Indiana Tribüne, Volume 17, Number 303, Indianapolis, Marion County, 22 July 1894 — Page 7
ss EEE3 Im ZZciKc der Zttode. Nicht nur mit der Natur steh! die Mod? im innigsten Zusammenhange, sondern auch mit den Ereignissen und Abwechslungen, die unser Leben beeinflussen. Seitdem man den Werth der körperlichen Bewegung im Freien erkennen und schätzen gelernt, seitdem man das Spielen zum Sport erhoben hat. schafft die Mode auch auf diesen Gebieten immer neue und reizvolle Sachen, und ihre Erzeugnisse nehmen mit dsr steigenden Cultur von Jahr zu Jahr an Mannigfaltigkeit und phan-' tassevoller Gestaltung zu. Wir sehen jetzt nicht nur die anmuthigsten Facons auf dem Gebiete der Sportkostüme, es sind vielmehr die vielfachen und verschiedenen feinen Erzeugnisse der Textilindustrie selber, die unsere Aufmerksamkeit besonders erregen. Die Damen, welche dem Ruder- und gachtsport huldigen und ihre Zahl ist in unserem Lande Legion haben noch niemals eine so reiche Auswahl von Stoffen für ihre schneidigen" Sportkostüme gehabt, wie in der geenwärtigen Saison. Schweres weiKes Leinen und Segeltuch von Wasserblauer oder Boulogne brauner Farbe, leichte Baumwollen - Serge und Pique in Weiß und Graublau, auch Wollenstoffe in den ähnlichen Farbennüancirungen finden zu Aachtanzügen VerWendung. Die diesjährigen Modelle sind von den vorjährigen sehr verschieden und die fashionabelsten Schneider empfehlen runde Taillen sowie französische Blousen ebenso ost als die bekannten Jacketanzüge. I a ch t c o st i! m von rother Serge. Ein sehr geschmackvolles Iachtcostüm ist in der vorstehenden Illustration dargestellt. Der Rock mit kurzem Jacket und Weste ist aus scharlach-ro-ther Serge, doch wird für das gleiche Modell auch vielfach weiße Serge verwendet. Das scharlachfarbene Costüm hat auf dem Jacket Aufschläge von weiher Serge und eine Weste von weifcern, wolligem Stoff, mit rothem und grünem Querbesatz. Mit dem leinenen Vorhemd wird eine Cravatte von schwarzem Satin getragen. Ist das Costüm aus weißer Serge gefertigt, so bekommt es einen gelben Umlegekragen und gelben Besatz am unteren Rande des Rockes. Eine w.'iße Mütze wird zu beiden Costümcn getrogen. Costüm von marineblauer Serge. Dr Erfindungsgeist der fashionabeln Kleidermacherinnen componirt" immer neue Costüme. Besonders hübsch ist vorstehend dargestellte elegante Taille mit fichuartiger Garnitur. Der Rock zu dieser, aus malvensarbenem Kreppstoff gefertigten Taille ist i der Form Jupe eventail" und ganz glatt gearbeitet; nur den inneren Rand begrenzt ein aus etwas dunkler schattirten Seide hergestellter Volant. Der ganze Schmuck befindet sich auf der überaus kleidsamen und jugendlich wirkenden Taille, die mit mattgelber, kiefzackige? Spachtelspitze, ebensolchem Einsatz und dunkelmalvenfarbener Seide geziert ist. Der Spitzenei.rsatz bildet an der glatt und rund gearbeiteTaille mit Fichugarnitur. ten Taille einen Gürtel und einen sattelartigen Besatz; an diesen sügt sich hinten kragenartig die eingekrauste, tiefgezackte Spitze, die auf den Schultern Epaulettes bildet und in der Aermelnaht verschwindet. Die Schultern sind an der Stelle, wo sich die Spitze von dem Sattel trennt, mit Schleifen geschmückt, und von hier -aus ziehen sich lange.' auf der Brust sich kreuzende Fichutheile nach hinten, wo sie , mit einer Schleife geschlossen werden. Breite Spitzen begrenzen mit ihren nach oben gerichteten Zacken die stark bauschten, Halblanzen Aermel. Diese
