siehst Du, Onkelchen, es ist meine ungewisse Zukunft, die mich beunruhigt, ich lebe in den Tag hinein, ohne zu wissen, wie es mit mir und der armen Regine wird, sobald Du einmal, was die Vorsehung noch lang: verhüten möge, die Augen für immer schließen folltest. Ich würde dann möglicherweise ohne einen Pfennig dastehen, im Falle Du nicht zu rechterZeit für uns gesorgt hat." Wieso gingst Du pfenniglos aus?" fragte der Oberste die. klaren, stahlscharfen Augen fest auf Frau von Hasselbach richtend, deren Nasenflügel vor nervöser innerer Unruhe bebten. Ich meine, Onkelchen, laß mich 'ganz aufrichtig sein es ist ja alles menschlich ich meine, falls Daniela Deine wirkliche Tochter ist, wie die Leute behaupten; Du begreifst, da ist sie die unbestrittene Haupterbin." Es folgte eine gewichtige Pause, Valeska wagte kaum zu athmen. Sie ist meine Tochter," sagte dann der Oberst laut und deutlich.

Ihre Vermuthung hatte also doch das richtige getroffen; trotzdem rief die niederschmetternde Gewißheit fahle Blässe auf ihre Wangen und sekundenlang versagte die Stimme. Ja, Daniela ist meine Tochter," wiederholte der alte Herr halb wie im Selbstgespräch, und ich wurde auch unbedingt ihre Mutter geheirathet haben, hatte diese sich nicht als eine höchst leichtsinnige und charakterlose Person erwiesen, die ich ihrem Schicksal überlassen mußte." Ich ahnte ähnliches," erwiderte Frau vonHasselbach vorwurfsvoll. Da die Sachen nun to stehen, finde ich es aber durchaus geboten, daß ein Teflamcnt gemacht wird, m welchem ich und Regine nicht ganz leer ausgehen sollen. Rem, das sollst Du auch mcht; ich bin entschlossen, den Rechtsanwalt kommen zu lassen und die Aneelegenheit in Ordnung zu bringen. Will der Himmel Mir noch ein paar Jahr: schenken, so wird es auch trok des Testamentes geschehen." Und wie beabsichtigst Du die Theilung zu bestimmen, Onkel?" bemerkte Valeska mit einem lauernden Ausdruck in den fahlen, zuckenden Zügen. Der alte Herr stand eben im Begriff, zu antworten, als Gustavo hereintrat, um die mit der Morgenpost eingetroffenen Zeitungen und Bliefe abzuliefern; da untYr den letzteren üch einer befand, der Frau von Hasselbachs Aufmerksamkeit, erregte, so öffnete sie hastig das Kouvert und begann, sich rn feinenJnhalt zu vertiefen. Er kam von Madame Renard; und während Valeska las, fingen ihre Hände zu zittern an und die Brust wogte heftiger auf und ab. Die Pensionsvorsteherin beklagte sich über Regine; sie sei durchaus nicht einverstanden mit den häusigen Touren nach Rio, die stit etwa 14 Tagen viermal kurz nacheinander statigefunden hätten. Erstens würde Regine dinch solche fortgesetzten Ausflüge zerstreut, zweitens störten die Versäumnisse den Gang des Unterrichts, und drittens fände sie. Madme Renard, es auch nicht palend, daß eine junge Dame ihres Instituts dergleichen Fahrten, trotzdem Santo Amaro nur eine h2lbe Stunde von Rio entfernt sei. allein unternehme. Da Regine überdies seit letzter Zeit ein recht widerspruchsvolle Wesen zur Schau trage und sich energisch gegen die Gesetze der Pension auflehne, so halte sie es für nothnzen dig. Klage darüber zu führen, und nur die freundschaftlichen Gefühle, sowie die Hochachtung für Frau von 5asselbach hätten sie veranlaßt, bis dahin eine Rücksickt zu üben, die sie Regine selbst nicht länger gewähren würde.

