Indiana Tribüne, Volume 17, Number 269, Indianapolis, Marion County, 17 June 1894 — Page 7

gjfti'ff sah f MlWHMeW. Ncvelle von rnß von Wiröcnvruch. (1. Iortfttz'.mg.) Dieser Dieser war ein langer, Hagerer, eisgrauer Mann, mit einein von schwerenNunzeln durchfurchten Gesicht, aus dem eine starke, gekrümmte Nase hervorragte. Stets in schwarzem Frack und weißer Krawatte, wie ein versteinerterUeberrest aus derZeit, da es noch große Herren und große Kammerdiener gab. Nie hatte man ein Wort aus seinem Munde vernommen, kaum einmal hatte man gesehen, daß er nach rechts oder links blickte an einem einzigen Gegenstande haftete sein Denken und Sinnen, das war sein Herr. Jeden Abend, wenn er den Baron zu einer Gesellschaft begleitete, wiederholte sich ein besonderer Borgang: er stand hinter seinem Herrn und nahm ihm mit schweigender Würde den Mantel ab; währenddem wandte der Baron sich zu ihm um uns sagte: Geh' nach Haus, Johann, und hole mich nachher ab." Jedesmal, so oft der Baron diefes sagte, verneigte sich der alte Johann, feierlich wie ein Senator, nahm den Mantel seines Herrn an sich und ging nicht nach Haus. Im Dienerzimmer setzte er sich nieder, ernst, würdevoll und schweigsam, und wartete, bis die Gesellschaft zu Ende war. Sobald der Baron dann heraustrat, stand der Alte scho7. wieder da, den Mantel in beiden Händen, stumm, regungslos, wie eine Bildsäule. Natürlich hatten die Diener und Hausmädchen dce Hauser, wo die Gesellschaften stattfanden, sich bemüht, den alten Kerl zum Sprechen zu bringen und über seinen Herrn auszuholen, aber sie hatten ihre Bersuche aufgeben müssen; sie hätten ebensogut zu einem Stein sprechen können; der Alte hatte nicht einmal gethan, als ob er sie überhaupt vernähme. Ein einziges Mal hatte er ein Lebenszeichen gegeben der Fall war sorgfältig registrirt worden als einmal ein schnippisches Stubenmädchen in seiner Gegenwart gesagt hatte, nun würde der Herr Baron wohl nächstens heirathen und eine Frau Baronin nach Haus bringen. Er wäre so zusammengezuckt, erzählte das Mädchen, als er das gehört, daß es nicht anders ausgesehen hätte, als wenn er sich schüttelte, und dann hätte er sie mit einem Blick angesehen ganz gräßlich, sagte das Mädchen. Und dann hätte er die Achseln gezuckt, ganz hoch hinauf, und alsdann wieder stumm dagesessen. Und das Achselzucken, das hätte ausgeseben, als wollte er sagen: Was redcst Du denn? Weißt Du denn nicht, daß er verrückt ist?" Seitdem stand es für die Dienerschaft fest: der Baron von Fahrenwald war verrückt. Der alte Johann war sein Wärter, und der Wärter hatte es gesagt. Und aus dem Dienerzimmer flüsterte sich das, wie es ja stets geschieht, in die herrschaftlichen Zimmer hinüber: der Baron von Fahrenwald war verrückt. Und wer, der ihn ansah, hätte zweifeln können, daß es wirklich also war? Wenn die Thüre sich aufthat und er hereintrat mit langsam schleppendem Schritt, ein langer, eckiger Mann, mit dunklem, fast schwarzem Haar, das bleiche, beinahe marmorweiße Gesicht von dunklem Barte umrahmt, dann legte es sich unwillkürlich wie ein. Alp auf die Anwesenden, Wirthe und Gäsie, Herren und Damen. " Und dieser Bann ging hauptsächlich von den Augen des Mannes aus, die ganz tief, wie zwei dunkle tiefe Löcher in dem bleichen Gesichte lagen, und aus denen ein starrender, suchender, bohrender Blick hervorgekrochen kam, langsam, beinahe wie ein Wurm. Er sieht eigentlich kolossal interessant aus," hatte die junge Komtesse Karmsdorf, als sie ihn zum erstenmal erblickte, hinter dem Fächer hervor zu ihren Freundinnen gesagt, aber da man weiß.wie es mit ihm steht, ist es des Jnterenanten denn doch ein bischen zu viel." Die Freundinnen hatten kopfnickend und kichernd bestätigt, daß es so sei, und als der Baron Miene machte, auf sie zuzutreten, waren sie sammt und sonders, wie von einem panischen Schrecken ersaßt, nach einer andernEcke desSaales entwischt, und es hatt: nicht viel gefehlt, so hätten sie laut aufgekreischt. So erging es dem Baron Eberhard von Fahrenwald. Die Wirthe, die ihn eingeladen hatten, konnten sich seiner Begrüßung natürlich nicht entziehen. Aber wenn er alsdann mit schwerer, eckiger Verbeugung auf sie zutrat, sah man ihm an, wie wenig er in fröhlich ausgelassene Gesellschaft paßte. Er versuchte, sein Gesicht zu einem verbindlichen Ausdruck zurechtzulegen, zu lächeln, aber das Lächeln wollte sich so gar nicht mit dem bleichen, schwermüthigen Gesicht