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kinmuthige Garniwr wird auch in' tT lier anderen Farbe sehr wirksam sein und läßt sich ebenso gut in abstechenden Farben verwenden. Kleid für Mädchen. Ein sehr geschmackvolles .Kleid aus Kreppstoff, mit Einsatz und Spitze, für Mädchen von sechs bis acht Jahren stellt die vorstehende Illustration .dar. Rosa Wollenkrepp, cremefarbene Spitze und gleicher, mit rosa AtlaSbändchen durchzogener Einsatz sind für dieses elegante Kleid verwendet. Für dasselbe richtet man aus Krepp- und weitem Futterstoff die Rocktheile; der Ansatz wird durch gewundenes, mit Rofetten abschließendes Bändchen gedeckt und das Kleid durch einen mit Krepp und Einsatz überdeckten Stehkragen begrenzt. Sind die Aermel aus Futterstoff und die Puffen aus Krepp hergerichtet, so bekleidet man erstere bis zur unteren Linie mit Kreppstoff, Spitze und Einsatz, im Uebrigen mit den engereihten Doppelpussen und fügt sie dem Kleid ein, welchem längs der Linien epaulettcartig je 30 Zoll lange, 3 Zoll breite Spitzenenden eingekräust zufgenäht werden. Das Kleid kann auch durch einen mit Einsatz und einer Rosette verzierten Gürte! von ca. einem Zoll Breite zusammengehalten werden. Ccsario's Mordvasse. Beifolgende Illustration stellt die Mordwaffe dar, mit welcher der Anarchist Cesario den unglücklichen Präsidenten Carnot erstochen hat. Cesario kaufte den Dolch am 22. Juni, zwei Tage vor der Unthat, in Cette. Die Klinge ist dreikantig und mißt 6 1-4 Zoll von der Parirstange bis zur Spitze; auf einer Seite zeigt die Klinge die Inschrift Toledo" und auf der anderen Recuerdo". Variante. Und mein Stamm sind jene Asra, Welche färben, wenn sie lieben." Brüderlich. So, Fritzchen, nun gieb von dem Kuchen, den Du geschenkt bekamst. Deinen Geschwistern auch etwas!" Allen Dreien?" Gewiß!" Warte, Mama, gleich! Ich will nur erst meine Hälfte wegessen!" Unfreiwill ig es C ö l i -bat. Ich könnte mich nie in einer Ehe glücklich fühlen, in welcher die Frau den geistig überlegenen Theil bildet!" Dann werden Sie freilich für immer auf das Eheglück verzichten müssen!" Richtig. Also der Kleemann ist todt?" Ja, er ist den Weg alles Fleisches gegangen!" Ich denke, er war Vegetarianer?" Richtig, ich wollte sagen, er hat in'S Gras gebissen!" TreffendeBezeichnung. A.: Weshalb hat denn Baron Ringhausen seiner neuen Villa den Namen Wartburg" gegeben?" B.: Weil er seine Gläubiger dort stundenlang 'auf sich warten läßt." Nicht der richtige Arzt. Mutter: Du siehst so schlecht aus, meine Tochter, daß ich nach Dr. Smith schicken werde." Siebenjährige Tochter: Schicke nicht zu ihm. Er ist. schon verlobt!" ' Im Gericht. Howe: Was ist die höchste Strafe für Bigamie?" Hummel: Zwei Schwiegermütter."
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Deutsche Poesie imLande ver Prosa.
Ion Christian Benkard. Mit dem Jahre 1848, da gebildete Deutsche zu Tausenden über das Weltmeer slohen, nahm die deutsche EinWanderung in Amerika und mit ihr das deuisch-amerikanische Schriftthum einen ungeahnt großartigen Aufschwung. Der jetzt in Chicago lebende Dichter und Journalist Udo Brachvogel sagt darüber: . Eine wahrhaft weltbürgerlich angehauchte mächtige Fluthwelle von Talent, geistiger und politischerEmanzipation., Begeisterung, und vor Allem von überschäumender Jugendkrast im Verein mit allem dem, was man unter deutschem Gemüth versteht, schlug nun plötzlich nach Amerika über, in ein neues Land, in neue VerHältnisse, in ein neues Leben. Es konnte gar nicht anders sein, als daß es eine große Befruchtung gab', daß es ganz neue Bildungen und Erscheinungen zeitigte; daß, allen Schwierigkeiten zum Trotz, durch welche sich diese Ausgewanderten und Verbannten durchzukämpfen hatten, sie, schließlich dort, wo sie den Boden durch frühere deutsche: Immigration nur einigermaßen gelockert fanden, oder wo sie m irgendwie namhafter Anzahl von den neuen Verhältnissen Besitz ergreifen konnten, diesem ihren Stempel, und zwar oft in der sichtbarsten Weise, aufdrückten... So haben sie namentlich eine deutsch: ZeitungLpresse auf dem Boden der neuen Welt geschaffen, für die sie nur die bescheidensten Anfänge