Indiana Tribüne, Volume 17, Number 338, Indianapolis, Marion County, 26 August 1894 — Page 3
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9t Sragilie Des Mm. Vornan von 52. ZUedektzreus. (3. Fortsetzung.) Beste Mama, vorläufig hat er noch -nicht um mich angehalten; was Du als Huldigung betrachtest, ist vielleicht nur der Ausstoß seiner ritterlichen Natur uns Verladenen gegenüber, die allen diesen feurigen Tropenmenschen eigen. Und dann," setzte sie leiser und gesenkJen Hauptes hinzu, als würde es schwer, das Bekenntniß abzulegen, ich erkenne ganz die Vorzüge Doktor Montsantos, er mag im Vergleich zu Egon von Saßwitz ein Ideal allerersten Ranges in jeder Beziehung sein, aber es läßt mich kalt, weil ich Egon liebe und ihm mein Wort gegeben habe; er ist der Einzige, dem ich jernals meine Hand reichen kann und will." Frau Doktor Rombcck seufzte ge--räuschvoll und warf den Blick ank'lagend nach oben. Ich sage es ja, wir sollen kein Glück haben, bis jetzt erlebte ich noch keine Freude an meinen Kindern, nur immer das herbste Mißgeschick, und 'der Himmel weiß, was mir noch vorbehalten ist." Auf diese bittere Bemerkung, die Kamilla in's Herz tras, wurde ihr die Antwort erspart, da das Knarren der Gitterthür am Vorgärtchen die Ankunft Doktor Montsantos verrieth. Romano fühlte sich wohl in dem geniüthlichen Zimmer, mit der winzigen Veranda, wo 'heute seiner wartend, "der Kaffeetisch sauber gedeckt stand, und Kamillas Hände alles so einlafceno und wohnlich geordnet hatten; zuerst sollte er sich an einer Tasse Mokka wenn diesem auch die Hauptzuthat, der Mokka selbst, fehlte, erqui cken. dann wollte Kamilla, wie sie ihm hatte versprechen müssen, einige Lieder Don Robert Franz und Schumann singen. Es lag für Nomano ein unbeschreiblicher Neiz darin, im Schaukelstuhl lehnend, den melodischen Klängen der ausdrucksvollen, frischen Mädchenstimrne zu lauschen, das ernste keusche Wesen der deutschen Lieder, der herbe Duft berauschte ihn; da fühlte er sich gehoben, die Gebilde der Phantasie erstanden greifbar deutlich, es jubelte in ihm; und die brennende Sehnsucht nach dem Glück der Liebe drohte ihm die Brust zu sprengen unter diesen reinen Tönen, in denen Lust und Schmerz so seltsam sich verschmolzen und schwermuthsvollesFrühlingsahncn mit "der heißen Gluth des Sommers wechselte. In solchen Momenten träumerischen Sinnens ertappte sich Nomano oftrnals bei dem Gedanken an Daniela, und statt der lieblichen Kamilla sah er das schwärmerische Augenpaar der einstiaen Geliebten vor sich; so war zur Zeit ein Zwiespalt in seinem Innern rege geworden, der ihn rathlos zwischen 'diesen beiden hin- und herschwankcn ließ. Als Frau DoktorRombeck sie war ihm gegenüber ganz lächelnde Zuvorlommenheit später fragte, wo er Gelegenheit gefunden, sein für einen Ausländer ungewöhnlich reinesDeutsch Zu lernen, entgegnete er: Zum größten Theil im Hause des Oberst von Weddingen, er sprach von jeher am liebsten sein gemüthliches Teutsch mit mir; außerdem hielt ich mich vor den letzten Semestern in St. Paulo, zwei Jahre auf deutschen Universitäten, hauptsächlich inBerlin auf." In Berlin," rief Frau Doktor, die lles bewunderte, was Graf Romano sagte oder anging, in Berlin! Wie hat es Ihnen denn gefallen, was für ein Urtheil fällen Sie über unsere Landsleute dort?" Auf Nomanos nachdenklichemGesichie zeigte sich sein liebenswürdiges Lächeln, welches diesmal einer heiteren Erinnerung zu gelten schien. Vor allem flößte mir das äußerst -regsame Geistesstreben des deutschen Äolkes Hochachtung ein," entgegnete er, die eigensinnige Stirnlocke mit der ihm eigenen kurzen Bewegung zurückwerfend, am meisten importirte mir jedoch sein beispielloser Fleiß, die sieberhafte Geschäftigkeit, die in so grellem Widerspruch zu der Trägheit meiner eigenen Landsleute steht, und sich auf alle Kreise erstreckte. Ich besaß damals die etwas sonderbare Manie, an alle hervorragenden Geisteshelden männlichen und weiblichen Geschlechtes, seien es Maler, Schriftstellerinnen, Humanitätsapostel oder Gelehrte, zu schreiben und ihnen meinen Dank auszudrücken, meine glühende Begeisterung und Dankbarkeit trieb mich unwillkürlich dazu. Aber durchweg erhielt ich von allen fast ausnahmslos eine kurz abweisende Antwort, die iminer mit der feierlichen Versicherung schloß, daß man ein sehr beschäftigter Mensch sei, und zum Briefwechsel durchaus keine Zeit übrig habe. Was auf mich stets den Eindruck machte, als würde mir