verstehen, es sah aus, als thäte es ihm weh. Beim Tanze blieb er Zuschauer, am Kartenspiel nahm er nicht theil, so blieb er einsam, und das wiederholte sich in jeder Gesellschaft, so daß man sich unwillkürlich fragte, wie lange er die zwecklosen Besuche und Versuche fortsetzen würde. Offenbar fühlte er das selbst, denn der Ausdruck dumpfer Schwermuth in seinem Gesichte verstärkte sich ton einem zum andern Mal, seine Bewegungen wurden immer schleppender, es sah aus, als ermüdete der Mann unter der Last des Dasein?. So näherte sich der Winter seinem Ende. Ein großes Ballfest wurde gegeben, dem der Baron, einsam und theilnahmslos wie gewöhnlich, beiwobnte. Indem er, an den Thürpfosten des Nebenzimmers gelehnt, dem wirbelnden Tanze zuschaute, der im Saale auf und nie&I flog, richtete er plötzlich düS

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2BBXB3SS2SSCBtSrSS3BXC Haupt zur Seite es war ihm gewesen Auf einem Stuhle, dicht an die Wand gerückt, saß ein junges Mädchen. Sie nahm nicht theil am Tanze, offenbar, weil sie nicht aufgefordert worden war, ein Mauerblümchen, wie man zu sagen pflegt. Wenn man sie ansah, begriff man das einigermaßen; sie hatte etwas Unscheinbares; sie war nicht besonders hübsch und. wie es schien, arm. Ein schmaler Silöerreif um den Hals, das war der ganze Schmuck ihres jungen Körpers; ihr dürftiges weißes Tüllkleidchen stach von den Gewandungen ihrer reicheren, glücklicheren Altersgenon innen ab. Indem der Baron den Kopf nach ihr umwandte, bemerkte er, daß sie ihn schon Ic::qere Zeit von der Seite betrachtet tte. Er sah zwei runde, nicht besonder, schöne, aber unendlich gutmüthigeAgen, die stumm beobachtend, aber ohne Neugier auf ihm ruhten. Jetzt, da er zu ihr hinblickte, senkte sie die Augen, und er gewann Zeit, sie von seiner Seite zu betrach!en. Sie war in Verlegenheit etwas erröthet; um den kleinen Mund, der sich ein wenig nach vorn zuspitzte, war ein unmerkliches Ziitern; dadurch erhielt das ganze Gesichtchen etwas Trauriges, beinahe, als wenn es mit verhaltenem Weinen kämpfte. Er war also nicht der einzige Einsame heute Abend; da war noch eine, und er sah es ihr an, sie fühlte sich unglücklich. Solch ein junzeö Mädchen, das zum Balle eingeladen, nicht zum Tanze aufgefordert wird und in der Eäe fc-n bleibt, leidet ja in Wirklichkeit ganz bitterlich; alle Qualen der Zurücksetzung lasten auf der armen jungen Seele. Jetzt schrak die einsame Kleine leise auf, die Röthe auf ihren Wangen wich einer tiefen Blässe, ihre Hände, die einen mageren Fächer im Schoße hielten, preßten sich zusammen der Baron Eberhard von Fahrenwald hatte sich neben sie gesetzt. Sie hatte natürlich, wie alle andern, von dem verrückten Baron" erzählen gehört, und nun saß er plötzlich neben ihr, nicht durch Zufall, sondern weil er sie aufgesucht hatte. Es wurde ihr unheimlich zu Muthe. Vorhin, als sie den blassen einsamen Mann, dem man das Unglück am Gesiebt ansah, an der Thür hatte lehnen sehen, war ihr Herz ganz von tiefem Mitleid erfüllt gewesen jetzt fühlte sie eine Angst, die ihr die Nähe des unheimlichen Menschen verursachte. Eine Zeit lang saßen beide schweigend, dann erhob der Baron das Gesicht. Es thut mir so leid," sagte er, daß ich nicht tanze, gnädiges Fräulein, sonst würde ich um dieErlaubniß bitten, Sie dort hineinführen zu dürfen." Er hatte mit dem Kopfe nach dem Tanzsaale gedeutet; mit unwillkürlichem Staunen wandte sie sich zu ihm um und sah ihm in's Gesicht. War das die Stimme eines Verrückten"? Ein so tiefer, milder Wohlklang lag in den einfachen Worten; etwas so Sanftes, so Warmes, so Gütiges kam von ihm zu ihr herüber, daß es ihr war, als hätte eine Hand ihre Hand erfaßt, mit liebem, tröstendem Drucke. Schweigend blickte sie 'ihn an und war sich kaum bewußt, daß sie es that. Schweigend hielt er die Blicke in die ihrigen gerichtet; in seinen tiefen geheimnißvollen Augen erwachte etwas, wie eine sehnende Frage, wie ein Hoffen, das sich nicht hervorgetraut, wie ein verstohlenes Leuchten in lichtloser Nacht. So saßen die beiden, von niemand beachtet, nach niemand fragend, wie zwei Leidensgefährten, die unausgesprockienes Verständniß zu einander führt, und nach einiger Zeit schob er, ohne ein Wort zu sagen, die Hand zu ihr hin. und ohn? ein Wort zu erwidern, löste sich ihre kleine Hand vom Fächer, den sie immer noch krampfhaft umspannt hielt, und senkte sich zitternd in seine Hand. Und als sie nun den