Indiana Tribüne, Volume 18, Number 5, Indianapolis, Marion County, 23 September 1894 — Page 2

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rmtcnsnjonijcü.

Manche Frau, deren Wiege in Deutschlands oder Oesterreichs Gauen gestanden hat, dürften die Schönheitsläuterungen" eines Wiener Blattes ineteressiren. Es heißt da unter Anierem: Obgleich die heutigen Deutschen durchaus keine reine und bestimmte Nace sind, so sind sie doch weniger gemischt als die übrigen europäischen Völker, und dies ist einer der Hauptgründe, warum persönliche Schönheit lei ihnen nicht verhältnißmäßig häufig vorkommt. Sie ist am wenigsten in ren nördlichen und mittleren. Theilen desLandes verbreitet, wo der Ursprungliche blonde Typus am reinsten erhalten ist, un? wird um so häusiger, je mehr wir uns den brünetten Nachbarn der Germanen nähern, deren .Frauen bezeichnend d'.e Spanierinnen des Norden genannt worden sind. Theils infolge des Mangels, an Mannigfaltigkeit in der nationalen Zusammensetzung des deutschen Volkes, -theils infolge der auch hier noch bis zu inem gewissen Grade üblichen Ueberwachung hat die romantische Liebe in Deutschland keinen so großen Spiel?aum wie anderwärts. Und als ob dies noch kein genügendes Hinderniß für das gedeihliche Wachsthum der Schönheit wäre, so werden die gegen sie errichteten Schranken noch in hohem Maße durch die deutschen Eltern eigen -thümliche Anschauung vergrößert, daß der Liebesinstinkt ein weniger zuver--lässiger Führer zu einer glücklichen Ehe ist, als die kühle, nüchterne, Verstandesmäßige Rücksichtnahme auf Mammon und gesellschaftlichen Rang. Gesundheit, Gemüthsbeschaffenheit, Tempera ment. Schönheit und wie die Factoren lle heißen mögen, sind Kleinigkeiten, welche, wenn nur erst einmal die Hauptsache in Ordnung ist, in dritter Reihe in Erwägung kommen, so daß die Stufenfolge der Dinge, wie sie bei tem freien Liebeswerben in Betracht gezogen wird, meistens auf den Kopf gestellt wird. Gleich ihren franz'ösischen Nachbarn vergessen die Deutschen in diesem Falle die Ansprüche, welche die Enkel auf 'Gesundheit und Schöntit haben, d. h. die harmonische Verschmelzung der einander ergänzenden Eigenschaften der Eltern, welche ein so mächtiges Leitmotiv bei Einflüssen der Liebe ist. Selbstverständlich finden alle diese Bemerkungen auf die Deutschen nur in sehr allgemeiner Weise ihre AnwenZzunz. Unter allen Klassen und Schich ten der Bevölkerung kann man in Deutschland Schönheiten begegnen, die kaum anderswo übertreffen werden können, hübsche Gesichter sind häusiger als hübsche Figuren, da die letzteren meistens zu kräftig und männlich sind. Die deutschen Mädchen sind die häuslichsten und liebenswürdigsten in der Welt, und diese Gemüthstiefe ist es. welche ihrem Munde einen so süßen Ausdruck und so feine Umrisse verleiht. Wenn sie gar universell erzogen sind, dann strahlen ihre Gesichter in unwiderstehlicber Schönheit. Die Deutschen .selbst erklären gewöhnlich die Mädchen am Rhein für ihre ausgesprochensten und zugleich am zahlreichsten austretenden Schönheitsmuster. Die Gesichtszüge dieser Mägdelein sind sehr fein und M!hr gemuth- als geistvoll: die Nasen sind meist griechisch, das Antlitz sehr oval und künstlerisch regelmäßig. ht Haare braun; der Teint ist sanft, rein und mehr weiß als roth, mehr melancholisch als sanguinisch. Was erzielt werden kann, wenn die deutsche Race in entsprechender Weise mit brünetten Elementen gemischt wird, das kann man in der prächtigen Kaiserstadt an der Donau sehen, welche sich ach dem einmüthigen Zugeständnille aller Reisenden eines massenhafteren Besitzes schöner Frauen rühmen darf, als irgend eine andere Stadt der Welt. Oesterreich hat ungefähr zehn Procent des reinen und vierzehn Procent des gemischten Vrünettentypus mehr als Deutschland. Das dunkle Blut der Italiener, Magyaren und Slaven fließt in den Adern der Wiener, und last not least" befindet sich dabei auch ein kleiner Aufatz von pikantem Orientalismus. Die