Indiana Tribüne, Volume 17, Number 303, Indianapolis, Marion County, 22 July 1894 — Page 3

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IlZZlIMMiZtilhl. Novelle voil reu ilZenbruch. (0. uorlfcljnn;.) Die Ruh?, b;e er sich den ganzen Tag hindurch aufgezwunzen hatte, war dahin, abgesprengt von seiner Seele, wie die Kruste, die sich auf die Lava im Krater gelegt hat und die in alle vier Winde fliegt, sobaw der Vulkan da drunten lebenoig wird. All die dunklen Gewalten, die in den Tiefen seiner Seele brodelten, hatten Feuer gefanen, all die wilden Instinkte, die da drunten, wie Ungeheuer im Tropenschlämme, vergraben lagen, reckten plötzlich die Häupter; sie wollten sich nicht mehr bändigen lassen, wollten nicht mehr dem bcfthlshaberischen Nein" gehorchen, mit dem er sie damals für einen Augenblick niedergezwungcn hatte, wollten nicht mehr; jetzt hatten sie ihn, jetzt schüttelten sie ihn, daß ihm die Glieder am Leibe flogen, und wie mit feurigen Geißeln peitschten sie seine Phantasie. Immerfort sah er es vor sich, das Weib da unten, das junge, blühende Weib, zu dem es ihn hinriß. Jeden ihrer Schritte begleitete er mit seinen Gedanken. Er sah, wie sie ihr Schlasgemach betrat, wie sie langsam anfing, sich zu entkleiden. Ganz deutlich, ganz handgreiflich sah er das. Stück nach Stück sank die Gewandung herab; jetzt breitete sie die schneeweißen Arme nach ihm, und jetzt geschah etwas mitten im Zimmer blieb er jählings stehen, die Hände an die Schläfen gedrückt, die Augen weit offen, wie fest gebannt von einer furchtbaren Äision. War das er, den er sah, der siÄ wie ein reigendesThier über das hüllenlose Weib herstürzte: Ja. ja, ja! Wie hatte der Alte damals gesagt? Wenn er heirathcte, würde er jemanden umbringen. So hatte dcrAlte gesagt, und das hatte ein Arzt dem Alten gesagt. Also mußte es so sein, und so war es ja auch, und nun wußte er ja auch, wer das war, den er umbringen würde! Und also kam der Wahnsinn doch! Und all das Kämpfen, all das Ringen, all das Sichzurwehrsetzen war vergeblich gewesen, alles, alles? An einem Sessel brach er in die Kniee; mit beiden Fäusten griff er sich in's Haar; er schlug die Stirn auf den Stuhl; ein heiseres Keuchen, beinah wie ein dumpfes Geheul, brach aus seiner Kehle. SA will nicht! Ich will nicht! Ich will nicht!" Tann ließ der Sturm nach; gebroeben blieb er am Voden liegen, und nach einer Stunde dumpfen kraftlosenVorsichhinstarrens raffte er sich auf und schleppte sich nach seinem Lager. Während sich dies begab, war dort oben im zweiten Stock noch jemand wach. Das war der alte Johann. Er schlief nicht. Er wußte ja. daß er von jetzt an überhaupt nie mehr schlafen durfte. Seit heute war die Einbrecherin" im Schloß. Das Unheil war eingezogen, jetzt hieß es, Wache halten! Das war sein Amt. seine Pflicht. Darum von nun an die Augen aufbehalteil! Nicht m;hr schlafen! Nie mehr schlafen! Der Baron hatte ihm verboten, sich zu zeigen, wenn er heute Nachmittag mit seiner jungen Frau ankommen würde. Natürlich hatte er gehorcht; alte Haushunde sind gehorsam, aber wachsam sind sie auch, und sie haben Zähne! Er hatte auch ganz recht gehabt, der HerrBaron, daß er ihn fortschickte, daß er die ..Verson" in Sicherheit vor ihm brachte, ganz recht, ganz recht, ganz

rech:. In seinem Zimmer eingeschlossen, drei Stunden lang und nnhr war er ununterbrochen hin und her gegangen, die knochigen Hände reibend, immerfort das eine Wort murmelnd ganz recht, ganz recht, ganz recht." Ganz recht, daß Du mich nicht an sie heranläßt denn wenn ich ihr zu Leib: könnte " Bei diesem wenn" knirschten seine Zähne, seine Fäuste streckten sich in die Lust. Dann, als es elf Uhr geschlagen, hatte er gehört, wie jemand mit hastigen Schritten, als wenn er liefe, als wenn er flüchtete, die Treppe draußen heraufgekommen war. Er hatte gelauscht, hatte gehört, wie die Thür zum Zimmer des Barons aufgerissen, schmetternd zugeworfen und dann von innen verriegelt wurde. Aha also, schon heut am ersten Abend fing es an! Das war der Baron, den er da hatte kommen hören, der jetzt da drüben in seinem Zimmer faß, wie die Maus im Loch, wie die iumme Maus, der man Speck gestreut hat und die genascht hat und jetzt dahinter kam, daß der Speck vergiftet gewesen war! Er grinste über's ganze Gesicht, er mußte an sich halten, daß er nicht laut herauslachte, laut, daß rnan's durch's ganze Ha?.s hörte. Die dumme, dumme Maus! Es war doch eigentlich zu komisch! zu lächerlich! Dann war er über den Flur geschlichen, an die Thür seines Herrn, hatte sich mit dem Ohre an das Schlüsselloch gebeugt und gehorcht, und wie er da drinnen .das Hin- und Heraehen, das Rasen, das Keuchen und Schnaufen hörte, hatte er grinsend mit dem Kopse genickt: Siehst Du, siehst Du. siehst Du wohl?" Die ganze. Nacht hätte er so stehen können und horchen, denn es verursach ie ihm ein namenloses Vergnügen, zu hören, wie sein Herr da drinnen litt. Das hatte er nun davon, der ungluck selige, verrückte Mensch, und das geschah ihm recht! Ein Glück nur, daß wenigstens ein Vernünftiger noch da war, einer, der noch zum Rechten sehen und die verfahrene Geschichte wieder herausrißen konnte. Und das war er, der alte Johann; und er würde sie wieder herausreißen, ja, das würde er!