bedeutet, dieses eine Mal wolle man mir gnädigst antworten, sollte ich aber wagen, zum zweiten Male zu kommen, müsse ich gefaßt darauf sein die Treppe hinab geworfen zu werden." Ja," meinte Kamilla lachend, von der außerordentlichen Höflichkeit ihrer Landsleute besitzen unsere guten Deutsdjen allerdings nicht viel; sie könnten darin manches von Ihnen lernen." Wie wir in vielen anderen Dingen -wiederum von Ihnen lernen könnten," warf Romano ein, vor allem was die Äunst betrifft, sind Sie uns weit voraus; in den Bildergalerien und Ausstellungen der modernen Malerei hab: ich damals den Muth verloren, mich ferner mit meinen eigenen Versuchen zu befassen, die mir einst doch nicht so trostlos stümperhaft und unbedeutend erschienen." .Und daran thun Sie gewiß sehr
unrecht, lieber Graf," " äußerte Frau Doktor Rombcck, denn was ich einmal flüchtig in Ihrem Atelier gesehen habe, Dona Angela zog mich hinein das ist vollständig würdig, sich unseren Meistern an die Seite zu stellen." Sie überschätzen mich unendlich," erwiderte Nomano, indem er wie ein Mädchen erröthete. Das Wollen ist da, aber leider geht mir das Können ab." Als Kamilla hierauf bedauerte, in jenen ersten Tagen der Trauer und Verwirrung versäumt zu haben, sich das Atelier anzusehen, bemerkte erl eifrig die Gelegenheit ergreifend: Wenn es den Damen Vergnügen bereiten sollte, einige recht schöne Sachen von Böcklin, Hauck und Mollet zu bewundern, die vor einigen Tagen ein getroffen sind, so würde es mir eine besondere Freude gewähren, sie Ihnen zeigen zu dürfen." rau Doktor Rombeck griff natürlich mit biden Händen zu, und so wind verabredet, daß man sich am nä'tenSonntag, weil an diesem Tage auch Konstanze und Leopold daran theilnehmen durften, zu einer Tasse Hasse bei Dona Angela einsinken woll:. Es fing schon leise an zu dämmern, als Romano sich entfernte und gedankendoll den schmalen, zu beiden Sei-, ten mit hochanstrebenden Kokospaluin bestandenen Thalweg dahinschritt, deren Riescnkronen sich unter dem leutfjten&n Abendhimmel domartig schloßen; auch heute war erKamilla um seinen Zoll näher gerückt, sie behandelte ihn freundlich, doch so spröde und zurückhaltend, daß es unmöglich war, zu erkennen, ob sein Entgegenkommen bei ihr Anklang fand; denn obgleich die Pforten seines jungen Herzens ofsen standen und er überreichlich' besaß, was - einem Mädchen an irdischen Gütern begehrenswerth erscheinen mochte, wich man ihm doch gleichgiltig aus. Er war eben in eine breiiereStraße eingebogen, als Konstanze aus ihrem Nachhauseweg aus dem Geschäft daherkam. Gut, daß wir uns treffen, Doktor Montsanto," sagte sie erröthend mit glücklichem Lächeln, ich habe eine große Bitte an Sie, die mir schwer auf dem Herzen liegt." Das ist die größte Freude, die Sie mir bereiten können, Dona Konstanze," erwiderte Romano w?.rm, was Sie mir mitzutheilen haben, ist schon im Voraus bedingungslos erfüllt." Es befindet sich hier niemand, an den ich mich wenden könnte," begann Konstanze in leichter Verwirrung, und außerdem besitzen Sie mein ganzes Vertrauen; ich habe nämlich ein kleines Geheimniß, in das ich Sie einweihen möchte, da nur Sie mir in der Sache mit entsprechendem Rath zur Seite stehen können. Es hängt so viel davon für meine Zukunft ab! Denn ein Leben, wie ich es jeht führe, ge theilt zwischen zwei aufreibenden Thätigkeiten, würde ich wohl bis zu meinein Ende nicht gut standhaft ertran gen. Sicherlich nicht." stimmte Nomano begeistert bei. Es wundert mich, daß Sie nicht schon jetzt der ebenso grausamen als unnatürlichen Arbeitslast erliegen, die selbst die kräftigeren Schultern einesMannes drücken muß." Ich glaube, wenn es darauf ankommt, erweist sich das Weib stärke? im Erdulden, Graf Nomano; also inbetreff meiner Bitte handelt es sich um eine schriftliche Arbeit, eine größere Novelle, die ich in meinen Mußestunden beendete; ehe ich sie zur Entscheidüng einsende, möchte ich Ihr Urtheil darüber hören, ob ich überhaupt Talent habe, und wo die Fehler oder Mängel liegen." Trauen Sie mir nicht zuviel zu?" fragte der junge Mann mit bewegter Stimme. Er war. sie begleitend, von neuem in den Palmengang getreten; der Abendwind' bewegte schwungvoll 'die anmuthig gebogenen Riesenblätter über ihnen, und jenseits des blauen Meeres färbte das Gebirge sich im Purpurschimm der scheidenden Sonne. Mit einem Gefühl der Rührung betrachtete Nomano das feine durchgeistigte Antlitz des Mädchens neben ihm, das unter dem Druck der brutalen