Indiana Tribüne, Volume 17, Number 276, Indianapolis, Marion County, 24 June 1894 — Page 3
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MmliöMeM Novelle von rnft ron ZSilvenkrnch. (2. Fortsetzung.) Siehst Du," sagte er, indem ich Dich so halte, ist mir, als wäre der ganze liebe Körper und alles, was darinnen ist, ein Gefäß, ein zartes, zerbrechliches, und daß es so zerbrechlich ist, das ist gerade das Gute daian. Nun darf ich an nichts mehr denken, als daß es in meinen Händen nicht entzweigeht, und das gerade ist ja so gut. Siehst Du, nun will ich in i?as Gifäß hineinthun alles, was der Mensch sich sür den Menschen yusdenken kann an Gutem und Glücklichem. Und wenn wir da draußen auf meinem Gute leben, das nun auch Dein Gut. ist, wir deide ganz allein, jedesmal, wenn dann ein neuer Tag anbricht, will ich nach Deinem lieben Gesichte sehen; und Du brauchst mir nie zu sagen, daß Du mich liebst, das verlange ich nickt, nur ob Du glücklich bist, will ich in Deinem Gesichte sehen, und wenn ich das sehe, dann werde ich glücklich sein, glücklich, o so glücklich." Seine Worte starben in einem tiefen leisen Flüstern. Sie hielt dasHaupt gesenkt, als wollte sie lauschen und immer lauschen; als er schwieg, richteie sie sich auf und wiegte das Haupt und legte beide Arme um ihn her. Wie, soll ich Dir denn nicht sagen, daß ich Dich liebe." sprach sie, und ihre Stimme war ruhig und fest geworden, da ich Dich jetzt schon liebe, von ganzer Seele, Tu theurer. Du geliebter Mann." Sie hielten sich schweiaend umschlungen, dann richtete sie sich auf. Komm," sagte sie. nun wollen wir den Onkel und die Tante rufen." Sie faßte ihn an der Hand und ging mit ihm an die Thür bV Nebenzimmers, die sie öffnete. Die alten Leute traten heraus und blieben verblüfft siehen, als sie Anna Hand in Hand mit dem Baron gewahrten. Mit einem ruhigen Lächeln sah sie sie an. Lieber Onkel." sagte sie, liebe Tante, ich theile Euch mit, daß ich mich mit dem Herrn Baron von Fahrenwald verlobt habe." Am Nachmittag erst verließ der Ba ron seine Braut und deren Angehörige. Als er die Treppe hinunterstieg und den letzten Absatz erreicht hatte, sah er im Hausflur einen Mann, der mit aufgeregten Schritten hin und her ging; es war sein Diener, der alte Johann. Verwundert blieb er stehen; in dem Augenblick hatte der Alte den Kopf herumgedreht und seinen Herrn erkannt; er unterbrach seinen Gang und stand wie angewurzelt. Was soll denn das?" fragte der Baron. Ich hatte Dir doch gesagt, daß Du mich nicht begleiten solltest." Der Alte lüftete den Hut, ohne die Augen von seinem Herrn zu lassen. Gnädiger Herr blieben so lange " erwiderte er. Der Barvn lachte. Er war in so fröhlicher Stimmung, daß er sich über nichts geärgert hätte, am wenigsten über die übertriebene Sorgfalt seines alten Dieners. Hast gedacht, mir wäre ein Unglück paiftrt?- meinte er. Na, Du kannst Dich beruhigen." Er ging die Stufen vollends hinun ter und schlug ihn auf die Schulter. Will Dir eine Neuigkeit sagen. JoIann, ich habe mich verlobt." Der Alte rieß die Augen weit auf und wich zwei Schritte zurück; der Mund stand ihm halb offen. Das Fräulein da oben, im zweiten Stock?" stotterte er. Jawohl, das Fräulein da oben, im zweiten Stock," erwiderte gutlaunig der Baron. Und nächster Tage ist die Hochzeit." j Er wandte sich nach der Hausthüre, und indem er ihm den Rücken drehte, konnte er nicht sehen, was der Johann hinter seinem Rücken für ein merkwürdiges Gesicht schnitt. Er warf einen wüthenden, geradezu giftigen Blick nach der Treppe, die das Haus hinaufführte, dann glättete er mit dem Aermel seines Ueberrocks den Eylinderhut. de.n er noch in der Hand hielt, und während er das that, neigte er das Haupt, wie jemand, der sich plötzlich in eine schwere Nothlage versetzt sieht und Mittel und Wege überdenkt, die nun zu ergreifen sind. Dann stülpte er den Hut mit einem Ruck auf, biß die Zähne aufeinander und folgte seinem Herrn. Die Hausthür fiel schmetternd zu, weil der Alte sie wüthend in's Schloß geworfen hatte. Am nächsten Tage ging bei Anna ein Brief ein. Sie erhielt selten Briefe um z'ögerte ein Weilchen, den Umschlag zu offnen. Die Handschrift war ihr i:icht bekannt und sah so sonderbar c.us; man bätte kaum sagen können, ol' sie von einem gebildeten oder ungebildet? Menschen herrührte. Endlich entschloß sie sich, und nun las sie folgende Zeilen: Haben