leidenschaftlichen Griff fühlte, mit dem er ihre Finger zusammenpreßte, erschrak sie; aber als sie dann fühlte, wie er sogleich, indem er ihren Schreck emPfand, den Druck mäßigte, faßte fit neues Vertrauen. Welche Aufmerksamkeit sprach aus seiner Bewegung, welche Zartheit; es war. als streichelten seine Finger ihre erschreckte Hand, als spräche seine Hand: ..Ich thue Dir nichts, fürchte -Dich nicht." Sie kamen dann in's Gespräch, und im Verlaufe desselben erfuhr er Genaueres über die Kleine. Anna von Glassner hieß sie und war eine Waise. Ihre Eltern hatten ihr so gut wie nichts hinterlassen, und weil sie doch irgendwo bleiben mußte, war sie von einem entfernten Onkel, einem alten pensionirten Major und dessen Frau aufgenommen worden. Bei denen wohnte sie in Breslau. und es war nicht schwer, aus ihren Andeutungen zu entnehmen, daß der Aufenthalt ein ziemlich trübseliger war. Die alten, kränklichen, kinderlosen Leute besuchten keine Gesellschaften, weil sie sie nicht erwidern konnten; bei Gelegenheiten, wie die heutige eine war, ließen sie das junge Mädchen allein gehen und durch das Dienstmädchen aus der Gesellschaft abholen. Wollten Sie mir sagen," fragte sie nach einiger Zeit den Baron, welche Zeit es ist? Ich darf nicht zu spät nach Haus kommen." Der Baron sah nach der Uhr. Sie raffte ihr dünnesKleidchen zusammen. Dann muß ich gehen." So früh schon?" Mein Onkel und meineTante schul fen so schlecht," erwiderte sie, und haben es nicht gern, wenn ich sie so spät in der Nacht störe." Sie erhob sich; zugleich mit ihr stand er auf. Ich werde auch gehen," sagte er. Sie senkte das Köpfchen und nrö-thete.

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3SHC Auf dem Flure draußen 5aß dieKö chin, die sie erwartete. Ein: Person mit groüen, mißmuthigen Zügen, der man ansah, wie wenig Vergnügen es ihr bereitete.daß sie, neben der gewöhnlichen Tagesarbeit, jetzt auch noch durch die Winternacht laufen mußte, um das Fräulein" nach Haus zu bringen. Ein Paar Gummischuhe standen neben ihr, die sie dem jungen Mädchen mit nicht übermäßiger Verbindlichkeit zuschob. Während Anna ihre kleinen, mit weißen Ailasschuhen bekleideten Füße in die Ucberschuhe zwängte, stand der Baron hinter ihr und sah zu. Die Köchin trat heran und gab ihr den Mantel um, ein dickes, schweres Kleidungsstück von grobem, dunklemTuch, unter dem die jugendliche Gestalt ganz unkenntlich und unförmlich wurde. Jetzt wandte sich Anna, und da sie den Baron noch immer stehen sah, wollte sie mit einer flüchtigen Neigung des Kopfes an ihm vorüber. Mit einem hastigen Schritte war er an ihrer Seite. Darf ich Sie um eine Gnade bitten?" fragte er. Erstaunt, beinahe erschreckt, blickte sie auf. Wollen Sie meinen Wagen benutzen, damit er Sie nach Haus bringt?" Nun erschrak sie wirklich. Ach nein wie könnte ich das nein wirklich " Er wich einen halben Schritt zurück; ihre Schüchternheit erschien ihm als Angst; sie fürchtete sich also auch vor ihm. Als er so jählings verstummte, erhob sie unwillkürlich -das Haupt. Sie sah, wie der Kummer in seine Züge zurückgekehrt war. Ich weiß wirklich gar nicht" begann sie stockend. Sie sind wirklich so gut zu mir " Wie neubelebt trat er wieder heran. Ach. wenn Sie es annehmen wollten," flüsterte er, wenn Sie wüßten, was für eine Freude Sie mir damit bereiten würden." Nun konnte sie nicht mehr nein" sagen; mit einer leisen Neigung senkte sie das Haupt. . Der Baron wandte sich rasch zurück. Hinter ihm stand der alte Johann, den Pelzmantel seines Herrn in Händen, regungslos wie eine Bildsäule, mit starren, sonderbaren Augen auf den Baron und das Fräulein blickend. Ist der Wagen da?" fragte der Baron.Der. Alte verneigte sich mit schweigender Würde. Hurtig fuhr der Baron in den Mantel, dann bot er Anna von Glassner den Arm. . Darf ich Sie hinunterführen?" Von ihm geleitet stieg das junge Mädchen die Treppe hinab; die Köchin folgte hinterdrein. Vor der Hausthür stand ein verdecktes Koupe mit einem mächtiqenPferdc 'bespannt; zwei strahlende Wagenlaiternen warfen ihr Licht in die Straße .hinaus. ... Anna wich beinahe zurück in solch' eleganten Wagen sollte sie sich !hineinsetzen? Der Baron aber hatte bereits den Schlaq geöffnet und bot ihr die Hand 'zum Einsteigen. Indem er ihre Hand ergnu. zog er sie an die Lippen, und ;sie fühlte, wie er den Mund darauf preßte, einmal, zweimal, leidenschastlich. Leben Sie wohl." sagte er leise, leben Sie wohl, ich sehe