Arhit für das tägliche Brot hinwelkend, doch so muthig das Ziel im Auge, die dornenvolle Bahn verfolgte. Nein, eine innere Stimme sagt mir, daß Sie der rechte Mann dafür sind, Graf Montsanto." Gut, ich werde versuchen, ein strcnger und gewissenhafter Kritiker zu scin." So sende ich Ihnen die Arbeit in den nächsten Tagen; aber, bitte, zu niemand darüber zu sprechen! Sie winen, wie gehässig ost die Menschen über dergleichen Versuche von uns Frauen denken." Ich werde schweigen, Dona Konstanze, aber halten Sie die Welt nicht für zu schlimm? Wem freilich die in der Seele wohnende Begeisterung, das beilige Feuer edler Leidenschaft unbegreiflich, für den ist ein Weib wie Sie unverständlich. Aber so viel dürfte man doch wohl von den Leuten, die da unten im Thal ihren Kohl und ihre Rüben pflanzen, erwarten, daß sie dem andern, den sein Genius auf die geistigen Höhen treibt, keinen Vorwurf daraus machen." Jch fürchte." entgegnete Konstanze, die meisten Männer haben angesichts unserer Bestrebungen immer noch daS spöttische Lächeln der Ueberlegcnheit, sie halten uns für unberechtigte Eindringlinge in ihr Bereich. Und doch lebt im Weibe der Prometheusfunke wir sehnen uns nach Erkenntniß, nach Wahrheit, und streben nachVollendung, ebenso lebendig als im Manne, auch Aber stets hastet noch der Fluch deZ Lächerlichen an einer solchen Frau, die sich hinauswagt aus den engen Gren-
zen der versumpfenden Alltäglichkeit, und um das zu vermeiden, möchte ich ! mein Geheimniß bewahrt sehen, bis mir der Erfolg gewiß und ich mich guten Muthes in die Reihen der für Recht und Gerechtigkeit Zämpfenden stellen darf." Und das wird Ihnen gelingen," versicherte Nomano lebhaft. In Ihnen wohnt das heilige Feuer der Begeisterung, der Funke echter Poesie, und der warme Herzschlag für alles große und erhabene, der dasWerk jedesSchafsenden durchdringen soll; denn so lange die Welt stand und stehen wird, ist es die erhabene Aufgabe des Dichters, die Menge aus ihrer stumpfen Trägheit zu wecken und durch liebevolleVersenkung auck in den einfachsten Stoff, den Himmelsfunken, der ihn durchglüht, zu zeigen! Wir werden sehen, Dona 5constanze, wie weit Sie Ihre Aufgabe richtig erfaßten, und uns dann mit einander darüber freuen." Als sie sich bald darauf trennten, überkam Konstanze doch ein banges Gefühl der Furcht; sie e'annte plötzlich ihre Unzulänglichkeit und ahnte nach Romanas inhaltreichen Worten, daß ihre Arbeit nicht vor ihm bestehen würde. 4. Ueber Rio liegt das Licht des Vollmonds; von dem geheimnißvollen Hauch der lichtschimmernden Dämmerung Übergossen, ruhen die vornehmstillen Straßen dr Vorstadt; unbewegt, wie erstarrt, träumt die üppige, glänzende Pflanzenwelt, unter dem Schleier der sinkenden Nacht, und aus ihrem Schooße quellen in dem feuchtwarmen Athem Millionen neue Keime in's Leben. Hin und wieder schweben die blauen Flammen der Leuchtkäfer, fallenden Sternen gleich, durch die dusterfüllten Lüfte, um lautlos im Dunkel zu verschwinden. Auch in der Qlindastraße ist es stille geworden; hier und dort sieht man erleuchtete Fenster; aus einem derselben erschallt gedämpft Musik und begleitender Gesang in die friedensvolle Welt hinaus. Es ist gegen neun Uhr; nur ein einsamer Fußgänger, Leopold Rombcck, schreitet auf dem breiten Bürgerstieg, der die Villen begrenzt und sich weit um die Bucht herum zieht, dahin. Innere Rastlosigkeit und Angst haben ihn heute hinausgetrieben und die gewohnte Gesellschaft der kleinen Verewigung. in welche er von seinemKollegen, Adolf Lange, eingeführt worden, meiden lassen; dort wird gespielt, und Leopold hat der Versuchung nicht widerstehen können, daran theilzunehmen. Die Einsätze sind nicht hoch, und anfangs schien ihm ein Glücksstern zu lächeln, er gewann und wagte ermuthigt etwas mehr, bis er zu seinem Schrecken gewahrte, daß die Summe des Verlustes schnell die für seineVerHältnisse schwindelnde Höhe von hundertsechszig Milreis erreicht hatte, also über einen Monatsgehalt hinausging, und noch war ihm nüchterne Besinnung geblieben, um mit dieser Verbindung. die ihn gradeswegs in den Abgrund trieb, endgiltig zu brechen. Aber die Ehrenschuld mußte bezahlt werden und zwar seinem Versprechen gemäß, innerhalb zwei Wochen; woher die Summe nehmen? Das Gehirn brannte ihm von den unablässig irrenden Gedanken, wie sich aus dieser Verlegenheit zu retten. Von Doktor Montsanto borgen? Nein; eine anAbneigung grezende Empfindung erfüllte ihn gegen den Mann, der