Wiener Frauen vereinigen die rundliche Fülle und anmuthiae Beweglichkeit der Andalusierinnen mit der Feindeit der Züge und der Reinheit des Teints der Amerikanerinnen. Die Büste ist fast immer voll entwickelt und doch nur selten zu üppig, und die Gelenke an Hand und Fuß sind ein GeUmstand der Bewunderung allerFremden und Einheimischen. Die englischen und amerikanischen Schriftsteller sind darin einig, daß volle Arme bei den Engländerinnen zwar nicht ungewöhnlich sind, daß aber wirklich schöne Arme doch nur äußerst selten bei ihnen vorkommen und schöne Handgelenke noch etwas Selteneres sind. Solche Handgelenke wenigstens, wie sie die Wienerinnen haben, seien etwas fast Unbekanntes bei der englischen Race auf bei den Seiten des Oceans. Weiblich. Gattin (nach einem Streit): JSla ja, ich gebe ja zu. ich habe meine Fehler! Gatte: .Gewiß, meine Liebe, die hast Du?" Gattin: So, welche denn?" Gatte: Na, ich sagte ja nur, Du hättest welche." Gattin: So, also ich habe meine Fehler, möchtest Du sie mir nicht nennen?" Gatte: Na, da ist in erster Reihe " Gattin (unterbrechend): Schweig, ich will nichts hören!" I m Eifer. Fräulein: EZ ibt also wirklich noch Menschensressei?" Kapitaiu: Ich war selbst schon zugegen, als sie gerade Menschenfleisch verzehrten!" Fräulein (die eben aus der Kochstunde kommt): Ack, zd wie war denn das zubereitet?"

Iwctcrlct Vclcuaztung Humoreske von Henry Moor.

Thun, am 14. April 1893. Altes Haus! Voll Ingrimm sitze ich hier in Thun. Was thun? Es regnet so schauderhaft, als ob am Himmel ein zweiter Thuner See angebracht wäre und seine Wasser über uns ergösse! Von den Bergen nichts zu sehen! Das Hotel altmodisch, aber nicht alterthümlich, menschenleer und gottverlassen! Das Essen scheußlich. Nichts als Liebig und Eonserven, dazu der Wein jung und das Bier alt. Da hab' ich nun. was ich mir immer wünschte: die Schweiz ohne Berliner und Engländer, ohne Eomfort und Fremdenführer! Nie im Leben bin ich mir so jämmerlich erschienen wie hier, wo ich als einziger Müßiggänger unter lauter Fleißigen zweck- und ziellos umherlaufe. Mit ehrlichem Neide habe ich eine Viertelstunde lang dem Treiben des Stubenmalers zuaesehen, der Amoretten von unglaublichem Kaliber an die Saaldecke pinselt und dabei, in Gott vergnügt, sein Liebchen pseift. Tiefsinnig habe ick sodann einen Kellnerlehrlin beim Putzen von Deckelkrllgen beobachtet hol's der Teufel, nimmt der Tag denn gar kein Ende? Mein Züricher Reisecumpan und College, der sakrische Schlingel Windner, telegraphirt mir, daß er erst mit dem letzten Zuge kommen kann. Jetzt ist es zehn Uhr Morgens. Nun gut! Entstehe daraus, was entstehen wolle: ich schreibe lange Briefe.- Sonst glaubt doch kein Mensch an mein Un glück. Ich und Briefschreiben! Nachdem ich meinen Alten angepumpt und meine Mutter angedichtet habe, lache nicht, es war gar nicht übel! kommst Du an die Reihe. Ich habe Dir ja ein Schock Grüße auszurichten von unserem Corpsbrudec vulgo Studienfreund Walter von der Vogelweide, den ich auf der Durchreise besuchte. An seiner Thür stand natürlich: Dr. Walter Vogel, Universitätsprofessor. aber das ist ein Irrthum. Der Mensch ist nicht nur von mir Vogelweide getauft, sondern jeder Denkende muß ihn so nennen. Jetzt mit dem Vollbart erst recht. Du hättest ihn nur sehen sollen nein. Du hättest ihn nicht sehen sollen; denn ich sage Dir, wenn Du das miterleö! hättest, was ich erlebt habe. Deine diversen Erblasser brächten Dich im Leben nicht unter die Haube. Und Du mußt doch das Geschlecht der Asmuffe fortsetzen. Gott sei Dank, daß ich bereits drei verheirathete Brüder und zn?ei dlobte Schwestern habe. Von mir erwartet Jeder, daß ich mich zum Erbonkel ausbilde, nur mein Schneider will's nicht glauben. Aber zurück zu Walte? von der Vogelweide. Also: ich klingle, klingle in regelmäßigen Pausen von einer Minute, ohne daß ein Mensch Notiz davon nimmt. Inzwischen gucke ich mir als eingefleischter Baumensch das Professorenhäuschen