Sie auch bedacht, was Sie thun? Sie wissen doch, daß derMensch, mit dem Sie sich verlobt haben, ein Verrückter ist?" Ein Name stand nicht darunter. Der Brief war unterschrieben: Ein Wissender." Anna hielt das widerwärtig: Blatt in den Händen. Was sollte sie thun? Das beste bei solchen Gelegenheiten ist ja, demjenigen, vor be.n man gewarnt wird, den anonnmen Wisch ruhig zu zeigen, damit man kein Geheimniß vsr ihm behält. Aber das war doch in diesem Falle nicht möglich. Durste sie den unglücklichen Mann lesen lassen, wie dcrs, wovon 'er sich an ihrer Seite zu befreien und zu erlösen Zzoffte, ihm in so roher und gemeiner Weise auf den Kopf zugesagt wurde? Sie faßte sich kurz, riß den Brief
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sammt dem Umschlage in Fetzen und steckte sie in den Ofen. Die Sache war abgethan. Eine Stunde später kam der Baron, und nun pries sie ihren Entschluß. Er sah so heiter aus, so klar; man merkte ihm an, wie in Annas, Gegenwart der dunkle Schleier sich hob und lüftete, der seine Seele umdüsterte. Hätte sie, deren Nähe ihm die Gesundheit bedeutete, ihn in sein Leiden zurückstoßen sollen, indem sie ihn daran erinnerte? Nimmermehr! Heute brachte der Baron ihr denBerlobungsring mit, einen goldenen Reif, der einen Brillanten umfaßte. Mit scküchternem Erröthen ließ sie sich den Ring an den Finger stecken, und während sie die Hand hin und her drehte, um das Licht in dem geschliffenen Steine aufzufangen, griff der Baron schon wieder in die Rocktasche. Er holte ein Schmuckschächtelchen hervor, das er vor ihren Augen aufspringen ließ. Anna blickte hinein und fuhr zurück. Ein goldenes Armband mit einem prächtigen Amethyst leuchtete ihr entgegen. Aber nein!" erklärte sie, nein, nein, das geht ja nicht, daß Du mich so überhäufst! Das kann ich ja nicht annehmen!" Er sah glücklich lächelnd zu ihr hin über. ' Aber Anna," sagte er, weißt Du' denn nicht, daß ich mich beschenke, wenn ich Dir ein Geschenk mache?" Sie mußte es sich gefallen lassen, daß er ihren Arm ergriff und ihr das Armband umlegte. Die Haut an der Hand und dem Handgelenk war roth und aufgesprungen; man sah es ihr an, wie schonungslos die Hände des jungen Mädchens in der Hauswirthschaft mitarbeiten mußten. Anna deutete mit den Augen darauf hin. Sieh doch nur selbst," sagte sie, für solche Hände paßt doch ein so wundervolles Armband gar nicht." Der Baron hob ihre kleine geröthete Hand empor. Das ist Anna von Glassner," sagte er. Dann schob er den Aermel ihres Kleides so weit zurück, da die weiße, zarte Haut des Armes sichtbar wurde. Und hier kommt die Baronin von Fahrenwald heraus," fügte er lächelnd hinzu. In einigen Tagen sind auch die Händchen so weiß und zart wieder, wie das." Er drückte die Lippen auf ihren entblößten Arm und schob das Armband so hoch hinauf, daß es auf der weißen Haut lag. Siehst Du," sagte er, wie gut es sich hier ausnimmt!" Sie mußte lächelnd zugestehen, daß er recht hatte, und dann siegte die weibliche Freude am Schmuck über alle ihre Bedenken. Mit leuchtenden Augen siel sie ihm um den Hals. Du wirst mich noch so verwöhnen, daß ich ganz hochmüthig und schlecht werde." Er hielt sie an sich gedrückt. Sei was Du willst und wie -Du willst, nur sei glücklich." Es wurde alsdann zwischen ihnen verabredet, daß die Hochzeit möglichst bald stattfinden sollte. Wie ist es denn?" fragte er, möch test Du eine Hochzeitreise machen?" Anna lächelte. Nick,! wahr," sagte das ist doch Dein Park, den sie das Schlesische Paradies nennen?" Wirklich?" entgegenete er, davon habe ich ja noch gar nichts gewußt." Ja, ja," versicherte sie, er soll ja auch wunderschön sein!" Nun, er ist groß genug, das ist wahr; nur vielleicht ein bischen verwabrll,st." Sie legte die Hände auf seine Schultern. Und da fragst Du mich, ob ich eine Hochzeitreise machen will? Nach dem Schlesischen Paradies reise ich mit Dir und da bleiben wir." Das wolltest Du? Wirklich?" Man sah ihm die Freude an, die ihre Entscheidung ihm bereitete. Aber daß Du nur keinen Schreck bekommst," fuhr er fort, wenn Du da hinauskommst; es ist etwas einsam, verstehst Du. Ich habe da ganz allein mit meinem alten Johann gehaust." Ach Gott," versetzte sie. das denke ich mir ja gerade so wunderschön! Siehst Du., ich bin ja auch . mein Leben lang so allein gewesen, so an die Einsamkeit gewöhnt. Nun richten wir uns das alte schöne Schloß ein. wie