Sie wieder? Nicht wahr, ich sehe Sie wieder?" Anna war keiner Antwort fähig. Wie in Betäubung stieg sie in den Wagen und sank in eine Ecke, nach ihr kam die Kochin, die sich gesperrt und geweigert hatte, und erst auf ein nur zu" des Barons sich zum Einsteige entschloß. Der Baron ließ sich Straße und Hausnummer angeben, ries sie dem Kutscher zu, und im nächsten Augenblicke rasselte der Wagen von dannen. In ihren Mantel gewickelt saß Anna da und fragte sich, ob das alles ein Traum sei, was sie erlebte. Für gewöhnlich reichten ihre Mittel gerade zu einer Fahrt auf der Pferdebahn und jetzt sauste sie durch die Straßen von Breslau, daß das Pflaster unter den Rädern knatterte! Die Köchin, die ebenfalls ganz sprachlos vor Erstaunen gewesen war, hatte angefangen, mit tastenden Händen den Stoff der Polster zu untersuchen. auf denen sie saß. Jetzt seufzte sie in Bewunderung auf. Du meine Gütte gn'ä' Fräulein," sagte sie. die reine Seide, alles, die reine Seide!" Die weibliche Neugier siegte über Annas Befangenheit; sie zog denHandschuh von der einen Hand und tastete ebenfalls auf den Wagenpolstern herum. Die Köchin hatte Recht gehabt. Alles Seide die Polster, die Wände des Wagens, alles Seide. Lautlos sank sie in ihre Ecke zurück. Was bedeutete das alles und wohin ging das alles? Sie, das arme, unscheinbare Mädchen, das sich zu Gesellschaften ein paar armselige Fähnchen zusammenstückelte, um nur nicht gar zu erbärmlich gegen den Reichthum der andern abzustechen, plötzlich, wie durch die Hand einesZauberers, mitten hineinversetzt in Fülle, Glanz und Pracht! Ihr, an der die Menschen auf der Straße vorübergingen, - wie an einem Nichts, die man auf Bällen in der Ecke sitzen ließ, weil es sich nicht der Mühe lohnte, mit ihr zu tanzen oder gar sie zu unterhalten ihr näherte sich plötzlich ein Mann, einer der reichsten Männer von gznz Schlesien, und bat sie schüchtern, ängstlich und demüthig, ihm zu erlauben, daß er seinen Reichthum in ihren Dienst stellen dürfe. Sie schloß die Augen; war das Wirklichkeit, was ihr geschah? Dann aber schrak sie innerlich auf: der Mann war ja einWahnsinniger; alle Welt sagte es ja? Und also war es nur die Phantafi fptni frnnfn .Strn. h? tfrn ait w a ? w O alledem getrieben hatte, was er heute

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Abend gethan? Aber, indem derSchau-I

der sie übermannen wollte, kam ihr die. Erinnerung an den Ton seiner Stimme zurück, die zu ihr gesprochen htte, wie noch keines Menschm Stimme je zuvor. Nein, min, nein es war ja doch nicht möglich; es konnte ja nicht sein! Während Anna unter solchen wechselnden Empfindungen zu ihrer in der fernen Vorstadt gelegenen Wohnung fuhr, wanderte der Baron Eberhard von Fahrenwald, von seinem Diener gefolgt, zu Fuß nach Haus. Sein Haupt, das für gewöhnlich zur Erde hing, war aufgerichtet, seine ganze Gestalt hatte etwas Aufathmendes, Befreites, ein Glücksgefühl wie heute Abend hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht empfunden. 'Welche Wonne, daß das Mädchen arm war! Immer wieder vergegenwärtigte er sich den füßen Augenblick, als sie in ihrer Bescheidenheit gezögert hatte, den prächtigen Wagen zu besteiqen und dieser Wagen war der einige! All die Behaglichkeit, all die weich: Ueppigkcit, die, sie jetzt umgab, kam von ihm! Er lachie still glückselig vor sich hin. All sein Denken und Thun war ein beständig brütendes Grübeln über sich selbst, über seinen Zustand und über dasBerhänzniß, das auf ihm lastete zum erstenmal konnte er an etwas andres denken, an einen andern Menschen und dieser andre Mensch, dieses liebe Wesen konnte glücklich werden durch ihn. Glücklich durch ihn, der sich wie ein zum Unglück Geöorener, wie eine Last der Menschheit empfand! Hatte er nicht den dankbar erstaunten Ausdruck in ihrem bescheidenen Gesichtchen gesehen und hatten ihre Augen ihm nicht gesagt, daß er stark genug sei, um Glück aus Menschen' ausgehen zu lassen? Ja, ja, ja, es war so, und unwillkürlich, indem er so seinen Gedanken nachhing, reckte er du Arme aus, als wollte er dem Kraftgefühle Ausdruck geben, das ihn durchströmte. Einige Schritte hinter ihm kam der alte Johann. Den Kopf weit vogebeugt, kein Auge von feinem Herrn verwendend, ging oder schlich er vielmehr hinter dem Baron einher. In seiner ganzen Haltung war etwas Beobachtendes, Lauerndes. Als er sah, wie der Baron die Arme ausreckte, wa: cr unhörbar mit einem Sprunge ganz dicht