von außen an. Gar nicht so uneben, Vogelweide! Im Sommer. wenn das Alles berankt ist, muß es r ganz hübsch hier wohnen. Und ruhig, sag' ich Dir, ruhig! Das Gras wächst zwischen den Steinen, und kein Mensch weit und breit zu sehen! Es geht doch nichts über so ein deutsches Universitätsstädtchen! Die Burschen sitzen um diese Stunde (101-2 Uhr Vormittags) beim Frühschoppen, die Professoren im Colleg. also ist die Stadt wie ausgestorben! Mein Vogelweide aber las heute nicht: ich hatte mir bereits in aller Frühe diese Gewißheit verschafft er mußte also zu Hause sein. Ich klwg:lte wieder Du kennst meine Hartnäckigkeit. Da endlich erscheint von außen Rettung in Gestalt von zwei todten Hühnern. Todte Hühner mit blutigen Hälsen: ein Sujet für ein modernes Gemälde. Siehst Du das vor Dir? Die Hühner, von einem Vauernkinde getragen, das mit der Hausgelegenheit gut vertraut die Parterrethür, an der ich Sturm läute, verächtlich links liegen läßt, den Thorweg durchschreitet, um dann im Hinterhause eine Stiege hinaufzutraben, die so schmal ist, als wäre sie für ihre beiden blutenden Opfer, da sie noch lebten, erbaut worden. Ich blieb dem Mädchen dicht auf den Fersen, denn eine innere Stimme sagte mir, daß ich mit seiner Hilfe in diesem verwunschenen Hause noch am ersten auf was Lebendiges stoßen würde. Auf einem stockdunkeln Treppenflur machten wir Halt. Jch bringe die Hühner für Vogels!" rief das Mädchen. Ein: Thür öffnete sich, und eine gewichtige Hand kam zum Vorschein, nahm die Hühner in Empfang, wobei von einer sehr scharfen Stimme eine Bemerkung erschallte, wie sie bei solchen Anlässen, glaub' ich. gang und gäbe sind. Wie spät! Und wie ma5! Und wie alt! Und wie theuer!" Dann sollte die Thür wieder zugeschlagen werden, aber ich wußte es zu verhindern und glitt mit einer Virtuosität durch die Spalte, deren sich ein reisender Weinhändler nicht zu schämen gehabt. Nun überschaute und beherrschte ich mit einem Schlage die Situation. Ich war in die Küche gerathen. Das war an und für sich nichts Schreckhaftes, aber in der Küche befand sich eine Schwiegermutter, eine Schwiegermutter, die einen Hering ausweidete. Hast Du schon einmal eine Schwiegermutter mit fest eingeflochten:m Vorderhaar geseben? Nein? Nun. dann hast Du gar nichts gesehen. Klapp Deine Bücher zu, Du armes Naturfor-

seyeric Du, und betrachte anstatt Deiner Mammuthökncchen und Jchthyosaurusschädel dieses .Prachtexemplar von einer Schwiegermutter. Rasse, sag' ich Dir: umfangreich und respektgebietend! Gattung unser kennbar: Miene, Haltung, Stimme Alles verrieth sie. Nur sie selbst verrieth sich nicht; denn das Wort Schwiegersohn" kam nicht über ihre Lippen. Walter 'wird sich sehr freuen." erklärte sie mir während des Händewaschens. Ihr Name ist mir nicht fremd" (ich hatte mich natürlich in aller Form vorgestellt). Sie müssen nur Nachsicht üben; denn Sie finden nur wenig Behagen bei uns." Mit heiligen Schwüren versicherte ich ihr, daß ich für Äußerlichkeiten weder Augen noch Sinn hätte, daß ich aber für mein Leben gern den Professor sprechen möchte, da ich mit dem Mittagszuge Weiterreisen wollte. Nun. dann kommen Sie, aber leise, bitte! Wir müssen an der Kinderstube vorbei und das Baby schläft!" Von der ctüche in der es fllrchterlich nach Weißkohl roch schwankten wir auf den Fußspitzen in die ungewisse Dämmerung eines engen Corridors hinein, nachdem meine Begleiterin mir noch den freundschaftlichen Rath ertheilt, nicht über dieBadewanne des Babys zu fallen. Gehorsam wie ich bin, fiel ich auch nicht über die Badewanne, sondern rannte nur gegen einen Trockenständer oder dergleichen, bei welcher Gelegenheit mir ein feuchter Lappen in's E?sicht fuhr. Hänschens Windeln," sagte meine Führerin zärtlich. Sie sind eben durch Hinterthüren hereingeschlichen!" Die Antwort auf diese offenbar geistreich sein sollende Bemerkung blieb mir erspart, da sich jetzt endlich eine Vorderthür aufthat. Walter von der Vogelweide stand auf der Schwelle. Der Stimme nach zu schließen, war 's wenigstens.' aussehen that er seltsam genug. Weißt Du noch, wie dem das Cerevis vor fünfzehn Jahren keck auf dem