alles besaß, was er selbst so peinlich entbehren mußte Reichthum, gesellschaftliche Stellung und damit verbunden, Ehre und Ansehen; vor dem sich zu demüthigen war unmöglich, lieber eine Kugel durch den ftops. Tann fiel ihm Daniela ein, seines verstorbenen Vruders Braut; sie schien gutmüthig, leicht zu beeinflussen, vielleicht würde sie helfen! Doch ebenso schnell verwarf er den Einfall als unausführbar. Pfui Teufel eine Dame anpumpen!" Aber hartnäckig drängte er sich immer wieder auf, was war im Grunde dabei? Seine Nothlage würde ihr begreiflich erscheinen, er war in diesem Falle schuldlos hineingerathen, da er von Haus aus das Spiel vermied. Und dann Leopold kannte die Macht seiner Persönlichkeit; die blonde Reckengestalt, das selbstbewußte Auftreten, sein regelmäßig schönes Männerantlitz mit dem seidenweichen Bärtchen und einem vielsagenden Lächeln. dessen leicht frivoler Ausdruck sich als ganz besonders eindrucksfähig zu beweisen pflegte, erwarben ihm im Fluge zahllose Mädchenherzen. Warum sollte es nicht gelingen. Daniela zu erobern, die zweifellos eine gute Mitgift bekommen würde, während er schlimmsten Falles schon allein auf die Verlobung hin irgendwo Geld auftreiben konnte? Das waren freilch verwegene Gedanken für ihn, den vermögenslosen, karg besoldeten Kommis, der nicht im entferntesten an dieGründung eines eigenen Heims denken durste. Aber tvtm das Glück hold sein will, tröstete er sich, dem verwirklicht es selbst das scheinbar Unmögliche. Planlos war er heute Abend umhergeirrt, bis sein Weg ihn unwillkürlich der Qlindastraße zuführte; jetzt lag die Villa vor ihm, deren Palmen hinter dem eisernen Gitter auf der niedrigen Felswand, welche den Park abschloß, ihre grotesken Schattenformen auf den mottdbeleuchteten W-'g warfen. Er ging langsamer, das Haupt gesenkt, die Hände auf dem Rücken, als plötzlich der Klang verschiedener Stimmen und Lachen von dort oben her zu ihm drangen, die einen Besuch andeuteten; war das aber der Fall, so würde Daniela wahrscheinlich, wie sie zu thun pflegte die Bekannten bis zur Parkthür begleiten und ibn draußen bemerkend, auffordern. näer zu treten. Es sollte indessen noch günstiger kommen. . .
Ein leifes Rauschen, wie das Stre!sen einer Kleiderschleppe über den Boden, wurde vernehmbar, und aufblickend gewahrteLecpold eine weibliche Gestalt, die neben der schlanken Säule, welche das zierliche Dach eines Altans trug, auf die Brüstung lehnte und hinabsah; ein freudiger Schreck durchfuhr ihn. es war Daniela, die ihn so fort erkannte. Leopold Sie? Sie wollen gewiß zu Papa! Einen Augenblick ich werde die Psorte öffnen, welche um diese Zeit von innen verriegelt ist." Ehe t; noch eine Antwort geben konnte, war sie bereits verschwunden, um gleich darauf in ihrem hellenKleide hinter den Eisenstäben der hohen Eingangsthür von neuem aufzutauchen, die sich zu gleicherZeit geräuschlos öffnete; Leopold betrat den Park, und beide schritten dem Altan zu, wo sich Daniela vorher befunden, nachdem er erklärt, den Oberst auf keinen Fall mehr stören zu wollen. Sie stören nicht, wir haben so wie so Gäste," bemerkte Daniela, seinem Wunsche nachgebend, Herr Schweighofer und seine Frau, bei denen der arme Ewald wohnte, besuchen Frau von Hasselbach. Ich bin hierher nach meinem Lieblingsplah gegangen, wo ich Ewalds Kommen so oft erwartet habe." fügte sie mit bebender Stimme hinzu. Als ich Sie vorhin da unten stehen sah, ergriff es mich Übermenschlich; denn in dem Zwielicht täuschte mich Ihre Ähnlichkeit mit ihm so sehr, daß ich Ewald selbst Zu sehen glaubte." Als sie den Blick hierauf schwermuthsvoll nach oben richtete, bemerkte Leopold an ihren langen,- schwarzen Wimpern den Schimmer einer Thräne; ihre Worte, bei denen sie sich nichts gedacht, hatten ihn eigenthümlich berührt; er begann lebhafter zu Hoffcn, lag doch in ihnen gleichsam eine Aussicht, daß es ihm gelingen würde, die Neigung, welche sie einst mit dem Bruder verbunden, auf sich selbst zu lenken, und ein wärmeres Gefühl, das jedoch mit der wahren Liebe wenig gemein hatte, durchzog ihn. Danielas vornehm-liebliche Erscheinung dünkte ihm in dem märchenhaften Glanz der tropischen Mondnacht doppelt anziehend, obgleich ta ätherische, zur Trauer neigende ihres Wesens nicht eigentlich nach seinem Geschmack war; er rückte näher und ließ aus seinen Augen und der Stimme jenes berückende Wollen der männlichen Bezauberung sprechen, das er bisher den Frauen gegenüber fast niemals