hinter ihn herangekommen, das hagere Gesicht zu einer Aufmerksamkeit gespannt, die beinahe feindselig aussah. Seine Hände, die er in den Taschen des UeberzieHers getragen, hatte er hervorgezogen und frei gemacht, so daß es den Anschein bekam, als bereitete er sich darauf vor. sich im nächsten Augenblick auf seinen Herrn zu stürzen, wie der Wär-, ter eines Wahnsinnigen sich auf seinen Schutzbefohlenen stürzt, um ihn von irgend einer schrecklichen That zurückzuhalten. Denn' der Mensch da vor ihm war ja ein Kranker, ein Wahnsinniger, Berrückter, das wußte er ja wohl ganz genau, er, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, der ihn hatte heranwachsen sehen und um ihn gewesen war zu jeder Zeit und an jedem Orte. Und seit heute Abend wußte er ja auch, daß er seine Aufmerksamkeit verdoppeln und vervierfachen mußte. Für den unglücklichen Menschen da vor ihm gab es nur eine Möglichkeit zum Leben. Ruhe, Ruhe und immerdar Ruhe. Das hatte ihm vor Jahren der Arzt gesagt, und wenn es derArzt nicht gesagt hätte, würde sein Instinkt es ihm verrathen haben. Ein Tag mußte sein wie der andere, gleichmäßig, immer, immer gleichmäßig. Und heute Abend hatte er mit ansehen müssen, wie dieser Mann anfing, sich zu verlieben! Verlieben! Wohl etwa gar heirathen? Er war ganz wüthend, er knirschte beinahe mit den Zähnen. So wenig also kannte der unglückselige Mensch seinen Zustand? Na es war nur gut, daß er da war. der alte Johann; er würde schon acht auf ihn geben, ja, das würde er, ja! Und er schob die Hände, indem er sie zu Fäusten ballte, in die Taschen seines Ueberziehers zurück, weil er sich überzeugt hatte, daß der Baron vorläufig nichts weiter Gefährliches unternahm. Am nächsten Vormittag, und zwar am ziemlich frühen Vormittag, tlingelte es an der Wohnung von Annas Onkel, und als die Köchin öffnete, ging ein verständnißvolles Grinsen über ihre Züge; der Herr von gestern stand vor der Tbür, der Baron Eberhard von Fahrenwald. Ein sprachloses Erstaunen bei dem Onkel und der Tante, ein glühendes Erröthen bei Anna und im nchä'sten Augenblick, noch bevor man ihn eigentlich hereingebeten hatte, stand er schon auf der Schwelle. Auch wenn man -ihn abgewiesen hätte, er würde sich nicht haben abweisen lassen, das sah man ihm an. Seine Brust ging auf und nieder, und in dem bleichen Gesicht glühten die Augen wie Kohlen. Beinahe wie ein Spieler, der das letzte Geld auf eine Karte gesetzt hat, so sah er aus. ' Es kostete ihn Mühe, die äußerlichen Regeln der Höflichkeit innezuhalten; seine Blicke hingen an Anna, unverwandt, beinahe mit angstvollem Ausdruck, als fürchtete er, daß sie hinausgehen, daß sie ihm entfliegen könnte. Nachdem er den alten Major und dessen Frau begrüßt hatte, trat er auf das junge Mädchen zu. Darf ich. Sie sprechen?" fragte er. Darf ich Sie allein sprechen?" Seine Stimme war heiser vor innerer Erregung. Anna stand gesenkten Hauptes 'mitten im Zimmer. Herz und Kehle waren ihr durch die Angst wie zugeschnürt; sie hatte in diesem Augenblicke die sichere Empfindung, daß sie es mit einem Wahnsinnigen zu thun hatte. Etwas AehnlicheZ schienen auch der Onkel und

die Tante zu empfinden, die sich gegen scitig stumm fragend ansahen. DcrBaron bemerkte das alles. Plötzlich ging er auf die beiden alten Leute zu, streckte beide Hände aus und faßte den Onkel an der linken, die Tante an der rechten Hand. Aengstigen Sie sich nicht," sagte er, und das Wort kam feierlich aus der Tiefe seiner Brust: in feinen Augen war ein flammendes Leuchten. Die beiden alten Leute fahen ihn ganz verdutzt an, machten eine verlegene Verbeugung und zogen sich in das Nebenzimmer zurück. Anna stand noch immer, wo sie gestanden hatte. Als sie sich jetzt mit ihm allein sah, überkam sie die Angst so heftig, daß sie sich nicht mehr zu rathen und zu helfen wußte. Sie zog ihr Taschentuch hervor, drückte es an die Augen und fing an zu weinen. Der Baron stand einige Schritte von ihr entfernt und sah ihr schweigend zu. Bin ich Ihnen so schrecklich?" fragte er endlich. Der Ton klang wieder so sanft und herzlich, daß sie einigermaßen zu sich selbst kam. Sie steckte das Tuch in die Tasche und schüttelte leise das Haupt. Denken Sie denn gar nicht mehr an gestern?" fuhr er fort. Gestern Abend waren Sie doch fo so lieb und gut, denken Sie denn gar nicht mehr daran?" Er war zu ihr herangetreten und hatte sie an beiden Händen erfaßt; Anna fühlte, wie behuisam er sie