Scheitel saß? Ein Teufelskerl! sagten die Männer von ihm und die Weiber seufzten hinter ihm drein! Ueber sein Schnurrbärtchen allein hat mir einmal unsere Filia hospitalis" einen Vortrag gehalten, der mir zu denken gab. Jetzt hat er einen riesigen, ungepflegten Vollbart und dazu eine Mähne wie ein Waldmensch. An den Füßen die nie klein waren riesige Filzbambuschen" und zur Vervollständigung einen Ueberzieher. Einen Ueberzieher im Zimmer! Ich bewahre noch ein Kneiplied von ihm, in dem r unter allem möglichen Unmännlichen und Verabscheuungswürdigen auch dem Ueberzieher ein Pereat bringt. Nachdem der erste Sturm der Wiedersehensfreude sich gelegt (heißt's nicht so in Romanen?), schlug' er mir vor, mich auf's Sopha zu setzen. Die Stühle sind beim Tischler und werden polirt Nußbaum schlägt so aus, weißt Du!" Ich nickte wie ein Sachverständiger und steuerte auf's Sopha zu, aber als ich mich niedersetzte, begann sich ein gar seltsames Rauschen und Knistern' unter mir vernehmlich zu machen. Ach o das neue Seidenkleid meiner Schwiegermutter!" Ich fuhr'auf. als hätte ich auf Nessein gesessen. Wir wollen nämlich am nächsten Sonntag unseren Jungen taufen und da haben meine Frauen der Plural fiel dem Aermsten so geläufig von den Lippen, als sei er ein Pascha natürlich das Unterste zu oberst gekehrt." In mein Zimmer kann ich Dich leider nicht führen, denn die Handwerker sind drin." Die Erklärung war überflüssig, weil ein unleidliches Pochen und Hämmern zu uns hereindrang. Uebrigens arbeitet sich's ganz gut hier im Salon, sobald er ordentlich durchgewärmt ist." Einstweilen sah man noch den Athem. Solch' Damenschreiötisch ist freilich nicht bequem," und er wies auf einen Nippesständer im Erker, dessen ursprüngliche Bestimmung durch ein unbenutztes silbernes Tintenfaß' zartfühlend angedeutet wurde, deshalb sitz: ich hier am großen Tisch! Das geht vortrefflich!'' Vortrefflich nannte er das! In der Mitte stand ein chinesisches Ungethüm von Vase, die Decke hatte er behutsam zurückgeschlagen und so balancirten nun sein: griechisch: Scripta auf einer bescheidenen Ecke.. Das Tintenfaß steh! auf dem Ka minsims," erklärte er mir wichtig, ich mache lieber den kleinen Weg. als daß unser Pussel es hinunterwirft." .Pussel?" Ich ließ meine Blicke suchend über den Teppich gleiten. Ach, Du meinst wohl, ich habe hier Katzen zu beaufsichtigen na. das wäre noch schöner! Nein, Pussel ist unser ältestes Töchterchen. Komm einmal zum Vorschein!" rief er und hob einen Zipfel der Plüschdecke in die Höhe, aber Pussel blieb unsichtbar. Wie seid Ihr denn auf den Namen verfallen?" fragte ich. Meine Schwiegermutter heißt Pauline." versicherte er treuherzig, und da hat meine Frau den Namen, den sie nicht mag, so abgekürzt." Pussel von Pauline! Die Sache leuchtete mir sofort ein. Meine Frau weiß wohl gar nicht, daß Besuch da ist," sagte er dann, sie schläft eben ein wciig. Heute Nacht hatte sie furchtbare Zahnschmerzen und ien: eine dicke Backe." Ich beklagte sie in den geziemendsten Ausdrucken. Nun, ihr Bild sollst Du wenigstens seben!" .Alle Wetter, wie reizend! Du

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weißt, ich kann die Weiber nicht leiden. aber dieser Walter von der Vogelweide hat sich da dem Bilde nach zu urtheilen wirklich was Minniges erkürt". Im weißen Kleidchen, mit lässig verschlungenen Händen steht sie da, den Blick in's Weite gerichtet ein reizendes Lockengekräusel über der Shrn em prächtiger Zopf im Nacken dazu ein Mündchen ein Mündchen! Das ist ja schlechtweg eine SchönSeit!" Er lachte froh und geschmeichelt. Sie ist in der Ehe fast noch hübscher geworden Pussel ist ihr Ebenbild. Komm doch. Mäuschen, der Herr thut Dir ja nichts!" Da krabbelte endlich etwas unter der Decke hervor: ein zerzauster Kopf, ein über und über mit Chocolade