Noch wußte e: nicht genau wie, aber fertig bringen würde er c2, das wußte er, das sagte er sich, indem er jetzt übn den Flur zu scineiZImmer zurückging, nicht mehr schleichend wie vorhin, sondern hoch:rn?benen HaupteZ. Denn ein

Gtoiz erfüllte seine Brust, daß er sich vorkam, als wäre er jetzt eigentlich der Herr im Hause, als hätte er zu UM)

U Ct. Clj: ,.7. f. len und lein anderer sonst. Er konnte sich noch gar nicht entschließen, in seine Kammer zurückzukehren; es war ein Gefühl in ihm. als müßte er noch irgend etwas thun, etwas vollbringen; ein solches 5lrafigefühl, daß er am liebsten hüt gebrüllt hätte. Darum stieg er noch einmal die Treppe hinunter und wandelte durch alle Gänge des HauseS. alles imDunkeln, ohne Licht, wozu brauchte er denn Licht? r fand sich ja a:.di im Dunleln zurccht in seinem Hause. Sein Haus er drückte sich mit den Fingern die Lippen zu, damit sein Kichern nicht zum lauten Gelächter wark. Als er endlich zu seinem Zimmer zurückkehrte und über die Schwelle trat, bückte er sich. Er wußte,. daß er plötzlich gewachsen war. Ja, ja, es war merkwürdig, aber wahr, er war gewachsen, mirdestens um einer; Kopf, darum mußte er sich in ackt nehmen, sonst wäre er mit dem Kopse o5en an die Thür gestoßen. . Der Frühlinz that seine Pflicht. Zu allen Ritzen und Löchern des Schlosses Fahrenwald schickte er am nächsten Morgen die Sonnenstrahlen hinein, als wollte er dem alten Kasten bis in die finstersten Eingeireide hineinleuchten und wärmen. Als der Baron an das Fenster seines Zimmers trat und hinunterblickte, sah er, daß Andere schon früher aufgestanden waren als er. Einen StrohHut auf dem Kopf, das Kleid hoch aufgeschürzt, wandelte im Blumengarten unten eine Gestalt zwischen den Beeten auf und ab. bald rechts sich niederbeugend, bald links, so daß der breitkr'ämpige Hut bedächtig aus und nieder schwankte. Es war seine junge Frau. Die Sonne hatte sie früh am Morgen geweckt und ihr keine Ruhe im Bette gelassen. Als er ihrer ansichtig wurde, war ihm, als sänke die Nacht und alles, was in der Nacht gewesen war, wie ein. Spuk hinter ihm nieder, in eine endlose Tiefe. Ohne sich zu besinnen, rieß er das Fenster auf und Anna!" rief er laut hinunter. Als sie seine Stimme vernahm, richtete sie den Kopf zu ihm auf, und als sie ihn erblickte, hob sie die Hände an den Mund und warf ihm Kußfinger zu. Ihr Antlitz, vom gelben Hute umrahmt, strotzend von Fülle undJugend, sah aus wie eine Sonnenblume. Komm herunter Eberhard," rief sie zu ihm hinauf, hier unten ist's wundervoll." Wie der Morgenruf der Lerche drang ihre Stimme an sein Ohr. Das Leben war ihm wiedergegeben, und da unten stand es vor ihm, leibhastig verkörpert in dem geliebten Geschöpf. Er lehnte sich weit über die Fensierbrüstung hinaus. Gleich komm' ich, gleich," sagte er; aber während er das sagte, blieb er ruhig im Fenster liegen. Er konnte sich nicht satt sehen an ihr. Sie stand und lächelte ihm zu und nickte; er nickte zurück. Dann zog sie ihr weißes Taschentuch hervor und wie mit einem Fähnchen winkte sie hinauf. Komm doch," rief sie wieder, komm doch endlich." Nun erhob er sich, um sich anzukleiden, und jetzt erst spürte er, wie schwer die Nacht ihn angegriffen hatte. Er taumelte beinah, und erst das kalte Brunnenwasser, mit dem er sich überströmte, brachte ihn wieder zu sich. Als er aber in den Garten zu ihr hinunterkam, vergaß er ferne Schwache und alle Leiden. Blaß war er freilich, aber das war sie ja an ihm gewohnt; sie hüpfte ihm entgegen; er fing sie in seinen Armen auf, und als sie an seinem Herzen lag und die Liebe fühlte, die wie ein Strom aus diesem Herzen über sie dahinging, vergaß auch sie, daß sie gestern Abend in Thränen eingeschlafen war. Der Tag blieb dem Morgen treu, heiter und scbön bis zum Ende. Aber weil er so schön war, wurde er für Eberhard von Fahrenwald anstrengend. Anna nahm ihn vollständig in Beschlag und schleppte ihn vom Morgen bis zum Abend im Park umher. Kaum daß sie ihm zu den Mahlzeiten Ruhe vergönnte. Der Park hatte es ihr angethan; sie war geradezu darein verliebt. Bisher hatte sie ihn nur im Allgemeinen kennen gelernt, aun sollte Eberhard ihr alle Winkelchen und Eckchcn zeigen: Sie war in der Stadt groß geworden; die Natur, in die sie zum erstenmal hineinblickte, war für sie wie ein Märchenbuch, das man vor den Augen des Kindes aufschlägt. Jeder kleinste Borgang darin war ihr ein Gegenstand des Staunens und Bewunderns. Unter jedem Baume, in. dem eine Nachtigall faß. mußte Eberhard mit 'ihr stehen bleiben und dem Gesänge lauschcn; wenn ein Buchfink über denWeg vor ihnen herhüpfte, hielt sie ihren Beglelter am Arme fest, mit ausgeitreck tem Finger zeigend: Sieh doch nur. sieh! was für ein reizendes Th;erchen! Sie war vollständig zum Kinde gewor den; sie brauchte nichts weiter, verlangte nichts weiter, sie war glücklich. Der gestrigeAbend mit seiner schwülen Erregung, seiner dumpfen Nieder geschlagenheit war in ihr ausgelöscht. Sie hatte ja ihren Gatten nicht recht begriffen, allerdings, aber sie hatte ja auch durch Erfahrung gelernt, daß man in solchen Augenblicken nicht in ihn dringen, ihn nicht fragen durfte; also fragte sie nicht Qmt sinnliche Natur war sie nicht. Es kamen wohl Stunden und waren sogar dagewesen, wo ihr Blut heißer wurde aber für gewöhnlich war ihr