berührte, trotzdem vermochte sie noch nicht, das Gesicht zu ihm zu erheben. Er behielt ibreHänd in den seingen. Gestern Abend," sagte er, bin ich so glücklich gewesen, und darum bin ich heut so früh wiedergekommen. Bitte, seien Sie doch nicht böse darum. Wenn Sie sich auch vor mir fürchten, dann habe ich ja Niemand mehr." Seine Stimme war ganz leife geworden. Denken Sie doch einmal," sprach er weiter, Sie gehen auf derStraße, und indem Sie da gehen, sehen Sie einen Menschen am Wege liegen, dem irgend ein Unglück geschehen ist, und der rust Sie um Hilfe an. Und Sie könnten ihm helfen, wenn Sie wollten, aber sie fürchten sich und lausen davon glauben Sie nicht, daß Sie sich einmalVorwürfe machen würden, wenn Sie dann erfahren, daß der Mensch zu Grunde gegangen ist?" Das alles war so einleuchtend, kein Vernünftiger hätte es klarer auseinandersetzen können. Sie wurde wieder schwankend, wieder ganz verwirrt. Vor ihr stand ein Mann, der über Reichthümer gebot, von denen sie sich kaum eine Vorstellung machen konnte, und sagte ihr, daß sie ihm helfen könne, sie, die in der ärmlichen Wohnung, in einem fadenscheinigen Morgenanzuge inMorgenschuhen mit abgestoßenen Spitzen, in aller Kläglichkeit eines ärmlichen, erbärmlichen Lebens steckte. War es denn möglich, das alles? Sie erhob das Gesicht und sah seine Augen mit dem fragenden, flehenden Ausdruck vom gestrigen Abend auf sich gerichtet. Ja, ja, es war ja derselbe Mensch leise drückte sie seine Hände, und indem sie es that, leuchtete sein Gesicht auf. Darf ich sprechen?" flüsterte er. Aber ich Ihnen helfen " stammelte sie wenn ich nur begriffe " Er zog sie an den Händen zu einem Stuhle. Kommen Sie," sagte er, kommen Sie, bitte, setzen Sie sich, ich will Jhnen eine Geschichte erzählen, eine ganz kurze." Sie setzte sich nieder, er schob einen Sessel neben den ihrigen und legte den einen Arm über die Rücklehne ihres Stuhles, so daß sein Oberleib sich zu ihr hinüberbeugte und sein Mund nahe an ihrem Ohre war. Ich kenne einen Menschen," begann er. und seine Stimme war so gedämpft, als wollte er verhüten, daß irgend jemand, außer Anna, seine Worte vernähme, ich kenne einen Menschen, der in einem Boote auf einem Wasser fährt. Er sitzt ganz allein in dem Kahn und das Wasser, auf , dem er fährt, ist ein breiter Fluß, und der Fluß hat einen starten Strom, denn er fließt einem Abhang zu, über den er sich hinunterstürzen wird. Der Abhang ist gar nicht mehr weit und er ist sehr hoch, so daß man den Tonner desWassersturzes bereits hört. Und obschon er weiß, daß er zerschmetert werden wird, wenn er in den Sturz geräth, läßt er den Kahn dennoch treiben und thut nichts, um ihn aufzuhalten ist das nicht sonderbar von dem Mann?" Er. unterbrach sich und blickte Anna von der Seite an. Sie saß aufgerichtet, wie erstarrt, ihre Hände hatten sich ineinandergeschoben, ihreAugen blickten vor sich hin. Es ahnte ihr, wer der Mann war, von dem er erzählte. Er beugte sich noch näher zu ihr. Soll ich Ihnen nun sagen, warum er das thut?" Sie blieb regungslos; nur ihre bleichen Lippen bewegten sich. Warum?" fragte sie tonlos. Sehen Sie," fuhr er fort, weil im Wasser neben dem Kahn ' etwas einherschwimmt, und weil er nichts, thun und nichts denken kann, als immer und immer und immerfort auf das. was da neben ihm schwimmt, hinzublicken." Seine Stimme sank zu einem heiseren Flüsterton herab. Und das, was da schwimmt, sehen Sie. das ist etwas Schreckliches. etwaS Gräßliches, das ist ein Ungeheuer, so etwa verstehen Sie, wie die Seeschlange, von der die Schiffer erzählen, daß sie ihnen auf der See begegnet sei. So müssen Sie sich das denken. Mit einem schuppigen Leibe, verstehen Sie, und ganz lang. Und das Schrecklichste an dem Dinge, sehen Sie, das ist derKopf. Der läßt sich eigentlich gar nicht beschreiben, aber er sieht so unoefähr aus,