beschmiertes Gesicht, ein Näschen, dessen ganze Beschaffenheit auf hochgradigen Schnupfen und auf chronische Abneiaung gegc?. Tafchentücher hinwies zwei klebrige Händchen Alles eingewickelt in ein riesiges Shawltuch! Das war das Ebenbild des schönen Bildes, das ich noch in der Hand hielt! Welch' Glück, daß ich als vielerfahrener Onkel immer ein ganzes Sortiment von Zärtlichkeitsausdrücken, für jede Situation passend, in Bereitschaft halte. Tausendsassa, Naschkatzchen. Zuckermäulchen!" Ich sac,e Dir, ich zog mich glatt aus der Afsäre. Aber Du möchtest gewiß gern etwas frühstücken?" unterbrach mich Walter. Warte, ich will nur mein Frauchen wird sich sehr freuen," und er ging zur Thür. Da wurde diese von der anderen Seite geöffnet und herein trat Ihr Götter, war das die jünge Frau? Die Morgenstunden pflegen ja immer kritisch für zarte Blondinen zu sein. Hier wirkten sie vernichtend. Blaß, von einer dicken Backe bis zur Unkenntlichkeit entstellt, unfrisirt, die Gestalt, die auf dem Bilde so mädchenhaft schlank war, ganz vermummt in Tücher und Shawls (sämmtliche Bewohner dieses feuchtkalten Hauses er schienen wie Nordpolfahrer gekleidet), Und nun kommt das Schlimmste: die Füße in Filzpantoffeln, von denen ich zitternd hoffte, daß sie der Schwiegermutter gehören möchten, in diesem Aufzuge lernte ich die junge Schönheit Frau Professor Dr. Vogel kennen. Sie wollte sich natürlich gar nicht zu erkennen geben, wollte zurück, aber ihr Mann hielt sie fest. Vor solch' altem Freunde brauchst Du Dich gar nicht zu geniren, ich hab' schon gesagt, daß Du nicht auf dem Posten bist!" Na, das arme Ding blieb, obgleich es mit dem schiefen Gesicht unmöglich gute Miene zum bösen Spiel machen konnte. Findest Du nicht, daß dieser Brief funkelt von Geist und Witz? Mit dem bösen Spiel will ich'nämlich zu dem Klavierspiel hinleiten, das während die junge Frau mir die Leidensgeschichte ihrer Nacht erzählte aus dem Nebenzimmer erklang. Die Mittagspause der Handwerker durfte offenbar nicht unbenutzt verstreichen. Irgend Jemand hub zu singen an. Du denkst: ein Lied? I Gott bewahre! Man übte: m a nrn und noch einmal m a und dann mi, mi und noch einmal mi! Meine Schwägerin hat Singstunde." sagte Vogel. Der Unglückliche fand Alles natürlich: rauchende Oefen, schreiende Säuglinge, scheltendeSchwiegermütter, dickbackige Frauen und singende Schwägerinnen! Denn, alter Kamerad, ich will meine Schlußeindrücke in diesem letzten Satz zusammenfassen und dann die Thür dieses traulichen Gelehrtenheims" Dir vor der Nase zuschlagen, damit Du zukünftiger Stammherr des Geschlechts Derer von Asmuß nicht vor dem Altar Neißaus nimmst. Das Wetter klärt sich übrigens auf. Ich nehme ein Boot und rudere auf den Thuner See. Mein nächster Brief kommt aus Roma. Ich hoffe bestimmt, dort die versprochene Postkarte vorzufinden. Mit Gruß und Handschlag Dein Bauer". Marburg, den 21. April 1803. Lieber Fritz! Du wirst höchlichst überrascht sein, statt der obligaten Postkarte einen Brief von mir zu erhalten, da ich ein abgefagter Feind aller unsachlichen Mittheilungen bin. Du kennst mein Axiom, daß es besser um die Naturwissenschaften stünde, wenn nicht von Alters her selbst wirklich gescheuteLeute sich gegenseitig durch ihren Stil hätten imponiren wollen, anstatt lediglich darauf bedacht zu sein, die Summe der ihnen von den Altvorderen überkommenen positiven Kenntnisse, ihrerseits um ein Bruchtheilchen vermehrt, der Nachwelt zu hinterlassen. Das dumme Wort le Styl c'est rtr u t 1 1 . -.er rjc.i 1' jc i o i L)ouuuz ijuuc ivvifi U)iuzzuaf jemals Geltung erlangt, wenn es nicht von einem Naturforscher in die Welt gesetzt worden wäre. Unsereinem wird ebenAHes geglaubt, weil die große Menge denkt, wir stellten keine Behauptung auf, die wir nicht vorher auf ihr: Richtigkeit geprüft hätten. Während ich dies schreibe. kommt die leidige Stilmanie auch über mich, und ich ertappe mich allen Ernstes darauf, wie ich einen .schicklichen Uebergang von diesen allgemeinen Betrachtungen zu meinen besonderen Ver Hältnissen finde. Ich hab: mich nämlich verlobt! Das wird Dich loenia befremden: denn Du kennst meine Ansichten von der Richtigkeit und Nützlichkeit 'der Ehe. . Ich habe mich aber auch verliebt das wird Dich schon eher in Verwunderung setzen verliebt nicht in