vorfanden, die sie aber zu ungeahntem Umfang und Einfluß emporsllhrten und in einer Weise mit ihrem Geist unb ihrem Talent erfüllten, daß sie noch' heute, nach vierzig Jahren, als ihr eigenstes Werk dasteht... Wer Deutsch schrieb, dichtete und druckte, stellte sich in den Dienst der Tagesschreiberei, und was die letzten vierzig Jahre überhaupt an überragendem deutschen Geist gezeitigt, es hat sich in allen Fällen mehr oder minder in direktem Zusammenhang, in der unmittelbaren Fühlung mit der deutsch-ameri-kanischen Presse bethätigt, geschult und bewährt." Selbstverständlich drückten die Achtundvierziger der von ihnen geschaffenen Presse ein entschieden radikales Gepräge auf. Kampf gegen Dogma und Kirche", so lautete ihre Losung, und ihre Gedichte leiden, um ein Goethe'sches Wort zu gebrauchen, zuweilen an allzu krastgenialischen" Ideen und Ausdrücken. Eduard Dorsch wohl der bedeutendste Dichter jener Zeit, der stark zum Sozialismus hinneigte, geht in seinen ersten auf amerikanischem Boden entstandenen 'Dichtungen Hirtenbriefe an mein Volk" als tendenziös loswetternder Philosoph sozusagen in hochaufgeschürzten Hemdsärmeln einher und schlägt nicht allein der Lüge, sondern auch seiner eigenen Freundin, der Muse der Dichtkunst, oft genug auf's Haupt." Fast ebenso kampflustig war Caspar Vutz. in desseft späteren Dichtungen sich ein echtdeutsches, inniges Gemüth offenbart. Einmal ruft er aus: Die Welt ist Kampfplatz allerwärts; Nur von dem Deutschen glaubt mit Nichten, Daß von der Heimath läßt sein Herz!" Dieser Ausruf bezeichnet den bei allen Achtundvierzigern wahrnehmbaren Uebergang von der Kampf- zur Heimwehstimmung. Obgleich sie der Sache der Freiheit bis zum letzten Athemzuge treublieben, weicht doch der alte Groll mit den Jahren mehr und mehr der Sehnsucht nach' dem deutschen Vaterlande, und ihre Liede wirken um so ergreifender, als aus ihnen außer einer glühenden Heima'hlieöe die Wehmuth der Verbannten spricht. Während meines Aufenthaltes in Milwaukee begegnete mir täglich ein geistvoll und freundlich dreinblickender älterer Herr, der, die Hände auf dem Rücken, in behäbiger Gangart die National Avenue hinaufschritt und gemüthlich ein deutsches Lied vor sich hinsummte, in der Regel O Tannenbäum, a Tannenbaum". Daß dieser Mann ein in contumaciam" zum Tode verurtheilter Revolutionär, späterer amerikanischer Brigadegeneral und einer der hervorragendsten Advokaten der Union sei, ließ ich mir weiß Gott nicht träumen; als er mir jedoch bei einem Zusammentreffen im deutfchen Journalisten- und Schriftstellerverein seinen Namen Konrad Krez nannte, da wußte ich, daß ich in ihm auch einen gottbegnadeten Dichter vor mir hatte. Möge mir gestattet sein, eines seiner vor der Einigung Deutschlands entstandenen Gedichte, das wie kein zweites das Hohelied wehmuthsvoller Heimathsliebe genannt zu werden verdient, ganz wiederzugeben: An mein Vaterland. Kein Baum g:hörte mir von deinen Wäldern. Mein war kein Halm auf deinen Roggenfeldern,' Und schutzlos hast du mich hinausgetrieben, Weil ich in meiner Jugend nicht verstand. Dich weniger und mehr mich selbst zu lieben,' Und dennoch lieb' ich dich, mein Vater- " land ! Wo ist-daS Herz, in dem nicht dauernd bliebe Der süße Traum der ersten Jugendliebe ? Und heiliger als Liebe war das Feuer, Das einst für dich in meiner Brust gebrannt ;