es für uns beide paßt, dann gehen wir durch den Park, und nicht wahr, den Park gibst Du mir in meine Obhut? Ich denke mir das so köstlich, Gärtnerin zu sein!" Sie war ganz lebhast geworden; ihr Gesicht glänzte. Der Baron sah sie hingerissen an. Bor seinem Geiste erschien eine Reihe der lieblichsten Bilder. Er sah seine junge Frau durch die düsteren Räume des alten Schlosses wandeln, wie den Geist des neuen jungen Lebens; er sah sie im Park umherschalten. anmuthig zur Arbeit aufgeschürzt, und Haus und Garten wurden jung und lebendig schön unter ihren Händen und seine Seele ward jung und freu dig und stark in ibrer geliebten Nähe. Alles soll so sein, wie Du es sagst." rief cr jauchzend, indem er sie an sein Herz drückte, sobald da! Wetter einigermaßen wird, fahren wir. hinaus und ich zeige Dir alles, und dann kommen wir zurück und kaufen Tapeten und Möbel und Blumensamen und alles was der Mensch sich denken kann. Und nachher, da leben wir da draußen zusammen, wie auf einer Insel im weiten Meer. Wir beide ganz für uns, und fragen nach keinem Menschen und nach keiner Welt!" Er war wie trunken vor Freude, als er sie endlich verließ, und auch vor An nas Phantasie begann die Zukunft wie ein helles freundliches Land emporzu-, steigen.. Am nächsten Tage aber erhielt ihre fröhliche Stimmung einen Stoß. 'Ge-
mau zu der Stunde, an der gestern der anonyme Brief gekommen war. erschien heute, von derselben Hand versaßt, ein zweites Schreiben. Gar nicht erst aufmachen, sondern ohne weiteres in den Ofen stecken, das war Annas erstes Gefühl aber die Neugier war stärker als die Wallung der Vernunft, und sie folgte dem ver hängnißvollen Triebe, der in uns ist, Dinge, von denen wir wissen, daß sie uns gräßlich widerwärtig sein werden, daß sie unsern Seelenfrieden stören werden, recht genau und in der Nähe anzusehen. Das, was sie heute las, war dies: Haven Sie denn das Verhältniß noch nicht gelöst? Noch immer nicht? Bedenken Sie sich, es wird Zeit! Es wird hohe Zeit!!!" Diesmal war der Bries unterschrieben der Warner". Nun nachdem sie gelesen, stand sie da und bereuete, daß sie gelesen hatte. Es war ihr zu Muthe, wie einem Kinde, das man vor giftigen Beeren gewarnt - hat und' das trotzdem genascht hat. Mochte sie das Geschreibsel auch zerreißen und in den Ofen stecken, vergessen konnte sie ja doch nicht, was darin gestanden hatte. Dazu kam der sonderbare Ton und die Form des Briefes; beides war so aufgeregt. Die drei Ausrufungszeichen am Schluß, und die Unterschrift war mit ganz merkwürdigen Schnörkeln verbrämt und verziert. Das Ende ihres Ueberlegens war, daß auch dieser Brief in Fetzen ging und in den Ofen wanderte. Am darauf folgenden Tage aber lauschte sie schon mit aller Spannung, ob heute auch der Briefträger erscheinen würde. Und richtig, als die Stunde schlug, klingelte es, und ein dritter Brief lag in ihren Händen. Heute überlegte sie schon nicht mehr, ob sie lesen sollte, oder nicht, mit einer Art von Heißhunger fiel sie darüber her. ' Der unbekannte Verfasser betitelte sich heute Prüfer von Herz und Nieren"; das, was er verkündete, lautete folgendermaßen: Verblendete!! Das gefällt Ihnen wohl, daß der unglückselige Mensch Sie mit Schmuck und Flitter überhäuft? Wollen Sie denn mit Gewalt blind und taub sein? Daran sollten Sie doch merken, daß er ein Wahnsiniger ist!! Ein Wahnsinniger!!!" Ein unheimlicher Schauder überlief Anna, als sie dieseWorte las. Es klang wie eine dumpfe Wuth daraus, eine Wuth gegen sie und zugleich gegen ihn. Sie versank in Gedanken, und so geschah es, daß der Baron sie überraschte, bevor sie noch Zeit gefunden hatte, den Brief zu vernichten. Sie hatte ihn gerade noch in die Tasche stecken können, als er eintrat, und sie mußte sich beinahe Zwang anthun, um dem Bräutigam unbefangen und heiter entgegenzugehen. Als er aber jetzt, vergnüglich schmunzelnd wie ein Kind, das jemandem eine rechte Ueberraschung zugedacht hat, eine große Schachtel zum Vorschein brachte, und als sie darin ein prachtoolles Perlenhalsband erblickte, fuhr sie zurück, und diesmal war es nicht Schüchternheit noch Bescheidenheit, was sie zurückfahren ließ, sondern Schreck, wirklicher, wahrhaftiger Schreck. Die Worte des unbekannten Briefschreibers fielen ihr ein, und die schrecklichen Worte hatten ja recht gehabt; so rasend verschwenden konnte ja nur ein Wahnsinniger! Mit hängenden Armen