das Verlangen der Slnne fremd, und es bereitete ihr keine Schwierigkeiten, sich eine Ehe zu denken, in welcher die Eheleute wie zwei gute Freunde nebeneinander hergingen. Und sie begcn.i sich mit der Vorstellung vertraut zu machen, daß ihr bei-

derseitiges Verhältniß fortan in dieser Art weitergehen würde. Ob der Mann, der müden Schrittes hinter ihr drein kam, diefe Gedanken in ihrer Seele las? Vielleicht. Er war etwas hinter ihr zuruckgeblieben, denn weil er ihr zu langsam ging, batte sie sich von seinem Arm: losgerissen. Nun sah er sie vor sich dahintrippeln mit.hastigcn, fröhlichenBewegungen, den grün übersponnenen Laubgang entlang, durch dessen Dach die Sonne ihrLicht in verstreuten Funken herniederschickte, die junge Gestalt wie mit Edelsteinen übersäend. , Wie olückl'.ch sie war! Und wie ihr Glück ihm die tiefste Seele erwärmte! Aber wie formlos auch, wie sorglos sie war! Wie so keine Ahnung sich in ihr regte von dem, was gestern Abeno in ihm vorgegangen war, von all dem Dunklen, Entsetzlichen! War es nicht gut, daß es cIo war? Freilich war es gut. .Aber warum seufzte er trotzdem innerlich ans? Er fühlte, daß er dieses alles vor ihr verstecken mußte. Den einen Menschen, der in ihm war, ien gütigen, uebevollen, edlen Menschen, den dürfte er ihr zeigen, den andern mußte die Nacht decken und das Dunkel, daß sie nie m sein Gesicht sah denn wenn sie es gesehen hätte Und also mußte er stark sein und immer stark, und allein für sich tragen und schweigen. Und so, indem er sie vor sich herschlendern sah, im Sonnenlichte gebadet, sie selbst wie ein verkörperter Sonnenstrahl, kam er sich vor wie das dunkle Gewölk, das hinter dem Lichte einherzieht, in dessen Schooß das Ungewitter brütet, der Untergang des Lichtes und sein Tod. Wer war vorHanden, um das vertrauensvolle Licht davor zu bewahren, daß das Ungewitter es verschlang? Nur er selbst. Er selbst war ihre Gefahr und sollte ihr Beschützer vor ihm selbst sein. Indem er die furchtbareAnforderung empfand, die von nun an jede Stunde und Minute, jeder Anblick des ersehnten Weibes an seine Selbstbeherrschung stellte, überlief es ihn wie ein Grausen. Wurde er Krast behalten? Immer? Es legte sich schwer auf seine Brust, beinahe wie eine Todesangst. Und dieses Angstgefühl verließ ihn nicht mehr; es wurde zu einer bleibenden, körperlichen Beklemmung, und diese Beklemmung wuchs, je mehr der Tag sich zum Ende neigte. Das Dunkel erschreckte ihn; er fürchtete sich vor der Nacht. Als er daher gegen Abend mit seiner Frau m s Schloß zurückgekehrt war, ließ er alles, was an Lampen aufzutreiben war, anzünden, damit Licht wurde, damit er sich das Tageslicht einbilden könnte. Denn bei Tage, so schien es ihm, hatte der Dämon keine Gewalt über ihn. Nur hatte er dabei vergessen, daß in dem Lichte, das jetzt, aus allen Spiegeln widerstrah lend, die Gemacher füllte, auch die Gestall des Weibes um so feuchtender hervortreten mußte. Und gerade vor ihr fürchtete er sich ja am meisten. Heute, im Laufe des Tages, als sie mit ihm den Park durchtändelt hatte, war sie ihm wie ein kleines Mildchen, wie ein Kind erschienen, dem gegenüber die Sinne schweigen jetzt, da die Nacht kam. wurde sie wieder zum Weibe. Jede Bewegung ihrer Glieder wuchs in seiner Phantasie zu emer verstrickenden Umarmung, jedes Rauschen ihres Kleides zu einem sinnbethörenden Lockruf. Ich ziehe mir meinen Morgenrock an," hatte Anna gesagt, als sie in's Schloß zurückkehrten, und es hatte ihm auf der Zunge geschwebt, zu sagen, thu's nicht!" Aber er sagte es nicht. Was hätte sie denken müssen? Wie hätte sie es verstehen können? Sollte er sagen, daß er wahnsinnig sei? Er selbst? Er lächelte. Freilich, freilch; wir gehen wohl heute früh zu Bett? Du wirst Dich müde gelaufen haben?" Als er zu ihr zurückkam, stand sie vor einem Bilde, mit einer Lampe hinaufleuchtend. Der weite Aermel des Schlafrocks war zurückgefallen, der volle weißeArm kam bis über denEllbogen hervor. Alles vergessend, wollte er mit einem Sprunge sich über sie stürzen da wandte sie sich lächelnd um. Ein harmloses, ahnungslosesKinderlächeln. Alles war für den Augenblick vorbei. Ruhig trat er zu ihr heran und nahm ihr die Lampe ab. Heute, nachdem sie zu Abend gespeist hatten, wartete er nicht, bis die Uhr auf dem Kamin elf schlug. ..Du bist müde?" fragte er. Sie nickte ihm mit traumverschleierten Augen zu. In einem Armstuhl saß sie da. behaglich hintenüber gelehnt, die Füße w:it ausgestreckt und übereinander gelegt. Die FrühlingSlust macht so müde," sagte sie mit dämmernder Stimme, und es ist so schön, einzuschlafen, während man die Nachtigallen singen hört horch doch nur, wie das klingt entzückend." Er war an das geöffnete Fenster getreten sie hatte recht. Wie die Stimme des Frühlings drang der süße Ton der Nachtigallen aus dem nachtdunklen Parke herauf. Liebe war es, die ihren Gesang erweckte, und es war, als riefen sie allen Geschöpfen der Erde zu liebt euch, jetzt ist die Zeit der Liebe." Und da stand er und durfte nicht lieben. Die Qual, die er empfand, war so groß, daß er lange Zeit lautlos am offenen Fenster stehen bleiben mußte. Dann trat er zu ihr. Nun gute Nacht," sagte er. Er stand über sie gebeugt; sie blickte lieblich zu ihm auf. Plötzlich griff er mit der Hand hin