irgend ein vorsintfluthl'rches Gerippe,

wie Du stets prophezeitest, sondern in ein seh? lebendiges, schönes, junges Geschöpf, das auf den Namen Anna Hagen hört und Aber nein, ich will der Reihe nach erzählen. Das Bier schmeckte mir nicht mehr, als Du fort warst, und mir graute vor den Osterferien, in denen zu den Abenden ohn: Dich auch noch die Vormittage ohne Colleg kommen sollten. Darum war es mir ganz recht, als mich am Freitag nach Deiner Abreise Freund Vogel schriftlich aufforderte. seinen ersten Jungen auZ der Taufe zu heben, wenn ich die Reis: nicht scheute. Mennert se:n derzeitiger Rector habe ein sehenswertes NaturalienCabinet, das ich ja noch nicht kenne, und so solle ich nur. kommen. Ehrlich gestanden, :ch reiste der Mennert'schen Sammlung zu Liebe, die er im , vergangenen Sommer in Norwegen so trefflich complitirt haben soll. Die Taufe kam erst in zweiter Reihe. Aber nach meinem ersten Besuch bei Vogels dachte ich anders über die Sache. Schämte ich mich nicht vor Deinem Spottgesicht, ich könnte poetisch werden bei der Schilderung dieses Hauses! Er erzählte mir. Du seiest nur einen Augenblick dagewesen und habest seine Schwägerin! gar nicht kennen gelernt. Aber die Frau hast Du doch wohl gesehen? Nun, denke Dir dies wundervolle Weib um ein paar Jahre jünger, um ein paar Linien schlanker, um ein paar Schattirungen dunkler, und Du hast meine Braut! Und meine Schwiegermutter sollst Du ja auch flüchtig gesprochen haben! Nicht wahr, die flößt Einem keine Angst ein? Ich sehe dem Zusammen!ben mit ihr völlig unbedenklich entgegen; denn sie will von nun an ihre Zeit zwischen ihren beiden Töchtern theilen und die eine Hälfte des Jahres bei uns verbringen. Welch' stille, sanfte Frau! Sie war auch Pathin und kam mir ordentlich jung vor in ihrem hellen Seidenkleide und mit dem welligen, blonden Haar. Die Feier verlief, wie solche Ceremonien immer verlaufen: die Predigt war lang, die Zuhörer geduldig, der Täufling ungeduldig. Aber da war ein kleines Mädchen, ein bildschöner Lockenkopf von drei Jahren im weißen Kleidchen mit flatternden, blauen Schleifen: wie ein Engelchen! Der Vogel hat Glück. Du glaubst nicht, welchen: Eindruck seine Häuslichkeit auf mich gemacht hat. Die ganze Wohnung duftete nach frischen Blumen, der Salon war in einen Garten verwandelt, nur sein Studirzimmer lag still und unberührt da man erkennt daran, daß die junge Frau geistige Arbeit zu ehren weiß. Musiziren thun sie nur. -wenn er im Colleg ist, und ich sage Dir, meine Braut singt wundervoll und was das Schönste ist ganz ungekünstelt.. Dic hat ihre Stimme gewiß nie auf die Folter spannen lassen, wie so viele Andere. Sie neckt mich und meint. - in ihre Stimme habe ich mich eher verliebt als in sie selber, und da hat sie nicht Unrecht; denn als ich sie singen hörte. dachte ich: diese Stimme oder keine soll vor dem Altar mit einem Ja" bekraf tigen, daß die BesiKerin Heinrich Asmuß' eheliches Weib sein will. Aber wer wech, ob ico so schnell meinen An trag gemacht, wenn mich nicht Alles in dem Hause so angesprochen hätte; denn schließlich bin ich ein Philister, und eine trauliche Häuslichkeit dünkt mich das beste Glück dieser Welt. Wenn Du auf der Rückreise wieder Deine Angehörigen m Hessen besuchst, mußt Du jedenfalls noch einmal bei Vogels vorsprechen. Meine Schwägerin sagt, man störe sie nie. Wie lange willst Du fortbleiben? Wir heirathen, wenn die Rosen blühen, sagt meine Braut also in acht Wockien. lrniarte keinen Brief inzwischen von Deinen! H. A. Nachschrift. Da ich nur mit einem Retourbillet hierher gefahren bin, so hinterließ ich keinen Auftrag, mir Briefe nachzusenden, weiß