In diesem Tone ging es weiter, und Valeska war es, als stände ihr das Herz still bei der Lektüre; vor zwei Wochen, bei Gelegenheit der Gesellschaft Romanos, hatte Regine ihres Wissens die Tour zum letzten Male zurückgelegt, nun aber nach Madame Renards Aussage seitdem schon wieder dreimal? Zu welchem Zwecke, um Himmelswillen, die heimlichen Besuche, von denen sie gar nichts wußte die ihr nicht galten? Was mochte dahinter stecken? Gutes auf keinen Fall, im Gegentheil, nur etwas recht schlimmes; und während sie mechanisch den kalt gewordenen Kaffee schlürfte, war ihr Entschluß bereits gefaßt; sie wollte gegen Mittag nach Santo Amaro fahren, alles nähere von Madame Renard erfragen und dann Regine zur Rede stellen; sah diese sich der Mutter so unerwartet gegenüber, ließ sich am ersten ein Bekenntniß der Wahrheit erwarten. In sichtbarer Erregung saß Valeska mebrere Stunden später neben Madame Renard, einer schon ergrauten Dame, in deren Privatzimmer, und angesichts des Entgegenkommens der Mutter bemühte sich die Französin, die Vorkommnisse in etwas milderemLicht: darzustellen; dennoch mnßte sie nach den drinaenden Fragen Valeskas gestehen, daß Regine das erste Mal nach der Gesellschaftsfahrt, welche auf Bitten der Mama erlaubt worden sei, ebenfalls die Nacht in Rio zugebracht habe. Sie hat- sich jedenfalls verspätet und ist die Nacht bei Dona Angela Montsanto 'geblieben." entschuldigte sie die Tochter, um eine Blöße zu verhüten. Bitte, lassen Sie Regine sofort rufen, ich werde mit ihr sprechen und es wird sich alles aufklären." Trotz der beschwichtigenden Versicherung war es der scharfsichtigen Französin keineswegs entgangen, daß die Mutter nicht das geringste von den abenteuerlichen Ausfahrten der Tochter wisse und dementsprechend klanq ihr Befehl, sich nach dem Privatzimmer zu begeben; schweigend gehorchte Regine, und blaß, doch innerlich gewappnet, stand sie gleich darauf vor der Mutter. Das sind ja allerliebste Geschichten, die ich da von Dir zu hören bekomme," begann Valeska mit vor Wuth bebender Stimme, ohne weitere Einleitung, nachdem die Thür sich wieder hinter Madame Renard geschlossen, i verlange zu wissen, was Du ohne meinen Willen in Rio zu suchen hast, und wo Du die Nacht vom Freitag auf den Sonnabend verbrachtest!" Regine spitzt: den Mund und that, als ob sie in der Erinnerung suche. Im Wartesaal; ich hatte den letzten Zug versäumt." Das ist ja herrlich! Großartig! Eine junge Dame Deines Standes verbringt die Nacht allein im Wartesaal! Wirklich heiter! Was hattest Du überHaupt in Rio zu thun, was bedeuiet das Ganze?" Wie Du nur immer schreist, Ma-

ma, meine Nerven können das nicht ertragen! Ich mußte Perlen und Wolle kaufen zu einer Arbeit für Dich," cntgegnete Regine mit einem Gleich-' muth. der Valeska immer, mehr in Harnisch versetzte. Und die beiden n'ächstenMale? Waren es ebenfalls Perlen undWolle, welche Dich nach Rio führten?" Nem." Zum Donnerwetter, was denn ich will es wissen! Bringe mich nicht arßer mir, Regine. ich beschwöre Dich um Gotteswillcn, was ''oll das alles heißen? Madame Renard steht auf dem Punkt, Dich schimpflich zu entlassen, im Falle Du nicht ausreichende Erklärung für diese Fahrten zu geben vermagst, die den Anstrich des aberneurlichen tragen!" Regine znckte dieAchseln. Sei ruhig, Mama, und laß Dich nur nicht so arg von Deinem Temperament hinreißen. Du weißt, das entrüstete Gcthue ist mir entsetzlich, weil ich doch nicht daran glaube. ?