unter und riß ihr den einen Schuh vom I ftufa. . . I

Sie erschrak beinah. Aber Eberhard." Sie wollte nach ihrem Schuh gre fen, aber' er hielt ihn fest. Ein Andenken," rief er, ein. Andenken," er lachte dabei laut, beinahe gellend, und dann, indem er denSchuh, in dem noch die ganze Wärme ihres Fußes war, an die Lippen drückte, schoß er auf die Thür zu und war hinaus. Kopfschüttelnd saß Anna und sah ihm nach; dann erhob sie sich, und den einen Fuß im Schuh, den andern im Strumpfe, wanderte sie in ihr Schlafgemach. Eine Reihe von Tagen folgte, alle diesem Tage gleich. Luft und Himmel voll Sonnenschein, das Laubgezelt des Parks immer dichter anschwellend zum grünen, rauschenden Wald, von Düften durchfluthet, von Vogelstimmen durchtönt, und durch die grünende Wildniß dahinwandelnd die rosige blühende Frau und der bleiche hohläugige Mann. Immer größer wurde der Abstand, in 'dem sie gingen; immer weiter flog sie ihm voran, immer müder blieb er zurück, und es kam auch schon vor, daß er sich auf eine Bank niedersetzte und !sie allein auf Entdeckungen ausziehen ließ. Die schlaflosen Nächte griffen ihn zu furchtbar an. Seine Nerven waren des Morgens wie aufgeweicht, um sich dann im Laufe des Tages allmälich aufzustraffen, bis daß sie am Abende wieder angespannt waren, wie die Saiten eines Streichinstrumentes, jeden Augenblick zum Springen bereit. Jeden Abend dann wieder das Aufsteigen des wüthenden Verlangens und das Niederkämpfen desselben, so daß sein Inneres einem Schlachtfelde glich, und jeden Abend die Wiederkehr einer Erscheinung, die er sich nicht zu erklären vermochte, und die trotzdem vorhanden war, die er empfand, mit Grauen empfand: Jeden Abend, wenn er in fein Zimmer gekommen war, hatte er ein Gefühl,, als stände etwas hinter ihm, irgend etwas, er hätte nicht sagen Von nen, was. Etwas Fürchterliches, das unablässig auf ihn hinblickte, mit grünen Augen, mit einem wartendenBlick. So deutlich empfand er die Anwesenheft dieses schrecklichen, unsichtbaren Etwas, daß ihm manchmal geradezu war, als hörte er ein leises, keuchendes Athemholen, so daß er die Lampe aufnahm und Winkel und Ecken seiner Zimmer durchstöberte, bis daß er die Lampe wieder niedersetzte und sich sagte, daßNiemand da war und nichts. daß alles nur in ihm selbst, war, ein Spukgebilde seiner Seele, der Wahnsinn, der Wahnsinn. Eines freilich sah er bei diesen Gelegenheiten nicht: wenn er mit der Lampe in der Hand durch seine Zimmer stöberte und der Thür nahe kam, die zum Flur ging, iann sah er nicht, wie sich draußen an der Thür eine hagere Gestalt aufrichtete, die bis dahin lauernd zum Schlüsselloch gebeugt, mit leise keuchendem Athemholen gestanden hatte und nun, wenn sie seine Schritte nahen hörte, über den Flur hinweg huschte und sich in den Schatten des großen Schrankes druckte, der an der Wand des Flurs, neben der Tfn'tr ff-S ClU( Anna hatte in den letzten Tagen sein übles Aussehen bemerkt und ihn zärtlich besorgt gefragt, ob ihm etwas fehle. Aber er hatte hastig und entschieden verneint, Gar nichts fehlte ihm, er war vollkommen wohl!" Und um sie zu beruhigen, hatte er sogleich einen weiten Spaziergang mit ihr durch den Park gemacht. Mit aller Gewalt hatte er sich zusammengenommen und zusammengerafft; liebenswürdig ami freundlich war er gewesen, wie nur je zuvor. Daß nur sie nichts merkte! Um Gottes willen, nur nicht sie!" Aber diese letzte gewaltsame Anspannung gab ihm den Rest. Da er sich heute, seiner Versiche rung nach, so wohl fühlte, hatte Anna ihn wieder durch den ganzen Park mit sich genommen, herauf und herab, die Kreuz und die Quer. Mehrere Vogelnester hatte sie entdeckt, die noch im Bau begriffen waren, und das Treiben der Vögel dabei war doch zu reizend, jcdes einzelne mußte sie ihm zeigen. Und nachden; das erledigt war, hatte er ihr dahin folgen müssen, wo sie ihren Gemüsegarten anzulegen gedachte; sie hatte ihm die einzelnen Felder schon gezeigt, wo Salat gebaut werden sollte, und Bohnen. Rüben und Tomaten, und was es alles gab. Am Abend war -sie daher schläfrig geworden wie ein Kind, das sich tagsüber müde gespielt hat. Heute werde ich aber gehörig schlafen," sagte sie. als sie sich erhob, um ihm gute Nacht zu wünschen. Er war heut so besonders liebenswürdig gewesen, dafür war sie ihm Dank. schuldig. Zärtlich hing sie sich um seinen Hals, um ihn zu küssen. Wie es jetzt in seiner Gewohnheit lag, richtcte er denOberleib steif auf, als wollte er ren Lippen ausweichen, aber sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, heute sollte er einmal seinen Kuß : bekommen. Lachend versuchte sie. mit ihrem Munde an den seinen zu gelangen, und weil ihre Körperlänge dazu nicht ausnichte, stieg sie mit den Füßen auf seine Füße. Indem sie sich auf den Spitzen erhob, reichte sie ihm bis an den Mund, und nun erhielt er einen langen, warmem liebevollen Kuß. Ihre Lippen lagen auf den seinen, ihr junger Leib drängte sich an ihn. auf seinen Füßen empfand er ihre warmen weichen Fußchen. In dem Augenblick war ihm zu Muthe, als risse etwas in ihm, beinah, als spränge eine Saite, so daß er. das Nachsummen des Schlags in seinen )y?en zu vernehmen meinte 1 Er schob sie von sich.