Nie war die Braut dem Bräutigam so theuer, Wie du mir warst, geliebtes Vaterland ! Hat es auch Manna nicht auf dich geregnet. Hat doch dein Himmel reichlich dich gesegnet. Ich sah die Wunder südlicherer Zonen, Seit ich zuletzt auf deinem Aoden stand ; Doch schöner ist, als Palmen und Citronen Der Apselbaum in meinem Vaterland. Land meiner Väter ! länger nicht das meine, So heilig ist kein Äoden. wie der deine. Nie wird dein Bild aus meiner Seele schwinden, Und knüpfte dich an mich kein lebend Band. Es würden mich die Todten an dich binden, S):e deine Erde deckt, mein Vaterland O würden Jene, die zu Hause blieben, Wie deine Fortgewanderten dich lieben. Bald würdest du zu einem Reiche werden. Und deine Kinder gingen Hand in Hand Und machten dich zum größten Land auf Erden, Wie du das beste bist, o Vaterland ! Ebenso wie Krez betrachten sich auch die übrigen Verbannten und Flüchtlinge hinfort als Amerikaner; Deutschland ist ihnen das Land ihrer Väter. länger nicht daZ ihre". Ihr Denken und Dichten gilt mehr und mehr der neuen Heimath, wo viele von ihnen den blutigen Secessionskrieg mit ausfechten halfen und fördernd in die staatliche und wirthschaftliche Entwicklung der großen Union eingriffen. Als aber der deutsche Einigkeitstraum sich plötzlich zu verwirklichen beginnt, da flammt die alte Vaterlandsliebe noch einmal mächtig auf und Caspar Butz sendet seinen kernigen Gruß derDeutschen in Amerika" über's Meer: Wenn Wünsche Kugeln wären, wenn Blitz und Donnerschlag Der längst Verbannten zürnen, jetzt am Entscheidungstag, Wie würd der Donner rollen gewaltig über's Meer, Für Deutschland eine Salve und für sein tapf'res Heer ! Vergessen ist ja Alles, vergessen jede Noth, Vergessen jedes Urtheil, ob es auch sprach : der Tod ! Für dich, o Muttererde, du Land der Herrlichkeit, Auch deine fernen Söhne, sie stehen mit im Streit ! Nicht alle Achtundvierziger machten von der Amnestie Gebrauch, die ihnen Besuche in Deutschland gestattete, wer aber daraufhin zu Schisse stieg, dem griff das Wiedersehen mächtiq an's Herz. AlbMolff, der verst. Chefredakteur der in St. Paul erscheinenden Bolkszeirung", der als Göttingcr Student der Theologie, wegen seiner Betheiligung an der revolutionären Bewegung in Dresden zum Tode verurtheilt wurde, und nach Verbüßung einer zehnjährigen Gefängnißstrafe, zu der man ihn begnadigte, sich in Amerika als Conditorgehilfe durchschlug, um sich dann der Journalistik zuzuwenden, schildert ein solches Wiedersehen mit einfachen, darum aber nicht minder ergreifenden Worten : In der Heimath. Wie? Was ist das, Du alter Kerl? Im Auge eine Thränenperl? Ja, ja! So ist's. Wer kann dasür? Mein Vaterland, das bring' ich Dir! Die Thräne ist der Diamant, Den rein ich hielt im fernen Land; Ich seh's, ich seh's, das Kleinod mein Lag tief im heil'gen Herzens schrein. , Ich hab' es selbst nicht mehr gewußt, Daß ich es barg in meiner Brust, Daß ich Dich ganz noch mein genannt, O heil'ge Lieb' zum Heimathland. . Ob Schwarz-roth-gold, ob Schwarz-weiß-roth. Es hat, o Deutschland, keine Noth. Wie einst, das sagt die Thräne Dir. Lieb' ich Dick heut', wer kann dafür? Während die gewaltigen von ihnen bewohntenLänderstrecken in den AngloAmerikanern merkwürdigerweise nur wenig Sinn und Begabung für Naturschilderung erwecken Fenimore Cooper ist ja wohl dtr einzige Landschafter finden wir unter den deutschamerikanischen Dichtern und Schrift stellern mehrere bedeutende Naturschilderer. Da ist beispielsweise der Kustos der öffentlichen Museen in Milwaukee, Heinrich Nehrling. (Nehrling ' ist in Amerika geboren und nie in Deutschland gewesen), dessen im Verlage von Geo. Brümder in Milwaukee in deutscher und englischer Sprache erschienenes Prachtwerk Die Nordamerika-
nische Vogelwelt" von den eingestreuten Gedichten abgesehen zwar inProsa, aber so hochpoeti'sch geschrieben ist, daß man stellenweise den Text lesend singen möchte.' Und da doch einmal von den Vögeln und vom Singen die Rede ist, seien ein paar Verse vom Hoboken Spatzenlied" angeführt, zu dem der Leser die Melodie leicht finden wird: Gestern ließ ich mich verlocken, Summ summ, summ summ, summ fuiün, summ! Hinzugehen nach Hoboken; Summ summ, summ summ, summ summ, .summ! Und was glaubt ihr, das ich sah? Einen Landsmann fand ich da;