(ch hatte eben in Rio zu thun, und bin gegangen." Das genügt mir nicht, ich will den Grund, die Veranlassung dazu ersahren, und warum Du nicht zu uns gekommen bist wie es DeinePflicht war." Nehmen wir an, es sei eine Laune von mir gewesen ich liebe das abentcuerliche und wollte einmal sehen, wie es eigentlich des Nachts in so einem Wartesaal zugeht." Jammervolle Ausflucht; gut. Ich sehe jetzt, daß Du mich offenbar belügst und etwas ganz anderes hinter der Geschichte steckt; ich werde es herausbringen und sollte ich das Beam-ten-und Kellnerpersonal am BahnHofe darüber ausfragen müssen; denn sie werden Dich kennen, weil Du die Tour cft genug gemacht hast und eine Persönlichkeit bist, welche den Männern auffällt. Du zwingst mich durch Deinen Eigensinn dazu, Regine." Laß das sein, Mama, erspare Dir lieber diese Blamage, weil Du doch hier allgemein für eine Heilige giltst und der größte Theil davon ich meine von der Blamage auf Dich zurückfiele," sagte Regine. indem sie den Blick drohend und stechend auf die Mutter heftete. J&tnn Du denn durchcus erfahren willst, weshalb ich nach Rio ging, so will ich es Dir sagen; ich bin mit Leopold Rombeck zusammengetroffen." Ein PeitschenschZag in's Gesicht hatte Valeska nicht härter treffen können als dieses Geständniß; jederBlutstropfen war aus ihrem Antlitz gewichen, während sie ihre Tochter starr, mit weitgeöffneten Augen anblickte. Ist ist das wahr. konntest i Du Dich so tief erniedrigen und r.ut dem erbärmlichen Wichte yin- ' ier ""Znem Rücken spuchcu und in 4 seiner Gesellschaft hat Du die Nacht im Wartesaal "

Sie brach ab, die Stimme versagte, mit dumpfem Aufschluchzen schlug sie die Hände vor das Gesicht und blieb minutenlang wie bewußtlos zurückgelehnt. Regine rührte sich nicht; sie stand mit dem Rücken gegen ein Eylinderbureau gelehnt und betrachtete die Nägel ihrer linken Hand; es entging ihr jedoch nicht, daß die Thür vorsichtig geöffnet wurde und in der Spalte ein zierliches Köpfchen neugierig hereinspähte. Unsere Unterredung ist noch nicht beendet, Mademoiselle Pauline, geduldigen Sie sich noch kurze Zeit," bemerkte sie schroff in französischer Sprache. Der Kopf verschwand, die Thür schloß sich leise. Bist Du fertig mit dem Anfall, Mama, so daß wir zu Ende kommen können? Die Geschichte wird hier ungemüthlich." Ja, Du unnatürliches. Du mißrathcncs Kind, ich habe mich genügend erholt, um Dir sagen zu können, daß Dein Benehmen der Nagel zu meinem Sarge ist und ich den Tod im Herzen fühle von dem, was Du mir anthust. Lebt denn kein Funken Ehrgefühl in Dir, ist jede weibliche Scham in Deinem Innern ausgelöscht, daß Du, Ncgine von Hasselbach, die Enkelin des Generals von Hassclbach, der mit solcher Auszeichnung vor Königgrätz gefallen, Zusammenkünfte verabredest mit einem gewöhnlichen Kommis, der nicht werth ist, auch nur über die Achsel von Dir angesehen zu werden, solch ein armseliger, niedriggeborener Lump!" Oho! Mäßige Dich, Mama!" rief Regine mit zornblitzenden Augen, beschimpfe mich, aber nicht ihn! Nichts gibt Dir das Recht, so einen Mann herabzureißen, den ich namenlos liebe! Freilch ist er heute noch Kommis, aber einst wird er Chef sein und viel verdienen. Hier hat eS mit dem ganzen hohlen Pomp und lacherlichen Firlefanz unseres Adels nicht das geringste auf sich; denn hier ist jeder Neger adlig und Dein vielgepriesenes Militär spielt nur insofern eine Rolle, als das Volk es benutzt, unbeaueme Regierungen abzuschieben. Hier ist der Kaufmannsstand der erste, gleichwie er es drüben in den Hansestädten ist. Hänge doch nur um alles den verrückten Hochmuth an den Nagel, der sich lediglich auf Dein Von und andere nichtssagende Äußerlichkeiten stützt, in diesem großen, freien Lande werden sie für ihren Träger zur erbärmlichen Narrenkappe. Ich liebe Leopold Rombeck und werde ihn heirathen." Unglückliche, Du redest im Wahnsinn!" rief Valeska gellend, niemals gebe ich zu der unseligen Verbindung meine Einwilligung!" Dann müssen wir uns ohne dieselbe behelfen," sagte Regine, äußerlich gelassen. Im übrigen sehe ich durchaus nicht ein, was Du von Äeinem Standpunkt gegen Leopold einzuwenden hast. Er stammt aus sehr guter Famile, besitzt ein wunderbares Aeußere. ein