Gehst Du jetzt zu Bett?" fragte er; der Ton feiner Stimme war lallend.

Freilich geh' ich zu Bett." An der Thür des Schlafzimmers blieb sie noch einmal stehen und warf ihm. traumselig nickend, Kußfinger zu. Kaum daß sie dann ihr Lager er reicht hatte, war sie schon eingeschlafen. Einige Zeit später, sie hatte kaum sagen können, ob Stunden ode? nur Minuten, wurde sie durch ein Geräusch geweckt, und als )it blinzelnd d:e verschlafenen Augen öffnete, bemerkt: sie, daß ein Lichtschein im Zimmer war. Wie kam das? Sie hatt: doch vor dem Einschlafen alles Licht gelöscht? Indem sie sich allmählich ermunterte, sah sie, daß das Licht von der Tbür herkam, und 'durch den blcuscivcnen Bettvorhang hindurch gewahrte sie eine dunkle Gestalt, die in der Thür' stand. Genau zu erkennen vermochte sie nicht, wer es war. .Bist Du's Eberhard?" fragte sie schläfrig. Es erfolgte keine Antwort. Dl:3esialt rührte sich nicht. Sie richtete sich auf den Ellenbogen auf. Eberhard, bist Du's?" fragte sie noch einmal. Jetzt kam die Gestalt mit einem Schritt heran, bis an das Fußende ibres Bettes, schlug den Vorbang zurück ein Licht in Händen, stand ihr Gattc vor ihr, Eberhard von FahrenWald. Er gab keinen Laut von sich, seine Augen ruhten auf ihr, mit stierendem, beinahe gläsernem Blick. Sie wußte nicht, was sie denken sollte, verwirrt schaute sie ihn an. Dann streckte sie den Arm nach ihm aus. Aber Eberhard was machst Du denn?" In dem Augenblick hatte er dasLicht auf den Nachttisch gesetzt und ihren Arm mit beiden Händen ergriffen. Als Ware ihr Arm in emen Schraubstock gespannt fo war es. Es wurde ihr unheimlich. - Aber so sprich doch nur ein Wort," bat sie leise. Er spraco nicht: es war, als horte er sie überhaupt nicht. Plötzlich ließ er ihren Arm fahren, griff sie mit beiden Händen an den Schultern und drückte sie in die Kissen zurück. Sie lag wie gefesselt unter feinen Händen, unfähig sich zu bewegen; ihre Augen blickten angstvoll in sein Gesicht empor, das mit steinernem, räthselhaftem Ausdruck über sie gebeugt war. Was thust. Du denn?" stammelte sie; dabei warf sie die Schultern hin und her und versuchte, sich seinemGriffe zu entwinden. Als er die windenden Bewegungen ihres Körpers fühlte, bog er plötzlich den Oberleib zurück, richtete sich auf, sein Anblick wurde wie der eines wilden Thieres, das sich zum Sprunge auf die Beute anschickt. Von Todesangst gepackt, fuhr sie auf und aus dem Bette. Keuchend stand sie, zu ihm hinuberblickend, der auf der andern Seite des Bettes stand. In das Zimmer ihrer Jungfer zu gelangen. vermochte sie nicht, wen er zwischen Bett und Thür war. Als er jetzt aber eine Bewegung machte, als wollte er auf 'sie zu, stieß sie einen gellenden Schrei aus, und so wie sie war, mit nackten Füßen, nur im Hemd, rannte sie durch die Thür, durch die er gekommen und die hinter ihm offen geblieben war, in ihr Wohnzimmer. Halb sinnlos vor Angst drückte sie sich hinter dem Ruhebett weder, das an der gegenüberliegenden Wand stand. Ein Augenblick verging dann er schiender Verfolger auf der Schwelle, das Licht haltend, mit dem Lichte nach ihr suchend. Jetzt hatte er sie entdeckt und wieder sprang sie auf und flüchtete weiter, in das nächste Zimmer. Hinter ihr kam er her, mit langen Sprüngen. Aus dem zweiten Zimmer aina es in das dritte, in das vierte und weiter, immer weiter, durch alle Zimmer hindurch, die Galene entlang, bis daß sie endlich im Bibliotheksaale, am Ende der Zimmerflucht anlangte und sich