stand sie da und starrte, wie geistesabwesend, auf den Schmuck, der ihr vom dunkelblauen Sammet, auf dem er gebettet lag, entgegengleißte. Der Baron hielt den geöffneten Schrein mit beiden Händen vor sie hin und lachte still in sich hinein. Er ahnte nicht, was in ihr vorging, und sah in ihrer Starrheit nur das hilflose Staunen der Armuth, die sich plötzlich vom Reichthum überfluthet sieht. - Aber Anna," sagte er endlich, als sie noch immer wie leblos vor ihm stand, freust Du Dich denn gar nicht ein bischen?" Sie hörte wieder den Ton seiner Stimme, sie blickte auf und sah sein Gesicht mit einem Ausdruck unsäglicher Güte und Liebe auf sie gerichtet, und plötzlich brach sie in Thränen aus und fiel ihm schluckend um den Hals. Dieser Ueberschwall von Gebensfreudigkeit . das sollte alles nur eine Ausgeburt des Wahnsinns sein? Dieser Mensch, der sich auflöste, nur um ein Lächeln auf ihrem Gesicht hervorzurfen, das sollte ein Verrückter sein? Nein, nein, nein! Und sie drückte das Gesicht an seinen Hals und schüttelte, wie in Verzweiflung, das Haupt. Der Baron stand rathlos. Diese Thränen sahen doch gar nicht . wie Uebermaß von Freude, sondern wie echter Schmerz aus. Bevor er aber noch zu Worte kommen konnte, sing sie an. Eberhard," sagte sie, indem sie die Arme von seinem Halse löste, siehst Du, es ist ja so himmlisch gut von Dir, und ich binDir ja so maßlos dankbar für alles, aber ich bitte, ich beschwö re Dich, laß es genug sein, schenke mir -nichts mehr." , Die Heiterkeit wich von seinem Ge sichte. Ich hatte geglaubt." sagte. er langsam. es würde Dir Freude machen und nun willst Du es gar nicht haben?" Er schickte sich an, den Schrein zu schließen, und dabei sah er so k .immervoll aus, daß ein reißender Schmerz durch ihre Seele ging. Nein, nein." rief sie, ich will es ja nehmen, gern nehmen, und ich bin Dir ja so, so dankbar dafür, aber das wollte ja nur sagen: dann nichts mehr, Eberhard. Laß es damit genug sein, bitte, versprich es mir, bitte, bitte!". Er drückte den Kasten iu's SchZoß und sah sie an, als begriffe er nicht, was sie wollte Sie faßte seine Hand mit beiden Händen.
Siehst Du," fagie sie, Du mußt doch bedenken, daß ich an so etwas nicht gewöhnt bin; Du weißt ja doch, daß ich ganz arm bin; ich habe doch früber nie Schmuck getragen, und an so etwas muß man sich doch allmählich gewöhnen. Und wenn das dann so mit einemmal. so massenhaft kommt, siehst Du Eberhard, lieber, guter Eberhard, das mußt Du Dir doch selbst sagen, daß einen das geradezu ängstigt. Das erstickt einen ja und erdrückt einen und das hält man gar nicht.aus." Ihre Worte waren hastig erregt von ihren Lippen gekommen, aber sie beruhigten ihn. Er entnahm daraus daß es wirklich nur die Armuth in ihr war. die vor dem plötzlichen Reichthum erschrak. Du liebes. bescheidenesKind," sagte er zärtlich, indem er den Arm um sie legte, ich glaube wirklich, Du hast vollkommen recht, und es war falsch, daß ich zu rasch gewesen bin. Aber Du weißt ja doch, warum ich es gethan habe und bist mir nicht böse?" Ich Dir böse sein'" erwiderte sie stockend, und die Thränen drängten ihr von neuem empor, so daß sich ihr die Kehle zuschnürte. . Er stellte den Schmuckkasten auf den Tisch. Also mag er da bleiben," sagte er. indem er seinen Ton zur Heiterkeit anstrengte, und vorläufig genug damit." Sie blieben dann noch eine Zeit lang bei einander, aber eine unbefangene fröhliche Stimmung wollte nicht mehr recht aufkommen. Der Vorgang von vorhin wirkte in beiden nach, und zwischen ihnen, auf dem Tische, stand der verhängnißvolle Schmuckkasten, der an dem allen schuld war. Am nächsten Tage blieb Anna verschont; es lief kein Brief ein. Als der Baron indessen erschien, lag ein Schatten auf seinem Gesicht und in seinen Augen war ein dumpfes Glühen. Änna erschrak einigermaßen, als sie ihn sah; sein Ausdruck war so anders als an den vergangenen Tagen. Sie forschte nach dem Grunde seines Mißmuths, aber er wollte nicht, mit der Sprache heraus. Bist Du mir böse wegen gestern?" fragte sie endlich, indem sie sich neben ihn setzte. Er strich mit freundlicher Hand über ihr Haar. Nein, gar nicht, lieber Engel." sagte er. verlaß Dich harauf, gar nicht." Sie fragte nicht weiter, sie wollte nicht in ihn dringen, aber ihre Augen blieben stumm besorgt an ihm hängen. Ach weißt Du," sagte er endlich, indem er sich aus seinem Brüten aufraffte, es ist