Als in-Otto's Cottage-Räumen
Unter den Kastanienbäumen, Etwas zu nur nehmen will ich, Hör' ich rusen: Zwillich, Zwillich!" Als ich hörte diese Laute, Kaum ich, meinen Ohren traute; Und ich backte nach dem Platz: Droben saß ein deutscher Spatz. Da Niklas Müller, der Verfasser dieses eben nicht gerade tiefsinnigen Poems, der bedeutendste deutsch-ame-rikanische Naturdichter ist. hätte ich wahrlich mit ganz anderen Liedern von ihm aufwarten können; dennoch wählte ich dieses aus, weil es von der Einsührung der Spatzen -in Amerika handelt. Ferner fehlt es unter den deutschamerikanischen Dichtern weder an Pessimisten noch an Humoristen. Von Letzteren ist Emil Dietzsch (Krast und Stoff", die hervorragendsten Ereig nisse in der Geschichte der deutschen Volkes in poetischen Bildern vorgeführt) der bedeutendste. Man weiß nicht recht, welchen Namen man dem bizarren Humor geben soll, welcher den größten Theil dieser Dichtungen gezeitigt, die bald mit der würdigen Miene wohlgefaßter Strophen einherstolziren, bald mit kunterbunten Purzelbaumsprüngen Wilhelm Busch'scher KnittelVerse aus dem Hochdeutschen in's Pfälzische und Deutsch-Amerikanifche un! aus diesem wieder zurück in's Hoch deutsche hüpfen. Einen unverwüstlichen Humor besaß trotz Krankheit und Sorgen auch der Herausgeber des New Jorker Humorist" Otto Brethau:. Möge man mir keine schlimme Absicht zutrauen, weil ich gleich hinter diesen satyrischen Versen eine Dame nenne; das Beste soll man ja, wie bei Tische, bis zuletzt ausheben. Dies erschiene nun im Gegentheil als eine plumpe Schmeichelei, wäre nicht Mathilde Franziska Anneke eine wirklich hochbegabte Dichterin und Schriftstellerin, die kaum in den Zwanzigen, unter Mitwirkung von Erwin Schückinz und Zrreiliarath bereits das ,.W:stsalische Jahröuch" redigirte und während der politischen Gefangenschaft ihres Mannes, eines früheren preußischen Artillerie-Offiziers, die bald , oaraus unterdrückte Neue Kölnische Zeitung" gründete. Als die pfälzische Revolutionsarmee von den Preußen nach Baden vertrieben wurde, hielt sie an der Seite ihres Mannes hoch zu Roß ihren Einzug in Karlsruhe, um dann nach Amerika zu flüchten, wo sie in Milor . i r r mn,BL r wauiee eine Privatleute sur caocyen leitete und bis zu ihrem Tode (1884) schriftstellerisch thätig war. Frau Anneke war eine der bedeutendsten deutschen und deutsch-amerikanischen Frauen von edlem Charakter." In den deutsch-amerikanischen Dichtungen der Gegenwart kommt, sehr zu ihrem Vortheil, das deutsche Gemüth immer noch oft zum Ausdruck, es ist jedoch darin meist von anderen Dingen die Rede, als von der Sehnsucht nach dem alten Vaterlande, dem deutschen Frühling und dem deutschen Walde. Die jüngere Generation betont gelegentlich sogar ihrAmerikanerthum sehr stark, ja sie wendet sich energisch gegen die Grünen", die über Amerika losziehen, weil sie sich nur. schwer in die neuen Verhältnisse finden können. So spottet der Dichter-Humorist Georg Asmus aus Gießen in seinem köstlichen Amerikanischen Skizzebüchelche": Die Fraue, die eriwwer komme, Nit mehr ganz jung, vom Vaterland, Sin gege Alles eingenomme Und schimpfe als, es is e Schand! , Die Vögel könnte hier nit reife, Die Vlumme hätte kein Geruch. Die Wäsch verdürb von dene Seife, Die Dienstmägd wär'n en wahrer Flucht Zu wäss'rig wär'n die Brunnekresse, Zu locker wär'n die Kappesköpp; Und Quetsche kräg' mer kein zu esse, Und die Kartoffle hätte Knöpp. Die Kälwer hätte Ochseknoche. Die Gäns', die hätte trahnig Fett; In dene Herd könnt mer nit koche; Wenn mer nur deutsche Dippe hätt'!" Ja, ja, dem Neuling in Amerika kommt gar Manches sonderbar vor, aber daß die Vögel drüben nicht pfei fen, ist zu viel gesagt. Die Lieder der gefiederten Sänger klingen nur, -wie die der Dichter, den Verhältnissen entsprechend anders, als die diesseits des Ozeans gesungenen. Dies erklärt Wilhelm Müller in New York, der den Reigen schließen möge, sehr schön in seinem Gedichte Das Lied der neuen Welt", das er der obenerwähnten Nordamerikanischm Vogelwelt" widmet. Das Boxen und oas Evan gelittm. Von Otto Brandes. London. 