bewußt wuiide, daß es nun nicht weiter ging, daß sie gefangen war, verloren war. Mitten im Saale, die entsetzten Augen auf ihn gerichtet, blieb sie stehen, beide Arme reckte sie in die Höhe, ein verzweifeltes Geschrei und jählings, mit schwerem Fall schlug sie auf den Fußboden nieder, ohnmächtig, wie eine Leiche anzusehen. Als dies geschah als er den Schrei vernahm und die weiße Gestalt zusammenbrechen sah, blieb der Mann stehen und sah sich einen Augenblick wie verwundert um. Es sah aus, als müßte er seine Erinnerung sammeln. Dann kam er, das Licht hoch haltend, mit dorsichtigen Schritten da heran, wo das am Boden lag, das Weiße. Er senkte das Licht und leuchtete ,über die regungslose Gestalt hin. richtete sich wieder auf und trat einen Schritt zurück. Er fetzte das Licht auf den Tisch, und auf die Tischplatte niederstarrend, fing er wieder an, sich zu besinnen, nachzudenken, nachzudenken. Dann erhob er die Augen. richtete sie dumpf brütend denFenstcrn zu, hinter denen die schwarzeNacht hing, und nun n?ar es als käme aus weiter Ferne der Nacht ein Licht heran, ganz fem ersi ganz klein, aber näher kommend, immer näher, bis daß es sein, Gesicht erreicht hatte, bis daß es m seine Augen gestiegen war. Und nun begannen die Auger die bis dahin gß sern gestiert hatten, wieder zu sehen, die Züge des verwandelten Gesichts wandelten sich wieder zurück, und nnn war es wieder Eberhard von FahrenWald, der dort am Tische stand. . Mit einem Ruck, daß die Qklmtt in seinem Leibe krachten, richtete er sich plötzlich in die Höhe, ergriff noch einmal das Licht und trat heran im nämlichen Augenblick aber flog er rückwärts, als wenn em Stoß lyn'zu rückgeworfen hätte. .Auf dem glatten Parkett des Fußbodens schlug er der

Länge nach hin,. mit dem Gesicht am Boden, beide Hände in. den Mund stopfend, mit den, Zähnen in die . Hände beißend, daß das Blut herabtroff. Ein gurgelndes Röcheln, ein ersticktes Heulen wühlte sich aus ihm heraus und in den Fußboden hinein; dann kroch er bis zu dem nächsten Stuhle, arbeitete sich mühselig an dem Stuhle auf, bis daß er auf den Füßen stand) und nun, wie ein Mensch, der nicht mehr cchen kann, dem das Rückgrat gebrochen ist. schleppte er sich, die Augen immerfirt auf die Gestalt am Boden dort gerichtet, bis an dieThür, die aus demBiöliotheksaale auf den Flur führte. An der Thürklinke hielt er sich mit beidenHänden aufrecht, das Haar klebte ihm im Gesicht, eine dicke Feuchtigkeit war es Schweiß, war es Blut, waren es Thränen rieselte ihm vom Gesicht; es war, als wenn er weinen wollte, aber er vermochte es nicht als wenn er etwas sagen wollte, aber er vermochte es nicht nur ein Aechzen wurde vernehmbare Anna Anna Anna" und diesen Namen wiederholend und fortwährend, sinnlos wieverholend, schob er sich zur Thür hin aus. Sobald er aber die Thür fyxihz sich hatte, fühlte er sich von einem eise?nen Arm umschlungen und aufrecht schalten. Der Mann wa? da, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatre, und dem er nun wieder gehörte, der alte Johann. Kommen Sie nur,, gnädiger Herr,"' sagte er mit starker, harter Stimme, kommen Sie nur und lassen Sie mich machen. Jetzt wird sich alles wieder aeben." Er führte den gebrochenen Mann,, der hilflos, willenlos in feinem Arme, schwankte, die Treppe hinauf, in sein Zimmer; er brachte ihn zu Bett, wie.ein Kind; er deckte ihn zu;. Nun schlafen Sie," sägte er laut,, beinah befehlend; dann fah er sich noch einmal in den Zimmern um: kein'