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wie ein ungeheurer Päpageien?opf. Cm Schnabel ist daran, ein großer k:ummer Scknabel, und zwei Augen sind in dem Kopfe " Er verstummte. Anna vernahm, wie sich die Luft in seiner Kehl: zusammenpreßte, als fände sie leinen Ausweg. Die Augen fu5r er fort, sehen Sie, die sind es, am die der Mann in dem Kahne immerfort hinschauen muß. Die Augen sind sürch.'erlich, ganz groß und grün, wie die Augen von einem furchtbaren bösen Menschen. Und die Augen blicken immerfort zu demManne herauf, und wenn sie ihn ansehen, dann ist's wie ein Lächeln darin, wie ein grauenvolles, und als wollten sie sagen: Ich habe Dich, Du entkommst mir nicht." Und das, sehen Sie. das ist es, was den Mann gefesselt hält und gefangen hält, daß er nichts thun und nicht denken und sich nicht helfen und nicht retten kann, obschon er hört, wie der Wassersturz immer näher und näher kommt." Abermals verstummte er, und da auch Anna, vonGrauen versteinert, keinen Laut hervorbachie, herrschte eine Z:i! lang ein beklommenes Schweigen. Dann that er einen tiefen, seufzenden Athemzug und seine Stimme nahm wieder den ruhigen, sanften Ton vom gestrigen Abende an. Und nun, sehen Sie, nun kommt ein Augenblick, da gelingt es dem Manne, einmal für eine Sekunde den Blick über das Ding da im Wasser hinwcgzubringen. und da sieht er. am Ufer ein menschliches Wesen stehen. Und das menschliche Wesen, sehenSic, das ist eine Frau, ein junges Mädchen, und er merkt, daß sie ihm zugesehen hat, eine ganze Zeit lang, und sich gewundert hat, was er da treibt. Und mit einemmal kommt ihm der Gedanke: wenn du dahin gelangen könntest, wo die steht, wenn du ihre Hand fassen könntest, daß sie dir hülfe, aus dem Kahn und dem Wasser herauszukommen, dann wärest du mit einemmal das Ding da los, das gräßliche, und brauchtest nicht in den Wassersturz hinunter und wärest gerettet. Und da. .sehen Sie, faßt er mit einemmal das Ruder und wendet, und fahrt auf die Stelle zu, wo sie steht und dann, wie sie ihn kommen sieht, faßt sie der Schreck, weil sie denkt, er käme, um ihr ein Leides zu thun, und sie wendet sich, um davonzulaufen und er sieht das, und schreit ihr nach bleib' doch, ich thue Dir nichts! Sei doch barmherzig! Ich komme ja nur, damit Du mich rettest! Und da " Mit einem Griffe hatte er ihre Hände erfaßt, sein Gesicht war dicht an ihrem Gesichte, so daß sie feinen keuchenden Athem auf ihrer Wange fühlte. Weiter bog er sich vom Stuhle und immer weiter zu ihr hinüber, bis daß er plötzlich auf beiden Knieen vor ihr lag. Anna was thut sie da, Ltnna läuft sie dennoch fort. Läuft sie dennoch fort?" Sein todtenbleiches Antlitz war zu ihr erhoben, kalter Schweiß netzte seine Stirn, seine Augen hatten den Blick eines Menschen, der den Spruch über Leben und Tod erwartet, und an ihren Knieen, an die seine Brust sich preßte, fühlte Anna das Herz in seinem Leibe pochen. Ein namenloses Mitgefühl überschwoll ihr Herz. Ohne zu wissen, was sie that, breitete sie beide Arme um sein Haupt, und indem sie in Thränen ausbrach, drückte sie 'das Gesicht auf sein Haupt. O Sie armer, unglücklicher Mann," sagte sie schluchzend. Ein Stöhnen drang aus seinerBrust hervor. Du gehst nicht? Du läufst nicht davon? Läufst nicht davon?" Nein, nein, ich will nicht davonlaufen." Jählings fühlte sie sich von zwei gewaltigen Armen umfaßt. Er war aufgesprungen und hatte sie, wie einKind, an seine breite Brust gerissen. Ach Du mein Leben meine Seligkeit mein heiliges Heiligthum mein Alles!" Und er küßte, küßte und küßte sie. Endlich beruhigte er sich einigermaßen, so daß Anna wieder zu Athem kam. Unter seinen Küssen und Umarmungen waren ihre Wangen ganz heiß geworden, so daß sie hübscher aussah als zuvor. Der Baron war einen Schritt von ihr hinweggetreten und blickte sie mit strahlenden Augen au, wie sie verwirrt und verschämt vor ihm stand. Sie drehte den Kopf zu ihm herum. Aber wenn ich nur wüßte, was ich thun soll?" Mit einer stürmischen Bewegung hatte er sie an beiden Händen erfaßt. Gar nichts sollst Du thun!" Sie Rüttelte langsam das Haupt. Gar nichts thun soll ich?" Er lachte laut auf vor Vergnügen. Nur da sein sollst Du und Dir gefallen lassen, was ich thue." Sie lächelte leise. Was wird denn das sein, was Sie vorhaben?" Nun legte er beide Arme um ihren Leib, so sanft, so vorsichtig, als fürchtete er, sie zu erschrecken oder ihr weh zu thun. Dich glücklich machen," sagte er. Das Wort kam so aus der Tiefe eines von Liebe erfüllten Herzens hervor, daß das junge Mädchen unwillkllrlich an seine Brust sank. ' Du guter Mann," sagte sie. ; Ihre Augen suchten die seinigen. Er hielt sie in den Armen, seine Hände strichen leise an ihren Seiten hinunter. (Fortsetzrulg folgt.) . Sie: Weißt Du auch, daß Ruskin schreibt, kein Paar sollte heirathen, das nicht sieben Jahre lang ein LZebesverhältniß gehabt hat? Er: Nein, das weiß ich nicht. Wahrscheinlich wa? ?,usUn, als er dies schrieb, Partner cn einerSodawasserFountain oder einem .Eiscream-Salon." "

Futter uns Krauen.