wirklich gar nicht der Mühe werth, und es ist unrecht, daß ich Dich damit quäle. Ich habe einen Auftritt mit meinem Diener gehabt, das ist die ganze Geschichte." Er war aufgestanden und ging im Zimmer hin und her. Anna folgte ihm von ihrem Sitze aus mit den Blicken. Mit Deinem alten " Mit meinem alten Johann, ja." Aber ich denke," wandte sie ein, er ist Dir so treu und ergeben?" Freilich ist er das," gab er zur Antwort, treu beinah bis zum Uebermaß, und das ist es ja eben " er brach mitten im Satze ab und wanderte wieder schweigend auf und nieder. Siehst Du." fuhr er nach einer Weile fort, solche alten Diener, die man vom Vater überkommt, die einen als Kind auf dem Arm getragen haben, die einen immerfort begleitet haben, sind ja einerseits ein Schatz, und darum kann man sie nicht so aus dem Hause schicken, wie man es vielleicht mit andern macben würde." Ein Zucken ging über sein Gesicht und in seinen Augen flimmerte es, wie die Erinnerung an einen schweren Grimm, den er durchgemacht hatte. Du wirst doch nicht an so etwas denken!" sagte Anna, indem sie aufstand. Eine innere Stimme flüsterte ihr zu, wie nothwendig ihm die stetige Begleitung eines treuen, mit seiner Natur vertrauten Menschen sein mochte. Ich denke ja nicht daran," versetzte er. nur das wollte ich sagen, siehst Du, solche alten Diener werden andrerseits auch manchmal zu einer Art von Last. Sie wollen den Haushofmeister, gewissermaßen den Schulmeister spielen, und das na, indessen " er brach wieder ab. Lassen. wir die dumme Geschichte; sie ist abgethan und, wie gesagt, gar nicht der Rede werth." Anna war zu ihm herangetreten und sah ihm bittend in die Augen. Mir zuliebe." sagte sie. sei geduldig mit dem alten, treuen Menschen; er meint es gewiß f? redlich und gut mit Dir." Ter Baron blickte mit einem eigenthümlichen Lächeln auf sie nieder. Das sagst Du." erwiderte er langsam. Seine Lippen bewegten sich, als wollte er noch etwas hinzusetzen; aber r sprach es nicht aus. Allmählich aber, indem seine Augen auf ihrem Gesichtchen ruhten, kehrte der Ausdruck stiller Zufriedenheit in seine Züge zurück. Du bist ein Engel." sagte er, und so gut. wie Du selbst es gar nicht weißt." Bald darauf verließ er sie. Es war, wie der Baron gesagt hatte; zwischen ihm und dem alten Johann hatte es am Morgen dieses Tages einen Auftritt gegeben, einen merkwürdigen, schrecklichen Auftritt. In sein junges Glück versenkt, hatte der Baron nicht weiter acht aus denAlten gegeben, sonst hätte es ihm auffallen müssen, daß dieser seit demTag. als er mit ibm das Haus verlassen hatte, wo Anna von Glassner wohnte, ein seltsames Wesen angenommen hatte. Jeden Vormittag, wenn der Baron ausging, um sich zu seiner Braut zu begeben, schlich der Alte geräuschlos hinter ihm drein. Dem Juwelierladen ge-. genüber, in den er seinen Herrn eintten sab. auf der anderenSeite derStraße, stellte er sich aus und wartete, bis der Baron wieder herauskam; im
wenn dieser zu Annas Hausthür gelangt war. abnte cr nicht, daß wenige Schritte hinter ihm sein Diener stand und ihn mit Augen verfolgte mit Augen, die den lauernden Ausdruck eines wilden Tbieres hatten. Wenn er alsdann in dieBehausung zurückgekehrt war, wo er mit dem Baron wohnte und wo ihm ein geräumiges Zimmer angewiesen war, setzte der Alte sich an den Tisch, der inmitten des Zimmers stand, und dort saß er Stunden und Stirnden lang. Er aß nicht, er trank nicht, er rauchte nicht; er war ganz versunken in dumpfes, stumpfes Brüten. Die einzige Thätigkeit, zu der er sich aufraffte, war. daß er sich alsdann erhob, eine große Schreibmappe auf den Tisch legte, Tinte und Feder herbeiholte und nun mit fanatischem Eifer zu schreiben anfing. Was er da schrieb niemand sah es, denn niemand war dabei; jedesmal, bevor er an seine Schreiberei ging, riegelte er sorgfältig die Thür seines Zimmers ab. Es schienen jedoch Briefe zu sein; denn dasPapier, worauf er schrieb, waren Briefbogen, und jedesmal, nachdem er geendigt und das Geschriebene wohl zehnmal mit gerunzelter Stirn und stumm glühenden Augen durchgelesen hatte, steckte er den Bogen in ein Kouvert, das er mit einer Adresse und Postmarke versah. Leise schloß er alsdann seine Thür wieder auf. steckte horchend den Kopf hinaus, und wenn er sich überzeugt hatte, daß niemand ihn hörte und sah, schlüpfte er behutsam aus der Wohnung, aus dem Hause, um den Brief in den