also noch nicht, ob Du Deinen Reisegefährten pünktlich getroffen. Hoffentlich finde ich zu Hause den versprochenen Brief, auf den ich mich sehr freue. Kohe Liebe. Zu Deinem Ruhm, Du süßes Kind, Zum Lobe Deiner Schöne, Entsteigen meiner Leyer. ach. Die sonderbarsten Töne. Hör' an: Ich wollt' ein volles Jahr Mich Tag für Tag erstechen, Mich Beelzebuben's Großmama Als Schwiegersohn versprechen; 'nen ausgestopften Affenbalg Mit saurem Rahm verspeisen. Im Schwimmkostüm zur Winterszeit Sibirien bereisen; Allnächtlich einen grausen Alb Von meinem Deckbrett drängen. Im Bärenzwinger wochenlang Am Seidenfaden hängen; Des bürgerlichen Ehrenrechts Total verlustig gehen. Wenn ich Dich durch ein Fernrohr nur Roch einmal dürfte sehen. Boshaft. Zwei Frauen (sich in Cafegesellschaft unterhaltend): .Weshalb setzt sich denn Deine Freunoin nicht zu uns, sondern so abseits in die Ecke?" Ja, weißt Du, das hat seinen guten Grund, sie ist nämlieb so häßlich, daß sie sich in den Schatten setzen muß, um im besten Lichle zu sitzen."

Im Ncichc der Mode.

Die letzten Ta des Sommers sind da: in der Natur leuchtet es noch in bunter Farbenfülle, aber die graziösen. dunkelalühenden Ranken des wilden Weins, die leichten Qronzetöne des Laubes sind doch schon der Ansang vom Ende, und die Mode beeilt sich, für die Herbsttage effektvolle Neuheiten zu schaffen. Und in der kurzen Sommerruhe, die sie sich gegönnt, hat sie neue Ideen gesammelt und neue Ueberraschungen, sowohl in Formen wie in Farben, geplant. Herbstjäckchen. Etwas sehr Hübsches ist das in der vorstehenden Illustration veranschaulichte kurze Herbstjäckchen aus drapfarbigem Tuch mit Revers und Spangen aus weißem Leder. Die Schoßtheile des Jäckchens sind ganz wenig glockig geschnitten; der Verschluß geschieht vorne mit Haken. Rings um den Rand einige Steppreihen, durch die an den Vordertheilen, angebrachten gesteppten Einschnitte sind wie ersichtlich Lederspangen geleitet. Reverskragen aus Leder, am Kragentheile mit drav Sammt besetzt. Ballonärmel. Englisches Straßenkleid. Die zweite Abbildung stellt ein englisches Straßenkleid aus drapfarbigem Lustre mit Rverstaille dar. Der Rock besteht aus einem Vorderblatte und zweS rundgeschnittenenTheilen und erscheint rinqsum mit zwei dünnen. mitgenähten Passepoiles geziert. Er ist fünf Nards weit und mit Taffet ge füttert. Die Fracktaille ist an ihren Vordertheueir oiletartiq geformt und ebenda mit einem Ansätze aus weißer Ottomane oder Moire versehen, welcher eine Weste markirt. Die Vordertheile haben eine Brustnaht und schließen doppelreihig mit schathrten Hornkno pfen. Der Reverskragen erscheint mit falschen Knopflochern benäht und mit brauner Faille ausgefchlagen; das Fräckchen ist mäßig lang, in der Mitte geschlitzt und an den beiden runden Seitentheilnähten in je eine Falte geordnet. Die Aermel sind ohne jede Einlage zu lassen und werden beimAnsatze an das Armloch in gelegte Falten geordnet. Herbst kleid aus W o l l st o f f. Aus grauem englischen Wollstoff ist das vorstehend abgebildete Herbstkleid gefertigt. Der Rock ist vier Yards weit, mit gleichfarbigem Lustre gefüttert und besteht aus einem unten 24 Zoll, oben 12 Zoll breiten Vorderblatt und zwei in die Rundung geschnittenen Bahnen, welche beim Ansätze an das erstere in fadenqerader Richtung zu lassen sind. An der linken Seite erscheint ein unten 6 Zoll breiter, oben spitz zulaufender Keileinsatz eingefügt, dessen rückwärtige Seite dahin zu liegen kommen muß (wenn man den Äock zusammnnadelt), wo an der anderen Seite die Verbindungsnaht der beiden Rocktheile sich befindet. Diesen Keileinsatz begrenzen an beidenSeiten die in Form einer Falte abgesteppten Rockblätter. Der Rock wird oben in die erforderlichen Zwickel genäht und rückwärts in a'genseitige, zusommenschauende Falten aelegt. Die Schoßiaille hat eine iit vem Futt:r gleichartig geschnittene

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Grundform, deren Vordertbeile sich mi!