vergebens angewandt. Aber Daniela schien es nicht zu bemerken, ihre Erinnerung weilte in diesem Momente mit schmerzlicher Lebhastigkeit ausschließlich bei dem Verstorbenen; auch ging von ihrem Wesen trotz der weichen Lieblichkeit doch etwas unnahbares, keusches, aus, das seine Künheit in die Schranken wies. Wie glücklich muß mein Bruder gewesen sein, sich so von Ihnen geliebt zu wissen, Daniela, fast möchte ich ihn bei?eiden! Sie können sich nicht vorstellen, wie tief ich es empfinde, daß mit seinem Tode ein Leid über Sie kommen mußte, wofür es eigentlich keinen Trost gibt." Sie haben recht, mit Ewalds Tode wurde meinem Leben eine Wunde geschlagen, die wohl kaum jemals heilt, ich hotte auf ihn die Hoffnung meiner ganzen Zukunft gesetzt; deshalb ahnen Sie auch nicht in vollem Maße, was mir genommen wurde, weil Sie zu wenig von den Verhältnissen kennen." Fühlen Sie sich nicht wohl in Jhrer Umgebung, Daniela? Bitte, vertrauen Sie mir rückhaltslos, betrachten Sie mich als Ihren Freund, der Jhnen von ganzem Herzen ergeben und alles, was in seinen Kräften steht, für Sie zu thun bereit ist," entgegnete Leopold eindringlich. Daniela bereute fast die Aeußerung, welche ihr im Aufwallen der Gefühle entschlüpft, aber durfte sie nicht vor dem Bruder Ewalds ein vertrauendes Wort sprechen, sich einmal die täglich drückender werdende Last von dcrSeele wälzen? Ich glaube und danke Ihnen, Leopold; Ihre Freundlichkeit thut mir doppelt wohl, da sie von Ewalds Bruder kommt, doch helfen können Sie mir nicht; das, worin der große Kummer meines Lebens besteht, läßt sich schwer in Worte fassen. Sagen Sieselbst, ob es nicht ein qualvolles Bewußtsein ist. im Hause gleichsam nur geduldet, als eine lästige Zugabe betrachtet zu werden, von der man sich gern befreien möchte; und das täglich, ja stündlich empfinden zu müssen." Mein Gott. ein solches Leben führen Sie, Daniela?" Ja." entgegnete sie, die schmalen Hände ineinander ringend, nicht von Papas Seite aus, o nein, er ist gut und liebevoll, was ich meine betrifft seine Nichte, Frau von Hasselbach." Oh. diese kolssale, mir so unsympathische Frau ist es, welche Ihnen das Leben derartig verbittert," Äußerte Leopold teilnehmend. Jedenfalls mißgönnt Sie Ihnen den Platz, welchen Sie in dem Herzen des altcnHerrn einnehmen." So ist es, und sie entreißt ihn mir von Tag zu Tag fühlbarer; Valeska glaubt, ich gehe darauf aus, ihre und Regines Reckte an den Onkel zu beeinträchtigen, und doch, weiß der Himmel, wie weit entfernt ich davon bin! Die niedrigsten Absichten schreibt sie mir zu, die mich in den Staub zerren und immer von neuem empören, so daß ich aus dem Kampfe der Verbitterung nicht mehr heraus konrme." Aber das ist ja eine systematische Lebensverkümmerung, unter derem Drucke Ihre frische Jugend elend zu Grunde gehen muß," sagte Leopold entrüstet. Und doch gibt es keinenAusweg für mich aus diesem Jammer." .flüstert: Daniela halb zu sich selbst
Es folgte eine Pause; einWindhauch zog vorüber, der aus den Kelchen der blühenden Vanille eine Wolke heißen Duftes brachte und der stolzen Krone tirtzz der Magorapalmen neben ihnen mit seltsam seufzendem Geräusch ein Blatt entriß, das welk hernieder stnsend, am Stamme tMgen blieb. Leopold neigte das Haupt tiefer zu dem jungen Mädchen, das die Hand auf der Brüstung ruhen ließ,' aus welche er sich leicht gestützt hatte. Sollte es wirklich keinen Ausweg geben?" fragte er endlich vibrirend, die Augen fest auf ihr kindlich weiches, mattweißes Antlitz gerichtet, das im Schmucke der schwarzen Lockenfülle in diesem magischen Dämmerlicht von einem Hauch fast überirdischer Schönheit verklärt erschien. Von seinem Ton betroffen, sah sie ein wenig befremdet zu ihm auf. Hatte nicht Ewald ihn gefunden, Daniela?" fuhr er in derselben Weise fort, die aus einer schwülenStimmung seines Innern sprechen sollte. Ewald? allerdings; er lernte mich kennen wir liebten uns." antwortete sie. das Haupt in leichter Verwirrung senkend. Er lernte Sie kennen nun, könnte, nein, muß es nicht einem anidern. der Sie kennen lernt, ebenso ergehen?" Daniela sah ihn wieder an, groß und erstaunt. Ich verstehe Sie nicht, Herr Rombeck." O, Sie müssen mich verstehen," bat er mit leiser, beschwörender Stimme. Ist es denn o unbegreiflich, daß ich, der Ewald gleich geartet, dasselbe für Sie empfinde wie er, und auch in mir das glühende Verlangen erwachte, Sie zu beglücken, Daniela, aus Verhältnissen erlösen zu dürfen, in denen Sie