nächsten Briefkasten zu stecken. Abends fand der Baron, wenn er nach Haus kam. die Lampen in feinen Gemächern bereits angezündet, alles zu seinem Empfange bereit, und den alten Johann, einmal wie allemal fertig, ihn des Mantels zu entledigen, ihm den Thee zu bereiten und alles zu thun, woran er von jeher gewöhnt war. Was der Baron nicht beachtete, das waren die Blicke, mit denen der Alte ihn lauernd beobachtete, und was er nicht sah, das war, daß der Alte, nachdem er sich zurückgezogen hatte, draußen auf dem Flur stehen blieb, lautlos an die Thür gepreßt, hinter der sein Herr saß, stundenlang horchend, lauschend, ob er nicht da drinnen plötzlich ein verdächtiges Geräusch, irgend etwas vernehmen würde, das ihn nöthigte, zuzuspringen und Hand anzulegen. Denn er wußte ja doch, daß da drinnen ein Wahnsinniger saß und daß es sein Beruf und seine Pflicht war, den Wahnsinnigen zu bewachen. An dem Vormittag dieses Tages nun, als der Baron gefrühstückt und darauf demDiener geklingelt hatte, damit er ihm beim Anziehen behilflich sei, hatte dieser sich, im Bewußtsein seiner Pflicht, ein Herz gefaßt und beschlossen,' mit seinem Herrn einmal ein Wort zu reden. Es kam ihm nicht leicht an, denn er war ein echter Schlesier, und daher steckte ihm ein knechtischer Respekt vor seinem Gebieter in Fleisch und Bein. Aber es mußte sein, es mußte. Den Pelz seines Herrn in den H'änden, trat er in das Zimmer ein; als der Baron aber in den Mantel fahren wollte, ließ der Diener ihn sinken. Gnädiger Herr wollen mir eine unterthänige Frage erlauben gehen gnädiger Herr wieder zu dem Fraulein?" Der Baron sah sich überrascht um; ein Lachen zuckte über sein Gesicht. Jnteressirt Dich das so? Allerdings gehe ich zu ihr." Der Alte senkte dasHaupt und stierte auf den Teppich. Nun, was gibt's? Worauf wartest Du?" erwiderte der Baron, indem er ein Zeichen machte, daß er den Pelz anzulegen wünschte. -Gnädiger Herr, wollen' entschuld!gen." erwiderte der Alte, ohne die Augen zu erheben, ob gnädiger Herr es sich nicht noch einmal überlegen möchten?" Was soll ich mir überlegen?" Daß gnädiger Herr das Fräulein wirklich heirathen wollen." Der Baron machte auf dem Absätze kehrt, so daß er seinem Diener unmittelbar gegenüberstand. Er war einen Augenblick ganz sprachlos vor Erstaunen. . Was geht das Dich an?" stieß er hervor. Was fällt Dir denn ein?" Gnädiger Herr wissen ja doch," murrte der Alte mit hohler Stimme von unten herauf, daß ich gnädigen Herrn von Kindesbeinen her kenne daß ich vom seligen Herrn Baron " Weiß ich, weiß ich. weiß ich alles!" rief der Baron, indem er ungeduldig aufstampfte. Was gehört das hierher?" Und daß ich weiß, was gnädigem Herrn gut thut und gnädigem Herrn nicht gut weil ich weiß,' wie es steht." Der Baron trat einen halben Schritt zurück. Wie was' steht?" Jetzt richtete der Alte das gesenkte Haupt so weit auf, daß er einen schrägen, lauernden Blick in die Augen seines Herrn bohren konnte. Seine Stimme wurde dumpf und leise. . Wie es mit gnädigem Herrn steht." Das bleicheGesicht des Barons wurde noch uia eine Färbung bleicher, so daß es ganz weiß aussah, und in dem weißen Gesichte glühten die Augen auf. Ein Zittern durchlief seine Gestalt, seine Hände schlössen sich, er konnte keinen Laut hervorbringen. So standen sich die kiden Männer stumm gegenüber. Am Leibe des alten Johann regte sich sehe Fiber, nur seine Augen hafteten stieren Blickes an dem Baron. Er sah ja, daß der Mann dort unmittelbar vor einem Ausbruche von Tollwuth stand, und Tobsüchtige darf der Wärter nicht aus den Auatn lassen. Es dauerte geraume Zeit, bis daß der Baron seir.e FaZsunz einigermaßen 1 zurückgewann. Seine Brust keuchte, in
dem er zu sprechen begann; die Worte kamen abgebrochen heraus. Johann weil ich weiß daß Du es gut meinst will ich Dir verzeihen, was Du da eben gesagt hast. Aber, wenn Du es noch einmal thust, dann nimm Dich in acht!" Er hob den rechten. Arm mit geballter Faust empor. Nimm Dich in acht!" wiederholte er, nimm Dich in acht!" Seine Stimme war immer lauter angeschwollen, so daß sie zuletzt beinahe brüllend geworden war. Sein Körper schüttelte sich wie im Krampf. Dann plötzlich lieh er den erhobenen Arm sinken, warf sich stöhnend in eine Sessel und legte beide Arme auf die Lehne, das Gesicht auf die Arme drückend. Regungslos stand der Alte; in seinen Augen war etwas, wie ein wilder Triumph, indem er