Messer da? Keine Scheere? KeinWerkzeug irgend welcher Art? Nichts. Er rieb sich die Hände; fo stolz' war er! so vergnügt! An den Fenstern, machte er sich noch zu schaffen, und es' dauerte ziemlich lange, bis er damit fertig war; er hatte einen Schraubenbohrer in der Tasche und Schrauben; sämmtliche Fenster in den Zimmern des Barons schraubte er zu für alle Fälle man konnte ja nicht wissen. Dann riegelte er die Räume feines Herrn von außen ab und nun war er fertig, nun hatte er ihn sicher. Als er aus dem Flur draußen stand, reckte er sich lang auf. Ah" fagte er laut vor sich hm und jetzt brauchte er sich ja keinen Zwang mehr anzuthun, jetzt konnte er lachen und er lachte, laut, immer lauter. zuletzt brüllend. Mit den flachenHanden schlug er sich auf die Lenden; wer. hatte nun recht behalten?" Vom Augenblick an, als der Baron in der Nacht sein Zimmer verlassen hatte und hinuntergegangen war,. hatte er ja alles mit angehört. . Jetzt kommt's," hatte er sich gesägt, indem er im Dunkel hinter ihm hergeschlichen war. Dann hatte er den Ruf in Annas Schlafgemach vernommen, das Jagen und Laufen durch dieZimmer, endlich den letzten Schrei und das Fallen des Körpers im Bibliotheksaale. Jetzt hat er sie todtgeschlagen,"chatte er sich gesagt, und er hatte, an sich halten müssen, um nicht schon da lachend herauszuplatzen. In dem- Augenblick war er ja noch Diener gewesen,, da hätte es sich nicht geschickte Aber jetzt jetzt blieb nur noch zu thun, daß er sich danach umsah, wo der Leichnam lag. Zu dem Zwecke.- ging er jetzt nach dem Bibliotheksaal. Einen dicken Stock trug er in der einen, eine brennende Laterne in der andern Hand.Warum er den Stock mitnahm? Er hatte.. so ein Gefühl,, als könnte sich möglicherweise eine Gelegenheit bieten, er wünschte sich eine Gelegenheit er hatte so ein Bedürfniß, auf irgend etwas loszuhauen, irgend etwas zu zerschmettern,, irgend etwas, am liebsten, aber menschliche Glieder und einen menschUchen. Körper. Er hieb mit dem Stock auf das. Treppengeländerdaß es krachte-. Ah wie ihm das wohlthat! Wenn. sie" so vor ihm gelegen hätte! Wenn, er so auf sie" hätte loshauen können, daß ihre Glieder unter seinenStreichen. zerflogen wären wie. Glas! Aber der Baron hatte ihm ja schon, vorgearbeitet. Jetzt war er nur noch neugierig zu sehen, wie er es gemacht, haben, wie er: sie"' zugerichtet baben. würde. Mit der lüsrernenBegier der blutdürstigen Mrur, die dem Anblick von irgend etwas Gräßlichem entgegengeht, trat er in.den Bibliotheksaal eiru sah sich um und blieb ent täuscht stehen. Der Saat war ja leer? Die Jungfer, die Thür an Thür mit ihrer Gebieterin schlief,, war von dem dumpfen'Rumoren, in Annas Schlafzimmer aufgewachte Anfangs nur halb ermuntert, war sie ganz, wach geworden,, als. sie den gellenderr Schrei nÄbenan. vernahm. 5ka.fch war sie. aufgestanden, hatte Licht angezündet und- war eingetreten. Nun sah sie Annas zerstörtes Btf t, von dem dieDecken heruntergeworfen-waren, in. dem die Kissen, wüst und wild durcheinander lagen Sie sah die Ähür zum Nebenzimmer ?ffen. und in dem Augenblick vernahm sie von drüben, aus der Ferne, AnnaS verzweifelen Schrei. Im ersten Augenblick hatt? sie , in: ihr Zimmer . zurücklaufen unv den Kopf unter die Bettdecke stecken wollen. Aber dann hatte ne sich gesagt, daß DaS Nicht recht wäre, daß der Frau Baronin et was zugestoßen sein mußte, der armen junge Frau Baronin die so gut zu ihr war, von der sie nie ein bsses Wort zu hören bekam, und daß t ZhrePflicht sei. zuzusehen, was geschehen war. Da rum hatte sie sich rasch in die nothdürf tiaste Kleidung gesteckt, und zitternd, mit schlotternden Gliedern, war sie' die Zimmerflucht entlang bis nach dem Bibliotheksaale gegangen. (Fortsetzung folgt.)