gewandtes, vornehmes Auftreten, ist liebenswürdig, gebildet, nur Geld fehlt ihm, und das wird er schon erwerben; Onkel Karl muß ihm eben ein kleines Kapital vorstrecken, damit er anfangen kann, und das bewilligt er uns auch." Nie geschieht das!" entgegnete Valeska hohnvoll, athemlos. Nie werde ich diesen Menschen als meinenSchwiegersohn anerkennen, nie gebe ich zu, daß er einen Pfennig von Onkel Karls Geld erhält. O, mein Gott, mein Gott, wer hätte gedacht, daß ich so furchtbares an meinem einzigen Kinde erleben würde, dem Glück und Zukunft zu befestigen ich willig Jahre meines Lebens in unerträglichem Zwang und der trostlosen Umgebung eines Kranken opferte! Wenn, es Dein einziges Bestreben ist, mich glücklich zu sehen, so erreichst Du es durch die Einwilligung derVerbindung mit Leopold; da er meineLiebe

erwidert, gehen wir der glucklichsten Zukunft entgegen. Was willst Du: mehr für mich. Nimm doch Vernunft an, Mama, und hilf uns lieber,- fügte : Negine einlenkend in weicherem Tone hinzu. Diese fast demuthig gesprochenen Worte, die Valeska so gar nicht gewohnt war an der Tochter, und die ihr die ganze Tiefe der Empfindungen, hervorgerufen durch die Liebe, offenbarten, wirkten plötzlich so überwältigend', daß sie in einen Weinkrampf ausbrach und es mit einem Gemisch von Empörung und überquellender Zärtlichkeit geschehen" ließ, daß-Regine von dem Inhalt einer auf dem Ecktifchchen stehenden Wasserkaraffe auf ihr Taschentuch gß und die Stirn rmd Schläfen der Schluchzenden kühlte. ' Sei verständig. Mama sieh, wir beide sollten: doch lieber zu einander halten, anstatt uns zu befehden. Von Leopold laß ich nie, damit mußt Du von heute an rechnen', und stoßest Du ! mich von Dir, so weiß ich. wohin ich zu gehen habe; also. Lebst Du mich ' wahrhaft so halten zu uns in der '. schweren- Zeit." Ich kann nicht. Regine, Du dn langst unmögliches; ich verabscheue jenen Wann, er ist keine Partie für Dich und nie wirst Du meine Einwilligung ' dazu erhalten; und solltest Du dennoch daraus bestehen, so gibt es Mittel und j Wege, Dich zurückzuhalten." ! : JaZ für Mittel und Wege." fragte ' Regine, aufgebracht von dem Harrnäckigen Widerstands schroff. Du wirst Dich jedenfalls noch eines besseren besinnen und bedenken, dah man mich . an jenem Abend in verschiedenen gro- ' ßen Restaurants mit Leopold gesehen hat. Wir lassen nicht von einander und ; sollte die ganze Welt sich im Kampfe i a,cn uns auflehnen, ich lebe und stcr- . be rurt mit him. das halte fest," Fortsetzung folgt.)

Zin:er uns Zraucn. Z$ ist im Lkbrn däzlich ein irriitct, Tag bei drn Rosen fleick d:e Tornen stekrn. Und Kai i ai arme erz auch e l;t und dichtet. Zum Schlüsse kommt da LZoneinandeigehen.

ervstbUitter. Klar und kühl legt die reine Herbstaimosphäre sich in wunderbarerDurchsichtigkeit über Himmel und Höhen, über Kirchthürme. Kuppeldächer und Baumkronen, bis plötzlich ein kühner Windstoß wirbelnd einherbraust, die dürren Herbstblätter raschelnd herabfegt und mit ihnen tausend trübe Gedanken aufscheucht. Warum kann es nicht immer bleiben, wie es eben noch war. warum müssen die Blätter fallen? Weshalb dürfen wir nicht dauernd im reinen Lichte wandeln, weshalb muß es immer wieder trübe werden? Jenes röthliche Blättchen dort, das der Wind grausam von seinem Ahornstamm heruntergezaust, es erzählt von rothen Kinderlippen, die einst die Mutter so innig geküßt, bis der grausame, todtbringende Wirbelwind kanr und es aus seinem angestammten.wsrmen, wonnigen Plätzchen auf immer verscheuchte. Und das Mutterherz sendet 'chm tausend Thränen nach. Dort drüben bäumt sich eben noch ein welkes grünes Blättchen auf gegeu -die Angriffe des kühnen windigen Gesellen und blickt sehnsüchtig hinauf nach seinem heimathlichen Aestchen. Es erinnert an die harten Kämpfe des armen Wesens, das, in der Fremde