auf seinen Herrn niederbückte. Wer fcarie nun recht gebabt? War der Mann da. de: Unglückselige, etwa kein Wahnsinniger? Zunächst sprach keiner von beiden ein Wort; eine schwüle, beängstigendeStille trat ein. Dann erhob der alte Johann wieder die Stimme. Und wenn gnädiger Herr heirathen, thut es gnädigem Herrn nicht gut." Der Baron erwiderte nichts; er gab überhauptkein Zeichen, als hätte er gehört. Und wenn ein Fräulein kommt," fuhr der Alte fort, und will den gnädigen Herrn heirathen, weil das Fräulein Frau Baronin werden möchte und reich' werden möchte, weil sie selber nichts hat " Jetzt richtete der Baron das Haupt auf; seine Hand griff in denStoffüberzug des Sessels, man sah, wie sie sich hineinkrallte, seine Augen drehten sich zu dem.Alten herum, mit einem gefährlichen Ausdruck. Der Alte aber hörte nicht auf, wollte nicht aufhören; indem er des Mädchens gedachte, war es, als überkäme auch ihn eine dumpfe, schwüle Wuth. Seine Augen unterliefen roth. Dann ist das nicht recht von dem Fräulein," polterte er rauh und rücksichtslos heraus. In diesem Augenblicke rollte der Stuhl, auf welchem der Baron gesessen hatte, bis mitten in's Zimmer; mit einem jähen Satze war der Baron aufgesprungen. Mach, daß Du 'rauskommst!" brüllte er den Alten an. Der Alte stand wie an den Boden gewachsen. Gnädiger Her: dürfen nicht heirathen," sagte er. Halt's Maul und mach, daß Du 'rauskommst!" donnerte der Baron noch einmal. Seine Hände flogen, sein Körper erbebte konvulsivisch. Es war aber, als wenn seine Aufgeregtheit den Andern nur um so eisiger erstarren machte. Ein Arzt hat mir gesagt, der jetzt todt ist, wenn gnädiger Herr heirathen werden gnädiger Herr jemand umbringen." Kaum daß er das gesagt hatte, warf er jedoch den Pelz, den er immer noch in Händen hielt, über den nächsten Stuhl und zog sich eilends nach der Thür zurück. Der Baron hatte den schweren gepolsterten Sessel mit beiden Händen an der Lehne gepackt und mit einer Kraft, wie sie nur der Paroxismus verleiht, emporgeschwungen. Es sah aus, als wollte er den Alten im nächsten Moment zu Boden schmettern. Mit einer huigen Bewegung riß dieser dii Thür auf und verschwand. Eine halbe Stunde später, während er lautlos horchend in seinem Zimmer gesessen hatte, vernahm er, wie der Varon aus seinen Gemächern trat und mit schweren Schritten die Wohnung verließ. Er eilte an eines der nach der Straße gehenden Fenster und blickte ihm nach. Richtig die gewohnteRichtung, er ging zu seiner Braut. Also doch! Der Alte kehrte in sein Zimmer zurück, warf die Mappe auf den Tisch und gleich darauf saß er wieder vor sei- ' nen Briefbogen. Heute knirschte dasPapier unter seiner kratzenden Feder; seine Augen brannten, und die Muskeln seines Gesichts spannten sich zu einem Ausdruck grimmiger Verbissenheit-,, indem er schrieb. Am Abende des Tages erhielt Anna von Glassner folgenden Brief: Zum letztenmal werden Sie gewarnt! Sie ruiniren ihn und gehen in Ihr Verderben! Heute war der. unglückselige Menses) dicht daran, daß er seinen Wärter und treuesten Begleiter todtgeschlagen hätte. Wer Augen hat, zu sehen, der sehe!!! Der Pflichterfuller." Scheinbar beruhigt war der Baron von Anna hinweggegangen, in, seinem Innern aber saß die Erinnerung an das, was er mit dem alten Johann erlebt hatte. Und diese Erinerung war wie ein gährender Keim in seinem Blute, sie "ließ ihn nicht mebr zur Ruhe kommen. . Es erging ihm, wie es dem Menschen geht, wenn er sich mit einem andern gestritten hat. Im Augenblick, da uns der Gegner seine Behauptung in's Gesicht wirft und wir sie ihm leidenschaft- -lich zurückschleudern, sind wir darüber hinweg nachher wenn die Leider? schaft verrauch! ist, kommt das Wort uns wieder, leise, schleichend und in seiner Geräuschlosigkeit eindringlicher als vorher, und nun kommt das Grübeln, ob das Wort nicht vielleicht, doch recht gehabt Haien könnte. Ich weiß, wie es mit gnädigem Herrn steht" immer wieder war tl da, das Wort, immerfort und immer fort, wie der Wassertropsen, der unablässig auf den Kopf des Gefolterten fällt. Und indem es in feinem )hre nachklang, war ihm, als tarne dasUngethüm wieder herangeschwommen, von dem er Anna erzählt hatte, als höbe es d gräßlichen grünen Augen wieder auf, und das, was aus diesen Augen sprach, war ja nichts andres als das: Ich weiß, wie es mit Dir steht." (Fortsetzung folgt.)
" s Berühmte Junggesellen.