Zlntcr uns Zraucn. Moiiittxätigcs ZUciitotNun. Es gibt nichts Herrlicheres und Beseligenderes als die Arbeit", sagen die Einen, und alle Menschen arbeiten nur, weil sie müssen, nur unter dem Drucke der dringenden Nothwendigkeit," sprechen die Anderen. Die Einen betrachten es als Hochgenuß, wenn das Werk ihrer Hände oder ihres Geistes vorwärts- schreitet, wenn es endlich in seiner Vollendung vor ihnen liegt, und je größer die Mühe des Schaffens gewesen, umsomehr Freude haben sie daran, um fo größere Genugthuung empfinden sie darüber. Die Anderen, aber betrachten es als Hochgenuß, wenn sie selbst nicht nöthig haben, zu arbeiten, es erfüllt sie nicht mit übermäßigem Neide wenn das Werk anderer Hände und Köpfe vorwärts fchreitct und je geringer die eigene Mühe des Schaffens gewesen, und je größer trotzdem der. Lebensge nuß, desto mehr Freude haben sie darüber und desto größere Befriedigung empfinden sie über das ihnen beschiedene glückliche Loos. Doch weder den professionellen Nichtsthuern noch den prinzipiellen Ueberarbeitern oder Arbeitsbolden. wollen wir den Preis zuerkennen, sondern das Richtige liegt wie aewöhnlich in der Mitte, Wohl ist das Bewußt- . sein der erfüllten Pflicht ein. befecligendes, und mannigfach sind die Vor'theile, welche wir durch stetige Arbeit gewinnen können. Sie bringt, uns nicht nur. den Zielen und Idealen, unseres Lebens näher, sie verschafft uns die Mittel zur Befriedigung, unserer Bedürfnisse, sie eröffnet' uns neue Ge- -legenheit zum; Lebensgenusse, sie. hilft unsern Wohlstand vermehren, oder mindestens denselben befestigen. Wohl ist andererseits auch das Bewußlsein, von wenig, oder gar keinen -Pflichten. geplagt zu werden, ein äußerst beseeliqendes, und mannigfach sind die Vors theile, welche durch stetiges Nichtsthun angeblich gewonnen werden können. Auch dieses bringt uns vielleicht den kurz- gesteckten Zielen und vermeintlichen Idealen unseres Lebens 'näher,. e verschafft uns die Befriedigung eineS ausgesprochenen' Bedürfnisses , nach Ruhe, es eröffnet uns manche Gelegen? heit zum Lebensgenuß, indem wir ungehindert dem Vergnügen nachgehen können, und in vielen Fällen hilft sogar das Nichtsthun den- Wohlstand vermehren, oder mindestens befestigen, denn es vermindert die Gefahr verfehlte? Spekulationen und gibt den

Kapitalien Gelegenheit, aus dem Wege der einfachen Verzinsung zu wachsen und sich zu vergrößern.-. Aber trotz all dreier scheinbarenVortheile- ist. es nicht dieses Nichtsthun, welches wir als das wirklich wohlthätige bezeichnen- möchten,, sondern diel mehr das Nichtsthun als Abwechslung von der Arbeit, als die wohlverdiente- Ruhe nach der anstrengenden Bewegung. Das Nichtsthun ist ein Loslösen aus der Gemeinschaft der geschäftlichen Bestrebungen und der Ruhelosigkeit: Nirgends ist diese aufreibcnde Ruhelosigkeit, dieses ewige Hasten und Jagen nach dem Erwerbs so in Perrnanenz erklärt, als gerade bei dem raschen Pulsschlag des amerika nischen Lebens und deshalb ist mx aends die Ruhe, dcrs zeitweilige Nichtsthun eine solche Nothwendigleit, wie aerade bei uns in dem Landen oes fortgesetzten Prestissimo. Arbeit und Thätigkeit sind- naturgemäß an- ein geistiges und. korpeniches Wachsein geknüpft, uno das Nichtsthun ist- eine Art Schlummer. Und ebenso wie- der " Mensch- ein dauerndes Nachtwachen nicht ertragen kann, ohne seine Kräfte vollständig aufzureiben, so tritt- auch bei dem- unausgesetzt Arbeitenden eine Ermattung und. Erschlaffung ein,welchcr. nur durch, ein-, zeitweiliges Nichts- . thun, durch einen eiquickendenSchlum-mer.-. der wie. der- physische seine. Träume hat, vorgebeugt werden kann. Es liegen mancherlei Fähigkeiten und Tkätiakeiten. im Menschen, welche durch die alltägliche Arbeit, durch die , r v c r: unaoiainge vurge jur etn gfiiTuuu chen Kleinkram des Lebens gebunden und zurückgedrängt sind, und welche erst frei werden.! in der Art des Erwachens nach erquickendem Schlummer, wenn wir.- die Arbeit ruhen lassen. Während- wir- dr? arbeitsmüden Hände in den Schooß sinken und die. erregten Nervew ausklagen lassen-,, befinden wir uns in htm gemischten Zustand des WachenT rmd Träumen?,, in einer Art wohlthätiger' rosig angehauchter. Dämmerung-, welche so geeignet ist, zur Zwiesprache, des Menschen- mit sich selbst unv welche, indem sie alle st'o renden Eindrücke und Einflüsse fernhält um, s? deutlicher die Gestalten der eigenen. Seele erkennen: lößt. Und gerode irr diesen Momenten- der äußerlichen Ruhe wo die Schwingungen der Seele? am lebhaftesten und stärksten sind, wo- wir uns gestatten dürfen-, auch unserem inneren; Menschen Audienz zu ertheilen in- solchen Augenblicken wird manche edle Mahnung, mancher gute Gedanke manche fchone Anregung in ms zum Bewujt.s:in kommen Namentlich wir Flauen machen- uns :ar cft des Fehlers schuldig, daß wir atfoi angestrengt und'unausgssetzt arbeiten, uns dadurch geistig, körperlich 'und seelisch schwachen, unses- Nerven.- ' Wem aufreiben, weil wir uns felbst nicht die absolut nothige Ruhe a.?nnen und dadurch zu mißmutigen, abgespannten, unliebenswürd-dgen Gefährtinnen unserer Männer werden, während wir uns selbst und. unserer Umgebung mehr Lebensfreudigktit, grö ßere Widerstandsfähigkeit und frischeren Muth sickern könnten, indem wir . srt n r i r. ' Körper uno 2t vsiers, naincnui jetzt in den schwülen Sommertagen, die ersehnten Freistunden des wohlthätig gen NichtsthnZ gewähren würden.