unbarmherzig herumgestoßen, sich zurücksehnt nach dem sicheren friedlichen Plätzchen im Elternhaus, aus dem er so ungern geschieden. Fernab ruht ein zartes gelbes Birkenblättchen aus von al7 den Schmerzen, die ihm der schlimme Sturm zugefügt. Sein Brüderlein hängt noch hoch oben auf dem Baum und könnte tfch des' goldigenLebenslichtes erfreuen, wenn die Trauer es nicht quälte nach dem verlorenen Schwesterchen, das der Sturm ihm erbarnrungslos entführt. Am Wegesrand liegt ein geknicktes purpurrothes Blatt vvm Gotterbaum, es gleicht dem jungen Vögelchen, das aus dem Nest gefallen. Und drüben fucht das verlassene arme Mlltterlein sich schier die Augen aus nach dem verlorenen schwachen Kind, das kaum noch flügge den Mahnruf der besorgten Mutter nicht vernehmen mochte und nun mit geknickten Flügelchen und aebrochenem Herzen am Wege sterben muß. Wie thut solch Scheiden weh! Ueber den Wasserspiegel hinweg erbebt der Wind ein gelbliches Weidenblatt. Es erinnert an den theuren Vater, der nicht sterbend untergehen kann und scheiden mag von Weib und Kind, die zärtlich er geliebt. Der Wirbelwind jedoch erfaßt die schwache schlanke Gestalt und bläst so rauh, bis auch das letzte Fünkchen Leben daraus entschwunden und traurig der Körper der Gewalt unterliegen muß. Die Seele aber löst sich los, trotzt wildem Stürmen und schwebt den reinen lichten Höhen zu. Viel Herbstblätter müssen fallen,viel Trauer undTrennungsschmerz herrscht auf der Erde, aber über den welkenden, sterbenden Blättern hinweg erhebt sich doch immer wieder die klare tröstende Herbstatmosphäre mit ihrem göttlichen reinen Lichte. Launen. Was sind Launen? Ein egoistisches Sichgehenlassen, mit dem man seiner Umgebung unendlich lästig und unangenehm werden kann. Recht unmotivirt hört man oft äußern: Lasset mich nur heute in Ruhe, ich bin bei schlechter Laune." Oder zum Beispiel, es wird der Wunsch eines jungen Mädchens nicht erfüllt, so läßt es, wenn es nicht sorgfältig erzogen, den Kopf hängen, ist mürrisch, unliebenswürdig und glaubt auf diese Art zu ihrem Ziele zu kommen. Ver schwachen Eltern erreicht es dasselbe auch oft und maie gibt. nach, .da das Kind ja aanz schlecht ter Laune darüber geworden wäre. Damit ist aber denl Tö'chterchen nichts Gutes gethan, d?nn meist besitzt der mit Nicht die Nachsicht der Eltern und unter bitteren Thränen wird sich die funge Frau ihre Launen abgewöhnen; müssen, wenn das gut? 'Einvernehmen, nicht in die. Brüche gehen soll. Eme ' launenhafte Gattin ist ein Schrecken für den Mann. Er will bei seinem Nachhausekommm freundlich empfangen werden und nicht mit der Sorge eintreten: Wird sie heute gut gelaunt, sein!" Findet er aber seine Frau öfterbrummig und wortkarg, nun j dann . bekommt er auch Launen und xwar un :ter anderen zumeist die, so wenig wie möglich nach Hause zu gehen. Zu waZ das aber führt, ist unberechenbar. Richt fede Kleinigkeit darf uns m üblen Humo? versetzen, das Leben hat rnste Sorten genug, die zu trüber Stimmung Anlaß geben, und selbst da mutz man suchen, sich aufzuraffen. WÄchee Segen für einen Haushält;, für Mann ! Kinder und Dienstbot, ist eine im ' mer gleich gut gelaunte Frau. Si; ist für die Erheiterung des . Gatten fa dacht, den Kindern vi'rd sie eiae geduldige, liebevolle Pflegerin, ihren Dienstboten eine gerechte, gürtg Herrin , sein. In solch' eir Familie aber ist meist Sonenschei und die wohl auch ! hier nicht auskleiöeNden . Gewitterj stürm: werden leichter getragen und überwunden. Mochten doch allz Mut ier die kleinsten Launen ihrer Kinder strenge bekänsen. sie erweisen ihnen damit eine unabsehbare Wohlthat, denn nicht nur, daß man andere mit Launenhaftigkeit plaat. der Mensch reiniat sich selbst damit und b:!M ich i mit der Zeit zu einem unzufrieden uglülichen Charakter au.

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