Baccn sagt, die besten und für die Menschheit werthvollsten Werke sind von unverheiratheten oder kinderlosen Männern geschaffen worden." Schopenhauer scheint derselben Ansicht zu sein, denn er meint, daß für Männer von höherer, geistiger Berufung, für Dichter, Philosophen und im Allzemeinen für alle Diejenigen, welche sich der Kunst und Wissenschaft widmen, die Ehelosigkeit dem Berheirathetsein vorzuziehen sei, weil sie das Ehejoch am Hervorbringen großer Werke hindere." Einen gleichen Gedanken hat der Dichter Moore ausgesprochen, indem er an einer Stelle behauptet, daß, wenn man einenBlick in das Leben der berühmtesten Dichter thut, es einem klar wird, daß es mit wenigen Ausnahmen rastlose und einsame Gemüther waren, deren Geist, wie der Serdenwurm in, dem Cocon, ganz in seine Aufgabe verwebt und verwickelt ist und welche dem Ehebunde als Fremdlinge oder Rebellen gegenüber stehen." Dante, Milton, Shakespeare und Dryden sind hervorragende Beispiele für die ungünstige Wirkung des Ehelebens auf die Dichter. Dante lebte fern von Weib und Kind und nährte in seinem Geiste den unsterblichen Traum der Beatrice. Aus einem oft citirten Scherzwort Dryden'Z erhellt seine Meinung über diesen Gegenstand. Als einst seine Frau zu ihm sagte, sie möchte ein Buch sein, um .die Gesellschaft ihres Mannes häufiger genießen zu können, entgegnete er: Sei ein Kalender, mein Schatz, damit ich Dich jedes Jahr gegen einen neuen eintauschen kann." Scott äußerte über Dryden, daß er, wenn die Ehestandsfrage erörtert wurde, sich jedesmal mit solchem Sarkasmus äußerte, daß man Qn der Thatsache seines ehelichen Unglückes nicht zweifeln konnte." Dasfelbe gilt von anderen Künstlern, besonders von Musikern. Wagner heirathete als junger Mann eine bildhübsche Schauspielerin, doch scheint sie für seine Bestrebungen wenig Sinn gehabt zu haben und so lebte er getrennt von ihr. Später heirathete er bekanntlich eine Tochter Liszt's, welche sei Genie zu schätzen wußte; mit ihr war er glücklich. Das Mädchen, welches Haydn zum Altar führte, entpuppte sich, später als Xantippe. Berlioz schrieb' eines Tages: Ach, könnte ich sie finden, die Julia, die Ophelia, nach wel-' cher mein Herz verlangt; könnte ich' den Rausch gemischter Freude undWehmuth trinken, den nur die wahre Liebe kennt! Könnte ich an einem Herbstabend, auf wüster Haide. vom Nordwind gewiegt, in ihren Armen ruhen und ihn schlafen, den letzten düstern Schlaf!" Ein paar Jahre, nachdem er diese Worte niedergeschrieben hatte, brachte r eine Trennung von seinem Weibe, dieser seiner früheren Gottheit, zu Stande und ließ sie in Elend und Einsamkeit sterben. Händel war nie verliebt und hegte eine ausgesprochene Abneigung gegen den Ehestand. Voefie und Punsch. Im Jahre 1790 bezog das zur Berliner Garnison gehörende Regiment Alt-Pfuhl für einige Wochen ein Kantonirungsquartier in der Festung Landshut in Schlesien. . Außerdem wurde ein KürassierRegiment dessen Chef der Herzog von. Sachsen-Weimar war, dahin verlegt. Im. Gefolge des Herzogs befand sich auch Goethe, der bei dieser Gelegenheit das Riesengebirge besuchen wollte und eines Abends in Landshut eintraf.. Ein junger lustiger, Offizier des Regiments Alt-Pfuhl, welches am Markte seine Hauptwache hatte, saß mit mehreren Kameraden in der Wachtstube bei der Punschbowle, als von der Thorwache gemeldet wurde, daß der herzoglich weimarische Geheim-! rath Goethe soeben in Landshut angekommen sei. Der Offizier war nuir ein leidenschaftlicher Verehrer des Dichters. Es erregte ihn ungemein, sich mit demselben in einer Stadt zu besinden. und er hätte ihn gar zu gern ein Mal von Angesicht zu Angesicht gesehen; allein er durfte feinen Posten nicht verlassen und konnte daher keine Audienz von dem Dichterfürsten sich erbitten. In diesem Dllemma sand er indeß einen Ausweg. Es hieß, daß Goethe noch am selbigen Abend sein: Reise fortsetzen wolle und nur im Gasthose abgestiegen sei, um die Pferde zu wechseln; er mußte also bald wieder an der Hauptwache vorbeifahren. Nach kurzer Zeit rasselt in der That sein Wagen heran und- mm stürzte unser Offizier, von seinen Kameraden gefolgt und ein großes Glas Punsch in der ei nen, ein Licht in der andern Hand-, vor die Thür. Ein Halt" donnerte- dem Postillon entgegen, der erschrocken Folge leistete. Dann trat der Offizier an den Schlag und- fprach. währender das mitgebrachte Getränk hinreichte, die eben mühsam zusammengestöppelten- Reime: Mein Goetye.Dich zu seh'n war längst mein heißer Wunsch, Nimm von des glühenden- Verehrers" Hand. Ist'S kein Gelehrter auch und nur einLieutenant, Zur Labe auf den Weg dies Gläschenwarmer Punsch! Goethe, der zuerst erschrocken war, erfaßte bald die Situation, lachte, nahm das Glas, trcmk s auf einen Zug leer und meinte dann, zu dem Lieutenant gewendet, er habe zwar noch' keine so seltsame Audienz ertheilt, doch freue er sich, einen schmucken Offizier: kennen gelernt zu haben. Allein,- so setzteer noch im Abfahren hinzu. mlt ben Sie künftig lieber beim Punsä brauen und lassen Sie dasVeifemQchen. denn Ihr Punsch ist tret Weitem Ihren Versen ksrzuziehen.. . j