Haken verbinden und die mit Ausnähme der Rückentbeile bis zum Schlüsse reicht; letztere erscheinen als 13 Zoll lang geschnittene Patten, welche rjf...T.t" ?. r iqiupiensormig umgeschlagen un? am unteren Theile ausgeschweift sind. An der breitesten Stelle messen diese Patten 4 Zoll. Denselben schließen sich die in die Rundung geschnittenen, verstürzt aufgesetzten Schoßtheile an, die am unteren Rande t eine Yard messen. VHil in die erste Seitennabt gefügt erscheint ein Miederchen, 10 Zoll lang, in der Mitte mit Haken schließend, mit fischbeinvenahten Schweisungsnaylcn ausgestattet und, wie an der Abbildung ersichtlich, ausgeschweift und mit Stahlknöpfen besedt. Der breite Achicttragen besteht aus je zwei Theilen, deren Lerbindungsnaht auf die Achsel zu li:--gen kommt; er erscheint versturzt ausgesetzt, reicht rückwärts, wo er mit einem ' Stahlknopfe abschließt, spitz bis zum Schlüsse und wird vorne unterhalb des Mieders in einige Falten zusammengenommen. Tcr Graf von Paris Durch den Tod ist Philippe. Graf von Paris von der politischen Schaubühne. auf welcher er freilich niemals eine bedeutende Rolle gespielt hat. abberufen worden. Sein Hinscheiden erfolgte im Stowe House", London. L Si HJ.$Ji ' wH l? 'Ht Vi ' ', ÄS. Philippe, Graf von Paris. Louis Philippe. Herzog von Orleans. Graf von Paris, war in Paris am 24. August 1838 geboren und ein Sohn des Herzogs von Orleans und Enkel des Königs Louis Philippe von Frankreich. Als die Revolution des Jahres 1848 dem Königthum ein Ende machte, begleitete er seine Familie in das Exil nach England. Im Jahre 1861 kam der junge Prinz mit seinem Bruder, dem Herzog von Chartres, nach unserem Lande und trat er mit dem Range als Capitän unter General McClellan in die Bundes-Armee. der er bis Juni 1862 angehörte. Unter Thiers war der Verstorbene Mitgli?d des Rational-Versammlung. Als im Jahre 1836 die direkten Nachkommen aller Familien, welche jemals inFrankreich geherrscht haben, durch Gesetz des Landes verwiesen wurden, begab er sich nach England, auf dessen gastlichem Voden er bis zu seinem Tode weilte. Seiner Ehe mit der Prinzessin d' Assisse, ältesten Tochter des Herzogs von Montpensier, sind vier Kinder, zwcr Söhn: und zwei Töchter entsprossen. Ja, Bauer, das ist ganz 'waS Anderes. ri& Ak (A u f d e r K e g e l b a h n.) Faulhuber: Herrgotts d i e Kug:5 soll aber flutschen! 'to ist doch ein famoses Vergnügen, das Kegelschieben! Ich glaub', ich könnt' bis in die sinkende Nacht schieben, ohne müde zu. werden!" (Zu Hause.) Faulhuber: Nein. Baby, das geht nicht. Ganze fünf Minuten habe ich j?tzt mit Dir Ball gespielt und mirthut jeder Knochen in meinem Körper '.?eh' von dem ewigen Bücken und Ballrol'en!" Wörtlich. Er: In meinen Versen lesen Sie das Bild meiner Geliebten!" Bekannter: Hinkt sie auch?" ' Ein siegreicher Held Hast Du es gehört, unser FreundMüller ist jetzt selbstständig geworden." Der?! nicht möglich!" Ja! seine Alt: ist gestorben!" Falsch ausgelegt. Bater: Heut zu Tage braucht es Zeit, bis man sich auf ehrlich: Weise ein Bermögen macht!" Sohn: Ja r drum heißt es auch, ehrlih ährt am längsten."

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