17. Juni. Für tn am Sonntag geschriebenes Feuilleton ist dieser Titel nicht übel gewählt. Nicht wahr? Der Leser wird nun erwarten, daß vier mit dem flammenden Worte der Schrift diese brutale Institution bekämpft, daß ein BerUlch gemacht werden wlrd, ihre Unstttlichkeit mit Hilfe des Vibelwor tcs nachzuweisen, ihre Würdelosigkeit zu stigmatisiren. Das möchte ich schon, ich bin aber nur ein armer. theologisch wenig gebildeter Journa list und ziehe es vor einen Größeren, einen wirklichen Verkündiger des Wortes Gottes, den Vater Jay. Pre diger an der heiliaen Dreifaltiakeits Kirche in Shoreditsch, sprechen zu lassen. Vater Jay ist .ein Geistlicher
der sich in ibren Äißercn Formen dem Katholizismus am meisten nähernden High Church. Er ist ein noch nicht alter Mann von kräftiger muskulöser Erscheinung. Acht Jahre lang hat er in dem ärmsten Theile von London, in jenem Viertel des East Endes gewirkt, wohin sich der Fremde selbst bei Hellem lichten Tage nicht wagt, dem Schlachtfelde von Jack tbc Ripper". Vater Jay hat nun weit entfernt, das Boxcn zu verdämmen, ganz im Gegentheil entdeckt, das; der Borhandschnh eine sehr werth volle Waffe in dem Arsenal der Kirche sei. Der ganze hochehrwürdge Klerus in .Deutschland wird bei dieser Mel dung entrüstet das Haupt schütteln. Das ändert aber an der Sache Nichts. Der englische Klerus ist eben ein anderer als der unsrige. Er ist im Sport qrosz geworden, und ein Pfar er wird eher vergessen, seine Sonntagsprcdigt uuszuarbeiten, als sein Lawn Tennis zu spielen. Der Con !a!t dcS englischen Geistlichen mit den lassen ist. iri; sehr man auch hier tlagt. daß er mit den Jahren lose geworden wäre, dennoch intimer als irgendwo anders. Kaum ist man in ein neues Stadtviertel gezogen, so ttclit sich der Pfarrer des Viertels zu einem Besuche ein, und dies geschieht in so geselliger, alles theologischen Pompes entbehrenden Form, daß man die Aufmerksamkeit mit Dank annimmt und durch eine gewisse An Näherung an die Person des Scelso'rgers erwidert. Ten. niederen Ständen sucht der Geistliche beizukommen, indem er ihre Sitten UNd Gewohnheiten studirt, sie zunächst mitmacht, dann leitet und bessert. Es ist das in der That der einzig richtige Weg. Einfluß auf die Massen zu gewinnen. Ich glaube, die Apostel haben es nicht anders ge macht, und die Missionäre machen es noch heute so. Personlich ist es mir vor dreißig Jahren gelungen, die Jugend eines Ortes an der Mosel, von dem es hieß, wer durch den Ort komme, ohne geschlagen, der könne von Glück sagen", durch Gründung eines Gesangvereins zu den Friedfertigsten und Gesittetsten der Welt zu machen. Was der Kaplan und der Schulmeister durch Reden von der Kanzel und eindring liche Ermahnungen nicht fertig ge bracht hatten, das brachten sie als Sangeswart und Sangesleiter mei nes Vereins fertig. Mit vielem Vergnügen erinnere ich mich noch der Sonntag-Nachmittage nach der Ves per. wenn die frohen Lieder von der Wiese am Waldessaume erllangen. O! es kreiste dabei auch fröhlich der Becher. Wer kann an einem Sonntag Nachmittag an der Mosel trocken sitzen! Später kamen die Leute aus der Umgebung zur Kirche, um den neuen Chor zu hören. Das Bewußt sein der wachsenden Bedeutung machte diesen würdevoller. Von Prügeleien war keine Nedc mehr, denn die Alten, welche früher wacker mitgehauen hat ten, schämten sich vor den Jungen, und die Gendarmen hatten gute Tage. Nun wird man mir sagen, ein Ge sangverein ist denn doch eine andere Sache als ein Boxing'Ring, der zu Zank und Streit ' herausfordert.