Wvran das Eheglück zu scheiternvermag. . Weire wir den hochweisen Frauen die Frage vorlegen wollten: Woran, scheitert das Glück in h Ehe?" würde die Mehrzahl derselben nach einigen Momenten ernster Ueberlegung uns wahrscheinlich antworten, daß sie theils aus eigener Erfahrung, theils aus persönlicher Beobachtung zu folgendem Urtheil gelangt ist: Die größte Ge fahr, welche dem Eheglück drohen kann, liegt nicht so sehr m den vielen Schwächen und Fehlern der Herren, wie da sind: Egoismus, Rohheit, Knauserei, Treulosigkeit, Veranügungs-, Spiel- und Trunksucht der Männer, als in dem unerwünschten Einmischen der Schwiegermutter." Und wenn wir die klugen Männer um ihre unumwundene Meinung bitten, so werden wir wahrscheinlich erfahren, daß, so schwer auch die Bequemlichkeit, Rücksichtslosigkeit, Unbeständigkeit, Unpünktlichkeit und die Verschwendungs-, Schwatz- und Putzsucht, der Frauen zu ertragen sind, sie das Eheglück doch nicht so sehr untergraben, als der Einfluß der Schwie-a-rmutter. Also, wie wir scheu, ist sowohl in den Augen der Gattin wie des Gatten immer die Mutter der anderen EheHälfte das störende Element, so daß man für das Glück einer Ehe schon im Vorhinein bangen muß, wenn sowohl der Mann wie die Frau von dem bedauerlichen Umstände betrof'en sind, nicht nur das Kind einer Mutter zu sein, sondern diese noch zu den Lebenden, und was am allerschlimmsten, zu ben Einwohnern derselben Stadt, und was die Hölle auf Erden bedeutet, zu den Bewohnern derselben Behausung zählen zu. müssen. Daraus geht also hervor, daß die Mütter eigentlich von dem Schauplatze des Lebens verschwmden, als überflüssige Ballast über Bord geworfen werden sollten, sobald die Kinder in den Hafen der Ehe einlausen. So lange die Kleinen, noch hilfsbedürftig, da darf die Mutter ihre besten Kräfte für diese armseligen Würmchen aufopfern, sie darf bei Tag und Nacht bis zur Erschöpfung sich abquälen. Wenn das Kind krank ist, darf sie es mit übermenschlicher Geduld hüten und pflegen, sie darf auch der Erziehung des Kindes ihre Jugend opfern, vor keiner persönlichen. Enibehrung um des, Kindel willen zurückschrecken, sie' darf es mit dem Erlös ihrer Hände Arbeit kleiden, nähren, erziehen, sie darf für das Kind jede und alle persönlichen Interessen aufgeben, nur für dasselbe und in demselben leben, aber Alles nur bis zu dem Moment seiner Verehelichung. Dann hat der Mohr seine Schuldigkeit gethan und kann gehen. Man sagt, es ser schwer, Mensch zu sein; aber es ist jedenfalls noch schweeer, Schwiegermutter Zu sein. Alle die Eigenschaften, welche an der Mutter geschätzt werden, verwandeln sich urplötzlich .bei der ' Schwiegermama zu ebenso vielen Fehlern. Sie ist als Mutter gewohnt, mit ihrem Kinde zu leben, es zu leiten, zu loben und zu lenken; das muß sie sich schleunigst abgewöhnen, sonst wird sie der Stein des Ünstoßes für das Eheglück ihres Kindes. Jede Liebe macht blind, am allermeisten aber die Mutterliebe, und je mehr nun die Mutter ihr Kind liebt, desto vollkommener erscheint es in hren Augen. Auch die Liebe der Gatten zu einander ist manchmal vor der Hochzeit blind, aber meistens, wird die Schließung der Ehe gar bald von einer beiderseitigen Heilung dieser Augenkrankheit gefolgt, während die Mutter in dem Heilproceß nicht eingeschlossen ist. Also kommt es, daß die Mutter auch ferner nur die Vorzüge ihres eigenen Kindes kennt, aber von jenen des angeheiratheten Partners ihres Kindes kaum überzeugt werden kann. Deshalb erscheint ihr auch dessen Lebensgefährte als unebenbürttz, unwürdig, und sie bleibt in allen Fragen stets ein doremqenommenr Richter, dessen Urtheil nur Verstimmung erzeugen kann. Wer unter diesen schwierigen Verhältnissm doch den richtigen Weg finden und die Künste eine gute 'Schwiegermutter zu sein, erreichen möchte, dem bleibt nichts Anderes übrig, als sich mit verständm'ßvoller Bescheidenbeit von dem Schauplatze der jungen Ehe zurückzuziehen. Es mag nicht leicht sein für eine Frau und Mutter, ihr Kind, das so lange ihr allein gehört, einem fremden Wesen zu schenken, ihren blsherigen kostbaren Besitz in andere Hände Übergehen zu sehen, sich selber von ihm zu lösen, und das mit weiser, liebenswürdiger Ruhe, ohn: den Schmerz zu zeigen, der bei einer solchen Loslosuna naturgemäß ihr Herz erfüllen muß. Aber dann zeigt sich allein die wahre Selbstlosigkeit der Mutterliebe, welche dem verheiratheten Kinde gegenüber. ebensowenig wie zur Ze:t von dessen Hilflosigkeit, das eigene Wohl im Auge behält. Alle Mütter, welche das Eheglück ihrer Kinder zu sichern bemüht sind. müssen also stets dessen, eingedenk fm ben. daß keine Einmischung von einer dritten Person in eine Ehe taugt, nicht un Haß und auch Nicht m der Liebe. Und ihre wahre mütterliche Zuneigung können sie am besten beweisen, indem sie mit eigene? Hand die Klippe 'aus dem Wege räumen helfen, an welcher das Eheglück der Kinder zu scheitern vermöchte, nämlich ihren eigenen, den Einfluß der Schwiegernruiter. Sporen und Spann veitragzn, sich nicht. .