unterzugehen drohen? Ist es nicht vielmehr vollständig begreiflich, daß ich Sie lieben mußte fast von dem ersten Tage unseres Begegnkns an, und nur die Ehrfurcht vor Ihrem Schmerz und dem Andenken des Todten mich bis dahin schweigen ließen?" Er wollte, hingerissen von dem Rausch, in den er sich künstlich hineingeredet, ihre Hände ergreifen, doch mit hoheitsvoller Geberde wehrte sie ihn ab und trat einn Schritt zurück. Es thut mir sehr leid, wenn mein Benehmen und das Vertrauen dieser Stunde Hoffnungen in Ihnen weckte, Herr Rombeck. die ich nicht ahnte und niemals erfüllen kann! Was mich zu Ihnen führte, war einzig und allein nur die Freundschaft für den Bruder Ewalds." Und keine, gar keine Hoffnung, daß diese Freundschaft sich einst doch noch in Liebe verwandeln könnte?" fragte er unsicher. Keine," erwiderte Daniela kalt, während ihre Wangen sich mit der Gluth desUnwillens vor seinerDreistigkeit färbten. Es thut mir, wie gesagt, unendlich weh, Ihnen die Enttäuschung bereiten zu müssen, wenn es wirklich Enttäuschung sein sollte, die voraussichtlich jedoch ebenso leicht und flüchtig, wie die Neigung entstanden, auch wieder schwinden wird." Leovold biß sich auf die Lippen. Abgeblitzt," zischte eine hohnvolle Stimme seines Innern, während die Blässe des Aergers ihm in das Gesicht stieg. Sie sind hart und beurtheilen mich falsch, .Fräulein Rikardo! Wenn ich Ihnen auch gegenwärtig noch kein glänzendes Loos zu bieten habe, so sind doch meine Absichten ehrliche und es wird ein Tag kommen, da Sie mich höher schätzen lernen," bemerkte Leopold verletzt. Verzeihung, ich wollte Sie nicht kränken." Daniela zuckte die Achseln, doch ihreLippen bebten. Bei reiflichem Nachdenken werden Sie sich zweifellos selbst gestehen müssen, daß in solcher Erklärung kaum drei Monate nach dem Tode Ihres Bruders eine unauslöschliche Beleidigung für mich lag." Was hatte er gethan! Leopold hätte sich selbst ohrfeigen mögen, so tölpelhaft zu früh mit der Thüre in's Haus gefallen zu sein. Daniela hatte Recht. Gezwungen von der Macht widriger Verhältnisse, leichtsinnig, und einer persönlichenGewalt vertrauend, die sich indessen vor wahrhaft edlenFrauen bis dahin noch niemals bewährte, hatte er ein nicht wieder auszugleichendes Versehen der Uebereilung begangen, und es blieb nichts, als kleinlaut den schmachvollen Rückzug anzutreten. Wie immer bei denAnlässen der Ungunst des Schicksals, klagte Leopold seine Armuth an,, sie allein, das hohläugige Gespenst vertrat ihm überall den Weg, zwang ihn zu Schritten, die er unter wohlgeordneten Verhältnissen nie gethan haben würde. Und in ohnmächtiger Wuth schrieb, er auch den heutigen Mißerfolg allein dem entwürdigenden Fluch seiner erbärmlichen Mittellongkeit zu. Wahrlich, man konnte dahin gelangen. jeden Weg recht zu heißen, der aus ihren grauenvollen Fesseln erlöste! Vom Strandweg her wurde in diesem Augenblicke ein Geräusch vernehmbar. Guten Abend Daniela," grüßte Montsantos wohlklingende Stimme herauf; und unangenehm berührt, gerade jetzt mit dem verhaßten Reichen zusammen zu treffen, verabschiedete sich Leopld hastig, eilte der AusgangsPforte zu und stürmte, flüchtig denHut ziehend, an Romano vorüber, so daß dieser ihm einen verwunderten Blick nackwarf. Was bedeutete denn das? Wenige Minuten später stand er auf dem Altan Daniela gegenüber, in deren Wesen noch sichtbar eine nicht zu verkennende Verwirrung lag. Hatte er durch sein Erscheinen eine vertrauliche Unterredung der beiden unterbrochen? Es mußte wohl so sein, denn wie anders sollt: er sich das fluchtartige Verschwinden LeopoldRombecks und die glühendenWangen des jungenMädchenö erklären? ' Er war ein schöner
Mann, den Frauen ungleich Gefahrlicher. als sein schlichter Vruder, aber Heiß aufwallender Zorn gegen diesen hochmüthigen Gesellen, der ihn von oben herab grüßte, verbunden mit einem qualvollen Stich im Herzen, unterbrach Romanos Gedankengang; konnte Daniela wirklich mit jenem bereits auf solchem Fuße stehen? Wie er sich auch bemühte und seinen Stolz zu Hilfe rief, sie zu vergessen, bei ihrem Anblick versanken alle energischen Vorsätze in ein nichts; bei ihr blieb nach wie vor die Heimath seiner Gedanken, und nichts Erhabenes oder Großes zog durch seine Seele, ohne daß er ihrer gedenken mußte. Er zögerte absichtlich mit der Anrede, um durch sein befremdliches Schweigen anzudeuten, daß ihm der voraufgegangene kleine Auftritt nicht entgangen sei; dadurch nahm Danielas Verlegenheit