Hören wir wie Father" Jay hier über denkt und in der Folge verfuhr: Er eröffnete einen Club, der jeden Abend von sieben bis zehn, mit Aus nähme des Sonnabends, geöffnet war. Der Reverend sagt nicht, ob er diese Sonnabcnds.'Ruhe für ange messen hielt, weil er sie zur Ausarbei tung seiner Predigt und zur Vorbereitung für den Sonntag denöthigte cder weil er wünschte, daß jedes sei ner Elubmitglieder an diesem Abend seine häuslichen Angelegenheiten ord Nkte. Wir wollen der Vermuthung nicht Raum geben, daß er auf dieGe s.llsäa!t seiner Elubmitglieder nur deswegen am Sonnabend verzichtete, weil er wußte.-daß jedes an diesem Abend das Bedürfniß fühlte, sich mehr oder minder zu betrinken. An den übrigen Abenden der Woche aber sitzt Vater Jay an der Thür des Club Lokales, nimmt die Beiträge im. Em pfang und schüttelt den Mitgliedern die noch so unsauberen Hände. Die Kirche ist über dem Club gelegen, und ca. 400 Männer versammeln sich da selbst des Abends. Der Club ist ihr Heim, wo sie rauchen und trinken. .Man hat mir erzählt, Vater Jay. daß Sie selbst ein großer Boxer sind? Glauben Sie nicht, daß das Boxen die Leute schlechter macht?" Im Gegentheil, es verhindert sie daran, zum Meffer zu greifen, und dient gewissermaßen als Ventil für die überschüssige Krast der Leute, die sie sonst oenützen, um ihre Frauen und Kinder durchzuprügeln." Das heißt denn doch, den Teufel durch Beelzebub austreiven" Das ist ein West.End.Urtheil. Sie sind ein Deutscher, sind selbst Student gewesen und vertheidigen vermuthlich Ihre Studenten-Pauke reicn?" Ich lächelte. Der Vergleich kam mir etwas gewagt vor, und unsere Borussen und Saxo-Borusien würden sich vermuthlich durch dieses Analogon nicht sehr geschmeichelt fühlen. Im Grunde aber war der Unterschied nicht so groß. I Hier wie da handelt es sich darum, ein wenig Nachtheil: ges Mittel für die Verpuffung überschüssiger Krast zu haben. Civilisa torisch ist aber weder das eine, noch das andere Mittel. Wenn wir einen Conflikt haben," fuhr Fathcr Jay fort, so wählen die Streitenden einen refer". einen Unparteiischen. Ich selbst lege niemals den Boxhandschnh an. Aber einige behaupten, ich verstünde etwas vom Boren." fügte er verständnißvoll lächelnd hinzu, indem er mir eine Wettkampfkarte aushändigte. Diesr lautete: .
DreifaltigkeitS - Athleten-
Club .Kicnol $ trsst, Shoreditcli. Präsident Ter ehrwürdige Osborn Jay. Ein Boring-Wettkampf wird am Mittwoch den 1. May 1894 stattfinden. Unter der Leitung von VT. Grey (bekannt unter dem Ramen varlov) wird ein Kampf von sechs Gängen zwischen ?eors Williams von Hack ney und Jim Burrows von Shore ditch ausgekochten, ferner ein Acht Gänge-Kampf zwischen Als. Conlay von Bethnal Green und Barney von Shoreditch, und als Schluß ein Wettkampf zwischen W. Grey (be kannt unter dem Namen Barlo) mit Way Andrews von Bethnal Green. M. C. (Ceremonienmeister . . . . Bob Harper. -' Eintritt 3 Pence pro Person (2 Pfen.) Wetten t nicht gestattet. Anderweite Engagements verhinderten mich, dem Schauspiel beizu wohnen, doch ausgeschoben ist nicht autgehoben. Wir dürfen Eines nicht übersehen, dak das Boxen einst als noble und männliche Kunst" in England galt, die auch von den Bornehmen geübt wurde, und daß sie erst durch die Berquiöung mit den Wetten in Verfall gerathen ist. Lord Byron war ein leidenschaftlicher Verehrer des Boxens. Wie sehr den Engländern das Boxen im Blut steckt und welchen Werth sie darauf legen, hat wohl nichts besser bewiesen als das im Jahre .1863 stattbehabte Bcgrübniß des berühmten englischen Champion Tom Sayers, der, nebenbei gesagt, ein Trunkenbold wie alle Boxer war. Wenn dieses Leichenbegängniß. wie damals die Zeitungen behaupteten, auch nicht an das Wellingtons und des im gleichen Jahre wie Tom Sayers gestorbenen Palmerston erinnert wir haben genug Respekt vor diesen Männern, um diese Parallele nicht zu ziehen so hat es doch in keiner Weise dem Bcgrübniß des famosen Jockeys' Fred Archer nachgestanden. 