zu; denn nichts vermochte sie im Augenblicke peinlicher zu berühren. als daß gerade Nomano an ein Bündniß zwischen ihr und, Leopold Rombeck glauben sollte. i Ich kam zufällig hier vorüber," äußerte er endlich anscheinend gleichgiltig, man hatte mich zu dem am Scharlach erkrankten Kinde einer in der Bentostraße wohnenden armen Familie rufen lassen; aber, wie so ost bei diesen bcdauernswerthen Ä!enschen, rief man mich viel zu spät in der allerletzten Stunde; als ich hinkam war derKnabe eben gestorben." Mein Gott, wie ernst ist doch Ihr Beruf, den Sie freiwillig übernahmen, Romano; überall tritt nichts als Elend und Jammer an Sie heran," entgegnete Daniela bewegt. In seinem Ernst und seinerSchwierigkeit liegt für mich die Aufgabe meines Lebens eine leichte zu bewälttgen vermag jeder." Und nicht einmal des Abends läßt man Ihnen Ruhe, sondern rust Sie noch um diese Zeit in jene Hütten der Armuth," warf sie, erfüllt von Mitleid und Bewunderung für ihn, ein. Dort ist mein Feld, Daniela", erwiderte er in dem gedämpften Ton seiner niedergeschlagenen Stimmung. Die Reichen, welche den Arzt bezahlen können, brauchen mich nicht und ich sie nicht, ich gehöre den Armen, weil mein Reichthum mir die Mittel gibt, zu helsen und unbezahlt zu ihnen zu kommen; in diesem Sinne habe ich meinen Beruf erwählt, und er befriedigt mich vollständig. Doch was ich sagen wollte, eine bestimmte Angelegenheit führte mich heute noch hierher; ich war am Nachmittag bei Rombecks und lud ste sämmtlich auf den nächsten Sonntag zu uns ein; da wollte ich nun Sie und Donna Valeska ebenfalls bitten zu erscheinen, um das Ganze ein wenig zu beleben." Gern; nur weiß ich nicht, ob es sich für mich paßt, so bald nach Ewalds Tode in eine größere Gesellschaft zu gehen." bemerkte Daniela, scheu zu ihm hinblickend, zögernd. Romano dachte unwillkürlich voll Bitterkeit: Aber von seinem Bruder sich bethören lassen, dazu ist es nicht zu früh!" Größere Gesellschaft" wiederholte er laut, durchaus nicht, nur die Rombecks; denn ich kann noch immer nicht begreifen, wie es kommt, daß dieseFamilie sich, wie es mir scheint, so recht absichtlich da zurückzieht, wo sie gern mit offenen Armen empfangen wurde. Außerdem meine ich, daß der Umgang Dona Kamillas auf Sie, die Sie zu träumerischem Ernste und zur Schwermuth neigen, einen heilsamen Einfluß üben würde; sie ist solch ein lichtes, frisches Frühlingsbild, das wie ein sonniger Maientag alle Wolken verjagt und den Frohsinn in die Seele ruft. Ein gottbegnadetes Wefen, das nur geschaffen scheint, uns zu erfreuen." Daniela hatte ihm gesenkten Auges zugehört, während ihre Hand mechanisch mit einer Ranke des BlättergeWindes auf der Mauer spielte; um ihre Lippen zuckte es, und als sie dann die Wimvern zu ihm aufschlug, leuchtete aus ihren schwarzen Augen plötzlich ein Strahl der Begeisterung. Sie irren sich, Romano! Ich bin nur stumm geworden unter dem äußeren Drucke und neige zur Schwermuth, wie Sie es nennen, weil zur Zeit der Lebensnerv der Freude in mir gelähmt wurde! O, von Haus aus bin ich froh und glücklich; denn alles was uns umgibt, hier in der wundervollen Natur, flößt mir ein lebhaftes Interesse ein. Ich freue mich über das Wechselvolle Meer und den Himmel, über jedes Blatt, jeden Lichteffekt, über die Blumen, Käfer und Vögel, über alles, mit einem Wort, was blüht und lebt." Vom Thurm der Kapelle links auf dem Hügel am Strande schlug es zehn Uhr; sie verließen den Altan und schritten den Wg um die Rasenflächen mit ihren Springbrunnen und Palmengruppen im Mondlicht hinan, als vom Hause her Stimmen vernehmbar wurden;. Herr Schweighofer nebst Frau standen im Begriff, sich zu entfernen, und Valeska gab ihnen das Geleite. Romano blieb stehen. Ich möchte lieber nicht mher mit dem lautschwatzenden, selbstgefälligen Ehepaar zusamentreffen, auch wird es mir zu spät; ich kam nur unserer SonntagsPartie wegen noch einmal vor. Wollen Sie so gut sein, Daniela, und Dona Valeska meine Bitte ausrichten?" Gewiß; im Nichtfalle schreibe ich ein paar Worte. Sonst auf Wiedersehen am Sonntag!" Auf Wiedersehen?" Er hielt die Hand des Mädchens fest, zögerte und schien noch etwas sagen zu wollen; da wurden auf den zum Parke führenden Stufen der Veranda die Gestalten der sich Entfernenden sichtbar, rasch entschlossen wandte sich Romano zum Gehen, zog noch einmal grüßend den Hui und war gleich darauf verschwunden. (Fortsetzung folgt.)
Zlntcr uns grauen. ?ie Melt der Vertreibungen.
Wenn es wirklich eine Welt gibt, iir welcher der Grundzug all' dessen. wa5 da lebt und webt.in ungesunder Uebertreibungssucht gipfelt,' dann ist es diejcnige, welche uns umgibt. In dieser unserer neuen Welt eristiren die Dinge nur in Riesendimensionen, die Freiheit nur in schrankenloser Ausdehnung, die Luft nur bewegt von den extremsieir Witterungsverhältnissen und der Mensch selbst nur als Resultat all' dieser Superlative, eine wandelnde, personificirte Uebertreibung. Die Bewegung, die Manieren, die Kleidung, die Ernährung und" die Sprache, alles ergeht sich in Extremen? während bei den Bewohnern anderer Länder eine gewisse gleichmäßig ruhige Gangart zu beobachten ist, schieben, stoßen und hasten hier die Menschenlinder rücksichtslos einer den Andern, Niemand hat Zeit oder Interesse für seinen nächsten Nachbarn, Alle befinden sich in dem Zustc.".ide übertriebener Hast und Aufregung. Während die Lebensgewohnheiten und Umgangsformen der Leute in der alten Welt eine gewisse gemessene ge- - mütblicke Grandezza verrathen, so athmet hier Alles nervöse Gereiztheit. Während die Menschen sich drüben einer breiten umständlichen Höflichkeit erfreuen, ist man hier allgemein brüsk, d. h. stets übermäßig kurz angebunden. Während die weiblichen Wesen in der alten Welt einer möglichst bescheidenen, unauffälligen, soliden, dauerhaften, farblosen Kleidung den Vorzug geben, so gefallen sich die amcrikanischen Damen nur in übertrieben essest vollen, auffallenden, luxuriösen, glänzenden, farbenreichen, wenn auch sehr kurzlebigen, d. h. undauerhaften Toileiten. Während die Französinnen geschmackoolle Moden zu erfinden bemüht sind, werden die Amerikanerinnen dieselben Moden durch ihre Sucht, zu übertreiben, in Karrikaturen verwandein. Während man in den verschiedenen europäischen Ländern dem Essen seine gehörige, wohlgemessene Zeit widmet, wird hier die Nahrung in einem übermäßig beschleunigten Tempo verschlungen; während man drüben eine gesunde gemäßigte Temperatur der Speisen und Getränke anstrebt, werden hier beide entweder in allzu heißem oder eiskaltem Zustande gesucht. Und wenn in irgend etwas die exaltirte Atmosphäre, in welcher wir leben und uns bewegen, sich ganz besonders kundgibt, so ist es in der Sprache und der ganzen Ausdrucksweise. Es mag Einbildung sein, aber es will mir scheinen. daß man keine andere Culturspräche in einem solch rasenden Galopp abhaspeln könnte, als es bei der angloamerikanischen geschieht. Und ferner wage ich zu behaupten, daß die Conversation der neuweltlichen Damen an Superlativen. Uebertreibungen und Ausdrücken der Exaltation kaum von irgend einerBewohnerin der alten Welt überboten werden kann. Die Damen hier kennen nur Beschäftigungen oder auch Dinge, welche sie hassen und verabscbeuen, oder lieben, und anbeten. Man haßt z.B. Strümpfe zu stopfen und man betet den süßen Candy an. Kommt zufällig das Baby einer anderen Frau des Weges, dann ist es: too sweet for anything", oder a perfect angel". Doch fühlt sich die Lady unbeachtet, dann bedenkt sie ihren eigenenSprößling mit dem reizenden Kosenamen mean pig". Verabschiedet man sich von der Gastgeberin, dann hatte man a lovely time" und Alles war perfectly erquisite". Doch Hand auf's Herz, gestehen sich die Besucherinnen unter einander, daß es awful dry and dull and simply terrible tedious" war. Die Damen verfügen stets über immensen" Muth, läuft aber ein Mäuschen durch das Zimmer, dann verfallen sie in Krämpfe vder werden von einer Ohnmacht ereilt, und wenn ein männlicher Jemand die audacity" hatte, an ihre Thür zu pochen, während das zarte Jüngferlein mit ihrer Toilette beschäftigt ist, so können wir versichert .sein that she nearly had a fit". Aber erst die Klasse der stets giggelnden, .'amerikanischen Schulmädchen und hochverehrlichen Eollege-Girls" haben für den beliebten Zustand des übermäßigen Lachens eine solch reizende Auswahl von überspanntenAusdrücken, daß eine bescheidene deutsche höhere Tochter daneben als simples unwissendes Gänschen erscheinen muß. Welche wunderbare Steigerung der Affecte läßt sich blos in den Ausrufen: I roared, I almost burst, I nearly died. or almost split" bis zu dem HöPunkt der Situation des persectly killing" nachempfinden. Und nur wer diese lachseligen, übermüthigen, jungen Studentinnen genau beobachtet, der kann beurtheilen, wie heilig ernst es ihnen um ihre übertriebenen Ausdrücke, ebenso wie um ihre zeitweilige überm'äßige Anstrengung der Lachmuskeln zu thun ist. Jedem naseweisen Eindringlinq in ihre Lachprivilegien würden die angehenden Blaustrümpfe ganz gelehrt zurufen: that takes the cake". und wer weiß, ob es überhaupt rathsam wäre, die amerikanischen Frauen und Iungfrauen aus der liebgewordenen, sie beglückenden, stets gewohnten Welt der Uebertreibung verjagen zu wollen, aber .die Deutschen Frauen sollten ein Reich v vermeiden suchen, in welchem sie sich niemals ganz zu Hause fühlen dürften. Boshaft. Fräulein: Sehen Sie, auf diesem Bilde bin ich als zwölfjähriges Mädchen Herr: So! War denn damals die Photogra phie schon erfunden?-