30,000 Menschen folgten dem, von vier prächtigen Pferden gezogenen Leichenwagen, hinter welchem das in den buntesten Farben gehaltene Tildury Sayers, mit seinem, einen Trauercrepe tragenden Lieblingshunde folgte. Ebenso viele Menschen erwarteten den Kondukt auf dem Highgate-Friedhofe, um noch einen letzten Plick auf den die geliebte Hülle bergenden Sarg zu werfen. Der Telegraph" schrieb damals: Wenn der erlauchte Krieger der eiserne Herzogs (Wellington) war, so kann man von Tom Sayers auch sagen. 'daß er Eisen in seinen Adern hatte. Aber damit war eS nicht genug der Ehren. Heute erhebt sich auf dem Highgate-Kirchhofe, einem der schönsten von London, ein prächtiges MarmorDenkmal in der Form eines massiven Thurms, in welches das Medaillon des berühm ten Boxers eingelassen ist. Die Kosten des Denkmals wurden mittels einer öffentlichen Sammlung aufge bracht. Ter BazilluS. Probe-Arbeit von riy TintenklktkS. Was ein Professor ist. der entdeckt. Unserer entdeckt sogar die versteckteste Klatsche. Professor Franzesko Magri in Pisa ist ebenfalls einer. Also entdeckt er vielfach. Zulekt den Mordbazillus Namens virus rabidum. Der Mörder kann nicht dafür, son dein sein BazilluS. Der sitzt in seinem Gehirn. Der Bazillus ist eine Entschuld!gung. Er entschuldigt die Cholera und andere Diphteritisse nebst Tu berkeln. Also jetzt auch den Mord. Ich hege die allgemeine Hoffnung, zu gelingen, da man in Bälde den sogenannten' BazilluS für Alles entdecken wird. Mein Papa schimpft auf meine Mama. Selbige macht jede Mode mit. Darum schimpft er. Auch kostet es sehr viel Geld. Mama kann gar nicht dafür. Sie hat den Mode-Ba zillus im Gehirn. Bloß daß er noch nicht entdeckt ist. Auch den LuxusBazillus gibt es. Mein kleiner Bruder bat den Nasch . Bazillus. Selbiger ist ansteckend auf uns übrigen Geschwister. Er würde nichts schaden, aber Papa hat leider den Hau Bazillus. Selbiger wirkt schrecklich. Im letzten Diktat hatte ich eine ö 6 darunter. 18 Fehler. De, Lehrer hatte den Tob-Bazillus. - Ich kann aber nicht dafür, denn ich habe gewiß den Fehler-Bazillus. Selbiger ist sehr thätig in mir. PrimuS sein ist also eine Ungerechtigkeit, indem es doch ein bloßer Zufall ist, daß er keinen Fehler-Bazillus hat. Wie ich. Wohingegen ich wiederum kei nen Versetzungs-Bazillus habe. Womit sich überhaupt in der Welt Alles ausgleicht und weiter kein Vorwurf möglich ist. Außer das, wenn auch der Vorwurf auf einem BazilluS beruht. In welchem Falle sich ein erfahrener Schüler noch weniger aus selbigem zu machen braucht, als so schon. Eine Mitkämpferin Andreas Hofcrs, die Boarcgger Moidl, welche am 17. März 1796 geboren war, ist in St. Leonhard in Passeier gestorben. Ihr Mann war ein Mitkämpfe? Hofers. Die Abführung deZ Letzteren hatte sie selbst noch gesehen. Seit Jahren lebte sie als Wittwe, unterstützt von dn Nachbarn mit Lebensrnitteln, welche ihre auch schon 89 Fahre alteSchwester Rosa, von ihr nur m'i Madel" genannt, zutrug. Die beinahe hundertjährige Greisin war noch wenige Stunden vor ihrem Tode bei vollem Verstände.
